Der Stern Wermut

Das alles war einmal. Die Sensation Bar hatte eine Sensation: La Niña Estrellita, jetzt „nur“ noch Églantine. Sie war der Star. Wegen ihr kam man hier her. Die hatte viele Verehrer. Das alles war einmal. In Haïti konnte sie gut leben. Doch das war einmal. In ihrer Unterkunft, es ist eine kleine Pension, all inclusive, mit rührender Herbergsmutter, kernt sie eine Frau kennen. Sie ist Geschäftsfrau. Sie hat sich etwas aufgebaut. Das will Églantine auch. Sich etwas aufbauen. Etwas mit bestand, wovon man auch noch im Alter profitieren oder zumindest leben kann ohne Angst zu haben, dass morgen alles vorbei ist.

Salz ist momentan das Gut der Stunde. Der Preis steigt steig. Die Speditionen scheuen das Risiko Salz zu transportieren. Wenn man also selbst das Salz abholt und es transportiert, steigt der Gewinn. Églantnie hat nichts zu verlieren, sieht keinen Grund zu zögern – das ist es, was sie suchte!

Ein Schiff mit erfahrender Mannschaft soll sie dem salzigen Glück näher bringen. Die See ist ruhig. Alles verläuft so wie sie es sich erhofft hat. Das sanfte Schaukeln des Schiffs wirkt beruhigend. Das ändert sich als allmählich Unruhe an Deck aufkommt. Der Horizont färbt sich rot. Was einst noch unentdeckt unter Oberfläche waberte, droht nun mit gigantischer Wucht über sie hineinzubrechen…

Das fragmentarische Weiterführen der Geschichte „Die Mulattin“ von Jacques Stéphen Alexis lässt den Leser in Erstaunen geraten. Er war der Meister des wunderbaren Realismus Haïtis. Diese Fragmente wurden vor wenigen Jahren erstmals veröffentlicht und nun erstmals auf Deutsch. „Der Stern Wermut“ ist prall gefüllt mit Sprachbildern, die in ihrer Intensität keine zwei Meinungen zulassen. Die einleitenden Worte von Rike Bolte führen den Leser in eine Welt ein, die zwar geographisch fern zu sein schient. In ihrer Vielfalt jedoch einem gar nicht mehr so fremd vorkommt.