Zwei Menschen

Was ein Urlaub?! Mehrere Monate Rom. In den 60ern. Als Amerikaner. Forrest und seine Frau genießen die Zeit in der Ewigen Stadt … nicht. Nicht im Ansatz! Sie nörgelt, er lässt es zu. Es gibt keinen Grund, keine gründe für den Streit, den anhaltenden Zwist. Sie reist ab. Er ist … irgendwas zwischen konsterniert und erleichtert. Wobei Letztes doch die Oberhand gewinnt. Sie reden noch miteinander. Schreiben sich. Sie hält ihn über den Stand der Familie – sie haben zwei Töchter – auf dem Laufenden. Doch mehr ist da nicht (mehr).

Forrest war Broker in New York, stammte aus dem Mittleren Westen. Für ihn war New York mit all seinem Trubel die große weite Welt. Jetzt streift er durch Rom. Sitzt in Cafés, beobachtet Leute. Auch einen Jungen. Der ist ihm schon einmal begegnet. Er hat ihn schon einmal gesehen. Hier kommt Donald Windhams unglaubliches Gefühl für Sprache mit voller Wucht zum Einsatz. Er könnte jetzt eine herzzerreißende, von unerfüllten Sehnsüchten zerfleischende Gier heraufbeschwören oder sich in endlosen Gefühlsduseleien ergehen. Er belässt es bei fast nüchterner Betrachtung. Forrest spricht den Jungen an. Nimmt ihn mit…

Marcello ist Siebzehn. Ein Alter, in dem die Welt ihn nicht versteht. Die Welt ist in allernächster Nähe vor allem sein Vater. Er ist der Ernährer der Familie und bestimmt somit alles. Alles! Ein Patrone reinsten Ausmaßes. Die verständnisvolle Mama tut, was in ihrer Macht steht, um ihrem Nachwuchs die Auswüchse dieser Macht hinfortzufegen. Das klappt mal besser, mal weniger gut. Bildung für die Mädchen und Arbeit für den Sohn: Nein und Ja. So sieht es im Leben der jungen Heranwachsenden aus.

Auch Marcello irrt durch die Stadt. Party hier, Party da. Und den Kopf voller Pläne. Und vor allem voller Fragen.

Auch wenn Forrest und Marcello zig Jahre trennen, so trommeln diese Fragen wie ein steter Hammerschlag gegen alles, was lärmt. Es wird ein Jahr, das ihnen die Augen öffnen wird. Türen werden sich öffnen. So mancher Schleier wird durchlässiger. Happy end inklusive.

Donald Windham ließ sich Zeit zwischen seinem Erstling „Dogstar“, der einschlug wie eine Bombe und selbst Thomas Mann zu Schwärmereien hinreißen ließ. Mitte der 60er Jahre barg auch diese Storyline um einen verheirateten Strohwitwer abroad und einem sinnsuchenden Teenager Zündstoff für eine skandalträchtige Betrachtung. „Zwei Menschen“ ist so neutral verfasst, fast komplett befreit von jeglicher Emotionalität auf den ersten Blick, dass Kritiker von vornherein mundtot gemacht wurden. Es sind „nur zweihundert Seiten“. Doch jede Seite berauscht den Leser auf wundersame Weise.

Anderswo atmet man, hier lebt man

Wie war das noch, damals, in Paris? Oder: Wie war das damals in Paris? Isolde Ohlbaum war – damals – in Paris. Als Au pair. Saugte die französische Lebenskultur und mit ihr die alles überstrahlende Hauptstadt auf. Doch nicht der Eiffelturm und die Prachtboulevards sind ihr vor allem in Erinnerung geblieben. Es sind die Spaziergänge, die Lesenachmittage, die Kinoabende, die ihr im Gedächtnis geblieben sind. Das viel strapazierte Wort von Freiheit trägt sie nicht wie eine Fahne vor sich her. Sie hat sie erlebt, diese liberté.

Ihre Fotos lassen Träume erstehen. Entspanntes Leben wohin das Auge blickt. Und dann diese Kurzportraits! Menschen, die Frankreich präsentieren. Erinnerungen an Frauen und Männer, die die französisch-deutsche Freundschaft symbolisieren wie nur wenige. Wilhelm Hausenstein zum Beispiel. Generalkonsul in Paris, von Adenauer ernannt, von den Nazis verbannt. Er ebnete unter anderem mit den Weg zu der Versöhnung von Deutschen und Franzosen.

Es sind die kurzen Absätze, die – zusammen mit den Portraitfotos und den Stadtansichten – ein Bild der Traumstadt Paris zeichnen, das so nachhaltig in den Köpfen der Leser haften bleibt. Es sind mehr als nur bloße Erinnerungen an Zeiten, die uns in Schwarz-Weiß träumen lassen. Es sind Alltagsszenen voller Eleganz und Nostalgie. Isolde Ohlbaum hat die unruhigen Zeiten der späten Sechsziger miterlebt. Und damit sind nicht die Straßenschlachten gemeint. Die Nouvelle vague war ihr näher als die Demonstranten. Weil hier wahrhafte Veränderungen nachhaltig gestaltet wurden. Steine werfen kann jeder. Veränderungen anstoßen und weiterzuverfolgen, dazu braucht man Courage und Ideen. Die fand sie in den Kinos und den Schriften. Den Verfassern dieser Schriften ist dieses Buch ebenso gewidmet wie denen, die immer noch träumen wollen.

Ein kleines Buch, das in seiner Einzigartigkeit jedem vom Stuhl in den Parks von Paris haut. Und das bis heute!

Der Schneeball

Es ist wie im Märchen. Ein zauberhafter Ball soll es sein. Anne und Anne, die sich um Verwechslungen zu vermeiden zu gern als Anna (Anna K.) zu erkennen gibt, beobachten das Treiben in diesem weitläufigen Palast. Es ist der Jahreswechsel, irgendwann, irgendwo in London. Es rauscht auf dem Ball. An den Wänden, die Kleider  der gut betuchten (und teils betagten) Damen, im Gebälk – ach was, ein rauschendes Fest ist es in jeder Hinsicht. Anne und Anna lästern. Die beobachten gaaaaanz genau wer mit wem was wann und vor allem wie macht, wer tuschelt, wer tanzt mit wem.

Auch der gerade alt genug für den Ball zu seienden Ruth fällt dieser Ball wie ein Schneekristall ins Auge. Sie ist ganz aufgeregt. Dass ihre Eltern dabei sind, schert sie wenig. Sie ist die Chronistin – wenn auch nicht in offizieller Funktion, denn das wäre fatal, da sie sonst einiges verpassen würde. Ruth schreibt brav Tagebuch. Ein Partycrasher eigentlich. Denn wer will im wildesten Partytreiben schon jemanden sehen wie er etwas in ein Tagebuch notiert – Instagram vor ewigen Zeiten, sozusagen.

Der Schnee fällt. Alle freuen sich wie kleine Kinder darüber. Es werden Küsse ausgetauscht. Manche hinter Masken. Nicht jeder weiß von er oder sie gerade geküsst wurde. Anna K. auch nicht. Don Giovanni war es. Mehr weiß sie nicht. Dieses Mal ist es ein Er, der die Party überstürzt verlässt. Allerdings mit beiden Schuhen an den Füßen. Nichts mit Aschenputtel reloaded.

Wie aufgeladen wird auch Ruth die Party, den Ball verlassen. Zwischenzeitlich musste sie ihr Tagebuch beiseitelegen. Im Bentley von Papa war die Premierenstimmung einfach zu aufregend, um mit Stift und Feder weiter zu hantieren…

Teeangerkomödie, noblesse oblige, Screwball comedy, Drama und ein Hauch Märchen – Brigid Brophy lädt zum Ball, der für jeden etwas parat hält. Als „plus 1“ darf man bei den Gemeinheiten zeuge sein, bei so mancher Zickerei Pate stehen oder einfach nur vergnügter Zuschauer sein. Und das alles in einem Meer aus Worten, die einzeln betrachtet keine Alternative erlauben. Hier sitzt jeder Satz, jedes Komma und jeder Buchstabe am richtigen Ort. Schnell, manchmal viel zu schnell wühlt man sich durch die Betrachtungen von Menschen, die hier ihr eigenes Süppchen kochen. Und dennoch amüsiert man sich hier prächtig, wenn man von einer scheinbar harmlosen Beobachtung sehenden Auges auf etwas zuschlittert, das auch gern als Katastrophe kleineren Ausmaßes betrachtet werden kann. Der Begriff Schneeballeffekt bekommt hier eine ganz andere Bedeutung.

An der Kreuzung der Parallelstraßen

Strukturanpassungsprogramm – jeder, den es treffen könnte, ist in erhöhter Alarmbereitschaft. Was nicht heißt, dass ihn dieser Euphemismus nicht trifft. Eric trifft es. Bisher war arbeitete er für den Internationalen Währungsfond in Haïti, der Mitte der 90er – und in dieser Zeit befinden wir uns – das Währungssystem des Inselstaates kontrollieren sollte. Ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt war.

Eric ist also seinen Job los! Der Minister hat ihn einfach mit einem Federstrich gekündigt. Das ohnehin nicht besonders reizvolle Leben ist noch trister geworden. Eric – der Beamte mit dem sicheren Job – ist zu Eric ohne Zukunft geworden. Von einem Moment zum Anderen, einfach so! Ein Funken Wille glimmt noch in dem vor Wut bebenden Körper. Er wird … ja, was wird Eric tun?

Haïti wird seit Jahrzehnten von Regierungen regiert, die in Wahrheit aber das Land ausplündern und ausbluten lassen. Papa Doc und Baby Doc haben einer ganzen Generation von brutalen Gangstern vorgelebt wie man mit Gewalt ein ganzes Land in Schach hält. Geregelt ist hier kaum etwas. Eric weiß das. Er hat das Elend jeden Tag gesehen, konnte ihm aber aus dem Weg gehen. Er wusste, wer das Sagen hat, wem man am besten aus dem Weg geht.

Jetzt ist er an der Reihe. Jahrelang hat er sich geduckt, seine Arbeit verrichtet. Und wofür? Nicht einmal einen feuchten Händedruck gab’s zum Abschied. Raus, Aus, Schluss, Ende. Der dienstbeflissene Eric wird zum … Eric weiß, wer hinter der Entlassung steckt. Mataro, der Finanzminister. Und der wohnt … Eric weiß ganz genau, wo er wohnt. Er soll ihm Rede und Antwort stehen. Oder besser: Um Gnade winseln. Auf dem Weg gibt sich Eric keine Mühe seine Wut zu verbergen. Was Andere Können, kann er auch! Ein Geldwechsler – arrogantes Gesindel in den Augen Erics – ist sein erstes Opfer. Peng! Einer weniger. Vicky ist der nächste. Mataros Vergnügungsspielzeug. Ein schnippiger Speichellecker, der auch nur versucht sich durchzuschlagen. Es nützt nichts. Die Kugel zerfetzt den smart geschminkten Körper. Nun ist Mataro dran! Endlich Rache. Doch auch der hat einen Einflüsterer. So wie jeder in Haïti, der in gehobener Stellung wirkt. Mit Mataro als Schutzschild und im Schlepptau wird Erics Rachefeldzug zu einem Blutbad unmenschlichen Ausmaßes. Niemand kann ihm den Spiegel vorhalten! Viele versuchen es. Doch das Zerrbild, ficht Eric nicht an. Er ist seines Glückes Schmied, das Eisen trägt er schon in der Hand.

Tief verwurzelter Glaube und die unbändige Wut sind die Pfefferschoten in dieser an sich schon scharfen Mischung aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Gary Victor hat den Roman vor einem Vierteljahrhundert geschrieben. Das verheerende Erdbeben, dass das Land einmal mehr wegen einer Katastrophe in die Nachrichten brachte, brodelt noch tief unter der Erde. Die Probleme des Landes nach den Diktaturen der Duvaliers (Papa und Baby Doc) waren damals schon ein unlösbares Desaster. Und sind es bis heute. Das Buch hat seit Erscheinen nichts von seiner Aktualität und seinem Wahrheitsgehalt verloren. Gangs würgen bis heute alles Verwertbare aus dem geschundenen Land heraus. Hilfe von Außen ist nicht zu erwarten. Nur noch größere Gangster, können dem treiben Einhalt gebieten. Eric ist nun wirklich kein Heiliger. Sein Amoklauf ist durch nichts zu rechtfertigen. Ein klein wenig Verständnis bringt man dann doch für ihn auf. Und das ist das Traurige an diesem Buch. Mitleid für Gewalt – das darf es einfach nicht geben!

Verlorene Freunde

Donald Windham wurde von Tennessee Williams als das größte Talent seit Carson McCullers bezeichnet. Eine Ehre, aber mit dem Beigeschmack, dass Williams Truman Capote mit diesem Lob eins auswischen wollte. Und schon sind wir bei en beiden Hauptakteuren dieser Erinnerungen aus der Feder eines Talents, das hierzulande weitaus weniger bekannt ist als Capote/Williams.

Und Donald Windham kannte beide gut. Sehr gut. Besser als viele andere. Er arbeitete mit ihnen, reiste mit ihnen, lebte mit ihnen. Als der Erfolg beide überrannte – und nichts anderes war es – verwandelten sie sich in Menschen, mit denen Windham nicht mehr klar kam. Seine Erinnerungen sind kleine Liebeserklärungen unter dem Deckmantel der Faktenweitergabe. Aber es sind und bleiben Liebeserklärungen. Mal nüchtern, mal euphorisch, mal sentimental.

Wir sind in den 40er/50er Jahren als sowohl Capote als auch Williams unangefochtene Stars der Literatur- bzw. Theaterszene Amerikas sind. Windham steht ihnen in Nichts nach. Doch es kann immer nur einen König geben. Traurig oder gar missgünstig ist er aber nicht. Nicht offen, vielleicht. Windham hat viele Freunde- Manche stehen im näher als andere. Genauso sind sie berühmter als andere oder eben weniger bekannt. Doch alle schweben im selben Künstlerkosmos. André Gide und Gore Vidal zählen zu diesem erlesenen Kreis. Taormina, Capri, generell Italien hat es ihnen angetan. Sie bewohnen Villen, die vorher schon von den Großen ihrer Zunft bewohnt wurden. Inspiration und Restitution, Anspannung und Abenteuer sind ihnen gleichermaßen Antrieb und Ansporn.

Beim Lesen folgt man ihnen gern auf ihren Spuren, auf der steten Suche nach Anerkennung und Abschottung. Erfolge und Niederlagen verschmelzen in der Erinnerung Windhams an lieb gewonnene Freunde und deren zu frühen Tod. Ein lautes Lachen, ein gequältes Lächeln sind ebenbürtig.

„Verlorene Freunde“ wurde bei Tennesse Williams viel dramatischer und aufgebauschter erscheinen. Bei Truman Capote wäre es eine gemeine Abrechnung mit all denen, die ihn umgaben und umschmeichelten. Bei Donald Windham sind es kleine Diamanten, die funkeln und die er funkeln lässt. Er hat sein Glück gefunden. Nicht bei, neben oder mit Capote oder Williams – das gemeinsame Glück war nur zeitlich begrenzt – er fand die große Liebe, öfter als gewollt, doch er fand sie. Diese Erinnerungen an Freunde, die sich veränderten Bedingungen (freiwillig?) ergaben, sind eine Zeitreise, die immer noch fasziniert.

Shakespeare – Der Mann, der die Rechnung zahlt

Eine Frau wie Judi Dench zu interviewen, ist sicher kein leichtes Unterfangen. Nicht, weil sie als Zicke oder Diva verschrien ist … nein … ganz im Gegenteil. Man muss sich höllisch in Acht nehmen nicht einem ihrer Witze, Streiche, Schelmereien auf den Leim zu gehen. Bei aller Strenge in ihren Rollen – allen voran sicherlich die als M in den James-Bond-Filmen mit Daniel Craig – so blitzt parallel dazu auch immer ein Augenlächeln hervor. Ist das das Geheimnis ihres Erfolges?

William Shakespeare war und ist der treue Begleiter im Leben von Dame Judi Dench. Bei der Royal Shakespeare Company spielte sie so ziemlich jede Rolle des Dichtergottes. Seit Jahrzehnten steht sie auf der Bühne. Und seit Jahrzehnten ist er – Shakespeare – der Mann, der die Miete zahlt. Schon allein darin erkennt man den ungeheuren Witz, den Judi Dench pflegt. Aus der Pflicht heraus wurde Liebe? Nein, aus der Liebe zu Shakespeare wurde eine angenehme Pflicht, die anderen Pflichten erfüllte (die Miete zu zahlen) und daraus erstarkte die grundlegende Liebe zu Shakespeare. Eine Kreislauf, eine Win-Win-Situation – alles in einem.

Ihr Schauspielkollege Brendan O’Hea hat sich über mehrere Jahre immer wieder mit Judi Dench über ihre Arbeit und vor allem über Shakespeare unterhalten. Es waren anfangs Plaudereien über ihren gemeinsamen „Freund Shakespeare“. Schnell wurde daraus eine Obsession, Später wurden es regelmäßige Interviews. Bis der Gedanke daraus ein Buch zu machen gestalt annahm.

Und was für ein Buch! Shakespeare-Bio, Dench-Lobhudelei im besten Sinne, Ehrerbietung für Autor und Darsteller – das große Rundum-Sorglos-Paket für alle, die Shakespeare kennen, ihnen kennenlernen wollen und für all diejenigen, die der kleinen Frau mit der burschikosen Friseur schon immer zugetan waren.

Jedes Kapitel widmen die beiden einem Stück von William Shakespeare. Denchs phänomenales Gedächtnis überragt das ganze Buch. Sie ist in der Lage sich sofort zu erinnern, Schwierigkeiten exakt und wahrheitsgetreu wiedergeben zu können und den Leser auf eine Reise mitzunehmen, die bitteschön niemals enden sollte. Ihr Erinnerungsvermögen an Kollegen wie Vanessa Redgrave, die mit ihr zur gleichen Zeit die gleiche Schauspielschule besuchte, sind ebenso präsent wie Querelen bei der Besetzung des Regisseurs oder Reisen nach Westafrika.

Wer Shakespeare bisher nur dem Namen nach kannte, wird im Handumdrehen zum Fan. Dench schafft es Begeisterung hervorzurufen, die man nie erwartet hätte. Für immer und alle Zeit wird Shakespeare nun mit dem Namen Judi Dench verbunden sein. Das soll ihr erstmal jemand nachmachen!

Kröners Gedichtekalender 2026

Es gibt so viele Dinge auf die man sich freuen kann: Auf Weihnachten, auf den Urlaub, auf die Familie… Sich aber auf einen Kalender freuen? Da muss man schon einen extremen Hang zur Kunst haben. „Kröners Gedichtekalender 2026“ ist so ein Kalender, auf den man sich wirklich freuen kann. Man fiebert dem Jahresende entgegen, liest das letzte halbe Dutzend Seiten des Vorgängerkalenders und hofft, dass der Nachfolger auch wirklich pünktlich erscheint. Die Sorge kann jedem genommen werden. Er ist da! Und wieder einmal klopft er mit romantischem Sturm an die Tür und bittet um Einlass.

Die geschwungenen Buchstaben, kaligraphische Preziosen, exakt gezogene Linien – Künstler müsste man sein! Doch der wahre Schatz liegt in der Reihenfolge und der Bedeutung dieser kunstvoll in Szene gesetzten Worte. Rainer Maria Rilkes „Notizen zur Melodie der Dinge“ – schon allein der Titel lädt zum Schwelgen ein. Oder Heinrich Heines „Ich hab’ im Traum geweinet“ gibt dem Juni ein ganz leicht schwermütige Note. Wolf Biermanns „Ermutigung“ verleiht dem Juli Kraft und Schaffensdrang. Zwei Gedichteseiten pro Monat – genug Stoff zum Nachdenken und Sinnieren … und sich an der Kunstfertigkeit der Schrift ergötzen.

Schönheit liegt bekanntermaßen im Auge des Betrachters. Und diesen Kalender einfach nur als schön zu bezeichnen,, ist lediglich die Basis allen Lobes. Man kann sich ja selbst mal hinsetzen und beispielsweise den eigenen Namen kunstvoll „niederschreiben“. Wird nicht auf Anhieb klappen! Umso erfreulicher, dass Hubert Klöpfer sich diese Mühe macht und einmal mehr mit diesem Kalender einen echten Hingucker an die Wand zu zaubern. Für alle, denen das dann doch zu viel Kunst ist, stehen die Gedichte noch einmal in Klarschrift abgedruckt auf dem letzten Blatt.

Piemont

Feinschmeckern läuft schon bei den Untertiteln das Wasser im Mund zusammen: Albi – mmmh Trüffel, Barolo – oh ja, schenken Sie gern noch einmal nach. Nur die Piemont-Kirsche – die sucht man vergebens. Die gibt’s nämlich gar nicht!

Das gibt’s doch nicht – wird man noch öfter sagen, blättert man sich voller Ungeduld durch den Reiseband. Man beginnt bei Land und Leuten, was in einem Trescher-Reisebuch auch bedeutet Persönlichkeiten ausführlich zu begegnen. Vom Schriftsteller Cesare Pavese über Umberto Tozzi bis hin zum Autor der heimlichen Hymne Italiens „Azzurro“ Paolo Conte. Alle stammen aus dem Piemont.

Und dann kommt das Kapitel, das einem die Reiselust ins Unermessliche steigern lässt: Küche. Cucina. Das ist im Piemont reichhaltig … in jeder Hinsicht. Bis auf eben die berühmten Piemont-Kirschen. Nüsse, Nudeln, Naschereien. Ein Füllhorn, ach was, eine ganze Armada an Füllhörnern präsentiert sich an jeder Ecke und verführt. Auch schon beim Lesen.

Natürlich nimmt Turin den meisten Platz im Buch ein. Ein Industriestadt, die vielen erst auf den zweiten Blick ihre Pracht vor Augen führt. Palazzi und breite Prachtstraßen zeugen von der Macht, die von hier ausging. Turin als Hauptstadt des Piemonts vereinnahmt den Besucher gnadenlos für sich. Die ehemaligen Hausherren, das Haus Savoyen ist weithin sichtbar durch die Prachtbauten immer noch nicht wegzudenken.

Saluzzo hingegen muss man schon suchen. Und vor allem besuchen. Denn hier herrscht hauptstädtisches Flair im Kleinen. Die Stadt hat immer noch das Potenzial Turin den Rang abzulaufen. Doch die Savoyer entschieden sich für Turin. Saluzzo ist ein Kleinod, das nur eineinhalb Stunden Zugfahrt entfernt südlich von Turin, den Besucher mit seinem Charme in Empfang nimmt.

Ob nun in luftigen Höhen im Aostatal wandern oder durch die Weinberge wandeln oder gar bis zum Lago Maggiore seinen Erholungsurlaub ausdehnen – mit diesem Piemont-Reiseband ist man bestens gerüstet ohne dabei auf angenehme Überraschungen verzichten zu müssen. Und dass Alba mehr als nur Trüffel zu bieten hat, dürfte so manchen Leser/Besucher verblüffen.

Wer Schatzsuchen liebt wird hier schnell fündig. Mondovi, Valle Grana, Langhe – allesamt keine Orte, die man sofort parat hat, wenn jemand das Piemont ins Spiel bringt. Doch wer diese Worte besucht hat, wird noch lange danach von seinen Erlebnissen zehren und andere mit seinen Erzählungen anstecken.

Thorbeckes Reisen Kalender 2026

Noch nie zuvor wurde so viel gereist wie im Moment. Ob weit weg bis ans Ende der Welt oder nur ein paar Kilometer um die Ecke – Reisen verschafft Erholung, erweitert den Horizont oder ist einfach nur eine zeitlich begrenzte Ablenkung von dem, was einen tagein tagaus umgibt.

Man sucht sich – wie auch immer – ein Ziel aus und plant ein bisschen. Die Zeiten, in denen man sich in ein Reisebüro begab, sind fast gänzlich vorüber. Das mag den Einen oder Anderen ein wenig nostalgisch stimmen, aber heutzutage sind Reisebüros auch gern nur Katalogsammelstellen. Vorbei die Zeiten als kunstvoll gestaltete Plakate um die Gunst des Reisenden warben.

Diese Zeit kommt nun wieder zurück. 2026 wird das Jahr des nostalgischen Reisens. Dieser Kalender sorgt für Seufzen und Jauchzen, wenn reichlich pastellig San Remo mit den typischen Blumenriviera-Nostalgie-Klischees für Besucher wirbt. Oder Washington von der Pennsylvania Railroad als „The City Beautiful“ angepriesen wird. Sevilla punktet mit einem farbenprächtigen Flamenco-Motiv, während Zoppot (eigene Schreibweise) mit der erfrischenden blonden Maid wohl ganz sicher auf ein bestimmtes Publikum abzielen dürfte…

Schwere Koffer aus Holz und stabiler Pappe, Wanderstock, Knickerbockers – die Zeiten sind vorbei. Heute ist da Reisegepäck leicht wie nie. Leider halten darauf kaum noch die Reisesouvenirs wie einst.

Da tut es gut sich daran zu erinnern, dass Reisen einmal ein echter Luxus war. Nix mit mal schnell in den Flieger hüpfen, um Party in einer momentan hippen City zu verbingen, um am nächsten Arbeitstag mit Augenringen den Kollegen die eigenen Aufgaben um Erledigung zu bitten. Reisen war eine wohl durchdachte Angelegenheit. Das Angebot an Informationsmöglichkeiten war sehr beschränkt. Wer am besten für sich warb, bekam die meisten Urlauber. Eine Strategie, die heutzutage fast verpönt ist. Schaut man sich eine Stadt wie Dubrovnik an, hätten wohl kaum die miesesten Miesepeter erahnen können, was ab dem frühen Vormittag hier alles reinpasst. Und wie schwer (unmöglich) es sein wird hier wirklich Erholung zu finden.

Erfreuen wir uns an dem, was einmal war, wie Farben und Motive unsere Sehnsucht nährten. Und wie stark die Wirkung der Werbung bis heute nachwirkt.

Thorbeckes Apfel Kalender 2026

Manchmal bekommt das Gefühl, dass nur noch „alte Sorten“ von Äpfeln angebaut werden sollten. Jeder „Apfel-Experte“ schwört die Zuschauer/Zuhörer darauf ein, dass das der heilige Gral sei. Doch wer soll sich die ganzen Sorten denn merken? Und wenn man beim Einkauf dann nach der einen oder anderen Sorte fragt, bekommt man ein Schulterzucken. Ist ganz schön anstrengend. Also, fangen wir bei den Grundlagen an. Welche Sorten gibt es überhaupt? Wie sehen sie aus? Was geht im Inneren eines Apfels vor? Muss man für den Wocheneinkauf erstmal ein Buch wälzen?

Hier kommt Abhilfe: Dieser Apfelkalender zeigt auf unnachahmliche Art wie vielfältig eines der beliebtesten Obste sein kann. Der Januar 2026 steht ganz im Zeichen der Grundlagen. Die hier abgebildeten Apfelsorten wurden vor mehr als hundert Jahren katalogisiert und mit farbenprächtigen, naturgetreuen Abbildungen erfasst. Und wenn man ganz genau hinschaut, sieht man jede noch so kleine Schraffierung – ein echter Hingucker!

Schon mal einen Bismarck-Hering verspeist? Einen Bismarck –Turm bestiegen? Da scheint es fast schon logisch, dass es auch einen Bismarckapfel gibt! Den gibt es wirklich. Doch der Name geht nur indirekt auf den Reichskanzler zurück. Vielmehr benannte man die Sorte nach der gleichnamigen Stadt im australischen Tasmanien. Die allerdings huldigte dem Reichskanzler, indem sie sich nach ihm benannte.

Süß für Wespen – ja, Äpfel ziehen nicht nur Menschen magisch an. Auch die lästigen und wendigen Insekten sind fasziniert vom biblischen Obst. In der Normandie macht man aus Äpfeln auch Cidre. Bevorzugt von der Sorte „Doux aux Vespes“ – Süß für die Wespen. Die Natur liebt den Kreislauf!

Egal, wie man es mit Äpfeln hält – hier kommt jeder auf den Geschmack. Ein ganzes Jahr lang Äpfel – wie ein Lotteriegewinn, bei dem man ein Jahr lang kostenlos so viele Äpfel erhält wie man möchte.

Jede Woche eine neue Sorte oder Einblicke ins Kerngehäuse des Obstes. Die Abbildungen sind ein Augenschmaus, der zwar nicht den Doktor fernhält, aber zumindest dem Auge eine Erholung gönnt.