Kann man das noch als Leben bezeichnen?! Keinerlei Anhaltspunkt – im wortwörtlichen wie im sinnbildlichen Kontext. Zeit? Gibt es nicht. Der Horizont? Ein Fremdwort. Von Hoffnung ganz zu schweigen. Es sind insgesamt vierzig Frauen, die in einem Keller ihr Leben fristen. Eine, die Jüngste, fühlt sich nicht so recht zugehörig zu der Leidensgemeinschaft. Viele Jahre – sofern man dies messen kann – hausen die Frauen hier. Warum? Ein Rätsel. Die Wärter – allesamt Männer – sind gefühlsbefreite Aufseher, die jeden Regelverstoß mit einem Peitschknall abwenden. Physische Gewalt gibt es nicht. Doch die pure Drohung reicht aus. Augen auf des nachts – Peitschenknall. Berührungen – Peitschenknall. Hier unten ist NICHTS. Gar nichts.
Dorothee, Rosette, Thea, Germaine, Francine, Marie-Jeanne – Namen gibt es noch. Nur die Jüngste, die Chronistin der Einsamkeit, hat keinen Namen. Sie kann sich nicht an ein Leben draußen erinnern. Sie ist zu jung. Gerade mal eine Frau geworden. Nach und nach beginnt sie die Menschen um sich herum wahrzunehmen. Den jungen Wärter, die Frauen, die ihr mit Zuneigung entgegentreten. Sie beginnt zu zählen. Die Anderen haben es ihr beigebracht. Sie hört von Dingen, die sie nie erlebt hat, nie erleben wird. Die Verzweiflung ist schon längst dem Fatalismus erlegen. Es ist ihr aller Schicksal hier unten bis zum Ende zu bleiben.
Doch dann geschieht Unerhofftes. Die Gittertore bleiben offen. Die Wärter sind allesamt verschwunden. Die Zwangsgemeinschaft der Hoffnungslosen entwickelt eine Eigendynamik. Statt eine Anführerin zu wählen, raufen sich alle zusammen. Der Gemeinschaftsdrang überwiegt Führungsambitionen. Wären das alles Männer gewesen …
Die Erzählerin kann mittlerweile auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen, den ihr die anderen Frauen angedeihen ließen. Unmerklich blüht hier eine Blume heran, die Wurzeln schlagen kann, die aber nicht durch ihr Antlitz Bewunderung ernten muss. Sie ist sich selbst nahe, während die Gemeinschaft der vierzig Frauen durch den Lauf der Zeit an Mitgliederschwund leidet. Schon bald – nach Jahren – ist sie, die die Männer nicht kannte, allein. Ihr obliegt es die Frauen zu begraben. Die Freiheit Sonne, Himmel, Horizont zu erkennen, hart mehr Schattenseiten als angenommen. Sie ist immer noch allein. Allein im Sinne von niemandem an ihrer Seite. Sie ist sich selbst genug. Sie klagt nicht. Wünsche und Sehnsüchte hat sie nicht, sie hat nie gelernt diese zu entwickeln.
Jacqueline Harpman hat mit „Ich, die ich Männer nicht kannte“ einen Roman geschrieben, der in der feministischen Literatur eine Sonderstellung einnimmt. Dauerhafte Empathie, komplett fehlende Rachegelüste, Sinnsuche – die Liste der Schlagworte könnte sich unendlich fortsetzen lassen. Doch weder das eine noch das andere Wort würde dem Gesamtkunstwerk nur annähernd gerecht werden. Es sind die Zwischentöne, das, was fehlt (also nicht so offensichtlich ist), die diesen Roman in einem hellen Licht erstrahlen lassen.
