Der Horizont der Nacht

Durch Bari zu streifen und sich nicht ablenken zu lassen von all der Pracht in den Auslagen, der Brise, die vom Meer herrührt, in den engen Straßen nicht dem Zauber der Architektur zu erliegen – schwierig. Für Avvocado Guido Guerreri ist Bari die Stadt, in der er lebt. In der er arbeitet. Die ihm so viel gibt und auch viel genommen hat. Ein Freund bittet ihn um einen Gefallen. Er solle zuhören, was Elvira Castell zu berichten hat. Treffpunkt ist die Buchhandlung, die nur nachts geöffnet hat. Ein Trick des Besitzers der Schlaflosigkeit ein Schnippchen zu schlagen. Elvira Castell hat Giovanni Petacci ermordet. Das steht so fest wie das Amen in der Kirche. Pistole – Schuss – Blut – Tod. So einfach ist das! Jetzt gilt es die gesamte Gnade des Gesetzes angedeihen zu lassen. Denn: Elvira Castell wollte eigentlich mit Petacci reden, ihn aus der Wohnung (die mittlerweile ihr gehört) zu schmeißen. Das hat einen ganz bestimmten Grund. Bis vor kurzer zeit gehörte die Wohnung Elena. Elena Castell, Elviras Zwillingsschwester. Sie nahm sich das Leben. Mit verdammt großer Wahrscheinlichkeit wegen Petacci. Ein unangenehmer Zeitgenosse, der mit Tricks und fiesen Spielchen sich durchs Leben mogelte. Gewalt in jeglicher Form war ihm als Mittel recht. Nun ja, es kam wie es kommen musste…

Als Anwalt muss er Elvira raten sich zu stellen. Denn nur so kann Recht gesprochen werden und hoffentlich der Gerechtigkeit genüge getan werden. Und die bald schon Angeklagte kann sich keinen besseren Rechtsvertrter wünschen als Avvocado Guido Guerrini. Ein versierter Anwalt, der mit allen Wassern gewaschen ist ohne dabei Rechtsbeugung zu begehen. Das Problem ist nur: Er ist mitten in einer fetten Lebenskrise! Seine Frau hat ihn schon vor Jahren verlassen, seine Freundin soeben erst. Und die Moral seines Berufsstandes gibt ihm immer häufiger zu denken. Seine Klienten sowieso. Der Sinn des Lebens bzw. die Sinnsuche danach rückt ihm immer öfter in den Fokus. Er sucht Rat bei Freunden, bei Psychologen. Die Antworten sind nicht universell, eher Ausgangspunkte für eigene Erkenntnisse. Und dann sind da noch immer wieder neue Indizien, die den Fall der Elvira Castell in scheinbar immer neues Licht tauchen. Hoffnungsschimmer oder Blendgranaten, deren Ursprung er nicht erkennen kann oder soll?

Sinnsuche oder Justizskandal? Nein, das ist hier nicht die Frage! Gianrico Carofiglio taucht seinen Protagonisten immer wieder tief in die eigenen Untiefen. Der Blick wird nicht selten klarer. Doch was diese Erkenntnisse bedeuten – das erforscht er zusammen mit dem Leser. Im Nu ist man in einer Sinnsuche gefangen, die ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit viele Antworten gibt. Mann (Guerrini) muss sie nur als solche erkennen. Wieder einmal beweist Gianrico Carofiglio sein Gespür für verzwickte Lebenssituationen, die ausweglos erscheinen und trotzdem viel Licht ins Dunkel bringen.