Dass er etwas Besonderes ist, weiß Jēkabs irgendwie, tief in seinem Inneren. Und dann auch wieder nicht. Doch er versucht immer Besonderes zu tun bzw. alles, was er tut besonders gut zu tun. Seine Eltern sind blind. Und er kann im Dunkeln sehen. Das hört er zum ersten Mal bei einer Familienfeier. Da ist er aber schon so sehr in seiner Rolle als etwas Besonderes, dass er es als ganz normale Bestätigung wahrnimmt.
Die Familie lebt anfangs in einer sehr beengten Wohnung. Ein Wohnheim. Mit Gemeinschaftsküche. Mit Gemeinschaftstoilette. Mit Gemeinschaftsduschen, im Keller. Jēkabs liebt die Natur. Hier kann er herumtollen, sich austoben. Und er könnte auch mal seine Pflichten vergessen. Tut er aber nicht. Selbst beim Blaubeerenpflücken hastet er von Strauch zu Strauch und vergisst dabei fast, dass es seine Lieblingsbeeren sind, die er sich auch gern mal händeweise in den Mund stopfen darf. Selbst wenn er hinterher Bauchschmerzen bekommt.
Die Zeit vergeht. Jēkabs ist immer der gute Sohn, das Wunschkind seiner Mutter. Nichts wünschte sie sich mehr als ein Kind. Als von Geburt an Blinde ist ihr Sohn ein Privileg. Eines, das man achtet und hegt und pflegt. Doch die Jahre vergehen unweigerlich und Jēkabs wird nach und nach erwachsen. Vorbei die sorgenfreie Zeit, in der er die frisch gewaschene Wäsche auf dem Trockenplatz als Heimat wahrnimmt. Vorbei die Zeit, in der er der stets umsorgende Sohn war. Er wird sich emanzipieren müssen. Das wird schwer!
Vor allem für seien Mutter. Ihr geht es nicht so sehr darum ihrer Sorger zu verlieren. Es geht vielmehr um den Verlust im Allgemeinen. Und darum, dass sie ihn, das Wunschkind, nicht mehr so oft sieht wie zuvor. Und in Jēkabs nagt mehr und mehr das schlechte Gewissen. Kann, darf er seine Eltern verlassen?
Rasa Bugavičute-Pēce fühlt sich in einen Jungen hinein, der in eine besondere Situation geboren wurde. Schon früh muss er Erwachsenenaufgaben übernehmen. Für ihn normal. Die Sticheleien der Anderen wehrt er wie ein Mann ab. Manchmal denkt er sich, ob man ihm denn nicht schon früher mal etwas sagen konnte, der er etwas Besonderes ist oder in eine besondere Situation, eine besondere Familie hineingeboren wurde. Doch was hätte das geändert? Vertragsauflösung? Nein, nein, Jēkabs fügt sich ohne sich klein zu machen. Doch das Schicksal hat mehr mit ihm vor…
„Der Junge, der im Dunkeln sah“ ist eine Offenbarung! Weil es der Autorin gelingt mit zart gewobenen Sätzen eine Stärke erfordernde Realität zu meistern. Mit all ihren Ecken, Kanten, Wendungen aber auch mit all dem Glück eine Familie zu haben.
