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Drei Frauen

Es ist wie der wahr gewordene Traum eines Politikers, der aus Alternativlosigkeit dem Volke ans Herz legt sich um sich selbst zu kümmern: Drei Frauen in einem Haus, die füreinander da sind – egal, was das Leben für sie parathält.

Doch so traumhaft ist die Konstellation dann doch nicht. Da ist zum Einen Gesuina. Ehemalige Schauspielerin, das Oberhaupt des Trios. Sie nimmt das Leben locker. Sie kann sich an der Schönheit des anderen Geschlechts ergötzen ohne zum äußersten zu gehen. Die Affäre mit dem jungen Bäcker ist quasi die logische Schlussfolgerung.

Zum Anderen ist da Maria. Übersetzerin, Literatur- und Kunstversessene. Sie verweigert sich ganz und gar der modernen Technik. Ein Handy kommt ihr nicht in den Alltag. Sie schreibt Briefe. An Francois. Ihrem Geliebten. Ihm klagt sie, ihm gesteht sie ihre Sehnsüchte. Maria ist die Tochter von Gesuina.

Und dann ist da noch Lori, Loredana. Tochter von Maria und somit Enkelin von Gesuina. Bald wird sie das Gymnasium beendet haben. Doch weiter reichen ihre Pläne nicht. Vielleicht mit Tulú. Doch da ist sie sich nicht ganz sicher. So wie sie überhaupt nicht sicher ist, was irgendwann mit ihr geschieht, was sie aus ihrem Leben machen kann und will.

Jede hat ihre Ansichten. Über das Leben, den Tag und die Anderen. Das Leben vergeht, die Tage verrinnen, die Anderen sind immer da. Langweilig wird’s bei ihnen nicht. Die Jüngste ist pikiert über das Verhalten der nonna, die Mittlere fühlt sich als Haushaltskraft missbraucht. Die Älteste beobachtet teils amüsiert das wilde und das trübe Treiben ihrer Mitbewohnerinnen, die nun aber auch ihre Familie sind.

Dann steht Francois auf der Matte. Wortwörtlich steht er auf dem Türvorleger und begehrt Einlass. Ein gutaussehender Mann. Das weiß Maria zu schätzen, den beiden Anderen bleibt dieser Fakt auch nicht unerkannt. Es ist kurz vor Weihnachten. Schon bald werden er und Maria zusammen in den Urlaub fahren. Es ist ja nur kurz, dass der Mann die drei Frauen aus ihrer Routine holt. Physisch gesehen stimmt das. Emotional ist er ein Tsunami. Und die Wellen werden hoch schlagen, werden so manches fest in der Erde gemauerte Dogma erschüttern und zum Einsturz bringen.

Dacia Maraini braucht keine Massen an Akteuren, um die Komplexität von Beziehungen darzustellen. Das Trio ist vollkommen ausreichend, um ein spannungsgeladenes Jahr zu präsentieren. Ein Jahr, das jeder der Drei in Erinnerung bleiben wird. Aus den unterschiedlichsten Gründen…

Herbsterzählung

Nun könnte man meinen, dass der Spruch „Vom Regen in die Traufe kommen“ eher ins Reich der Floskeln gehört, die man von sich gibt, wenn einem endlose Diskussionen wenig ertragreich erscheinen. Dem Erzähler in diesem Buch wäre das wohl auch lieber.

Er pirscht durch die Höhne des italienischen Apennin. Er ist auf der Flucht vor den Besatzern. Hinter jedem Baum könnte ein Gewehrlauf auf ihn gerichtet sein. Diskussionen gäbe es keine. Nur Blei. Einmal hätten sie ihn fast erwischt. Fast! Ein wenig Hoffnung schöpft er als er ein scheinbar verlassenes Haus entdeckt. Was heißt Haus?! Ein Anwesen. Mächtig, trutzig, ein wenig runtergekommen. Aber als Versteck fast ideal. Fast! Nach eingängiger Erkundungstour blickt er … in die Augen eines grimmigen Alten – wohl der Hausbesitzer – und in die Augen zweier mehr als willige Wachhunde. Mit Engelszungen redet er auf den Alten ein. Ein Lager für die Nacht erbittet er. Man gewährt ihm die Bitte.

Der nächste Morgen – die Nacht war erquicklich – soll ihm Gewissheit verschaffen, wo er sich befindet. Geographisch ist die Lage unklar. Doch der Geist ist ruhig. Er fühlt sich fast sicher. Fast.

Denn hier im Nirgendwo stimmt was nicht. Das Anwesen ist von jahrhundetealter Pracht. Verkommene Pracht – wenn er wüsste wie nah er an der Wahrheit ist mit seinen Eindrücken… Der Alte ist immer noch mürrisch. Ihn stört es, dass der fremde Eindringling überall herumstöbert. Und nicht aufhört Fragen zu stellen. In den Gesprächen schwant dem Flüchtigen, dass er in einem herrschaftlichen Haus sich eingenistet hat, und dass der Alte eine mehr als grundsolide Ausbildung genossen hat. Nur die hastig eingeworfenen Worte in einem unverständlichen Dialekt lassen die Neugier nicht verschwinden. Vor allem nach den weiteren Mitbewohnern. Die gibt es nach Auskunft des Alten aber nicht. Er lebe hier allein. Aber …  doch … er … habe … der Fremde ist verwirrt. Das war dich was. Ein Geräusch. Bei genauerem Hinsehen sind die Anzeichen für mehr als ein menschliches Leben im Haus nicht zu übersehen. Der Schein trügt nicht, doch die Erklärung haut den Erzähler aus den Schuhen…

Tommaso Landolfi inszeniert ein Horrorszenario, dass gänzlich ohne offensichtlichen Horror auskommt. Keine Monster, die speichelsabbernd und zähnefletschend auf menschliches Fleisch aus sind. Der Horror geschieht im Kopf. Wer einsam lebt, tut Sachen, die besser im Verborgenen bleiben sollten. Jede Störung der Ruhe führt automatisch zur Katastrophe. Wie sich diese auswirkt … hat im diesen Fall nur der Autor in der Hand. So viel sei verraten: Er hat ein goldenes Händchen!

Arrivederci Adria!

Um es gleich vorweg zu nehmen: Dieses Buch liest man am besten am Strand. Spiaggia. Bei Sonnenschein. Umgeben von Landsleuten muss man nicht zwingend sein. Aber auch nicht von ewig Folklore verströmenden Einheimischen…

So wie in der Geschichte von Julius Frauenstädt. Der will mit seiner Familie und dne Großeltern nach Rimini. Dorthin, wo Fellini geboren wurde. Dorthin, von wo aus Fellini schnell wegwollte. In die große weite Welt und berühmt wurde. Erstmal wird einer nach dem Anderen krank. Dann spielt das Wetter verrückt. Von wegen bel tempo. Und zum Lesen – Moravia – kommt Julius Frauenstädt auch nicht. Als dann – endlich – Abreisetag ist, verkehrt sich alles ins Gegenteil. Die Sonne scheint, Fellini hat ihn tagträumenderweise an die Hand genommen, San Marino war eine Enttäuschung und die Heimfahrt … ach nee. So muss, so darf ein Italienurlaub einfach nicht sein.

Egyd Gstättner macht es den Helden in seinen Geschichten nicht einfach. La dolce vita gibt es nur auf der Leinwand. Schreiende Kinder, frutti di mare im Überfluss, aber so richtig Urlaub? Das gibt’s ned! Woran liegt das? Sich mal so richtig gehen lassen, wie die Italiener – Klischees sind doch was Wunderbares – ist einfach nicht drin. Und wenn doch, dann schwebt die tickende Uhr über der an sich entspannten Stunde.

„Arrividerci Adria!“ liest man mit Genuss. Immer, wenn es einem besser geht als den Protagonisten, fühlt man sich gut. Und wenn man doch nicht recht entspannen kann, so weiß man doch, dass man nicht der einzige ist, dem es so geht. Manchmal brennen seine Geschichten wie Grappa in der vertrockneten Kehle. Manchmal sind sie Seelenmassage wie Tiramisu nach einem heißen Strandtag. Doch sie gehen immer sofort unter die Haut wie ein laues Lüftchen, dass die brennende Sonne erträglich macht.

Europa erlesen Genua

Die ligurische Küste besticht durch ihre elegante Küstenführung und die sofort daran anschließenden schroffen Bergformationen, die einen Ausstieg aus dem Meer nicht den sofortigen Aufstieg an Land zulassen. Hier muss man sich bewegen, Hakenschlagen, um ans Ziel zu gelangen.

Auch muss man sich nicht lange mühen, um die Stadt aufsaugen zu können, sofern man sich dieses kleinen Büchleins herzlichst annimmt. Genua kann nicht wie beispielsweise Florenz auf eine Galerie großer Namen, die die Geschicke der Stadt leiteten und bis heute zum Strahlen bringen, verlassen. Die Stadt will erobert werden. Und sie wurde erobert. Christoph Kolumbus verließ sie, um die Welt zu erkunden. Heinrich Heine und Charles Dickens – zum Beispiel – kamen zu ihr, um ihre Reize zu entdecken. Wortreich, gewandt wie ein eleganter Luchs, schlichen sie durch die Häuserschluchten, erklommen Hügel und waren ergriffen von der Weitsichtigkeit der Stadt. Das alles ist anderthalb Jahrhundert bis zweihundert Jahre her. Und noch immer kann man der Faszination der Dichter etwas abgewinnen und zustimmend nicken, wenn ergriffen und charmant von Genua schwärmen. Selbst Karl May war hier – oder doch nicht. Bei ihm weiß man ja nie so genau…

Der Weltreisenden Alma Karlin sieht die große Stadt schon etwas nüchterner. Sie hat die Welt gesehen, wird sie noch bereisen als sie Genua besucht. Ein bisschen mehr Farbe hätte ihr Urteil üppiger ausfallen lassen. Die Suche nach einer passenden Unterkunft hat auch nicht dazu beigetragen Genua als Sehnsuchtsort einzuordnen.

Dieses kleine Büchlein ist unverzichtbar beim nächsten Genua-Besuch. Die gesamte Bandbreite von Ui bis Pfui wird in den Texten über die Stadt abgebildet. Wahrlich hat sich Genua verändert. Als Stadt am Meer unterliegt sie zwangsläufig Veränderungen. Und wie damals – zu Zeiten von Heine, aber auch Alma Karlin – gibt es Ecken, die nicht zwingend vorzeigbar sind. Ebenso die Plätze und Orte, die einem den Atem stocken lassen.

Fakt ist, dass „Europa erlesen – Genua“ ein fester Reisegepäckbestandteil sein sollte, will man Genua auf den Grund und nicht auf den Leim gehen.

Europa erlesen – Florenz

Nach Rom ist Florenz sicherlich die Stadt mit der größten Anziehungskraft in Italien. Eine derart prächtige Stadt muss man sich erobern. Von der Piazza Michelangelo hat man sicher den imposantesten Ausblick auf die Stadt, ist aber zu keiner Tageszeit allein und muss die Erhabenheit der Stadt mit allerlei plärrendem Publikum teilen. Und erst in den Straßen und Gassen der Stadt! Kein Quadratmeter, der nicht von Menschen besetzt ist. Keine Ruheort, an dem an sich ein paar Moment Ruhe gönnen kann. Die muss man sich selbst schaffen.

Mit diesem Buch in der Hand – passt in jede noch so kleine Tasche – ist die Ruheoase nur wenige Momente entfernt. Man vergisst den Lärm der Stadt und der durch sie hindurchwalzenden Menschenmassen. Man versinkt in kleinen fiesen Intrigen wie Giovanni Fiorentino, der einen liebestrunkenen Eroberer von seiner Angebeteten angetrieben in ein Fiasko zu stürzen scheint. Sehr zum Leidwesen ihres Gatten…

Florenz ist auch und vor allem die Stadt der Medici. Niccolò Machiavelli war ihr großer Gegenspieler. Ausgerechnet er verhandelte mit den Borgia – die andere Renaissance-Sippe, die mit unerbittlichem Machtdrang aufstieg und sich dort mit noch mehr Gewalt lang, zu lange hielt, um einen drohenden Krieg zu vermeiden. Die Schmeicheleien auf beiden Seiten, aber auch die versteckten Drohungen (heutzutage wird ja gleich offen gedroht und im gleichen Atemzug dementiert) sind eine wahre Pracht, wenn man sich in sie vertieft.

Dieses kleine Lesebüchlein mit Auszügen aus Texten über und aus Florenz ist wie die Stadt selbst eine Zierde. Eine Ruheoase, die einen alles um sich herum verschwinden lassen kann, lässt man sich darauf ein. Ideal, um die Stadt am Arno näher und intensiver kennenzulernen. Und mancherorts erschein die Mysterien der Stadt wie ein offenes Buch vor dem Betrachter. Erholungspause mit Lerneffekt in einem – das gibt’s nicht oft.

Südtirol und Trentino

Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, dass in Italien durchaus auch deutsch klingende Namen (von Orten) gebräuchlich sind, stellt sich ziemlich schnell ein ausgeprägtes Italienurlaubsglücksgefühl ein. Denn das weiche Bressanone klingt doch viel italienischer als das harte Brixen. Aber das sind nur Augenaufreißer, die sich schnell wieder verflüchtigen, wenn man erstmal in die beeindruckende Natur Südtirols eingetaucht ist.

Und um das auch wirklich ganz und gar erleben zu können, ist es wichtig zu wissen, was man sehen muss, und was auf gar keinen Fall verpassen darf. Gunnar Strunz ist hierfür der richtige Wegweiser und sein Reiseband „Südtriol Trentino“ das prall gefüllte Reisewissenspaket, das als Schwergewicht nicht zur Last fällt.

Die Regionen Vinschgau, Meran, Bozen, Eisacktal, Pustertal, Südtiroler Dolomiten und Trentino werden so ausführlich beschrieben, dass Scheitern oder gar Auslassen von wichtigen Sehnsuchtsorten ausgeschlossen wird. Auf über 500 Seiten – der Urlaub beginnt also schon viel früher vor dem Abflug – werden ausführlich und reich bebildert Orte vorgestellt, die man eventuell schon von so mancher Wintersportübertragung aus dem Fernsehen kennt oder aus vereinzelten Heimatfilmen. Vielleicht sind es ja sogar diese Filmausschnitte, die einem dazu brachten Südtirol und Trentino zu besuchen.

Endlose Wanderungen (die natürlich nicht endlos sind, sondern doch irgendwann enden müssen, auch wenn man es sich nicht wünscht) beispielsweise entlang des Avisio sind gespickt mit Zwischenhalten, um die Seele baumeln zu lassen und Augen und Beine zu entspannen. Man gelangt hier auch zum Lago di San Pellegrino. Eine Umrundung dauert nicht einmal eine halbe Stunde. Im Sprudelwasser kann man hier nicht baden, das ist lombardischen Ursprungs – da muss man sich schon rund drei Stunden ins Auto setzen und Richtung Südwesten fahren.

Wenn man doch motorisiert unterwegs ist, so sind sämtliche Hinweisschilder auf Italienisch und Deutsch verfasst. Wer weiß schon, dass Vipiteno auch als Sterzing bekannt ist?! Und je ländlicher es wird, kommt auch noch ladinisch hinzu. Eine Sprache, die stellenweise vertraut klingt, doch im Gegenzug schwer verständlich ist. Aber das gibt sich schnell, wenn man den empfohlenen Routen des Buches folgt man sich der Umgebung hingibt.

Dieser Reiseband ist ein Leisetreter. Kaum merklich wird man dazu verführt Südtirol, Trentino zu besuchen. Die Angst, sich hier zu verlieren, verschwindet hinter der Aufregung vor den unzähligen Abenteuern, die man hier noch erleben kann. Überraschungspaket mit Erlebnisgarantie.

Historische Fälschungen

Fake News – ach, wie schön man das herausbrüllen kann … egal, ob es stimmt oder nicht. Und wenn es dann doch einmal stimmt, will’s keiner hören. Weil die Theorien, die längst widerlegt sind, so herrlich ins Bild passen, das man sich selbst erschaffen hat. Es ist schon ein Kreuz mit der Wahrheit. Emanuela Lucchetti hat sich vier exemplarische Fake News vorgenommen und in ihrem Essay unter die Lupe genommen.

Sie beginnt mit der Konstantinischen Schenkung, die schlussendlich den Machtbereich der Katholischen Kirche bis heute prägt. Hier stimmt nichts. Die Wortwahl hätte schon früher auffallen müssen, ist es aber nicht. Die erste Aufarbeitung wurde nur im evangelischen Umfeld verbreitet – sehr ungünstig, wenn man nur die Gegner mit der Wahrheit versorgt. Vertrauen sieht anders aus.

„Die Protokolle der Waisen von Zion“ sind ein anderes Kaliber. Sie dienen – trotz aller Widerlegungen und Beweise, dass der russische Geheimdienst sie verfasste und verbreitete – mit mehr als willigen Helfern) bis heute als religiös erachtetes Pamphlet für die jüdische Weltverschwörung. Und somit als Legitimation Juden generell skeptisch entgegenzutreten und legitimiert jeden Angriff auf sie. In der aktuellen Situation, in der sich der israelische Präsident Netanjahu selbst wie ein blindwütiger Hund, der gegen alles beißt, was ihm in den Weg kommt, kein Grund sie weiter zu verfemen. Ein Graus für jeden, der halbwegs geradeaus denken kann!

Für die meisten sind die Lügen, die zum Irakkrieg führten – und somit Tausende in den Tod schickten, Familien zerstörten, Kulturerbe für immer auslöschten – noch gut in Erinnerung. Colin Powell hielt bei einer Rede vor der UNO ein Röhrchen in die Luft, das den Beweis lieferte, dass der irakische Präsident Saddam Hussein massenhaft Vernichtungswaffen parathält. Ausgedachter Unsinn, um ans Öl zu kommen – zugegeben eine einfacher Sichtweise, doch näher an der Wahrheit als das Powells Röhrchen in der UNO.

Wo Krieg ist, stirbt zu erst die Wahrheit. Das erkannte schon Winston Churchill. Und je einfacher die Lüge, desto einfacher ist ihre Verbreitung. In Mittagspausen, auf Schulhöfen, beim Plausch mit Bekannten und Freunden – sie sind überall. Kleine, fiese Lügen, die man ohne groß nachzudenken weiterreichen kann. Und man immer ein bejahendes Kopfschütteln erntet. Man selbst weiß ja wie der Hase läuft. Und die Studierten mit all ihren Theorien, die kein Mensch versteht, können noch so sehr argumentieren: Ich habe recht! Die in diesem Buch vorgestellten Lügen – und nichts anders sind sie!, basta! – sind keine neuen Erkenntnisse. Dass sie komprimiert noch einmal so eindrücklich dargestellt werden – mit aktuellem Bezug – ist das Verdienst des Werkes. Lesen, nachdenken, handeln!

oh! Verona

Verona war noch nie einfach nur ein Geheimtipp. Mal Julia an die Brust fassen oder sich im antiken Theater ein grandioses Opernerlebnis gönnen, das ist Verona für die meisten. Doch das kann doch nicht alles sein?! Schließlich wollen die über vier Millionen Übernachtungsgäste bestens unterhalten werden.

Und vor allem verköstigt werden. Risotto kommt hier auf den Tisch. Meistens sogar mit Reis aus der direkten Umgebung. Und dann hat man die Qual der Wahl – dabei kann auch dieses Buch nicht helfen. Bei allem anderen ist „Oh! Verona“ die beste, wenn nicht sogar die einzige Wahl. Diese Qual ist dem Veronabesucher also schon einmal genommen.

Als Ausgangspunkt für die meisten Erkundungen bietet sich das antike Amphitheater an. Es liegt zentral und man immer jemanden fragen wie man dorthin kommt, falls man sich einmal im Straßengewirr verlaufen hat. Und das schon seit zweitausend Jahren! Siebenhundert Jahre ist es her, dass Dante Alighieri nach seiner Flucht aus Florenz hier Asyl fand. Und ihm begegnet man auf Schritt und Tritt. Ideal für ein Sammelspiel: Wie oft trifft man Alighieri während eines Spaziergangs in Verona? Kleiner Trick für alle, die gern schlaumeierisch sich einen Vorteil verschaffen wollen: Mal ins Portemonnaie schauen – Dante ist auf den italienischen Zwei-Euro-Münzen.

Überall in der Stadt findet man eingemauerte Löwenmäuler. Die Löwen sind Symbole der Republik Venedig, die hier lange Zeit die Geschicke der Stadt leitete. Wer will kann einen Denunziationszettel einwerfen. Früher konnte man – aber nur mit Unterschrift – so jemanden eines Vergehens bezichtigen ohne ihm gegenübertreten zu müssen. Anonyme Anzeigen wurden vernichtet – für alle Demokratieverteidiger von heute ein gefundenes Fressen…

Von nicht ganz so geheimen Tipps für Spartickets über Familiengrüfte bis hin zu verdammt alten Graffiti hat Autorin Maria Kampp eine Menge Verona-Safari-Tipps zusammengetragen, die Verona zu einem prall gefüllten Erlebnis machen. Ohne dabei die gehypten Hotpsots außeracht zu lassen. Auch hier weiß sie geneigten Besuchern Rat zu geben. Was aber an dieser Stelle geheimbleibt… psst.

Leere Gräber und Göttinen, architektonische Fundstücke und grandiose Aussichten – man muss ein bisschen suchen, um Veronas Schätze zu finden. Oder man wirft einen Blick in diesen exzellenten Reiseband. Auch für unterwegs bestens geeignet.

Venetien

Auf nach V…, äh Venedig? Verona? Vicenza? Oder dann mal was ohne V? Wie wäre es mit Padua, was eigentlich Padova heißt, also doch wieder ein V. Und wenn man diesen Reiseband vor sich aufgeschlagen liegen hat, bildet er auch ein V. Man kommt einfach nicht herum ums V. Kruzrtipp-Gag: das muss man doch glattweg fünf tage bleiben – fünf = in römischen Ziffern V.

Wie man es nun nimmt, Venetien ist mehr als nur Venedig, wobei das Nur ob der Pracht der Lagunenstadt im Nebel des Staunens verblasst. Verona ist nach der Venedig sicher die bekannteste Stadt der Region. Klar, von hier kommen Romeo und Julia. Balkon gucken, Brust anfassen, fertig. Was wäre aber, wenn Romeo und Julia gar nicht aus Verona stammten?! Sondern vielmehr von zwei Burgen, die ganz dicht an V… Vicenza liegen. Unerhört! Hat Shakespeare geschummelt? Ja, die wahren Wurzeln der beiden unglücklich Verliebten liegen in den Bergen bei Vicenza. Montecchio Maggiore sollte man sich merken, wenn man den Massen-Romeo-Und-Julia-Shakespeare-Must-Visit-Pflichtteil erledigt hat. Das ist nur eine Info aus den zahlreichen gelb unterlegten Kästen, die dem Leser, der gern individuelle und wahrhaft authentisch seine Urlaubsregion erkunden will.

Padua ist nur einen Steinwurf von Vicenza entfernt – so wie Vicenza von Verona. Eine Perle Venetiens. Und as nicht nur, weil auf Instagram eine wahre Flut an chic gestellten Fotos bei strahlendem Sonnenschein der Stadt einen besonderen Glanz verleihen. Während Vicenza als Stadt von Palladio, dem Architekten und Wegbereiter des Klassizismus gilt, ist Padua Giotto-Stadt. Auch er war ein Wegbereiter, für die Renaissance. Ein Wegbereiter für einen Wegbereiter. Padua nennt man auch die bemalte Stadt. Ein gigantischer Freskenzyklus durchzieht die Stadt, nicht unbedingt öffentlich zugänglich, aber dafür gibt es die „padova urbs picta Card“, mit der man zu dem auch noch die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos nutzen kann. Und wenn man einmal dabei ist: Die Universität ist ebenfalls einen Besuch wert. Galileo Galilei hat hier fast zwei Jahrzehnte gelehrt und dabei die Jupitermonde und die Saturnringe entdeckt. So ganz nebenbei hat er die Theorie aufgestellt, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Das bekam ihm nicht. Ob man ihn auch im mittlerweile ältesten Sektionssaal der Welt „auseinandergenommen“ hätte?!

Noch ein letzter Satz zum V in Venetien. Vom englischen Kulturkreis ausgehend trat das V seinen Siegeszug als Zeichen für den Sieg (victory, was auch aus dem lateinischen stammt) in die Welt an. Also Zeige- und Mittelfinger gespreizt – Venetien wartet. Und in den verbleibenden acht Fingern hält man dieses Buch.

oh! Neapel

Ball, Clown, Pizza. So würde es in jeder anderen Stadt heißen. In Napoli ist es SSC Napoli, was Diego Armando Maradona bedeutet. In Napoli ist es Pulcinella. Und es ist auch und vor allem Margherita, die Mutter allen Fastfoods (was es anfangs nicht war). Also haben wir auf gelben Grund ein weißes „oh!“, ein schwarzes Neapel sowie D10S, Pulcinella e Pizza. Mehr muss man auch erstmal nicht über die Stadt wissen. Hand auf, Pizza drauf, fertig. Und um Himmelswillen nicht über Maradona oder die Leidenschaft zur SSC Napoli lächeln. Sonst kommt im günstigsten Fall Pulcinella und spielt Dir einen Streich.

Die Stadt am gleichnamigen Golf aber nur mit diesen drei Attributen abschließend zu beschreiben, wäre mindestens so frevelhaft. Denn hier wandelt man auf Jahrtausende altem Grund. Quartieri spagnoli. Selbst alteingesessene Italiener rollen mit den Augen, wenn man ihnen mitteilt, dass man hier nächtigen möchte. Alles halb so schlimm. Klar, man wird beäugt. Aber nach ein, zwei freundlichen „Buongiorno“ ist man bekannt und dass man keine Gefahr darstellt. Eintracht-Frankfurt-Fans sollten aber vielleicht draußen bleiben. Und schon gar nicht uniformiert den Maradona-Deovtionalien-Markt murale Maradona besuchen. Ein Fantastikum, das es nur hier, in Napoli geben kann.

Napoli ist ein Straßenwirrwarr und Gassenlabyrinth, das man zu nehmen wissen muss. Überall hängt die Wäsche quer über einem. Doch nicht überall gibt es für Touristenaugen auch was zu sehen. Irene Helmes hat hier gewohnt. Sie zieht es immer wieder hierher. Und immer wieder entdeckt sie sicher auch Neues. Napoli verändert sich sicher nicht so rasant wie Shanghai, doch der Wandel ist immer wieder sicht- und spürbar. Als Touri mit verunsichertem Gang tappt man gern mal in die eine oder andere Falle. Restaurants bieten sich hier dafür an. Aufmerksam Karte studieren, gern auch vermeintlich dumme Fragen stellen – das hilft schon fürs Erste.

Für den Rest sorgt dieses wirklich einzigartige Buch. Selbst den Soundtrack kann man sich per QR-Code runterladen und auf die Ohren geben. Dann hört man allerdings den Straßenlärm nicht mehr. Der gehört zu Napoli wie wilde Wendemanöver und zähe Touristenströme in der Gasse der Krippenmacher.

Wer Neapel zusätzlich zu Veilcheneisverzehr (wo sich schon die Sisi dem Genuss hingab) und dem Besuch des Teatro San Carlo in sich aufsaugen will, muss sich auch manchmal in die vermeintlichen Höllen der Stadt begeben. Wie man sich dort verhält, was man sehen muss und was man getrost umgehen kann (oder sollte) – dafür lohnt sich permanentes Blättern in diesem Reiseband.