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Begegnungen mit Dichtern und Malern

Philippe Soupault kannte sie alle: Guillaume Apollinaire, Marcel Proust, James Joyce, Blaise Cendrars. Und er huldigte ihnen. Auch und gerade in diesem Band. Der einleitende Beitrag zu Guillaume Apollinaire wurde eigens für dieses Buch geschrieben.

Philippe Soupault schrieb André Breton den ersten surrealitsischen Text der Geschichte, „Les Champs magnétique“, „Die magnetischen Felder“. Doch hielt es ihn nicht lang bei den Surrealisten. Als Verleger machte er sich einen Namen. Die Wurzeln, die Wurzeln seines literarischen Schaffens konnte er noch selbst schaffen. Den Dünger stellte Guillaume Apollinaire zur Verfügung. Soupault schickte ihm eines Tages selbst verfasste Gedichte zu. Apollinaire war für seine Güte gegenüber denen, die er mochte bekannt. Aber eben auch für seine scharfe Zunge, für diejenigen, die nur Spott und Hohn für ihn und seine Freunde übrig hatten. Und dieser Apollinaire gibt freimütig den Kontakt zu seinem Verleger weiter. Kurze Zeit später ist Apollinaire tot. Für Philippe Soupault war dies nicht nur eine denkwürdige Begegnung (der noch ein paar folgen sollten). Es war auch nicht nur eine nervenaufreibende Begegnung – Soupault wollte schon seine sieben Sachen packen und verschwinden als Apollinaire ihn am Ärmel davon zurückhielt. Es war der Beginn einer besonderen Karriere für Philippe Soupault, die bis über seinen Tod im Jahre 1990 hinaus nachwirkt.

Die Begegnungen in diesem Buch waren real, bis auf die mit Henri Rousseau, dem Douanier. Der Impressionist verstarb als Soupault gerade mal dreizehn Jahre alt war. Soupault besuchte Künstler und Freunde, die Rousseau gekannt hatten. In den wenigen Absätzen setzt er dem Maler ein Denkmal aus Ehrfurcht und Lebensfreude.

Über James Joyce schreibt Soupault wie über einen Übermenschen ohne dabei die Realität zu verletzen. Für ihn war Joyce der einzige Künstler, der sein Leben über sein Werk stellte. Marcel Proust schwebt über den Memoiren/Begegnungen wie eine feenhafte Erscheinung. Wo Proust war, war Ruhe, teils angespannt, teils respekteinflößend.

Diese Begegnungen lesen sich wie ein geordneter Landeinwärtsritt durch die Kunstgeschichte des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. So wild und ungestüm die Köpfe manchmal waren, so liebevoll, fast zärtlich sind die Beschreibungen des fast schon als Jünger zu bezeichnenden Philippe Soupault. Auffallend ist, dass viele der Künstler nicht alt wurden: Apollinaire starb im 38. Lebensjahr, Proust im 51. und René Crevel konnte nicht einmal sein 35. Lebensjahr vollenden. Philippe Soupault kannte sie alle, über lebte sie alle – er starb sicherlich als zufriedener Mann im hohen Alter von 92 Jahren.

Das letzte Spiel

Jeder kennt diese Typen: Sie sonnen sich im Glanze der Anderen, hecheln ihnen nach, begrüßen die eigentliche Fremden wie vertraute Freunde, die man ewig nicht mehr gesehen hat und grinsen permanent grenzdebil in jede Kamera. Julien, um den es in diesem Buch geht, meint, dass er der einzig starre Punkt im Universum ist. Und sich alles um ihn zu drehen hätte. Er ist Schriftsteller, und er arbeitet gerade an seinem „großen Roman“. Ein Denkschrift, eine Trauergeschichte … sein Leben. Denn, wenn er einmal nicht mehr ist, wird man merken wie wertvoll sein Leben war.

Wir sind im Paris der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Julien geht es finanziell gut. Arbeiten im eigentlichen Sinne muss er nicht. Er treibt Sport, um die Glieder geschmeidig zu halten, schreibt im Café ein paar Zeilen, nur um sie dann lautstark wieder zu verteufeln. Es ist ein hartes Leben. Für ihn.

So schnell wie sich an einem Apriltag das Wetter drehen kann, ändert sich Juliens Leben. Er muss die Seiten wechseln, vom Schreiber zum Beschriebenen. Nach einem (durchorganisierten – ja, das kann Julien) Kurzurlaub in der Bretagne zusammen mit Berthe, seiner Freundin, fiebert Julien. Und zwar gewaltig. So sehr, dass er sein eigenes Ende kommen sieht. Er beschließt im wahrsten Sinne des Wortes sein Leben … zu ordnen. Hektisch kritzelt er sein Testament aufs Papier. Sein unehelicher Sohn, der aus einer kurzen, aber heftigen Liaison einst an der Côte entstand, soll alles erben. Während seine Mutter in der Küche für ihn kocht, soll sein Freund Alfred Juliens Werke zurückkaufen. Ohne den „großen Roman“ vollendet zu haben, ist es nicht anzuraten, dass andere sein Werk lesen. Noch immer dreht sich Juliens Welt nur um einen Punkt.

Julien ist so von sich überzeugt, dass er keinerlei Ratschläge annimmt. Er suhlt sich gern im eigenen Leid. Mögen Freunde, Familie, Ärzte sagen, dass es ihm über Kurz oder Lang wieder gutgehen wird – Julien wird sterben. Er weiß das. Und er will in Ruhe sterben. Doch es kommt anders. Der leidende Literat erholt sich. Und doch ist alles anders. Die Freunde sind passé. Julien hat niemanden mehr, dem vom „großen Roman“ erzählen kann, dem er sein Leid klagen kann. Das unbeschwerte Leben verliert an Reiz. Selbst Maud, in die er sich verguckt, kann ihn nicht aus der Reserve locken. Eine Affäre würde beiden nichts bringen. Der Fieberwahn hat seine Auswirkungen hinterlassen.

Philippe Soupault gibt seinem Helden die Sporen des Lebens. Und des Leidens. Als betuchter Bohème lebt Julien in den Tag hinein. Alles hat seinen Platz, alles ist durchdacht, straff organisiert. Mit einem Mal ist alles anders. Planungen streifen die Reichweite seiner Arme. Freundschaften befinden sich außerhalb selbiger. Und wenn einem doch einmal eine helfende Hand gereicht wird, kann man sie aus unerfindlichen Gründen nicht greifen. Julien reift in „Das letzte Spiel“ vom lästigen Angeber zum mitleiderregenden Verlierer, der scheinbar doch nicht alles hatte.

Ein großer Mann

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Und jede auch noch so strahlende Familie muss sich mit einem schwarzen Schaf herumplagen. Der Seidenfabrikant Gavard gehört zu den Oberen Zehntausend im Frankreich des beginnenden 20. Jahrhunderts. Eines Tages werden seine Söhne Guillaume und Michel den Laden übernehmen und den Reichtum mehren. Lucien hingegen, der Nachzügler wird wohl eher nicht ins Geschäft einsteigen. Er ist das schwarze Schaf, der Taugenichts. Doch aus dem Taugenichts, der an Wochenenden nicht mit Spazierengehen darf, der aus der Schule genommen wird (sollte eine Strafe sein … der Schuss sollte gewaltig nach hinten losgehen), der aber handwerkliches Geschick wie kaum ein Zweiter besitzt, soll einmal ein großer Mann werden.

Ein kleiner Schuppen dient Lucien als Experimentiergarage. Eines Tages tost er mit einem nicht nur sprichwörtlich großen Knall aus dieser Garage heraus. In einem Auto, einer Teufelsmaschine, jedoch von ihm selbst entworfen und gebaut. Wird doch noch was aus dem Jungen? Der Vater stirbt, Michel steigt bei Gavard, der Autofabrik, zu der sich die Garage mittlerweile gemausert hat, ein. Guillaume wird bald folgen. Bei einer Verfolgungsjagd während eines Autorennens stirbt Michel. Ein trauriger Tag im Privatem, geschäftlich ein Scoop. Jede Zeitung berichtet vom tragischen Unfalltod. Die Auftragsbücher sprengen die Vorstellungskraft. Fehlt nur noch der private Erfolg.

Der kommt in Form von Claire daher. Hübsch ist gar kein Ausdruck für die zarte Fünfundzwanzigjährige, die das Herz des Fünfzigjährigen Lucien erobert. Hübsches Beiwerk zum hübschen Anwesen, das ganz hübsch ins hübsche Bild des erfolgreichen Unternehmers im Glanze des Erfolges passt. Doch das Gesetz von Licht und Schatten kann auch Lucien nicht außer Kraft setzen…

Seine Arbeiter – er betrachtet sie wirklich als „seine“ – streiken. Steine fliegen, Scheiben gehen zu Bruch, wer sich den Arbeitern in den Weg stellt, wird verprügelt. Claude ist ihm in dieser Zeit nur im Weg. Er hat nur eine Liebe, und hat Schornsteine, verpestet die Luft und sorgt für Bewegung.

Ralph Putnam ist die Rettung für die junge Strohwitwe, die sich nicht damit abfinden kann nur als schmückendes Beiwerk des Großindustriellen, des großen Mannes zu gelten. Ganz Paris schwärmt von Putnam, dem charmanten Tenor, dessen Gesang verzaubert und dessen Aussehen die Frauen scharenweise schwärmen lässt. Dass er ein „Negertenor“ ist, verstärkt nur den Reiz. Einen Reiz, dem sich auch Claude nicht vollends entziehen kann. Derweil geht Lucien neue Wege…

Wem die Geschichte des Autobauers ein wenig bekannt vorkommt, dem sei versichert, dass Philippe Soupault sehr wohl ein reales Vorbild für seinen Romanhelden im Auge hatte. Und zwar seinen Großonkel. Vielen ist der als Louis Renault bekannt.

Die Zeit der Mörder

Am Abend des 12. März 1942 kommt Philippe Soupault an sein Haus. Das Tagwerk ist vollbracht – da steht plötzlich ein Mann hinter ihm. Elegant, wie aus einem Gangsterfilm entsprungen. Er lupft sein Revers. Polizei. Zwei weitere Gestalten halten sich ohne ein Wort, stoisch und deswegen bedrohlich im Hintergrund. Sie wollen ein paar Fragen beantwortet haben, sich ein wenig umschauen. An der Wende zum Freitag, dem 13. März 1942 muss er ihnen aufs Revier folgen. Zeugenbefragung. Ganz vorsichtig ist man von nun an auf beiden Seiten. Soupault braucht den geforderten Anwalt nicht, er solle ja nur als Zeuge befragt werden. Mehr nicht. Wäre er abergläubisch, wüsste er, was auf ihn am Folgetag zukommt.

Kurzer Prozess. Er wird inhaftiert. Wegen Landesverrat. Er habe – wir sind im unter französischer (Vichy-Regime, wohlgemerkt!) Protektion stehenden Tunesien – wichtige Papiere an den Feind – England – weitergegeben, wodurch ein Versorgungsschiff für die Truppen Rommels nicht seiner Aufgabenerfüllung gerecht werden konnte.

Philippe Soupault hatte Jahre zuvor den Auftrag bekommen in Tunis einen Radiosender zu installieren und zu leiten, der der Mussolini-Propaganda durch Radio Bari entgegenwirken sollte. Léon Blum, der erste sozialistische Ministerpräsident Frankreichs persönlich gab dem Journalisten und Künstler Soupault den Auftrag. Es ist immer die Wahrheit, die das erste Opfer des Krieges bildet. Das weiß Soupault. Er weiß von auch, was ihm blüht, wenn die Geheimpolizei, das Vichy-Regime, die Pétain-Schergen ihn in die Finger bekommen.

Zorn, Verzweiflung, Selbstaufgabe umgeben den Gefangenen im „Fall de R.“ – Soupault – von nun an. Die Aussicht bald die Einzelzelle gegen das Sonnenlicht einzutauschen schwindet mit jedem Tag. Doch er bewahrt sich seien Auffassungs- und Beobachtungsgabe. Mehr als einen Monat sitzt er zu Beginn in Einzelhaft. Seiner Frau verschweigen die Behörden die Festnahme. Erst Tage danach darf sie ihren Mann im Gefängnis besuchen.

Soupault findet Freunde – Vertraute – begegnet aber solchen, denen man lieber aus dem Weg geht. Denunzianten gibt es überall. Im Gefängnis ist ihre Macht jedoch stärker, wie einige Mitgefangene leidvoll erfahren müssen.

Die Zeit verrinnt. Die Hoffnung einmal wieder seine Familie zu sehen, ist für ihn kein Thema. Er hätte zu sehr unter enttäuschten Hoffnungen zu leiden. Doch eines Tages geschieht das Unerwartete: Philippe Soupault kommt frei! Als freier Häftling darf wieder hinaus in die Welt. Ja, ein Häftling wird er immer bleiben, da ist er sich ganz sicher. Aus alter Verbundenheit besucht er regelmäßig seine ehemaligen Leidensgenossen. Was für Unruhe sorgt. Genauso wie die bevorstehende Invasion der Alliierten. Soupault schafft es rechtzeitig die Stadt zu verlassen. Doch zu welchem Preis?

Philippe Soupaults Erinnerungen an die Gefängniszeit sind düster und erhellend zugleich. Die Zustände beklemmen in erster Linie ihn, den Schreiber, den Gefangenen, aber auch den Leser. Der zaghafte Optimismus, der nie offen zur Schau getragen werden darf, lässt Hoffnung aufkeimen. Dennoch bleibt „Die Zeit der Mörder“ ein bedrückendes Zeitdokument, das für den Autor Fluch und Segen zugleich war. Das Buch erschien1945 in den USA. Es dauerte siebzig Jahre (!) bis es auch in Frankreich, seiner Heimat erschien, obwohl er wieder dort lebte und maßgeblich im Widerstand arbeitete. Nur zwei Jahre dauerte es bis das Buch auf Deutsch erschien…

Die Entstehung der Arten

Bei all den Alleinstellungsmerkmalen, die man sich so ausdenkt, haben die meisten Hotelzimmer eines gemeinsam: Die Bibel im Nachttischchen oder offen präsentiert auf selbigem. Das Gegenstück würde sich ebenfalls gut an dieser Stelle machen. Im Gegensatz zur Bibel ist in diesem Fall der Autor bekannt: Charles Darwin. Und sein Werk heißt „Die Entstehung der Arten“. Alles, was in der heutigen Biologie erforscht wird, fußt auf seinen Erkenntnissen über die Entstehung dessen, was auf unserer Welt lebt. Und wenn man sich Portraits des Forschers aus seinen letzten Lebensjahren ansieht – weißer langer Rauschebart – kommt einem der Vergleich mit der Bibel und dessen Hauptakteur gar nicht mehr so abwegig vor…

Das erste Drittel des 19. Jahrhunderts war für Darwin die Zeit, in der er getrieben vom Wissensdurst sich aufmachte neue Welten zu entdecken und zu erkunden. Ihm reichte es nicht als erster seinen Fuß auf unbekanntes Territorium zu setzen. Er wollte dem Artenreichtum auf den Grund gehen.

Ihm fiel – vielleicht als einem der Ersten – auf, dass bei all den Unterschieden in der Tierwelt, immer wieder Gemeinsamkeiten untereinander hervortraten. Das muss doch irgendwie Ursachen haben, dachte er sich. Nach und nach entwickelte er seine Theorien unter anderem zur Anpassung, Mutation oder natürlicher Auslese. Bei Letzter überlebt nicht der Stärkste überlebt, sondern der Anpassungsfähigste – ein Schlag ins Gesicht von so manchen „Propaganda-Spezi“.

Als „On the origin of species“ erschien, war das Geschrei groß. Darwin, der Verrückte, der Phantast, hieß es. Heute ist sein Hauptwerk, nicht mehr nur allein sein Werk, es ist Lehrbuch, vergöttertes Standardwerk und Fibel für die Kleinsten in Einem. Besonders diese Ausgabe erfüllt diese drei Kriterien. Inhaltlich ist es das Buch, das so manchen lernbefreitem Schüler die Lust an der Biologie wieder zurückgibt, gestalterisch ist es ein Kunstwerk, das sich nur in einem Prachtband wie diesem richtig entfalten kann.

Der Einband lässt die Vermutung keimen, dass sich in diesem Buch noch mehr eindrucksvoll gestaltete Abbildungen verbergen. Diese Annahme ist nur zum Teil richtig: Sie verbergen sich nicht, sondern sie präsentieren sich ganz schamlos dem Leser. Neben Abbildungen aus der Originalausgabe glänzen Photographien, teils historisch, teils aktuell, und begeistern den Leser. Das Highlight sind aber zweifelsohne die zahlreichen Zeichnungen von Lebewesen, die in ihrer Detailtreue und vor allem Detailfülle den Froscherdrang im Leser anheizen. Die Erläuterungen, die Texte, die Theorien sind nicht nur ausgemachte Experten verständlich, sondern machen Darwins Erkenntnisse greifbar.

Diesen Prachtband nur als Weihnachtsgeschenk anzusehen, wäre fatal. Klar ist, dass man mit diesem Geschenk unumschränkten Beifall ernten wird. Doch der Ruf des Buches ist weitaus lauter als man es vermutet. Reich bebilderte Bände gibt es zuhauf. Doch Wissensvermittlung mit exzellenter Aufbereitung des Inhaltes wurde nie so umfangreich und eindrucksvoll an den Leser gebracht. Nicht nur wegen des Gewichtes und der Maße ein echtes Schwergewicht, sondern vor allem inhaltlich und gestalterisch.

Maximilian I. von Bayern – Der eiserne Kurfürst

Bayern und seine (adligen) Regenten – da fällt einem sofort der Kini ein, Ludwig II., der in den „Fluten“ des Starnberger Sees den selbst erwählten Tod fand. Sein Zuckerbäckerbauwahn hält seinen Mythos bis heute wach. Doch sein Macht- und vor allem Prachtentfaltung ist nicht allein „auf seinem Mist gewachsen“, da gehörte jahrhundertelange Vorbereitung dazu.

Maximilian I. von Bayern ist einer der Ersten des Landes, der eine besondere Erwähnung in den Geschichtsbüchern finden sollte. Umso erstaunlicher, dass dies nicht so umfänglich geschehen ist, wie man meinen sollte. Das ändert sich mit dieser Biographie von Marcus Junkelmann. Der eiserne Kurfürst wird Maximilian I., ab 1623 Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches, im Untertitel genannt. Mit diesem Beinamen kann man schon Staat machen. Man denke nur an Bismarck als den Eisernen Kanzler oder Margret Thatcher, die Eiserne Lady.

Ende des 16. Jahrhunderts ist der bayrische Staat Pleite. Herzog Wilhelm V. von Bayern war kein Finanzgenie und übergab dem Sohn Maximilian einen Apparat der nur eingeschränkt handlungsunfähig war. Und er übergab ihm einen Schatz von 1200 Gulden. Für einen Bauern, Angestellten oder Soldaten ein ausreichender Barschatz, für einen Regenten nicht mal ein Tropfen, der ein Fass zum überlaufen bringen könnte. Wohlgemerkt: Die 1200 Gulden waren in bar jederzeit verfügbar. Maximilians Großvater Albrecht V. hinterließ immerhin 715000 Gulden, die in den Gewölben der Burg zu Burghausen lagerten. Und nun musste Maximilian – testamentarisch verfügt – diesen Schatz wieder auffüllen.

Zunächst einmal wurde er Unternehmer. Sehr fortschrittlich in einer Zeit, in der der Absolutismus, den Maximilian in Bayern sozusagen erfolgreich einführte, als Staatsform en vogue war. Bayern war zuvor ein Weinland. Man trank mehr Wein als man es heute vermutet. Politisch wehte ein rauer, klimatisch ein kühler Wind. Der Wein gedieh nicht mehr recht, und so wurde immer mehr Hopfen aus Böhmen importiert. Unternehmerisch unklug. Bayern wurden zum Hopfenland. Die Bierproduktion stieg. Und Maximilian sah das Potential, das darin lag. Zahlreiche Brauereien gehörten ihm. Das Weißbiermonopol war geboren. Und die Gewölbe in Burghausen wurden vom Glanz des Geldes wieder gewärmt. Und zwar so sehr, dass Rücklagen für Friedenszeiten (wenn also das Heer nicht gebraucht und somit teilweise freigestellt wurde) angehäuft werden konnten. Er leih sogar einem Florenzer Bankhaus Geld.

Politisch ist Maximilian der Bund mit den Franzosen hoch anzurechnen. Mittlerweile stiegen in Europa die Rauchsäulen des Dreißigjährigen Krieges gen Himmel. Bayern hatte so eine Art Neutralitätsstatus. Geschickt hielt der Regent das Kriegstreiben aus seinem Land weitgehend heraus.

Marcus Junkelmann gibt Maximilian I. von Bayern die Würdigung, die dem Herrscher lange Zeit versagt blieb. Andere Monarchen waren anscheinend spannender. Die Zahl der Bücher über Maximilian I. ist überschaubar. Dieses Buch sticht durch seine Detailtreue und den enormen Faktenreichtum aus der Reihe der „Kleinen bayrischen Biographien“ heraus. Wer weiß schon, was sein Herrscher verdient? Damals wusste es auch niemand, heute ist es nachzulesen, in diesem Buch. Bayern war nicht immer der Vorzeigestaat, der es heutzutage zu sein scheint. Die Grundlagen für gesundes Wirtschaften (auf dem Papier) wurden vor rund vier Jahrhunderten gelegt. Und Maximilian I. von Bayern war grundlegend daran beteiligt.

Die Lagune oder wie Aristoteles die Naturwissenschaften erfand

Lesbos, ägäisches Eiland vor den Toren des Orients. Irgendwann am Nachmittag, am Strand, an einer Lagune sitzt ein Mann und schreibt. Er scheint zu grübeln. Ach ja, wir sind in einer Zeit, die knapp zweieinhalb Jahrtausende zurückliegt. Und der Mann, der da im Strand sitzt, erholt sich keineswegs im Sabatical, wie es heutzutage gern mal gemacht wird, sondern grübelt tatsächlich. Psst, ganz unter uns, er erfindet gerade die Naturwissenschaften. Sein Name: Aristoteles.

Naja, ganz so locker sollte man die Geschichte dieses Buches nicht nehmen. Armand Marie Leroi, Professor für Evolutionäre Entwicklungsbiologie in London, nimmt den großen Denker und seine – bis heute anhaltende – Vorreiterrolle auch nicht auf die leichte Schulter. Wohl auch deswegen ist dieses Buch in vielfacher Hinsicht ein Schwergewicht.

Natürlich hat Aristoteles die Naturwissenschaften nicht erfunden. Die waren schon immer da, nur hat man sie eben nicht erkannt bzw. sie formuliert bzw. nicht mit ihnen hantiert. Wie auch immer, Lesbos war ein Zufluchtsort für Aristoteles. Seine Lehrtätigkeit an der Akademie in Athen ruhte, weil er sich nach Platons Tod dort nicht mehr wohlfühlte. Er folgte dem Ruf Hermias‘, der auf dem Lesbos gegenüberliegenden Festland regierte. Hier konnte er sich voll und ganz seinen Studien widmen. Klingt nicht gerade spannend, doch Aristoteles war kein Erbsenzähler, er war derjenige, der die Regeln unseres Universums auf den Weg brachte und entscheidende Vorformulierungen niederschrieb. Insofern ist er für den Physik- Chemie- und auch den Biologieunterricht unserer Zeit mitverantwortlich. Bitte jetzt kein Aufstöhnen!

„Die Lagune“ ist kein Buch, das man mal so nebenbei beschreibt. Man muss es lesen. Natürlich gibt es keine vollends wahrhaftigen Quellen aus dieser Zeit. Kein digitales Erbe steht heutigen Wissenschaftlern zur Verfügung. Die Texte über Aristoteles sind tendenziös und meist von Bewunderung oder Missgunst verfasst. Der etwas aufmüpfige Titel macht neugierig, die Dicke und Schwere des Buches lassen nicht minder schwergewichtigen Inhalt erahnen, die Aufmachung lässt die nötige Ernsthaftigkeit des Projektes in den Vordergrund rücken. Anders als so mancher Wissenschaftler, der mit altbackenem Humor und seinem Oberflächenwissen Quote machen will, überzeugt Leroi mit Wissen bis in die untersten Schichten. Dabei vergisst er niemals den Leser mitzunehmen auf eine Reise, die ihn gleichermaßen in die Vergangenheit als auch in die Zukunft entführt. Man kann dieses Buch an den  Stränden von Lesbos lesen, muss man aber nicht. Man kann im Physikunterricht den Lehrer mit Fleiß und Wissen beglückt haben, muss man aber nicht. Wer sich die Mühe macht und „Die Lagune“ mit Ernsthaftigkeit und Beharrlichkeit liest, wird es mit mehr als einem Lächeln und Erhellung auf ganzer Linie wieder zuklappen und ab und an wieder hervorkramen. Dafür sorgt allein schon die stilsichere Schreibweise des Autors.

Hallervorden – Ein Komiker macht ernst

Als Anfang 2000 Diether Krebs starb, sagte sein Kollege Dieter Pfaff (auch eine Dieter), dass Diether der letzte Volksschauspieler war. Und weiter sinngemäß, und dass ohne negativen Beigeschmack. Zu diesem Zeitpunkt hatte ein weiterer Dieter – der Name scheint etwas Prophetisches in tragen zu können – bereits eineinhalb Karrieren hinter sich. Die Rede ist von Dieter Hallervorden, Generationen als Didi bekannt.

Die Nonsens-Kracher-Maschine geriet nach Palim-Palim und der Kuh Elsa in den 80ern fast schon in Vergessenheit. Die 90er brachten dann mäßigen Erfolg zurück. Doch um die Jahrtausendwende war Dieter Hallervorden zwar immer noch bekannt, aber kaum noch in der Glotze präsent.

Es dauerte noch ein paar Jahre bis Didi – bleiben wir doch bei dem Namen, der letztendlich seinen Ruf begründete – wieder in aller Munde war. Es ist gar nicht mal so lange her, dass er die großen Leinwände wieder mit seinem schelmigen Lächeln, seiner charmanten Art, seiner unübertroffenen Präsenz beehrte und sein Publikum, das er immer hatte, in Verzückung geraten ließ. Didi ist eine Hausnummer wie es sie in Deutschland nicht mehr gibt.

Tim Pröse gelingt mit seinem Portrait, das vor allem eine ehrliche und ernste Verbeugung vor seinem Kindheitsidol ist, der Spagat zwischen Herauskitzeln von bisher nicht Bekanntem und Huldigung einer Ikone (auch wenn Didi das sicher nicht gern hört, wird es ihn insgeheim schmeicheln), die immer noch für Überraschungen gut ist und es auch weiterhin sein wird.

Dieter Hallervorden ist ein nahbarer Mensch. Witz und Charme, ein energetischer Macher, der vom kaltblütigen Killer bis zur enervierenden Blödelei das gesamte Spektrum der Ausdruckskunst nachhaltig abdeckt. Die Zuneigung, die sich seine Frau Christiane und er entgegenbringen, lässt erahnen, dass er privat – man mag es kaum glauben, dass er neben der enormen Aufgabe als Theaterbesitzer tatsächlich auch privat sein kann – nicht weniger einnehmend ist wie als Präsentator seiner Kunst.

Sein Rückzugsort liegt vor der bretonischen Küste. Tim Pröse staunte nicht schlecht als er hier Didi treffen durfte. Er traf auf einen Mann, der sich hier als Briefmarkensammler die Zeit vertrieb, der sein Schloss mit Leben und Liebe erfüllte, ein Heim schuf, den Garten wie sich selbst hegt und pflegt. Didi ist hier weit weg, hier lebt Dieter Hallervorden, der studierte Romanist und wahrscheinlich einer der glücklichsten Menschen überhaupt. Und der Leser darf ein wenig durchs Schlüsselloch gucken.

Schon nach knapp zweihundertfünfzig Seiten ist das Buch zu Ende. Zu schnell, möchte man meinen. Für einen wie Dieter Hallervorden. Wie könnte es mit ihm weitergehen? Wäre im Olymp ein unruhiger Platz frei, er würde ihn besetzen. Denn in Stille verharren, liegt dem Theaterintendanten, Schauspieler, Regisseur, Blumenliebhaber und –kenner, Familienvater, Ehemann … die Liste ließe sich unendlich fortsetzen ohne dabei eine negative Eigenschaft aufzuführen, nicht.

Meine Herren, dies ist keine Badeanstalt

Es ist schon fast ein Markenzeichen von Genies oft zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Oft wurden ihre Ideen und Theorien verlacht, hinweg gewischt oder gar verteufelt. Die Inquisition und die 30er, 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts stechen dabei besonders hervor. Und je fortschrittlicher die Gelehrten desto früher erkannten sie die Dringlichkeit der Abwanderung. Der Exodus an genialen Köpfen während der Nazizeit wirkt bis heute nach. Eine Stadt wie Princeton hätte sicherlich immer noch eine Universität, aber der Ausstoß an Uni-Devotionalien wäre heutzutage niemals so groß ohne beispielsweise Albert Einsteins Wirken vor Ort.

Apropos Albert Einstein. Er gehört unbestritten zu denen, die man als Erstes nennt, wenn man eine Liste mit Wissenschaftlern erstellen sollte. Max Planck gehört noch dazu. Werner Heisenberg, Marie Curie und vielleicht noch Stephen Hawking. Aber wer kennt schon David Hilbert? Der lehrte in Göttingen Mathematik. Mathe – oh je! Das meist gehasste Fach im Schulunterricht. Und doch ist die Mathematik die Grundlage für Physik und Chemie. Er war sozusagen das Rückgrat von Einstein. Beide rechneten. Dabei ging es nicht um Summen, vielmehr um Differenzen. Ohne Hilbert wäre Einstein nur einer von vielen gewesen.

Georg von Wallwitz setzt der Unkenntnis von David Hilbert ein Ende. Und was für eines. Voller Wortwitz, Detailverliebtheit, Tiefgang und Verständnis für Hilbert (aber auch für den Leser, denn Hilberts Wissen ist bis heute für die meisten eine Tür, die ewig verschlossen bleibt) setzt er ihn auf eine Stufe mit Größen, die auf anderen Gebieten zur ersten Garde gehörten. David Hilbert war – um den heute gängigen Sprachgefühl ein wenig Tribut zu zollen – der Mathematiker der Stars.

Einstein hatte schon seine Gravitationstheorie formuliert, musste sie aber noch beweisen. Hilbert bemängelte schon Jahre zuvor, dass die Mathematik schon seit Jahrhunderten ohne echte Beweise auskomme. Jedoch mussten Einstein wie Hilbert erst einmal eine gemeinsame Sprache finden. Jeder war ein Genie auf seinem Gebiet, das eigene Wissen mit anderen zu Teilen scheiterte – wie bei so vielen in dieser Zeit – an der Basis.

Wie kommt man aber nun dazu ein Buch über einen der hellsten Köpfe der Wissenschaft mit einem so scheinbar banalen Titel zu krönen? Der Titel weckt Interesse, so viel steht fest. Der Inhalt ist sicherlich keine leichte Kost, die FfF – Fußnoten für Fortgeschrittene – sind Knobeleien auf hohem Niveau. Doch Hilbert sah sich nie als abgehobenen Star, der über allen schwebt, er war ein bodenständiger Mann, und wohl auch deswegen auch so angesehen. Der Titel ist ein Zitat Hilberts. Nur einmal fuhr Hilbert aus seiner Haut. Gegenüber den Philologen in Göttingen, die unbedingt verhindern wollten (und es auch schafften), dass Emmy Noether, eine brillante Theoretikerin, von Hilbert gestützt, eine Professorenstelle erhalte. Denn eine Badeanstalt, wie es damals noch hieß, war streng nach Geschlechtern geordnet. Die einzige Ordnung, die Hilbert anprangerte…

Es ist auch für Mathe-Verweigerer ein Genuss dieses Buch zu lesen. Das liegt zum einen am untersuchten Objekt, genauso aber auch am Untersuchenden selbst. Die vermeintlich „zweite Reihe“ steht viel zu oft eben da. Georg von Wallwitz holt mit Eleganz und einem umwerfende Verständnis für Vorurteile gegenüber der Mathematik einen dieser Hinterbänkler an die Tafel. Ein spannender Vortrag, der an so manchem Vorurteil zweifeln lässt.

Pest & Cholera

Eine Biographie über Alexandre Yersin ist ein Selbstmordkommando. Der Mann war ja ständig unterwegs! Für ihn gab es seit frühester Kindheit kein Halten. Bei Louis Pasteur war er angestellt. Zu dieser Zeit finanziell eine Gelddruckmaschine, aus wissenschaftlicher Sicht ein Sechser im Lotto. Und was macht Yersin? Er will weg. Reisen. Forschen. China, und Vietnam waren seine Ziele. Hier erforschte er den Pestvirus. Und fand ein Gegenmittel. Immer mit besonderer Beachtung seines großen Gönners Louis Pasteur.

Die Art und Weise wie Patrick Deville dem verkannten Genie ein Denkmal setzt, versetzt den Leser in schiere Sprachlosigkeit. Wie ein Getriebener hetzt er dem nicht minder getriebenen Yersin hinterher. Ein knappes Mal umsteigen, um endlich in Asien anzukommen? Kein Problem! Yersin hat überall Spuren hinterlassen. Mal eben Hitler und Göring als Kunstsammler zu bezeichnen – Sarkasmus lag sicher auch dem Erfinder eines köstlichen Limonadengetränkes, das er besser mal zum Patent angemeldet hätte. Dann wäre Yersin heute noch buchstäblich in aller Munde.

Wissenschaftler zu portraitieren ist kein leichtes Unterfangen. Ihre Ausführungen ist mit Schulwissen kaum zu folgen. Und von Spannung sind die Forscher meilenweit entfernt. Patrick Deville kommt nicht einmal annähernd in den Verdacht Langeweile zu produzieren. Wie in einem Fortsetzungsroman reiht er das ereignisreiche Leben des Schweizer Forscher Alexandre Yersin an einer Perlenschnur auf. Man muss das Buch nicht an den Zähnen reiben, um festzustellen, ob die Perle echt ist. Sie ist es!

Paris, der Kanton Waadt in der Westschweiz oder fernes Asien – die Schauplätze sind echte Sehnsuchtsorte für Reisende. Für Yersin waren sie Mittel zum Zweck. Er steckte seine Nase in alles, was nach Forschung roch. Die Pest zu besiegen war eher Zufall für ihn. Die Ehrungen nahm er nicht entgegen. Denn ein Tag ohne Arbeit war ein verschenkter Tag. Selbst im hohen Alter war er nicht zu müde noch Neue zu entdecken. Altgriechisch und Latein wurden seine letzten Leidenschaften.

Heute findet man überall auf der Welt Hinweise auf sein Leben und Wirken. Eine Büste in Hongkong, eine Vogelart in Vietnam trägt seinen Namen, um nur zwei zu nennen. Nach der Lektüre fragt man sich, was wäre geschehen, wenn Alexandre Yersin die Pest in Europa in den Griff bekommen hätte? Oder wenn er die Limo zum Patent angemeldet hätte? Man würde ihn besser kennen. Hätte Yersin das gefallen? Nur, wenn man ihn weiter in Ruhe hätte arbeiten lassen. Er starb zufrieden fast achtzigjährig in Vietnam.