Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Nachts unterm Jasmin

Es sind Momente wie die, wenn man ein Buch wie „Nachts unterm Jasmin“ in den Händen hält. Dann weiß man, dass man bei Weitem noch lange nicht alles erlebt bzw. gelesen hat, was unter dem Himmel existiert. Die Geschichten in diesem Band von Maïssa Bey aus Algerien zeichnen ein Bild des größten Landes Afrikas, was so vielleicht von einigen erwartet, aber niemals in so klarer Sprache, mit so vielen Nuancen gezeichnet wurde.

Da ist eine Frau, die sich schlafend stellt, weil ihr Mann permanent sein Recht als gatte einfordert. Das Kind in ihrem Arm bietet ihr Schutz und ist ihr größter Schatz. Doch sie weiß, dass sie diesen Schatz eines Tages verlieren wird. Er wird die demütigen, sie verlassen. Ihr eigenes Kind.

Nach der verheerenden Umweltkatastrophe im November 2001 – weil die Bouteflika-Regierung in einigen Stadtteilen der Hauptstadt Algier Kanäle zumauern ließ, brachen sich Wassermassen fast ungehindert ihren Weg durch die Stadt und rissen hunderte von Menschen in den Tod – brach der Volkszorn über die Regierenden herein. Die Unfähigkeit und die Teilnahmslosigkeit der Behörden entzündeten eine Protestwelle bisher ungekannten Ausmaßes. In den Nachrichtensendungen Europas war die Katastrophe nur eine Meldung unter vielen. Doch die Schicksale der Menschen, die direkt davon betroffen waren, sind bis heute unbekannt. Dank dieses Buches, das zum ersten Mal in deutscher Sprache erschien, bekommen die Opfer und Beteiligten eine Stimme.

So anklagend die Texte auf den ersten Blick sind, so poetisch ist ihre Wirkung auf den Leser. Klare Aussagen gehen hier Hand in Hand mit dem Respekt vor den Akteuren und ihrer Sprache. Ob als Bettlektüre oder Auszeit vom Alltag lesen sich die Geschichten wie moderne Ausschnitte aus dem realen Leben.

„Nachts unterm Jasmin“ besticht durch die Vielfalt der Themen und die Zwischentöne, die man laut vernimmt beim Lesen.

Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat

Es ist eine verrückte Welt, in der Alba aufwächst. Das Tal in ihrer Umgebung wird von einer Brücke überspannt. Eine Sprungschanze für all diejenigen, die es nicht mehr aushalten. Zwei Sekunden Flug und alles ist vorbei. Alba hat es auch schon probiert. Wie ihm Hohn muss sie sich eingestehen versagt zu haben.

Ihr Freundeskreis scheint der Realität entrückt zu sein. Jack heißt eigentlich René und in Eulalias Pass ist Anna als Name eingetragen. Das ist nur die Basis dessen, was dem Autor Demian Lienhard als Grundstock für eine außergewöhnliche Geschichte dient. Im den Titel vor Augen „Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat“ liest man sich durch die Leichtigkeit der Worte, mit denen Alba ihr Leben im Griff zu haben scheint. Doch die Sanduhr des Lebens zieht sie in einen tiefen Strudel aus Verzweiflung, Hass, Zuneigung, Neubeginn und Absturz hinein.

Da wird dann schon mal probiert die Gesetze der Metaphysik auf den Kopf zu  stellen. Wie verhält es sich beispielsweise, wenn ein Marmeladenbrot auf einer Katze befestigt wird? Murphys Gesetz sagt, dass das Brot immer auf der beschmierten Seite landet. Und der Volksmund weiß, dass Katzen immer auf den Pfoten landen. Alles klar?!

So lustig diese kleine Anekdote anmutet, so ahnt der Leser schon, dass die Geschichte (und jede gute Geschichte kommt nur so voran) bzw. das Leben Albas auf keinem guten Weg ist. Sie driftet ab. Rutscht in einen Sog aus falscher Loyalität, Angepasstheit und Drogen. Happy end inklusive? Man zermartert sich das Hirn wie Albas Weg weiter geht. Ob der Weg überhaupt in eine einzige Richtung verlaufen kann oder ob es noch einmal zu einem (weiteren) dramatischen Wendepunkt kommen kann, ja überhaupt darf.

Demian Lienhard lässt Alba am seidenen Faden zappeln. Er lässt die Zügel schleifen, und reißt sie abrupt mit Vehemenz zurück in ihr eigenes Leben. Sie definiert sich über ihre Taten. Ihr geistiger Vater schlägt mit Worten wild um sich ohne dabei wirklich zu verletzen. Sanft und mit dem unstillbaren Willen zur großartigen Unterhaltung sperrt er den Leser in einen Käfig, aus dem es kein Entrinnen gibt. Fasziniert hetzt man von Seite zu Seite und saugt jeden Satz, jedes Wort, jede Silbe in sich auf. Ein wahrhaft außergewöhnliches Debüt, das Lust macht auf mehr Lienhardsche Phantasien. Das einzig Durchschnittliche an diesem Buch ist die Tatsache, dass jedes Kapitel im Durchschnitt zehn Seiten lang ist.

Ruth. Moabit

Was ist das Schönste an einer Geschichte? Das happy end! Da können noch so viele Unebenheiten den Weg säumen, wenn schlussendlich alles gut wird, hat sich der Aufwand gelohnt. Ein biblischer Ansatz. Man denke an Hiob. Oder sein weibliches Pendant Rut. Auch sie wurde hart geprüft. Doch es lohnte sich.

Noemi würde sich nie im Leben als eine Art Rut oder Ruth sehen. Tagein, tagaus sieht sie die Wartenden in der Warteschlange vor dem Aufnahmezentrum für Flüchtlinge in Berlin-Moabit. Sie sieht auch wie den Hoffenden und Hoffnungslosen geholfen wird. Decken, Essen, Trinken – Helfer wird es immer geben. Doch ein Dauerzustand kann das nicht sein. Noemis Leben hat einen Knacks bekommen als Tom, der Mann ihrer Seite, diese verließ, um sich ein Abenteuer zu gönnen. Dieses heißt Monica und wird ihn aber nicht glücklich machen. Ob Noemi das hoffen will, weiß sie noch nicht.

Denn momentan ist die Eritreerin Rahua wichtiger in ihrem Leben. Die hat eine Reise hinter sich, die man nicht buchen kann. Sie floh vor allem, was sich der Mensch an Schlechtem ausdenken kann. Sie hat es geschafft. Sie ist raus aus dem Elend und drin in Berlin. Eine gute Seele. Nicht einmal halb so alt wie Noemi. Doch ein stetig präsenter Trauerschleier umspült ihr hübsches Gesicht.

Auch Noemi trägt in ihrem Herzen einen Schleier der Trauer. Ihrer Mutter geht es nicht gut und die Prognosen der Ärzte lassen nur das nahende Ende als Lösung zu. Als Noemi zurückkehrt in ihre Moabiter Wohnung ist von Rahua nichts mehr zu sehen. Gerade eben hat sich noch Flur und Pflanzen gehütet, jetzt ist sie weg. London ist das neue Sehnsuchtsziel. Ein weiterer Tiefschlag für Noemi. Hat sie zu sehr die Beschützerin gegeben? War ihr Engagement zu einengend? Sie hat keine Zeit darüber nachzudenken, denn der nächste Nackenschlag lässt nicht lange auf sich warten. Auch Jule, ihre fast schon erwachsene Tochter, im Alter von Rahua, verschwindet auf Nimmerwiedersehen aus ihrem Leben. Noemi ist nun ganz allein.

Rahuas Sehnsuchtsziel erweist sich alsbald auch nicht als das Paradies auf Erden. Doch sie fasst zumindest wieder den Entschluss mit ihrer Familie in Eritrea in Kontakt zu treten. Wird ja auch Zeit. Denn es gibt einen neuen Mann in ihrem Leben. Den kennt zufällig auch Noemi, die gerade auf dem Weg in die britische Hauptstadt ist…

Anna Opel fasst den oberflächlich biblischen Rahmen nicht so eng und schon gar nicht dogmatisch. Zwei Frauen, die arg vom Schicksal gebeutelt wurden und in ihren neuen Situationen zueinander finden. Auf unterschiedlichen Wegen lassen sie sich treiben, mit dem Steuer in der Hand. Moabit als Handlungsort ist nicht minder bibelvorbelastet. Denn der Name des Stadtteils hat religiöse Wurzeln. Mit zunehmender Seitenzahl wird man immer tief in den Strudel aus Verzweiflung, falschem Schweigen und hoffnungsvoller Poesie gezogen. Wellen von Abscheu und Zuversicht umspülen den Leser bei der Lektüre von Anna Opels erstem Roman.

Malanotte

Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten. Sinnstiftend und hoffnungsgebend zugleich. Doch für viele, für Millionen, ein schwacher Trost im Angesicht ihres Lebens. Still und leise sind sie untergetaucht in den Straßen und Gassen, eingetaucht in ihr neues Leben, das sie fernab ihrer Kultur führen müssen. Sie sind unter uns. Wir sehen sie. Hören sie. Riechen sie … so wie jeden anderen auch. Und dennoch sind sie unsichtbar.

Für die Behörden – allen voran die Polizei Siziliens – sind sie nur allzu sichtbar. Auch für Marilina Giaquinta, Oberst in Catania. Sie gibt in „Malanotte“ diesen Seelen eine Stimme. Stimmen, die in der Nacht krakelen, leise wimmern, klagen, zufrieden schnaufen. Ihre Stimmgewalt verhallt nur allzu oft im Dunkel der Nacht.

So wie die namenlose Reinigungskraft. Marilina Giaquinta verzichtet darauf die Herkunft ihrer Erzähler zu nennen. Denn die ist so unnötig wie das Leid, das sie ertragen mussten. Sie sind da, das zählt, nicht mehr und nicht weniger! Diese Reinigungskraft tut ihren Dienst. Die Auftraggeber mögen sie. Lassen sie gewähren, ihre Arbeit tun. Der Staubsauger bzw. die Geräusche, die er unaufhörlich von sich gibt, sind das einzig störende in ihrem Leben. Leider übertönt die Maschine auch so manchen Hilferuf…

Andere haben einen Namen. Doch der ist auch nicht gerade von Vorteil. Yassine sucht Arbeit. Sie ist. Sie verdient Asyl. Tief in ihrem Herzen zerreißt es sie jedes Mal, wenn sie aufgrund ihrer Herkunft angehalten oder einfach nur beäugt wird. Sie will ein Stück vom Kuchen haben. Kein großes, nur so viel, dass es reicht sich satt zu fühlen. Als Mensch gelten zu dürfen.

Catania im Osten Siziliens ist einer der Orte, den Flüchtlinge aus vielen Länder der Welt als Tor in eine neue Welt, als Startschuss für ein menschenwürdiges Leben ansehen. Doch die Realität sieht anders aus. Wohin mit den Massen an Menschen, die bisher nur Not und Elend kannten? Jede der über zwanzig Kurzgeschichten ist von einer unbeirrbaren Intensität, dass man nur eines tun kann. Weiterlesen! Immer wieder stößt man an die eigenen Grenzen des Verstehens. Man selbst sieht sie ja. Die, die monatelang auf ihren Füßen unzählige Kilometer zurückgelegt haben, um sich dem Machtbereich irgendwelcher Schergen zu entziehen. Die körperliche Bedrohung ist scheinbar überwunden. Doch die seelischen Schmerzen kann man nicht mit einem Lächeln hinfortwischen.

Wer als Polizist diesen Menschen begegnet, legt sich zum Selbstschutz einen harten Panzer zu. Marilina Giaquintas Panzer ist durchlässig. Nach beiden Seiten. Sie lässt die Schicksale an ihrem Leben teilhaben. Keine Mutter Theresa, die ihr Leben aufopfert. Sie tut etwas viel Wichtigeres, Nachhaltiges: Sie lehrt den Lesern ihres Buches – erstmals auf Deutsch – hinzuschauen und den Erzählern ein Ohr zu leihen. Das wirkt oft mehr als tausend so genannte gute Taten!

Audrey Hepburn

Nein, es gab und gibt keinen Menschen, der nicht ihrem natürlichen Charme erlegen ist. Kaum zu glauben, dass die ewig jugendliche Audrey Hepburn im Mai 2019 ihren 90. Geburtstag feiern könnte. Wir können es! Mit diesem Buch.

Schwer vorzustellen, dass eine Holly Golightly (Breakfast at Tiffany’s) von einer Marilyn Monroe ähnlich nachwirkend gespielt worden wäre. Nichts gegen die Monroe. Ihr reduziertes Spiel hätte ebenso für Furore gesorgt wie ihre Kurven. Truman Capote hatte ihr den Stoff schließlich auf den Leib geschrieben. Doch Audrey Hepburn – figürlich das Gegenteil der ewig lockenden M.M. – konnte sie noch toppen. Capote fluchte über die Besetzung und verfluchte jeden, der nicht seiner Meinung war. Vielleicht war er einer der ganz wenigen, die doch nicht ihrem Charme erlagen? Capote wollte ihr einfach nicht erliegen. So war er halt.

Der Krieg ist noch nicht einmal ein Jahrzehnt vorüber, da erleuchtet ein neuer Star den Himmel über Rom, Hollywood, der Welt: Audrey Hepburn. „Roman Holidays“, auf Deutsch „Ein Herz und eine Krone“ bringt bella italia auf die Leinwände. Unnachahmlich verkörpert durch eine belgisch-stämmige Schauspielerin, die Hollywood und ihren Partner Gregory Peck ins Schwärmen versetzt. Zierlich und stilsicher, mit einer kindlichen Naivität, dass man sie stante pede in den Arm nehmen möchte, um sie vor sämtlichem Unbill dieser Welt zu beschützen. Als Prinzessin incognito will sie diese Welt mit Haut und Haaren auffressen, in sich aufsaugen. Nur ein Reporter erbarmt sich ihrer.

Hubert de Givenchy, der Modedesigner, konnte sich nicht wehren als er – wie wenn er es gewusst hätte – den Auftrag bekam Miss Hepburn einzukleiden. Sein minimalistischer Stil passte zu der grazilen Gestalt in seinem Atelier wie die Faust aufs Auge. Sie und er waren auf dem Weg nach ganz oben. Er kleidete sie ein, sie trug seine Kreationen wie selbstverständlich. Hepburn und Givenchy gehören zusammen wie Hepburn und UNICEF.

Denn nach ihrer Karriere als Schauspielerin begann ihre Karriere als Mutter, eine Rolle, der sie alles unterordnete. Schon da begann ihr Interesse den Bedürftigen der Welt ein Licht der Hoffnung zuteilwerden zu lassen. Als die Kinder „aus dem Gröbsten raus waren“, begann ihr unerschütterliches Engagement für die Kinderhilfsorganisation der Vereinten Nationen. Sie ließ es sich nicht nehmen vor Ort zu sein, sich persönlich ein Bild der verheerenden Situation in Lateinamerika, Asien und Afrika zu machen. Bloßes Lamentieren und Spendenerbitten war ihr zu wenig. Sie war die erste Kämpferin für diejenigen, die nicht mehr zum Kämpfen in der Lage waren. Heute muten so manche halbherzige Auftritte von Promis wie durchgestylte, aber herzlose PR-Projekte an. Bei Audrey Hepburn kamen sie direkt aus dem Herzen. Denn ihre Kindheit war von Hunger und Krankheit geprägt. Sie konnte genau einschätzen, was es bedeutet Hilfe unaufgefordert empfangen zu dürfen.

Daniela Sannwald nennt ihr Buch eine Hommage. Es ist mehr. Zum Einen die geballte Ladung Erfolg einer verhinderten Primaballerina, die durch ihre Natürlichkeit zum Leinwandstar wurde. Zum Anderen die geballte Ladung Menschlichkeit einer überzeugenden Frau, die sich ihre Freiheit erkaufen konnte. Und diese dann auch uneigennützig weitergab.

Berühre mich nicht!

Lästerzungen schreien sofort auf: „Das musste ja so kommen!“. Sie, Laura, heiratet Mattia. Sie, hübsch und schlau. Er, erfahren und erfolgreich. Sie ist jung, und er ist alt. Willkommen im Klischee der Eitelkeiten. Denn Laura ist von einem Tag auf den Anderen verschwunden. Das Telefonino ist ausgeschaltet. Der Wagen Schrott, von einer Brücke gestürzt. Mattia Todini ist ein erfolgreicher Schriftsteller, der es versteht geschickt seinen Ruf bei der Polizei einzusetzen.

Commissario Luca Maurizi lässt sich allerdings von dem großen Namen nicht ins Bockshorn jagen. Vielleicht ein bisschen Aufmerksamkeit mehr als nötig, doch nicht mehr oder weniger enervierend, wenn er erst einmal Witterung aufgenommen hat. Fakt ist, dass Laura Garaudo schon vor ihrer Heirat ein aktives Sexleben hatte. Nicht ganz so faktenreich belegt ist die Tatsache, dass einige dieser Beziehungen auch durch den Ehering nicht unbedingt als beendet einzustufen waren. Doch sie und ihr Gatte hatten da eine stillschweigende Vereinbarung.

Ihre Wohnung, ihre eigene, hat sie verkauft. Finanziell ist sich also unabhängig. Sechsstellig lässt es sich durchaus bequem fliehen. Maurizi setzt geduldig einen Schritt vor den nächsten. Und immer wieder taucht der Name Beato Angelico, der berühmte Maler, dessen Interpretation des Auferstehungsmythos‘ auch Thema ihrer Doktorarbeit war.

Je mehr Puzzleteile Maurizi ineinanderfügt, desto klarer wird das Bild der Laura Garaudo. Wer meint dieser Frau Vorschiften machen zu könne, wird rasch ins Reich der Irrungen und Wirrungen geschickt. Diese Frau ist ein Vulkan, die ihrem eigenen Rhythmus folgt.

Andrea Camilleri wirbelt verdammt viel Staub auf, wenn er Commissario Maurizi auf die Suche nach Laura Garaudo schickt. Doch die Nebelschwaden lösen sich alsbald in Wohlgefallen auf. Ist sie eine Frau auf dem Weg zur Selbstverwirklichung, die keine Spuren hinterlässt? Einem wie Camilleri traut man das zu. Oder ist sie von einem Fluch besessen, der sie forttreiben lässt? Auch das ist Camilleri zuzutrauen. Das Ende mag auf den ersten Blick profan wirken. Lässt man sich auf die Gedankenspiele des größten lebenden italienischen Autors ein, findet man die glücklich machende Nadel im Heuhaufen.

Legenden

Wie stellt man sich einen Roman über die Provence vor? Sonne, lavendelduftende Felder … das einzige, das die Idylle annähernd stören könnte, ist der fiese Mistralwind. Aber ansonsten eine Landschaft zum Verlieben. Sylvain Prudhomme sieht diese Landschaft auch. Doch er siedelt seine Geschichte in der Crau an, einem Landstrich der Provence, die mehr einer futuristischen Gesteinswüste mit Endzeitstimmung ähnelt. Aber keine Angst, diese Legenden werden ab der ersten Seite den Leser zum gefräßigen Lesetier machen. Absetzen unmöglich!

So zufällig wie in der Crau Leben anzutreffen ist, so zufällig treffen Nel und Matt aufeinander. Ihre Kinder sind befreundet und ihre Väter verbindet schon bald eine tiefe Freundschaft. Durch ein Filmprojekt über die Gegend von Arles, da, wo sonst nur Steine von der Vergangenheit zeugen, wird dieses Band noch enger geschmiedet. Denn allerorten und dann auch wieder nirgends fallen die Namen Christian und Fabien. Brüder. Dem Blute nach. Der Eine elegant, der Andere ein Raufbold. Nur kurze Zeit lebten sie hier in der Kargheit der Steine, doch ihr Leben ließen sie sich niemals von ihrer Umgebung beeinflussen. Echte Lebensfreude, die nur eine kurze Zeit dauerte. Doch Nel und Matt – Sylvain Prudhomme baut eine kleine Beziehung der beiden Freundespaare ein – sind von nun an auf den Spuren von Christian und Fabien.

Mit unbeirrbarer Sicherheit schickt Prudhomme seine Protagonisten und den Leser auf eine Odyssee in die Achtziger. Ein Pilot und ein Schmetterlingssammler / -forscher, die paarweise bekannt sind wie die sprichwörtlichen bunten Hunde. Angst muss man vor dem dynamischen Duo nicht haben. Doch ihre unbändige Lebenskraft verstört so manchen. Nel und Matt sehen in ihnen fast schon ein Pendant zu sich selbst. Haarscharf an der Klischeegrenze forciert Prudhomme das Tempo seines Romans, den man schwer einordnen kann. Hofft man zuerst, dass es zu einem großen Knall kommen wird, so ist man doch erleichtert, dass Fabien und Christian einfach nur zwei Menschen sind, denen das Leben nur mit offenen Händen zugetragen wurde. Sie nutzen sämtliche Chancen, sehen sich schlussendlich aber doch einem Ende gegenüber, das viel zu früh und viel zu hart den Weg in die Zukunft versperrt.

Anfangs sollte es „nur“ ein Filmprojekt sein. Bei den Recherchen erfahren Nel und Matt viel mehr über die Gegend, Fabien und Christian und sich selbst. Alle Hauptdarsteller treten in Paarformation auf. Jeder für sich bietet schon genug Stoff für eine Geschichte, wenn nicht sogar für einen Roman. Entgegen aller mathematischen Gesetze verdoppelt sich der Reiz der Geschichte nicht nur durch die Verdoppelung der Handlenden, sondern potenziert sich ins Unermessliche. Die Provence, die Camargue, die Crau zu bereisen ohne diesen einzigartigen Roman gelesen zu haben, wäre so gar nicht legendär. Die exakten Beschreibungen der Landschaft, der Menschen, die hier leben, sind so berührend und nachvollziehbar, dass „Legenden“ einfach ins Handgepäck gehört.

101 Wien

Wien mit Reiseband – ist das wirklich notwendig? An jeder Ecke ist doch irgendwas zu sehen, was sehenswert ist. Zur Not folgt man unauffällig irgendeiner Gruppe und man gelangt garantiert zur nächsten Attraktion. Mag sein. Aber dann sieht man nur irgendetwas und weiß nicht was und warum es so bedeutsam ist. Die Antwort auf die Frage lautet also: Ja!

Einer Autorin wie Sabine Becht kann man vertrauen. Zusammen mit Sven Talaron steigt sich nicht nur in die Tiefen der Stadt hinab, sie holt auch das ans Tageslicht, was man beim Hinterhertraben in der geführten Masse nur als sehenswertes Etwas wahrnimmt. Wien birgt die Gefahr in sich, dass man nach ein paar Tagen der Attraktionen müde wird. Es ist einfach zu viel. Bekommt man allerdings Hintergrundinfos an die bzw. in die Hand wird Wien wieder zum Sehnsuchtsort, den man sich erhofft hat.

Und wenn man die ersten Highlights der Stadt (Stephansdom, Kunsthistorisches oder Naturhistorisches Museum, Stadtpark, Bellevue …) als durchaus sehenswert, aber teilweise derart überlaufen, abgearbeitet hat, kann man sich der Wiener Küche zuwenden. Auch hier gilt es wieder Akzente zu setzen. Der Gaumen soll doch nach dem Urlaub nicht der einzige sein, der abgefrühstückt wurde, oder?! Ja, Figlmüller und seine Schnitzel sind weltberühmt, doch wer in der Hauptfiliale speisen möchte, muss erstmal anstehen. Und das nicht nur ein paar Minuten. Ebenso im Griechenbeisl, um die Ecke, dem ältesten Schnitzelrestaurant der Stadt. Ankommen, hinsetzen, genießen, zahlen und weiter geht’s – illusorisch, wenn man zu einer zivilen Zeit dem Magen was Gutes gönnen will. Die Autoren haben Alternativen zur Auswahl, die sich schon zu den etablierten Einkehrmöglichkeiten zählen dürfen.

Wer an Wien denkt, kommt an der zentralen Sammelstelle für Touristen nicht vorbei. Schloss Schönbrunn. Wer meint, dass die Wartezeit vor dem Figlmüller schon unmenschlich ist, der war noch nie in Schönbrunn. Ein riesiges Kassenhäuschen mit zahllosen Warteschlangen. Und ist man endlich im Schloss, geht’s im Gänsemarch durch die Gemächer derer von Habsburg. Schön ist anders! Aber die Anlagen um das Schloss sind sehenswert und wirkliche Erholung. Wer dem Ganzen aber noch die Krone aufsetzen will, fährt ein paar Haltestellen mit U-Bahn stadtauswärts in den Stadtteil Hietzing. Hier lebte Hans Moser, heute die Botschaft Aserbaidschans. Hier lebten Beethoven, Strauss, starb Liszt, und hier wirkte einer der größten Künstler Wiens, Österreichs, Europas, wenn nicht gar der Welt: Gustav Klimt. In einer kleinen Straße (nicht ganz so leicht zu finden, da nicht überall Hinweisschilder hängen) lebte und arbeitete er. Die kleine Villa beherbergt immer noch das Atelier des Künstlers, so als ob er vor seiner Siesta hier noch den einen oder anderen Pinselstrich getan hat.

Allen, die meinen, dass Wien mehr als nur einhundertundeinen Tipp zu bieten hat, sei versichert, dass sie recht haben und die im Buch angepriesenen einhundertundein Tipps Ausgangspunkte für weitaus mehr als hundert Tipps mehr sind. Auch wenn man nicht gezielt nach Höhepunkten der Donaumetropole sucht, empfiehlt es sich dieses Buch auf alle Fälle dabei zu haben. Wie soll man sonst das eine oder andere Highlight erkennen? Die Mischung macht’s: Das, was jeder sieht (was man schon zu kennen glaubt), gepaart mit dem, was man nur sieht, wenn man nicht nur vorwärts schaut, sondern auch links und rechts nach oben und unten schaut, in Verbindung mit naiver Neugier – die Autoren lassen jedem Wienbesucher den Freiraum Wien auf eigene Faust zu erkunden, stupsen ihn aber wieder an innezuhalten und sich umzuschauen. Der Lohn: Wien mit ganz anderen Augen sehen zu können!

Musashimaru

Ein Käfer, der zwischen Buchstaben herumkrabbelt – Mu – Sashi – Maru kann man durch den gedrungenen Körper mit den filigranen Beinen erkennen. Bei dem einen oder anderen Sportfan klingelt ein kleines Glöckchen im Hinterkopf. Das war doch der Sumo-Ringer. Ein fast zwei Meter Koloss mit fast fünf Zentnern Lebendgewicht, an die Gegner der unteren Ränge regelmäßig abprallten. Stimmt. Aber um den geht es hier nicht! Obwohl Herr K., der Autor Choukitsu Kurumatani, sein Haustier nach dem massigen Yokozuna (der höchste Rang, den ein Sumo-Ringer erreichen kann) benannt hat. Sein Haustier ist … ein Nashornkäfer.

Nach einigen Fehlschlägen – Choukitsu Kurumatani wuchs nicht gerade mit dem so genannten goldenen Löffel im Mund auf, was ihn diese Fehlschläge einigermaßen gut verkraften ließ – geht es wieder aufwärts. Er kann sich ein geräumiges Haus leisten, das er und seine Frau nach ihren Wünschen einrichten. Der Kauf selbst gestaltet sich etwas kurios. Die Verkäuferfirma verlangt Barzahlung, die Zusatzkosten sind höher als gedacht. Doch Choukitsu Kurumatani kann die Mehrbelastung durchaus stemmen. Schon im Haus, das das Paar zuvor bewohnte, beherbergten sie ein außergewöhnliches Haustier. Und so kommt es, dass in die „Käferklause“ der Nashornkäfer Musashimaru einziehen darf.

Ein ungewöhnliches Tierchen. Wiegt nur ein paar Gramm. Hat aber Kräfte wie ein Stier. Seine Behausung, ein Korb, wird von ihm regelmäßig hin und hergeschoben. Das dichte Geflecht wird aufgebogen, so dass der kleine Racker immer wieder ausbüchst. Herr und Frau Kurumatani amüsiert das und mit wachsendem Interesse und fortwährender Neugier verfolgen sie die Entwicklung ihres tierischen Gastes. Wohl wissend, dass sein Ende vorhersehbar ist. Denn Nashornkäfer haben keine große Lebenserwartung. Freunde von ihnen haben ebenfalls einen Käfer bei sich aufgenommen und werden nicht müde in Briefen darauf hinzuweisen, dass ihr Käfer doch viel älter werden kann. Hochmut kommt vor dem Fall!

Doch eines Tages bemerkt Choukitsu Kurumatani, dass Musashimaru langsam die Kräfte schwinden. Zuerst ist es nur eine Klaue, die ihm fehlt, schon bald sind es ganze Gliedmaßen, die es ihm unmöglich machen auf eigene Faust die Welt der „Käferklause“ zu erkunden. Schließlich stirbt der neun Gramm leichte Musashimaru.

Choukitsu Kurumatani wurde früh mit dem Tod konfrontiert. Das Thema Tod zieht sich durch sein gesamtes Leben und Werk. Als Schriftsteller erster Garde – zahlreiche Preise wurden ihm zu Lebzeiten zuteil – versteht er es meisterhaft die Trauer in Worte umzusetzen. Die Übersetzung der Verlegerin Katja Cassing bringt diese Wortgewalt nun auch dem deutschen Lesepublikum nahe. Als Delikatesse – nur ein Merkmal der Reihe „cass schilfboot“ – sind die Seiten mit aufwändigen Zeichnungen von Inka Grebner illustriert. Japan zu verstehen kommt manchmal einer Mammutaufgabe gleich. Zu groß die kulturellen Unterschiede, zu ungewöhnlich die Namen der Protagonisten in den Büchern. Wer sich jedoch die Mühe macht die fremden Silbenformationen als ganz normale Namen anzuerkennen, dem wird mit Band Eins dieser hochwertigen Bücherreihe einen unermesslicher Wissensfundus offenbart. Mehr als nur eine Einstieg in eine doch so fremde Kultur.

In Liebe, Dein Vaterland II: Der Untergang

Der Wahnsinn geht weiter! Nordkorea hat sich in Fukuoka eingerichtet. Die abgetrennte japanische Provinz (Japans Regierung hat keinen Mumm eigenes Territorium zu verteidigen und überlässt die Halbinsel ihrem Schicksal) ist fest in nordkoreanischer Hand. Im Fernsehen läuft Propaganda. Und für die nachrückenden Einheiten, immerhin 120.000 Soldaten, wird bald schon eine kleine Stadt in der Stadt entstehen. Das kurbelt die Wirtschaft an. Freie Marktwirtschaft unter staatlicher Kontrolle. Volksverräter – und nur die Invasoren bestimmen wer Freund und wer Feind ist – werden ausgemacht und ihr Leben ausgelöscht.

Im Krieg gibt es, laut General von Clausewitz, einfache Regeln. Es gibt nur eine Nummer Eins – sie agiert. Es gibt nur eine Nummer Zwei – sie reagiert auf die Aktion von Nummer Eins. Und es gibt zahlreiche kleine „Nummern Drei“ – sie versetzen mit kleinen Nadelstichen Nummer Eins und Zwei immer wieder kleinere Blessuren. Sobald jedoch die Nummer Eins beginnt auf die Aktionen von Nummer Zwei zu reagieren, schwächt man die eigene Position. Aber ganz ehrlich: Am spannendsten ist die Nummer Drei. Mori und Toyohara gehören dieser Nummer Drei an. Ihr Leben ist nach offizieller Lesart eh nicht viel wert. Toyohara wuchs bei seinem Großvater auf. Ein ehrenwerter Mann mit ruhmreicher Ahnenlinie. Eines Tages beschloss er seine Mutter zu finden, stieg in den Zug und wurde prompt erwischt (Schwarzfahren ist ein gefährliches Unterfangen, wie man gleich sehen wird). Am nächsten Tag versuchte er es noch einmal. Dieses Mal mit einem Samurai-Schwert, eines aus Großvaters Sammlung. Ein Schaffner überlebte die freundliche Aufforderung den Zug zu verlassen nicht… Mori ist nicht minder aggressiv, hat außerdem ein sehr auffälliges Äußeres. Fast wie eine Eule.

Nur zwei Menschen aus einer Gruppe, die in der abgeriegelten Zone den Truppen folgen und ihrem Anführer Bericht erstatten. Sie sind die Nummer Drei. Sie stehen zwischen den Fronten. Auf der einen Seite sind sie japanisch, verachten aber die gegenwärtige Situation, die es ihnen verbietet ein „normales Leben“ führen zu können. Sie sind Anarchisten, Terroristen, teils sogar soziopathisch veranlagte Gangster.

Die Nordkoreaner sehen sich bald schon einer neuen Herausforderung gegenüber. Denn mit einer plumpen Invasion ist die Inbesitznahme Japans (beziehungsweise eines Teils davon) noch lange nicht erfolgreich.

Ryū Murakami lässt dem Leser keine Chance. Lachend und weinend zugleich liest man sich durch ein Szenario, das in der gegenwärtigen Situation gar nicht mehr so unwahrscheinlich erscheinen mag. Ehemalige, unverrückbare Bündnispartner drehen Japan den Rücken zu und lächeln Nordkorea an. Die schwache Regierung eines an sich starken Landes (wohl eher eine starke Wirtschaft, was die Abwendung der Amerikaner mehr als erklärlich macht) ist nach jahrzehntelanger intellektuell progressiver Hirnverfettung ist kopf- und planlos. Die politischen Gegner sehen nun ihre Chance gekommen nicht mehr nur Nadelstiche zu setzen, sondern gezielt höhere Positionen anzustreben.

Die satirischen Übertreibungen sind derart real geschrieben, dass es für diese Dystopie nur eine Devise gibt: Eine Lesemuss für jeden geistig aktiven Menschen!