Bergvögel

Klingt alles ziemlich vertraut, doch – so viel sei schon mal verraten – es ist alles ganz anders! Zwanziger Jahre. Schweizer Alpen. Sanatorium. Ja, da kommt einem schon der „Zauberberg“ in den Sinn. Doch damit hat es sich auch mit den Gemeinsamkeiten. Denn Zofia Nałkowska kannte das Meisterwerk aus Deutschland nicht. Es war zwar schon erschienen, aber nicht auf Polnisch. Und sie sprach nicht genug Deutsch, um es im Original lesen zu können. Und bei ihr steht auch nicht das Zwischenmenschliche so prägend im Vordergrund. Die hier Versammelten sind allesamt mit ihren Köpfen noch im Weltkrieg, der bis vor ein paar Jahren ihr Leben bestimmte, teils zerstörte. Zofia Nałkowska verbrachte Februar bis April 1925 mit ihrem Ehemann eine erholsame und vor allem wohl nachhaltige Zeit in Leysin in der Schweiz. Dieser lässt sich nur spärlich im namenlosen Ort des Romans erkennen. Das aber nur als Randnotiz, denn es ist unerheblich für den Genuss dieses Buches.

Die Bergvögel, Choucas, kreisen in den luftigen Höhen der Schweiz. Und mit ihnen das neue Jahr, neue Hoffnung, Aufbruch. Es ist eine kleine elitäre Gruppe von Menschen. Sie stammen aus Armenien, England, Russland, Italien, Spanien, Rumänien und Deutschland. Eine wahre EU, die in den über vierzig Kapiteln sich näherkommen, verzweifeln, lachen, tanzen, leiden. Jedes Kapitel eine Geschichte für sich. Diese Kurzgeschichten werden durch den losen Faden des Handlungsortes zu einem festen Seil verwoben, das sich wie ein Kargen um das Lesehirn schlingt und niemanden mehr loslässt.

In Polen ist Zofia Nałkowska bekannt. Mehr jedoch für ihre Romane, „Bergvögel“ ist auch hier relativ wenig bekannt.

Es sind die leisen Töne, die zarten Bande, die hier Verbindungen schaffen, die in der „großen Politik“ heute wie damals undenkbar sind. Das Massaker an den Armeniern in der Türkei wird derart detailliert beschrieben, dass man doch mal absetzen muss. Der zu Ende gegangene Krieg hat noch keine Ordnungszahl. Man liest sich schnell in einen Rausch, das Flattern der schwarzen Vögel mit den roten Beinen und den gelben Schnäbeln ist Hintergrundmusik, die den Takt vorgibt. Seite für Seite erheben sich die mächtigen Gipfel der Schweizer Alpen. Das Geschirr im Speisesaal klappert vornehm. Selbst die Sonne scheint zwischen den Seiten hervorzuluken.

Anders als bei Thomas Mann ist „Bergvögel“ um einiges kürzer. Auch die Sätze und die Kapitel ziehen sich nicht ewig dahin. „Bergvögel“ ist einer der Romane, die man nicht auf den ersten Blick für sich auswählt. Hat man aber die ersten Seiten gelesen, entsteht eine starke Liebe. So muss das sein!