Spuk

Das Ende des Buches: Ein Fragezeichen. Und an viertletzter Stelle die Wahrheit. Lässt viel Raum für Spekulationen, eventuell für eine Fortsetzung. Tja, an alle, die gern Bücher am Ende beginnen – in diesem Fall lasst Ihr Euch ordentlich aufs Glatteis führen.

Glatteis kennt Frank nur aus seinen Erinnerungen. Er ist Privatdetektiv in Tucson, Arizona. Eis kennt man hier nur aus der Tiefkühltruhe. Auch im Jahr 1952. Die Hitze brennt jeden Gedanken aus der Rübe. Der Schweiß presst sich aus jeder Pore. Frank hat es – geschafft wäre wohl zu viel des Guten. Er hat es geschafft dem dunklen Europa zu entkommen. Dem Europa, das nach dem Ersten Weltkrieg in Depression verfiel, später im Rausch sich neue Götter suchte.

Er ist im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Mehr schlecht als recht windet er sich durchs Leben. Gerade hat er einen Auftrag bekommen, der wie für ihn geschaffen ist. Die Gewerkschaften werden immer mächtiger. Das ist für Firmenbesitzer gefährlich. Denn, wenn die Arbeiter Forderungen stellen, nicht arbeiten, aufmüpfig werden, stagniert alles. Und Frank i st der ideale Spion, um sich in ihre Reihen einzugliedern und zu schauen, was Sache ist. Frank, ein Lausebengel, ein windiger Kauz, fast schon als gewissenlos zu bezeichnender Aal, der überall mit allem durchkommt. Und er kann schweigen!

Doch die Ermittlungen sind zäh. Ein Whiskey in einer Bar, ein in sich gekehrtes Seufzen, eine Zeitung und … was ist das? Mit einem lethargischen Glockenschlag (nur bei Frank gibt es so was wirklich!) bröckelt seine gleichgültige Fassade. Carl Tanzer ist tot. Man hat ihn gefunden. Und schon setzt sich die mächtige Hirnerinnerungsmaschine in Gang. Damals, vor ein paar Jahren, in Florida, Zephyrhills. Tanzer war kein Unbekannter. Und noch früher. Damals, Kalifornien, LA, er und Fred. Als Polizisten konnten sie selbst dem Teufel noch einen Dreizack andrehen. Krumme Hunde, die krumme Dinger drehten, ohne sich dabei krümmen zu müssen. Wow, so einen Motivationsschub hat Frank lange nicht mehr gehabt. Seit ungefähr … na ja, wann wird es gewesen sein? Kurz nach dem Krieg, in Eisenerz, Steiermark, Österreich. Dort, wo Frank seine Wurzeln hat. War ’ne wilde Zeit. Eine gefährliche Zeit. So gefährlich, dass Frank … irgendeinen Grund muss es ja gegeben haben, warum er nicht mehr in den Bergen einer geregelten Arbeit nachgeht, sondern in den Weiten der Neuen Welt sein Glück versuchte…

Florian Dietmaier kreiert einen Spannungsbogen, der zeitlich mehr als ein Vierteljahrhundert umfasst. Und zum Teil auf Tatsachen beruht. Ab der ersten Seite setzt sich beim Leser eine Gedankenspirale in Gang, die jedes Perpetuum mobile in den Schatten stellt. Die Zeitsprünge fordern Aufmerksamkeit und belohnen mit frischen Erkenntnissen, die die dunkle Welt dieses exzellenten Noirs fast schon wie beim Wein eine fruchtige Note verleihen. Und ein Schluck (noch eine Seite) und noch ein Schluck (noch eine Seite) … mmh … vollmundig. Fast könnte man das Buch auch ins Weinregal stellen!