Archiv der Kategorie: aus-erlesen Bio

August 14

Augustus 14

Eijeijeijeijei. Da führt Kaiser Augustus im Jahr 14 eine Opferhandlung durch. Über ihm kreist mehrmals ein Adler. Schließlich landet das erhabene Tier auf dem Mausoleum des Agrippa, direkt auf dem Buchstaben „M“. M für Mors, Tod? Ein Omen. Die Zeremonie wird abgebrochen und Tiberius, Stiefsohn und designierter Nachfolger, führt das Ritual weiter.

Kurze Zeit später schlägt der Blitz ein. Mitten in die Statue des Augustus. Das „C“ in Caesar wird dem Erdboden gleichgemacht. Hat der Kaiser nur noch c Tage (also 100 Tage) zu leben? Noch ein Omen.

Die Geschichtsschreiber überschlagen sich, wenn es um die letzten Tage des Kaisers Octavian, der sich später Augustus nannte, geht. Ein Glücksfall für uns, denn so sind die letzten Tage des Kaisers der Zeitenwende fast schon minutiös festgehalten. Verantwortlich dafür war Augustus selbst. Und Sueton, der einige Zeit nach Augustus die Niederschriften für die Nachwelt aufbereitete.

Aberglaube und der absolute Wille sein eigenes Wirken für kommende Generationen festzuhalten sowie die akribische Vorbereitung und Inszenierung der Thronfolge sind für den Leser ein Füllhorn an Informationen. Augustus, der uns den Monat August bescherte, ist nicht länger nur ein Kaiser, den es mal gab. Er ist fleischgewordene, zwischen zwei Buchrücken eingebundene Geschichte zum Nachlesen und Lernen.

Das Jahr 2014 wird wieder einmal ein Jahr des Erinnerns. Die Geschichtsredaktionen der Fernsehsender werden sich überbieten mit Dokumentationen über den Ersten Weltkrieg. Der einflussreiche Kaiser Augustus wird ins zweite Glied zurücktreten. Holger Sonnabend beschreibt kurzweilig die Verdienste des Kaisers mit den zwei Namen. Als Adoptivsohn Julius Caesars kann er eine ruhmreiche Familiengeschichte vorweisen. Glorreiche Siege zum Beispiel gegen die Truppen der (Adoptiv-)Vatermörder besiegelten den Aufstieg des über vierzig Jahre regierenden Kaisers.

Am 19. August 2014 jährt sich zum zweitausendsten Mal sein Tod. Mit Kaiser Augustus ging die römische Republik zu Ende. Nur vier Wochen nach seinem Tod wurde Augustus in den Stand eines Gottes erhoben. Er vermachte den Legionen, den Leibwächtern und den Bürgern der Stadt Rom ein Vermögen. Ihn umfassend darzustellen, ist schwer. Holger Sonnabend gelingt ein scheinbar spielerisch die Komplexität des Regenten darzustellen. Ein großartiger Geschichtsreiseband!

Edward

Edward

Worüber lacht man gern? Über Missgeschicke. Über Macken. Über … Menschen. Edward ist so einer. Doch wir lachen ihn nicht aus. Wir lachen über ihn. Denn Edward ist einer von uns. Edward ist DAS Exemplar eines Menschen. Einer der ersten. Und er macht genau das, was wir auch tun. Wir jagen. Wir versuchen unseren Alltag so bequem wie möglich zu gestalten. Wir nutzen Apps, Smartphones und das Internet. Edward ist da eher Purist: Faustkeil, Pfeil und Bogen – das sind seine Bequemlichkeits-Herbeiführungsutensilien.

Roy Lewis ist sein Vater. Und Roy Lewis hatte (ja, leider muss man es sagen: hatte) einen sprachgewaltigen Mutterwitz. Den er jetzt an seinen geistigen Ziehsohn Edward weitergibt. Vor lauter unterschwelligem Herausprusten weiß man gar nicht wo man anfangen soll. So bleinbt nur der Hinweis, der Ratschlag sich Edwards Biographie einzuverleiben, beiseite zu legen, sie noch einmal zu lesen, es nochmal zu lesen, es beiseite zu legen, … Naja, und so weiter.

„Edward“ von Roy Lewis ist eines der wenigen Bücher, das man sich ganz vorn ins Bücherregal stellt. Und dann und wann immer wieder darin blättern wird. Das ist nicht nur eine bloße Feststellung. Es ist eine Garantie.

Denn Edward hält uns den Spiegel vor. Wir, die zivilisierten, bis in die Haarspitzen entwickelten Homo sapiens, die Krönung der Schöpfung stammen letzten Endes alle von Edward ab. Er gab uns die Richtung vor, errichtete Pfade, auf denen wir heute noch wandeln. Wir haben’s nur vergessen. Edward holt uns auf den humoristischen, harten Pfad der Wirklichkeit zurück. Die Erkenntnis, dass „Scheiße nun mal passiert“ oder „political correct“ formuliert, dass nicht immer alles seinen geplanten Weg geht (oder schlussendlich doch?) bildet nach Roy Lewis das Ende einer ganzen Epoche: Des Pleistozäns. Murphys Gesetz als Ende einer Epoche: So hat das noch nie jemand gesehen!

„Edward“ ist die Antwort auf die Frage wer wir sind, woher wir kommen. Die Antwort fällt wortgewaltig und zum Niederknien komisch aus. Keine Schenkelklopfer. Vielmehr eine über 200 Seiten dauernde Zwerchfellattacke, die sich gelegentlich stoßartig entlädt. Die Zwischenzeit verbringt der Leser mit einem breiten Grinsen im Gesicht, das erst dann verschwindet, wenn man das Buch zuklappt und der Alltag einen wieder eingeholt hat. Der Alltag hat es jedoch verdammt schwer sich gegen Edward durchzusetzen. Therapeutischer Lippenverzerreffekt!

Caracalla – Kaiser, Tyrann, Feldherr

Caracalla

Im Jahr 211 betrat ein römischer Kaiser die Weltbühne, dessen Geschichte sich von der seiner Vorgänger in erheblichem Maße unterschied: Marcus Aurelius Antoninus. Bekannt wurde er unter seinem bereits zu Lebzeiten geläufigen Namen Caracalla. Heute würde man ihn als Regierungschef mit Migrationshintergrund bezeichnen, seine Eltern stammen aus Nordafrika und Arabien. Sein feistes Gesicht erinnert heute vielleicht an einen Filmstar, der in historischen Filmen die Heldenrolle übernimmt.

Mutig war er, Caracalla. Um die Macht zu erringen und zu erhalten, schreckte er auch vor Mord in der eigenen Familie nicht zurück. Sein Bruder Geta, dem eine ähnlich glorreiche politische Laufbahn bevorstand, segnete vorzeitig und unfreiwillig das Zeitliche.

Auch als Feldherr tat sich Caracalla hervor. Germanien war der Lieblingsfeind der römische Imperatoren und Feldherren. Hier bissen sie sich jahrhundertelang die Zähne aus. Taktiken wurden ersonnen, Schlachtpläne wieder verworfen – bis ins Jahr 213 (also vor 1.800 Jahren – welch ein Jubiläum). Da betrat Caracalla bei Aalen germanischen Boden. Grund genug eine Ausstellung über den nicht gerade bekannten Kaiser zu organisieren. Bis zum 3. November 2013 steht das Limesmuseum Aalen ganz im Zeichen des Kaisers, Tyrannen und Feldherren.

Der Begleitband gibt mehr als nur einen Überblick über das Leben und Wirken des Caracalla. Vielmehr ist es das erste Buch, das die ganze Person Marcus Aurelius Antoninus beleuchtet.

Jeder, der in Rom lebte, durfte sich unter der Regentschaft Caracallas als Römer fühlen, durfte seine Bürgerrechte wahrnehmen. Ein Verdienst des Mannes mit dem feisten, kriegerischen Gesicht.

Verschiedene Autoren, alle Koryphäen auf ihrem Gebiet, lassen in ihren Artikeln die Zeit und die Person Caracalla auferstehen. Mit der nötigen Distanz und dem Wissen der vergangenen fast zwei Jahrtausende entsteht so ein Bild eines Imperators, wie es selten zu vor geschehen ist. Über 150 Abbildungen bereichern die Texte und bringen dem Leser so eine historische Gestalt näher, ganz ohne Schnickschnack, doch mit aller gebührender Würde und nötigem Respekt. Der Name Caracalla wird in Zukunft in einem Atemzug mit Julius Caesar, Justinian und Konstantin genannt werden. Große Männer geraten schlussendlich niemals in Vergessenheit.

Geyers Schädel

Geyers Schädel

Zu seinem 200. Geburtstag erfährt Richard Wagner die Aufmerksamkeit, die ihm über Jahrzehnte entzogen wurde. Über sein Werk – da sind sich die Experten einig – gibt es wenig zu diskutieren. Monumentale Musikgeschichte, die selbst im Filmgeschäft als Meilensteine eingesetzt werden (drohende Gefahr im Anflug ohne den Walkürenritt – undenkbar). Richard Wagners politische Einstellung und sein Antisemitismus riefen und rufen immer wieder Mahner auf den Plan, Wagner nicht allzu sehr zu glorifizieren.

Marcus Imbsweiler schlägt einen anderen Weg ein. Er schickt zwei Kommissare in die Spur einen Schädel einem Korpus zuzuordnen. Um dem Ganzen die Wagner‘sche Schwere zu nehmen, verteilt er die Geschlechterrollen sehr traditionell: Er, der Chef – Sie die Assistentin. Einige urkomische Situationen entschärfen jedoch die drohenden feministischen Anfeindungen dieser Rollenklischees.

In einem Wald bei Bayreuth wird ein Schädel gefunden. Ein mörderisches Verbrechen muss dahinter stecken. Den Kommissaren und somit auch dem  Leser werden schnell klar, dass es sich einen besonderen Schädel handelt. Haderer und Leschkowski – so die Namen der Ermittler – kommen einer Geheimorganisation auf die Spur. GRAL – die Bedeutung der Abkürzung wechselt des Öfteren im Laufe der Geschichte, um Verwirrung bei den Beamten zu erzwingen.

„Geyers Schädel“ ist die wohltuende Alternative zum Wagnerwahn im Jahr 2013. Keine bloße Faktenaneinanderreihung, die immer neue Erkenntnisse über den „großen deutschen Komponisten“ ans Licht befördert. Vielmehr eine despektierliche Abhandlung über das, was wäre, wenn es so abgespielt hätte. Ein Zeitreise der Ermittler nimmt den Leser mit in Wagners Zeit, von Leipzig über Dresden nach Bayreuth. Kein Skandal, der die Kunstwelt erschüttert, eine amüsante Sichtweise auf das Leben Wagners in der Vergangenheit und seiner Jünger in der Gegenwart. Laut dem Autor kommt der Untertitel Kapitulation, also eine Unterwerfungserklärung, die von caput tollere, das Haupt verlieren, stammt. Laut Lexikon stammt es von capitulare, „in Kapitel einteilen“. Imbsweilers Roman erfüllt beide Erklärungen mit Inhalt: Die einzelnen Kapitel drehen sich nur um eines, ein verlorenes Haupt.

Ein Wenig Geschichts- und Wagnerkenntnisse sind von Vorteil, um den Witz des Romans vollständig zu erkennen. Dann wird „Geyers Schädel“ zu einem umwerfenden, ungewöhnlichen Lesevergnügen.

Mein Nachrichtendienst

Mein Nachrichtendienst

Auch in der Fremde der Heimat verbunden sein – für Thomas Mann und seine Familie war ein (über-)lebenswichtiges Elixier. Der Zaubertrank waren die Briefe von Hedwig Pringsheim an ihre Tochter Katia, Ehefrau und Rückstärkung des Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann. Dreihundertfünfundsiebzig Briefe schrieb sie von 1933 bis 1941 an ihre Tochter. Bis 1939 hielt sie es in Deutschland aus, emigrierte aber nach Enteignung und unerträglichen Demütigungen in die Schweiz, wo sie 1942 starb.

Als junge Frau eroberte sie die Bretter, die die Welt bedeuten. Ihre allseits beliebte Eloquenz bescherte ihr den Ruf einer exzellenten Gastgeberin und Rednerin. Diese Eigenschaft macht diesen fast zweitausend Seiten starken Doppelband zu einem Leseereignis, das seinesgleichen sucht. Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn hatten bereits 1933 Deutschland verlassen müssen, um dem Naziterror „abroad“ sich entgegenzustellen.

Natürlich konnte Hedwig von Pringsheim nicht alles so schreiben wie sie es gern wollte. Sie wählte Vergleiche aus Literatur und Musik, um die emigrierte Familie „aus dem Laufenden zu halten“. Nicht alle dieser Codes erschließen sich dem Leser auf den ersten Blick. Herausgeber Dirk Heißerer gibt im hinteren Teil jedes der Bände eine Verständnishilfe und knackt die wohl formulierten Gleichnisse.

So entsteht beim Lesen ein exaktes Abbild der Verhältnisse im Deutschland unter der Knute der Nazis und ihrer Schergen. Das jüdische Großbürgertum war durch – in einigen Teilen der Welt, aktuell im sich erschreckend rasant sich zum Schlechten entwickelnden Ungarn, weit verbreitete Vorurteile – besonders unter Beschuss geraten. Materiell litt die einstige wirtschaftliche und intellektuelle Elite besonders unter den Repressalien.

„Mein Nachrichtendienst“ ist eine Biographie einer Familie im dunkelsten  Deutschland, aber gleichsam eine Leidens- und Lebensgeschichte eines Landes, das so stolz auf seine Dichter und Denker, seine Errungenschaften und seinen Ruf als Land der Forscher war und es auch durfte. Dass die Nazis den Subtext nicht erkannten, liegt an ihrer Engstirnigkeit und Inflexibilität, aber vor allem an der geschickten Handhabung der Sprache durch Hedwig von Pringsheim. Der Doppelband ist sicherlich kein Buch, das man nebenbei liest. Der Stoff ist ein harter, teils amüsanter, weil er durchgegangen ist. Vor allem aber authentisch. Denn die Verfasserin der Briefe bot lang dem Regime die Stirn. Ihre Eigensinn und ihr scharfer Verstand erlaubte es ihr Einblicke zu geben, die so manchem „Weggucker“ verborgen blieb. Nun sind diese Briefe in einem eleganten Schmuckschuber in zwei Bänden erhältlich und definieren die literarische Aufarbeitung des zwölfjährigen Reiches neu.

Die Medici – Bankiers im Namen Gottes

Die Medici - Bankiers im Namen Gottes

Groß war die Aufregung vor einigen Jahren als herauskam, dass sich Kanzlerin Angela Merkel mit Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann im Kanzleramt zum Dinner traf. Darüber konnten die Medici des Mittelalters nur lachen. Sie trafen sich mit Päpsten! Denn die Päpste brauchten Geld. Und Geld hatten die Medici im Überfluss. Geschickt setzten sie ihr Guthaben ein, um Herrscher – weltliche wie geistliche, wobei damals die Grenzen zwischen Spiritualität und Realität eine gewaltige Schnittmenge aufwiesen – an sich zu binden.

Ein lohnendes Geschäft für beide Seiten. Sofern nicht der eine oder andere Geschäftspartner an Einfluss verlor. Ging die Macht des Einen flöten, so war auch der Machtbereich des Anderen gefährdet. Doch auch hier wussten sich die Medici zu helfen. Ein allgegenwärtiges Netzwerk sicherte den Medici ihr Fortbestehen. Selbst als die internen Feinde aus Florenz, die Albizzi, die Verbannung der Medici anordneten, ging das Haus Medici nicht unter. Das feingesponnene Netzwerk erwies sich für viele (Feinde) als Fallstrick, der alsbald greifen würde.

Doch das Netz hielt nur so lange den Angreifern stand, wie eine Katastrophe der anderen folgte. Ende des 15. Jahrhunderts erhöhte sich die Frequenz der Angriffe. Mehrere Ereignisse traten gleichzeitig ein. Das konnte selbst das starke Bankhaus Medici nicht aushalten. So nach und nach versank der einstige Ruhm in Niedergängen von Königshäusern und Epidemien. Unzulängliche Geschäftspraktiken taten ihr Übriges. Der Banco Medici war das zu frühe Aus beschieden.

Uwe A. Oster beschreibt – untermalt von ca. fünfzig Abbildungen – auf knapp einhundert Seiten Aufstieg und jähen Fall einer Bank-Dynastie, die seit ihrer Blütezeit die Gemüter erhitzt und Geschichtsschreiber zu phantasievollen Umschreibungen treibt. Die Medici sind so eng mit Florenz verbunden wie kaum eine andere Familie mit einer Stadt weltweit. Ihr Ruhm gründet sich auf ihrem Gönnertum. Das wiederum fußt auf einer kompromisslosen Geschäftspolitik. Soll man die Medici nun vergöttern oder verteufeln? Wenn man das Tun der Medici differenziert betrachtet, kommt man der Antwort am ehesten auf die Spur. Die Medici nutzten ihre Macht vorrangig um selbige auszubauen. Im Gegenzug förderten Sie Kunst und Kultur in einem Maße, das beispiellos war. Eine allumfassende Antwort gibt es nicht. Nur einen umfassenden Einblick in die Bankgeschäfte der Medici, den gibt es. Und er trägt den Titel dieses Buches.

Die Nacht der Physiker

Die Nacht der Physiker

Diese Nacht haben Otto Hahn, Carl Friedrich von Weizsäcker und Werner Heisenberg ihr Leben lang nicht vergessen: Als die Nachricht vom Abwurf der Atombombe auf Hiroshima die drei Physiker im englischen Farm Hall in der Nähe der Universitätsstadt Cambridge erreichte, waren sie geschockt. Otto Hahn bekannte gleich: „Ich bin schuld“.

Die drei waren in Deutschland anerkannte Atomwissenschaftler. Die Spaltung des Atoms öffnete den Forschern ungeahnte Möglichkeiten. Ihr ganzes Leben widmeten sie der Nutzbarmachung der so freigelegten Energie. An eine andere als friedliche Nutzung dachten sie erst viel später. Da war es allerdings schon zu spät. Kurz nach Kriegsende werden die Drei von den Alliierten gefangengenommen, um ihre Forschungen nicht weiter betreiben zu können. Denn sie waren verdammt nah dran den Nazis die Grundlagen für eine Atombombe vorzulegen. Nur gezielte Bombardierungen von Versorgungsstätten wie dem norwegischen Rjukan, wo das benötigte Deuteriumoxid, auch als schweres Wasser bekannt, hergestellt wurde, verzögerten die aller Wahrscheinlichkeit größte Katastrophe der Menschheit.

Forscher im Allgemeinen sind immer im Zwiespalt. Zum einen dienen ihrer Forschungen und deren Ergebnisse dem Fortschritt. Doch dieser hat immer zwei Seiten. So sind sie einerseits immer die Faktenleser, zum anderen aber auch dazu verdammt philosophisch ihr Tun zu überdenken. Dies wird besonders in der Figur Carl Friedrich von Weizsäckers klar. Als junger Student muss er sich entscheiden. Philosophie oder Physiker. Beides reizt ihn ungemein. Erst sein späterer Doktorvater Werner Heisenberg bringt ihn auf den richtigen Pfad: Erst Physiker, dann Philosoph.

Richard von Schirach beschreibt schonungslos die Werdegänge der drei Physiker, deren Namen eng mit der Entstehung der Atombombe verbunden sind, ob sie nun wollten oder nicht. Jeder humanistisch denkende Mensch schüttelt den Kopf, wenn er die Lebensläufe vor sich liegen hat. Doch heute sind wir klüger. Vor Jahrzehnten (und sicher ist das heute auch noch so) war jeder Wissenschaftler froh über jede Art von Zuwendung für seine Forschung. Die Folgen wurden dabei geflissentlich übersehen. Schuld oder nicht – diese Frage stellt von Schirach nicht. Vielmehr überlässt er dem Leser die Beurteilung der Taten Hahns, von Weizsäckers und Heisenbergs. Eine Geschichtsstunde, die niemals enden sollte. Eine Mahnung an alle Forschenden. Ein kurzweiliges Lesevergnügen. So sollte man dieses Buch sehen. Nichts mehr und nichts weniger.

Leonardo da Vinci

Leonardo da Vinci

Einen Roman zu veröffentlichen, dazu gehört Mut und Talent. Einen Roman über eine historische Persönlichkeit zu veröffentlichen, dazu braucht man zusätzlich enormes Fachwissen. Einen Roman über ein Genie wie Leonardo da Vinci zu schreiben, zu veröffentlichen, dafür gefeiert zu werden … das erfordert alles Genannte in der zweiten Potenz. Dmitri Mereschkowski gelang mit seinem 1901 erstmals erschienen Roman der Urknall der biographischen Romane. Seither haben sich viele Autoren an einem der letzten Universalgenies versucht. Sie scheiterten mehr oder weniger kläglich.

Über sechshundert Seiten hat Mereschkowski über diesen vielschichtigen Menschen, der der Mona Lisa das unverwechselbare Lächeln schenkte, der den Vorläufer des Hubschraubers entwickelte und der als erster bis heute gültige anatomische Zeichnugen anfertigte, geschrieben. Nicht eine einzige ohne fundiertes Wissen, lückenlose Beweisführung oder gar sinnfreies Geschwafel. Leonardo da Vinci wie er leibt und lebt zwischen zwei Buchrücken. Dieses Buch erlaubt es neugierigen Einsteigern wie belesenen Wissenschaftsgrößen da Vinci ungeschminkt im grellen Licht des Wissen zu begreifen.

Sechshundert Seiten sind das Gardemaß einer guten Biographie. Alles darüber verleitet dazu Unnötiges als beherrschend anzusehen. Jede Seite weniger kommt einem nicht wieder gut zu machenden Fauxpas gleich. Leonardo da Vinci war kein Übermensch – er war extrem neugierig und hatte die Gabe seine Vorstellungen gut verkaufen zu können. Dass einige seiner Erfindungen von seinen Gönnern auch militärisch genutzt wurden, nahm er patriotisch in Kauf. Ihn deswegen zu verteufeln, wäre ungerecht und oberflächlich. Seit dem Mittelalter hat es nur wenige Künstler, Philosophen und Wissenschaftler gegeben, die auch nur annähernd an da Vincis Werk heranreichen. Geniale Musiker gab es zuhauf. Aber sie waren eben „nur“ Musiker. Großartige Maler überfluten mit ihren Werken noch heute die Museen der Welt. Sie waren aber „nur“ Maler. Genial auf unterschiedlichen Gebieten waren nur wenige. Selbst nur einen zu nennen, fällt vielen schwer. Jean Cocteau vielleicht. Oder olle Goethe – eventuell. Doch sie erreichten niemals da Vincis weltweite Beachtung.

Der Autor Dmitri Mereschkowski war und ist streitbar. Seine undistanzierte Haltung zum Faschismus verweigerte ihm nicht nur den Literatur-Nobelpreis (insgesamt war er neunmal nominiert), sein Werk darf außerdem erst seit Ende der 80er Jahre in Russland wieder verlegt und aufgeführt werden. Thomas Mann nannte ihn den genialsten Kritiker und Weltpsychologen seit Nietzsche. Mehr als ein Ritterschlag.

Meine Mutter ist ein Fluss

Meine Mutter ist ein Fluss

So mancher zermartert sich Jahr für Jahr das Hirn wie er seiner Familie an Feiertagen eine Freude machen kann. Parfüm und Krawatte scheiden von vornherein aus, das ist zu gewöhnlich. Etwas Besonderes muss es sein. Etwas, das von Herzen kommt. Etwas ganz Persönliches. Etwas Einzigartiges. Donatella Di Pietrantonios Erzählerin hat diese Probleme nicht mehr. Denn sie hat ihrer Mutter das ultimative, das einzigartige Geschenk gemacht, das es nur einmal gibt: Sie hat ein Buch über und für ihre Mutter geschrieben.

„Meine Mutter ist ein Fluss“ ist das bewegende Portrait einer ganz normalen Frau aus den Abruzzen. Geboren in den ersten Frühlingstagen des Jahres 1942 drohen nun, siebzig Jahre später die Erinnerungen zu verblassen. Und so schildert die kümmernde Tochter ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter deren eigenes Leben.

Mit achtzehn heiratet Esperina Cesare. Ihr Leben und auch das Leben der Erzählerin sind mehr von Arbeit als von Liebe geprägt. Und so wird „Meine Mutter ist ein Fluss“ nicht nur eine literarische Therapie gegen das Vergessen – Bücher sind vom Wesen her gegen das Vergessen gemacht – sondern auch eine Abrechnung mit dem bisherigen Leben. Denn die Mutter ist auch ein Baum, in dem man sich in den Schatten legen kann. Doch auch diese Pflanze hat ein begrenztes Leben.

Die Abrechnung fällt aber milde aus. Es ist kein kalkulierter Schlussstrich unter das bisher Gewesene. Vielmehr ist dieses Buch – zu Recht mehrmals preisgekrönt – eine poetische Liebeserklärung an die Mutter, die Chancen, die der Erzählerin gewährt wurden. Eine Liebeserklärung an die Abruzzen, die mit ihren Menschen die Erzählerin – erst jetzt bemerkt – so sehr geprägt haben. Eine Liebeserklärung an das Leben an sich.

Ist der Fluss zuerst eine Erinnerung an das lange, wallende Haar der Mutter verwandelt sich die Sicht auf die Mutter zusehends in eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Die Erinnerungen sind keine verklärten Geschichtsbilder, sie sind am eigenen Leib erlebte Historie.

Gert Fröbe

Gert Fröbe

Sind Komödianten die besseren Bösewichte oder sind Bösewichter die besseren Komödianten? Im Falle von Gert Fröbe ist die Frage irrelevant, denn er war einer der größten deutschen Schauspieler. Als Goldfinger lässt er immer noch mit seiner heißeren, metallisch-höhnischen Stimme das Blut in den Adern gefrieren, wenn er dem an eine goldene Platte gefesselten Sean Connery auffordert: „No, Mr. Bond … I expect You to die!“ Als personifizierte Schnecke, die sich nicht schlüssig ist, ob sie denn nun aus ihrem Haus rauskommen soll oder nicht, begeistert er immer noch Jung und Alt.

Die blitzgescheiten Augen, das schelmische Lächeln und die durchaus imposante Statur wecken sofort Assoziationen beim Publikum. In „Es geschah am hellichten Tag“ verteufeln wir ihn als kranken Triebtäter und haben zugleich Mitleid mit dem geschundenen Charakter, der mit Schokoladenigeln kleine Mädchen verführt, um…

Doch auch als „Otto-Normal-Verbraucher“ – ein Begriff, der dank seiner schauspielerischen Leistung in den Alltagssprachgebrauch übergegangen ist, fasziniert er Zuschauer wie Cineasten. Der Mensch hinter der Maske, er tritt in diesem Buch zum ersten Mal vor den Vorhang.

Beate Strobel stellt einen Mann vor, den man zu kennen scheint. Doch wir kennen nur den pickelhaubigen Oberst Holstein aus „Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“ oder den hartleibigen Trunkenbold in „Via Mala“ oder eben den Prototypen des Bösewichts bei 007. Den offenherzigen, immer zu geben bereiten, das Leben liebenden Tausendsassa lernen wir erst jetzt kennen.

Zeitlebens bewunderte er Heinz Rühmann, mit der er zwei Filme drehte. Und den er jedes Mal mit Bravour an die Wand spielte. Mehrere Ehen hatte der hünenhafte Sachse geführt. Sein von Arbeitswut und Neugier getriebenes Leben waren nie der alleinige ausschlaggebende Punkt für das Scheitern.

Gert Fröbe war ein großer, vielleicht sogar der größte deutsche Star im internationalen Kino. Während Rühmann in Deutschland nicht mehr wegzudenken war, zog es Fröbe – auch wegen der besseren Bezahlung – ins Ausland. Tiefschlägen folgten prompte Erfolge. Mit Schicksal hatte dies nie zu tun, das wusste auch Gert Fröbe. Ein Leben lang arbeitete er. Schon als Kind verdiente er seine ersten Groschen. Als Bühnenbildner war er gestartet, als gefeierter Weltstar mit Charaktergesicht trat er von der Bühne des Lebens ab. Beate Strobel trägt mit ihrer Biografie maßgeblich zum Nichtvergessen dieses großen Mimen bei, in dem sie im Stile Gert Fröbes Lebens die wichtigen Fakten für sich sprechen und den Firlefanz außen vor lässt. Eine Biografie, die auch als Roman durchgehen könnte.