Ganz oberflächlich betrachtet ist Haïti verloren. Jede Meldung – und die sind selten – eine Schreckensnachricht. Erdbeben, Unruhen, Plünderungen, Anarchie und Chaos. Und die letzte Meldung: Die haïtianische Fußballmannschaft darf nicht ins WM-Gastgeberland USA einreisen, um dort seine Vorrundenspiel zu absolvieren. Was aber am Austragungsort bzw. –land liegt. Vereinzelt sind manchem noch die Diktatoren Papa und Baby Doc bekannt. Die Duvaliers haben ein Land hinterlassen, dass von banden dominiert wird und seitdem von Katastrophe zu Katastrophe schlittert. Die einzige Konstante im Karibikstaat.
Das sind die Vorurteile, die zum einem großen Prozentsatz sicher auch stimmen. Andererseits herrscht hier eine literarische Vielfalt und Beständigkeit, die dem Chaos und der Angst derart widerstandsfähig entgegenstehen, dass man es kaum glauben kann. Man kann es ruhig glauben! „Das Lachen Haïtis“ ist der schwungvolle Beweis. Und hier, im Inselstaat Haïti ist eine eigene Literaturform entstanden. Lodyans. Witz, Märchen, Sozialkritik und Geschichtsrückbesinnung sind die Charakteriegenschaften dieser kurzen, bissigen, spritzigen, lebensbejahenden Literaturform, die in Haïti zur Kunstform reift.
Georges Anglade war unter anderem am Demokratisierungsprozess der Insel beteiligt, nach die Duvaliers aus dem Land getrieben wurden. Später, während der zweiten (von Drei) Amtszeiten von Jean-Bertrand Aristide Minister für öffentliche Aufgaben, unter dem Nachfolger René Préval besonderer Berater. Doch seiner Leidenschaft, den lodyans gab er schlussendlich den Vorzug. Beim verheerenden Erdbeben 2010 kamen er und seine Frau um Leben.
Der Untertitel „Neunzig Miniaturen“ ist nüchtern betrachtet eine Sammlung von neunzig kurzen Geschichten, die sich leicht lesen lassen. Bei genauerem Hinsehen – Lesen! – sind es tiefe Einblicke in die Seele eines Landes, das auf dieser Seite der Erde voller Vorurteile steckt, die es schwer haben beseitigt zu werden. Natürlich spielen Voodoo, Aberglaube und Hellseherei eine bedeutende Rolle. Sie sind elementarer Bestandteil der Kultur der Insel wie Fußball in England oder spätes Abendessen in Spanien. Sie wirken aber keinesfalls effekthascherisch und gezielt eingesetzt, um den Leser bei Laune zu halten. Sie sind so normal in die Geschichten eingebunden, dass man auch ohne Glauben daran, den Nichtglauben daran verliert.
Diese über dreihundert Seiten tun mehr für das Verständnis für die Insel als so manches Lippenbekenntnis oder Wehklagen der Politiker des isolierten Landes. Eine Reise ins Herz Haïtis. Mit allen Wendungen und Ecken und Kanten, die eine Reise nun mal hat.
