Die schönsten Museen in Brandenburg

Schauen Sie mal rein, dann können Sie weit schauen! So könnte der Untertitel des Buches lauten. Denn so weitläufig Brandenburg als Besucherlandschaft ist, so breitgefächert ist das Angebot an sehenswerten Museen, die die Wanderung kürzer oder länger unterbrechen oder als Reisziel dienen. Velten zum Beispiel ist Hedwig-Bollhagen-Land. Hier lebte sie, hier wirkte sie, hier ist bis heute ihr Lebenswerk spürbar … und zu besichtigen. Klare Linien und Formen und das unverwechselbare Blau, das zu ihrem Markenzeichen wurde.

Brandenburg en miniature – das geht. Und zwar mitten ins Herz der jüngsten Museumsbesucher. In Kleßen im Havelland sorgt das Spielzeugmuseum für feuchte Augen bei den Großen und sehnsüchtige Blicke bei den Kleinen.

Ein B ’n B der besonderen Art findet man in Buckow. Hier lebte und arbeitete Bertolt Brecht. Als ist es sogar ein B ’n B ’n B – drei Bs. Bertolt Brecht Buckow. Hier ist fast alles noch so als ob der Dichterfürst, der sich niemals als solchen bezeichnet hätte, am Morgen noch sich seine erste Zigarre angezündet hätte. In der Vitrine stehen noch Gläser, die Stühle sind schon zurecht gerückt für das Mittagessen. Stilecht, wie es Brecht sicher gefallen hätte.

Imposantester Museumstipp ist ob seiner Größe der Dom zu Brandenburg in Brandenburg in Brandenburg. Wieder drei Bs, die den Besucher mit offenem Mund dastehen, aber nicht alleine lassen. Neunhundert Jahre ist es her, dass der Bau begonnen wurde. Die massiven Ziegelwände sind nicht nur imponierende Fassade, sie sind stilprägend für Jahrhunderte und weit über die Stadtgrenzen hinaus.

Brandenburg zu erkunden, ist für viele immer noch ein Abenteuer. Viele locken die vielfältigen Wasserwandermöglichkeiten. Doch auch an Land kann und wird man sich leicht verführen lassen. Kleine Museen, die mit viel Liebe zum Detail Besucher anlocken und nicht zu viel versprechen bis hin zu unübersehbaren Denkmälern und Mahnmalen sorgen für Abwechslung auf der Pirsch durch unbekanntes Terrain.

Ein echter Appetitmacher ist dieses Buch. Für mehr Infos werden die einzelnen Kapitel mit Anschrift, Homepage und Öffnungszeiten abgeschlossen. Wer in Brandenburg nichts verpassen will, kommt um diesen Reiseband nicht herum.

Über die Brücken von Paris

Es ist unbestritten, dass Paris zu den Top 10 der Sehnsuchtsorte auf der Welt gilt. Das belegen allein schon die Besucherzahlen. Zum Anderen sind es aber auch die unzähligen Bücher, die über die Stadt geschrieben wurden und der Berg an Büchern, deren Handlung ohne Paris nur halb so interessant wäre.

Gernot Gad geht es sicherlich nicht anders – der gebürtige Berliner lebt in Paris. Nicht weil er muss, sondern weil er es will. Weil die Stadt ihn fasziniert. Es saugt die Stadt auf, atmet ihren Rhythmus ein und stromert mit wachem Auge von Links nach Rechts. Dabei quert er die Seine ein ums andere Mal. Es scheint schon fast logisch, dass er den Brücken, die ihn übers Wasser tragen, ein Denkmal setzen muss. Und was für eins!

Kaum eine romantische Szene kommt ohne die Brücken von Paris (am besten bei Nacht oder zumindest bei Anbruch der Nacht) aus. Das Lichtermeer ist schmeichelnd für das Auge. Mit Eiffelturm im Hintergrund – ebenfalls beleuchtet – und schon hat man das perfekte Erinnerungsbild für die Ewigkeit. Kitschig. Ein bisschen. Aber auch umwerfend beeindruckend. So muss Paris in der Erinnerung sein!

Ist der erste Rausch verklungen, drängen die ernsten Fakten nach vorn. Siebenunddreißig Brücken sind es die Paris die Trennung durch die Seine vergessen lassen. Pont Neuf ist wohl die bekannteste in einer zeit, in der das schnelle eindrucksvolle Foto mehr Wert besitzt als die nie verblassende Erinnerung an eine schöne Zeit. Juliette Binoche setzte im gleichnamigen Film dieser Brücke ein ewiges Denkmal. Filmgeschichte zum Anfassen bzw. zum darauf Herumlaufen. Diese Brücke allein für sich zu habe, ist unmöglich.

Aber da sind ja noch sechsunddreißig weitere Brücken. Und ihre Geschichte teilt Gernot Gad mit dem Leser. Hochzeitspaare an einer Brücke, die an den Krieg in der Wüste erinnert – wenig romantisch. Doch Monsieur Eiffels Vermächtnis im Hintergrund lässt all die Pein vergessen. Das Licht muss nur stimmen.

Pont Grenelle – dort, wo die Freiheitsstatue in kleinerer Ausführung steht – raunt man sich Legenden zu. Hier das Original, da die überlebensgroße Kopie. Von wegen. Umgekehrt ist es richtig. Hier wird Geschichte fasst schon greifbar. Besonders, wenn man sich das Gesicht der Dame auf der Brücke anschaut. Frédéric Auguste Bartholdi hat die Statue geschaffen. Das Gesicht war ihm wohl bekannt. Es ist das Gesicht seiner Mutter. Und eigentlich sollte sie schon Jahrzehnte vorher in der warmen Sonne Ägyptens stehen…

„Über die Brücken von Paris“ ist genau das Buch, das man braucht, kennt man die Stadt schon gut. Sind die Märkte wie der heimische Supermarkt, ist der Eiffelturm nicht mehr Objekt des stundenlangen Wartens auf überragende Aussichten, ist Montmartre nicht länger das verblassende Klischee des Paris von einst, sind die Modeläden in Le Châtelet nur Fassaden, die man gern noch im Augenwinkel wahrnimmt – dann wird es Zeit sich neue Ziele in Paris zu stecken. Von A bis A, von Aval bis Amont, das ist schon eine ordentliche Wegstrecke, die man da zurücklegen muss. Immer am Ufer entlang. Und in der Mitte des Weges ganz schön voll. Und doch nimmt man all das auf sich, um in Paris doch etwas zu erleben, was Andere niemals wahrnehmen werden – so lange sie nicht dieses Buch mindestens in der Hand halten – Paris ist ab sofort eine ganz andere Stadt!

Kulturkalender 2026 aus Baden und Württemberg

Schlagzeilen, die wie zarte Glockenschläge unser Gedächtnis aktivieren und ein „Ach ja, ich erinnere mich“ oder „Ach was, das wusste ich gar nicht“ herausfordern. So wird das Jahr 2026, sofern man sich diesen Kalender als Zierde, als Erinnerungsstück oder einfach nur als kulturellen Appetizer an die Wand hängt. Und wenn wir schon bei Kultur sind … Harriet Straub lebte in Unkultur. Wenn man Kultur – in ihren Augen – nur als elektrisches Licht, Telephon und Luftschiffe anerkennt. Sie wurde 1872 geboren, weshalb die drei genannten Dinge auch als kulturelle Errungenschaften zu betrachten. Heute sind sie Normalität und nur wenige sehen sie als Kultur an. Ihr Portrait ziert die Januarwoche, in der sie 154 Jahre zuvor in Emmendingen geboren wurde.

Schon eine Woche später ist Esskultur ein Thema, mit dem jeder etwas anfangen kann. Sofern er von Oma oder Uroma noch das Wort „Einwecken“ mit auf den Weg bekommen hat. Das stammt von der Firma J. Weck GmbH in Ölfingen. Im Januar1914 erhält er das Patent zum Haltbarmachen von Lebensmitteln mittels Hitze und fest verschließbarer Gefäße. Wer hätt’s gewusst?!

Und so mäandert der Kalender durchs Jahr 2026. Von der Geburt Friedrich Eberts in Heidelberg über die Geburt das Anti-Atomkraftwerkbewegung bis hin zum Kleber, der wirklich alles zusammenhält, was zusammenhalten muss.

Ein echter und heißer Ritt durch die Jahrhunderte, der für Erstaunen und Aufsehen sorgen wird. Denn wer weiß schon dass eine der größten Raritäten der Philatelie aus Baden stammt?! Oder wann die Spätzlepresse erfunden wurde?!

Wohl bekannt, dass der 6. Juli 1415 ein heißer Tag in Konstanz war. Besonders für Jan Hus… Heiß-romantisch war es eine Woche und vierhunderteindunddreißig Jahre später als die Tochter von Zar Peter I. den späteren König Karl I. von Württemberg heiratete.

Es ist erstaunlich wie viele Daten aus der Geschichte noch zusammentragbar sind, um einen Kalender für ein ganzes Jahr zu füllen. Nicht immer runde Jubiläen sorgen für Aufsehen, sondern „ganz alltägliche Besonderheiten“. Bei jedem Umblättern fragt man sich unweigerlich, was einen in der nächsten Woche als württembergisches und / oder badisches Highlight kredenzt wird. Langweilig wird’s nie!

Alle unsere Leben

Das liest sich doch wie … also, Er und Sie verlieben sich … trennen sich … sehen sich im Laufe der Jahre immer mal wieder … bis sie dann zum Ende … na, das ist doch wie bei Harry und Sally. Die Orgasmusszene im Restaurant fehlt. Auch ist „Alle unsere Leben“ keine 80er-Jahre-Paar-Comedy für Popcorn-Abende.

„Alle unsere Leben“ ist weitaus mehr. Viel mehr. Christine Dwyer Hickey schickt ihre Protagonisten durch Jahrzehnte, durch London. Milly zieht es aus der irischen Piefigkeit und strengem katholischen Zwangsverhalten über die See ins vibrierende London. Das ist 1979. Die Stadt ist wenig einladend. Die Thatcher-Regierung hat ihre Arbeit aufgenommen und meint das Land mit rigiden Reformen wieder in die Spur zu bringen. Für Milly ist der Job in einem Pub die erste und lange Zeit die einzige Möglichkeit Geld zu verdienen.

Pip ist Boxer. Er liest, wenn er allein im Pub ist. Kein typischer Einzelgänger, aber einer, der allein auch ganz gut zurechtkommt. Bis er Milly kennenlernt. Liebe auf den ersten Blick ist zwar etwas anders, dennoch fühlt es sich so an als ob Sie und Er, Milly und Pip füreinander bestimmt sind. Doch die Zeiten fordern ihren Tribut.

Über die Jahre hinweg kreuzen sich die Wege der beiden immer wieder. Mit mehr oder weniger Erfolg, für die beiden. Es wird lange dauern bis sie wieder Sie und Er, Milly UND Pip werden. Die lange Zeit hat ihre Narben hinterlassen, Lebenserfahrungen nennt man das. Das hat Vorteile für jeden einzelnen. Aber eben auch Nachteile für sie als Paar. Es wird der wichtigste, der härteste Kampf für die beiden. Ein Unentschieden ist nicht akzeptabel…

Christine Dwyer Hickey schafft einen Rauschraum, aus dem man nicht ausbrechen möchte. Auch nicht ausbrechen kann. Man gönnt Milly und Pip ihr Glück ohne Umschweife. Doch die beiden schaffen es nicht fernab ihrer irischen Heimat sich ein Heim zu bauen. Tradition und Aufbruch gehen nur schrittweise Hand in Hand mit persönlichen Träumen und Rückschlägen.

Milly hört ab und zu, wenn Pip wieder in London ist. Manchmal sehen sie sich, manchmal aber auch nicht. Doch jedes Mal pocht ihr Herz. Und jedes Mal fragt sie sich warum dies so ist. Pips Karriere als Boxer ist irgendwann einmal zu Ende. Dann muss er neue Pfade beschreiten. Allein oder in Gemeinschaft? Mit Wem? Mit Milly? Allein der Gedanke lässt ihn zittern. Mal vor freudiger Aufregung, mal aus Angst.

Ein dickes Buch, ein liebevolles Buch, ein Buch, das so unaufgeregt anders ist als die Mehrzahl der Liebesgeschichten.

Bilderbuch einer Nacht

Der Titel würde auch gut zu einem der zahlreichen Singer/Songwriter passen, der in seinem eigenen Taumel durch die Stadt irrlichtert und versucht seinem Weltschmerz mit jammernder Stimme Gehör zu verschaffen. Er wird scheitern, schon allein deswegen, weil er denkt, dass ihm der Albumtitel zu allererst eingefallen sei. Nein, Erik-Ernst Schwabach war schneller. Und heller. Und einfallsreicher. Nicht so verweichlicht. Und schon gar nicht wimmernd.

In „Bilderbuch einer Nacht“ streift die Menschheit durch eben selbige. Sie sind einholen – ein wunderbar altmodischer Begriff, der so manchem Singer/Songwriter (da sind sie wieder!) abhanden gekommen ist – sie flitzen nach dem Omnibus, sie hecheln nach Liebe, wollen sich den Wanst voll schlagen, sind Getriebene und hetzende Meute zugleich. Alles ganz normal! Normale Menschen, die dem Leben einen Moment abknüpfen wollen, um ihm ihren Stempel aufzudrücken. Alles so wunderbar altmodisch. Ein Hut ist hier ein Hut, nicht modische Accessoire, um sich einer Clique angehörig zu präsentieren. Sie alle tragen nicht die Klampfe als Wehklang über der Schulter. Die Nacht ist zum leben da. Bedürfnisse und Bedarf verschwimmen im Laternenbrei wie Tag und Nacht.

Ernst-Erik Schwabach wurde mit dem goldenen Löffel im Mund geboren. Alter Bankiersadel. Die jüdischen Wurzeln wurden von seinen Vorfahren aus verständlichen Gründen abgelegt. Auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt es sich seiner Religion zumindest in Acht zu nehmen. Schwabach war nun protestantisch. Mit dem Geld der Familie kaufte er sich bei Verlagen ein. Unter anderem bei Kurt Wolff in Leipzig. Er gab eine literarische Zeitschrift heraus. Er förderte Autoren und Künstler wie zum Beispiel Else Lasker-Schüler. Im Familienschloss Märzdorf las Heinrich Mann aus seinem „Untertan“ bevor er veröffentlicht wurde. Und Erik-Ernst Schwabach schrieb selbst. In der Kunstszene Deutschlands hatte der Name Schwabach einen wohlklingenden (und für viele überlebenswichtigen) Ruf. Und dennoch kennt man ihn heutzutage kaum noch.

Die Inflationszeit fraß die Reserven auf. Der aufkommende und später regierende Nationalsozialismus gaben ihm den Rest. Schwabach emigrierte nach England. Das Einkommen war im Vergleich zu den Jahren vor der Geldentwertung weniger als ein Tropfen aus dem (verdammt) heißen Stein. Dieses Buch erschiene trotzdem. Auf Polnisch. Im Exil erhielt Erik-Ernst noch eine Ausgabe, die er allerdings nicht verstehen konnte. Polnisch war nicht seine Muttersprache. Wenige Tage/Wochen später verstarb er. Von seinem Werk ist nur wenig erhalten. Von diesem Buch sind es nur eine leicht zählbare Anzahl Exemplare, die kaum noch einzusehen sind. Und so dauerte es tatsächlich fast neunzig Jahre bis „Bilderbuch einer Nacht“ endlich auf Deutsch erscheinen kann. Immer noch lesbar, erlebbar, nachvollziehbar und beeindruckend wie am ersten Tag.

In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied

Zürich – Tel Aviv und zurück: und schon ist das Leben von Gadi nicht mehr dasselbe. Drei Jahrzehnte haben sich Vater und Sohn nicht mehr gesehen, jetzt liegt Gadis Vater im Sterben. Tamar, sein Schwester hat ihn eindringlich darum gebeten doch zu kommen. Es ist wichtig, für Vater. Auch wenn es für eine persönliche Aussöhnung zu spät ist.

Das Testament des Vaters ist für ihn, Gadi, den Sohn eines irakischen Judens, der seine Heimat verlassen musste, eine Erbe, das er anfangs nicht annehmen möchte. Denn Zakai Mieche möchte, dass sein Asche teils in Jerusalem, teils am Tigris vergraben bzw. am Tigris verstreut werden soll. Schwester Tamar kann nicht in den Irak fliegen. Nicht mit dem Pass, nicht als Frau. Unfassbar möchte man schreien – wir sind nicht im finstersten Mittelalter, sondern in der Gegenwart.

Auf dem Heimflug blättert Gadi im Tagebuch seines Vaters. Alsbald ist er in eine Welt hineingezogen, die er nicht zu kennen glaubte. Eine Welt, die nicht die seine sei. Eine Welt, die zu seiner Welt wird. Er liest über den Aufstieg des Vaters als Textilunternehmer, von seiner Hoffnung in einem freien Irak unter der Herrschaft von Faisal I., der jede Ausübung jeglicher Religion als Schatz und nicht als Bedrohung sieht. Bis der braune Terror aus sein Vaterland in den Würgegriff nimmt. Arabische Übersetzungen von Hitlers Machwerk „Mein Kampf“ übersäen das Land. Der Hass auf Juden dringt schrittweise in den Alltag ein. Demagogen übernehmen die ideele Führung, sofort nach Faisals Tod. Die Spekulationen darüber sind bis heute nicht verklungen.

Palästina, Israel war nun die neue Heimat von Zakai Mieche. Hier zog er seien Kinder groß, hier zerstritt er sich mit seinem Sohn. Für Gadi beginnt die größte Umwälzung in seinem Leben…

Usama al-Shahmani lädt ein zum Konzert der großen Gefühle. Ein leises Lied, zarte Melodien, rasante Rhythmenwechsel – jedes Kapitel ein Paukenschlag. Identitätsfindung oder –bestätigung oder –ausbildung sind mit Emotionen verbunden. Mal sind sie unendlich wertvoll und erzeugen ein Gefühlsrauschen – im Falle von Gadi wird ein Großteil seines Lebens ordentlich auf den Kopf gestellt. Die Frage, ob er in den Aufzeichnungen (weiter-) lesen soll, stellt sich ihm nur kurz – ein Freund, ebenfalls mit irakischen Wurzeln, macht ihm unmissverständlich klar, dass es keinen Grund gibt es nicht zu tun. Und Gadis wilde Fahrt kommt nu erst richtig in Schwung…

Der Engel von Rom

Da steht er nun, Jack Rigel aus Omaha, Nebraska, Sohn einer alleinerziehenden Katholikin. Mitten in Rom. Dieser jahrtausendalten Stadt, dieser junge Kerl aus einem Land, in dem alles, was älter als fünfzig Jahre ist wie eine Antiquität angesehen wird. Priester soll er werden, damit die Familie wieder gut dasteht. Autor will er werden, weil … ja, weil, der neue Jack Rigel mit dem alten Jack Rigel nichts mehr zu tun haben will. Aber ohne Italienischkenntnisse kommt man in Italien nicht weit. Schon gar nicht als überambitionierter, völlig vom eigenen (eingeredeten) Anspruch überforderter Jüngling, der eigentlich immer noch seiner großen Liebe Clarissa nachhängt.

Jack studiert brav Latein. Eines Tages wird er auf eine Menschenansammlung aufmerksam. Er schlängelt sich durch die Massen und traut seinen Augen nicht. In einem ristorante sitzt Angelina Amadio. Eine von ihm vergötterte Schauspielerin. Und er platzt mitten in eine Szene. Huch, hier wird gedreht?! Jack lässt aber auch wirklich keine Fettnäpfchen aus! Mitten harschen Worten wird er aus der Szene geholt. Von niemand geringerem als Sam – auch den kennt Jack. Aus einer Fernsehserie. Nicht minder erfolglos als die Karriere von Angelina Amadio, die alle nur den Engel von Rom nennen. Das rührt noch aus einer Zeit als sie mal so was wie eine echte Berühmtheit war.

Ronnie Tower – so der Rollenname von Sam – ist erfreut Jack zu sehen. Denn er könnte dem Schauspieler helfen sich bei Angelina zu entschuldigen. Ronnie/Sam spricht nämlich kein Italienisch. Noch weniger als Jack. Für Jack ist es die einmalige Gelegenheit der Frau nahezukommen, die ihm schlaflose Nächte bereitete. Deal. Jack entschuldigt sich. Angelina ist mehr als verwirrt. Und mit einem Mal sind Jack und Ronnie/Sam dickste Freunde.

Es sind schon eigenartige Zufälle, die Jack Rigel den Weg ebnen werden, den er so viele Jahre lang geträumt hat einzuschlagen. Er trifft die Frau seiner Teenager-Träume. Ein echter Engel, die sogar den Spitznamen Engel trägt. Doch der wahre Engel ist ihm kurz zuvor begegnet. Nur hat Jack es wieder einmal verpasst ihn zu erkennen. Erst später, Jahre später wird er sich dessen bewusst.

Jess Walter rauscht durch das Leben des Unglücksraben Jack, und man ist live dabei, wenn er unbewusst die ersten Wendeschritte unternimmt. Niemals ist man in unsicheren Gefilden. Das wird schon gut gehen. Es wird gut gehen. So viel ist sicher! Was als „Beiwerk“ mit dranhängt, das wird jeden überraschen.

Der Lauf der Dinge

Siebenhunderteinundsechzig Tage. So lange dauerte es nach eigenem Bekunden des Autors bis „Der Lauf der Dinge“ fertig war. Andrea Camilleri war da schon Autor, unter anderem fürs Fernsehen. Doch ein Buch, einen Roman hatte er noch nicht veröffentlicht. Das sollte auch noch dauern.

„Der Lauf der Dinge“ nimmt vieles vorweg, was in den folgenden Jahren das literarische Werk Andrea Camilleris bestimmen wird. Die Liebe zu Sizilien und vor allem den Sizilianern. Ihre Eigenheiten – die viel beschworene Omerta, das Gesetz des Schweigens. Oder ihre unerbitterliche Zuneigung zu dem, was sie lieben – Menschen, ihrem Stil, ihrer Tradition. Nicht immer verständlich, doch unabdingbar will man alles verstehen (was eh nicht möglich ist…).

Da steht der Maresciallo schwitzend in seinem Büro. Die Hitze treibt ihm den letzten Lebenssaft aus den Poren. Da erscheint ein Bauer und bereichtet vom Fund einer Leiche. „Normalerweise“ würden jetzt Heerscharen von Ermittlern ausrücken, den Tatort absperren, Spuren sichern, nach Zeugen suchen. Hier läuft das alles ein bisschen anders. Der Bauer wird in den Schwitzkasten genommen. Sinnbildlich – warm ist es eh schon genug! Kennt er wirklich nicht den Namen des Toten? Oder steht er gar in einer engeren Beziehung zu dem Opfer? Was sich im Laufe daraus entwickelt – die Rückblenden sind ein Füllhorn an Erklärungen – benötigt ein besonderes Gespür für Geschichten. Unversehens ist man in einem Dickicht aus dienlichen Phrasen, gestammelten Eingeständnissen und einer undurchsichtigen Geschichte gefangen. Immer tiefer reitet man sich ins literarische Glück und findet es auch noch grandios sich selbst in den Fallstricken der Geschichte zu verfangen. Schließlich liest man einen Camilleri. Den allerersten Camilleri!

Andrea Camilleri ist 2019 verstorben. 2025 jährt sich sein 100. Geburtstag. Sucht man nach den Werken Camilleris findet man „Der Lauf der Dinge“ nur nach langer Suche. Oft – zu oft – werden nur die Montalbano-Krimis in ihrer zeitlichen Abfolge aufgelistet. Doch der wirklich erste Roman – kein Montalbano, obwohl ein Krimi – taucht bisher nur auf ausgesuchten Expertenseiten auf. Das ändert sich ab sofort!

Dieses kleine Büchlein in dem markanten Rot – ein untrübliches Zeichen für Qualität – setzt endlich einen Anfangspunkt ins Werk (ins Deutsche übersetzte Werk) von Andrea Camilleri. Ein Fundstück nicht nur für Fans, sondern für alle, die guter Literatur mit offenem Geiste entgegengehen.

See You Later

Wer hat noch Erinnerungen an die Coronazeit? Alles stand still, Freunde treffen war unmöglich, Maskenpflicht, Zugangsbeschränkungen im Supermarkt. So wird man noch in Jahren darüber sprechen. Für einige war es eine furchtbare Zeit, für einige Andere eine annehmbare Zeit und für einige Wenige war es halt so – kann man nicht ändern – aber Einschränkungen? – Nö!

Hill Topp House, Seniorenresidenz. Auch hier wird Corona bald schon über die Bewohner und Mitarbeiter hereinbrechen. Hier ist alles durchorganisiert. Der wöchentliche Sherry, der Ausflug zum Flamingo (nicht fragen, einfach hinnehmen – göttlicher Humor wie es nur einem Alan Bennett gelingen kann) – die Routine lässt jede Sekunde kontrolliert (to control, engl. – steuern) verrinnen.

Doch die Bewohner wissen sich zu helfen, sich den Normen und Regeln entgegenzustellen. Aber sie wissen auch, dass wer sich nicht an die Regeln hält, Low Moor blüht. Low Moor ist das Gegenteil von Hill Topp House. Das ist keine Residenz, es ist … low. Und so neckt man sich hier und da. Füllt die Zeit mit Puzzles. Einer ist so keck, dass man immer auf der Hut sein muss, dass er nicht – mehr oder weniger plötzlich – die Hose runter lässt. Die Erinnerungen an ihr aktives Leben sind gemeinsames Gesprächsthema. Auch wenn die Erinnerungslücken mit reichlich Phantasie gefüllt werden (müssen).

Und es ist ein Kommen und Gehen. Alan Bennett schreibt mit rührender Ironie und Respekt über eine kleine Gruppe von Menschen, deren Aktionsradius mit allerlei „Annehmlichkeiten“ reguliert ist. Zu behaupten sie lebten in ihrer eigenen Welt, würde am Ziel vorbeigehen. Obwohl es faktisch so ist. Als das Virus das Land, den Kontinent, die Welt erfasst, sind sie insgeheim froh so abgeschottet leben zu dürfen. Sie wissen, dass es anderswo nicht so sicher sein kann.

Das angeschlossene Tagebuch des Autors ist real, und weit weniger ironisch. Auch Alan Bennett machte sich Gedanken wie das Virus die Welt, seine und die da draußen, verändert. Homeoffice, wenn möglich. Doch, wo es nicht möglich war, übernahm die Ohnmacht die Leitung. „See You Later“ ist keine Abrechnung mit fragwürdigen Entscheidungen von ratlosen Entscheidungsträgern. Es ist im ersten Teil, dem, der Hill Topp House als Spielwiese hat, eine zuckersüße Betrachtung. Im zweiten Teil, dem Tagebuch des Autors kehrt eine Zeit zurück, die nur dem Namen nach noch irgendwie präsent scheint. Und so lange man sich später noch sehen konnte, war in der Nachbetrachtung alles … tja, was war es denn nun?!

Die böse Saat

Dieses Kind will niemand um sich haben! Ein Satz, den man erstmal wirken lassen muss. Es ist wohl das Schlimmste, was man über ein Kind sagen kann. Niemand will es um sich haben. Rhoda Penmark ist – das eigentlich lassen wir jetzt mal beiseite – klassisch wohlerzogen und ordnungsliebend. Fragezeichen türmen sich auf. Wieso will sie denn nun niemand um sich haben?! Denn sie manipuliert, nicht offensichtlich oder gar brüllend wie die meisten Kinder. Ob nun für ihr Leben gern oder aus einem anderen Antrieb heraus, ist nicht klar. Sie will etwas – sie bekommt es. Die geborene Anführerin. Sollte man meinen. Doch sie nutzt ihre Macht anders. Ganz anders!

Christine Penmark hat den härtesten Job der Welt. Denn sie ist Rhodas Mama. Auf der einen Seite ist sie die stolze Mama von Rhoda, die trotz ihres Kindesalters schon so einige allein tun kann wozu andere in Jahren noch nicht in der Lage sind. Andererseits… nun, Christine ist ihre Mutter. Sie kennt ihr Kind, in- und auswendig. Doch so manches kann und (später) will sie nicht wahrhaben. Es gibt nur wenige Personen, die Rhoda wirklich in die Seele schauen können. Oder zumindest denken, dass sie es können. Denn Rhoda ist vielschichtig. Und entschlossen…

In der Schule wurde Rhoda die nur ihr allein zustehende Medaille für die größten Fortschritte verwehrt. So sieht es das kleine Mädchen. Claude Daigle hat sie bekommen. Das ist ungerecht. Als der junge bei einem Schulausflug ums Leben kommt und alles (!) auf Rhoda als Täterin hinweist, bricht für Christine eine Welt zusammen. Doch Rhoda ist sich keiner Schuld bewusst. Sie hat schlüssige Erklärungen, warum die momentane Situation so ist wie sie ist. Für sie ist alles ganz logisch. Bei Christine kullern die Tränen wie Sturzbäche. Was ist mit ihrem kleinen Mädchen? Es gab ja schon einmal einen ähnlichen Vorfall. Doch damals glaubte sie Rhoda, dem Menschen, den sie so bedingungslos liebt. Christine zieht das Leid von Claudes Eltern und die Unwissenheit um Rhodas Benehmen in eine Krise für die es keine Rettung zu geben scheint. Denn Rhoda ist natürlich gerissen und noch lange nicht am Ende…

William March wählt als Hauptprotagonistin und Übeltäterin ein Kind, ein Mädchen. Aus gutem Hause. Sie kann sich gewählt ausdrücken. Sie ist schlau, wissbegierig, begabt. Mit einer abgrundtief schwarzen Seele. In ihrer Umgebung wurden schon Menschen zu Siegmund Freud geschickt, denen sonst nicht zu helfen war. Rhoda ist nicht zu helfen. Jedwede Ermahnung an das Gute im Menschen, an soziale Normen dringen bei ihr maximal bis in die oberste Hautschicht ein. Darunter ein Panzer aus Teflon. Als der Roman Mitte der 50er Jahre erschien, war er echtes Pionierwerk. Ein Kind als Mörder – das gab’s noch nicht. Ist die Grausamkeit genetisch bedingt (vererbt?!) oder schuf die Umgebung das Monster aus ihrer Mitte? Forschungen belegen mittlerweile, dass es keine genetische Grausamkeit gibt, die weitergegeben wird. Was bleibt, ist ein packender Thriller, der einen nicht mehr loslässt. Über die Machtlosigkeit, die Raffinesse, die Kaltblütigkeit und die Trauer können wir heute nur noch staunen. Und uns unserer Gänsehaut erfreuen.