Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Mailand – Eine literarische Einladung

Mailand - Eine literarische Einladung

Eine Stadt in Worte fassen? Wie soll das gehen? Noch dazu eine Metropole, die einzige Metropole Italiens, wie Herausgeber Henning Klüver meint. Schwierig, schwierig. Sollte man meinen! Denn oft beliebt es doch bei einem „wunderbar, schön, beeindruckend“. Beim Wagenbach-Verlag schlägt man da einfach einen Salto (so nennt sich die Buchreihe mit Büchern, die diesem Vorurteil beeindruckend – da ist es wieder! – entgegenstellen) und beweist auf 144 Seiten das Gegenteil. Knallrot, nicht vor Scham, sondern aus Gründen der Aufmerksamkeit, marktschreien die Autoren der Stadt dem Leser ihre Sichtweise auf ihr Milano um die Augen. Ein Fest für die Phantasie, eine Lehrstunde für Besucher, der Beweis, dass man Städte sehr wohl in lose Korsett der Wörter fassen kann.

Wurde in der Geschichte noch blumig von Mailand geredet, so sind es Dichter wie Dario Fo, immerhin Literatur-Nobelpreisträger, die mit Anekdoten ihrer Stadt ein Denkmal setzen. Er war Teil einer Gruppe, die Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Stadt narrten, in dem sie das Gerücht in die Welt setzten Picasso würde nach Mailand kommen. Doch der kam nicht, hatte das auch gar nicht vor. Kurzerhand wurde ein Double engagiert. Helle Aufregung allenthalben. Selbst die Polizei, die die Menschenansammlung auflösen will, gerät in Verzückung als sie vom bevorstehenden Ereignis hört…

Natürlich ist Mailand eine Stadt, die man gesehen haben muss. Auch, weil sie eine Stadt für Flaneure ist. Der, der das behauptet ist Maurizio Cucchi, Mailänder Autor. Er meint, dass sich die Stadt niemandem aufdrängt. Und doch immer präsent ist. Wem sie nicht gefällt, kann das ja gern so halten. Kritik wird hier eh mit einem Schulterzucken hingenommen. Mehr Reaktion sollte man nicht erwarten.

Die in diesem Buch versammelten Autoren vermeiden es wohlwollend die Hotspots der Stadt in den Himmel zu loben. Kommen auch sie nicht ohne Dom und Scala aus, so doch eher im Unterbewusstsein. Das macht wahrscheinlich auch den Charme der Stadt aus: Sie gräbt sich ohne Wunden zu hinterlassen ins Gedächtnis ein. Wie ein Roman, der unauffällig Seite für Seite verschlungen wird, und am Ende wundert man sich, dass man ihn schon ausgelesen hat. Die „Literarische Einladung Mailand“ sollte man nicht ausschlagen. Denn sie ist eine Einladung zum Bummeln, Lernen, Staunen, eine Reisevorbereitung auf höchstem Niveau, Sehnsuchtsauslöser, Träumerei, unterhaltsamer Wegbereiter und –begleiter und ein Erreger persönlichen Jagdtriebes.

Neuseeland live

Neuseeland live

Auf der Liste der beliebtesten Fern- und sogar Auswandererziele landet garantiert immer ein Land: Neuseeland. In der Mitte getrennt durch wildes Wasser, und doch nur im Doppelpack das volle Erlebnis. Schon die Anreise erfüllt alle Merkmale eines Tagesausfluges. Und wenn man endlich am anderen Ende der Welt gelandet ist, will man so viel wie möglich erleben. Wer weiß, wann man mal wieder hierher kommt?! Für die meisten ein einmaliger Urlaub. Und dafür braucht man einen einmaligen Reiseband. Am besten einen, der den Kauf von weiterer Literatur überflüssig macht. Oft durchstöbern Neuseelandreisende schon Monate vorher die Bücherregale und decken sich ein mit entsprechenden Büchern, um ja nichts zu verpassen: Bildbände, Reisebände, Kartenmaterial, Reiseberichte. Nicht nur, dass sich dann im wahrsten Sinne die Balken biegen – die des Bücherregals – sondern auch der Berg an Seiten und Information lassen die Vorfreude etwas verfliegen.

Und dabei ist es doch so einfach. Ein Buch reicht! Dieses Buch. Reichlich vierhundert Seiten, über fünfhundert Bilder, und – das ist der Clou – das Ganze reisegepäckfreundlich auch in digitaler Form. Denn das ComboBook „Neuseeland live“ wird mit eine 8GB MicroSD-Karte angeboten, die den Zugriff auf alles aus dem Buch erlaubt. Als Zusatz gibt es im Buch keine Landkarte zum Herausnehmen, sondern ein Handbuch. Die digitalisierten Infos laufen auf dem PC/Notebook, Android- und iOS-Geräten, existieren als Hörbuch, E-Book und bieten umfangreiches Navigationsmaterial. Und natürlich auch als gedrucktes Buch. Die mitgelieferten SD-und USB-Adapter lassen mögliche Schwierigkeiten ins Reich der Phantasie verschwinden.

Kleiner Tipp: Beginnen Sie mit den Videodateien. Überwältigende Filmaufnahmen in nicht minder exzellenter Auflösung lassen das Herz höherschlagen. Wäre die Landschaft nicht so eindrucksvoll, könnte man fast zu dem Entschluss kommen, dass man gar nicht mehr nach Neuseeland reisen muss…

Neuseeland ist ein Land, das sich sehr gut auf eigene Faust bzw. auf eigenen Füßen erkunden lässt. Ob man nun beispielsweise den Abel Tasman Coast Track sich vorher als pdf-Datei mit Kartenmaterial und zahlreichen Bildern im Vorfeld anschaut, sich mit dem Hörbuch in Urlaubsstimmung versetzen lässt oder das Video wieder und wieder anschaut, die Begeisterung – in erster Linie für die richtige Wahl des Urlaubsgebietes, aber auch für dieses Buch, Hörbuch, E-Book, … – wird nicht nachlassen. Schon seit Jahren versuchen immer wieder Verlage das digitale Segment zu erobern. Nun sind Navigationshilfen, E-Books etc. nichts Neues. Aber die geballte Kraft eines All-in-all-inclusive-Paketes beeindruckt schon lange vor der Abreise. Und die Anreise nach Neuseeland erlaubt das ganze Buch noch einmal zu durchforsten, die Videos noch einmal zu genießen und sich mit dem Hörbuch die volle Dröhnung Neuseeland zu geben. Ein Überraschungsei hat nur drei Dinge auf einmal, „Neuseeland live“ ein unendliche Zahl an Möglichkeiten.

Sri Lanka

Sri Lanka-Iwanowski

Ein Land, dessen Name aus zwei Worten besteht – gibt’s nicht oft. Und in Asien noch weniger. In den vergangenen Jahrzehnten ist hier ein Industriesektor erwacht, vergrößert und zum Exportschlager Nummer Eins geworden wie kaum anderswo auf der Welt: Der Tourismus. Von all inclusive über liegende Buddha-Stauten und Elefantenreiten bis hin zum erholsamen Badeurlaub bietet das ehemalige Ceylon alles, wonach dem fernwehgeplagten Herzen dürstet. Doch welche frevelhaftes Verhalten, wenn man Sri Lanka nur auf der faulen Haut genießt?!

Autor Stefan Blank macht seinem Namen alle Ehre und entblättert die geheimnisvolle Insel zu Füßen des indischen Subkontinents bis auf die Knochen. Soll heißen, das Wort Geheimnis hat im Zusammenhang mit Sri Lanka nur noch nostalgischen Wert.

Eine Insel wie Sri Lanka will erobert werden. An allen Ecken gibt es für Südostasien-Neulinge an jeder Ecke was zu entdecken. Fremde Gerüche, exotische Speisen, fremde Kleidung (obwohl auch hier schon die typischen Souvenirstände mit Trikots von Real Madrid bis Bayern München locken) und unendlich schönes Wetter lassen den unweigerlich näher rückenden Heimflug in weiter Ferne erscheinen. Doch was tun? Wo anfangen mit der Entdeckermission? Bereits zum neunten Mal wurde der Reiseband Sri Lanka aus dem Hause Iwanowski nun überarbeitet. Zum zehnten Mal kann sich jeder, der Sri Lanka bisher nur als weißen Fleck auf der Landkarte gesehen hat, sondern sich vor Ort ein eigenes Bild der Zauberinsel machen möchte, auf über vierhundert Seiten schlau machen, was er in ein, zwei oder vielleicht sogar drei Wochen erleben kann. Auf eigene Faust, ohne vorgefertigte Route.

Dazu gehört natürlich auch der ausführliche Einstieg in die Geschichte der Insel. So gut vorbereitet können die Erkundungstouren nun starten. Die meisten zieht es erstmal in die Hauptstadt Colombo. Wie der fast gleichnamige Lieutenant vom LA-Police department erforscht man am besten mit dem Autor zusammen die Großstadt an der Westküste. Bis vor dreieinhalb Jahrzehnten war sie sogar die Hauptstadt. Doch der Titel ging 1982 an Sri Jayewardenepura. Colombo ist aber immer noch die dominierende Metropole. Das ist sicher eine der ersten Überraschungen, die man diesem Buch entnimmt. Von nun an sind alle Seiten voll gespickt mit Überraschungen, echten Tipps, die man sonst nur von Einheimischen bekommt, prall gefüllten Infokästen, die nur darauf warten „abgearbeitet zu werden“ und und und. Immer wieder werden die Ausführungen von exakten farbig abgesetzten Kästen unterbrochen, in denen man wie ein Schulanfänger an die Hand genommen wird, um sicher ans nächste Ziel zu kommen. Jetzt ein einziges Highlight des Buches, der Insel, des kommenden Urlaubs herauszuheben, wäre den anderen gegenüber unfair.

Deswegen ist es ratsam sich das Buch rechtzeitig vor Reiseantritt zu besorgen und Schritt für Schritt, Kapitel für Kapitel, Seite für Seite zu studieren. Garantiert: Noch nie war lernen und lesen so informativ und kurzweilig wie in diesem reisefiebersteigernden Reiseband. Alle, die Sri Lanka echt und unverfälscht in sich aufsaugen wollen, müssen einfach den direkten Weg über 432 Seiten nehmen.

Kronkels

Kronkels

Katzen sind wie Menschen. Sie sind mal nicht gut drauf, mal stromern sie herum ohne festes Ziel. Scheinbar! Als Katzeneltern hat man die gleichen Sorgen wie wenn man eigenen Nachwuchs aufs leben vorzubereiten hätte. Autor Simon Carmiggelt und seine Frau können Katzen nicht widerstehen. Und er, Simon, kann es einfach nicht lassen die schnurrigen Gesellen zu beobachten. Und, was für den Leser noch wichtiger ist: Alles aufzuschreiben! Selbst, wer keine Muschi, Pussy, Mieze oder wie auch immer man die Samtpfoten nun bezeichnen mag, sein eigen nennt, wird dieses Buch immer wieder gern zur Hand nehmen.

Soll man Tiere vermenschlichen? Nein! Doch wenn man sie beobachtet, also sie, die Tiere, kommt man unweigerlich auf den Trichter sie mit Menschen zu vergleichen. Hunger? Ab zum Futtertrog. Beim Menschen heißt der Kühlschrank. Ist man müde, legt man sich hin, streckt alles, was geht von sich und schlummert leise den Träumen entgegen. Was beim Menschen für keinerlei Aufsehen sorgt, ist bei Katzen immer ein Erlebnis. Glaubt man Simon Carmiggelt. Stress vor dem Theaterbesuch? Klar doch, immer wieder gern genommenes Thema. Doch bei Carmiggelt ist es nicht die Frau, die ewig im Bad braucht, noch einmal die Garderobe wechselt. Bei ihm sind es die Katzen. Da kann es schon mal zu Verzögerungen kommen, weil da draußen, vor dem Haus, noch ein Streuner „sein Unwesen treibt“, den man unbedingt aufnehmen muss. Und im Theater? Da sorgt man sich um die lieben Kleinen bzw. ums Haus. Katzen sind halt auch nur Menschen. Wie ihre Besitzer. Nur anders!

Und Hunde? Ebenso. Der Autor war kein Hundebesitzer, aber er mochte sie, beobachtete sie mit der gleichen Leidenschaft wie er seine Katzen mit den wachen Augen eines Neugierigen verfolgte. Und auf seinen Streifzügen durch Amsterdam, wo er bekannt war wie der sprichwörtliche „bunte Hund“, begegneten ihm einige besondere Exemplare: Störrische, Verschreckte, Liebevolle.

Allen Katzen und Hunden seiner Familie und seiner Stadt hat Simon Carmiggelt mit seinen Kolumnen ein Denkmal gesetzt. Und das tagtäglich. Die „Kronkels“ waren mehr als nur ein Spaltenfüller in einer Tageszeitung, manche Leser gingen so weit zu sagen, dass die Tageszeitung das Beiwerk der „Kronkels“ war. Die Geschichten sind nicht lang, doch stecken sie voller Überraschungen und sprudeln vor Wortwitz. Ein bisschen Tucholsky und ein bisschen Kästner. Garniert mit der Spritzigkeit und der Agilität eines wachen Verstandes – das sind die Kronkels von Simon Carmiggelt!

Schnee

Schnee

Ein Haiku ist eine besondere Gedichtform aus Japan, die in letzter Zeit auch immer mehr Anhänger (und auch Dichter) in Europa findet. Es besteht aus drei Versen und siebzehn Silben. Und diese Regeln sind wie in Stein gemeißelt. Da gibt es kein Vertun! Haikus sind also rational, weil sie eine unabdingbare mathematische Komponente haben und emotional, weil sie Gefühle ausdrücken. Was sind das also für Menschen, die Haikus schreiben?

Yuko ist so einer. Sein Vater ist Shinto-Priester. In seiner Familie waren alle männlichen Ahnen entweder Priester oder Krieger. Yuko schlägt ein bisschen aus der Art, er will Dichter werden. Eine brotlose Kunst, mehr ein Zeitvertreib, kein Beruf. Meint sein Vater.

Doch Yuko lässt sich nicht beirren. Vom Schnee fasziniert schreibt er in einem Sommer siebenundsiebzig Haikus. Ganz nüchtern betrachtet, sind das zweihunderteinunddreißig Verse und eintausenddreihundertundneun Silben. Würde Yuko das auch so sehen, hätte er auch Krieger werden können. Die Nüchternheit, die Reinheit des Schnees reicht ihm jedoch, um die schönsten Haikus zu schreiben. Sie sind so schön, dass sogar der kaiserliche Hof davon Wind bekommt. Yuko lehnt das Angebot ab an den Hof zu kommen und als Hofdichter seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Vielmehr wird er zu einem Meister geschickt. Denn so schön, so rein seine Haikus sind, so blass, durchsichtig und farbenfrei sind sie auch. Soseki ist blind, doch er sieht mit dem Herzen. Er ist der unumstrittene Meister der Haikus. Er nimmt Yuko bei sich auf. Lehrt ihm Farben mit geschlossenen Augen zu sehen. Doch Meister Soseki hat ein Geheimnis. Seine Frau starb vor Jahren bei einem Unfall. Sie war rein, weiß wie Schnee. Yukos ist fasziniert von der Frau, die er auf dem Weg zu Soseki schon einmal gesehen hat. Sie war Französin, blondes Haar, gletscherblaue Augen. Und sie war Seiltänzerin. Aus Lieb zu Soseki gab sie ihre Leidenschaft auf. Nur noch ein einziges Mal wollte sie zwischen zwei Gipfeln, hoch über dem Tal balancieren. Ein fataler Wunsch. Sie stürzte ab, ward nie mehr gesehen. Der Berg, der Schnee hatte sie in sich aufgenommen…

Maxencé Fermine gibt der Poesie einen Rahmen, der jeden, ob er nun Gedichte oder gar Haikus mag oder nicht, in seinen Bann zieht. Japans Kultur ist so fremd, dass viele von vornherein sich nur selten die Mühe machen sie kennenzulernen. Dieses elegante Büchlein – Form und Aufmachung bieten sich geradezu an es als Geschenk weiterzugeben – bringt die Kunst und die Leidenschaft für die spezielle Form der Versgestaltung auf den Punkt. Die Liebe zu Schnee, zu Worten, zur Poesie erreicht in diesem Buch ihren Höhepunkt. Wer’s nicht gelesen hat, wird Japan und Haikus nie verstehen!

Neun Nächte mit Violeta

Neun Nächte mit Violeta

Im Leben eines Autoren kommt irgendwann der Moment, in dem man die Hosen runterlassen muss. Der Moment, in dem er sich einem anderen Genre widmet. Für Leser eine spannende Sache: Reicht er weiterhin an die Qualität des bisher so geschätzten Werkes heran? Im Falle von Leonardo Paduras „Neun Nächte mit Violeta“ kann jedem Leser die Angst vor dem Horrorszenario Qualitätsverlust genommen werden. In diesem Buch sind dreizehn Kurzgeschichten zum ersten Mal auf Deutsch erschienen. Manche sind nur wenige Jahre alt, manche wurden vor einem Vierteljahrhundert geschrieben.

Die Einstiegsgeschichte handelt von einem Mann, einem Journalisten, der als Kubaner in Angola das Land gegen die südafrikanischen Aggressoren absichern soll. Er arbeitet mit der Feder in der Hand, nicht mit der Waffe, was ihn auf besondere Weise sympathisch macht. Er ist nicht ganz freiwillig hier. Und er steht unter Beobachtung, was er allerdings erst kurz vor seiner „Dienstzeit“ erfährt. Was ihn von Anderen abhebt, ist die Sehnsucht, sind die Träume, die er immer noch hat. In Madrid findet gerade eine Ausstellung mit Werken von Velázquez statt. Einmal die Bilder des berühmten Hofmalers sehen – das wäre ein Traum. Der auch gleich in Erfüllung gehen soll. Denn er darf über Madrid (mit kurzem, doch ausreichendem Aufenthalt) zurück in die Heimat. Doch welch Pech: Die Ausstellung ist während seines Zwischenstopps geschlossen! Soll ihm das Pech weiterhin anheften? Zwei Jahre war er weg aus Kuba. Blieb seine Frau ihm treu?

Das Schicksal ist eine launische Diva. Wo Pech, da auch Glück. Denn Frankie, Freund aus Kuba, mutiger Emigrant, läuft ihm über den Weg. Und nach und nach ist die verpasste Ausstellung kein Fluch mehr, sondern Segen. Denn Frankie, der die Freiheit vermeintlich fand, ist weniger frei als er selbst, der im straffen Korsett des nachrevolutionären Kubas eingezwängt ist.

Die namensgebende Geschichte „Neun Nächte mit Violeta“ wird von Träumen getragen. Genauer gesagt von einem Träumer. Ein junger Mann, gerade achtzehn, lernt die Versuchungen des „anderen Havannas“ kennen. Ein schummriger Nachtclub, ein Longdrink, verliebte Paare und … Violeta. Die Nachtclubsängerin, die man im Lexikon unter Verführung finden würde. Lasziv gestaltet sie ihr Programm. Es ist um ihn geschehen. Doch er ist zu jung, um zu verstehen, was mit ihm geschieht. Erst später erlebt er, was es heißt ein liebender und geliebter Mann zu sein. Beziehungsweise, was er dafür hält. Körperliche Anziehungskraft, wobei die Betonung auf „Kraft“ liegt, werden ihm die Konzentration rauben. Sie, Violeta soll es sein, die ihn seine Wurzeln vergessen lassen soll. Neun Nächte verbringt er mit ihr. Neun Nächte, jede anders als die vorangehende, verändern sein komplettes Leben. Denn, wenn auch Träume wahr werden können – das lernt er schmerzvoll – so heißt das nicht, dass alles, was bisher war, vergessen werden kann. Denn auch Träume haben einen Anfang und vor allem ein Ende. Und das kommt für ihn plötzlicher als ihm lieb ist.

Leonardo Padura ist mit seinen etwas über sechzig Lenzen noch nicht in der Verfassung seinen juvenilen Träumereien den Anstrich des lüsternen Alten zu geben. Die Geschichten in diesem Buch strotzen nur so vor Energie! Lustvoll, nachdenklich, gereift erscheinen die Helden seiner Geschichten. Fest im Sattel der eigenen Geschichte verwurzelt, werden sie aus der Muttererde gerissen, um andernorts neue Blüten zu treiben. Diese duften nicht immer lieblich und süß. Oft ist es ein bitterer Beigeschmack, der ihnen angediehen wird. Doch auch die Bitterkeit hat ihre Reize!

Ein wenig Glück

Ein wenig Glück

Ein gefährlicher Titel, ein gefährlicher Plot! Nur allzu leicht gerät dieses Buch in den Geruch einer Schnulze. Frau macht folgenschweren Fehler  – flieht – kommt zurück – hat die Chance dem Sohn alles zu erklären. Als deutsche Fernsehproduktion mit Veronika Ferres in der Hauptrolle. In der Fernsehzeitschrift als solides Drama mit vorhersehbaren Wendungen beschrieben.

Aber das ist alles Spekulation, die mit zwei Worten vom Tisch sind: Claudia Piñeiro! Denn sie ist die Autorin, und ihr Name steht für Qualität. Wer das Buch zum ersten Mal liest, wundert sich. Denn die Geschichte ist nicht gerade neu. Auch benutzt Claudia Piñeiro keine ausgefallen Worte (außer vielleicht Evaluierungsgespräch, aber das ist nur der Aufhänger für eine grandios erzählte Geschichte) oder gewagte Satzkonstruktionen. Nein, alles ganz normal. Das ist das Geheimnis der Autorin. Keine Auffälligkeiten, aber die richtige Dosis an der richtigen Stelle. Dieses Buch lässt keinen kalt!

Mary, wie sie sich mittlerweile nennt, wohnt in Boston. Ihre große Liebe Robert ist verstorben. Auch als Reminiszenz an Robert führt sie im Namen einer Eliteschule Gespräche über eine Partnerschaft in ihrer argentinischen Heimat.

Schon lange vor ihrem Abflug kommen die Geister der Vergangenheit zu ihr zurück. Damals, als sie am Bahnübergang stand, Schranke geschlossen, kein Zug weit und breit. Und sie einfach los fuhr. Mit verheerenden Folgen. Flucht war für sie damals der einzige Ausweg. Die Anfeindungen und die Scham trieben sie davon, weit weg. Sie ließ auch ihren Sohn zurück…

Der lebt noch. Weiß kaum noch was von damals. Damals – das klingt so weit weg und ist doch so nah. So nah, dass es Mary an den Schreibtisch treibt. Doch das Blatt bleibt weiß. Anfangs. Was nun folgt, ist eine literarische Meisterleistung. Statt eine verzweifelte Frau zu skizzieren, die tränenaufgelöst nach Entschuldigungen sucht, lässt Claudia Piñeiro Mary kämpfen.

Wer schon mal in einer ähnlichen Situation war, nimmt „Ein wenig Glück“ als Bibel zur Selbstheilung zur Hand. Garantiert! Die Einfachheit der Mittel und die daraus resultierende Intensität der Worte erschlagen den Leser immer wieder. Stück für Stück legt die Autorin die Ereignisse von damals aufs Tapet. Natürlich hat Mary damals einen Fehler gemacht. Das weiß sie. Das weiß auch der Leser. Anschuldigungen? Keine Spur. Gut so. Denn Mary hat gelitten. Wohl auch genug gelitten. Übermut? Fehlanzeige. Mary ist erwachsen, hat sich mit sich selbst auseinandergesetzt. Robert war ihr immer eine Stütze, brachte ihr mit schlafwandlerischer Sicherheit die richtigen Bücher.

„Ein Wenig Glück“ ist eine Hommage an die Kraft der Bücher. Sie können vielleicht nicht heilen, jedoch Schmerzen lindern. Mary hat das in den vergangenen Jahren immer wieder erfahren dürfen. Und so gibt es nur eine einzige Lösung: Ihre Erinnerungen niederschreiben. Und da kommt der Kunstgriff der Autorin: Hier ist das Buch zu Ende. Was soll man sich nun wünschen? Eine Fortsetzung oder eine Ende á la Michael Haneke, bei dem der Leser selbst aktiv wird? Wie auch immer sich Claudia Piñeiro entscheidet, es wird (oder bleibt) großartig!

Typisch Welt

Typisch Welt

Siebenundsiebzig Länder gleich einhundertelf Geschichten. Endlich trifft die Phrase „Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“ zu. Martin Amanshauser reist. Und er erzählt. Er ist der Vorreiter für alle unentschlossenen Touristen. Er kennt die Welt, weiß sie zu verstehen. Und seinen Ratschlägen kann man folgen, seine Geschichten glauben. Und man kann sich königlich mit seinen Kurzgeschichten amüsieren, egal ob zu Hause oder in der Ferne. Noch eine Urlaubslektüre, die diesen Namen verdient, gefällig? Bitte sehr! Hier ist sie.

Schon beim ersten Aufschlagen des Buches sieht man das, was uns in Bewegung hält oder zumindest in Bewegung geraten lässt: Die Welt. Mit kleinen Sommersprossen der guten Laune! Typisch Amanshauser! Er reist, wir bleiben dahoam, und Amanshauser erzählt. Gespannt hängen wir an seinen Lippen und lauschen dem Komischen, dem Tragischen, dem Zufälligen, dem Hintersinnigen – einfach seinen Erlebnissen.

Martin Amanshauser ist kein Tourist. Er ist es schon, aber dann schreibt er nur in den seltensten Fällen. Wenn er schreibt, dann im Auftrag seiner Redaktion (unter anderem die der „Süddeutschen Zeitung“), und dann reist er auch. Auf Einladung. Immer jedoch mit offenem Auge und spitzer Feder. Wenn er in der Runde sitzt und seine Erlebnisse zum Besten gibt, wird keine hinterher sagen können: „Kenn ich! Is mir auch schon passiert!“ Und dabei ist es völlig unerheblich, ob Amanshauser zuhause in Österreich oder in Australien unterwegs war. Er zieht das Ungewöhnlich förmlich an.

Sicher kann so manche Begebenheit jedem passieren. Aber nicht jeder kann es so gekonnt aufschreiben!

Beispiel gefällig? Seit Jahren zermartern sich Redakteure auf der ganzen Welt wie sie den eventuellen Ernstfall des Todes von Fidel Castro schon einmal textsicher vorbereiten können. Seit seiner Abdankung als Kubas Lenker lagern schon Dutzende Nachrufe in den Schubladen der Redaktionen. Und insgeheim hoffte auch Amanshauser – bitte nicht falsch verstehen, der Autor ist nun mal Journalist, und als solcher lässt man sich nur ungern einen Scoop entgehen – dass dieser vielleicht auch während seines Aufenthaltes auf der Karibikinsel … naja wie soll man es ausdrücken ohne dabei respektlos zu erscheinen? … die Macht in der Familie endgültig an seinen jüngeren Bruder abgibt. Passierte aber nicht! Doch er fand im Fernsehen die Geschichte, die mehr über das Land erzählt als die Ernstfall-Schon-Vorbereiteten-Nachrufe es jemals tun können.

Auf den über zweihundert Seiten wird das (an)gesammelte Tun undWissen der Welt in ansprechenden Worten zusammengefasst. Ein Handbuch für global player, die nicht als Globetrottel von Land zu Land hüpfen, sondern als Globetrotter die Welt erkunden wollen.

Wer nun meint, diese Geschichtensammlung ebenso verfassen zu können – bitteschön. Martin Amanshauser ist da ganz uneitel. Er gibt sogar Ratschläge wo das alles passiert ist und vielleicht sogar wieder passieren kann.

Das sizilianische Mädchen

Das sizilianische Mädchen

Diego Galdino ist Barista aus Rom. Da hört man so einige skurrile Geschichten. Da liegt es nah diese zu einem Roman zu verknüpfen. „Das sizilianische Mädchen“ ist so eine Geschichte.

Der Ort Siculiana in Sizilien ist bekannt für ein ganz besonderes Naturschauspiel. Wenn die Schildkröten schlüpfen gibt es ein wildes Gestrampel in feinen Sand. Dann ,wenn die geschlüpften Schildkröten gen Meer streben. Hier ist Lucia aufgewachsen. Wohlbehütet, ohne Sorgen. Weder finanziell noch seelisch. Nonna Marta ist ihre engste Vertraute, Rosario der Mann, den sie einmal heiraten wird. Das steht fest. Auch er aus gutem Hause. Ob arrangiert oder nicht, die Hochzeit wird einmal die ganze Region bewegen.

Doch vorher will Lucia einmal raus aus der gewohnten Umgebung. Raus in die Welt. Rom soll es sein. Und ein Volontariat bei einer Zeitung ist die Fahrkarte in die Freiheit. Voller Neugier und offenen Auges setzt sie behutsam die ersten Schritte in ihr neues, auf drei Monate begrenztes Leben. Die Klatschbasen der Redaktion amüsieren sie mehr als sie sie ernst nimmt. Auch der Chef ist ganz nett. Nur ihren neuen Kollegen lernt sie erst nach einiger Zeit kennen. Clark Kent, heißt er. Wie Superman! Auch dass sie den gleichen Beruf haben – Journalist – verwundert Lucia kaum. Im Gegenteil. Alles passt. Clark ist ein echter Superman. Das muss sie sich eingestehen. Es ist alles so verwirrend, nicht einmal Marta kann sie davon erzählen. Schließlich wartet in der vertrauten Heimat Rosario. Wenn Nonna Marta wüsste… Sie kann Rosario nicht leiden. Beziehungsweise ist sie felsenfest davon überzeugt, dass Lucia einen Besseren verdient hätte. Rosario ist einfach nur langweilig und uninspiriert.

Lucia nimmt ihr Herz in die Hand und reist nach Sizilien. Nach Siculiana. Zu Rosario. Um ihm zu sagen, dass ihre Zukunft nicht die seine sein kann. Und Clark? Der bleibt zu Hause in Rom. Hält die Füße still. Nur kein Aufsehen erregen. Lucia will und muss das allein durchziehen. Doch die Sehnsucht überwiegt und Clark versucht Lucia anzurufen. Nichts! Keine Reaktion. Kein Lebenszeichen! Also bleibt Clark nur eine Möglichkeit: Selbst in die Höhle des Löwen zu reisen. Mit einer Notlüge kann er sich sogar bei Nonna Marta einnisten. Was ihn allerdings in den nächsten Tagen und Wochen entgegen schwappt, ist mehr als nur das liebliche Planschen der Babyschildkröten. Es ist ein ausgewachsener Skandal, in dem er und Lucia immer mehr zu den Hauptakteuren werden…

Diego Galdino schafft es schon nach wenigen Seiten den Leser für seine handelnden Personen zu begeistern. „Eine Herz und eine Krone“ trifft auf lebendige Urlaubsatmosphäre, so dass man sich schon nach kurzer Zeit im warmen Sand an Siziliens Küste wähnt.

Gebrauchsanweisung für Schottland

Gebrauchsanweisung für Schottland

Gleich der erste Satz gleicht einem Aktualitätsdonnerwetter: Schottland ist nicht England! Wenn man das nur ein paar Tage nach dem Brexit-Referendum (bei dem Schottland mit ansehnlicher Mehrheit für „Bremain“ gestimmt hat) liest, weiß man, wie der Hase läuft. Schottland ist anders, und eben nicht England.

Mit besonderer Leidenschaft widmet sich Autor Heinz Ohff dem schottischen Witz. Der wäre ohne England und Engländer nicht denkbar. Doch kleine Nickligkeiten erhalten die Freundschaft. Und bei einem

Dram, tot, nip oder spot lässt sich die Unterschiedlichkeit am besten vergessen. Die vier Begriffe sind nichts anderes als ein Synonym für einen „Schluck“ Whisky, ohne „e“ vor dem Ypsilon. Das bleibt den Amerikanern vorbehalten!

Auch kulinarisch ist Schottland nicht gerade der originäre Reisegrund. Haggis, das optisch oft fragwürdige, geschmacklich – je nach Anbieter – durchaus schmackhafte Mahl, ist so was wie die Currywurst in Deutschland. Gibt‘s überall. Schmeckt aber nicht überall gleich (gut). Sollte, nein, muss man probieren. Heinz Ohff hat sich bei seinen Aufenthalten in Schottland überzeugen lassen. Doch meint er auch, dass es nicht gerade als Kompliment gilt, Schottland über den Haggis zu definieren. Wir Deutschen wollen ja auch nicht nur auf Currywurst reduziert werden…

Doch nicht nur die Engländer bekommen von den Schotten (den Scots, Scotch wird scottish getrunken – so viel Zeit muss für die Grammatik bleiben) gern mal eines verbal drübergezogen. Auch untereinander gibt es mehr oder weniger ernstgemeinte Querelen. So wie die zwischen Edinburgh und Glasgow. Oberflächlich betrachtet ist das an Einwohnern weit überlegene Edinburgh die Stadt zum Anschauen, Glasgow mit etwas mehr als der Hälfte der Einwohner die Macherstadt. Architekturanregungen gingen von hier in die ganze Welt hinaus. Die Glasgow School of Art ist erst auf den zweiten Blick eine Augenweide. Wer die Möglichkeit hat, sie von innen zu erforschen, sollte das Angebot annehmen.

Bei all den Rivalitäten, die Heinz Ohff aufzählt, bekommt man beim schnellen Überlesen den Eindruck, dass hier der Wettkampf zu Hause ist. Doch der ehemalige Feuilletonchef umgeht geschickt wort- und detailreich den Fauxpas den Schotten Kampfeslust zu unterstellen. War Schottland bis vor Kurzem noch das El Dorado der Allwetter-Bekleidungsjünger, die per pedes Schottland ursprünglich und sanft erurlauben wollten, so gibt der Autor hilfreiche Tipps für Schottlandjungfrauen als auch tiefergehende Ratschläge für alte Schottlandrecken. Schottland ist mehr als nur grünbeweidete Hänge und Burgen, trinkgelageartige Abende und gewöhnungsbedürftiges Essen. Wenn der abgenutzte Spruch zutrifft, dass an irgendeinem Platz der Welt Tradition und Moderne aufeinandertreffen, dann ist es wohl in Schottland. Wer England kennt, wird hier ein weiteres Kapitel in der Britain-Ablage einrichten.