Südtirol und Trentino

Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, dass in Italien durchaus auch deutsch klingende Namen (von Orten) gebräuchlich sind, stellt sich ziemlich schnell ein ausgeprägtes Italienurlaubsglücksgefühl ein. Denn das weiche Bressanone klingt doch viel italienischer als das harte Brixen. Aber das sind nur Augenaufreißer, die sich schnell wieder verflüchtigen, wenn man erstmal in die beeindruckende Natur Südtirols eingetaucht ist.

Und um das auch wirklich ganz und gar erleben zu können, ist es wichtig zu wissen, was man sehen muss, und was auf gar keinen Fall verpassen darf. Gunnar Strunz ist hierfür der richtige Wegweiser und sein Reiseband „Südtriol Trentino“ das prall gefüllte Reisewissenspaket, das als Schwergewicht nicht zur Last fällt.

Die Regionen Vinschgau, Meran, Bozen, Eisacktal, Pustertal, Südtiroler Dolomiten und Trentino werden so ausführlich beschrieben, dass Scheitern oder gar Auslassen von wichtigen Sehnsuchtsorten ausgeschlossen wird. Auf über 500 Seiten – der Urlaub beginnt also schon viel früher vor dem Abflug – werden ausführlich und reich bebildert Orte vorgestellt, die man eventuell schon von so mancher Wintersportübertragung aus dem Fernsehen kennt oder aus vereinzelten Heimatfilmen. Vielleicht sind es ja sogar diese Filmausschnitte, die einem dazu brachten Südtirol und Trentino zu besuchen.

Endlose Wanderungen (die natürlich nicht endlos sind, sondern doch irgendwann enden müssen, auch wenn man es sich nicht wünscht) beispielsweise entlang des Avisio sind gespickt mit Zwischenhalten, um die Seele baumeln zu lassen und Augen und Beine zu entspannen. Man gelangt hier auch zum Lago di San Pellegrino. Eine Umrundung dauert nicht einmal eine halbe Stunde. Im Sprudelwasser kann man hier nicht baden, das ist lombardischen Ursprungs – da muss man sich schon rund drei Stunden ins Auto setzen und Richtung Südwesten fahren.

Wenn man doch motorisiert unterwegs ist, so sind sämtliche Hinweisschilder auf Italienisch und Deutsch verfasst. Wer weiß schon, dass Vipiteno auch als Sterzing bekannt ist?! Und je ländlicher es wird, kommt auch noch ladinisch hinzu. Eine Sprache, die stellenweise vertraut klingt, doch im Gegenzug schwer verständlich ist. Aber das gibt sich schnell, wenn man den empfohlenen Routen des Buches folgt man sich der Umgebung hingibt.

Dieser Reiseband ist ein Leisetreter. Kaum merklich wird man dazu verführt Südtirol, Trentino zu besuchen. Die Angst, sich hier zu verlieren, verschwindet hinter der Aufregung vor den unzähligen Abenteuern, die man hier noch erleben kann. Überraschungspaket mit Erlebnisgarantie.

Usedom und Wollin

Hier wird Europa Wirklichkeit. Wo bis vor wenigen Jahrzehnten Ost auf Ost traf, verbinden sich heute Osten und Westen auf ganz natürliche Weise. Von Peenemünde bis Dziwnów, von Bansin bis Wolin – Usedom hat schon lange fahrt aufgenommen und präsentiert sich wie eh und je als Sehnsuchtsort für alle, die schon viel von der Welt gesehen haben oder denen die Ostsee näher ist als die Karibik.

Usedom und Wollin – hier gibt’s so einiges im Doppelpack. So gibt es die Insel Usedom als auch die „Hauptstadt“ Usedom. An den nördlichen Ufern sonnt man sich an der Ostsee, im Süden an ruhigen Binnengewässern wie dem Stettiner Haff oder dem Achterwasser

Nur die Kaiserbäder, die gibt’s gleich dreimal. Ahlbeck, Bansin und das berühmte Heringsdorf. Ein Spaziergang entlang der eleganten, eindrucksvollen Villen mit Strandblick entlohnt für so manche Zeit im Stau auf dem Weg in die Sonne. Grażyna und Wolfgang Kling sind die stillen Flüsterer im Vordergrund, die dem Leser/Besucher Usedom und Wollin so nahe bringen, dass man sich schon bei Ankunft wie ein Einheimischer fühlt. Dabei achten sie besonders darauf, dass das Gleichgewicht zwischen dem Offensichtlichen und dem teils Verborgenen gewahrt bleibt.

Dieser Reiseband strotzt nur so vor Informationen. Blau unterlegte Infokästen sind die knackigen Antworten auf kurzfristige Fragen. Zahlreiche Karten erleichtern die Orientierung lassen das Handy dort, wo es im Urlaub hingehört, in der Tasche. Die gelb unterlegten Kästen sind unterhaltsame Wissenslückenfüller, die eine kurze (Lese-) Rast zur wissbegierigen Pause wandeln.

Hier ist alles drin, was diese beiden Inseln so unverwechselbar und so begehrt machen. Das begrenzte Übernachtungsangebot – und das ist gut so, denn wenn hier Bettenburgen die Sicht auf den Horizont versperren würden, wäre Usedom mit einem Mal wie leer gefegt – gepaart mit der Einsicht, dass es „gleich um die Ecke“ ein wahrhaftes Paradies gibt, sind das Pfund, mit die Doppelinsel wuchern kann.

Auf Usedom urlauben, hieß schon immer auf der Sonnenseite zu stehen. Ebenso auf Wollin. Ein Grenzübertritt, der sich gar nicht so anfühlt, ist das beste Zeichen für Zusammenhalt. Und so merkt man auch gar nicht, wenn man im nächsten Kapitel des Buches schon wieder in einem anderen Land ist.

Rügen Hiddensee Stralsund

Man muss alle rügen, die nichts an Rügen finden. Denn die größte deutsche (Urlaubs-) Insel ist ein Füllhorn an Attraktionen. Auch, aber  nicht vor allem wegen Caspar David Friedrich, der in den vergangenen Jahren auch international einen Aufschwung genommen hat wie ihn einst nur Andy Warhol vermelden konnte. Friedrich hier, Friedrich da. Alles so romantisch. Rügen ist es auch. Doch nur zu einem gewissen Prozentsatz und gewiss nicht ausschließlich.

Wer Rügen sagt, meint vor allem Erholung im engsten Wortsinne. Tief einatmen, und wieder ausatmen. Die Meeresbrise aufsaugen. Kraft tanken. Denn wer Rügen erkunden will, braucht Ausdauer. Und einen kenntnisreichen Tippgeber. So wie Peter Höh es ist. Sein Rügen-Reiseband ist ein gigantisches Kleinod und eine Schatztruhe an Erkundungen. Das reicht vom Besuch der ersten Gorch Fock in Stralsund, was geographisch noch nicht zu Rügen zählt. Aber ohne Stralsund und Brücke und damit verbundenen Wartezeiten ist Rügen nur eine Insel. Und es endet noch lange nicht an den Kreidefelsen (Hallo, Caspar David Friedrich!). Und einfach nur faul am Strand von Glowe rumliegen, ist auch nicht Rügen total. Ein Kurkonzert in Binz? Reicht auch noch nicht für das Komplettpaket Rügen. Ja, was ist es nun das Komplettpaket Rügen?

Knapp dreihundertfünfzig Seiten, 30 Ortspläne, Routenvorschläge, auch fürs reisen mit Kindern oder auf dem Drahtesel, über einhundert Fotos – kurzum: Dieser Reiseband ist das Komplettpaket Rügen.

Wer hier so manchen Sommerurlaub in der Kindheit verbrachte und schon seit Jahren nicht mehr hier war, der erlebt schon beim ersten Durchblättern sein blaues Wunder. Und das hat erstmal gar nichts mit der Farbe der Ostsee zu tun. Es ist der blaue Himmel, im Zusammenspiel mit eben dieser Ostsee und dem unfassbar umfangreichen Angebot, was man hier erleben kann. Schlösser wie das Jagdschloss Granitz, wo Kinder im Nu zu Schlossherren mutieren oder versteckte Ruheoasen wie … nein, die muss man schon selbst suchen und für sich behalten (einige verrät der Autor dann aber doch) bis hin zu empfehlenswerten Orten, die alle Sinne inklusive Magenknurren bestens bedienen.

Die kaum zahlbaren Tipps für allerlei Machenswerte für groß und Klein nicht gespickt mit Öffnungszeiten, Eintrittsgeldern und den obligatorischen Nennungen der Homepage, wo man die letzten offenen Fragen beantwortet bekommt. Dieses Buch bietet mehr Rügen als jede Internetsuche!

Das kleine Glück

So ein bisschen Glück. Nur ein kleines Stück vom großen Kuchen Glück. Das ist doch nicht zu viel verlangt. Aber wie soll man da rankommen? Wenn die Tischkante so hoch liegt?

Der tunesische Autor hatte jahrelang eine Kolumne zu diesem Thema geschrieben. Voltaires Einsicht, jetzt glücklich zu sein, weil es besser für die Gesundheit ist, hat er zu seinem Lebensmotto erhoben. Und so entstanden diese kurzen Glückmomente bzw. Anleitungen zum Glücklichsein. Es sind 52, jede Woche eine. Zum ersten Mal in deutscher Sprache.

Und so beginnt man jede Woche oder beschließt jede Woche – zur Handhabung gibt Memmi keine Anleitung – mit einem kurzen Text, der sich exzellent zum Nachdenken, zum Nachahmen und schlussendlich zum Glücklichsein einlädt. Man braucht nicht viel, um die Texte zu verstehen oder in die Tat umzusetzen. Ein kleines bisschen Mut. Ein Fitzelchen Überwindung, um eventuelle Scheu oder Vorurteile über Bord zu werfen.

Krankhafte Sparsamkeit hat er – nicht allein, und schon gar nicht als Erster – als das erkannt, was nicht glücklich macht. Und damit meint er nicht in erster Linie die Anhäufung und Verteidigung von materiellen Werten. Sparsamkeit als Enge oder selbst auferlegter Zwang, der der Freiheit die Luft zu Atmen nimmt. Wer zu viel würzt, darf das. Aber ebenso darf er sich hinterher nicht beschweren, dass der Hals kratzt. Eigentlich ganz einfach.

Manchmal, vielleicht sogar oft braucht man den Blick von außen oder den sinnbildlichen Tritt ins den hintern, um sich seiner eigenen – GUTEN – Gedanken bewusst zu werden. Denn der Mensch ist – bis auf einige Ausnahmen – nicht ausnahmslos schlecht. Man muss ihn ur kitzeln, damit er sich daran erinnert.

Und Albert Memmi ist ein wahrer Kitzler. Er kitzelt das Gute aus dem unerschöpflichen Wissen der Menschheit heraus und schreibt in kurzen Abhandlungen effektreiche Mutmacher. Es sind keine komplett neuen Erkenntnisse, die in „Das kleine Glück“ für jedermann nachlesbar sind. Es sind geraffte Einsichten, die jeden Leser einmal pro Woche dazu bringen, sich selbst auf die Probe zu stellen. Das tut nicht weh – im Gegenteil. Es hilft sich dem Glück näher zu fühlen.

Historische Fälschungen

Fake News – ach, wie schön man das herausbrüllen kann … egal, ob es stimmt oder nicht. Und wenn es dann doch einmal stimmt, will’s keiner hören. Weil die Theorien, die längst widerlegt sind, so herrlich ins Bild passen, das man sich selbst erschaffen hat. Es ist schon ein Kreuz mit der Wahrheit. Emanuela Lucchetti hat sich vier exemplarische Fake News vorgenommen und in ihrem Essay unter die Lupe genommen.

Sie beginnt mit der Konstantinischen Schenkung, die schlussendlich den Machtbereich der Katholischen Kirche bis heute prägt. Hier stimmt nichts. Die Wortwahl hätte schon früher auffallen müssen, ist es aber nicht. Die erste Aufarbeitung wurde nur im evangelischen Umfeld verbreitet – sehr ungünstig, wenn man nur die Gegner mit der Wahrheit versorgt. Vertrauen sieht anders aus.

„Die Protokolle der Waisen von Zion“ sind ein anderes Kaliber. Sie dienen – trotz aller Widerlegungen und Beweise, dass der russische Geheimdienst sie verfasste und verbreitete – mit mehr als willigen Helfern) bis heute als religiös erachtetes Pamphlet für die jüdische Weltverschwörung. Und somit als Legitimation Juden generell skeptisch entgegenzutreten und legitimiert jeden Angriff auf sie. In der aktuellen Situation, in der sich der israelische Präsident Netanjahu selbst wie ein blindwütiger Hund, der gegen alles beißt, was ihm in den Weg kommt, kein Grund sie weiter zu verfemen. Ein Graus für jeden, der halbwegs geradeaus denken kann!

Für die meisten sind die Lügen, die zum Irakkrieg führten – und somit Tausende in den Tod schickten, Familien zerstörten, Kulturerbe für immer auslöschten – noch gut in Erinnerung. Colin Powell hielt bei einer Rede vor der UNO ein Röhrchen in die Luft, das den Beweis lieferte, dass der irakische Präsident Saddam Hussein massenhaft Vernichtungswaffen parathält. Ausgedachter Unsinn, um ans Öl zu kommen – zugegeben eine einfacher Sichtweise, doch näher an der Wahrheit als das Powells Röhrchen in der UNO.

Wo Krieg ist, stirbt zu erst die Wahrheit. Das erkannte schon Winston Churchill. Und je einfacher die Lüge, desto einfacher ist ihre Verbreitung. In Mittagspausen, auf Schulhöfen, beim Plausch mit Bekannten und Freunden – sie sind überall. Kleine, fiese Lügen, die man ohne groß nachzudenken weiterreichen kann. Und man immer ein bejahendes Kopfschütteln erntet. Man selbst weiß ja wie der Hase läuft. Und die Studierten mit all ihren Theorien, die kein Mensch versteht, können noch so sehr argumentieren: Ich habe recht! Die in diesem Buch vorgestellten Lügen – und nichts anders sind sie!, basta! – sind keine neuen Erkenntnisse. Dass sie komprimiert noch einmal so eindrücklich dargestellt werden – mit aktuellem Bezug – ist das Verdienst des Werkes. Lesen, nachdenken, handeln!

Monsieur Eiffel und sein Turm

Über Gustave Eiffel kann man sicher einiges behaupten: Ein Hallodri sei er gewesen, wenn man sein Engagement bei der Finanzbeschaffung für den Bau des Panama-Kanals betrachtet. Aber er war auch ein Visionär, um dieses strapazierte Wort noch einmal zu strapazieren. Einfach mal so einen Turm in die Weltmetropole Paris zu bauen, damit möglichst viele Besucher zur Weltausstellung 1889 kommen. Er wird ja danach eh wieder abgerissen. Doch es gibt bis heute nur wenige Bauwerke, die den Namen ihres Erbauers tragen und so weithin dauerhaft als Symbol einer Stadt, in Eiffels Fall sogar eines ganzen Landes gelten. Diese elegante Form, geometrisch perfekt, so spielerisch einfach einsetzbar. Man denke nur an das leuchtende Farbenspiel am Abend oder während der Olympischen Spiele 2024 in Paris. Doch Gustave Eiffel war auch ein Kämpfer. Er musste kämpfen. Denn sein Unterfangen den Turm zu bauen – keineswegs wollte er ihn nach sich benennen – war stets umstritten, stand mehrmals vor dem Aus, und war zudem auch noch Spekulationsobjekt Nummer Eins seiner Zeit. Immer verbunden mit dem Namen Eiffel.

Gustave Eiffel ist kein Einzeltäter. Einzeltäter im Sinne von „Einmal bauen und sich dann auf dem Ruhm ausruhen“. Er hat auch anderswo auf der Welt seine Spuren hinterlassne. Wer in Porto den Douro über die Ponte Dom Luís I überquert, setzt seinen Fuß auf Eiffels Werk. Seine Firma hat diese Brücke gebaut.

Eiffels Leben verlief nie geradlinig. Immer wieder stieß er auf Widerstände. Firmen gingen Pleite, seine Vision stießen nicht von Anfang an auf pure Freude. Er musste stets kämpfen. Mit Erfolg, muss man heute neidlos anerkennen.

Als die Kassen der Firma prall gefüllt waren – ja, es gab auch diese Zeiten – nahm das Projekt Eiffelturm, was da noch nicht so hieß, Gestalt an. Schlank sollte der Turm sein. Ein Zeugnis sein, was Ingenieurskunst imstande war zu leisten. Oder ganz schnöde gesagt, es durfte nicht viel kosten. Und trotzdem zum Imponieren taugen. Spezielle Verfahren zur Stabilisierung mussten entwickelt werden. Dafür hatte Eiffel ein gut gerüstetes und motiviertes Team in seinen Reihen. Er hat bei Weitem nicht alles selbst entworfen, geschweige denn gebaut. Nieten als Verbindungsmittel waren damals der letzte Schrei und sind bis heute das Mittel der Wahl.

Ralf Klingsiecks Biographie über den großen Gustave Eiffel liest sich wie ein Abenteuerroman. Jules Verne hätte seine Freude daran. Das gleichnamige Restaurant in der zweiten Etage des Turms trägt nicht umsonst den Namen des technikaffinen Schriftstellers. Die Leichtigkeit, mit der der Autor dem gewaltigen Werk des Erbauers ein weiteres Denkmal setzt, lässt diese Biographie aus dem Stapel der Biographien einzigartig herausragen.

Rigaer Freiheit

Riga Anfang des Jahrtausends. Das Land, Lettland, wird bald schon zur EU und zur NATO dazugehören. Die nächste große Umwälzung. Für einen Studenten wie den Erzähler zählen diese Dinge erstmal nur am Rande. Er kann es kaum glauben, dass er an der Kunstakademie angenommen wurde. Sein neues Leben erfährt eine für ihn viel wichtigere Umwälzung. Und es ist noch nicht vorbei mit den Veränderungen. Denn er erbt. Nicht unerheblich. Er erbt ein Haus. Ein großes Haus. Ein Mietshaus. An der Freiheitschaussee. Also mittendrin, im Leben. So viel Veränderung muss man erstmal wegstecken. Zusammen mit seiner Omama fährt er zu seinem neuen Besitztum.

Wie alles im Leben so hat auch das Erbe eine zweite Seite. Eine unschöne Seite. Rau, verdorben, echt, aber auch voller Überraschungen. Denn in dem Haus wohnen noch Mieter. Und das schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Sie sind dem Haus näher als der neue Eigentümer. Die resolute Omama kennt die Mieter. Sie weiß wer wann wieviel Rente bekommt. Und somit auch pünktlich die Miete zahlen könnte. Könnte, ja. Die Hausgemeinschaft ist ein ziemlich runtergekommener Haufen unzuverlässiger Mieter.

Sie wissen wie man mit dem Vermieter umgeht. Als neuer Eigentümer steht man da erstmal mit offenem Mund da. Oder lässt alles seinen Lauf gehen. Schließlich ruft die Akademie…

Svens Kuzmins wirft ein fades Licht auf eine fade Situation. Antriebslosigkeit und eine sich rasch wandelnde Gesellschaft sind die Treibfedern dieser „Rigaer Freiheit“. Wo einst der Stolz der Nation – schließlich haben sich die drei baltischen Staaten Estland, Litauen und Lettland beeindruckend friedlich von der Sowjetunion getrennt – mit Blumen im Haar und allerlei Gesang nach Außen getragen wurde, fallen hier und da Horden von brutalen Skinheads über das Land herein. Unzufriedenheit, Abschottung und Resignation machen sich breit, wo einst Hoffnung blühte. Das geerbte Haus wirkt wie ein Symbol dieser neuen sich entwickelnden Gesellschaft.

Im Kleinen schiebt der Erbe den „Roadhouse Blues“, schippert auf dem „Ship of fools“ gen Sonnenaufgang, „Waiting for the sun“: Immer wenn er „Morrisons Hotel“ von den Doors auflegt, fühlt er sich wie in einer eigenen Welt.

Mal melancholisch, mal absurd witzig – in diesem Spektrum bewegt sich „Rigaer Freiheit“ von Svens Kuzmins. Da, wo die knallharte Realität auf Hoffnungslosigkeit trifft, hinterlässt sie tiefe Risse. Und darin beginnen Pflänzchen zu blühen, die wie dieses Buch wunderbar strahlen.

Wien 2000 Jahre Geschichte

Zweitausend Jahre Geschichte kann man sicher auch in einem Taschenbuch unterbringen. Dann aber in ganz kleiner Schrift und ohne Bilder. Wiens Geschichte, die nun mittlerweile rund zweitausend Jahre andauert, muss so prachtvoll wie die Stadt selbst angeboten werden. Mit all ihren Klischees und den kleinen versteckten Hinweisen, die man dank dieses Buches auf Anhieb finden wird. Ansonsten könnte man beim Schnitzel auch die Panade weglassen. Ist möglich, aber …

Vindobona – das war einmal. Römische Stadt mit der Neigung einmal groß herauszukommen. Die Habsburger haben diesen Traum dann zur Vollendung gebracht, und heute gehört Wien zu den lebenswertesten Städten weltweit. Obwohl erst kürzlich Zürich in diesem Ranking an Wien vorbeigezogen ist.

Edgard Haider ist Historiker und ist ein echter Kenner seiner Stadt. Und das spürt man auf jeder Seite, jedem Absatz, jeder Zeile dieses Buches. Bilder sind immer ein echter Hingucker, und Wien bietet ein Füllhorn an grandiosen Fotomotiven. Dem Autor obliegt es nun diese Bilder mit Wissen anzureichern. Mission erfüllt. Selbst wer schon öfter in Wien war und meint sich auszukennen, wird nach einigem Umblättern immer wieder feststellen, dass er überrascht werden kann. Nur wenige können mit dem „O5“-Zeichen am Stephansdom den aktiven Widerstand gegen die Nazis in Verbindung bringen.

Wer auch nur ein bisschen in diesem Band herumblättert – ohnehin wird es nicht dabei bleiben, man beginnt ganz automatisch die Zeilen aufzusaugen – fühlt sich wie bei einem Rundflug über die Stadt. Farbenprächtig wird es nicht erst mit der Renaissance und der folgenden Reformation. Allein schon der Abschnitt über den „lieben Augustin“ sorgt einmal mehr für einen Aha-das-kenne-ich-doch-aber-die-geschichte-dahinter-kenne-ich-nicht-Ausruf.

Die Entstehung der Ringstraße ist nicht minder prunk- und schwungvoll wie der Wiederaufbau nach den braunen Jahren. Architektonische Aufmerksamkeiten wie der Karl-Marx-Hof oder der Wohnpark Alterlaa gehören zu Wien und diesem Buch wie die historischen Aufnahmen der Dreharbeiten zu „Der dritte Mann“ und das Mahnmal an die ermordeten Juden am Judenplatz.

Der einfach gehaltene Titel „Wien – 2000 Jahre Geschichte“ hält im Inneren viel mehr parat als man es erwarten darf. Die Texte sind für jedermann ein Zugewinn, wenn man einige Zeit hier verbringen will.

Kinder der Bucht

Das Paradies kann man sehen, kann es vielleicht sogar hören. Es zu erleben wird schon schwieriger. Die Bucht von Longo Maï ist das Paradies. Zumindest für die wenigen Bewohner. Im Sommer tummeln sich hier noch Besucher und genießen erholsame Stunden und Tage am Meer. Für Ordnung sorgt die Zollstation. Klingt komisch, ist aber so…

Nine und Coco sind echte Paradiesianer – Paradeiser sind sie nicht! Sie sind hier aufgewachsen. Und entdecken jeden Tag aufs Neue das Paradies. Hoch oben auf den Felsen hat man den besten Überblick. Doch Nine ist das nicht mehr genug. Zuviel des Guten ist ihr einfach zu wenig. Da draußen muss es noch mehr geben. Die Enge der Freiheit erstickt sie und ihren Tatendrang. Ausgerechnet jetzt! Nine bricht auf und aus. Ohne Au revoir. Einfach so!

Und dann passiert das, womit niemand im Paradies rechnen kann. Eine Katastrophe – keine Angst: Der Himmel bricht nicht über der Kommune zusammen. Nur vielleicht sinnbildlich. Bei all der Freiheit, die alle hier ungehindert genießen können, herrschen nun auf einmal nicht gekannte Regeln. Der lose Haufen muss wie ein Räderwerk funktionieren. Und allen wird schlagartig klar, dass sie mit dem Schrecken davonkommen können, wenn die Gemeinschaft auch wirklich als solche agiert.

Rémi Baille legt mit „Kinder der Bucht“ einen Debütroman vor, der auch die Jury vom Prix Mare Nostrum überzeugte. Zu Recht!

Hier wird keine neue Form des Zusammenlebens erprobt. Kein neuer Herrscher regiert mit blinder Wut. Hier ist die Kommune selbstverständliches Lebensmittel im wahrsten Sinne des Wortes. Unter freiem Himmel die Wahl der Mittel zu haben, um das Leben leben zu können. Risse sind da. Man springt wie selbstverständlich über sie hinweg. Erst als sich Krater bilden, zwingt man sich Maßnahmen zu ergreifen. Es sind nur reichlich einhundertfünfzig Seiten. Die jedoch reichen allemal aus, um das Paradies zu erlesen, manchmal sogar selbst zu erleben. Wie leichte Wellen, die auf den flachen Strand zurollen, schlagen hier nicht die Wogen hoch. Die ruhige, besänftigende Sprache erlaubt keine Aufregung. Selbst als Nine den Ort verlässt, und ihr Verschwinden erst später bemerkt wird, droht das Paradies nicht auseinanderzubrechen.

Es sind solche kleinen, feinen Bücher, die einen Lesesommer erst zum echten Lesesommer machen. Wäre das Paradies ein Wochentag, dann ist „Kinder der Bucht“ ein Sonntagsbuch.

Kosmo

Wissenschaftliche Berichte sind in ihrer Natur nüchtern und sachlich verfasst. Sie wie einen Roman zu lesen, ist sehr mühsam, wenig ratsam und deswegen ab und an irgendwie auch enttäuschend. Und langatmig.

Chave hat so einen Bericht verfasst. Sie weiß, dass er durchaus Längen enthält. Das war ihr aber egal. Denn das, was sie zu berichten weiß (also in einem Bericht verfasst und nicht beabsichtigt als Roman zu veröffentlichen), ist derart verworren, seltsam und lässt sie hier und da in Weltenabdriften, die sie bisher nicht kannte. „Kosmo“, das Insekt auf dem Cover – das muss ein wissenschaftlicher Roman über … nee, nee, nee – so fangen wir gar nicht erst an.

Kosmo ist eine Stadt im Süden. Im Süden Griechenlands. Und Chave arbeitet für ein Institut (bzw. sie arbeitete, denn zu ihrem Bericht reicht sie zusätzlich auch noch ihre Kündigung ein). Ein Institut für enzyklopädische Erinnerungsuniversen. Sie sortiert menschliche Gedanken- und Gefühlshaushalte. Wow! Das muss man erstmal sacken lassen.

Nun hat sie einen besonders kniffligen Fall auf dem Tisch. Denn die Urheberin einer Audiodatei, ein Fitzelchen Leben, Erinnerung ist mit einem Mal nicht mehr auffindbar. Chave muss aber ihre Arbeit machen. Und … reist ins Jahr 2048. Nach … Kosmo. Wäre das auch geklärt. Es hat nichts mit Luftfahrt oder dergleichen zu tun und schon gar nichts mit Insekten. Oder doch?! „Kosmo“ ist also ein absurder (im besten Wortsinne) Science-fiction-Roman, der im Stile einer wissenschaftlichen Abhandlung geschrieben ist. Eine Mixtur, die einzigartig ist. Und die anfangs etwas schwerfällig nur den wahrhaft Interessierten anspricht. Denn zunächst muss die Szenerie, die Vorgehensweise dargestellt werden.

Sobald die eigentliche Reise – ins Jahr 2048 – beginnt, wird es aber schlagartig spannend. Nichts ist wie es scheint. Und wie auf einem schlechten (oder guten – je nachdem) Trip wird Chaves Welt gehörig durcheinander gewirbelt. Das muss man allerdings selbst erlesen. Nur so viel: Wer auf Monster oder ähnliche Gestalten hofft, braucht viel Phantasie, um sie zu erkennen. Es gibt sie. Aber nicht im eigentlichen Sinne wie in Abenteuerfilmen der Sechsziger- und Siebzigerjahre, in denen der muskelbepackte Held gegen übergroße Kreaturen kämpft.

Isabella Breier gelingt es spielerisch den Leser unnachgiebig in eine Welt zu ziehen, die bisher niemand erforscht hat. Traumwelten, utopische Szenarien, die auf einmal gar nicht mehr so utopisch klingen und das alles in einer Sprachvielfalt, die ihresgleichen sucht.