Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Ein Winter auf Mallorca

Das Bild Mallorcas ist immer noch geprägt von Bettenburgen an überfüllten Stränden mit entfesselten Alkoholleichen. Auch wenn die Tourismusverantwortlichen seit Jahren dagegen vorgehen, so wird dieses Bild noch sehr lange vorhalten. Dass sich die Insel dem geneigten Betrachter auch anders präsentieren kann, auch das dürfte hinlänglich bekannt sein. Und wenn man so will, ist dieser Reisebericht von George Sand, der auf ihre Reise auf die Insel im Winter 1838/39 zurückgeht.

Nun muss man wissen, dass George Sand eigentlich Amantine Aurore Lucile Daupin de Francueil hieß und von August dem Starken abstammte. Keine schlechte Voraussetzung für ein erfolgreiches und vermutlich finanziell gesichertes Leben. Doch ihr Leben war nicht so glamourös wie man es ihrer Herkunft nach vermuten könnte. Sie arbeitete bei der Zeitung „Figaro“, wo sie sich ihr weltweit bekanntes Pseudonym George Sand zulegte. Ihre spitze Zunge und ihr unkonventionelles Leben brachten ihr schnell einen speziellen Ruf ein.

Ihr Sohn Maurice litt an Rheuma. Die milde Inselklima Mallorcas sollte ihm Heilung verschaffen. Außerdem im Gepäck: Ihre Tochter Solange und der Komponist Frédéric Chopin. Ein unverheiratetes Paar mit zwei Kindern auf dieser Insel. Eine Frau, die nur allzu gern Männerklamotten trägt. Hier, auf dem Eiland, dem man nicht so ohne Weiteres  den Rücken kehren kann, ein landwirtschaftliches Stück Erde mitten im Meer, tief in den Schranken der Religion verwurzelt – geliebte Gäste stellt man sich hier anders vor. Die Kuratorin der Buchreihe „Büchergilde unterwegs“ und Reisejournalistin Julia Finkernagel nennt dieses Familienkonstrukt eine merkwürdige Celebrity-Patchwork-Familie. Das trifft den Nagel auf den Kopf. In etwa so wie die Mallorquiner von eben dieser Promi-Familie vor den Kopf gestoßen wurden.

Aber „Ein Winter auf Mallorca“ ist kein Vorläufer von Instagram-Stories von irgendwelchen C-Promis, die ungehobelt ihren Reichtum zur Schau stellen. Es der Reisebericht, den man lesen muss, geht es auf die liebste Insel der Deutschen. Und wenn man sich ein bisschen Mühe gibt, kann man die Aussichten der Skandalautorin auch knapp zweihundert Jahre später noch genauso nachempfinden wie die Zigarren rauchende Autorin selbst. Ihre Eindrücke von der Insel – natürlich geprägt von der Sorge um ihren Sohn und den leidenden Chopin – hallen bis heute nach. Es ist das ursprüngliche Mallorca, das längst verschwunden ist. So wie jeder Quadratmeter auf der Welt sich in den vergangenen zweihundert Jahren verändert hat. Das Buch genießt man am besten abgeschieden, auf einer Finca, auf einem Felsen an der Küste – da kommt man sich gleich wie Bohème vor, einer, der nicht so recht dazugehören will, es aber partout nicht wahrhaben will, nicht dazugehören zu dürfen. Noch heute muss George Sand für dieses Buch jährlich mindestens ein Preis verliehen, zumindest gedankt werden.

Schwere Körperverletzung

Englands Norden ist nicht der Platz, in dem man sich niederlässt, um den Lebensabend in Saus und Braus zu verbringen. Aber als Versteck eignet sich dieser Platz zweifelsfrei. Besonders im England der 70er Jahre. Die Schornsteine rauchen noch ohne Ende und hüllen die nicht ohne Reiz durchaus ansehnliche Landschaft in dichten Qualm. Eine Metapher, die dem Roman, diesem Prototyp des brit noir, ausgezeichnet zu Gesicht steht.

Hierhin hat sich George Fowler zurückgezogen. Bis zum Lebensabend ist noch ein Stück zu gehen. Und außerdem läuft der Laden doch. Sein Geschäft ist das Filmgeschäft. Keine Screwball-Comedy á la „Carry on“, schon gar nicht ein Horror-Streifen aus den Hammer-Studios oder ein James-Bond-Streifen. Nein, er ist der Chef eines lukrativen Nischengewerbes. Die Filmchen seiner Firma sind, gelinde gesagt, delikat bis hin zu eindeutig anregend. Und das Geschäft ist einträglich. Bückware, Schmuddelgut – wie auch immer man es bezeichnet. Es ist verboten, deswegen ist es begehrt. Und vor allem ist der Erlös netto. Kaum Ausgaben. Dennoch schmerzt jedes Pfund, das man unfreiwillig abgibt. Und hier wird es interessant.

George Fowler weiß, dass seine Kassierer die eine oder andere Pfundnote ins eigene Wallet stecken. Das kann er nicht zulassen! Es ist sein business. Er trägt das Risiko. Wo kommen wir denn hin, wenn sich jeder einfach so bedient! Wenn er wüsste, dass bald schon die Eiserne Lady genau das legitimieren wird…

Die Daumenschrauben anzusetzen, ist kein Problem. Und der Chef selbst, also Fowler himself, dreht gern mal an der Stellschraube. Nicht bis kurz bevor Blut fließt. Nein, selbst, wenn der Lebenssaft aus dem Delinquenten herausschießt, sieht er immer noch eine Möglichkeit noch eine Runde zu drehen. Eine Runde an der Stellschraube, versteht sich. Momentan ist er also in der misslichen Lage sich entspannen zu dürfen. Besser ist es, denn die Schlinge ist schon um seinen Hals gelegt. Und bevor jemand ihm dem Hocker unter den Füßen wegtritt, macht er sich aus dem Staub. Bis die Wogen sich geglättet haben.

Doch die Ruhe dauert nur kurz. Selbst so ein gewissenloser Typ wie George Fowler hat ein Hirn, das in ihm arbeitet. Und so lichtet sich der Rauch der Vergangenheit vor der Kulisse der See. Er erinnert sich, wie es einmal war. Mit Jean, seiner Frau. Und dem treuen Mickey. Und er findet im winterlichen Seebad einen neuen Freund: Den Alkohol. Der hilft ihm so manches Mal auf die Sprünge, wirft ihn aus der Bahn und rettet ihn doch immer wieder. So sieht es zumindest George Fowler.

Ted Lewis treibt den Leser in die graue Halbwelt England in den 70ern. Die Lunte am Fass des Punk glimmt schon ein wenig, Maggie Thatcher wartet nur noch auf das Go, um der Gier den Weg zu pflastern. Seite um Seite steigt man hinab, trifft zwielichtige Gestalten, die Schweigen nicht als Image ansehen, sondern als Lebenseinstellung begreifen. Sein Held ist kein Held. Er ist roh und brutal, und doch will man ihm nicht beim Scheitern zusehen müssen. Doch als Gewinner will man ihn auch nicht sehen. Bleibt nur eine Lösung: Der Gewinner ist der Leser! Ja, gibt’s denn was Besseres?!

Das Buch von der Riviera

Klaus und Erika Mann sind die wohl berühmtesten Kinder ihre noch berühmteren Vaters Thomas Mann. Bewusst oder unbewusst versuchten sie stetig aus dem Schatten ihres (Über-)Vaters zu treten. Der junge schon recht erfolgreiche Autor und die nicht minder begabte und anerkannte Schauspielerin unternahmen 1931 eine Reise an die Côte d’Azur. Ihre Eindrücke sind in diesem Buch festgehalten.

Das Geschwisterpaar kannte „die eleganteste Küste der Welt“ bereits. So waren sie keine Entdecker im herkömmlichen Sinne. Vielmehr konnten sie Eigenheiten der Bewohner, die Schönheiten der Landschaft und die regionale Küche eingehender betrachten. Fast schon geblendet von ihren eigenen Erfahrungen hasten die beiden zeitweise durch die Gassen Marseilles, über die Boulevards von Nizza, durch die Restaurants zwischen Toulon und Cannes. Wie Reiseredakteure erfassen sie jede auch noch so nützlich erscheinende Information und bauen sie in ihre Aufzeichnungen ein. Im MTV-Stil hetzen sie den Leser von Highlight zu Highlight, schupsen den Leser in Boutiquen, um ihn gleich wieder hinaus zu zerren, weil eine Straße weiter das nächste Abenteuer wartet. Trotzdem überkommt einen nie das Gefühl, dass Klaus und Erika Mann nur an der Oberfläche kratzen. Detaillierte Tipps welches Hotel für welchen Geldbeutel ideal ist, wo die Bouillabaisse am besten schmeckt, wo Jean Cocteau sich verewigte … unzählige Anekdoten bereichern diesen Reiseband.

Den beiden gelingt es spielerisch Emotionen und Fakten zu verbinden. Schon nach wenigen Seiten brennt im Leser das Fernweh. Voll jugendlichem Elan reisen sie von Marseille über Toulon, Cannes, Nizza und Monte Carlo bis Menton. Das sind die Orte, die den meisten Ohren Eleganz, Savoir-vivre und auch ein bisschen Snobismus verheißen. Das war vor knapp 80 Jahren noch nicht ganz so verbreitet, aber die Ansätze waren schon klar zu entdecken. Auch die kleinen malerischen Orte zwischen diesen Touristenhochburgen wie Sanary, Beaulieu, Villefranche, Hyères oder auch Cassis bleiben nicht unerwähnt.

In präzise formulierten Sätzen verleihen die Manns der Riviera die Goldmedaille für Anmut, Grazie und Lebensstil. Frech und ohne Vorurteile begegnen sie einer Welt, die doch so weit weg ist, von dem, was Deutschland in dieser Zeit darstellte. Exakte Wegbeschreibungen erlauben es heute noch teilweise die Wege der beiden zu kreuzen. „Das Buch von der Riviera“ ist ein kurzweiliges Lesevergnügen, das man vor dem Riviera-Urlaub gelesen haben muss.

Du hast das Leben vor Dir

Dieses ehrenwerte Haus! Madame Rosa ist die gute Seele für ihre Kinderschar. Es sind nicht ihre Kinder, und doch sind es ihre Kinder. Eigene Kinder hat sie nicht, doch sie schon so manchen Sprössling bei sich aufgenommen. Als Tagesmutter oder „in Vollzeit“, so wie Momo. Keiner weiß so recht wie alt er jetzt ist. So um die zehn Jahre müsste er alt sein. Und Madame Rosa – die er zwar nicht Mama nennt, die aber mehr als eine Mutterersatz ist – hat alle Hände voll mit ihm und den anderen zu tun. Quengelt einer, quengeln alle. Und meist ist es Momo, der anfängt und die Anderen mit sich zieht. Sie alle – fünf, sechs, sieben sind es – haben im Madame Rosa die Richtschnur, an der sie sich langziehen, um später einmal das Leben zu meistern.

Momo ist die Ausnahme unter der Rasselbande. Er ist zum Einen der Älteste. Zum Anderen ist er der einzige, für den Madame Rosa Geld vom Jugendamt bekommt. Das reicht hinten und vorn nicht. Ihrer Liebe zu den Bengeln tut das keinen Abbruch. Auch für Momo ist es egal, ob Madame Rosa Geld für ihn erhält oder nicht. Ebenso unerheblich ist es für den Araberjungen, dass Madame Rosa Jüdin ist. Dass sie Auschwitz überlebt hat, kann er in so jungen Jahren noch nicht verarbeiten. Er weiß aber darum.

Wenn es ihn reizt, geht er zu Monsieur Hamil, den Teppichhändler. Mit ihm kann er sich über die Liebe unterhalten. Ob man ohne Liebe leben kann? Hamil und Rosa sind schon im fortgeschrittenen Alter. Da Rosa im sechsten Stock wohnt und es nicht allzu gut um Hamils Kräfte steht, müssen die Kinder immer kräftig mit anpacken, wenn es heißt, Rosa und / oder Hamil in der Wohnung zusammenzubringen. Momo weiß ganz genau, wenn jemand einen Aufzug verdient hätte, dann Madame Rosa. Ein bisschen Eigennutz spielt dabei natürlich auch eine Rolle. Momos Leben beginnt sich schneller zu drehen als es mit Madame Rosas Gesundheit rapide bergab geht. Sie hat ihm jahrelang so viel beigebracht, dass er nicht in Panik geraten muss. Und er ist erwachsen genug, um ihr einen letzten Wunsch erfüllen zu können…

Die Poesie dieser außergewöhnlichen Beziehung blüht in den Worten von Romain Gary aber der ersten Seite wie eine Blumenwiese im Hochsommer. Die kindliche Naivität des Jungen Momo, dessen Mutter ermordet wurde, dessen Vater keine Rolle spielt, und die zärtliche Strenge der ehemaligen Prostituierten Madame Rosa verströmt den Duft des ungebremsten Liebreizes. Liest man dieses Buch in einer ruhigen Ecke und hört jemanden herzhaft schmunzeln, ist es höchstwahrscheinlich jemand, der ebenfalls dieses Buch liest. Momos Schlitzohrigkeit, Rosas Chuzpe, das Pariser Viertel Belleville und seine skurrilen Bewohner laden jeden herzlich ein mit ihnen zu lachen und zu leben.

Romain Gary veröffentlichte dieses Buch bereits 1975. Und er bekam den renommierten Prix Goncourt dafür. Schon zum zweiten Mal, was nicht den Regularien entsprach. Das Pseudonym Émile Ajar ermöglichte ihm dieses Kunststück. Die Parallelen seines eigenen Lebens mit denen seiner beiden Hauptfiguren bis zum Ende des Romans sind sichtbar.

Potsdam MM-City

Das hatte man sich anders vorgestellt. Im Oktober sollten die Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit in Potsdam stattfinden. Straßenzüge wurden schon umgestaltet, alles war präpariert und dann dieses Virus. Potsdam zog das kurze Streichholz und durfte sich nicht als sicherer exzellenter Gastgeber zeigen. Das Virus wird – hoffentlich bald – Vergangenheit sein. Die Vorbereitungen sind für die Katz gewesen. Doch Potsdam deswegen nun abzuschreiben, wäre ein unverzeihlicher Fehler. Die hatte, hat und wird immer etwas zu bieten haben, das es lohnt besichtigt zu werden. Und das ist eben nicht nur Sanssouci, auf dessen Gelände der momentan geforderte Mindestabstand niemals eingehalten werden könnte.

Nähert man sich Potsdam auf der B1 von Berlin kommend, wird einem schon um den Ortseingang die Geschichtswürdigkeit der Stadt bewusst. Die Glienicker Brücke ist auf den ersten Blick hübsch anzusehen. Doch ihre Geschichte ist mehr als nur eine Geschichte. Einst war er es der Ort, an dem Ost und West – wie es im Nachhinein so lapidar immer heißt – ihre Schnüffler, sprich Spione austauschten. Dass man von hier eine Aussicht über mittlerweile wieder viel befahrene Seen hat, entgeht denen, die ihr Fahrzeug nicht am Straßenrand parken und einen Bummel über diese historische Brücke wagen. Besonders zu empfehlen in den sommerlichen Abendstunden, wenn die Sonne ihr Antlitz in warme Rottöne taucht.

Und schon ein paar Fahrminuten weiter gen Potsdam City, links abbiegen, erreicht man einen Ort, der noch vor einem Vierteljahrhundert ganz woanders stand. Das Hans-Otto-Theater. Ein futuristisch anmutender Musentempel, der in einem kulturellen Schmelztiegel ein neues Zuhause gefunden hat. Die Uferpromenade am Nachmittag lädt zum Spazierengehen und Erholen ein, am Abend ein Hochgenuss der Extraklasse.

Potsdam versteckt sich nicht hinter der großen Schwester gleich nebenan, Berlin. In ihrem Schatten, besser in ihrem Fahrwasser entwickelte sich die Hauptstadt Brandenburgs zu einem Juwel, das es schon einmal war. Mittendrin der Alte Markt. Die Autoren Michael Bussmann und Gabriele Tröger weiten ihren Spaziergang in diesem Viertel auf knapp zwei Stunden aus. Zwei Stunden, in denen man von Minute zu Minute tiefer in die Geschichte eintaucht, ohne jemals in Versuchung innezuhalten, weil es nicht spannend genug sein könnte. Die Straße am Kanal lässt es schon vermuten, dass hier irgendwo ein Kanal ist. Naja, es war mal einer da. Bis Ende des 19. Jahrhundert war hier tatsächlich mal ein Kanal. Doch der trocknete nach und nach aus und so schüttete man ihn nach anderthalb Jahrhunderten wieder zu. Zu Beginn dieses Jahrtausends wurde ein Teil wieder ans Licht gehoben, und zu besonderen Anlässen sprudelt es hier das kühle Nasse. Wie eingangs erwähnt, 2020 war es nicht der Fall, obwohl der Anlass es mehr als wert gewesen wäre.

Zwischen Bassin- und Luisenplatz führt die zweite von sechs vorgestellten Touren. Auch hier wieder der Bezug zu Berlin, das Brandenburger Tor. Kleiner, dafür älter als das um die Ecke. Die prunkvolle französische Kirche und die Stasi-Gedenkstätte Lindenhotel, wie es einmal genannt wurde, zeugen bis heute von der Bedeutung Potsdams.

Potsdam gehört nicht zu den größten Städten in Deutschland. Die Geschichte der Stadt und ihre Hinterlassenschaften laden immer noch zum Bummeln ein, und ein Wiederkommen ist für die meisten schon fest eingeplant.

Den Autoren gelingt es 200 Seiten die Stadt mit all ihren Facetten stilvoll einzufangen. Ob nur Stadtbummel oder mit anschließendem Ausflug beispielsweise auf die imposante Pfaueninsel (Achtung: Farbiger Kasten. Hier lebten auch mal Löwen!), ob Kulturgenuss oder einfach nur mal die Seele und Füße im Wasser baumeln zu lassen – wer Potsdam bisher nicht wahrnahm, bekommt hier die dickste Quittung für seine Ignoranz.

Mecklenburgische Seenplatte

Man mag es kaum glauben, aber auch Mecklenburg (mit lang gezogenem e und nicht dem knackigen ck, gaaanz wichtig!) hat seine eigene Schweiz. Das hat weder was mit Steuersünder-CDs noch mit Schneesicherheit zu tun, sondern mit der Tatsache, dass jede Region mit ein paar Hügeln eben diesen Landstrich postwendend mit der Alpenrepublik in Verbindung setzen will. Aber hier oben, hoch im Norden ist das schon eine kleine Sensation. Während allerdings im Süden die Gipfelspitzen rund 3000 Meter an die Sonne heranreichen, sind es hier – man getraut es sich fast kaum zu sagen – einhundertundzehn Meter. So hoch wie ein Hürdenlauf der Männer in der Leichtathletik. Die brauchen nur knapp elf Sekunden, um die Ziellinie zu erreichen. In Mecklenburg kann das schon mal einen ganzen Tag dauern. Das liegt vor allem an der Ablenkung links und rechts der Strecke, die vor einem und hinter einem liegt.

Und wer sich ein bisschen mit den Reisebüchern aus dem Michael-Müller-Verlag auskennt, brennt nach dem Kauf, oft schon vorher beim Durchblättern, was alles in den farbig abgesetzten Kästen an Anekdoten auf den Urlauber wartet. Wie der Teterower Hecht – wir bleiben vorerst in der Mecklenburgischen Schweiz. Schilda ist bekannt für seine Schildbürgerstreiche. Teterow ist das mecklenburgische Gegenstück. Die Legende besagt, dass ein kapitaler Hecht als Festschmaus für die Bürgermeisterin gedacht war. Doch der war viel zu groß für eine einzelne Person. Ein paar Tage später sollte der Fisch beim Schützenfest für alle zum Verzehr angeboten werden. Selbst, wenn es damals schon so etwas wie Kühlschränke gegeben hätte, so war der Hecht doch zu kapital, um darin verstaut zu werden. Wieder in den Teich? Ja, aber mit Glöckchen, damit man ihn wiederfindet. Naja, man sucht ihn wohl noch heute…

Wer sich die Landkarte der Seenplatte anschaut, wird wenig überrascht sein, dass neben so viel Grün auch jede Menge Blau vorhanden ist. Der Name Seenplatte lässt es vermuten. Tatsächlich ist Mecklenburgs Festland löchrig wie ein Schweizer Käse. Was ein Zufall! Alle Seen in einem Urlaub abzupaddeln, abzuschwimmen, abzuwandern – unmöglich. Die Schönsten Seen erleben und in Ruhe zu genießen? Möglich, ABER: Nur mit diesem Reisebuch! Sabine Becht und Sven Talaron haben ihr Bestes gegeben, um die so genannten Highlights herauszupicken. Es sind trotzdem fast 350 Seiten geworden. Zum Glück! Denn nur so werden Güstrow, Krakauer See, Nossenthin, Bollewick und Müritz zu Orten, an denen man sich heimisch fühlt ohne je da gewesen zu sein. Die Hingabe der beiden Autoren zu diesem Reisgebiet, das voller Naturschätze ist, spürt man mit jeder Silbe. Fast möchte man meinen, dass man niemanden hier hinschicken möchte, weil es dann mit der Ruhe vorbeisein könnte. Wer sich also für die mecklenburgische Seenplatte entscheidet, muss sich auch für diesen Reiseband entscheiden. Und die Ruhe und Gelassenheit mit der man dem Paradies begegnet.

Highlights Schottland

Da, wo man sich wohlfühlt, lass Dich nieder. Böse Menschen haben keine schönen Bilder. Und wer diesen Bildband auch nur oberflächlich betrachtet – was man eh nicht tut, weil er zum Eintauchen einlädt – wird niemals mehr kariert aus der Wäsche schauen!

Schottland und Sehnsucht – diese Mixtur treibt viele an dieses Land einmal zu besuchen. Ein schier endloser Horizont, der auf dem Weg die gesamte Farbpalette präsentiert. Historische Bauten, die vor lauter Geschichte zu beben scheinen. Und ein einzigartiges Licht, das nur hier seine Wirkung entfalten kann.

Fünfzig Ziele sollen es sein, die in diesem Buch dem Leser ein inneres Beben der Sehnsucht hervorrufen werden. Die Ortsnamen sind gewöhnungsbedürftig. Glen Shiel – wo die Spanier untergingen (wenn man der Überschrift des Kapitels glaubt) – klingt da noch verhältnismäßig eingängig. Auch mit Mull of Kintyre kann man sich anfreunden, besonders wenn man ein Beatles-Fan ist und bei Paul McCartney immer noch ins Verzücken gerät. Und Whisky, ohne e vor dem Ypsilon – das wird den Amerikanern überlassen – gehört zu Schottland wie die Frage, was die Männer unterm Rock, pardon, Kilt, tragen. Um es vorweg zu nehmen, sie tragen … nein, auch in diesem Buch wird diese Frage nicht abschließend beantwortet. Es ist schließlich ein Bildband!

Und der hat es in sich. Schon auf den ersten Seiten, genauer gesagt auf Seite Elf schlägt die Stunde der Wahrheit. Denn Schottland ist nicht nur Glasgow, Edinburgh und ein paar Seen mit Bergen. Die ganze Karte ist übersät mit Highlights, die man gesehen haben muss. Und die natürlich in diesem Band vorgestellt werden.

Jedes einzelne Kapitel schottisiert den Leser mit jeder Zeile. Doch das Highlight sind die erstklassigen Abbildungen! Exakt gegärtnerte Landschaftsoasen, feierliche Zeremonien mit blankgeputzten Uniformen, perfekt ins rechte Licht gesetzte Burgen und Schlösser, aussagekräftige Detailaufnahmen … ach, man müsste jetzt in Schottland sein. Denkt man sich bei jedem Umblättern. In der Umgebung von Edinburgh, der Hauptstadt Schottlands, liegt Lothian. Hier beginnt für die meisten der Kampf mit der Sprache. Setzt man sich – fast schon typisch schottisch – darüber hinweg, wird man mit rauer Natur belohnt.

Weiter im Westen, in den westlichen Highlands und auf den Hybriden, kann das sogar noch getoppt werden. Alles ein bisschen noch rauer, wilder, ungestümer, sehnsuchtsvoller.

Petra Woebke und Peter Sahla wecken nicht nur die Reiselust auf Schottland, sie haben auch gleich das fiebersenkende Mittelchen parat. Jetzt liegt es an einem selbst. Den Kopf voller Bilder, Ideen en masse für den nächsten Urlaub. Fehlt nur noch die Reise…

Die Frau am Dienstag

Die Zeiten, in denen Bonamente Fanzago immer seinem Mann stehen konnte sind vorbei. Als Darsteller in einschlägigen Filmchen sinkt sein Stern unaufhörlich am Firmament des Ruhms.
Die Zeiten von Nanà Malacrida sind auch vorbei. Die Zeiten, in denen sie Männer glücklich machte, die Zeiten, in denen ihr Körper ihr einziges Kapital war.
Auch die Zeiten, in denen der Transvestit Signor Alfredo mehr war als nur der Besitzer der Pension Lisbona, sind vorüber. Von allen begafft, von einigen begehrt, doch immer am Rande der Gesellschaft.
Auch Tommaso Fontana hat schon bessere Zeiten erlebt. Als Anwalt hat er so manchen Ganoven rausgehauen. Einmal jedoch konnte er seiner Mandantin nicht helfen. Reuig nahm er sie bei sich auf. Doch bald schon wird er tot sein. Überfahren. Von einem übereifrigen Angsthasen, der seine Felle davonschwimmen sieht.
Vier Menschen, die mitten im Leben stehen und dennoch das Geschehen auf dem Spielplatz des Lebens von außen betrachten müssen. Wer am Rande steht, kann nicht weiter nach Außen gedrängt werden. Mut und Verzweiflung liegen bei den Vieren eng beieinander. Sie alle haben einmal im Leben Entscheidungen getroffen, die ihr gesamtes Leben beeinflussten. Nun stehen sie da. Zusammen und trotzdem einsam. Das Band, das sie verbindet, ist unsichtbar. Es soll jedoch bald schon zu einem starken Tau werden, das kaum noch zu übersehen sein wird.
Massimo Carlotto lässt in seinem Buch Menschen aufeinandertreffen, einschlagen, davonrennen, kämpfen, weinen und lachen zugleich. Da mordet der Eine. Ein anderer trifft sich jeden Dienstag zwischen Drei und Vier mit einer Frau. Neun Jahre geht das schon so. Zwischenzeitlich gestand er ihr seine Liebe, was sie mit einer mehrmonatigen Abstinenz würdigte. Es fließen viele Tränen im Leben dieser vier Menschen.
Die Polizei sucht einen Mörder. Ein terrierartiger Journalist mit gnadenloser Spürnase und unnachgiebigem Biss wittert wieder einmal einen Scoop. Und ein Typ in Cowboystiefeln wandelt sich vor dem Auge des Lesers vom unheilverkündenden Engel mit Hörnern zu einem echten Freund.
Hier ist lange nicht klar, wer welche Rolle spielt. Nur dass es Rollen sind, die hier gespielt werden, ist von Anfang an klar. Ein spettacolo furioso, das mit so viel Liebe dargeboten wird, dass man niemandem einen Vorwurf machen kann. Jeder der Vier ist ein Mensch, den man ins Herz schließen muss. Alle wurden vom Leben gefeiert und fallengelassen. Wenn sie einander vertrauen würden, wären sie ein unschlagbares Team. Doch das Misstrauen wird sie trennen.

Die fliegenden Menschen

Peter Wilkins und das Glück gingen sein ganzes Leben lang getrennte Wege. Bis er Patty kennenlernte. Doch auch dieses Glück stand unter keinem guten Stern. Ihre Schwangerschaft musste er geheim halten. Als seine Mutter stirbt er vollends am Boden zerstört. Denn sein Stiefvater hat sich den gesamten Besitz der Mutter bereits unter den Nagel gerissen. Peter Wilkins beschließt die Welt zu bereisen. Ohne Patty, ohne die Tochter. Das ist unmöglich. Als Schreiber an Bord, verbringt er die ersten Wochen in seiner Kajüte – die Seekrankheit macht ihm zu schaffen. Doch das ist bei Weitem noch die das Übelste, das ihm passieren wird.

Das Schiff wird gekapert. Die Crew wird verschleppt. Irgendwo in Südwest-Afrika hält ihn nur noch die Hoffnung aufrecht. Sie wird ihn nicht enttäuschen. Ihm gelingt mit anderen die Flucht. Eine Flucht in eine ungewisse Zukunft. Wohin es ihn verschlagen wird? Das kann ihm keiner sagen. Und wieder schlägt das Schicksal unbarmherzig zu. Auf Wache mit einem Matrosen reißt sich im Sturm das Schiff los als der Rest der Besatzung Wasser fasst. Orientierungslos irren die beiden auf dem Meer herum. Und sie treiben auf eine Insel zu. Genauer gesagt, auf die Felsen einer scheinbar einsamen Insel. Das Schiff zerschellt an den Klippen. Peter ist mit einem Mal auf sich allein gestellt.

Wie Robinson Crusoe nimmt er die Insel in Besitz. Bis ihm eines Tages eine Frau, ein Wesen erscheint. Mit Youwarky stellt sie sich im vor. Ein bisschen seltsam ist diese Frau schon. Sehr liebenswert, wie Peter schnell feststellt. Auch sie ist Peter nicht abgeneigt. Doch das ist etwas an Youwarky, das ihn neugierig macht. Es ist ihr Gewand. Dass sie schon seit ihrer Geburt trägt, wie sie ihm versichert. Es sind Flügel. Ja, diese Frau kann fliegen!

Youwarky und Peter finden das Glück, das sie selbst nie zu suchen wagten. Er lehrt ihr seine Sprache, sie unterrichtet ihn in ihrer Kultur. Sie bekommen Kinder. Im Märchen würde man nun vom „… und wenn sie nicht gestorben sind“ sprechen. Doch Autor Robert Paltock hat anderes mit ihnen vor…

Eine phantastische Geschichte, die die Schlaflosreihe des Verlages Ripperger & Kremers mehr als nur um ein paar bedruckte Seiten verstärkt. Fliegende Menschen in einem Buch, das ganz ohne technische Phantastereien auskommt. Keine Beschreibung von hydraulischen Vorrichtungen, wie man sie bei Jules Verne verortet. Dessen „Zwei Jahre Ferien“ kommen jedem Leser sofort in den Sinn. Ebenso wie Daniel Defoes Robinson Crusoe oder Jonathan Swifts Gulliver. Das Leben auf dem heimischen Eiland wird bald beendet, als Youwarky den Wunsch äußert ihren Vater zu besuchen. Sie fliegt zusammen mit zwei ihrer Kinder. Drei Tage wird die Reise dauern. Und Peter? Er sehnt sich nach Youwarky. Wird bald schon von ihren Verwandten besucht und eingeladen die Familie kennenzulernen. Die Abwechslung wandelt sich vom freudigen Ereignis zu einer Art déjà vu…

Der Altar der Toten

Es gibt viele Möglichkeiten den Partner fürs Leben zu finden. Bei der Arbeit, in Bars und Clubs, ja sogar im Netz ist es gar nicht mehr so unmöglich das passende Gegenstück in sein Leben zu ziehen. Doch das, was Henry James beschreibt, ist selbst heute noch etwas Außergewöhnliches.

George Stransom kann man getrost als treue Seele bezeichnen. Noch immer huldigt er seiner großen Liebe Mary Antrim. Sie wurde ihm entrissen, bevor er sie festhalten konnte. Er hängt ihr nicht nach. Doch die Zuneigung ist im Laufe der (vielen, vielen) Jahre nicht geringer geworden. Sie war – wenn man es einmal nüchtern betrachten will – der Startschuss für eine als ungewöhnlich zu bezeichnende Leidenschaft. Er zählt die Toten seines Lebens. Nicht falsch verstehen: George Stransom ist kein Mörder! Nur hat sich im Laufe der Zeit eine beträchtliche Zahl von Dahingeschiedenen in seinem Herzen breitgemacht. Er verehrt sie alle. Keiner wird bevorzugt, keiner benachteiligt. Als er aus der Zeitung vom Tod seines langjährigen Freundes Acton Hague erfährt, gerät seine Welt wieder ins Wanken. Doch dieses Mal ist er nicht allein.

Denn auch eine Unbekannte scheint den Erinnerungen an Acton Hague nachzuhängen. Wer sie ist? Diese Frage drängt sich dem Trauernden Stransom gar nicht auf. Er ist fasziniert einen Seelenverwandten zu treffen. Jemanden, der sich genauso tief in Freundschaften versteifen kann wie er. Unversehens haben sich da zwei getroffen, die man auf den ersten Blick in ihrer Trauer lieber allein lassen möchte. Fast schon einem Kult gleich werden ihre Treffen zu einem Leichenschmaus, der nicht den Magen füllt, vielmehr ein delikates Mahl für die Sinne ist.

Das Festhalten an Altem, ohne der Zukunft im Weg zu stehen, verwebt Henry James zu einem zarten Vorhang aus durchlässiger Seide. Durchlässig für wahre Gefühle, schützend vor Wunden. Hier klagen zwei Menschen sich gegenseitig ihr Leid ohne dabei sich selbst aufzugeben. Vielmehr ist ihr Totenkult, den sie hegen und pflegen die Kraftquelle die sie weiterleben lässt. Todessehnsucht verspüren sie nicht. Schon gar nicht nachdem sie sich getroffen haben. Ihr Zusammensein bestärkt sie in dem, was sie tun, was sie ausmacht.

Mit umwerfender Empathie steigert sich Henry James in seine Charaktere hinein. Stransom und die Unbekannte kommen zusammen ohne sich wirklich näher zu kommen. Die Distanziertheit ist ihr Kitt, der sie zusammenhält.