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Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex

Dreharbeiten können auch richtig langweilig sein. Wenn nicht gerade gedreht wird, zupft man an den Hauptdarstellern herum, rückt alles wieder so her wie es vorher war, kontrolliert noch mal das Licht etc. Im Grunde genommen grottenlangweilig! Was macht man dann?! Herumsitzen, Text lernen, sich irgendwie ablenken. Oder man geht zum Seelenklempner. Ah, jetzt wird’s interessant! Schauspieler haben ja alle einen … Wunderbare Welt der Klischees.

Doch zu den Fakten. Es ist Juli 1956. Sir Laurence Oliver dreht einen Film in London. In manchen Filmdatenbanken wird er als Politdrama geführt. Für die Rolle der Tänzerin in „Der Prinz und die Tänzerin“ ist mit einer der berühmtesten – nein!, der berühmtesten – Schauspielerin dieser Zeit besetzt: Marilyn Monroe. MM mit mittlerweile drei M, denn sie ist seit Kurzem mit Arthur Miller verheiratet.

Während der drehfreien Zeit liegt sie auf der Couch. Und zwar bei keiner Geringeren als Anna Freud, der Tochter und mehr als Nachfolgerin ihres Vaters Sigmund. London ist seit knapp zwei Jahrzehnten ihre neue Heimat. Sie hat inzwischen die Praxis ihres berühmten Vaters in 20 Maresfield Gardens in Hampstead übernommen.

Da dachte man, dass man aus zahlreichen Büchern und unzähligen Reportagen und Dokumentationen die Monroe in- und auswendig kennt … und dann das! So ähnlich erging es Hektor Haarkötter (HH) als er in einer Radioreportage so ganz nebenbei erfuhr, dass MM bei der Freud auf der Couch lag. Und wahrscheinlich über Sex redete. Denn über die Gespräche liegt nicht nur der Mantel des vertraulichen Arzt-Patienten-Geheimnisses, sondern auch die Tatsache, dass es keinerlei Aufzeichnungen gibt. Was es jedoch gibt, sind Briefe und (Tage-)bücher. Und die sind – wenn man tiefgreifend sucht, voll mit Hinweisen zu den Sitzungen.

Wir haben es also mit einem halbbiographischen und halbfiktionalen Buch zu tun. Allen Unkenrufen zum Trotz, die nun meinen, dass das doch nicht werden kann, sei gesagt: Es ist geworden. Großartig geworden! Das Wort Gamechanger ist vielleicht zu hoch gegriffen, da die Fakten allesamt bekannt sind. Aber jetzt endlich zusammengeführt wurden.

Ja, Marilyn Monroe hatte Probleme. Und damit ist nicht ihr permanenter Drang zu spät zu kommen gemeint. Sie fühlte sich ihr Leben lang miss- zumindest falsch verstanden. Ihr Talent wurde nicht entsprechend gewürdigt. Fortlaufend wurde sie allein auf ihr Äußeres reduziert, was ja auch dank exzellenter chirurgischer Eingriffe sehr auffallend war. Konnte sie sich alles von der Seele reden? Wohl kaum! Denn es sind nur sieben Tage, die MM bei AF auf der Couch lag wie HH recherchiert hat. Auch über diesen Fakt – gab es Streit? – kann man nur spekulieren oder Schriften studieren.

Wer die Monroe für immer im Herzen trägt, für den ist dieses Buch eine Zwangsanschaffung. Wer sich als Cinematographen sieht, kommt einfach nicht an diesem Titel vorbei. Wer in der Psychoanalyse (Freudscher Prägung) mehr als nur den Drang zum Sex sieht und ein kleines Faible für Klatsch hat, wird hier ebenso vorzüglich bedient wie alles, die einfach nur ihren Horizont erweitern wollen. Ein aufsehenerregender Titel, der zwischen den Buchdeckeln hält, was außen versprochen wird.

Mordsache Caesar

Es ist fast wie bei Chefinspektor Columbo: Opfer und Täter sind dem Zuschauer bekannt, nun fiebert man mit dem Ermittler mit wie er den Übeltäter ein Falle stellt, damit er sich selbst entlarvt. Shakespeare hat sich auch schon an dem Stoff versucht. Und Hollywood sowieso. Caesar ist tot, es lebe Caesar!

Nun muss ermittelt werden. Umfeldrecherche. Wer könnte ein Motiv haben. Und die Mittel und Möglichkeit. Wen könnte man da fragen?! Rex Harrison, John Gielgud, Alain Delon – die wurden alle als Julius Caesar ermordet. Sind aber ebenfalls schon tot. Vielleicht findet man auf den Gemälden von Camuccini, Gérôme oder Füger Hinweise auf die Täter, um sie zu überführen. Auf alle Fälle muss man weit zurückgehen, um zu erfahren wie es kurz vor Frühlingsanfang des Jahres 44 vor Christus zu diesem Meuchelmord kam. Dreiundzwanzig Stiche in den Körper des Diktators, der der Republik Rom mit einem Flussübertritt den Garaus machte. Das Motiv hätten wir also schon mal.

Ermittler und Autor Michael Sommer geht sogar noch weiter zurück. Lange bevor der kleine Julius das Licht der Welt erblickte, beginnt Michael Sommer seine Recherchen. Er lässt sich dabei nicht – wie heutzutage bei Commissarios und Lieutenants etc. üblich – durch ellenlange Kochexzesse von seinem Vorhaben ablenken. Er ist klar fokussiert und schreitet systematisch voran. Die Tatverdächtigen stehen allesamt an der Wand der Neugier. Penibel untersucht Michael Sommer jeden noch so kleinen Hinweis. Und er behält auch die gesamtgesellschaftliche Lage im Blick. Denn hier liegt der Hase im Pfeffer.

Klingt alles ziemlich oberflächlich und wenig wissenschaftlich. Ist es aber nicht! Ja, Michael Sommer bedient sich einer lockeren Sprache. Warum soll er bierernst einmal mehr die Fakten auf den Tisch legen und ein weiteres Mal neu zusammensetzen. Der blutüberströmte Leichnam ist bekannt. Ebenso die Täter. Wer jedoch mit wem koalierte, und vor allem warum – das wird immer wieder vergessen. Quizshowfragen zu diesem Thema sind echte Gefahrenquellen, weil im Laufe der Jahrhunderte die Tat immer wieder effekthascherisch umgedeutet bzw. umgeschrieben wurde.

„Die letzten Tage des Diktators“ mit dem blutverschmierten Lorbeerkranz auf dem Titel lässt eine Zeit noch einmal auferstehen, die es verdient aller Missverständnisse ein für allemal bereinigt zu werden. Landkarten, historische Abbildungen, ein Stammbaum dabei willkommene Hilfsmittel, um dem spannendsten Mordfall der Geschichte den Staub von der Toga zu pusten und endlich alles Wahre zu einem ehrlichen Bild zusammenzufügen. Und das alles mit der Galanterie eines echten Gentleman-Ermittlers.

Messalina – Intrigen, Macht und Orgien im Alten Rom

C und V – was für ein Leben. C, das ist Claudius, Kaiser von Rom und V – das ist Valeria Messalina, seine Gattin. Und die hatte es in sich! Spötter mögen diesen Satz in alle Himmelsrichtungen verdrehen bis ihnen die Ideen für jedwede Doppeldeutigkeit ausgehen. Damit wird man ihr nicht gerecht. Obwohl an den Anekdoten wohl mehr wahr ist als hinzugefügt. Ein Festmahl für ihre nicht minder mächtigen Feinde zu Lebzeiten.

Ja, Messalina war eine mächtige Frau – schließlich die Frau des Kaisers. Den Ehrentitel Augusta – womit sie noch angesehener gewesen wäre – verwehrte man ihr. Dafür sorgte ihr Gatte, der Kaiser höchstpersönlich, der in ihrem Namen die Ehrung verweigerte. Was das mit einer Frau macht, die Macht um sich häuft wie Andere heutzutage billigen Modeschmuck, kann man sich vorstellen.

Doch Messalina blieb über die Jahrhunderte auch wegen eines anderen Attributes lang in Erinnerung. Auch wenn sie heut fast vergessen schient, streift man durch die Museen der Welt, so kommt sie einem von Paris bis Dresden und natürlich auch noch in Rom, immer wieder vor Augen. Sie war das Sinnbild der männerfressenden Frau schlechthin. Und das in vielerlei Hinsicht. Gerüchten zufolge wartete sie manchmal bis Claudius in den wohlverdienten kaiserlichen Schlaf gesunken war. Dann schlich sie sich aus dem Palast – war das wirklich so einfach? – setzte sich eine blonde Perücke auf und mietete sich ein Zimmer. In einem Bordell! Und dann – na ja, was wohl?! Sie soll sogar eine „Kollegin“ zum Wettkampf herausgefordert haben. Die anonyme Kaiserin gewann … und war immer noch nicht zufriedengestellt.

Wer sich ihr in den Weg stellte, konnte schnell mal den Kopf verlieren. Und das ist ausnahmsweise mal wörtlich zu nehmen. Claudius wurde ihr nicht Herr. Er musste ja auch noch ein riesiges Reich führen, dass von Syrien bis ins heutige Portugal reichte, und von London bis Theben alles vereinnahmte. Und Intrigen waren nicht sporadische Nadelstiche, sie waren echter und gelebter Alltag.

Honor Cargill-Martin setzt einer Frau ein Denkmal, deren Denkmäler nach ihrem unfreiwilligen Ableben quasi vollständig zerstört wurden. Hier und da erkennt man sie noch auf Reliefs oder Statuen. Doch dafür muss man schon ausgemachter Experte sein. Zu dem wird man unweigerlich schon während der Lektüre. Sie eröffnet einem neue Welten und dem Einen oder Anderen sicher eine neue Sichtweise auf das Alte Rom.

Intrigen und kleine (vor allem aber große!) Ferkeleien interessieren immer. Bis heute. Man denke nur an den Deppenprinzen der er Jahre aus dem Hause Hohenzollern oder die Partyauswüchse von Prinz Harry. Das will man lesen, das will man hören. Hier gibt es darüber hinaus noch Geschichtsstunden, die gar nichts mit denen aus der Schulzeit gemeinsam haben!

Die Päpste

In unregelmäßigen Abständen verwandelt sich der ehrwürdige Petersplatz in die größte Partymeile der Welt. Und alle warten fahnenschwenkend und voller Ungeduld auf ein bisschen Rauch. Weißen Rauch. Denn dann wurde der neue Papst gewählt. Und damit ist die Jagd auf den neuen Namen eröffnet. Wer wird’s? Stimmen die tagelangen Prognosen? Was wird sich ändern?

Und dann treten die Experten auf den Plan. Wilde Spekulationen wie auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten machen die Runde. Bedächtige Herren lassen die Geschichte Revue passieren. Aus der Wahl für den höchsten Vertreter Gottes auf Erden ist eine Tombola geworden.

Und dann gibt es Bücher wie diese. Ein Protestant – Horst Fuhrmann – erzählt von dem, was einmal war. Ganz ohne Missionierungszwang und ohne Tendenzen. Einfach nur Geschichte erzählen. Und ja, es fühlt sich wie eine Erzählung an. Wo andere jede Zeile mit einem Datum, am besten noch mit Uhrzeit, beginnen, um sich selbst mit Fachkenntnis zu beweihräuchern, setzt er ein Zeichen für Fakten.

Petrus war der erste Papst. Er nannte sich aber nicht so. Er war lediglich der Bischof von Rom. Das mit dem Papst kam erst viel später hinzu. Aus dem Osten! In der Zwischenzeit, also bis zum heutigen Tag, gab es immer wieder Sonderlichkeiten. So kann es wohl ganz gut umschreiben. Denn zeitweise existierten mehrere Päpste gleichzeitig. Nicht nur der in Rom oder der in Avignon. Manche kauften sich ins Amt. Sie trieben’s bunt. Und das kann nun jeder für sich selbst interpretieren. Der Name Borgia ist mehr als nur ein Geschlechtername. Er ist das Sinnbild für Ausschweifungen enormen (biblischen?!) Ausmaßes. Inklusive Nachfolgegenerationen. Nur die Frage nach einer Päpstin kann auch Horst Fuhrmann nicht endgültig klären…

Dieses Buch ist ein umfassender Einblick in die Geschichte der Päpste. Sie kann ein Ausgangspunkt für weitere Suchen nach Antworten sein oder einfach nur das allwissende Buch für besondere Menschen sein. Warum müssen sich Kardinäle andere Namen geben, wenn sie den berühmtesten Thron der Welt besteigen? Was bleibt von ihnen, wenn sie den Weg alles Irdischen gegangen sind? Diese Fragen bleiben nicht unbeantwortet. Und schon gar nicht die Fragen, wer, ab wann und für wie lange die Geschicke der Kirche leitete. Die zahlreichen Abbildungen sind nachhaltiger Beleg für ein Amt, das vielen als überholt gilt, aber immer noch durch die Frage „Was wäre, wenn es den Papst nicht mehr gäbe?“ schlagartig für beendet betrachtet werden kann. Tiefgründige Recherchen machen aus dem Thema ein profundes Werk, das man immer mal wieder hervorholt, um noch einmal genau nachzulesen, was denn nun wirklich passierte, bevor der Pseudo-Investigativ-Journalist im Frühabendprogramm des pseudowissenschaftlichen Unterhaltungsmagazins breitbeinig haltlose Behauptungen von sich gibt.

Ingeborg Bachmann – Die Widerspenstige

„Die Widerspenstige“ – gleich mal eine Breitseite für alle Nostalgiker. Und zähmen ließ sie sich schon gar nicht. Tanzte nicht im Schuber, um Wein zu pressen. Das war Adriano Celentano. Und der hat mit Ingeborg Bachmann so gar nichts zu tun. Er steht mit 88 noch immer auf der Bühne. Sie ist seit über 50 Jahren tot. Doch beide verbindet, dass man sich wohl immer sie erinnern wird. So auch Ingeborg Gleichauf. Und bestimmt nicht wegen der Namensgleichheit…

Ingeborg unternimmt den Versuch sich Ingeborg zu nähern ohne dabei an der Kleidung zu zupfen, ihr zu nahe zu kommen, ihr auf den Geist zu gehen. Sie will den Geist Bachmanns erhaschen. Ihn auch für sich vereinnahmen. Doch niemals – niemals! – will sie sie entblößen.

In den 50ern war Ingeborg Bachmann einem breiten, aber immer noch Fachpublikum bekannt. Erotisiert fand man ihre Weiblichkeit. Heute würde man es viel direkter ausdrücken. Doch wie?! Ingeborg Bachmann ist immer noch präsent, nicht nur wegen des medial aufgewerteten Wettbewerbs, an dessen Ende einer der höchstdotierten Literaturpreise Europas steht. Hier treffen sich intellektuelle Verballhorner und wahre Literaturliebhaber, auch um Ingeborg Bachmann zu gedenken.

Nun kann man Ingeborg Bachmann einfach nur lesen. In ihre Texte eintauchen. Sich in ihren Worten suhlen. Oder man geht ihr auf den Grund – und nicht dem Leser auf den Wecker. Ingeborg Gleichauf hat sich für beides entschieden.

Den Versuch Bachmann zu entschlüsseln, unternimmt sie erst gar nicht. Sie will aus einem Leben erzählen, das erzählenswert ist. Sie will mit dem Leser und der anderen Ingeborg verreisen – Reisen bildet. Warum also zweifeln?!

Wer sich mit Ingeborg Bachmann beschäftigt hat, stößt oft an Grenzen. Wer ihr nahe kommen will, stößt sich den Kopf an. Ingeborg Gleichauf gelingt der Spagat zwischen Wissensdurst und Selbsterkenntnis zu unterscheiden und bei aller Neugier niemals den Leser loszulassen.

Monsieur Eiffel und sein Turm

Über Gustave Eiffel kann man sicher einiges behaupten: Ein Hallodri sei er gewesen, wenn man sein Engagement bei der Finanzbeschaffung für den Bau des Panama-Kanals betrachtet. Aber er war auch ein Visionär, um dieses strapazierte Wort noch einmal zu strapazieren. Einfach mal so einen Turm in die Weltmetropole Paris zu bauen, damit möglichst viele Besucher zur Weltausstellung 1889 kommen. Er wird ja danach eh wieder abgerissen. Doch es gibt bis heute nur wenige Bauwerke, die den Namen ihres Erbauers tragen und so weithin dauerhaft als Symbol einer Stadt, in Eiffels Fall sogar eines ganzen Landes gelten. Diese elegante Form, geometrisch perfekt, so spielerisch einfach einsetzbar. Man denke nur an das leuchtende Farbenspiel am Abend oder während der Olympischen Spiele 2024 in Paris. Doch Gustave Eiffel war auch ein Kämpfer. Er musste kämpfen. Denn sein Unterfangen den Turm zu bauen – keineswegs wollte er ihn nach sich benennen – war stets umstritten, stand mehrmals vor dem Aus, und war zudem auch noch Spekulationsobjekt Nummer Eins seiner Zeit. Immer verbunden mit dem Namen Eiffel.

Gustave Eiffel ist kein Einzeltäter. Einzeltäter im Sinne von „Einmal bauen und sich dann auf dem Ruhm ausruhen“. Er hat auch anderswo auf der Welt seine Spuren hinterlassne. Wer in Porto den Douro über die Ponte Dom Luís I überquert, setzt seinen Fuß auf Eiffels Werk. Seine Firma hat diese Brücke gebaut.

Eiffels Leben verlief nie geradlinig. Immer wieder stieß er auf Widerstände. Firmen gingen Pleite, seine Vision stießen nicht von Anfang an auf pure Freude. Er musste stets kämpfen. Mit Erfolg, muss man heute neidlos anerkennen.

Als die Kassen der Firma prall gefüllt waren – ja, es gab auch diese Zeiten – nahm das Projekt Eiffelturm, was da noch nicht so hieß, Gestalt an. Schlank sollte der Turm sein. Ein Zeugnis sein, was Ingenieurskunst imstande war zu leisten. Oder ganz schnöde gesagt, es durfte nicht viel kosten. Und trotzdem zum Imponieren taugen. Spezielle Verfahren zur Stabilisierung mussten entwickelt werden. Dafür hatte Eiffel ein gut gerüstetes und motiviertes Team in seinen Reihen. Er hat bei Weitem nicht alles selbst entworfen, geschweige denn gebaut. Nieten als Verbindungsmittel waren damals der letzte Schrei und sind bis heute das Mittel der Wahl.

Ralf Klingsiecks Biographie über den großen Gustave Eiffel liest sich wie ein Abenteuerroman. Jules Verne hätte seine Freude daran. Das gleichnamige Restaurant in der zweiten Etage des Turms trägt nicht umsonst den Namen des technikaffinen Schriftstellers. Die Leichtigkeit, mit der der Autor dem gewaltigen Werk des Erbauers ein weiteres Denkmal setzt, lässt diese Biographie aus dem Stapel der Biographien einzigartig herausragen.

Auf dem Hochseil

Da steht ein Mann … auf’m Seil! Und läuft und läuft und läuft… Eine Stange in der Hand, um das Gleichgewicht besser halten zu können. Und das in schwindelerregender Höhe. Philippe Petit ist sein Name. Und er als kleiner schwarzer Punkt vor azurblauen Himmel ist ein ikonografisches Symbol. Man kann nur staunen über den Mut und das Geschick. Man selbst würde wahrscheinlich schon nach Zentimetern in die Tiefe stürzen. Ist Philippe Petit auch passiert. Lunge gequetscht, Knochen gebrochen. Abschürfungen ohne Ende. Doch liegen bleiben ist keine dauerhafte Lösung. Wieder aufstehen, weitermachen. The show must go on! Das ist Philippe Petit.

In diesem Buch erzählt er was ihn antreibt. Was ihn schon immer gekickt hat. Und man liebt es. Man liebt die Selbstverständlichkeit, mit der er von seinen waghalsigen Unternehmungen berichtet. Ja, er gibt sogar Tipps für zukünftige Generation von Hochseilartisten, denen – wie ihm – die Zirkuskuppel zu beengt ist.

Man kennt vielleicht nicht unbedingt seinen Namen, aber seine mutigen Aktionen in Paris, New York, Sydney sind immer noch eine Attraktion, eine Erinnerung, die nie verblassen wird.

Paul Auster musste man sicher nicht lange bitten ein Vorwort für dieses Buch zu verfassen. Er bereitet Philippe Petit den Weg für eine Lebenserinnerung, einen Mutratgeber und einen umfassenden Einblick in die weltumspannende Idee von Mut. Die knappen Kapitel sind Leitfaden zur Vorsicht, aber vor allem Mutmacher sich ein Herz zu fassen und eigenen Träumen nicht einfach nur hinterherzujagen, sondern sie Schritt für Schritt in die Tat umzusetzen. Und das in jeder Lebenslage.

Hier bestimmen keine Zeitangaben den Bericht. Hier stehen Eindrücke, Emotionen und ebenso Ängste im Vordergrund wie eiserne Disziplin und Durchsetzungskraft. Hat man erst einmal das Vorwort (Paul Auster) aufgesogen, entkommt man dem Autor selbst nicht mehr. Allein schon die Hingabe zum Arbeitsgerät – so ein Seil ist nicht einfach nur ein Seil: Es muss fett- und ölfrei sein, das gut befestigt sein muss.

Philippe Petit verzichtet wohlwollend auf Aufmerksamkeit erhaschende Effekte. Er könnte episch breit davon erzählen wie er vor den Exekutiven davonrennt. Oder sich für sein Tun rechtfertigen. Nein, er entscheidet sich dafür seiner Leidenschaft einen Raum zu geben, der nicht weit Oben in den Wolken ist, sondern unten auf der Erde in den Händen des Lesers.

Garibaldi

Biographien sind oft faktenüberladen, manchmal wünschte man sich mehr Vorkenntnisse oder einen einfacheren Zugang. Interesse natürlich stets vorausgesetzt. Friederike Hausmann holt schon im ersten Satz den Leser da ab, wo eine Italienreise beginnen sollte: Glücklich, dass das gelato noch im cornetto ist und nicht über die kürzlich erstandene neue Hose verteilt wurde, ist man verlassen. Vor lauter Schlecken hat man sich verlaufen. Es gibt einen Trick, um auf den richtigen Pfad zurückzukehren, der in so ziemlich jedem Ort in Italien funktioniert. Nach der Piazza oder Via Garibaldi fragen. Meist ist es die größte Straße, die ins Zentrum führt oder es ist ein Platz an ebendieser Stelle. Und von da aus findet sich immer der richtige Weg.

Klingt fast schon wie ein Sinnbild für den Namen Garibaldi. Er hat Mitte des 19. Jahrhunderts Italien geeint. Das ist die Kurzfassung – das reicht an Vorkenntnissen für dieses Buch allemal. Buschiger Bart, Pferd und ein Säbel – so kennt man ihn, so wird er nur allzu gern und überall dargestellt. In italienischen Schulen werden Schüler über alle Jahrgangsstufen mit seinen Taten teils gequält. So in der DDR fast jeden Schritt des Kommunistenführers Ernst Thälmann kannte. Und nach der Schule auch ganz schnell wieder vergaß.

Aber hat Giuseppe Garibaldi wirklich Italien geeint? Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es unzählige Fürstentümer, Königreiche, Stadtstaaten etc. Jeder kochte sein eigenes Süppchen. Dann kam dieser Haudegen – wie auch im wundervollen „Der Leopard“ beschrieben und nicht minder exzellent verfilmt. Ihm schloss man sich an, weil es um “eine gute Sache ging“. Und man kämpfen konnte, sich erheben konnte. Doch wie mit jeder Legende gibt es auch bei Garibaldi dunkle Flecken. Sein Kampf gegen die Monarchie war nicht dauerhaft. Könige und Volk waren ihm gleichermaßen bekannt. Er schoss auf Bauern bzw. ließ auf sie schießen, wie auf Blaublüter. Doch er brauchte die einfachen Leute ebenso wie den Adel. Strategisch ging er Risiken ein, oft ging es gut. Aber auch so manches Mal gehörig in die Hose. Man konnte ihm blindlings trauen. Aber noch besser hielt man ihn unter Kontrolle.

Friederike Hausmann gelingt das seltene Kunststück umfassend über den Nationalhelden zu berichten und dabei keinen einzigen Sachverhalt, der ihn antrieb außeracht zu lassen. Und dass alles in einem Stil, der es dem Leser schwer macht auf nur eine Minute das Buch beiseite zu legen. Ein echter Thriller mit einem nicht ganz so glorreichen Ausgang. Aber das ist allein dem Helden zuzuschreiben. Und so ganz nebenbei lernt man dabei auch noch andere Persönlichkeiten, die einem beim Verlaufen wieder auf den richtigen Pfad bringen. Schon mal die Via Cavour gesucht?

Der verzauberte Junge von der Brücke

Der verzauberte Junge von der Brücke – dieser Untertitel macht neugierig. Wie kann eine Brücke verzaubern? Und warum wird dieser Folker mit F geschrieben? Da hat man das Buch noch nicht einmal auf- und schon ist man in seinen Bann geschlagen.

Folker Bohnet ist sicherlich nicht der bekannteste Name der Schauspieler in Deutschland. Sieht man ihn allerdings, erkennt man ihn umgehend. Dieses jungenhafte Lächeln – dieses immer währende jungenhafte Lächeln – war sein Markenzeichen. Sein Sohn Ilja hat drei Jahre vor dem Tod des Vaters mit ihm Gespräche geführt. Interviews im strengeren Sinne, doch sind es Gespräche zwischen Zweien, die sich so nah stehen wie niemand anderes.

Folker Bohnet wurde 1937 in Berlin geboren, verbrachte die Kriegskindheit in Sachsen, floh mit den Eltern in den 50ern in den Westen. Jurist sollte er werden, Schauspielkunst wurde es schließlich. Als an der Schauspielschule junge unverbrauchte Gesichter für einen Film gesucht wurden, überzeugte er. Der, der suchte, war Bernhard Wicki. Und der Film, für den er suchte, sollte „Die Brücke“ sein. Heute weiß man, dass dieser Film ein Meilenstein ist, und er für viele Schauspieler ein furioser Auftakt für erfolgreiche Karrieren war. Für Folker Bohnet war es bereits sein zweite große Rolle. Kurz zuvor stand er mit einem anderen noch sehr jungen, später sehr erfolgreichen Schauspielkommilitonen vor der Kamera: Götz George.

Es folgte ein wildes Leben, ein erfolgreiches Leben, ein abwechslungsreiches Leben. Schon in jungen Jahren gingen im Hause Bohnet Schauspieler und weitere Künstler ein und aus. Kunst war sein Leben. In jeder Hinsicht.

Es ist die Stille, die in den Worten dieser Biographie liegt, die den Leser so fasziniert. Keine ausschweifenden Gelage und Klatschgeschichten, die hier marktschreierisch zu manchem Skandal breitgetreten werden. Der Grandseigneur hat genossen und erzählt nun aus seinem Leben ohne die Stimmer zu erheben oder mit den Finger auf Andere zu zeigen.

Filmgeschichte, Kunstgeschichte, Künstlerleben – ganz ohne Verbitterung. Das ewige Lächeln im Gesicht war die ebenbürtige Geste zum ewig lächelnden Herzen von Folker Bohnet. Wer dieses Buch – vielleicht wegen der scheinbar fehlenden Prominenz des Namens – liegenlässt, darf sich nicht wundern, wenn er nicht als Film- und Schauspielexperte mehr angesehen wird.

Verlorene Freunde

Donald Windham wurde von Tennessee Williams als das größte Talent seit Carson McCullers bezeichnet. Eine Ehre, aber mit dem Beigeschmack, dass Williams Truman Capote mit diesem Lob eins auswischen wollte. Und schon sind wir bei en beiden Hauptakteuren dieser Erinnerungen aus der Feder eines Talents, das hierzulande weitaus weniger bekannt ist als Capote/Williams.

Und Donald Windham kannte beide gut. Sehr gut. Besser als viele andere. Er arbeitete mit ihnen, reiste mit ihnen, lebte mit ihnen. Als der Erfolg beide überrannte – und nichts anderes war es – verwandelten sie sich in Menschen, mit denen Windham nicht mehr klar kam. Seine Erinnerungen sind kleine Liebeserklärungen unter dem Deckmantel der Faktenweitergabe. Aber es sind und bleiben Liebeserklärungen. Mal nüchtern, mal euphorisch, mal sentimental.

Wir sind in den 40er/50er Jahren als sowohl Capote als auch Williams unangefochtene Stars der Literatur- bzw. Theaterszene Amerikas sind. Windham steht ihnen in Nichts nach. Doch es kann immer nur einen König geben. Traurig oder gar missgünstig ist er aber nicht. Nicht offen, vielleicht. Windham hat viele Freunde- Manche stehen im näher als andere. Genauso sind sie berühmter als andere oder eben weniger bekannt. Doch alle schweben im selben Künstlerkosmos. André Gide und Gore Vidal zählen zu diesem erlesenen Kreis. Taormina, Capri, generell Italien hat es ihnen angetan. Sie bewohnen Villen, die vorher schon von den Großen ihrer Zunft bewohnt wurden. Inspiration und Restitution, Anspannung und Abenteuer sind ihnen gleichermaßen Antrieb und Ansporn.

Beim Lesen folgt man ihnen gern auf ihren Spuren, auf der steten Suche nach Anerkennung und Abschottung. Erfolge und Niederlagen verschmelzen in der Erinnerung Windhams an lieb gewonnene Freunde und deren zu frühen Tod. Ein lautes Lachen, ein gequältes Lächeln sind ebenbürtig.

„Verlorene Freunde“ wurde bei Tennesse Williams viel dramatischer und aufgebauschter erscheinen. Bei Truman Capote wäre es eine gemeine Abrechnung mit all denen, die ihn umgaben und umschmeichelten. Bei Donald Windham sind es kleine Diamanten, die funkeln und die er funkeln lässt. Er hat sein Glück gefunden. Nicht bei, neben oder mit Capote oder Williams – das gemeinsame Glück war nur zeitlich begrenzt – er fand die große Liebe, öfter als gewollt, doch er fand sie. Diese Erinnerungen an Freunde, die sich veränderten Bedingungen (freiwillig?) ergaben, sind eine Zeitreise, die immer noch fasziniert.