Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Pnin

Na das geht ja gut los! Timofey Pnin ist russischer Collegeprofessor in Waindell. Und das obwohl seine Englischkenntnisse immer noch des Öfteren zum Schmunzeln einladen. Er ist auf dem Weg nach Cremona, nicht das lombardische, berühmt für seine Streichinstrumentenbauer, sondern ein Städtchen in der Nähe seines Wohnortes. Um Zeit zu sparen nimmt er nicht den empfohlenen Zug, sondern den mit dem er sag und schreibe 14 Minuten Fahrweg spart. Wozu hat er sonst jahrelang Fahrpläne gesammelt, wenn er sie nicht gewinnbringend einsetzen kann. Blöd nur, dass die Fahrpläne allesamt veraltet sind. So muss er unterwegs Station machen, und den Bus nutzen, um am Ende des Tages zwei Stunden verloren zu haben. So ist er, unser Pnin. Der Umwelt immer einen Schritt voraus, doch der Zeit gnadenlos hinterherhinkend.

Pnin stolpert mehr durchs Leben als dass er einem wirklichen Plan folgt. Er ist ein gutherziger Mensch, den man einfach mögen muss. Doch er ist auch ein dankbares Opfer für Spott. Und sein Job ist auch nicht so sicher wie Pnin meint. Im Hintergrund ziehen jedoch Leute für ihn Strippen, die er kennt und mag, und die im Gegenzug auch ihn mögen.

Vladimir Nabokov wollt eigentlich seinen Helden sterben lassen. Diese Idee verwarf er und bereute sie niemals. Was ein Glück! Denn Timofey Pnin darf nicht sterben. Leute wie er – ein wenig aus dem Rahmen fallend ohne dabei Schaden anzurichten – braucht jede Gesellschaft. Sei sie auch noch so groß oder so klein!

Die einzigartige Aufmachung dieses Buches, das vor fast siebzig Jahren zum ersten Mal erschien, rücken Nabokov und einen fast schon vergessenen Roman ins Rampenlicht. Wer ihn nicht kennt, meint auf dem Cover „Pinn“ zu lesen. Doch nein, es heißt wirklich Pnin. Ein Russe, der vor der russischen Revolution floh (die Parallelen zu Nabokov sind unübersehbar) und über Paris in die Staaten kam. Der Sprache kaum mächtig, einen riesigen Wissensschatz im Gepäck, bleibt für ihn nur eine Möglichkeit zu überleben: Russisch zu unterrichten. Und das im Amerika der 50er Jahre! McCarthy wütet gerade erfolgreich und verteufelt alles, was auch nur im Ansatz die Farbe Rot in sich trägt. Diesen Aspekt lässt Nabokov außer Acht. Keine Hetzjagd, keine Anfeindungen wegen Pnins Herkunft. Dennoch ist Pnins Leben in den Staaten kein Zuckerschlecken. Das liegt in erster Linie an ihm selbst. Weiß er das? Egal! Pnin ist da, lebt und lässt andere daran teilhaben. Die knallbunten Zeichungen von Thomas M. Müller sind kein Widerspruch zum farblos erscheinenden Pnin – sie sind vielmehr eine Ergänzung seines Charakters.

Herrn Arnes Schatz

Kein lauschiges Wintermärchen im wohligen Mantel eines Kindheitsabenteuers. Vielmehr eine Geschichte, die dem Leser Schauer über den Rücken jagt. Fast schon kindgerecht zubereitet von der Lieblingsautorin unzähliger Generationen von Kindern, Selma Lagerlöf.

Es ist kalt und dunkel im schwedischen Februar. Torarin, der Fischkrämer zuckelt mit seinem Karren übers eisige Land. Das Meer ist bis zum Horizont zugefroren. In der Ferne leuchtet ein, das Haus von Pfarrer Arne. Dem geht‘s gut. Er hat’s warm, seine Familie um sich und immer genug Essen auf dem Tisch. Torarins Arm ist gelähmt, weswegen er nicht richtig arbeiten kann, so wie es sich gehört für einen echten Kerl in dieser unwirklichen Gegend. Sein Hund Grim ist sein einziger Freund.

Doch die Stimmung bei Herrn Arne ist angespannt. Man hört wie die Messer in weiter Ferne gewetzt werden. Herr Arne sieht das gelassen. Alles Humbug. Torarins Heimfahrt ist von Zweifeln geplagt. Was, wenn die geheimnisvolle Alte am Tisch von Herrn Arne recht hat und tatsächlich die Messer geschärft werden? Trachtet da jemand Herrn Arne nach dem Leben? Hat es jemand auf die Silbermünzen in der riesigen Truhe abgesehen?

Das Schicksal schlägt erbarmungslos zu. Das Haus samt Hof in Schutt und Asche. Die Familie niedergemetzelt. Nur Elsalill, die Pflegetochter in Herrn Arnes Haus hat überlebt. Zitternd vor Angst bringt sie kaum ein Wort aus ihrem Mund. Doch das, was sie hervorzubringen im Stande ist, was alle verstehen können, lässt das Blut in den Adern gefrieren. Sie wolle die Übeltäter am Leben sehen. Damit sie ihnen ihren Schmerz ins Gewissen schreien kann. Und sie will Rache! Für Elsalill gäbe es nichts Schlimmeres als wenn die Mörder ohne ihr Zutun den Weg ins Jenseits finden. Die Geister der Verstorbenen sind an ihrer Seite.

Auf der Suche nach den Mördern – Elsalill konnte die Gestalten nur schemenhaft im flackernden Licht des Feuers erkennen – trifft sie aber nicht auf die Mörder, sondern auf die Liebe. Sir Archie ist mit seinen Gefährten Sir Reginald und Sir Philip auf dem Weg in die Heimat. Als Söldner waren sie lang in fremden Diensten. Doch leider sind ihre Taschen leer. Was für alle – alle – weitreichende Folgen haben wird…

Die Geschichte von Selma Lagerlöf ist nichts für zarte Leseraugen. Hier geht es richtig zur Sache, wenn es gilt die Taten der Mörder zu beschreiben. Schwer zu toppen. Roberta Bergmann hat sich der Herausforderung gestellt und die Geschichte mit nicht minder düsteren Bildern illustriert. Von skandinavischer Winterdunkelheit zerfressene Gesichter, weite Kapuzen über den Gesichtern der zwielichtigen Gesellen, scharfe Konturen, die die Nachtkälte realistisch abbilden. Die beste Gute-Nacht-Lektüre für alle, die eine gute Geschichte zu schätzen wissen.

Niemandsland

Der Erzähler (man kann davon ausgehen, dass es sich um den Autor handelt) und sein Freund Frank wachsen im Berlin der späten 60er / 70er Jahre auf. Ost-Berlin! Sie stromern durch Knallerbsenbüsche, schließen Blutsbrüderschaft, stürzen sich von vergammelten Kähnen in Seen, büchsen aus dem Kindergarten aus … halt alles, was man als fantasiebegabtes Kind im Rahmen der sozialistischen Möglichkeiten so tun kann. Von Indianerspielen – Ulzana aka Gojko Mitic ist ihr großes Leinwandvorbild – bis Fahrkartenautomatenknacken – die Beute wird ihnen allerdings schnell wieder abgenommen – ist alles dabei. Doch das ist alles nur ein Vorspiel für eine Jugend, die von Beklemmungen bestimmt sein wird, denen man nur mit Flucht begegnen kann.

Die liebevolle Mutter, der brutale Vater, die Engstirnigkeit der verblendeten Sittenwächter sind anfangs nur Nadelstiche auf der Suche nach Selbstverwirklichung. Je älter die unzertrennlichen Freunde werden, umso tiefer sitzen die Stachel der Verzweiflung. Was als Dummerjungenstreich beginnt, endet abrupt mit dem Eintritt ins Erwachsenenleben.

Matthias Friedrich Muecke gelingt es nicht nur mit Worten den Leser in eine Zeit zu locken, die vielen so weit weg erscheint wie sie gar nicht ist. Denn die Kindheit ist niemals weit weg. Erinnerungen mögen verblassen und die Eindrücke im Laufe der Jahre in einem andern Licht erscheinen, doch sie sind immer (noch) da.

Die Zeichnungen aus der Feder des Autors sind die eigentlichen Helden des Buches. Detailgenau (etwa das Glas mit den Dritten der Oma auf dem Staßfurt-Fernseher) und pointiert geben sie denjenigen, der eine andere Jugend erleben durfte ein exaktes Bild wider, was in den Texten schrill, skurril, melancholisch, aufmüpfig beschrieben wird. Wer ebenfalls mit Osceola, Muckefuck und Westpakete-Aufreißen aufgewachsen ist, wird aus dem vielsagenden Kichern nicht mehr rauskommen.

Poet X

Harlem, September. Hier wächst Xiomara auf. Shiomara wird das ausgesprochen, was ihr langsam aber sicher auf die Nerven geht. Noch kann man draußen auf den Stufen sitzen und das Leben einatmen. Nur wenn die Dealer kommen, sollte man sich ins sichere Haus verkriechen. X – so nennt sie sich – tut das nicht. Das gibt wieder Mecker von der Mutter. Was soll’s?!

In der Schule wurde sie früher Wal genannt. Wegen ihres Körpers. Der hat sich verändert. Jetzt wollen alle ein Foto von ihr, im String. Doch X hat sich ein dickes Fell angelebt. Die Anzüglichkeiten lassen sie kalt.

Der Poetry Slam Club ist ihre Welt. Hier kann sie ihre Gedanken in die Welt hinaus schreien. Auch das, was bisher unter dem angelebten Fell im Verborgenen blieb. Dort kann sie auch von ihrer großen Liebe sprechen. Aman.

Diese Liebe darf nicht sein. Wie so vieles im Leben von X. Ihr Zwillingsbruder benimmt sich nicht wie einer. Streber, Brillenträger, hat noch vor ihr die Kommunion empfangen. Weil sie immer wieder zurückgesetzt wurde. Bis sie eines Tages nicht mehr wollte. Das Donnerwetter folgte auf dem Fuße. Doch Aman und X sind unzertrennlich. Da passt kein Blatt Papier, nicht einmal ein auf dieses Blatt Papier geschriebenes Wort.

Poetry Slam war für viele bisher immer nur Comedy von Leuten, die sich keine Texte merken können und deswegen alles ablesen müssen. Eine Laune der Zeit. Hans Dieter Hüsch hat das schon vor Jahrzehnten gemacht, also ist Poetry Slam nichts Neues, nur hat man endlich einen Namen, eine Marke dafür gefunden. Dieser Roman füllt die Lücke, die Poetry Slam gerissen hat. Denn der Roman ist im Stile eines Poetry Slams geschrieben. Wenn es diesen eigenen Schreibstil überhaupt gibt. Kurze Texte, die erst im gesamten ein Bild ergeben und diese zu einem Roman anschwellen lassen. Ungewöhnlich und ungewohnt zu lesen. Doch die Rasanz der Worte bergen ungeahntes Potential in sich: X erwacht aus ihrem lethargischen Träumereien und wird zum gefeierten Star der Szene. Und je mehr man sich in diesen Roman vertieft umso mehr versteht man das Phänomen Poetry Slam.

Es fühlt sich fast so an als ob Elizabeth Acevedo während des Lesens die ganze Zeit neben einem stehen würde. Sie trägt mit stoischer Ruhe bis hin zu furioser Aggressivität ihre Texte vor. Das haut einen echt um!

Eine moderne Familie

Man hätte es kommen sehen müssen. Sverre und Torill, der Wilde und die Donnernde. Wenn man nach den Namen geht. Aber es ging alles gut. Sverre und Torill sind glücklich verheiratet. Haben drei Kinder, die allesamt aus dem Gröbsten raus sind und dem glücklichen Paar auch schon zwei Enkel schenkten. Sverre feiert nun seinen 70. Geburtstag. In Italien. Mit der ganzen Familie. Eine Zusammenkunft, die bis auf das zu feiernde Jubiläum wie alle anderen ablaufen wird. Ja, so denken alle. Doch Sverre und Torill haben eine Überraschung für Liv, Ellen und Håkon, ihre Kinder. Sie wollen nicht nur, sie werden sich scheiden lassen!

Wäre dieser Roman ein typischer amerikanischer Film, wäre der Plot klar. Alle rennen aufgeregt hin und her. Reden nur noch darüber, was die Anderen von der Scheidung halten. Machen sich gegenseitig Vorwürfe. Und die, die es betrifft, machen sich beim Cocktail darüber lustig. Am Ende sind alle zufrieden und fahren nach Hause. Wenn‘s gut läuft an der Kinokasse, gibt’s eine Fortsetzung und schlimmstenfalls ein Musical. Aber Helga Flatland ist keine Amerikanerin, die für Hollywood schreibt, und „Eine moderne Familie“ ist mitnichten amerikanisch. Sondern norwegisch. Und Norwegen ist 2019 das Partnerland der Frankfurter Buchmesse.

Helga Flatland gibt ihren Figuren das Rüstzeug an die Hand mit dieser Situation umgehen zu können. Denn jeder hat seine eigenen Probleme. Liv, die Große, hat selbst zwei Kinder. Als sie die Große wurde – als Ellen zur Welt kam – war das für die die größte denkbare Änderung in ihrem Leben. Als Ellen dann auch noch schneller „erwachsen“ wurde – also körperlich – begann der Zorn Livs auf die kleine Schwester. Erst als Liv schwanger wurde und sah, dass Ellen noch viel sehnlicher sich ein Kind wünschte, was bis heute nicht geklappt hat, kamen sich Liv und Ellen wieder näher.

Die Rahmenhandlung – die angekündigte Trennung der Eltern – dient allen Gästen als Spielweise, um über ihr eigenes Leben noch einmal nachzudenken.

Wer bin ich? Wohin will ich? Nur zwei Fragen. Die jedoch so existenziell sind, dass man es sich nicht traut die Antwort zu verweigern. Mit viel Hingabe zu ihren Figuren erlaubt sich Helga Flatland einen Riesenspaß und formt eine Minigesellschaft, die nur so und nicht anders funktionieren kann. Dieses Buch ist wie ein Urlaub, an den man sich wegen der guten Gespräche erinnern wird, nicht wegen der Sehenswürdigkeiten, die man besichtigt hat.

Perwanas Abend

Was für eine grausame Welt?! Da warten Männer mit Säure vor Schulen, um die, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen, zu verstümmeln. Frauen werden aufgeschlitzt und enthauptet. Religiöse Fanatiker zeihen durch die Stadt und stecken Friseurläden in Brand. Als Frau in dieser Stadt – irgendwo in Kurdistan – hat man es mit den übelsten Typen zu tun. Den Mund halten, sich mit ereifern, ist das Schicksal der älteren Frauen. Keine Welt für einen Freigeist wie Perwana. Sie und ihre Schwester Khandan, der man schon oft nahgesagt hat, dass sie mit dem Teufel im Bunde stehe, Stürme heraufbeschwören könne, leiden wie kaum jemand anderes im Ort. An Liebe, wie auch immer diese aussehen mag, ist nicht zu denken. Und der Teufel ist nicht nur ein Wesen, das man mit Bösem in Verbindung bringt, es ist real in den Köpfen der kuschenden wie übereifrigen Bewohner: Es ist Perwana.

Sie will lieben, leben. Lieben will sie Fareydun Malak. Und das tut sie auch. Und er liebt sie. Doch es darf nicht sein, was nicht sein darf. Und so beschließen sie die bedrückende Enge ihres jungen Lebens hinter sich zu lassen. Nur ein Satz bleibt: „Erinnere Dich an mich!“.

Khandan, die jüngere Schwester Perwanas saugt diese Worte auf wie ein Schwamm klares Bachwasser. Sie versteht noch nicht ganz die Bedeutung der Worte. Die Luft ist blutgeschwängert. Das Opferfest steht an. Jedes Tier wird bestialisch und öffentlich geschlachtet. Perwana und Khandan müssen nun von Haus zu Haus gehen und das Fleisch verteilen. Die stickige Luft, die nach Fleisch und Blut stinkt, schnürt ihnen die Kehle zu und erstickt jeden Gedanken an eine bessere Welt.

Rings um die Stadt wurde eine Straße gebaut. Die Felder wurden vermint. Gründe gibt es in den Augen der Verantwortlichen genug. Unsittliches Benehmen mit einem folgenschweren Exodus im Nachgang. Die, die noch geblieben sind, haben Angst oder müssen Erniedrigungen unmenschlichen Ausmaßes ertragen. Khandan ist noch da. Perwana ist verschwunden. Keiner weiß, wo sie ist. Geschweige denn, ob sie es geschafft hat. Geschafft hat, dem Höllenschlund ihres Martyriums zu entkommen. Aussichten auf Nachricht hat Khandan keine. Doch sie hat ihre Erinnerungen. An die Schwester, die Freundin, die mutige Rebellin, die ihr einen Funken Lebenswillen dalässt.

Bachtyar Ali übertrifft sich mit „Perwanas Abend“ selbst. So blütenreich die Erzählung um den Freiheitsdrang der beiden Schwestern ist, so düster sieht ihr Leben aus. Hin- und hergerissen von der Sprachgewalt liest man sich in einen Rausch, der einem Derwischtanz nahekommt. Man schüttelt den Kopf, fiebert Nachrichten von Perwana mindestens genauso entgegen wie ihre Schwester und ist geschockt vom religiösen Fieberwahn der Bewohner der Stadt. Wenn so der Lesespätsommer aussieht, möge es niemals Herbst werden!

Trost

Na das ist ja mal eine Reise: Lissabon, Berlin, Brüssel. Und aus jeder Stadt kommt eine Geschichte. Nicht irgendeine, sondern jeweils eine großartige. Alle zusammen: Noch großartiger. Und die Frau, der das alles passiert ist, die das alles niedergeschrieben hat, heißt … nein, diese Frau hat keinen Namen. Sie hat nur ihre Erinnerungen, ihr Vergangenheit (in drei Städten) und ihre geistige Mutter – die Autorin dieses Romans – eine riesige Menge neuer Fans.

Sie ist in Lissabon. Auf der Flucht vor etwas Unausgesprochenem. Hier am Atlantik soll ihr neues Leben beginnen. Es beginnt mit einem Blick, einem Blick zurück, gefolgt von weiteren Blicken. Er steht am anderen Ende der Bar. Sie fasst sich ein Herz und gibt im Vorbeigehen, doch mit der Vehemenz ihrer Sehnsucht ihre Telefonnummer. Ein Date? Oh ja! Mehr als das. Eine Affäre, die als heiß zu bezeichnen den Zweck mehr als verfehlen dürfte. Er ist aufmerksam, zurückhaltend, genau das, wonach sie sich sehnte. Aber auch die Zeit schreitet voran. Und mit ihr das unauslöschliche Gefühl des Alltags. Trott und eine gewisse Unsicherheit umfangen sie. Ist es das Ende für sie? In Lissabon?

Ja, denn Berlin wartet. Und mit Berlin kommt Kimmy ins Leben der Fremden. Und wieder ist das dieses Kribbeln, dieses Verlangen … aber auch die Zweifel, ob hier das Ende der Reise beschieden sein wird. Ist es nicht. Denn Brüssel ruft schon aus der Ferne.

Drei Städte, eine Frau, drei Affären, eine einzige Suche nach Vollendung. Sie darf nicht glücklich sein. Nicht dauerhaft. Sie ist für den Moment geschaffen, verpasst jedoch immer wieder den rechtzeitigen Absprung in den nächsten Glücksmoment. Ein Trost sind die Erinnerungen, die flehentlichen Abzweigungen des Schicksals, die sie erst vorantrieben und dann auf der Stelle verharren lassen.

Iga Hegazi Høyer ist nicht zimperlich in ihrer Wortwahl. Direktheit dort, wo sie angebracht ist. Zurückhaltung da, wo der Leser sich selbst ein Bild machen soll. Will man mit ihr tauschen? Nein, ja, oder doch, nein, lieber nicht. So unentschieden sie ist, so sehr knabbert man selbst an den eigenen Fingernägeln, wenn man versucht herauszubekommen, ab man sie beneiden oder bedauern soll.

Worum es wirklich geht

Das Jahr 2019 hielt und hält wieder zahlreiche Jubiläen parat, die mit viel Pomp und Betroffenheit in mehr oder weniger großem Rahmen begangen werden. 100 Jahre Frauenwahlrecht, 70 Jahre Grundgesetz usw. Dass aber eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts in diesem Jahr, am 22. Oktober, einhundert Jahre alt geworden wäre, geht im Wust der Bedeutsamkeiten unter: Doris Lessing, 2007 Literatur-Nobelpreisträgerin.

Sie war nicht der angenehmste Interviewpartner für Journalisten. Ihre Bücher waren der breiten Masse zwar zugänglich, doch sie endgültig zu verstehen, war nur einem Teil vergönnt. Oft muss man als Leser die eigenen Gehirnzellen anstrengen, um der Geschichte den roten Faden zu verleihen.

So ist es auch in diesem Geschichtenband. Während des Lesens ist die Szenerie klar. Will man jedoch einzelne Stränge oder gar die ganze Geschichte nacherzählen, wird es knifflig. Doris Lessing verstand es meisterhaft dem Leser das Heft des Handelns bzw. des Abrundens der Geschichte in die Hand zu geben.

Da sind zwei Paare. Die Männer sind befreundet und wissen doch gar nichts vom Liebesleben des Anderen. Die Freundin des Einen ist empört ob dieser Tatsache, als sie den besten Freund ihres Schatzes anruft. Wie kann das sein? Steckt da vielleicht mehr dahinter? Oder ist sie gar nicht wichtig, dass man sich über sie unterhält? Ruck zuck ist man in der Geschichte, und somit im Werk Doris Lessings drin. Gefangen im Netz der Worte, im Reich der formunvollendeten Geschichten.

Es ist ein komfortables Gefängnis. Es gibt reichlich Futter für die grauen Zellen. Und der Ausblick – fantastisch! Doris Lessing saß auch einst in einem Gefängnis. Es mangelte aber an Komfort, Futter und Aussichten. Mit Fünfzehn verließ sie die Familie – vor allem die Mutter – und gelangte mit dreißig Jahren, einem Sohn und weniger als Nichts im Portemonnaie von Rhodesien kommend im weitläufigen London. Hier konnte sie sich selbst verwirklichen. Feministin, Kämpferin, Autorin – nur drei Berufe/Berufungen, denen sie nachging. Schließlich war sie auch Mutter, alleinerziehend.

Für alle, die Doris Lessing nur dem Namen nach kennen, ist dieses kleine Büchlein mit ausgewählten Geschichten ein Einstieg in Doris Lessings Werk. Voller Kraft und doch zerbrechlich, dass man es ganz leise liest, pflanzt sich die Sehnsucht nach mehr im Kopf fest.

Das Wrack am Falkensteiner Ufer

Tragödien auf See – davon werden die Nachrichten derzeit bestimmt. Menschliche Dramen, die verhindert werden können und die, die sie verhindern können, stehen ohnmächtig daneben und ergehen sich in endlosen Phrasen.

Schiffsunglücke gab es seitdem die Menschen die Meere befahren. Doch nicht nur auf hoher See sind Menschen und Maschinen in Gefahr, auch im scheinbar sicheren Fahrwasser vor und in den Häfen ist niemand vor Unglücken gefeit. Selbst wenn das Schiff auf dem Trockenen liegt, kann es passieren. So wie am 16. Juni 1922. Die Alvaré ist zur „Durchsicht“ an ihren Geburtsort zurückgekehrt. Julius Falk steht mit seinem Sohn Fritz im Hafen und schaut dem Schauspiel des Zuwasserlassens zu. Gleich muss er wieder ran. Muss arbeiten. Geld verdienen. Heute hat er seinen Filius dabei. Der soll sehen woher das Geld kommt und wie man hart arbeitet. Geduldig erklärt er dem neugierigen Jungen was da drüben vor sich geht. Als alles gesagt ist, will er Fritz mitnehmen zur Arbeit. Doch der Junge bemerkt etwas, was nicht sein darf. Das Schiff neigt sich gefährlich zur Seite. Nicht ungewöhnlich für so einen riesigen Kahn. Doch dann passiert das, was keiner hofft jemals erleben zu müssen. Das Schiff richtet sich nicht wieder auf. Im Gegenteil es bohrt sich in den Grund der Elbe. Es wird Tote geben, Seeleute und Werftarbeiter.

Das ist nur eine Geschichte, die Jürgen Rath in seiner Anthologie der Schiffsunglücke auf der Elbe wie ein Abenteuer erscheinen lässt. Mit Fachwissen – er ist Schifffahrtshistoriker mit Kapitänspatent – und Einfühlungsvermögen lässt er die Schrecken der Elbe noch einmal Revue passieren. Sofern Namen von Beteiligten recherchierbar waren, hat er diese verwendet. War dies nicht der Fall, verleiht er der Situation einen durchaus glaubhaften Rahmen, in dem er Menschen in Aktion treten lässt, die sicherlich genauso gehandelt hätten.

Es ist nicht die pure Sensationslust, die dieses Buch zu einem echten Schmöker werden lässt. Es ist das Wissen darum wie Katastrophen entstehen und vonstattengehen können sowie das Handeln der Ermittler im Nachgang. Die Elbe ist an ihrer Mündung ein tückischer Fluss. Ständig wandern Untiefen, Sandbänke und anderen Gefahrenquellen von einem Ort zum andern. Dank moderner Technik können heutzutage viele Havarien ausgeschlossen werden. Doch solange der Mensch am (längeren) Hebel sitzt, sind Unfälle niemals auszuschließen. Ob Alkohol wie bei der Bugier 23 oder einfach nur „dicke Suppe“, also dichter Nebel wie bei dem titelgebenden Wrack am Falkensteiner Ufer: Der Mensch als Gefahrenquelle ist immer präsent. Aber der Mensch ist auch derjenige, der darüber berichtet, und dem es obliegt diese Gefahren zu minimieren.

Wir waren eine gute Erfindung

Heute Abend kommt wieder die ganze Familie zusammen, um mit dem Sederabend das Pessachfest zu feiern. Salomon freut sich schon darauf. Dieses Jahr ist jedoch allesanders. Sarah ist nicht mehr da. Seine geliebte Sarah. Die mit so viel Hingabe das Essen zubereitete und mit noch mehr Liebe dieses Fest zu einem ganz besonderen Fest machte.

Was nicht immer einfach war, und es wohl auch niemals sein wird. Salomon wird wie immer seine Witze reißen. Witze, die nur er machen darf. Witze, die viele vor den Kopf stoßen. Witze, die sich um Auschwitz handeln. Er kennt die Hölle von Auschwitz. Er überlebte sie. Deswegen ist es sein Recht sich darüber lustig zu machen. Die Erinnerungen daran sind auch Jahrzehnte danach immer noch präsent.

Wie immer liegt er am Morgen noch in seinem Bett. Seine Seite der Schlafstätte zerwühlt, neben ihm alles wie am Abend zuvor. Heute Abend geht es wieder rund. Wenn seine Jüngste Michelle und ihr Gatte Patrick mit ihren Kindern Tania und Samuel auftauchen. Hoffentlich hat Patrick dieses Mal seine Verdauung im Griff! Wahrscheinlich eher nicht. So wie schon bei seiner Bar Mizwa. Salomon ergreifen die Erinnerungen.

Sarah hat immer die Familie über alles gestellt. Sie schaffte es mit Leichtigkeit Streit zu ertragen und niemandem Vorwürfe zu machen. Der Sederabend mit Sarah war immer ein Ereignis. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten wird dieses Fest nur das Fest der Juden sein, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnern soll.

Auch Salomons und Sarah Älteste Denise wird vorbei kommen. Wie immer zu spät. Wie immer mit einer ordentlichen Portion Mut im Gepäck. Mut allem, was ihr nicht passt die Stirn zu bieten. Die Stunden bis die Familie eintrifft, sind für Salomon Stunden der Erinnerung. An Urlaub mit den Kindern, an vergangene Sederabende, an die Fragen der Kinder, die ihren Vater und Opa durchlöcherten mit ihrer unschuldigen Neugier. Und an die Witze, die Salomon riss. An die beiden Goldfische, die er für Michelle und Denise auf dem Jahrmarkt eroberte. Göbbels und Göhring. So nannte er die beiden Fische. Salomons Humor war schon immer ganz speziell.

Joachim Schnerf schildert mit wohltuender Ruhe vom Wechselbad der Gefühle eines Mannes, der seiner Familie mit ganz besonderer Zuneigung entgegentritt. Sarah war es, die Harmonie versprühte, die die Autorität besaß jedwedem Zwist den Garaus zu machen. Leicht wurde es beiden nie gemacht. Streit und Geschrei gehörten zum Sederabend wie Lesen der Texte über die Flucht aus der Sklaverei. Die Bissigkeit des eigenen Schicksals, verbunden mit der Leichtigkeit der Liebe sind die Zutaten für ein gelungenes Fest, das dieses Buch kompromisslos feiert.