Der Anruf, der jeden Sonntag pünktlich kommt, kommt dieses Mal nicht. Besorgniserregend. Anhaltende Zweifel. Doch dann der „erlösende“ Anruf. Mutter ist im Krankenhaus. So kurz und trocken, so nüchtern, so beklemmend fremd.
Der Erzählerin rutscht das Herz in die Hose. Und hüpft im gleichen Augenblick auch wieder hinauf. Denn zum Einen weiß sie endlich, was mit ihrer Mutter ist. Zum Anderen ist so ein Anruf niemals schön. Und es kommt noch … überraschender.
Denn Mutter hatte ein geheimes Doppelleben. Deswegen immer sonntags die Anrufe, zur gleichen Zeit. Da hat sich die Frau Mama Zeit freigeschaufelt, um ungestört mit ihrer Tochter telefonieren zu können. Auch diese Medaille hat zwei Seiten. Alles begann kurz nach dem Krieg. Die Mutter stammt aus gutem Haus, wie man so schöne sagt. Vertreibung, die Männer im Krieg bzw. in Gefangenschaft – die Familie musste sich durchschlagen. Oft egal wie. Onkelehen waren für einige die erste Wahl.
Wie in einem Rausch verfolgt die Erzählerin das andere Leben ihrer Mutter. Voller Neugier trifft sie die andere Familie. Die sind … na ja, die Anderen. Einige sind abstoßend, einige richtig nett und fürsorglich. So wie es nun mal ist, im richtigen Leben. Sie wieder sehen? Niemals! Mit ihnen vertraut sein? Im Leben nicht! Und trotzdem.
Karin Klemm braucht nur wenige Zeilen die Beklommenheit dieser überraschenden Erkenntnis darzustellen. Ausbrechen, Wut, Empathie oder doch bedingungsloses Verständnis? Der emotionale Vulkanausbruch und der damit verbundene Ascheregen aus Fremde und Vertrautheit vernebeln der Erzählerin nicht die Sicht. Ganz im Gegenteil: Der Kampf gegen die dichten Wolken öffnet so manche Schleuse.
