Archiv der Kategorie: Liderbücher

Gute-Nacht-Geschichten

Amazonenrache

Das hatte sich Wladimir, Zar Wladimir, wohl ganz anders ausgemalt. Ein kleines Tête-à-Tête mit Narda sollte es werden. Ein bisschen Abschalten vom Alltag als Regent eines riesigen Reiches. Sie die Herrin, er ihr ergebener Sklave. Narda, die Amazone, weiß die Gunst der Stunde zu nutzen. Im Pelz, so wie es ihr Sklave und Gebieter in einer Person es wünscht steht sie vor ihm. Die Macht entgleitet ihm, so wollte er es. Doch sein Hirn schaltet auf einmal in den Verdrängungsmodus. Er bietet Narda, seiner Herrin nun an, das Reich vom Sonnenauf- bis Sonnenuntergang zu regieren. Am nächsten Morgen soll das Experiment beginnen.

Und so kommt es dann auch. Narda – immer ganz Herrin ihrer Sinne und fokussiert auf ihren Erfolg – wird so lang die Sonne scheint die Herrin über Leben und Tod. Mit unerschütterlichem Tatendrang stellt sie sich eine schlagkräftige Truppe zusammen. Eine Amazonengarde, die ihr auf Gedeih und Verderb nicht ausgeliefert ist, sondern blind in jede Schlacht folgen wird. Als der Tag sich dem Ende neigt, ist nichts mehr wie es war. Wladimir fordert vehement die Rückübertragung seiner ihm angeborenen Macht zurück. Doch das Spiel ist schon zu weit fortgeschritten…

Die zweite Geschichte in diesem Büchlein stammt von Leopold von Sacher-Masochs Frau Wanda. Sie hatte nach der Hochzeit nicht nur den Nachnamen ihres Gatten angenommen, sondern auch den Vornamen aus seinem berühmten Roman „Venus im Pelz“. Auch ihre Heldin wirft den Pelz wie einen Zaubermantel über, der ihr unsagbare Macht verleiht. Warwara Pagadin genießt die Liebe zu Semen Pultowski. Er hängt einer Partei an, die es sich zur Aufgabe gemacht jedes Machtgefüge im Reich in Frage zu stellen und zu erschüttern. Bei einer Demonstration in Kiew wird er verhaftet und gefoltert. Doch die Namen der Mitverschwörer rückt er nicht raus. Warwara erfährt, äußerlich ungerührt, aus der Zeitung von der Verhaftung ihres Geliebten. Sie weiß, dass große Ideen nur im Stillen, im Extremfall sogar nur im Verborgenen gedeihen. Und so macht sie sich auf den Weg Semen den Weg in die Freiheit zu bahnen.

Dieser Weg führt nicht am Polizeichef der Stadt vorbei. Vielmehr führt er sie direkt zu ihm. Das Schicksal meint es gut mit ihr. Er verfällt ihr. Und die Aufständischen sehen die Chance gekommen endlich Rache zu nehmen an dem widerwärtigen Polizeichef. Warwara soll die Vollstreckerin sein. Denn sie weiß wie man weibliche Reize einsetzt…

Das Ehepaar von Sacher-Masoch, besonders aber Leopold von Sacher-Masoch fand Einzug in die Psychologie, der Begriff Masochismus geht auf ihn zurück. Das Spiel von Macht und dessen bedingungslose Ausübung findet in diesen beiden Frühwerken schon, wenn auch nur zögerlich statt. Die eigenen Ziele stellen die Hauptakteure in den Dienst der (guten) Sache. Was der Leser im Dämmerlicht hineininterpretiert, bleibt sein Geheimnis.

Reise von Paris nach Java

Die Sehnsucht verweigert sich strikt der Evolution. Die Objekte der Begierde variieren, doch die Sucht, das Wesen des Verlangens, bleibt gleich. Wer träumt nicht davon einmal auf einer Insel unter der Sonne den Tag, die Tage, die Wochen an sich vorbeiziehen zu lassen? Und träumt sich selbst auf eben ein solches Eiland? Honoré de Balzac ging es vor knapp zweihundert Jahren nicht anders. Allerdings kann man bei ihm davon ausgehen, dass sein Blut nicht unbedingt unfreiwillig in Wallung gekommen ist. Der manische Kaffeetrinker hat nebenbei auch gern mal an was anderem genascht…

Und so träumt er sich auf eine Reise gen Java. Damals – wir reden hier von den Dreißigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts – war so ein Trip fast noch Utopie. Unbezahlbar. Für kaum jemanden, über den und für die Balzac schrieb realistisch.

Seinen Anzug, ein Paar Rasiermesser, sechs Hemden und leichtes Gepäck – mehr braucht der Mann von Welt im Jahr 1831 nicht, um die Seine gegen den Pazifik einzutauschen. Und erst die Frauen auf Java … Dem Verleger von 1832 waren die erotischen Ausführungen des wuchtigen Schriftsteller zu wuchtig, zu detailliert, zu direkt, dass er sie einfach strich. Skandal! Und dieser wird nun endlich gesühnt. Im Anhang dieses kleinen Büchleins, das auf jedem noch so kleinen Nachttischchens Platz finden muss, ist die gestrichene Passage abgedruckt. Für die heutige Zeit fast schon brav, doch man kann sich vorstellen, dass man damals – und vielleicht noch heute – die Schamesröte deutlich ins Gesicht schießen sah.

Honoré de Balzac war nie auf Java. Wenn man aber diese fast vergessene Geschichte liest, musste er auch nicht dorthin reisen. Er hatte viel gelesen. Solche Reiseberichte waren zur damaligen Zeit auch immer kleine Werbetexte für die Handelskompanien, die für die Anpreisung ihrer exotischen Waren über jedes Wort dankbar waren. Und so kam es wohl auch, dass Balzac diesen Text – sicher nicht ganz nüchtern und in der ihm eigenen Rasanz – zu Papier brachte.

Heute liest man diesen Text mit einem genüsslichen Lächeln auf den Lippen. Im Schein der Leselampe rückt das Moderne in den Hintergrund und das Verlangen von einst rückt immer näher.

Der blühende Brunnenrand – In 18 historischen Märchen um die Welt

Da kann man sagen, was man will: Märchen sind immer noch die Nummer Eins bei Groß und Klein! Selbst, wenn man sonst seine Lider mit einem fesselnden Krimi zum Schließen bringt, ist es ein Märchen, das einem süße Träume bringt. Prinzessinnen und ratgebende Alte, Feen und spöttelndes Fußvolk verhelfen in diesen Märchen den Helden zum ersehnten Ruhm. Und dabei ist es ganz egal, wo auf der Welt ihr verwunschener Wald, ihr ritterliches Schloss stehen oder ihre Heldentaten begangen werden.

Josefine Rosalski ist keine Märchentante mit Dutt und verrutschter Brille, die in ihrem Sessel sitzt und Kinderaugen mit Erzählungen zum Leuchten bringt. Sie ist diejenige, die Märchentanten wahr werden lässt. Denn wer dieses Buch an der richtigen Stelle, vor dem richtigen Publikum auf dem Schoß liegen hat, hat alles richtig gemacht!

Und ganz gleich, wo auf der Welt die Märchen zum ersten Mal erzählt wurden, sie haben immer ein Happy end. Ist das nicht toll?! Sie ähneln sich manchmal sogar. Denn nur wer geduldig ist, bekommt den Hauptpreis. Der kommt in Gestalt einer Prinzessin daher. Und wer gütig ist, wer die Natur respektiert, wer lieber nachgibt als nach vorn zu preschen, wird reich belohnt. Wie leicht es doch ist, die Welt anzunehmen, statt sie beherrschen zu wollen.

Jedes einzelne Märchen, von Hawaii bis Dänemark, von Spanien bis Alaska, von Estland bis Indonesien zieht den Leser in seinen Bann.

Viele Geschichten kommen dem Leser seltsam bekannt vor. Es sind überall auf der Welt die gleichen Sehnsüchte, die die Märchenerzähler seit Jahrhunderten zu ihren Phantasien treiben. Arm gegen Reich, Gut gegen Böse, Verzweiflung gegen Übermut. Vielleicht sollten solche Märchenbücher – auf einer der ersten Seiten schöpft man noch einmal Hoffnung, wenn man das Buch allzu schnell ausgelesen hat, denn dort steht: „edition karo, Märchen 01“, was auf eine Fortsetzung hoffen lässt – auf Politikertreffen ausgegeben werden. Es ist so einfach die gute Fee zu spielen…

„Der blühende Brunnenrand“ ist ein Sammelband für Leser jeden Alters und Zuhörer, die es schaffen mindestens zehn Minuten ruhig sitzenzubleiben. Was bei dem Füllhorn an erstklassigen Geschichten allerdings kein großes Problem darstellen sollte. Weit weg von „Es war einmal…“ und „… sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ schweift man mit diesem Buch in andere Welten. Zum Einen geographisch. Zum Anderen, und das ist das Wichtigere, reist man im Kopf durch die magische Welt der Märchen. Ein Glücksgriff, jedes Mal, wenn man ins Regal greift.

Dreizehn Voodoo-Erzählungen

Stellen Sie sich Folgendes vor: Kabinettssitzung der Regierung. Da erdreistet sich jemand einem Senator Widerworte zu geben. Und was macht der? Er fuchtelt mit einer Säge herum, die er stets im Koffer mit sich herumträgt. Schräg? Irre? In Haïti schon. Zumindest in der Phantasie der Stimme der Insel. Und die gehört Gary Victor.

Diese groteske Geste ist das Ende einer dieser dreizehn Geschichten, die sicherlich keine Urlaubsgefühl verströmen, doch ein Land beschreiben, das uns im Kopf so fern ist wie die geographische Distanz. Dem wilden Fuchteln geht ein ganz pragmatischer Ansatz voraus. Kerou will unbedingt Senator werden – es wird klappen, denn sonst könnte er sich nicht wie die Axt im Walde bzw. die Säge im Koffer benehmen. Der Wunsch, der Drang nach Macht ist so groß, dass er sich einem bòkò, einem Voodoopriester anvertraut. Diese stehen aber oft auf der dunklen Seite der Magie – das, was heutzutage gern als „normaler“ Voodoo-Kult angesehen wird. Ob nun im Ernst oder aus eigenem Machterhalt angestachelt, stellt er dem Senatorenplatzanwärter vor eine schier unlösbare Aufgabe: Er soll mit einer Bettlerin schlafen. Man muss wissen, dass Kerou sehr auf Ordnung und Reinlichkeit achtet. Nicht nur eine olfaktorische Herausforderung für den Günstling der Hölle! Sein Leibwächter Carl bringt ihn zu einem Friedhof. Und siehe da! Kerou wird fündig. Die Bettlerin ist sehr jung, hübsch und entspricht gar nicht dem gängigen (olfaktorisch herausfordernden) Klischee. Kerou ist ein Glückspilz! Carl bringt Kerou und die Aufgabe ins Hotel. Ein lauter Knall erschüttert die Nacht. Carl ist gerade fertig sich aktiv auszumalen, was da oben im Zimmer abgeht, als ihm der Gedanke kommt, dass da irgendwas nicht stimmen kann. So viel Glück kann einer allein doch nicht haben. Dann kam auch schon der Feuerball im Gleichschritt mit dem Knall. Im Kopf lädiert wird Kerou aber dennoch entsprechend belohnt. Nur halt mit dem Manko der Säge … Tja, auch im Voodoo hat die Medaille zwei Seiten.

Auch in diesen Erzählungen muss der Fan des haïtianischen Autors nicht auf Dieuswalwe Azémar verzichten. Er hat einen Assistenten, dem er einen beunruhigenden Bericht mit auf den Weg gibt. Zermahlene Körper und ein Minister. Alles nur fauler Zauber? Oder das Werk eines Wahnsinnigen. Tranpe, der Zuckerrohrschnapps, dem Azémar so gern und reichlich zuspricht, hilft. Nicht gegen die Erinnerungen. Die bleiben, werden aber durch das Gesöff erstaunlich erträglich.

Dreizehn Mal schickt Gary Victor den Leser auf eine Odyssee der Gefühle. Angewidert, schockiert und immer wieder fasziniert betäubt der Autor den Leser mit wilden Ritualen, die eigentlich nur aus einem Märchen stammen können. Doch sie sind real, in einer Welt, die von Macht und Korruption geprägt ist und durch die Kraft der Phantasie immer während neue Nahrung erhält.

Lady Ducayne

Der Oktober ist so trist wie das Leben von Bella Rolleston und ihrer Mutter. Achtzehn Jahre ist das junge Ding und voller Tatendrang. Eine Anstellung als Gesellschafterin soll ihr und ihrer Mutter ein beruhigendes Leben bieten können. Doch die Agentur wiegelt ab, die Provision wird selbstverständlich einbehalten. Bella sei zu jung und zu unerfahren. So trist der Oktober, so erfreulich, dass nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen sich nun doch eine Möglichkeit findet Bella unterzubringen. So trist der Oktober, so verlebt das Antlitz dieses Funken Hoffnung in der Gestalt von Lady Ducayne. Italien soll es sein. Hier will die ausgemergelte Lady demnächst dem tristen Oktober die sonnige Schulter des Südens zeigen. Bella, ein Name wie gemacht für bella italia.

Bella blüht in Italien richtig auf. Voller Elan berichtet sie in Briefen von ihren Eindrücken, der Natur, die sie so noch nie gesehen hat. Und von Lotta, ihrer neugewonnen Freundin, die hier einige Zeit mit ihrem Bruder Herbert verbringt. Lady Ducayne ist die perfekte Arbeitgeberin. Sie fordert wenig und lässt Bella viel Freiraum. Doch mit der Zeit werden die Briefe trübseliger. Heimweh konstatiert die Mutter im trüben England, die nun schon mehrere Monate auf ihr geliebtes Kind verzichten muss. Herbert, der sich selbst einmal als Arzt niederlassen will, findet ziemlich rasch die Erklärung für Bellas plötzlich voranschreitende Lustlosigkeit. Der Arzt, der sonst Lady Ducayne behandelt, hat die naive junge Dame offenbar zu Ader gelassen. Lady Ducayne lässt die Prozedur über sich ergehen, weil sie länger (um nicht zu sagen ewig leben will). Doch, dass der Doc Hand an Bella legt, stört Herbert nicht nur aus berufsethischen Gründen…

Ein moderner Vampirroman, der Bram Stokers Klassiker voranging und bei genauerem Hinsehen ein paar Vorlagen liefert. Mary Elizabeth Braddon schrieb zu Lebzeiten (1837 bis 1915) eine Fülle an Bestsellern. Ihre Themen wurden vom prüden Sittenwächterbürgertum angeprangert, sie selbst verfemt. Es half alles nichts, heute steht sie vielleicht immer noch im Schatten von Mary Shelley und Bram Stoker, doch ihre Werke sind keineswegs in Vergessenheit geraten.

Im schummrigen Licht der Bettleuchte (auch Energiesparlampen können die Stimmung niemals zerstören) ein bisschen von der unheimlichen Verwandlung der lebensfrohen Bella zur ermatteten Gesellschafterin mit zu verfolgen, jagt einem heutzutage vielleicht keine Angst mehr ein. Aber das Wissen, dass im Schlafe jemand an einem herumdoktort …

Eine einzige Nacht

Na was ein Kuddelmuddel! Sie ist anonym, verheiratet, hat einen Geliebten und Damon, den sie begehrt. Der wiederum ist gebunden an eine ältere Geliebte. Sie, die Anonyme ist außerdem die Freundin seiner Geliebten. Keine guten Voraussetzungen für ein Tête-à-Tête. Doch dann ergibt sich unverhofft die Chance auf eine einzige Nacht, in der Konventionen nichts zählen, die Vorsicht über Bord geworfen werden kann, die Liebenden den Pfad der Tugend verlassen können…

Amour fou nennt man das wohl. Die Spannung erwischt zu werden, ist wie vom Erdboden verschwunden. Eine höhere Macht gab ihnen die Erlaubnis das Unaussprechliche wahr werden zu lassen.

Dominique-Vivant Denon war weniger für seine literarischen Werke bekannt als für sein kulturelles Wirken für Napoleon. Dessen Beutezüge wurden von Denon im Musée Napoléon ausgestellt, dessen Fundus bis heute im Louvre zu besichtigen ist. Doch diese Geschichte machte ihn unsterblich, bekannt eher nicht. Louis Malle nahm sie als Vorlage für „Die Liebenden“ mit Jeanne Moreau.

Weit über 200 Jahre ist diese Geschichte alt. Der Zahn der Zeit konnte ihrer Intensität nichts anhaben. Wohl gewählte Formulierungen, die heute gern als political correct ins Lächerliche gezogen werden könnten, verleihen dem Ringelreih der Liebenden eine gewisse Spannung. Wer ungeduldig auf die Vollendung drängt, wird gehörig auf die Folter gespannt. Die wenigen Seiten bieten mit dem sorgfältig gewählten Vokabular, die Übersetzung von Franz Blei strotzt nur so vor Erotik, ein Magnetfeld, dessen Anziehungskraft sich niemand entziehen kann.

Es gibt Texte, die zurecht vergessen sind. Dieser hier reifte noch ein wenig in der Versenkung, so dass er jetzt sein komplettes Bouquet verströmen kann. Gute-Nacht-Lektüre, die einem lang anhaltend süße Träume bescheren wird.

Die ermordete Cousine

Der Begriff Halbwaise erklärt nicht im Geringsten, was es mit dem so Bezeichneten auf sich hat. Eine Art Verwaltungsakt liegt dem Begriff inne. Margaret ist eine Halbwaise, die Mutter verstarb früh. Ihr Vater ist sichtlich überfordert, fördert sein Kind in jeglicher Hinsicht, nur Gefühle sind ihm fremd. Und das sollen sie auch ihr bleiben. Im Teenageralter verliert Margret auch noch den Vater, der testamentarisch verfügt hat, dass sein Bruder, Sir Arthur Tyrrell sich um sie kümmern soll. Natürlich gegen eine entsprechende Abfindung. Denn Sir Tyrrell ist nicht unbedingt mit üppiger Apanage ausgestattet. Vielmehr hatte er einmal riesige Schulden.

Diese Schulden bzw. die Tilgung der selbigen brachten ihm den Ruf des schwarzen Schafes der Familie ein. Denn mit einem Schlag war er schuldenfrei. Ja, er war sogar selbst zum Kreditor geworden. Dumm nur, dass der Debitor – bleiben wir in der Verwaltungssprache – plötzlich tot in seinem Zimmer lag. Sir Arthur Tyrrell ist erst einmal verdächtig: Sein Haus, er war Schuldner, der plötzlich zum Krösus wurde – der Verdacht, dass er etwas mit dem Ableben des nun Schuldners zu tun hat, liegt nah. Doch in diesem locked-room-mystery gibt es keine Gewinner. Außer Sir Arthur. Denn niemand kann ihm etwas nachweisen.

Cousine Emily freut sich wie ein kleines Kind als Margaret eintrifft. Auch Cousin Edward freut sich. Während Emily ihrer kindlichen Freude freien Lauf lässt, hegt Edward eher erotische Phantasien. Er – wenn man es unbedingt wohlwollend ausdrücke will – umgarnt das frisch eingetroffene Familienmitglied.

Doch Margaret weist ihn ab. Ihr Vater hatte bestimmt, dass sie allen amourösen Annäherungen standhalten solle. Und Sir Arthur, der Vater von Edward solle darüber wachen. Doch Sir Arthur sieht in der jungen Lady mehr die finanziellen Vorteile, mit Margaret kann er nichts anfangen. Und das Edward ihr den Hof macht, kann er überhaupt nicht gutheißen. Eigentlich sind das beide auf einer Wellenlänge. Dennoch redet er Margaret die Flausen aus. Und Edward soll abreisen. Nach Frankreich. Genauso abreisen soll die irische Kammerzofe von Margaret. Sie wird ersetzt durch eine abstoßende französische Gouvernante. Mit einem Mal nimmt das Drama seinen Lauf. Margaret hat eine finstere Vorahnung. Ist Edward wieder da? War er je weg? Wieso wird in ihrem Zimmer so geheimnisvoll herumgewerkelt? Und wieso führt sich die Kammerzofe so seltsam auf? Weiß sie nicht wo ihr Platz ist?

Joseph Sheridan Le Fanu zieht im literarischen Sinne die Fäden im Hintergrund und den Strick um Margarets Hals immer enger. Ist sie verrückt? Sind die Schatten der Vergangenheit noch immer präsent? Was ist mit dem Familiensinn? Eine Bettlektüre zum Gruseln für den Leser, für Margaret ist es bittere Realität: Ein neuerlicher Mord steht kurz bevor…

Tausend und ein Geschwätz

Eine namenlose Maquise kann einfach nicht schlafen. Da das Fernsehen noch nicht erfunden wurde (Zeit, Ort und Namen der Handelnden belieb anonym), und man sich damit leise in den Schlaf wiegen könnte, bittet die Baronin, ebenfalls namenlos den Abbé – man ahnt es schon: Auch er ist mit dem Stigma der Namenlosigkeit gezeichnet – eine Geschichte zu erzählen. Ein Märchen. Das soll helfen. Der Abbé hofft inständig, dass er nicht als Langweiler gilt, und beginnt sobald mit der Geschichte von Riante und Gracieux.

Riantes Geburt wurde – wie üblich in ihren Kreisen von Feen überwacht. Lirette, ein gute Fee, ist die Idealbesetzung für diesen Job. Denn schon während des Geburtsvorganges rumpelt es. Rare, die Mutter von Riante – schon allein die Namen (!) künden von der Erzählkunst des Autors – ist besorgt. Ein Omen? Nach einigem Suchen findet Lirette den Übeltäter bzw. die Übeltäterin. Wie üblich im Märchen gibt es zu jeder guten Fee auch eine böse Fee. Die heißt vielsagend Dreibuckel. Lirette ist auf der Hut, will helfen, aber erst einmal muss Dreibuckel ihren Zauberstab abgeben. Es kommt wie es kommen muss, Bauernschläue siegt über Liebreiz. Doch nur kurz!

Dreibuckel hat einen bösen Plan ausgeheckt. Der sieht vor, dass das behütete Kind, Riante, sich in den zwar schönen, aber reichlich naiven Ritter Gracieux verlieben soll. Als die Zeit reif ist, ebenso wie die bildhübsche und gebildete Riante, spinnt Dreibuckel ihre Fäden. Sie schlüpft in die Rolle Amors und spielt selbigen. Und siehe da, es klappt. Doch soll die Liebe nicht von Dauer sein… Ob die Marquise durch diese intrigante Geschichte von ihrer Schlaflosigkeit geheilt werden konnte, lässt Jacques Cazotte offen.

Dass „Tausend und ein Geschwätz“ als Nachttisch-Und-Einschlaf-Lektüre dient, ist zweifelsfrei bewiesen. Nicht, dass die Geschichte an sich einschläfernd sei – niemals. Doch als literarisches Betthupferl, dass dem Leser süße Träume bereiten kann, ist es eine willkommene Abwechslung zum Fernsehprogramm des Abends.

Feenwesen, die ihr Antlitz verändern können, die Macht der Liebe, der Ausschluss des rationalen Denkens – ein bisschen davon, ein bisschen hiervon und fertig ist ein kleines Büchlein, das große Wirkung entfalten kann. Jacques Cazotte beschäftigte sich mit Okkultismus. Mit ein bisschen Zwischendenzeilenlesen kommt man den Sympathien des Autors auf den Grund. Ob die Hingabe zur schwarzen Magie ihn dazu trieb seinen Freunden den Tod zu prophezeien, ist nicht überliefert. Ihr aufklärerisches war ihm zuwider. Hätte er den Gedanken, die Weissagung weitergesponnen, wäre ihm vielleicht der (vollendete) Gang zum Schafott erspart geblieben… Wer weiß, wer weiß.

L’amour toujours – toujours l’amour?

Um es gleich vorwegzunehmen und jeglichen Zweideutigkeiten die Luft aus den Segeln zu nehmen: Es geht um die Liebe!, nicht ums Liebemachen. Zum Beispiel um die so wunderbar klinge ménage à trois – klingt nur im Französischen so geheimnisvoll. Jean-Baptiste Robert ist ein glücklicher Mann. Er hat die Liebe in all ihren Vorzügen gepachtet. Ein ihn liebendes Eheweib und eine ihn liebende Geliebte. Alice – die Ehefrau – umsorgt ihn, Célia – die Geliebte – empfängt und umfängt ihn. Clémentine Beauvais lässt ihn gewähren, bis eines Tages Célia ihm die Zweisamkeit kündigt. Tief gekränkt versucht herauszufinden, wer der geheimnisvolle Jüngling ist, der ihm von nun an die Schäferstündchen stiehlt. Wahrlich ein Fortschritt für Célia, muss er neidlos anerkennen. Doch dann sieht aus seinem Versteck heraus eine weitere Person sich aus Célias Wohnung stehlen…

Immer wieder die Liebe, für immer – kurze Texte, die die ganze Bandbreite der Liebe, wenn man es so nüchtern betrachten will – darbieten. So wie Frankreich ist, unterschiedliche Kulturkreise aus aller Herren Länder, sind auch die Geschichten in Afrika, Osteuropa, und natürlich auch im Mutterland der Liebe angesiedelt.

Jede Geschichte ist es wert abgedruckt zu werden. Dass so viele Texte in einem Buch dem liebestrunkenen Lesevolk in die Hand gegeben werden, ist ein Glücksgriff für jeden, der auch nur wenige Seiten in diesem Buch blättert. Preisgekrönte Autoren, allesamt noch jung, einigen sich ohne Absprachen darauf, dass die Liebe einzigartig und vielfältig in Einem ist.

Von der Liebe zu Charlotte Corday, die auf dem Schafott endete, von roten Socken, die allein nur einem Zweck dienen: Dem, die Liebe zu entfachen und am Brennen zu halten oder einem neuen Rotkäppchen – davon erzählen die Autoren, die bislang wenig bekannt sind.

Wer es sich nicht verkneifen kann und dieses Buch Seite für Seite nacheinander durchliest, wird den Fortgang der Geschichten wie einen Liebesakt erleben. Vom zarten Annähern bis hin zur ungeschminkten Ekstase ist der Leser gern gesehener Gast im Boudoir der Autoren, stiller Teilhaber im Beben der Körper und (wissbe-)gieriger Voyeur neuer Geschichten des beliebtesten Themas der Literatur.

Cazzaria

„So ein Ferkel“, sagt man, wenn jemand ungehörig über die schönste Sache der Welt spricht. Schon mal einem „echten Männergespräch“ zum Thema Fortpflanzung bzw. dem Lösung von Übungsaufgaben zu diesem Thema zugehört? Und? Hat’s gefallen? Ja? Dann ist dieses Buch nichts, es sei denn man will sich bessern.

Siena in der Toskana in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. In geheimen Zirkeln trifft man sich und tauscht sich aus. Über Sprache, Kunst, Philosophie und auch über das Zwischenmenschliche allzu Natürliche. Über Sex! Auch in der Zeit der Renaissance waren solche Schriften nicht gern gesehen. Eigentlich hat sich bis heute kaum etwas daran geändert. Auch heute noch wird Sex nicht gerade als gesellschaftfähig angesehen. Und doch macht’s jeder!

Wie auch immer – Antonio Vignali schlüpft in die Rolle des Arsiccio. Er hält seinem Schüler Sodo (!) einen Vortrag über den Umgang der primären Geschlechtsorgane, woher sie kommen und was man mit ihnen anstellt. Doch Sodo ist nicht blöd. Er kennt sich aus!

Die Theorie, dass Frauen eher schlichte Gemüter bevorzugen, erregt bei beiden sofort den Drang nach … nein, nach Diskussion. Jetzt muss man aufpassen wie man es formuliert. Mmmmh. Während der Eine meint, dass zu viel wissen durchaus einem befriedigenden Ergebnis zuträglich ist, behauptet der Andere, dass das Wissen um die Anatomie der Frau selbigen mehr Erfüllung bereiten würde. Kurze Unterbrechung: Wie würde das wohl am Stammtisch klingen? Bestimmt nicht: Wer kein Latein kann, versteht nichts von Sex.

Band Zwei der Schlaflosreihe die zum – Achtung Wortspiel – Liderknien ist, besticht durch die intellektuelle Ausarbeitung eines an sich profanen Themas. Der Argumentaustausch zwischen Lehrer und Schüler als Stilmittel verblüfft auf ganzer Linie. Schroffe Worte wird man eher vom Adlatus erwarten als vom spiritus rector. Doch Arsiccio provoziert bewusst durch die Wahl der derben Sprache. Sodo ist verwirrt. Und ein ums andere Mal verschlägt es ihm fast die Sprache. Dem Leser ebenso.

„Cazzaria“ ist schwer zu übersetzen, am besten trifft es wohl „Die Schwanzerei“, womit wohl alles über das Buch gesagt sein dürfte. Nicht ganz.

Egal, ob nun Männlein und Weiblein, Weiblein und Männlein, Weiblein und Weiblein, Männlein und Männlein – dieses Buch im Dialog zu lesen, ist eine Offenbarung. Zuerst kichert man an der einen oder anderen Stelle. Doch je mehr man sich ins Buch vertieft, desto größer der Genuss. Aber wie im richtigen Leben kann man dieses Büchlein auch ganz allein, bei Kerzenlicht, bevor die Lider sich schließen vor sich hinlesen…