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Neapel oder Das Schweigen der Sirene

Der Titel des Buches nimmt die Reaktion des Lesers vorweg: Man hält inne und suhlt sich im Gelesenen. Nicht weil Autor Marc Buhl die geheimsten Geheimtipps offenlegt oder lauschigsten Hotspots ans Tageslicht befördert. Sondern weil er es schafft auf knapp zweihundert Seiten die Seele einer Stadt greifbar zu machen.

Ein hundert Jahre alter Baedeker ist der Startschuss für eine Reise, die er niemals vergessen wird und die dem Leser eine Stadt zeigt, die immer noch mit einem unheimlichen Image behaftet ist: Neapel. Nirgends auf der Welt ist man so sehr darauf bedacht seine Habseligkeiten immer im Auge oder in der Hand zu halten. Denn Langfinger gehören zu Neapel wie die Pizza Margherita. Was sicherlich zum Teil stimmen mag. Auch hier ist es auch nicht gefährlicher als in den dunkelsten Ecken von Moskau bis Rio.

Neapel ist für Marc Buhl wie ein Magnet. So wie Odysseus der Sirene Parthenope widerstehen musste, um mit seinen Gefährten den heimischen Hafen erreichen zu könne, so sehr erliegt Marc Buhl dieser Stadt. Die Sirene mag schweigen, doch der Ruf der Stadt ist stärker.

Die Außenansicht der Dinge verwandelt sich rasch in eine tiefgehende Innenansicht. Und das nicht nur in den Abschnitten über die Unterwelt der Stadt am Golf. Der malträtierte Begriff von den Streifzügen bekommt in Marc Buhls eine neue Bedeutung. Er läuft durch die Straßen und Gassen, streift hier und da umher und ist stets mittendrin. Einmal so sehr, dass er sich wünscht nicht so tief eingetaucht zu sein. Am Ende dieses Erlebnisses blutet die Nase, ist da Portemonnaie leer, aber dafür sitzt er anschließend an einem reich gedeckten Tisch.

Realität und Fiktion laufen in diesem Buch nicht nebeneinander her, sie bedingen sich und verschmelzen im Reigen der Worte zu einem Gesamtwerk, das man als potentieller Neapelbesucher unbedingt gelesen haben muss. Die Bilder, die Christian Seeling zu diesem Buch beigesteuert hat, sind mehr als Beigabe zu den einzigartigen Texten. Sie unterstreichen das Geschriebene und bereiten ein fruchtbares Beet für Neugierige. Faszinierende Nahaufnahmen und doppelseitige, an Suchbilder erinnernde, Aufnahmen rotzen den Klischees der dahinsiechenden Stadt und vermitteln ein wahres Bild einer großartigen Stadt.

Italienische Weihnachten

Weihnachten und Wunder – das Passt. Eine wundervolle Zeit, in der man garn an Wunder glaubt. Überall auf der Welt! Und wenn dann auch noch Wunder in Erfüllung gehen, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

So wie bei Luigi Malerba. Gaspare wird von einem Propheten dazu verleitet nach Massa Martana zu fahren. Dort stünde nämlich demnächst ein Wunder ins Haus, bzw. in den Stall. Seine Frau hat nur ein müdes Lächeln für die Hirngespinste ihres Gatten übrig. Lässt ihn aber gewähren. Sie vertreibt währenddessen die Zeit im Kino. Gaspare fährt also aufs Geratewohl los, um dem Wunder beizuwohnen. Ein Goldkettchen hat aus dem heimischen Schrank noch schnell stibitzt. Denn schließlich soll man niemandem ohne Geschenk die Aufwartung machen. Und er selbst sieht sich in seiner Rolle auch als etwas ganz Besonderes. Allerdings muss er bald feststellen, dass er nicht der Einzige ist, der sich auf die Reise in den entfernten Ort macht. Zwei weitere Männer haben das gleiche Ziel. Auch sie mit Geschenken im Gepäck. Der Eine hat sogar was ganz Praktisches dabei: Etwas gegen den Gestank am Ort des Geschehens, hier riecht es doch penetrant nach Stall…

Andrea Camilleri nimmt eine Zeitungsmeldung zum Anlass sich ein paar Gedanken über Weihnachten zu machen. In South Dakota wohnt ein Mann für den Weihnachten an 365 Tagen im Jahr stattfindet. Er zelebriert das nicht, in dem er einfach die üppige Weihnachtsdeko am Haus nicht abnimmt, sondern in dem er seiner tiefsten Überzeugung Leben einhaucht: Er ist der Weihnachtsmann. Drei rentiere hat er auch, zwei Weibchen und einen Bock. Als letztem jedoch im Laufe des Jahres nach ein bisschen Zweisamkeit zumute ist, und er mit ansehen muss, wie der Weihnachtsmann mit einer der Auserwählten schmust – ohne dabei jedoch die Regeln des Anstands zu verletzen, damit das mal klar ist – ist es mit der Illusion schnell vorbei. Er nimmt den Rauschebart ins Visier und anschließend aufs Geweih.

Luciano de Crescendzo lässt Baum- und Krippenliebhaber – in Neapel mehr als nur eine Frage des Geschmacks – aufeinander losgehen. Leonardo Sciascia lässt Kinderstimmen zum Leben erwachen. Kurzum: „Italienische Weihnachten“ kommt 2019 in der zweiten Auflage in die Läden. Mehr als nur eine hübsche Idee, um anderen eine Freude zu machen. Wenn der Weihnachtskonsumwahnsinn überhandnimmt, sind diese Geschichten das Wunder, das Weihnachten innewohnen sollte.

Lillehammer – Palermo oder: Suite für eine viertel Kuh

Je nachdem von wo man anreist, liegen Lillehammer wie Palermo am Ende der Welt. Die Zeiten sind vorbei, in denen man dachte, dass, wenn man am Rande der Welt Gleichgewichtsstörungen bekommt, sofort in ein tiefes Nichts fällt. Das passiert weder im hohen Norden, noch im tiefsten Süden Europas. Lillehammer, die Stadt, die erst seit knapp drei Jahrzehnten eine Rolle in den Köpfen der Menschen spielt, seit 1992 hier die Olympischen Winterspiele stattfanden, und seitdem als das Maß aller Dinge gelten. Und Palermo, die Stadt, die für die meisten das Italien aufblühen lässt, das sie gar nicht ist, da ihre Wurzeln wie kaum woanders in Europa interkontinental sind.

Stig Sæterbakken und Nino Vetri – unschwer zu erkennen, wer aus welcher Stadt kommt – begeben sich in ihren Geschichten an den Rand Europas. Abseits der Pfade, abwegig in jeder Hinsicht. Und dabei so eindringlich und voller Sehnsucht, dass selbst Märchensammler wie die Gebrüder Grimm grün vor Neid werden. So groß die Entfernung der beiden geographisch war, so eng sind ihre Schicksale als Künstler miteinander verwoben. Sie haben sich nie getroffen. Doch ihr Verleger hat sie – im Falle von Sæterbakken posthum – miteinander vermählt. Ein rauschendes Fest für den Leser!

Nino Vetris beitrag, die Erzählung „Suite für eine viertel Kuh“ beginnt mit dem seltsamen Zusammentreffen des Erzählers, welcher unverkennbar der Autor selbst ist, mit einem Magier. Ein echter Freigeist in jedweder Lesart: Freischaffend, depressiv, angewidert, unverstanden, … pleite. Ein echter Künstler eben. Er eckt an mit seiner Kunst, und die Leute nehmen kein Blatt vor dem Mund, wenn sie ihm ihre Meinung geigen. Oder sie schütten gleich ihr Bier über seinem Haupt aus. Ein hartes Leben als Künstler. Wagner III., so nennt sich dieser Magier, geht schon seit Längerem mit einer Idee für eine Theaterstück schwanger. In diesem soll eine Kuh, Ratten, Fäkalien und Gift eine Rolle spielen. Die Provokation als Kunst. Auch der Erzähler hat eine Idee für eine Geschichte. Sie handelt von Freud und Jung, den Psychoanalytikern. Wagner III. klaut Passagen bzw. gleich die ganze Geschichte. Der Erzähler wird unweigerlich ins perfide Spiel des Magiers hineingezogen. Die Grenzen zwischen Realität und Kunst verschwimmen sehenden Auges.

Bei Sæterbakkens Part in diesem Buch spielen Versatzstücke eine große Rolle. Aus dem Nachlass entnommene Stücke spiegeln genau das wieder, was am anderen Ende, nicht der Welt, immerhin jedoch, Europas ebenso passieren kann. Der Künstler als unverstandener Interpret der Zeit. Die Notate aus dem Nachlass von Stig Sæterbakken lesen sich wie die Einverständniserklärung für das Leben des Wagner III., das der Feder Nino Vetris entsprungen ist. Wagner III. wurde erst nach seinem Tod bekannt. Sæterbakken war schon vor seinem Tod ein geachteter Autor. Er schied am 24. Januar 2012 freiwillig aus dem Leben. In Zusammenhang mit diesem Buch ist der Tod eines weiteren Menschen vielleicht nicht von Bedeutung, aber doch auffallend (könnte von Wagner III. nicht besser inszeniert worden sein): Zwei Tage vor Sæterbakken starb der amerikanische Football-Coach Joe Palermo.

Basilikata mit Matera

Die Basilikata ist sicherlich eine Region in Italien, die vielen auf Anhieb nicht viel sagen wird. Sie liegt im Süden, dort wo man umgangssprachlich den Fußball mit dem Vollspann trifft. Sengende Sonne, überbordende Landschaften und die typisch süditalienische Gastfreundschaft sind die Markenzeichen dieses Landstriches. Dass auf dem Titel die Stadt Matera prangt, hat seinen Grund: Denn sie darf sich ans Ortseingangsschild im Jahr 2019 den Sticker „Kulturhauptstadt Europas“ kleben. Sie teilt sich den Titel mit Plovdiv in Bulgarien. Doch dorthin strömen in erster Linie die knallharten Nachrichtenreporter, um „was Buntes“ für ihre Auftraggeber zu recherchieren. Bisher kamen dabei im Großen und Ganzen aber nur Beiträge über Folklore-Auftritte und selbstverliebte Künstler, die das harte Leben in der Region anprangern, heraus.

Matera hingegen kann sich da ganz gemütlich zurücklehnen. Sie haben das, was man als unique selling point bezeichnet. Etwas Unverwechselbares, dass sonst niemand hat. Nämlich Höhlen, in den Fels gehauene Behausungen und Kirchen. Nicht nur ein paar „zum Angucken“, sondern eine ganze Stadt voll. Wer schon einmal die Kasematten in der Zitadelle von Namur im wallonischen Teil Belgiens oder – noch eine Nummer größer – die in Luxemburg besichtigt hat, weiß um die Faszination vom Leben unter der Erde.

Es wäre jedoch der größte Unfug zu behaupten, dass die Basilikata nur aus Matera besteht. Sie ist sicherlich der entscheidende Funken, der das Feuer für den Süden Italiens noch einmal entfacht. Dieses Buch beweist, dass die Basilikata durchaus mehr zu bieten hat als Behausungen, die nur mit enormem Aufwand zu erhalten sind. Zugegeben, hier gibt es keine Städte, die man durch intensives Verfolgen der Serie A aus dem TV kennen mag. Potenza, Rotonda und vielleicht noch Rivello hat man schon mal aufgeschnappt. Doch bringt man sie nicht umgehend mit der Basilikata in Verbindung. Peter Amann ist im Süden Italiens zweitzuhausig, wenn es dieses Wort denn gibt. Kein Baum, kein Weg, kein Haustier, das ihm nicht schon einmal seinen Weg gekreuzt hat. Wer ihm auf Instagram folgt, kennt auch sein Lieblingstier…

Wer auch nur ein wenig in dem Buch blättert, weiß, dass man ohne Ersatzakkus kaum der eigenen Fotografierlust nachgehen kann. Und selbst so kleine Orte wie Pietrapertosa bekommen hier einen Stellenwert, den man nur erahnen kann, wenn man nicht selbst vor Ort war. Warum Pietrapertosa? Warum nicht! Die höchstgelegene Gemeinde der Basilikata auf etwas über tausend Meter Höhe und genauso vielen Einwohnern lässt die Fantasie der Besucher in ungeahnte Höhen aufschwingen. Sandsteinformationen, die alle Sinne in Schwingung versetzen. Seit ca. zweieinhalb Jahrtausenden ist dieser Ort bewohnt. Ganz wichtig für Schnellentschlossene: Die zahlreichen nützlichen Tipps wie etwa die Öffnungszeiten des Tourismusbüros im Ort sowie die Tipps für Übernachtungen und fürs leibliche Wohl. Wobei erstes schon wieder hinfällig ist, da man ja diesen Reiseband in den Händen hält. Und der hat mindestens genauso viele Ratschläge für das Erholung suchende Besucherherz.

Dieser Reiseband hat genau die richtige Größe und das richtige Gewicht. Inhaltlich ist er ein unerlässlicher Reisepartner, der nicht nur den Weg weist, sondern vor allem auf das hinweist, was am Wegesrand erblüht.

Der Teufel, natürlich

Da will man jemandem was Gutes tun … und der Schuss geht voll nach hinten los. Oder man will jemand aus Angst selbst enttarnt zu werden in die Pfanne hauen, und fällt in die Grube, die man selbst ausgehoben hat. Da müssen doch höhere Mächte am Werk sein! Nicht immer. Manche nennen es Schicksal. Manche erkennen in solchen Taten den Teufel. Nüchtern betrachtet ist es ausgleichende Gerechtigkeit.

Für Andrea Camilleri war – ja, leider muss man es nun so sagen: Es war. Andrea Camilleri schloss am 17. Juli 2019 endgültig die letzten Seiten seines Lebensbuches – war es fast schon ein diabolisches Vergnügen dem Menschen einen Spiegel vorzuhalten, ohne dabei den berüchtigten Zeigefinger warnend zu schwenken.

Diese Geschichtensammlung kann man nicht in Auftrag geben. Sie wird einem angeboten. Und das Angebot sollte man annehmen! Schon allein die erste Geschichte der Philosophen Jean-Paul Dassin und Dieter Maltz zeigt Camilleris Fähigkeit Fiktion und Realität in einen einmaligen Einklang zu bringen. Beide Philosophen kannten sich nicht. Die Medien heizten durch Spekulationen, dass Dassin der Literaturnobelpreis zugesprochen werden solle, jedoch die Feindschaft an. Maltz ließ das kalt. Er als sich die Politik einzumischen versucht, nimmt Maltz die Herausforderung an. Die Akademie, die den Preis verleiht, sieht sich gezwungen, Dassin aus dem Kreis der Anwärter zu streichen. Zu viel öffentliches Interesse, könne die Wahl beeinflussen. Maltz schreibt in einer derart überhöht satirisch über Dassins Werk, dass nun niemand mehr umherkam, Dassin den Preis schlussendlich doch zuzusprechen. Die Satire war derart gut zwischen den Lobeshymnen versteckt, dass niemand die spitze Zunge auffiel.

Der Teufel steckt halt immer im Detail. Doch selbst, wenn man ihn erkennt, nimmt man ihn nicht ernst. Doch das Ende der Geschichten ist nicht immer vorhersehbar. Ein Einbrecher entdeckt verräterische Fotos und zwei Briefe der Erpressten. Ihr Verführer hat sie beim heimlichen Liebesspiel fotografiert. Sie solle zahlen, dann bekäme sie die Negative. Doch der Erpresser dachte gar nicht daran die Kuh, die er molk auf die Weide zurückzulassen. Er wollte mehr. Für die Verführte eine delikate Angelegenheit, denn sie war die Ehefrau eines angesehenen Mannes. Der Erpresser lässt in einem Anflug von Edelmut ihr die Fotos zukommen. Sie hatte die Fotos und die Affäre schon fast vergessen, die Zeit heilt alle Wunden. Doch dann beginnt der Todeskreislauf von vorn …

„Der Teufel, natürlich“ ist nur wenige Tage nach seinem Tod auf Deutsch erschienen. Dreiundreißig Geschichten, die nur von ihm geschrieben werden konnten. Den Finger in die Wunde legen und zu behaupten, dass er es doch gleich gesagt hätte, dass es schief geht, war nicht sein täglich Panino. Aber ohne Schadenfreude zu beobachten wie Pläne sich ins Gegenteil verwandeln, den Prozess des Niedergangs zu beschreiben, gelang mit einer Leichtigkeit und Präzision, die jedem Diamantenschleifer die eigene Unzulänglichkeit vor Augen führt.

Für jede Seite, jeden Absatz, jedes Wort sollte man Andrea Camilleri ein Denkmal setzen. Mit Tränen in den Augen fliegt nicht über die Sätze, man taucht in die Geschichten ein. Luftholen unnötig. Camilleri erstickt den Leser mit einem zufriedenen Gefühl, dass man derartigen Schicksalen bisher aus dem Weg gehen konnte. Man ist aber nun auf der Hut!

La cucina veneziana II

Ein gutes Bier dauert sieben Minuten. Pasta benötigt je nach Art ein paar Minuten mehr oder weniger. Die Wartezeit auf den Nachfolger von „La Cucina veneziana“ betrug nicht mal ein Jahr. Dieses Genussbuch in sich aufzusaugen, ist eine Lebensaufgabe. Denn es einfach nur zu lesen wie einen Roman, wäre ein Affront gegen den Koch. Gerd Wolfgang Sievers ist Koch, der der venezianischen Küche verfallen ist. Zusätzlich ist er auch noch Journalist. Und so verbindet er mittlerweile zum zweiten Mal beide Leidenschaften, Koch und Schreiben.

Bei vielen Kochbüchern hat man das Gefühl die Rezepte einfach nicht nachkochen zu können, weil die Rezepte wegen mangelnder Möglichkeiten die Zutaten kaufen zu können, nicht realisierbar sind. Das ist leider auch in diesem Buch der Fall. Aber – und das ist ein riesengroßes ABER – das schwächt in keiner Weise den Wert dieses Buches. Venedig ist nicht weit weg. Und wenn man dann vor Ort ist, kann man frohen Mutes einen großen Bogen um die Schnitzel- und Burgertempel der Stadt machen. Schließlich weiß man dank dieses Buches, was es heißt Venedig ganz venezianisch kulinarisch genießen zu können.

Das beginnt beim Radicchio, den es in Venetien nicht nur in der Form wie hierzulande im Supermarkt gibt, sondern in zahlreichen Formen und Farben. Gerd Wolfgang Sievers nimmt den Leser wieder mit auf Spaziergänge über die Märkte, in Osterias und die Küchen der Restaurants. Deckeln anheben, sich eine Nase Genuss abholen und die Rezepte auf sich wirken lassen. So muss ein Kochbuch sein!

Jedes der einzelnen Kapitel widmet der Autor einer Zutat oder einer Mahlzeit. Detailreich schildert er wie die Rezepte den Weg in die Küchen der Lagune schafften und was die Meister ihrer Zunft daraus zauberten. Zum Abschluss eines Kapitels wird es praktisch, wenn ein Rezept zum Nachkochen anregt. Sofern man die Zutaten bekommt. Granzevola alla veneziana klingt schon nach Gaumenschmaus. Aber woher soll die Seespinne kommen? Hat man sie gefunden, muss man – ganz Fachmann, der man schon während des Lesens wird – den Bauch ein wenig zusammendrücken. Wenn die Seespinne ein wenig quietscht, ist sie noch sehr frisch. So schmeckt’s immer noch am besten!

Von Antipasti über Primi piatti, Fisch, Fleisch und Geflügel bis hin zu den Dolci (inkl. Liquori) verführt dieses Buch zum genießen venezianischer Lebensart in den eigenen vier Wänden. Nachkochen erlaubt und gewünscht, Venedig sehen und genießen ausdrücklich gefordert. Auch geizt der Autor nicht mit Tipps, wo die Küchen der Serenissima noch ursprünglich und die Touristen fern sind. Ein Reiseband mit kalorienreicher Sinnesfrucht obersten Ranges.

Glücksmomente am Gardasee

Wer am Gardasee Urlaub macht, hat das Glück an sich schon gepachtet. Strahlend blauer Himmel, kühles Nasse und eine Aussicht, die Ihresgleichen sucht. Und wenn man den Autoren Monika Kellermann und Thilo Weimar glauben darf, findet man zusätzlich zu diesen drei unschlagbaren Erholungsmomenten noch weitere 146 Glücksmomente, die den Urlaub unvergesslich machen. Und jeden Moment ewig währen lassen…

Neben zehn Badestränden, die nicht nur die Top Ten bilden, sondern von Natur aus (und das ist hier wortwörtlich zu nehmen) langanhaltende Glücksmomente bescheren, sind es so genannte Highlights, die man vor Ort als gegeben hinnimmt. Wie zum Beispiel San Zeno, das Maroni-Paradies. Zur Monatswende Oktober / November werden die Früchte geerntet. Wer zu dieser Zeit am Lago di Garda urlaubt, darf dieses Ereignis nicht verpassen. In der Taverna Kus kann man es sich gut gehen lassen. Und Maroni in allen Variationen genießen. Die Autoren können allerdings noch einen drauf setzen. Nach dem Weinkeller fragen, soll ihrer Meinung nach den Genussmoment noch verstärken und verlängern.

Desenzano ist ein Paradies für Modebewusste. Tessilandia heißt das Zauberwort – Stoffe und Muster, dass einem das Auge übergeht. Je nach Muße kann auch dieser Glücksmoment länger dauern als so manche Eiskreation am Wegesrand. Die verschafft ja auch oft – nur leider auch zu oft zu kurz – einen Glücksmoment.

Dieser kleine Reiseband verspricht nicht reißerisch Highlights und versteckte Kleinode, er präsentiert sie kurz und prägnant. Vor allem aber übersichtlich und leicht nachvollziehbar. Das praktische Format lässt erst gar keinen Zweifel aufkommen, ob man nun noch ein Reisebuch über den Gardasee einpacken soll oder nicht. Dieses Buch gehört mit auf Reisen, auf jedem Spaziergang, zu jeder noch so kurzen Erkundungstour. Auch wenn man schon das eine oder andere Mal am Gardasee die schönste Zeit verbracht hat. Selbst Experten werden überrascht sein, was ihnen bisher entgangen ist.

Die Wahrheit über Lucrezia Borgia

Mord und Totschlag – da geht’s ja zu wie bei den Borgia! Stimmt, Lucrezia ist ja auch eine Borgia. Und was für eine! Eine Giftmischerin, eine Meuchelmörderin, gewiefte Strategin. Es gibt kaum ein negatives Attribut, das man ihr nicht anhängen möchte. Klar, bei diesem Familiennamen! Doch die Geschichten über sie entsprechen nicht immer dem, was wirklich geschah. Florian Neumann rückt in seiner kompakten Biographie über Lucrezia Borgia Vorurteilen auf die Pelle und einiges zurecht.

Neununddreißig Jahre wurde sie nur. Doch ihr Name hallt bis heute nach. 1480 geboren, Tochter eines Papstes, Alexander VI., lebte ein Leben, das dem geflügelten Wort vom Auf und Ab eine ganz neue Dimension gab. Als sie zwölf Jahre alt ist, wird ihr Vater Rodrigo Borgia zum Papst gewählt. Als Vizekanzler hatte er schon in der Vergangenheit einige Konklave mit organisiert und kannte die Befindlichkeiten der potentiellen Anwärter auf das höchste Amt im Kirchenstaat. Er ging auch selbst auf Stimmenfang für seine eigene Wahl. Diese reichten jedoch in den Jahren zuvor nicht. Ihm fehlte es an finanziellen Mitteln. Nun war er Papst, mehrfacher Vater (schon als Kardinal war das Zölibat für kaum mehr als ein Wort. Als Lucrezia (die einzige deren exaktes Geburtsdatum und Mutter bekannt sind) dreizehn ist, wird sie verheiratet. Die Machtverhältnisse im Ringen um das Königreich Neapel, die spanische Krone und die Machterhaltung des Vatikans sind die maßgeblichen Beweggründe für die Vermählung. Wäre nicht kurz zuvor ein anderer Heiratsvertrag geplatzt, hätte sie schon früher geheiratet.

Doch die Ehe soll nicht lange halten, denn ihr Gatte, ein Sforza, ist wegen der Allianz seiner Familie mit den Franzosen, die gegen Neapel in den Krieg zogen, die wiederum mit dem Vatikan verbadelt waren, in Ungnade gefallen und flieht.

Immer noch ein Teenager und schon zweimal wurde eine Ehe arrangiert, eine vollzogen und wieder annulliert. In der Zukunft ist Lucrezia Borgias Leben auch nicht gerade von Eigenständigkeit geprägt. Sie darf Feste und Empfänge ausrichten. Weitere Ehen werden arrangiert und wieder gelöst. Sie bringt mehrere Kinder zur Welt, die meisten sterben im Kindbett oder in sehr jungen Jahren. Ein erfülltes Leben sieht anders aus.

Doch auch die Gerüchte, die sich um sie ranken, reißen schon zu Lebzeiten nicht ab. Die Feinde der Borgia – und davon gibt es mehr als Freunde – sind geschickt darin Intrigen zu spinnen. Was das betrifft, nehmen sich Würdenträger (Borgia) und die, die ihnen die Ämter neiden (Orsini, Delle Rovere etc.) nicht viel.

Die Archive der Welt wurden von Florian Neumann vom Staub der Jahrhunderte befreit und gaben ihm ihre Kostbarkeiten preis. Mit detaillierter Genauigkeit und spannungsgeladener Wortwahl reist er mit dem Leser ein halbes Jahrtausend zurück. In ein Europa, das von Einigkeit so weit entfernt war, wie die Sonne von einer Unterkühlung. Diese Biographie macht Lust sich weiter in die Geschichte zu vertiefen. Sie jedoch als bloßen Appetithappen zu bezeichnen, würde dem Buch nicht gerecht werden. Die großen Zusammenhänge der Politik zur damaligen Zeit und die zahlreichen Anekdoten machen dieses Buch zu etwas ganz Besonderem.

Neapel abseits der Pfade

Was gibt es Schöneres als an einem Samstagnachmittag durch die Gassen von Neapel zu streifen? Nicht jeder kann sofort in den Flieger steigen und gen Süden abdüsen – aber muss es denn immer gleich die Reise in den Süden sein, um selbigen zu erleben? Im Falle von Neapel ist die Antwort nicht ganz so einfach. Ja, die Stadt hat sich ihren Charme bewahrt, auch ihre Klischees.

Das weiß auch Elisabetta De Luca. Sie ist gebürtige Neapolitanerin, lebt in Wien und hat ein Buch über Neapel geschrieben, das mit Insidertipps von vorn bis hinten reichlich belegt ist.

Es ist ein sehr persönliches Buch, das Elisabetta De Luca geschrieben hat. Schließlich besucht sie ihre Familie, die hier immer noch lebt. So kennt sie auch so manchen versteckten Ort, der zur Einkehr einlädt und zum Hauptniederbetten ideal, weil ursprünglich ist. Da dieses Orte nun in ihrem Buch stehen, werden sie wohl nicht länger als absoluter Geheimtipp gehandelt werden können.

Die Autorin vermeidet es – der Leser nimmt es wohlwollend zur Kenntnis – vorgefertigte Routen anzugeben. Wer also von einem Markt zum nächsten Museum wandern will, und dabei links und rechts mit Highlights bombardiert werden möchte, muss zwischen den Zeilen lesen. „Neapel abseits der Pfade“ ist eine Liebeserklärung an Napoli. Fast unscheinbar zieht Elisabeta De Luca den Leser in eine Stadt hinein, deren Faszination nicht aus Architektur und anderen historischen Hinterlassenschaften besteht, sondern wie kaum eine andere Stadt auf der Lebendigkeit ihrer Bewohner gründet. Eine caffé hier, ein bisschen Pasta dort. Wer eingeladen wird, Gastfreundlichkeit wird hier nicht nur groß geschrieben, sondern gelebt, sollte die Einladung annehmen. Diese These untermalt sie eindrucksvoll mit Anekdoten aus ihrem eigenen Leben, so dass dieses Klischee einfach stimmen muss.

Neapel scheint sich auf den Straßen und Gassen abzuspielen. Spielen im wahrsten Sinne des Wortes. Napolitaner sind Schauspieler, aber nicht um zu täuschen, sondern um gestenreich sich selbst zu inszenieren. Die ganze Stadt ist stetig in Bewegung, und wenn es einmal still steht, dann ist da immer noch das Sprachengewirr einer internationalen Millionenstadt.

Die Touristenströme hat sie gesehen, und Elisabetta De Luca hat sie gemieden. Das kommt dem Leser zugute, der nun weiß, dass er einen unterhaltsamen Samstagnachmittag verlebt hat, aber im Gegenzug sich eingestehen muss, dass zum vollkommenen Neapel-Glück nur noch eines fehlt: Die Stadt noch einmal persönlich zu erobern. Die Vorbereitungen sind mit der letzten Seite des Buches abgeschlossen. Mehr braucht man nicht! Fazit: Neapel ohne dieses Buch im Handgepäck wäre wie Pizza Margherita nur mit Mozzarella: Überall nur weiße Flecke. Ohne das frische Grün für das Leben und ohne das Rot des Lebens.

Die Kommune der Faschisten

Da fallen einfach mal so zweieinhalbtausend Mann in Fiume, heute Rijeka, Kroatien, ein und spielen Faschismus. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man diese Einleitung für den Beginn eines phantastischen Romans für wahr nehmen. Doch es ist leider so gewesen. September 1919. Der erste Weltkrieg ist vorüber und Italien sucht wieder einmal oder noch immer nach einer nationalen Identität.

Der Dichter und Lebemann Gabriele D’Annunzio ist der Anführer dieser Truppe. Schon länger fordert er Bildung und ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl auf dem Apennin. Was anfangs noch nach Fortschritt klang und sich auch so anfühlte, wandelte sich im Laufe der Jahre zu einer Idee, die immer wildere Formen annahm. Folgten ihm erst noch sogar die Intellektuellen, so ist er mittlerweile ziemlich isoliert. Der Krieg hat vieles verändert. Wie nach einem Vulkanausbruch, der alles vernichtet, nur um später saftigere Früchte gedeihen zu lassen, ist er überzeugt, dass der Krieg nun fruchtbaren Boden für ihn und seine Ideen parathält.

Europa ist neu geordnet, das Habsburger Reich zerschlagen. Nur Rijeka wurde übersehen, so sieht er die Chance seine Utopie in die Realität umzusetzen.

Der Publizist und Journalist Kersten Knipp nimmt sich viel Zeit, um den Leser eingehend in die Zeit vor dem eigentlichen Ereignis einzustimmen, auf das, was noch folgen wird. Mit Geduld und Detailreichtum zeichnet er das Bild eines Mannes, D’Annunzio, der mit aller Gewalt seine Ideen heraus posaunt. Als die Freischärler auf der östlichen Seite der Adria gelandet sind, wird es für den Leser spannend. Denn die Truppe beginnt sofort mit der Umgestaltung der Menschen. Vieles kommt einem bekannt vor, macht Angst, weil die Geschichte uns lehrt, dass es schief gehen muss, mit vielen Opfern. Und zweitens, weil man derzeit wieder ähnliche Bestrebungen fast schon ungestraft benennen darf. Nationalismus in allen Ehren. Doch wer diesen Nationalismus auf Hass und Ablehnung gegenüber anderen, nur weil sie anders sind, aufbaut, ist zum Scheitern verurteilt. Dass so manche Passage des Buches den Leser zum Schmunzeln bringt, ist nur ein Nebeneffekt. Denn alles in allem war diese reichlich ein Jahr anhaltende Periode für Rijeka / Fiume ein trauriges Kapitel, dessen Auswirkungen bis heute noch in Teilen spürbar sind.