Sizilianische Geschichten

Wenn Sizilien die Quintessenz Italiens ist, oder zumindest der Summe aller Klischees, dann ist dieses Büchlein wohl die Quintessenz des literarischen Siziliens. Ein Konzentrat, das Kopfnicken mit einem Lächeln paart. Denn Luigi Pirandello, Leonardo Sciascia, Andrea Camilleri, Dacia Maraini, Roberto Alajmo sind nur ein paar Autoren, die in diesem kleinen Büchlein ihrer Insel ein Denkmal setzen, das nicht zur wegen der Abmaße jederzeit griffbereit ist.

Mn stelle sich vor, dass man auf einem Hügel im Hinterland – sagen wir Corleone, das sagenumwobene Corleone – sitzt und ins Tal schaut. Am Horizont steigt eine Rauchsäule auf. Auf der spärlich befahrenen Straße tuckert ein Moped oder besser eine Ape als Lieferwagen verkleidet um die engen Kurven. Von irgendwo her steigt Essenduft in die Nase. Die Sonne brennt gnadenlos auf einen hernieder, obwohl es noch nicht mal Mittagszeit ist und die wenigen ristorante noch lange nicht ans Öffnen denken. Paradiesisch, diese Ruhe. Doch irgendwas fehlt! Das letzte Puzzleteil, um das Glück an diesem Flecke Erde abzurunden.

Könnte es sein, … ja, könnte es ein, dass das perfekte Glück in die Hosentasche passt? Nur ein paar Seiten zwischen stabiler Pappe? Rein äußerlich Sizilien im Faustformat? Siiii. Certo. Natürlich, es fehlen Zeilen von echten Sizilianern. Die ihre Heimat lieben. Die, die Sizilianer in und auswendig kennen. Und die ihre Charaktere so steilvoll in Szene setzen können.

Während bei Sciascia die Schlitzohrigkeit einmal mehr ein Schmunzeln hervorruft, ist es bei Alajmo die Genervtheit vom Straßenverkehr Palermos. Camilleri lässt einen Sizilianer böse Blut über einen Engländer vergießen, der sich keinerlei Schuld bewusst ist – wieso auch, da hat jemand ein ganz böses Spiel getrieben, ohne die Konsequenzen zu beachten. Und bei Pirandello liegen Poesie und Sehnsucht derart eng beieinander, dass man sie kaum noch auseinanderhalten kann. Und Dacia Maraini liefert ein Beispiel dafür, dass bei all der Verträumtheit, die Sizilien gern ausstrahlt auch die wirklich Böse und Schändliche zur Wahrheit gehört.

Die sizilianischen Geschichten bieten die gesamte Bandbreite der Insel dar. Klar, das man hier sich wie im Paradies fühlt. Die Insel kann gar nicht anders. Aber auch das Paradies hat Schattenseiten, die aber nicht ausschließlich Dunkles in sich bergen. Gewitzt, schräg, nervend, liebevoll – wie die Insel so ihre Geschichten.