Übergestern in Japan

Und der Rennradmeister des Jahres 2008 der Klasse D heißt: Michael O. B. Krähe. Ist doch eigentlich nicht mehr als eine Randnotiz im Lokalsportteil einer sehr lokalen Zeitung. Kein Übertragungswagen der großen TV-Stationen weit und breit. Keine bunten Mikrofone zu sehen. Und die ewig gleichen Werbetafeln fehlen auch. Normalerweise.

Doch an dieser Geschichte ist mehr dran als ein Zehnzeiler einer schmalen Spalte in der Gazette. Radfahren konnte der kleine Michael schon immer. Auch wenn es nur die achthundert Meter bis zur Schule waren. Mehr wollte er insgeheim auch nicht. So sportlich war er nicht, wollte er auch nicht sein. Als er später beruflich, Schule und Ausbildung hatte er mit mehr Ehrgeiz hinter sich gebracht, nach Japan ging, begann ein ganz neues Kapitel in seinem Leben. Die Arbeitswelt – und nicht nur die – ist hier eine andere. Hier und Her gerissen zwischen Extremanforderungen und Langeweile (überspitzt dargestellt) suchte er eine Herausforderung, um sich seiner Mitte klar werden zu können. Und so schwang er sich auf ein Rad. Allein das zu besorgen, ist schon ein Abenteuer.

Und so radelt er in den Bergen von Tokio bergauf, bergab. Bis ihn der Ehrgeiz packt und er meint, dass Radrennen genau das sind, was er sucht. Das Einstufungssystem in Japan ist gewöhnungsbedürftig. Man beginnt in Klasse X. Eradelt man sich einen der ersten sechs Plätze, steigt man auf. Doch Obacht: Ist man zu gut, steigt man zu schnell auf, und die Luft wird bekanntlich an der Spitze immer dünner. Er bemerkt, dass die Klasse D genau seinem Niveau entspricht. Klasse C? Dafür sind Körper und Einstellung nicht gemacht. Und so kommt es wie es kommen muss. Michael O. B. Krähe wird 2008 japanischer Meister im Radrennsport. In seiner niederrheinischen Heimat bekommt das natürlich kaum einer mit. Auch in Japan ist das nicht unbedingt die Radsportsensationsmeldung, die tagelang die Schlagzeilen beherrscht. Aber es ist eine der Geschichten, die Geschichte schreiben, wenn sie denn niedergeschrieben werden. Und das hat der japanische Radmeister der Klasse D des Jahres 2008 nun gemacht. Mit der gleichen Leidenschaft, die er dem Radsportabenteuer im Land der aufgehenden Sonne entgegenbrachte, schreibt er nicht nur seine Geschichte auf. Es sind vor allem die unumstrittenen kulturellen Unterschiede, die dieses Buch so lesenswert machen. Rituale und Riten, undurchschaubare Regeln und Rivalitäten lassen den Leser ein Land entdecken, das immer noch voller Rätsel steckt.

Davonkommen

Schenkt das Leben Dir Zitronen, mach Limonade daraus. Im Land, wo die Zitronen blühen wohl eher Limoncello. Beide Sprüche kann man überhaupt nicht gebrauchen, wenn gerade um einen herum alles zusammenbricht, von dem man meinte es würde ewig halten. Der Ich-Erzähler muss sich aber damit abfinden, dass die gemeinsame Wohnung nu ihre Wohnung ist. Der gemeinsame Sohn bleibt auch bei Ihr. Jeden zweiten Freitag durchbricht er dieses Urteil und holt ihn vom Kindergarten ab, um ihn das Wochenende bei sich haben zu können. Weitab von der Stadt, wo sie einst alle zusammen lebten. Hier oben in den Bergen ist alles anders,  einsam. Wie im Delirium, das allerdings nicht vom Limoncello kommt… Der Dämmerzustand ist seiner Resignation geschuldet.

Nach und nach ertrinkt aber auch diese in dichten Nebelschwaden. Es sind die Nebelschwaden des Aufbruchs. Ein bisschen Gartenarbeit – keine Zitronenernte. Das Grau verfliegt. Immer dann, wenn der Sohn in der dörflichen Gemeinschaft aufblüht, geht dem resignierten Erzähler das Herz auf. Er beginnt sogar wieder zu malen. Hoffnung keimt auf.

Fabio Andina schreibt ein weiteres Mal über die Hoffnungslosigkeit, die in der dünnen Luft der Berge wie von Zauberhand zu verschwinden scheint. Hier oben liegt ein besonderer Zauber in der Luft. Wie im Märchen blühen Menschen in der harten Arbeit auf. Vielleicht ist es aber auch ganz einfach nur die Ablenkung, die die Seuche der Überflutung hinwegschwemmt. Nein, das wäre zu einfach, zu stoisch, einfach nicht der Stil Fabio Andinas. Er kreiert – schon zum zweiten Mal, nach „Tage mit Felice“  – moderne Märchen, die jedem Leser so klar erscheinen, dass man sich an den Kopf greift und sich fragt, warum man nicht selber auf diese Idee gekommen ist – sofern man diese eine Idee benötigt.

Ohne viel Tamtam und ohne Klischee lässt er einen Mann einen tiefen Zug Hoffnung einatmen. Und mit jedem Ausatmen schwindet die Furcht vor den Geistern der Vergangenheit. Sie fliegen lautlos in die Stille der Berge. Dort sollen sie jemand anderes ins verderben stürzen. Bei ihm  haben sie keine Überlebenschancen.

Nur wer sich auf Veränderungen einlassen kann, sich selbst erlaubt fremdes Terrain zu betreten, nimmt das Knarzen unter seinen Füßen als Lebensrhythmus wahr. Es verursacht keine Angst mehr. Und wie immer im Leben ist der erste Schritt der wichtigste.

Wallis

Im Reigen der Schweizer Kantone nimmt das Wallis durchaus eine Sonderstellung ein. Vielleicht nicht, weil jedermann auf Anhieb den Kanton verorten kann. Wohl aber, wenn die bekanntesten Orte aufgezählt werden. Dann gibt’s ein großes Ah und ein noch größeres Oh. Dieses Ah und Oh eignet sich auch, um diesen Reiseband zu beschreiben.

Isa Ducke und Natascha Thoma sind begeisterte Wallis-Fans. Das spürt man schon, wenn man die einleitenden Worte zu Ihrem Reiseband liest. Und schon auf diesen ersten Seiten blubbert das erste Ah heraus. Ah, das Matterhorn. Klar, so einen ungewöhnlichen Berg erkennt man auf den ersten Blick. Diese Silhouette ist einzigartig.

Und so einzigartig geht es weiter. Im Rhonetal sind Wanderer im Paradies. So wie eigentlich im ganzen Wallis – aber hier im Besonderen. Da wandert man unter blauem Himmel, um sich die Berge, die nicht selten die 4000er-Marke mit einem Lächeln erreichen, quer über saftige Wiesen. Der Autolärm ist … verschwunden. Doch Vorsicht, wenn doch mal eines kommt, dann lieber zur Seite springen. Verkehrsregeln sind hier – Vorurteil der Schweizer über die Walliser – mehr Vorschläge als Regeln.

Auch der Genfer See und das noble Lausanne gehören zum Wallis. Und die gehobene Küche. Französisch und Deutsch gehören zur Sprache des Wallis wie erlesene Zutaten in die Walliser Kochtöpfe.

Immer wieder verblüffen die Autorinnen mit Wanderrouten und Haltepunkten, die den Wanderer zur Salzsäule erstarren lassen. Kurzum: Wer im Wallis unterwegs ist, hat zwei Möglichkeiten: Einfach drauf loslaufen. Irgendwas Schönes findet sich schon. Oder aber er blättert in diesem Buch, vertieft sich in die Buchseiten, Abschnitte, Bilder, Infokästen, Karten, ja sogar in einzelne Worte und findet garantiert das, was er nie zu finden gewagt hatte. Beispiel gefällig? Hier das Ergebnis einer willkürlichen Suche im Buch. Doppelseite 108/109: Mineraliensuche in der Grube Lengenbach. Anderthalb Kilometer lang und ein El Minerado für alle, die sich ihre kindliche Neugier bewahrt haben. Und dann der Ausblick (im Buch nur als Foto – in natura um Längen beeindruckender) die Wanderung zum Mässersee. Still liegt der See, trotzig die Berge und darüber – da ist er wieder – der blaue Himmel.

Bei diesem Reiseband wird einem schnell klar, warum die Reisebücher aus dem Trescher-Verlag gelb sind. Denn alle, die sie nicht nutzen, werden gelb vor Neid, wenn sie die Geschichten von Besuchern hören, die mit den gelben Büchern eine Region im Allgemeinen oder das Wallis im Speziellen besucht haben.

Montenegro

„Aus den schwarzen Bergen kommen wir. Unsre Gäste sind genauso begeistert wie wir“, okay, am Versmaß muss noch gefeilt werden. Aber inhaltlich stimmt dieser Reimversuch zu einhundert Prozent. Seit Jahren entwickelt sich das Land zu einem Hotspot für alle, die noch einmal im Leben unberührte Landschaften aufsaugen wollen. Doch die Zeit wird knapp. Immer schneller schreitet der so genannte Fortschritt voran und die bis vor Kurzem noch unentdeckten Schönheiten werden touristisch erschlossen. Einfach mal mutterseelenallein auf einem Berg stehen und in eine tiefe Schlucht – die Tara-Schlucht ist die tiefste Europas! – schauen, ähnelt jetzt schon einem Lotteriegewinn.

Aber keine Angst, Marko Plešnik, der Autor dieses Reisebandes, kennt noch so manches Plätzchen, das man fast für sich allein hat. Wenn man das Buch liest und seinen Ratschlägen folgt.

Immer wieder ist man fasziniert, dass ein so kleines Land (nur ein bisschen kleiner als Schleswig-Holstein) eine derart geballte Fülle an Attraktionen aufbieten kann. Fast schient es so als ob man von jedem Berg aus direkt in die Adria springen kann. Klare Seen, die in ihrer Reinheit verblüffen, wilde Wanderungen durch wilde Landschaften machen den Wanderer ganz wild vor Glück. Doch Vorsicht! Nicht immer sind alle Wege wie daheim ausgeschildert. Da empfiehlt es sich einem Experten anzuvertrauen. Wie dem Autor dieses Buches.

Akribisch beschränkt er sich nicht nur darauf eine Aufzählung alles Sehenswertem aufzulisten. Vielmehr sorgt er sich um das Wohl des Lesers, denn der wird unweigerlich zu Besucher werden. So viel sei an dieser Stelle schon verraten.

Die Bucht von Kotor zum Beispiel gehört zu den geheimen Orten, die schon längst nicht mehr geheim sind. Der Fjord, der durchaus immer noch dazu taugt, um in Quizshows eine größere Summe in Aussicht gestellt zu bekommen, ist ein Vorzeigeprojekt für Tourismusentwicklung. Schon in der Jungsteinzeit besiedelt, wippen heutzutage mancherorts Yachten in der Marina, die den Aufstieg wie selbstverständlich symbolisieren. Zahlreiche Ortschaften säumen die Wege auf die Hügel, von denen aus man die genussvollsten Aussichten genießen kann. Byzantiner und Nemanjiden herrschten hier, heute sind die Wasserballer die Helden der Zeit. Kirchen und Festungen sollten nicht nur als Wanderziele gesehen werden, sondern als Geschichtszeugnisse, die anderorts kaum noch so vorzufinden sind. Geschickt schafft es Autor Marko Plešnik die Balance zu halten zwischen dem, was offensichtlich ist (und somit massentauglich) und dem, was unerschrockenem Entdeckergeist die Freudentränen in die Augen schießen lässt.

Spreewald

Na klar kennt man den Spreewald. Dort, wo die Gurken herkommen und man mit dem Auto nicht weit kommt. Eine Naturlandschaft, die nur mit Booten befahren werden kann. Wo der Mensch an die Möglichkeiten seines Einflusses stößt. Und doch kennt man den Spreewald vielleicht doch nicht so gut.

Zumindest nicht so gut wie André Micklitza. Sein Reiseband ist eine Fundgrube für alle, die die sechs vorangegangenen Ausgaben des Buches verpasst haben. Und selbst, wer eine oder mehrere Ausgaben gelesen und auf Abenteuergehalt überprüft hat, wird hier noch mehr entdecken.

Erste Anlaufstelle ist für die meisten Besucher Lübbenau. Vorsicht, es gibt auch Lübben! Das liegt aber ein paar Kilometer nördlich. Und Neu-Lübbenau liegt noch weiter im Norden des Spreewaldes. Gleich in der nähe von Schlepzig (hier greift die moderne Autokorrektur gern mal ein und macht daraus Leipzig. Vorsicht also bei der Benutzung moderner Hilfsmittel. Dieses Buch ist vollkommen ausreichend, um die ganze Pracht des Spreewaldes zu erkunden.

Bleiben wir doch gleich in Schlepzig. Mehr als tausend Jahre alt erfährt es immer noch und immer wieder Renaissancen. Hier wird Schnaps gebrannt und das Bier erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Hat man die hochprozentigen Prüfungen bestanden, sollte man mit klarem Kopf die Fachwerkkirche und das Bauernmuseum nicht außer Acht lassen.

Aber das Wichtigste im Spreewald bzw. das Highlight in dieser urigen Landschaft sind und bleiben die Kahnfahrten. Kamera gezückt, Ohren aufgesperrt und mit allen Sinnen links und rechts der Fahrt wahrhaft Einzigartiges einfangen.

Kaum zu glauben, dass der Mensch sich hier niederzulassen getraute. Ist ja alles Sumpf! Nur mit dem Boot zu erreichen. Hier lässt es sich gut leben. Und staunen. Wer nur ein wenig im Buch blättert, kommt dem Geheimnis des Spreewaldes schnell auf die Spur.

Die Touren mit samt dem detailreichen Kartenmaterial, die unzähligen Infos (einfach mal drauf loswandern ist hier nicht das Mittel der Wahl), und die eindrucksvollen Bilder lassen den Leser staunen. Es sind eben doch nicht nur Wasser und Boote und Gurken aus dem Fass, die den Spreewald so erlebnisreich machen.

Schorfheide

Wer sich auch nur ein wenig für Geschichte interessiert, dem kommen Szenen von aufgefächerten Jagdtrophäen vors geistige Auge, wenn die Rede von der Schorfheide ist. Nazis wie Kommunisten föhnten hier ihrer Leidenschaft Wild im Berliner Norden ins Visier zu nehmen. Wer hingegen Erholung als Elixier zwischen Dienst und Pflicht sieht, dem wird beim Gedanken an die Schorfheide warm ums Herz. Und wer Reisebände sammelt, weil er Reiseziele sammelt, der wird mit erstauntem Auge dieses Buch in die Hand nehmen. So ein relativ kleines Reiseziel – und ein eigenes Reisebuch?! Ja, warum nicht!

Im Dreieck Templin, Angermünde, Eberswalde liegt das Paradies. Anders kann das Fazit gar nicht lauten. Den Begriff Lärm findet man hier nur im Fremdwörterlexikon. Als absolutes Gegenstück zu Erholung. Langeweile ebenso – Abenteuerlust hingegen ist so angesagt wie einst das Jagen ordenbehangener Staatslenker.

Fast zwei Dutzend Touren haben die Autoren zusammengestellt. Jede einzelne eine Tour, die die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn in den Schatten stellen. Vorbei an entlegenen Seen – je nachdem, um welche Uhr- und Jahreszeit man wandert – durchs Dickicht, auf gut beschilderten Pfaden und natürlich an Gebäuden vorbei, die immer noch Geschichte atmen. Und an manchen Stellen kommt es einem so vor als ob die Zeit hier niemals vorangeschritten sei. Ein echter Urwald, wo der Mensch nur Zaungast ist.

Immer wieder stoppt der Lese-Wander-Drang, wenn beispielsweise die Geschichte von Carinhall erzählt wird, Görings Jagdhaus … und das im doppelten Wortsinn. Hier hielt er Hof, wenn das Hallali erklang. Hier verführte er so manche Dame.

Die zahlreichen Karten machen weitere Utensilien auf Wanderschaft unnötig. Wer es sich doch nicht verkneifen kann, der kann die Wanderungen sich aufs Smartphone laden und Buch und Wanderungen digital erleben. Dabei sollte man aber nicht vergessen den Kopf zu heben. Denn es gibt nur eine Sache, die besser ist als dieser Reiseband: Die Schorfheide in natura!

Einmischung unerwünscht

Da entdeckt man fernab der Heimat (vermeintlich fernab der Zivilisation) eine Methode eine Krankheit zu heilen, die fernab von Wissenschaft seit Ewigkeiten funktioniert. Zuhause, in der Zivilisation, legt man dagegen lethargisch die Hände in den Schoß und lässt das Schicksal entscheiden, wer überlebt und wer nicht. Und das alles nur, weil die neue Heilungsmethode (die ja eigentlich verdammt alt ist) von einer Frau propagiert wird. Klingt nur so lange halbwegs lustig bis einen selbst die Krankheit erwischt. Und der rettende Strohhalm von einer Frau gereicht wird.

Lady Mary Wortley Montagu konnte ein Leben lang ein Lied davon singen wie perfide diese Situation ist. Sie lebt im 18. Jahrhundert. Solange ihre Schönheit blühte, war sie begehrt und nicht selten auch verehrt. Dann ereilte sie die Pockenkrankheit, inklusive aller Nebenwirkungen. Die ihrer Schönheit nicht zuträglich waren. Mit ihrem Mann lebte sie in Konstantinopel. Dort wurde sie Zeugin wie man mit einfachsten Mitteln der Pockenseuche Herr (!) wurde. Und somit die Frauen nicht durch die verschandelnden Pockennarben ihren Antlitz verdarben. Variolation hieß das Zauberwort. Pockenviren Gesunden verabreichen und fertig. Die potentiellen Patienten waren von nun an immun. Und hatten keine Pockennarben… Zurück in England wütete die Pockenseuche. Verluste im sechsstelligen Bereich waren normal. Doch Lady Montagus Ideen die Variolation anzuwenden wurden abgeschmettert. Was weiß eine Frau denn schon…?!

Nur ein Beispiel dafür, dass der Kampf von Frauen gegen die Macht der Männer nicht nur ein Hirngespinst der Moderne ist. Es gibt immer einen Weg eine Idee, eine These, einen Lösungsansatz zu diskutieren. Aber sie von vorn herein abzuschmettern, weil die geistige Mutter eben kein geistiger Vater ist, sollte zum Umdenken führen.

Arne Molfenter und Rüdiger Strempel stellen in „Einmischung unerwünscht“ Frauen vor, denen allein aufgrund ihres Geschlechts die wissenschaftliche Anerkennung verwehrt blieb. Hedy Lamarr ist im Reigen der Damen sicher die Bekannteste. Doch „nur“ als Schauspielerin, deren Karriere mit einem Leinwandskandal begann. Dass sie auch als Forscherin mindestens genauso viel Ruhm ernten müsste, ist nur Wenigen bekannt. Dem Krieg, der Verfolgung durch die Nazis ist sie durch ihren Umzug nach Hollywood entgangen. Sich dem widerwärtigen Treiben in Europa konnte sie sich nicht entziehen. Sie wollte helfen. Wollte aktiv gegen die Schänder ihres Heimatlandes kämpfen. Kurz gesagt: Wer heute mit WLAN kommuniziert, befindet sich ein Stück weit in Hedy Lamarrs Welt. Denn ihre Entdeckung, dass durch steten Frequenzwechsel die Torpedos der Alliierten von den Deutschen nicht ad hoc lokalisiert werden konnten, ist ihr Verdienst. Und gibt es Denkmäler und Feiertage für die Wissenschaftlerin Hedy Lamarr? Nein? Erinnert man sich an ihren ekstatischen Auftritt im Film? Ja, oh ja.

Die in diesem Buch versammelten Damen kamen – wenn überhaupt – erst nach ihrem Tod zu Ehren, die ihnen zeitlebens verwehrt wurden. Den beiden Autoren ist es zu verdanken, dass sie nicht gänzlich im (männlichen) Schlund des Vergessens verschluckt wurden.

Die Grunewald-Gefährten

Es gehört nicht viel Geschichtsinteresse dazu einen ausgedehnten Spaziergang durch den Berliner Stadtteil Grunewald zu machen. Und dennoch kommt man nicht umhin hier mit jedem Schritt Geschichte zu atmen. Vorbei an den Villen eleganter Diven, gefeierter Bühnenstars bis hin zu … ja meist sind es sogar dieselben Häuser … den machtgierigen Nazigrößen, die Deutschland in den Abgrund trieben.

Hier wohnte wer es sich leisten konnte. Hier wurde Politik für den Fortschritt gemacht. Hier säte man humanes Allgemeingut. Und hier formierte sich auch Widerstand gegen die, die das alles mit ihren Stiefeln traten, mit stolz geschwellter ordenbehangener Brust das Schwärzeste aus sich herauskehrten.

Cornelius Bormann nimmt sich derer an, die humanitäre Grundgedanken nicht nur als Plakat vor sich hertrugen, sondern im Herzen mehr als nur eine Ecke frei räumten. Die Namen sind teils bis heute wohlklingend. Von Dohnányi, Bonhoeffer, Delbrück, Leibholz. Sie drückten gemeinsam die Schulbank. Spielten Tennis. Verliebten sich, heirateten mitunter. Und das in einer Zeit, in der Deutschland seine Söhne in den Krieg trieb, im Anschluss die Korken knallen und gleichzeitig die soziale Verantwortung des Staates schleifen ließ. Dann kamen die marschierenden Stiefel. Ganz langsam, doch unaufhörlich brachen Hass und Perfidität über das Land herein. Und die Idylle des Grunewald wich dem Braun des Kanonendonners.

„Freunde im Widerstand gegen Hitler“ lautet der Untertitel dieses Buches. Es räumt auf mit dem Vorurteil, das, wer mit dem goldenen Löffel im Mund geboren eher bereit ist sich zu arrangieren als aktiv gegen Missstände vorzugehen. Fünf Menschen, fünf Kämpfer portraitiert Cornelius Bormann. Vier bezahlten ihren Einsatz mit dem Leben. Vor allem die Detailtiefe macht dieses Buch zu einem Juwel in der schier endlosen Reihe von Biographien über Widerstandskämpfer der Nazizeit. Mit diesem Wissen im Gepäck wird jeder weitere Spaziergang durch den Kiez zu einer Entdeckungsreise auf bekannten Pfaden.

Immer wieder stößt Cornelius Bormann Türen auf, die lange verschlossen waren. Doch es bleibt nicht beim Schlüsselloch durch das man schaut. Tiefer und tiefer taucht man in eine Welt ein, deren Antrieb nicht weiter als Gerechtigkeit war. Aber eben auch eine Welt voller Zweifel und Angst. Dass diese Angst nicht unterging, ist bis heute ein Vermächtnis, das es zu bewahren gilt. Und wer immer noch Helden braucht, um aufzustehen … bitte sehr! Hier sind fünf Menschen, frei von politischer Verblendung die es wert sind sich ihre Ideen anzueignen.

Mr. Goebbels Jazzband

Ein so kraftvolles Wort wie Propaganda braucht starke Mitstreiter. Und Propaganda treibt zeitlebens gar seltsame Blüten. Wie diese: Mr. Goebbels – das „Doktor“ lassen wir an dieser Stelle getrost außen vor (Politiker und ihr „Titeldrang“ …) – will in Kriegszeiten die Bevölkerung der Gegner mit modernen Melodien und gezielten Texten in seinen Bann ziehen. Was braucht man dafür? Musik – Jazz, das ist modern, das reißt mit. Musiker – die hat er schon gefunden. Unter ihnen Leute, die es ohne die Jazz-Band ein jähes Ende beschert gewesen wäre. Ihre Herkunft oder ganz einfach ihre Liebe zum Jazz gaben ausreichend Grund zu ihrer Vernichtung.

Und was braucht man noch? Ein Sprachrohr, das die Massen einschwört. Denn Propaganda ohne Empfänger ist wie ein Betrunkener, der vor sich hinbrabbelt. Und so wird ein Schriftsteller beauftragt die Band zu begleiten, ihre Erfolge bekannt zu machen, ihr Biograph zu sein. Und jetzt kommt’s … das ist tatsächlich alles so passiert!

Tatsächlich bezahlte das deutsche Propaganda-Ministerium eine deutsche Jazzband, um in England mit entsprechenden Texten Wohlwollen für das widerliche Treiben in Kontinentaleuropa zu gewinnen. Dass diese Geschichte in Vergessenheit geraten ist, spricht für die Perfektion der Handelnden. Dass sie nicht in der Vergessenheit versunken ist, dafür muss man Demian Lienhard danken.

In seinem Roman – historische Romane bieten sich exzellent an, um historische Fakten nahbar zu machen, und in diesem Fall gelingt es vom ersten bis zum letzten Wort – beschreibt er eine Zeit, deren Geschichten doch noch nicht komplett erzählt wurden. Das muss man sich mal vorstellen. In einem Land, in dem das Stigma Jude unweigerlich zum Tod führt (womit nicht gesagt ist, dass Jude zu sein ein Stigma ist, leider aber in dieser Zeit), spielen Menschen zusammen entartete Musik, um dem Feind des Auftraggebers zu schaden, und dem eigenen Feind zu entkommen. Perfider geht es nicht!

Als Sprachrohr fungiert Lord Haw-Haw, ein berüchtigtes Schandmaul, ein englischer Nazi, der keine Gelegenheit ausließ dem Führer und seinen Machenschaften zu huldigen. Sein Ende war nicht weniger kurios als sein unglaubliches Treiben. Er wurde unter falschem Namen angeschossen und gefangen genommen. Und zwar von einem, der auch unter falschem Namen hinter den feindlichen Linien agierte. Lord Haw-Haws Ende war weniger glamourös. Strick um den Hals, Falltür auf, das war’s!

Hat man das Staunen über diese Geschichte einmal im Griff, lässt man sich gern von Demian Lienhard durch selbige treiben. Stellenweise schmunzelt man verlegen, muss sich jedoch beherrschen, weil die Geschichte im Ganzen betrachtet überhaupt nicht lustig ist. Ein menschenverachtendes System ist eben doch nicht komplett in sich geschlossen. Das ist der Lichtblick!

Das Erbe

Vierundachtzig Jahre lebte Phillida Chase auf ihrem Anwesen, zu einige Morgen Land gehörten, ein paar Farmhäuser und fünfzig Pfauen. Nun liegt sie da, mit der Decke über dem Gesicht. Und ihr Testamentsvollstrecker, ihre Vermögensverwalter unterbreiten nun ihrem Neffen Peregrinus Chase das Angebot alles so schnell wie möglich zu veräußern. Die Ländereien und Farmen decken dabei allerhöchstens die Tilgung der Schulden und weiterer Kosten. Das Herrenhaus im Tudor-Stil selbst bringt noch ein bisschen was ein, da es doch ziemlich durchschnittlich, um nicht zu sagen heruntergekommen ist. Mr. Chase selbst ist es nicht minder. Eigentlich will er sich das Erbe seiner Tante, die er nie kennengelernt hatte selbst erst einmal ansehen. Eine Chance für ihn sich selbst zu erkennen…

Peregrinus Chase geht auf Wanderschaft durch das unerwartete Erbe. Bis vor Kurzem wusste er noch nichts von der Tante. Kannte sie gar nicht. Und bis heute ist sie für ihn ein Buch mit sieben Siegeln. Immer wieder trifft er bei seinen Eroberungswanderungen auf Menschen, die ihm seine Tante näherbringen. Und immer wieder diese Pfauen. Blackboys, so heißt das Anwesen, ohne Pfauen, ohne Chase`s, ohne die Blumenpracht – nee, das geht nicht.

Aus dem anfänglichen Fremdeln – selbst im Haus bewegt er sich wie auf rohen Eiern, um ja nichts zu beschädigen – wird ziemlich schnell einvernehmliches Abfinden mit der Situation. Das alles gehört ihm! Ja, ihm Peregrinus Chase aus Wolverhampton, der in einem kleinen möblierten Zimmer wohnt und einer Arbeit nachgeht, die so weit von Befriedigung und Erfüllung entfernt ist wie er noch vor einiger Zeit vom Besitz eines Landsitzes.

Letztendlich entschließt er sich doch alles unter den Hammer zu bringen. Ist wohl doch das Beste?! Alles weg, die Schulden bezahlen, ein wenig Gewinn wird wohl noch hängen bleiben. Und so kommen die Parzellen, eine nach der anderen zur Versteigerung. Die Preise sind so lala. Könnte besser laufen. Chase nimmt es mit stoischer Ruhe hin … bis das Haupthaus aufgerufen wird.

Vita Sackville-West wählte wohl nicht ohne Hintergedanken den Namen ihres Protagonisten, Mr. Chase. Der jagt zum ersten Mal in seinem Leben einem echten Ziel hinterher. Bisher nahm er alles ohne Regung hin. Als ihm bewusst wird, dass das Anwesen ein Teil von ihm ist, und er somit umgekehrt ein Teil des Anwesens, wird bei ihm ein Schalter umgelegt. Hinfort das Grau, das sein Leben bestimmte. Die Blumenpracht und die Farbenvielfalt der Pfauengefieder haben wohl mehr Eindruck gemacht als ihm jemals hätte auffallen können.