Garibaldi

Biographien sind oft faktenüberladen, manchmal wünschte man sich mehr Vorkenntnisse oder einen einfacheren Zugang. Interesse natürlich stets vorausgesetzt. Friederike Hausmann holt schon im ersten Satz den Leser da ab, wo eine Italienreise beginnen sollte: Glücklich, dass das gelato noch im cornetto ist und nicht über die kürzlich erstandene neue Hose verteilt wurde, ist man verlassen. Vor lauter Schlecken hat man sich verlaufen. Es gibt einen Trick, um auf den richtigen Pfad zurückzukehren, der in so ziemlich jedem Ort in Italien funktioniert. Nach der Piazza oder Via Garibaldi fragen. Meist ist es die größte Straße, die ins Zentrum führt oder es ist ein Platz an ebendieser Stelle. Und von da aus findet sich immer der richtige Weg.

Klingt fast schon wie ein Sinnbild für den Namen Garibaldi. Er hat Mitte des 19. Jahrhunderts Italien geeint. Das ist die Kurzfassung – das reicht an Vorkenntnissen für dieses Buch allemal. Buschiger Bart, Pferd und ein Säbel – so kennt man ihn, so wird er nur allzu gern und überall dargestellt. In italienischen Schulen werden Schüler über alle Jahrgangsstufen mit seinen Taten teils gequält. So in der DDR fast jeden Schritt des Kommunistenführers Ernst Thälmann kannte. Und nach der Schule auch ganz schnell wieder vergaß.

Aber hat Giuseppe Garibaldi wirklich Italien geeint? Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es unzählige Fürstentümer, Königreiche, Stadtstaaten etc. Jeder kochte sein eigenes Süppchen. Dann kam dieser Haudegen – wie auch im wundervollen „Der Leopard“ beschrieben und nicht minder exzellent verfilmt. Ihm schloss man sich an, weil es um “eine gute Sache ging“. Und man kämpfen konnte, sich erheben konnte. Doch wie mit jeder Legende gibt es auch bei Garibaldi dunkle Flecken. Sein Kampf gegen die Monarchie war nicht dauerhaft. Könige und Volk waren ihm gleichermaßen bekannt. Er schoss auf Bauern bzw. ließ auf sie schießen, wie auf Blaublüter. Doch er brauchte die einfachen Leute ebenso wie den Adel. Strategisch ging er Risiken ein, oft ging es gut. Aber auch so manches Mal gehörig in die Hose. Man konnte ihm blindlings trauen. Aber noch besser hielt man ihn unter Kontrolle.

Friederike Hausmann gelingt das seltene Kunststück umfassend über den Nationalhelden zu berichten und dabei keinen einzigen Sachverhalt, der ihn antrieb außeracht zu lassen. Und dass alles in einem Stil, der es dem Leser schwer macht auf nur eine Minute das Buch beiseite zu legen. Ein echter Thriller mit einem nicht ganz so glorreichen Ausgang. Aber das ist allein dem Helden zuzuschreiben. Und so ganz nebenbei lernt man dabei auch noch andere Persönlichkeiten, die einem beim Verlaufen wieder auf den richtigen Pfad bringen. Schon mal die Via Cavour gesucht?