Der Lauf der Dinge

Siebenhunderteinundsechzig Tage. So lange dauerte es nach eigenem Bekunden des Autors bis „Der Lauf der Dinge“ fertig war. Andrea Camilleri war da schon Autor, unter anderem fürs Fernsehen. Doch ein Buch, einen Roman hatte er noch nicht veröffentlicht. Das sollte auch noch dauern.

„Der Lauf der Dinge“ nimmt vieles vorweg, was in den folgenden Jahren das literarische Werk Andrea Camilleris bestimmen wird. Die Liebe zu Sizilien und vor allem den Sizilianern. Ihre Eigenheiten – die viel beschworene Omerta, das Gesetz des Schweigens. Oder ihre unerbitterliche Zuneigung zu dem, was sie lieben – Menschen, ihrem Stil, ihrer Tradition. Nicht immer verständlich, doch unabdingbar will man alles verstehen (was eh nicht möglich ist…).

Da steht der Maresciallo schwitzend in seinem Büro. Die Hitze treibt ihm den letzten Lebenssaft aus den Poren. Da erscheint ein Bauer und bereichtet vom Fund einer Leiche. „Normalerweise“ würden jetzt Heerscharen von Ermittlern ausrücken, den Tatort absperren, Spuren sichern, nach Zeugen suchen. Hier läuft das alles ein bisschen anders. Der Bauer wird in den Schwitzkasten genommen. Sinnbildlich – warm ist es eh schon genug! Kennt er wirklich nicht den Namen des Toten? Oder steht er gar in einer engeren Beziehung zu dem Opfer? Was sich im Laufe daraus entwickelt – die Rückblenden sind ein Füllhorn an Erklärungen – benötigt ein besonderes Gespür für Geschichten. Unversehens ist man in einem Dickicht aus dienlichen Phrasen, gestammelten Eingeständnissen und einer undurchsichtigen Geschichte gefangen. Immer tiefer reitet man sich ins literarische Glück und findet es auch noch grandios sich selbst in den Fallstricken der Geschichte zu verfangen. Schließlich liest man einen Camilleri. Den allerersten Camilleri!

Andrea Camilleri ist 2019 verstorben. 2025 jährt sich sein 100. Geburtstag. Sucht man nach den Werken Camilleris findet man „Der Lauf der Dinge“ nur nach langer Suche. Oft – zu oft – werden nur die Montalbano-Krimis in ihrer zeitlichen Abfolge aufgelistet. Doch der wirklich erste Roman – kein Montalbano, obwohl ein Krimi – taucht bisher nur auf ausgesuchten Expertenseiten auf. Das ändert sich ab sofort!

Dieses kleine Büchlein in dem markanten Rot – ein untrübliches Zeichen für Qualität – setzt endlich einen Anfangspunkt ins Werk (ins Deutsche übersetzte Werk) von Andrea Camilleri. Ein Fundstück nicht nur für Fans, sondern für alle, die guter Literatur mit offenem Geiste entgegengehen.

See You Later

Wer hat noch Erinnerungen an die Coronazeit? Alles stand still, Freunde treffen war unmöglich, Maskenpflicht, Zugangsbeschränkungen im Supermarkt. So wird man noch in Jahren darüber sprechen. Für einige war es eine furchtbare Zeit, für einige Andere eine annehmbare Zeit und für einige Wenige war es halt so – kann man nicht ändern – aber Einschränkungen? – Nö!

Hill Topp House, Seniorenresidenz. Auch hier wird Corona bald schon über die Bewohner und Mitarbeiter hereinbrechen. Hier ist alles durchorganisiert. Der wöchentliche Sherry, der Ausflug zum Flamingo (nicht fragen, einfach hinnehmen – göttlicher Humor wie es nur einem Alan Bennett gelingen kann) – die Routine lässt jede Sekunde kontrolliert (to control, engl. – steuern) verrinnen.

Doch die Bewohner wissen sich zu helfen, sich den Normen und Regeln entgegenzustellen. Aber sie wissen auch, dass wer sich nicht an die Regeln hält, Low Moor blüht. Low Moor ist das Gegenteil von Hill Topp House. Das ist keine Residenz, es ist … low. Und so neckt man sich hier und da. Füllt die Zeit mit Puzzles. Einer ist so keck, dass man immer auf der Hut sein muss, dass er nicht – mehr oder weniger plötzlich – die Hose runter lässt. Die Erinnerungen an ihr aktives Leben sind gemeinsames Gesprächsthema. Auch wenn die Erinnerungslücken mit reichlich Phantasie gefüllt werden (müssen).

Und es ist ein Kommen und Gehen. Alan Bennett schreibt mit rührender Ironie und Respekt über eine kleine Gruppe von Menschen, deren Aktionsradius mit allerlei „Annehmlichkeiten“ reguliert ist. Zu behaupten sie lebten in ihrer eigenen Welt, würde am Ziel vorbeigehen. Obwohl es faktisch so ist. Als das Virus das Land, den Kontinent, die Welt erfasst, sind sie insgeheim froh so abgeschottet leben zu dürfen. Sie wissen, dass es anderswo nicht so sicher sein kann.

Das angeschlossene Tagebuch des Autors ist real, und weit weniger ironisch. Auch Alan Bennett machte sich Gedanken wie das Virus die Welt, seine und die da draußen, verändert. Homeoffice, wenn möglich. Doch, wo es nicht möglich war, übernahm die Ohnmacht die Leitung. „See You Later“ ist keine Abrechnung mit fragwürdigen Entscheidungen von ratlosen Entscheidungsträgern. Es ist im ersten Teil, dem, der Hill Topp House als Spielwiese hat, eine zuckersüße Betrachtung. Im zweiten Teil, dem Tagebuch des Autors kehrt eine Zeit zurück, die nur dem Namen nach noch irgendwie präsent scheint. Und so lange man sich später noch sehen konnte, war in der Nachbetrachtung alles … tja, was war es denn nun?!

Die böse Saat

Dieses Kind will niemand um sich haben! Ein Satz, den man erstmal wirken lassen muss. Es ist wohl das Schlimmste, was man über ein Kind sagen kann. Niemand will es um sich haben. Rhoda Penmark ist – das eigentlich lassen wir jetzt mal beiseite – klassisch wohlerzogen und ordnungsliebend. Fragezeichen türmen sich auf. Wieso will sie denn nun niemand um sich haben?! Denn sie manipuliert, nicht offensichtlich oder gar brüllend wie die meisten Kinder. Ob nun für ihr Leben gern oder aus einem anderen Antrieb heraus, ist nicht klar. Sie will etwas – sie bekommt es. Die geborene Anführerin. Sollte man meinen. Doch sie nutzt ihre Macht anders. Ganz anders!

Christine Penmark hat den härtesten Job der Welt. Denn sie ist Rhodas Mama. Auf der einen Seite ist sie die stolze Mama von Rhoda, die trotz ihres Kindesalters schon so einige allein tun kann wozu andere in Jahren noch nicht in der Lage sind. Andererseits… nun, Christine ist ihre Mutter. Sie kennt ihr Kind, in- und auswendig. Doch so manches kann und (später) will sie nicht wahrhaben. Es gibt nur wenige Personen, die Rhoda wirklich in die Seele schauen können. Oder zumindest denken, dass sie es können. Denn Rhoda ist vielschichtig. Und entschlossen…

In der Schule wurde Rhoda die nur ihr allein zustehende Medaille für die größten Fortschritte verwehrt. So sieht es das kleine Mädchen. Claude Daigle hat sie bekommen. Das ist ungerecht. Als der junge bei einem Schulausflug ums Leben kommt und alles (!) auf Rhoda als Täterin hinweist, bricht für Christine eine Welt zusammen. Doch Rhoda ist sich keiner Schuld bewusst. Sie hat schlüssige Erklärungen, warum die momentane Situation so ist wie sie ist. Für sie ist alles ganz logisch. Bei Christine kullern die Tränen wie Sturzbäche. Was ist mit ihrem kleinen Mädchen? Es gab ja schon einmal einen ähnlichen Vorfall. Doch damals glaubte sie Rhoda, dem Menschen, den sie so bedingungslos liebt. Christine zieht das Leid von Claudes Eltern und die Unwissenheit um Rhodas Benehmen in eine Krise für die es keine Rettung zu geben scheint. Denn Rhoda ist natürlich gerissen und noch lange nicht am Ende…

William March wählt als Hauptprotagonistin und Übeltäterin ein Kind, ein Mädchen. Aus gutem Hause. Sie kann sich gewählt ausdrücken. Sie ist schlau, wissbegierig, begabt. Mit einer abgrundtief schwarzen Seele. In ihrer Umgebung wurden schon Menschen zu Siegmund Freud geschickt, denen sonst nicht zu helfen war. Rhoda ist nicht zu helfen. Jedwede Ermahnung an das Gute im Menschen, an soziale Normen dringen bei ihr maximal bis in die oberste Hautschicht ein. Darunter ein Panzer aus Teflon. Als der Roman Mitte der 50er Jahre erschien, war er echtes Pionierwerk. Ein Kind als Mörder – das gab’s noch nicht. Ist die Grausamkeit genetisch bedingt (vererbt?!) oder schuf die Umgebung das Monster aus ihrer Mitte? Forschungen belegen mittlerweile, dass es keine genetische Grausamkeit gibt, die weitergegeben wird. Was bleibt, ist ein packender Thriller, der einen nicht mehr loslässt. Über die Machtlosigkeit, die Raffinesse, die Kaltblütigkeit und die Trauer können wir heute nur noch staunen. Und uns unserer Gänsehaut erfreuen.

Schottland meine Sehnsucht

Statt Bikini windfeste Kleidung. Statt Sonnebrille Regenschirm. Statt leichtem Schuhwerk robuste Klamotten. Das ist Schottland! Oh, so viel Klischee. Aber ein bisschen Wahrheit liegt schon darin. Viel mehr Wahrheit liegt in der Behauptung, dass Nicola de Paoli Schottland ins Herz geschlossen hat. Unzählige Male reiste sie in die High- und Lowlands, besuchte die Metropolen Edinburgh (und weiß ganz bestimmt wie man den Namen der Stadt richtig ausspricht) und Glasgow und wanderte über die windumtosten Inseln. Und nun macht sie einen riesigen Appetit es ihr gleichzutun.

Diese Reisebeschreibung ist ein echtes Juwel, wenn man absolut keine Ahnung hat wohin der nächste Urlaub gehen soll, man aber schon immer einen Funken Schottland-Liebe in sich trug. Meterhoch lodert nun das Feuer der Leidenschaft für den Norden der britischen Insel. Mit einer selten erlebten Selbstverständlichkeit berichtet sie vom rauen Charme der Bewohner Edinburghs, die niemanden so schnell an sich heran lassen. Oder aber vom Glasgow Kiss. Vorsicht – der wirkt nachhaltig…!

Es ist das Wissen um Geschichte und Kultur, die diese Rundreise schon beim Lesen zu einem Erlebnis machen. Nicht zu viele Fakten, mehr die weithin sichtbaren Auswirkungen von dem, was einmal war und noch immer sichtbar ist. Ohne erhobenen Zeigefinger – Eroberungen macht man immer noch mit sich selbst aus, das hebt den Aha-Effekt – stromert sie durch enge Gassen, über saftige Landschaften und entdeckt das, was man nur mit Ruhe und Aufmerksamkeit sieht.

Nach reichlich 130 Seiten ist man schlauer, aber nicht übersättigt – vielmehr sehnsüchtig nervös auf die eigenen Abenteuer. Dabei sollte man dann dieses Buch ruhigen Gewissens im Gepäck haben. Was gibt es schöneres als seine eigenen Erlebnisse mit jemand anderem zu teilen. Nur das hier der Andere „nur“ in Buchform anwesend ist.

Offensichtliches wie die großen Städte stehen im Wechsel mit den Kleinoden wie Inverness. Hier lässt sie sich treiben. Eine Stadt, die weniger bekannt ist, was schon nach wenigen Schritten einem als traurig vorkommen muss. Denn hier ist Schottland noch Schottland. Während in der Princes Street in Edinburgh die großen Einkaufstempel, die auch hierzulande das Stadtbild teils verschandeln, die Sicht einengen, glänzt Inverness (noch) durch rustikales Schottentum. Und wer meint, dass Schottland das Land des unaussprechlichen und schwer zu verstehenden Englischs sei, dem sei geraten, dass er nicht ganz unrecht hat, dennoch genau darin der erste Schritt in eine neue Welt liegen kann, die gar nicht so weit entfernt ist. Schon gar nicht mit diesem Buch in der Hand.

Kalender 2026 – Figurenkarten

Afrika links oben, in der Mitte Germania und unten rechts Tartatria. Es ist das Jahr 1592 und so sieht die Landkarte Europas aus. Moment hier stimmt doch was nicht! Könnte man meinen. Aber dann würde das Bild (und das nimmt man dieses Mal wirklich wortwörtlich!) nicht stimmig sein. Denn da steht ein offensichtlich adeliger Regent mit Reichsapfel (Sicilia) und Zepter, am dessen oberen Ende ein Fähnchen mit der Aufschrift „Scotia“ und „Anglia“ weht. Ja, ja, die künstlerische Freiheit.

Es gab eine Zeit, in der Landkarten eine Kunst für sich selbst darstellten. Nicht irgendwelche Regierenden gaben den Auftrag Grenzen willkürlich zu eigenen Gunsten zu verschieben, sondern um ihr Abbild und damit ihr Macht ins richtige Licht zu rücken.

Der belgische Löwe als Untergrund für die Grenzen des niederländischen Reiches – das kann doch kein Zufall sein! Das würde ja bedeuten, dass der Regent ein bestimmtes Territorium überfallen wollte / musste, nur damit die Umrisse auf der Karte mit der Realität übereinstimmen. Oder war man doch so prestigeverliebt?! Zu sehen ist dieses besondere Exemplar in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden. Oder im März 2026 auf diesem Kalender. Über vierhundert Jahre ist es alt und zeigt die Kunstfertigkeit des Meisters. Farbenprächtig und sehr phantasievoll prangt (oder prankt?) da der Löwe des Königreiches an unserer westlichen Grenze. Die Welt als Kleeblatt, mystische Wesen, freudvolle Szenen oder floraler Blütenglanz – die Welt der Landkarten war nicht langweilig und dröge.

Karten zu erstellen war eine Kunst! Die Auftraggeber wollten zufrieden gestellt sein. Die böhmische Rose ist zwar nicht in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen. Wer sich jedoch den Juli 2026 anschaut, reibt sich verwundert die Augen, wie aktuell die Karte stellenweise noch ist. Klar, Prag kennt man. Aber dieses fein gestaltete Kunstwerk mit einer vielleicht sogar noch digitalen Karte zu vergleichen, um Gemeinsamkeiten herauszufinden, ist ein Vergnügen, das man nicht allzu oft erleben kann.

Die Welt ist stets im Wandel. Eine Weisheit, die jedem einleuchten sollte. Gerade und besonders beim Betrachten dieser außergewöhnlichen Landkarten, die seit Jahrhunderten durch ihre Kunstfertigkeit Museumsbesucher verharren lässt. Und das ganz ohne Photoshop oder andere Bildbearbeitungs-Apps. Einfach so mit der Macht der Phantasie und dem Geschick geschulter Hände.

Kalender 2026 – The World Travel Poster

Was ist wohl der größte Unterschied zwischen der Werbung für fremde Welten damals und heute? Heute wird ein Gefühl vermittelt. Damals wurde ein Land mit Symbolbildern vorgestellt. Heute grinsen einen gutaussehende leicht vergessen ins Nichts schauende Models an und sagen einem, dass man nur hier und nirgendwo anders so richtig einen draufmachen kann. Damals schwärmte man in zarten Farben vom Fjorden, fremd anmutenden Bauten oder naiv gestalteten Stadtansichten. Damit lockt man heute keinen mehr hinterm Ofen vor! Doch! Und wie. Wenn man sich bis zum 1. Januar 2026 geduldet und nicht schon mal schaut, was der Juli 2026 für einen parathalten könnte. Spoiler: Den Bodensee. Ein Blau, das nur eine Vorstellung zulässt – Erholung. Ein geschickt platzierter Baum am Ufer, eine Liegewiese mit Dame und ein verträumt in die Mitte zusteuerndes Segelboot. Darüber in Großbuchstaben „Bodensee“. Klingt wie eine Aufforderung. Eine, der man gern nachkommen möchte.

Reiseposter sind für einige ein Sammelgebiet, das sie im fortgeschrittenen einem Käuferpanel im TV anbieten werden. Für andere ist es Reiselust, Reisesehnsucht, Lebensfreude.

Die Wahl der Farben und Motive ist Monat für Monat ein gelungener Augenschmaus. Zartes Pastell und Appetit machende Formen sorgen für einen schmachtenden Blick auf die Monatsdaten, die einem verraten wie lange es noch dauert das alles selbst und vor Ort erleben zu können.

Sie laden zum Träumen ein. Eines Tages … Basare, Bergführungen, ausgedehnte Spaziergänge an Flüssen mit architektonischen Ikonen im Hintergrund oder endlich einmal das zu sehen, was man schon zigfach auf Fotos oder Postern gesehen hat.

Zwölf Mal das Paradies vor Augen – da muss man irgendwann schwach werden. Das Großformat lässt einem keine andere Wahl als in Gedanken den Koffer schon mal aus der Versenkung zu holen und ihn mit allerlei Nützlichem zu packen. Dreihundertfünfundsechzigmal Blicke voller Reiselust, die man schwer bändigen kann. Das alles ist in diesem Kalender für das Jahr 2026 vereint. Blöd nur, dass man auf Reisen keinen Blick auf diesen Kalender erhaschen kann…

Ein kleines Buch über die Kunst zu sterben

Ulf Nilsson ist (Präsens) ist preisgekrönter Schriftsteller als er die Diagnose Krebs erhält. Bauchspeicheldrüse und Bauchraum sind angegriffen. Heilung – unmöglich. Drei Monate – zwölf/dreizehn Wochen hat er noch, um … Das „Es sollten zehn Wochen werden“, die seine Frau im Vorwort schreibt, sind nicht einmal ansatzweise resignierend gemeint. Denn das, was nun folgt, ist real, ungeschönt, herzlich, nüchtern und niemals angriffig, gefühlsduselig, Mitleid einfordernd.

Ulf Nilsson tut das, was er sein ganzes Leben kann: Schreiben. Tagebuch, Meist nur wenige Worte und Sätze, die kaum eine Seite füllen. Jedoch dem Leser eine Art Zuversicht vermitteln – das Ziel niemals verleugnend. Auch fehlen die Tagesangaben, was den Leserfluss am Leben hält.

Das Ende ist definiert. Das Ziel ist klar, auch wenn ein dichter Nebel über den Weg dorthin hängt. Dass das Ende unumkehrbar ist, stellt niemand in Frage. Nur hat sich der Krebs dazwischengestellt und lässt keinen zeitlichen Spielraum mehr zu, um vielleicht das Eine oder Andere zu tun, was man immer (noch) tun wollte.

Es gibt gute Tage, es gibt schlechtere Tage. Besucher sollen nicht leiden. Den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der Anderen muss man leben (Zitat: Mascha Kaleko).

Alltägliche Dinge sind es Ulf Nilsson wert erwähnt zu werden. Gewichtsabnahme, die Lieferung der Flüssignahrung – eigentlich keine Höhepunkte eines Tages. Doch für ihn wichtig, aus vielerlei Gründen. Es kommt der Punkt, an dem das Ende immer konturierter aus dem Nebel tritt. Ein zarter Sarkasmus umgarnt ihn und seine Familie. Kindliche Fragen erhellen das drohende Dunkel. Ernst sein fällt schwer bis …

Ulf Nilsson wurde (Präteritum) dreiundsiebzig Jahre und vier Tage alt.

Das Buch ist nicht lustig, soll es auch nicht sein! Auch geht es nicht darum mit betroffenheitskitschiger Attitüde dem Tabuthema Tod zu begegnen und mit publikumswirksamen Worten auf die eigene Stiftung o.ä. hinzuweisen.

Dieses kleine Büchlein, Ulf Nilsson ist voll in seinem Element, liest man mehrmals. Als Pageturner (dauert nicht lang), um sich seiner Geschichte bewusst zu werden und noch einmal seitenweise (über einen längern Zeitraum). Beide Male wird man Neues entdecken. Und das ist die große Kunst großer Künstler. Beklemmungen zu lösen ohne vorher anzukündigen dies auch tun zu wollen.

Algarve

Was gibt es Schöneres als in den Süden zu düsen, um der schönsten Zeit des Jahres die Krone aufzusetzen? Ehrlich, das ist keine rhetorische Frage, was ist noch schöner als in den Süden zu reisen? In den Süden des Südens zu reisen, natürlich! Also auf nach Vila Real de Santo António und dann weiter nach Tavira, Loulé, Lagos (nein, nicht Nigeria, obwohl das ja auch im Süden liegt), ans Cabo de Sagres, eine Abstecher nach Arrifana bis man endlich in Odeceixe angekommen ist. Eine hübsche Rundreise, bei der man allerlei gesehen hat und … beim bloßen Lesen erstmal ins Grübeln kommt, wo man eigentlich ist. Erst mit dem Hauptort Faro wird so manchem klar, dass es sich um die Algarve handelt, den Süden Portugals. Dort, wo Europa in den Atlantik plumpst. Hohe Wellen schlagen einem ins Gesicht, der Wind nicht minder und bläht die Segel der Surfer auf – die Algarve aber nur auf Wind zu beschränken, wäre fatal.

Denn hier wird das Paradies greifbar. Man muss es suchen, es lässt sich finden – einfacher wird’s mit diesem Reiseband. Die Suche fällt erstaunlich kurz aus, um dem Augenschmaus Algarve nahe zu kommen. Ja, in Faro kann man was erleben, kurze Wege, endlose Strände, ausgeklügelte Infrastruktur – Katalogidylle zum Anbeißen.

Zum Reinbeißen, sich in die Algarve vertiefen – das kann man nur, wenn man sich ganz individuell auf das Abenteuer Algarve einlassen kann. Ein Schritt nach rechts hier, ein Sprung in die andere Richtung da. Und schon ist man zum Beispiel in Alte. Ein malerisches Dorf, wie Autor und Verlagschef Michael Müller es eindruckvoll beschreibt. Reichlich 2000 Menschen leben hier (noch). Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts waren es fast viermal so viele. „Das weiße Dorf“ wird mehr und mehr zum beliebten Ausflugsziel. Und so kommen die Einwohner wieder zurück – sich beeilen, bevor der Geheimtipp zum „ultimativen Geheimtipp“ mit nicht minder ultimativer Insta-Like-Garantie wird, wird fast schon zur Pflicht.

Wer die Algarve nur dem Namen nach kennt, und sich nun ein Bild vor Ort machen will, braucht Hilfestellung. Denn sonst ist man am Pool in Faro gefangen und macht sich hinterher Vorwürfe, wenn man nicht über den Beckenrand geschaut hat. So handlich das Buch ist, so exzellent ist es auch aufgebaut. Die klare Struktur macht das Suchen („ich hatte doch vorhin was gesehen … wo war das denn?!“ oder „Wo muss ich hin? Was kann ich erleben?“) zum Kinderspiel. Der kleine Sprachführer am Ende als Teil des essenziellen Grundwissens über Land und Leute sowie die schier unendliche Zahl an Besuchsmöglichkeiten für jeden Geschmack, lassen nur den einen Schluss zu: Algarve ohne dieses Buch ist möglich, aber … sinnlos vielleicht nicht. Dennoch wird es mit dem Buch in der Hand und der Leidenschaft im Herzen ein ganz besonderer Urlaub. Das ist garantiert!

Die Ferien

Keru und Nate haben es wie kaum ein anders Pärchen verdient sich endlich mal zu erholen. Sie arbeiten in einem fort. Das Leben in New York will schließlich finanziert sein. Cape Cod soll es sein. Keru hat sich monatelang damit beschäftigt, wo es denn für beide am erholsamsten sein wird. Bei aller Liebe zum Urlaub – aber der Aufwand, den sie betreibt, ist übertrieben. Zumindest so lange bis feststeht, dass beide vorhaben ihre Eltern dazu zu holen. Nacheinander, versteht sich. Denn Keru und Nate und ihre dazugehörigen Eltern zusammen – dagegen ist eine Atombombe ein laues Grillfeuer.

Keru ist Unternehmensberaterin. Nate ist Biologieprofessor und forscht über Fruchtfliegen. Keru ist im Alter von Sechs mit ihren Eltern aus China in die USA gekommen. Nate stammt aus den Bergen, einem kleine Ort – seine Eltern bezeichnen sich heute noch als white trash. Wohl mehr, um behaupten zu können, sie gehören einer Gruppe an.

Zuerst sollen Kerus Eltern kommen. Sie würden niemals in einem Bett schlafen, in dem schon eine andere Person die Nacht verbrachte. Keru putzt das Feriendomizil wie eine Wahnsinnige. Was witzig klingt, ist purer Ernst. Das wird klar, als Kerus Eltern eintreffen. Wie ein Inspektor begutachten sie das Anwesen. Keru ist innerlich dem Zusammenbruch näher als einer echten Erholung.

Nates Eltern, die Nachfolger im Gästezimmer sind da etwas entspannter. Doch auch sie haben ihre Macken. Die Eltern als Gradmesser für den eigenen Erfolg. Nate hat da eindeutig die Nase vorn. Keru lässt sich immer noch von ihren Eltern runterziehen. Nate kann da überhaupt nichts machen. Man kann schon fast meinen, dass er tatenlos zusieht wie Keru in einen Abgrund schlittert. Aber so ist nunmal ihr Leben. Sie leben miteinander nebeneinander her. Emotionale Zuneigung äußert sich nur in auf Frieden bedachter Bestätigung des Anderen. Und immer schön political correct. Was sind das nur für Menschen, die Beziehungen haben – Heinz Rudolf Kunze hätte an diesem Pärchen seine reinste (Schreib-) Freude.

Was gehört für ihre beiden Eltern zur Vollendung des Glücks ihrer Kinder? Kinder! Was sonst. Dann würden vielleicht auch die eigenen Nörgeleien aufhören?! Nate ist inzwischen derart abgestumpft, dass er gar nicht bemerkt wie Keru sich selbst in einen Wahn treibt, der unumkehrbar scheinit…

Weike Wang macht sich nicht lustig über die drei Paare, die durch die frucht ihrer Lenden mehr gemeinsam haben als sie es selbst erkennen können. Mit viel Wortwitz und unaufhaltbarem Voranschreiten schickt sie Keru und Nate in die Hölle. Ihre Eltern sind – in ihren eigenen Augen – nur die Hüter eines Planes, den sie sich für ihren Nachwuchs wünschen. Dass Keru und Nate eigene Pläne haben, interessiert hier niemanden. Grausame Einblicke in ein Familienkonstrukt, das nur dort gedeihen kann, wo die Realität mit viel Sand in den Augen wahrgenommen wird. Make family great again, möchte man ihnen zurufen. Doch die vielen Kopfverdreher lauern schon hinter der nächsten Kreuzung, um die Parole zum eigenen Nutzen umzukehren. Dystopisch? Vielleicht. Auf alle Fälle komisch und der Hit des Lesesommers!

Kärnten

Wer in Kärnten von Grenzerfahrungen spricht, hat sich einiges vorgenommen. Die Nähe zu Italien und Slowenien prägen schon immer diesen Landstrich, dieses Bundesland. Die größte und Hauptstadt ist Klagenfurth. Celovec, so der Name auf Slowenisch, begegnet einem allerorten. Hier wächst man zweisprachig auf. Viele sogar dreisprachig, weil das Italienische ebenso nicht wegzudenken ist. Und jedes Jahr im Frühsommer wird’s dann wieder deutscher, wenn die Tage der deutschsprachigen Literatur stattfinden. Das Literaturfestival für den deutschsprachigen Raum.

Bleiben wir noch ein wenig in Klagenfurth / Celovec, am Wörthersee und den unglaublichen Ausblicken in die Karawanken. Wer hier urlaubt, der sucht nicht zwingend die Action mit Gebrüll, der will tief einatmen, Natur erleben – und ab und an darf auch das Blut in Wallung geraten. Von fast jedem Punkt in Klagenfurth hat man grandiose Aussichten. Nach Oben und in der Horizontalen. Und wenn einem etwas die Sicht versperrt, dann ist auch das ein Augenschmaus.

Für ambitionierte Wanderer und Kletterer ist der Nationalpark Hohe Tauern das Traumziel schlechthin. Alles überragend der Großglockner. Aus dreitausend Meter Höhe ins Tal, in die Täler schauen ist hier nicht die ewig zu suchende Attraktion – hier ist das der Normzustand.

Sabine Becht und Sven Talaron machen nicht nur mit zahlreichen Bildern von Jausen und idyllischen Ausblicken Appetit auf diese Gegend, es sind die unzählbaren Tipps, die diesen Reiseband so nützlich machen. Wer also seinen Urlaub in Kärnten verbringen will, aber keine Ahnung hat, was ihn erwarten kann, der wird sich schon ein paar Tage mit diesem Buch beschäftigen können. Und dann hat er die Qual der Wahl. Fest steht jedoch, dass er bestens vorbereitet in den Westen Österreichs reisen wird.

Detailreiche Karten, unterhaltsame und informative Kästen, in denen man hinter die Kulissen schaut und klar gegliederte Kapitel sind das Pfund, mit dem dieses Buch wuchern kann, und alle anderen Reisebände verblassen lässt. Überall lauern in diesem Buch Tipps, kleine Infokästen, Wegweiser, Ortkennungen, deren Klang vertraut ist. Doch, dass das alles hier in Kärnten liegt, ist vielleicht nicht immer jedem bekannt. Es ist immer alles nur einen Katzensprung voneinander entfernt. Das erleichtert die Planung erheblich. Doch wo sind die besten Routen? Wo die eindrucksvollsten Aussichtspunkt? Und wo die besten Ratsplätze? Lesen hilft dabei enorm, sich Kärnten nachhaltig im Kopf zu behalten.