Sisi – Das geheime Leben der Kaiserin

Nicht noch ein Buch über die Sisi! Oh doch, und dieses Mal fernab von haltlosen Gerüchten und beißendem Spott. Jedoch mit dem bitteren Beigeschmack, dass jeder, der mit Sisi in Verbindung kommt, nicht nur Gutes davonträgt. Romy Schneider als Sissi (mit Doppel-S) erholte sich nur langsam vom Image als ewige Prinzessin. Der echte Gatte, Franz Joseph I. soll sich bei ihr angesteckt haben. Und sie selbst war eigentlich eine Dauerkranke – die Krankenkassen von heute hätten sich geweigert sie überhaupt noch zu versichern (aber sie wäre wohl eh privatversichert…).

Kurz nach der Geburt ihrer Kinder, ein paar Jahre nach Eheschließung im Jahr 1854, begann Sisis Kampf gegen Etikette, gegen das gesellschaftliche Korsett und jedwede Einschränkung. Schwindsucht, Tuberkulose diagnostizierte der Hofarzt. Er verschrieb ihr Reisen. Vor allem ans Meer. Sie selbst folgte den Ratschlägen nur allzu gern. Und am besten wollte sie so weit weg wie möglich von Wien, dem Hof und Franz Joseph und ihren Pflichten. Die kannte sie bereits schon vor dem Ja-Wort.

Sisi war über ihr Krankheitsbild – ihre Krankheitsbilder – nicht unglücklich. Bot man ihr doch nun die Möglichkeit die Welt auf Staatskosten zu beschauen.

Madeira schien ihr weit genug entfernt. Ihr Schwager Maximilian, der in Wien unter anderem das Palmenhaus in Schönbrunn mitverantwortete und ein so scheußliches Ende in „seinem Königreich Mexiko“ fand, empfahl ihr die Insel – die Blumenpracht wurde ihr sicherlich taugen. Tat sie! Ebenso Korfu. Auch wenn die Sonne da gnadenlos brennt. Auf hoher See befand sich ihre Entourage fast vollständig in körperlichem Ausnahmezustand. Nur die Sisi war so lebendig und sah so erfrischend aus wie eh und je.

Man zerriss sich natürlich das Maul über die Abstinenz der Kaiserin. Doch sie hatte ja einen Krankenschein! Und da sind einem – wie heute auch noch – einfach die Hände gebunden. Die Kaiserin ist unabkömmlich, basta.

Autorin Katrin Unterreiner, ehemalige Leiterin der Schloss Schönbrunn Ges.m.b.H. und Sisi-Expertin ersten Ranges, hat hartnäckig recherchiert und so manche Ungereimtheit in der Patientenakte Sisi entdeckt. Und vor allem hat sie das Parallelleben, das geheime Leben der Kaiserin unter die Lupe genommen. Heutzutage wäre es Sisi unmöglich derart lange und unerkannt unterzutauchen. Und das nicht nur, weil beispielsweise heuet Madeira und Korfu von Touristen überrannt werden. Eine Influencerin wie Sisi würde überall auf der Welt heute erkannt werden. Mal schnell mit dem Kurschatten eine Pizza essen? Unmöglich! Sisi wäre die potentielle Kandidatin für einen Selbstmord mit Anklage-Abschiedsbrief. Auch über 125 Jahre nach ihrem unfreiwilligen (!) Tod ist der Mythos Sisi nicht verschwunden. Stilikone, Vorkämpferin, Freiheitsapostel – so vieles wurde ihr angedichtet. Schlussendlich bleiben ihre Schönheit – das hilft immer und bei jedem Kampf (Emanzipation hin oder her) – und ihr unbändiger Wille als Privatperson mit allerlei Privilegien das zu tun, was ihr in den Sinn kam. Die Bewertung dessen muss jeder für sich selbst vornehmen. Dieses Buch ist dabei ein Ratgeber und Faktenlieferant, den man unbedingt zu Rate ziehen sollte.

Oben in der Villa

Man kann getrost davon ausgehen, dass sich Mary ihr Leben anders vorgestellt hatte. Reich heiraten und glücklich sein mit dem Mann, der sie so behandelt wie es sich gehört. Anfang Zwanzig ist sie gerade einmal. Und schon Witwe. Ihr Mann hatte das Vermögen mit vollen Händen rausgeschmissen, die Gläubiger stehen bei ihr Schlange. Ein befreundetes Paar bietet ihr an in ihrer Villa mit herrlichem Blick auf Florenz die Zeit zu verbringen bis die Zeiten wieder besser sind.

Für Edgar hingegen bahnen sich verheißungsvolle Zeiten an. Wenn alles klappt, ist er bald schon Gouverneur von Bengalen. Eine respektvolle Position. Die man allerdings am besten mit einer Dame an der Seite bewältigen sollte. Und diese Dame soll … Mary sein. Beide sind sich des Altersunterschiedes bewusst. Und Mary will Edgar bei Weitem nicht heiraten, weil sie verliebt ist. Nein. Sie weiß auch gar nicht, ob Edgar eine Option für sie wäre. Wenn er zurückkommt – vielleicht oder hoffentlich mit dem Job in der Tasche – dann will sie ihm bereitwillig Antwort geben.

Bis dahin sind es aber ein paar Tage…

Ein wenig Zerstreuung tut ihr gut. Eine Gesellschaft, wie sie sie schon so oft erlebt hat, soll sie von der Frage Edgars ablenken. Doch es ist wie immer das Gleiche. Alle Männer scharwenzeln um sie herum, preisen ihre Schönheit, ihre Anmut und … wollen doch alle nur das Eine. Mary weiß das alles. Sie ist siech ihrer Schönheit und der daraus resultierenden Wirkung auf Männer mehr als bewusst. Und so kann sie sich ganz ungeniert der Avancen erwehren. In der Hinterhand hat sie schließlich den vielleicht baldigen Vizekönig von Indien!

Im garten trifft sie auf einen Mann, sie kennt ihn. Kein verwöhnter Schnösel, wie die zahlreichen Männer auf der Party. Charmant und ein Stück weit ehrlicher als alles, was sie bis jetzt an diesem Abend erleben durfte / musste. Doch der Liebreiz des lauen Abends schlägt fast ohne Vorwarnung in einen heftigen Orkan um. Nur gut, dass Edgar darauf drängt, das sie den Revolver mit sich nahm. War das wirklich eine so gute Idee?! Schon bald muss Mary um Hilfe bitten bei einem Menschen, den sie kurz zuvor noch gewaltig vor den Kopf gestoßen hat.

William Somerset Maugham schafft eine Szenerie, in der das Böse einfach keinen Platz haben darf. Eleganz und Sorgenlosigkeit sind der Nährboden auf dem Mary ihr neues Leben aufbauen soll. Doch es wird ein Hort unendlichen Leids und voller Zweifel. Wo eben noch die jugendliche Leichtigkeit den Sieg über jedweden Zweifel feierte, herrschen mit einem Mal Verunsicherung und schreckliche Angst.

Prager Zeitung – 350 Jahre Medien- und Kulturgeschichte

Es gibt eine lange reihe von Zeitungen und Wochenblättern, die man sofort einem Ort zuordnen kann. New Times aus New York, Paris Match aus Paris, auf Englisch und auf Französisch erschienen. Die Liste ließe sich sicherlich noch weiter fortführen. Prager Zeitung … aus Prag – richtig, auf Deutsch … Moment! Prag, Deutsch – da passt doch was nicht! Oh doch, und wie das passt! Und das nun schon seit – mit Unterbrechungen – über 350 Jahre! Ende des 17 Jahrhunderts wurde auch Deutsch in Prag gesprochen.

Die Zeitung (das Prager Tageblatt – mit Autoren wie Egon Erwin Kisch – war der Vorläufer) erlebte Aufs und Abs wie kaum ein anderes Medium. Anfang der Neunziger des vergangenen Jahrhunderts kam der Neustart. Viel beachtet, viel zitiert – der Blick auf das eigene Land von Außen immer ein anderer. Und in den aufregenden Zeiten nach der Wende waren die Experten jenseits des Eisernen Vorhangs gern gesehene und viel be- und gefragte Partner. Doch auch hier gab der Rotstift irgendwann die Linie vor. Die Prager Zeitung drohte fast in der Versenkung zu verschwinden bis … ja bis das Internet eine neuerliche Renaissance einläutete. Heute ist die Prager Zeitung eine feste Größe unter den Onlinepublikationen. Eine deutschsprachige Stimme inmitten der tschechischen Hauptstadt. So viel in kurzen Worten zur Geschichte der Prager Zeitung.

Klaus Hanisch war von Anfang an dabei – also seit dem Neustart 1991. In der ersten Ausgabe, die die Nummer Null trug prangten zwei Staatsoberhäupter, deren eigene bzw. familiäre Geschichte ihr politisches Auftreten und Handeln stark prägten: Vaclav Havel und Richard von Weizsäcker. Widerständler aus Überzeugung. Klaus Hanisch erzählt in diesem Buch von den schwierigen Anfängen in aufregenden Zeiten als im Osten alles bisher dagewesene der neuen Zeit weichen musste. Als der neugierige Westen merkte, dass er schlussendlich ohne Wissen des Ostens nicht umfassend berichten kann. Die Kollegen der Prager Zeitung waren mehr als nur Stichwortgeber. Sie erklärten die alte Welt, formulierten erforderliche Ziele und wiesen revanchistische Tendenzen in die Schranken. Denn ein deutsches Blatt inmitten tschechischer Heimat hat immer mit sensiblen Themen zu kämpfen. Das ist Fakt und nicht wegzudiskutieren.

Selbst wer nicht aus der Branche kommt, wird in diesem ausführlichen Rückblick auf dreißig Jahre Exklusivjournalismus eine bodenlose Fundgrube vorfinden, die die harten Fakten geschickt mit den so genannten soft news verbindet. Wer Tschechien verstehen und dabei auf die teils kruden Übersetzungen aus dem Netz verzichten will, hat in der Prager Zeitung das gefunden, worum sich andere Städte in der Welt reißen. Oftmals findet man zwar noch Rubriken im Netz, die wie schon vor Jahrzehnten mit Artikeln (Helen Hessels „Ich schreibe aus Paris“ ist da besonders herauszuheben) die Fremde in die heimischen Stuben brachten. Doch eine ganze Zeitung – wenn auch online – die regelmäßig in heimischer Sprache über ein Nachbarland neutral, hingebungsvoll und umfassend berichtet, findet man nicht überall. Der Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre ist mehr als nur eine Selbstbestätigung das Richtige gemacht zu haben, es ist ein spannender Abriss europäischer Geschichte mit Informationen aus allererster Hand.

Sonst wäre Wien nicht Wien

Der Titel fällt einem sofort ins Auge: „Sonst wäre Wien nicht Wien“. Wie viele Großstädte hat Wien seinen unvergleichbaren Glanz Mäzenen, Visionären und Machthabern zu verdanken. Deren Vorstellungen sind bis heute sichtbar. Was wäre Wien ohne Kunst- und Naturhistorisches Museum? Oder ohne die Hofburg? Das sind die offensichtlichen Hinterlassenschaften der Habsburger. Doch es sind die scheinbar kleinen Dinge, die Wien letztendlich immer wieder zu einer der lebenswertesten Städte der Welt machen.

Scheinbar klein ist im Falle Wiens immer mit überall sichtbar gleichzusetzen. Es sind beispielsweise die Parkanlagen, die den Besucher – aber auch und vor allem die Wiener selbst – zum Durchatmen, zum Verweilen, zum sich Entfalten, einladen. Gerade Sichtachsen, klare Linien – hier hat Kaiser Joseph II. seine Finger im Spiel gehabt. Dem lag das gesundheitliche Wohl der Bevölkerung am Herzen. Auch wenn die Spitäler der Stadt heute andere Namen tragen, so waren sie einmal ihm gewidmet, weil er sich in Auftrag gab. Architektonische Perlen, die von Außen innehalten lassen. Und von Innen … na ja, den Heilungsprozess beschleunigen werden sie nicht.

Autor Norbert Philipp schlendert nicht durch Wien, er durchforstet die österreichische Metropole mit der Lupe und seziert ihre Wurzeln bis in die kleinste Faser. Dort, wo der Name bis heute Programm ist, ist nicht immer das drin, was draußen drauf steht. Die Aussichtswarte im Türkenschanzpark trägt den Namen Metternich, was nun eindeutig auf den Fürsten hinweist … ha, denkste! Die Dame (!) hinter Gebäude und Namen war zwar eine Metternich, doch sie – die „Gschaftlhuberin“ – selbst wollte lieber im Hintergrund wirken und Lobbyarbeit betreiben, sprich Geld sammeln für geplante Bauvorhaben.

Es ist ein Fest mit diesem Buch durch Wien zu flanieren. Einem selbst bekannte Orte bekommen eine neue Bedeutung, wenn man die Geschichte dahinter versteht. Wasserläufe, ist doch wohl klar, dass die Wien niemals so durch die Stadt geflossen ist – das sieht man ja schon an der Uferbefestigung. Auch hier steht man nun auf der Brücke, sitzt auf einer Bank und schaut dem Flüsschen zu wie es sich zahm durch die Stadt windet. Beim Bummeln durch die Bezirke wird man immer wieder auf Namen und Gebäude treffen, die die Stadt prägten – die Geschichte(n) dahinter wird man mit diesem Buch wie selbstverständlich begreifen. Der lockere Schreibstil ist die einzig wahre Methode diese Geschichte einem wissensdurstigen Publikum nahezubringen. Ob nun der erste Besuch in Wien oder der zwanzigste – mit diesem Buch im Reisegepäck wird jeder Schritt zu einem besonderen Erlebnis.

Ein Sizilianer von festen Prinzipien

Ein Buch, zwei Geschichten, zwei Ansichten. So schnöde und geheimnisvoll zugleich sich das anhören mag, so sehr ist man nach der Lektüre immer noch damit beschäftigt die Zeilen einzuordnen. Leonardo Sciascia war das Gewissen der Insel. Unbeirrbar – prinzipientreu – lag Sciascia dieses Buch so sehr am Herzen, dass er es am liebsten permanent umgeschrieben hätte. Doch er wusste auch, dass die Gefahr des „Verschlimmbesserns“ (auch wenn er diesen Begriff niemals verwendet hätte, sofern man ihn rückstandslos ins Sizilianische übertragen könnte) wie Damokles Schwert darüber schweben würde.

In „Der Tod des Inquisitors“ wird Fra Diego zum ungewollten Helden. Im 17. Jahrhundert haben die Spanier das Sagen über Sizilien. Und mit ihnen kam auch die Inquisition. Ein perfider Haufen tollwütiger zweifelhafter Idealisten, die mit Raffinesse und ungeheurer Gewalt ihrem eigenen Treiben durch Geständnisse eine Art Legitimation erlangen wollten. Fra Diego – ihn gab es wirklich – war einer, der sich diesem Treiben energisch entgegenstellte. Selbst unter der enormen Folter der Peiniger war sein Blick klar und geradeaus gerichtet. Sich der Gewalt beugen, kam für ihn nicht in Frage. Er ging sogar soweit seinem Peiniger den Schädel einzuschlagen. Wortwörtlich einzuschlagen! Das Ende: Der Scheiterhaufen. Für die meisten die letzte Chance sich reinzuwaschen – ergebnislos, wenn das Feuer einmal lodert, dann gibt es kein Zurück. Für Fra Diego „nur der Abschluss“ seines Lebens.

In der zweiten Geschichte geht es um einen Denunzianten im Chile der Pinochet-Diktatur. Einst lief er durch das gefürchtete Stadion, das zum Gefängnis umfunktioniert wurde, und zeigte mit dem Finger auf einstige Weggefährten. Ein Opportunist übelster Sorte, der nicht dem Mumm besaß sein Gesicht zu zeigen. „Der Mann mit der Sturmmaske“ versucht später Reue zu zeigen und wendet sich ein weiteres Mal. Er will Zeugnis ablegen und Reue zeigen, und zwar vor denen, die die Greueltaten aufzuklären versuchen. Ein schlussendlich sinnloses Unterfangen.

Beide Hauptfiguren sind literarische Helden, die in ihrem Tun die Aufmerksamkeit des Autors Sciascia erregten. Wobei es Sciascia wohlwollend vermeidet ihr Tun in Gut und Böse zu unterteilen. Er ist ein Chronist, der mit ironischen Mitteln das Treiben aller Beteiligten in ein Licht rückt, das viel Schatten wirft und somit Licht ins Dunkel bringt.

Der Essay von Maike Albath und der Text von Santo Piazzese sind – begreift man dieses Buch als typisch sizilianisches Menü mit der Einleitung der Verlegerin Monika Lustig als speichelanregende antipasto – sind das gelungene Dessert, nach dem man sich noch lange die Lippen lecken wird.

Clockwork Orange

Alex (15) sitzt mit seinen Freunden in einer Bar. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Als sie aufbrechen, wissen sie noch nicht, was sie erwartet. Ihnen liegt die Welt zu Füßen – im wahrsten Sinne des Wortes. Wie eine Horde marodierender Jugendlicher hinterlassen sie eine blutige Spur der Verwüstung. Mit geschwollenen Worten traktieren sie ihre Opfer, prügeln und vergewaltigen, was das Zeug hält. Bis der lange Arm des Gesetzes Alex, ihren Anführer, in den Würgegriff nimmt. Das Urteil: Gefängnis. Wenn er allerdings an einem Umerziehungsprogramm teilnimmt, wird er begnadigt. Alex nimmt an und erlebt eine echte Horrorshow. Kann man „Clockwork Orange“ wirklich so nüchtern betrachten? Njet!

Denn Alex und seine Droogs, seine Freunde, sind ein Produkt ihrer selbst. Sie sind die erste Generation nach dem Krieg. Sie haben nie kämpfen müssen. Sie wollen die neue Zeit genießen. Aber bitte nur die schönen Seiten! Sie haben keine Wahl, im Sinne von Auswahl. Ihre Opfer sind willkürlich auserkoren ihre Rolle zu spielen. Ihre Opfer sind keine echten Gegner. Meist sind sie so verdutzt, dass sie viel zu spät merken wie ihnen geschieht. Und selbst wenn sie vorausschauend sind, finden Alex, Dim, Pete und Georgie (die wahren Beatles?) einen Weg doch zu ihnen vor- bzw. in sie oder ihre Komfortzone einzudringen. Bei einem ihrer nächtlichen Streifzüge entdecken sie das Manuskript eines Autors, „Clockwork Orange“. Alex ist fasziniert von dem Werk. Und von der Frau des Verfassers. Und von der Idee sich mal so richtig auszutoben. Die Strafe folgt auf dem Fuße. Auch so könnte man „Clockwork Orange“ beschreiben. Aber dem eigentlichen Faszinosum „Clockwork Orange“ ist man immer noch nicht auf die Spur gekommen.

In den Schestdesiati sitzen Alex und seine Droogs gelangweilt in der Moloko-Bar. In ihrer Mira existieren keine Vorschriften. Sie tun was sie wollen. Viddieren sie etwas, was ihnen gefällt, wird es horrorshow. Bis zum bitteren Ende. Und das kommt in Person des Staates. Mit der Ludovico-Methode sollen Kriminelle eine Aversion gegen Gewalt entwickeln. Alex wird zum Vorzeige-Probanden. Ihm werden im Gefängnis Gewaltszenen vorgeführt. Ihm wird übel, dass er es nicht mehr aushält. Er fleht und winselt nach Gnade. Zur Musik von Ludwig van, der Alex verehrt, wird ihm übel wie er es sich nie vorstellen konnte. Ist Alex nun geheilt? Und was heißt es geheilt zu sein? Den freien Willen zu verlieren?

Als das Buch vor über sechzig Jahre erschien, konnte man anfangs nichts damit anfangen. Gewaltverherrlichend, brutal, unverfilmbar – das waren nur einige Schlagworte, mit denen man versuchte das Buch zu unterdrücken. Es kam anders. Ja, Gewalt spielt eine zentrale Rolle in dem Buch. Und die russischen Begriffe, die Alex und seine Droogs (drug, russisch für Freund), waren sicherlich auch nicht hilfreich im immer kälter werdenden Kalten Krieg eine massenhafte Leserschaft zu erreichen. Doch die Konsequenz, mit der Anthony Burgess – immerhin ein angesehener Autor – seinen Stil durchzieht, mit welcher Vehemenz schlussendlich über den Stoff (Was ist Freiheit? Wie nutzen wir sie? etc.) diskutiert wurde, trugen dazu bei, dass das Buch bis heute unvergleichlich ist. Den Schlusspunkt unter die Diskussion setzt unzweifelhaft Stanley Kubricks Film. Es ist völlig unerheblich der Frage nachzugehen, was den Wunsch diesen Stoff in sich aufzusaugen befriedigt, Film oder Buch? Beides. Denn wer den Filmklassiker gesehen hat, will/muss auch das Buchklassiker lesen.

Es bleibt immer die Frage im Raum stehen, was Freiheit wirklich bedeutet (und dabei muss man die Allwissenden aus den Straßenumfragen und Pseudointellektuellen ausblenden) und wie weit diese eingeschränkt wird. Wenn Opfer zu Tätern werden, ist das niemals ein Fortschritt. Dieses Buch zu lesen und anschließend den Film aufzusaugen, ist mehr als nur ein Anfang. Wofür auch immer … Schlussblende … Ende

Schneeflockenrauschen

Denkt man an Weihnachten steigen einem sofort typische Gerüche in die Nase. Der Glaube an Frieden tritt immer mehr in den Vordergrund. Und für den Physiker Paul Mahly sogar der Effekt eines Rauschens. Doch nur kurz. Denn um die klamme Kasse aufzubessern, verdingt er sich als Weihnachtsmann. Es sind nur noch ein paar Tage bis zur Bescherung und diese Zeit will und muss er nutzen, um Ordnung ins monetäre Chaos, sprich ins tiefe Loch, zu bringen. Zu blöd nur, dass er bei der „Kostümprobe“ seine Jacke mit der eines Kollegen vertauscht hat. Portemonnaie, Schlüssel und Handy sind zwar noch in seiner Jacke. Die wiederum ist bei einem anderen.

Schon bald findet er alles, was er braucht, um den Irrtum zu korrigieren. Und hier beginnt der Weihnachtskrimi von Ilja Bohnet so richtig Fahrt aufzunehmen. Portemonnaie, Schlüssel und Handy sind wieder bei Paul. Seinen Kollegen hat er aufgesucht und fand fast alles so vor wie er es sich vorgestellt hat. Die Einschränkung „fast“ ist einschneidender als es die vier Buchstaben vermuten lassen. Denn der Kollege ist tot. Achso, fast (!) vergessen: Die finanziellen Probleme Pauls sind dank zweier Umschläge mit jeweils eintausend Euro auch fast (!) aus der Welt geschafft.

Ein Anruf. Ein Auftrag. Eine Einladung. Und für Paul werden die Tage vor dem Fest zu einem Wettlauf gegen alles, was er sich jemals hätte vorstellen können.

Zur gleichen Zeit wird eine viel zu beachtende Ausstellung mit Bildern der so genannten Wilden der DDR vorbereitet. Leo Fauchs Werke sollen darin eine besondere Stellung einnehmen. Ein sehr wilder Wilder. Leider schon verstorben. Dieser Fakt ruft einige zwielichtige Gestalten auf den Plan. Einem Auktionshaus wird ein Bild aus der „schwarzen Serie“ Fauchs angeboten. Ein Mysterium. Sieben Bilder mit Portraits, die allesamt geschwärzt wurden. Gesehen hat man sie noch nie. Und schon gar nicht alles Sieben auf einen Streich. Wie heißt es so schön? Der Kunstmarkt ist in Aufruhr. Und wie! Das verschwommene Bild, das der arbeitslose Physiker Paul Mahly noch vor kurzer Zeit vor dem geistigen Auge gesehen haben will, nimmt derart scharfe Konturen an, dass Paul Mahly auf einmal sich zu einem Mann entwickelt, der wie die acht Rentiere, ganz allein einen schweren Schlitten ziehen muss. Die Frage nach dem Zusammenspiel von Fakten und Annahme wird zur rasanten Beweisführung, dass das Leben immer wieder Überraschungen parat hält. Ein Weihnachtskrimi, der so gar nicht besinnlich daherkommt, den Leser jedoch mit großen staunenden Augen vor dem Geschenk dieser Geschichte vor Freude erstrahlen lässt.

Schaurig-schönes Europa

Wenn der Urlaub etwas ganz Besonderes werden soll, dann sind außergewöhnliche Orte das Salz in der Traumsuppe dieser Erinnerungen. Die Bilder, die man sich selbst in diese Erinnerungen pflanzt, müssen einem ganz bestimmten emotionalen Bild entsprechen. Auch wenn sie nur für den Bruchteil einer Sekunde vor dem Auge erscheinen oder für die Dauer eines Spazierganges existieren. Mit allen Sinnen wird dieser Moment für Ewigkeit festgehalten.

So wird man beispielsweise in Craco in der Basilikata im Süden Italiens, nahe der Felsenstadt Matera, auf einen Ort treffen, aus dem das Leben schon vor einem halben Jahrhundert geflohen ist. Oder besser gesagt, es wurde aufgegeben als Mitte der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nach einem Erdrutsch es als zu gefährlich angesehen wurde hier weiterhin zu leben. Zuvor lebten hier mehr als tausend Jahre Menschen. Heute erinnern nicht einmal mehr Glasscheiben an eine Zivilisation. Dass hier ein Leben möglich war, ist dennoch nicht wegzudiskutieren. Straßen und Gassen existieren noch. Auch die Raumaufteilung der Häuser ist noch klar erkennbar. Umgestürzte Möbel verweisen auf ihre ehemaligen Bewohner. Und dennoch herrscht hier eine gespenstische Ruhe. Ein verlassener Ort, der einem den Schauer über den Rücken jagen kann.

Brodelnd und voller Leben – dennoch nicht minder lost place – ist der Rio Tinto in Andalusien. So ein Rot in einem Fluss hat man noch nie gesehen. Baden ist nicht ratsam. Der Sauerstoffgehalt ist zu gering, der Säuregehalt hingegen um ein Vielfaches zu hoch. Optisch ist der Fluss ein Augenschmaus und trägt sicher dazu bei sich auch noch Jahre später genau an das meiste zu erinnern.

Über glasklares Wasser schwebt man förmlich im Höhlensee von Tapolca, nördlich des Balatons. Auch hier fühlt man sich wie in einer fremden Welt. Prächtige Farbenspiele, gespenstische Ruhe und alles unter der Erde. Das Höhlensystem ist vulkanischen Ursprungs und kann heute recht gemütlich bereist werden.

„Schaurig-schönes Europa“ ist ein Reiseband, der bei jedem Umblättern das Reisefieber steigen lässt. Stimmungsvoll in Szene gesetzt und mit verheißungsvollen Texten gespickt, macht dieses Buch Appetit auf echte Abenteuer.

Aktion Phoenix

Die erste Augusthälfte des Jahres 1936 gehörte den Olympioniken, die sich in Berlin in sportlichen Wettkämpfen miteinander messen wollten. So das hehre Ziel, so die homogene Sprache der Athleten und Funktionäre. Und jeder wusste, dass in diesem Deutschland die Fairness der Athleten im Austragungsland keinen Pfifferling wert ist. Umso größer das Erstaunen, dass hier tatsächlich eine fast schon wohlige Atmosphäre herrschte – im Vergleich zu der Zeit davor, und gar kein Vergleich zu den folgenden Jahren.

Leni Riefenstahl setzte mit ihrem gigantischen Filmteam Maßstäbe für Dokumentationen, aber auch für Propaganda. Auf dem Feld der Träume purzelten die Rekorde. Ohne die Perfidität des Ausrichterstaates wären es Spiele gewesen, von denen man bis heute schwärmen dürfte. Doch es kam anders. Das ist wohl bekannt.

Christian Herzog setzt diesen Olympischen Spielen mit seinem historischen Roman „Aktion Phoenix“ ein fiktives Denkmal an die Seite, das in vielerlei Hinsicht an Denkwürdigkeit dem großen Ereignis Olympia in Nichts nachsteht. Ein Zeppelin, ein Anruf vom Führer, der Traum vom Job an Bord des Zeppelins, Widerstandskämpfer, die einen phantastischen Plan haben, eine heiße Nacht mit unerwarteter Wendung – aber auch die Gegenseite weiß genau wie sie die auf sich gerichteten Augen der Weltöffentlichkeit trüben will … und kann.

Jedes Kapitel holt den Leser erst einmal aus dem Staunerlebnis des vorangegangenen Kapitels wieder runter. Auf leisen Pfoten jedoch bereite der Autor schon den nächsten Knall vor. Immer wieder verfällt man der trügerischen Ruhe, um dann ein ums andere mal wieder in den Thrill der Geschichte gezogen zu werden. Ein großes, ein dickes Buch zu einem großen Thema. Und so aktuell. Denn jedes Großereignis – und es sollen ja immer mehr werden – sind immer ein profundes Mittel Werbung zu betreiben. Während Jesse Owens und das argentinische Poloteam oder Robert Charpentier ihren Kontrahenten teilweise deklassierten, versucht eine Gruppe Widerständler wahrhaft Großes zu vollbringen. Seilschaften, die so geheim sein müssen, dass schon ein „Psst“ zum Verrat reichen könnte, sind der rote Faden, der sich durch das Buch zieht. Was hat der Zeppelin mit der geplanten Aktion zu tun? Wem darf man noch trauen? Und was ist, wenn die Liebe plötzlich dazwischenfunkt?

Mit enormer Detailversessenheit und unnachgiebiger Zuneigung zu seinen Figuren schafft es Christian Herzog, brutale Realität und spannende Fiktion zu einer Geschichte verschmelzen zu lassen, die den Leser in den Lesesessel presst und ihn erst nach dem letzten Zuklappen wieder loslässt. Doch die Geschichte wirkt nach. Immer wieder fragt man sich, was wäre gewesen, wenn das tatsächlich alles so stattgefunden hätte? Die Olympische Idee im Gleichklang mit Welt verändernden Idealen ist kein leichtes Unterfangen. Der schmale Grat zwischen Kitsch und Ernsthaftigkeit ist gespickt mit scharfen Kanten und großen Fallhöhen. „Aktion Phoenix“ schafft es fast spielerisch allen Unwägbarkeiten aus dem Weg zu gehen.

Händler der Geheimnisse

Geister kann man nicht mit einem einfachen Steinwurf vertreiben. Auch wenn man ohne Schuld ist. Die Künstlerin Eva sitzt mit ihrer Kollegin Sam über den Werken von Shakespeare und grübelt wie sie die Werke, insbesondere die so geschickt verpackten Geheimnisse in den Stücken, in einem neuen Werk zusammenfassen kann. Kein leichtes Unterfangen, das der Autor es exzellent verstand diese Geheimnisse auch als solche zu verstecken.

In die Ruhe der Berge platzt die Nachricht vom Krankenhausaufenthalt ihres Vaters. Der lebt seit Jahren wieder in New York, zusammen mit seiner zweiten Frau. Kontakt unerwünscht, ja sogar verboten. Als der Vater stirbt, sind die Neugier und die Zweifel am natürlichen Tod des Vaters so stark, dass sie sich mit ihrem Bruder Max auf Spurensuche begibt. So nah war sie Shakespeare wohl noch nie!

Ihr Vater war nach dem Krieg in Deutschland stationiert. Die Entnazifizierung Deutschlands wollte er mit aller Macht vorantreiben. Ein schier unmögliches Unterfangen, denn was in den Köpfen vor sich geht, kann man nicht mit Verordnungen und Gesetzen in die richtige Bahn lenken. Ein Problem, das bis heute nachwirkt…

Und siehe da. Die ersten Ungereimtheiten im Leben des amerikanischen Vaters lassen nicht lange auf sich warten. Er hatte eine Deutsche geheiratet, Evas Mutter, die wieder ins Land ihrer Familie – aber auch das Land der Täter – zurückkehrte. Eine alte Photographie lässt alte Zeiten und wie auch immer geartete Erinnerungen aufkommen. Ein Portraitmaler ist darauf zu sehen. Mit der Familie von Eva. Dieser Maler war mehr als nur ein Günstling der Hölle. Hitler persönlich mochte seinen Malstil, ließ sich gern von ihm malen. Das schmeichelte dem Maler. Doch da muss noch mehr sein! Eva und Max sind auf einer Reise, die ihr bisheriges Leben auf den Kopf stellen wird, ihre Wurzeln den Halt verlieren lässt und die letztendlich Geheimnisse ans Tageslicht bringt, die sie frösteln lassen.

Elisabeth Bronfen siedelt ihren Roman auf sehr hohem sprachlichen Niveau an. So schließt sie von vornherein platte Phrasen wie „Das ist doch alles längst vorbei“ oder „Irgendwann ist auch mal gut“ kategorisch aus. Ein Segen bei einem solch sensiblen Thema.