Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Almost 2

Raus, raus, raus, raus – ich muss hier raus! So muss sich Wojciech Czaja gefühlt haben als er im Corona-Lockdown sich auf seine Vespa schwang und mit Verve seine Stadt Wien erkundete. Journalist ist er. Schwerpunkt Architektur. Auf einmal sah er Wien mit ganz anderen Augen. Dort war der Orient, dort ein verschlafenes Nest in den Bergen. Alles vor seiner Haustür. Die Kreativität der Bauherren inspirierte den Vespa-Piloten.

Und das nicht nur einmal. Band Zwei der Almost-Weltreise ist die konsequente Fortsetzung seiner Vespiaggio durch das lockdown-massenentkernte Wien.

Wer noch nie in Milwaukee war (Alice Cooper kommt von hier), nicht weiß wie es dort aussieht, der kann Czaja vollauf vertrauen. Er hat es in Meidling, in der Flurschützstraße entdeckt. Und Houston in Erdberg. Das Guggenheim in Favoriten. Und die Piazza di San Marco am Schmerlingplatz im Ersten.

Es sind Gebäude oder Details, die ihn als Weltreisenden an frühere Reisen erinnern. Er hält drauf zu, drückt ab und das Ergebnis regt ab und an zum Schmunzeln an, erstaunt aber nach jedem Umblättern aufs Neue. So groß die Welt ist, so nah ist sie auch. Und alles trifft sich nicht zwingend beim Heurigen im Speziellen, in Wien im Allgemeinen jedoch sehr wohl. Historisches, Modernes, Auffallendes, Typisches – wer die Augen offenhält, wie Wojciech Czaja, der nimmt jede Einschränkung des Aktionskreises in Kauf. Man muss in die Welt hinausfahren, um sie zu erkunden. Doch man muss nicht lang fliegen, um sie zu erkennen.

Dieses kleine Büchlein – mittlerweile sind es ja schon zwei – hilft die Sehnsucht nach dort hin und da hin am Leben zu erhalten. Und es zeigt, dass um die Ecke oft mehr zu sehen ist, als nur das lokal Typische. Mit ein bisschen Phantasie wird man selbst fündig.

Black Ass

Es gibt Tage, an denen wäre man lieber im Bett geblieben. Weil man Angst vor dem hat, was da kommt. Angst der Herausforderung nicht standzuhalten. Angst einen Weg zu beschreiten, der mehr als wackelig ist. Furo Wabiboko kann über solche Ängste nur lachen. Denn er hat ein echtes Problem. Heute steht ein wichtiges Vorstellungsgespräch auf dem Plan. Er hat sich gut vorbereitet, gut geschlafen. Doch als er aufwacht, ist nichts mehr wies es war. Er lebt in Lagos, dem Millionen-Moloch im Süden Nigerias, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas. Hier leben hunderte Völker, mehr schlecht als recht zusammen. Das Sprachenwirrwar ist nicht zu bändigen. Hier kann es sein, dass am anderen Ende der Stadt ein Dialekt gesprochen wird, den selbst engste Verwandte nicht verstehen.

Nicht verstehen kann Furo das, was des Nachts mit ihm passiert ist. Er ist weiß. Weiß. Weiße Hautfarbe. Dort, wo bisher das satteste Schwarz seinen Körper zierte. Weiß. Von nun auf gleich. Alles Weiß. Alles? Nein ein Teil seines Körpers wehrte sich gegen die Verweißung, sein Hinterteil ist immer noch schwarz! Das Bild muss man erstmal auf sich wirken lassen…

Furo ist also wach, und weiß. Und er weiß nicht wie er, der Weiße, seiner Familie, schwarz, nun verdeutlichen soll wie es dazu kam, der er über Nacht aus einer überreifen plantain (Kochbanane) zu einer weißen Bohne geworden ist. Wie bei Kafkas „Verwandlung“ muss er nun versuchen sich anzupassen, Ausreden zu erfinden, neue Wege zu beschreiten. Doch wie? Er hat ja nicht mal einen Kobo (kleinste nigerianische Münze, einen Bruchteil eines europäischen Cent) in der Tasche. Er muss in der Masse untertauchen, um nicht erkannt zu werden. Wie soll das gehen? In Lagos und Umkreis leben 30 oder noch mehr Millionen Menschen – 99,9 Prozent sind schwarz, das fällt ein Weißer unweigerlich auf. Ach ja, da ist ja noch die Sache mit dem Vorstellungsgespräch. Furo hat es heute Morgen wahrlich nicht leicht…

A. Igoni Barrett nimmt seinen Protagonisten an die Hand und leitet ihn durch diese ungewöhnlich Situation. Ein happy end ist erst einmal nicht in Sicht. Auch wenn Furo sich auf einmal vor Herausforderungen gestellt sieht, die bisher unüberwindbar waren. Nun – als Weißer – hat er Chancen, die den meisten für immer verwehrt bleiben. Furo ist jetzt Weiß. Privilegiert. Was Besseres? Öfter als zuvor.

Es ist anfangs ein köstlicher Spaß dieser absurden Geschichte zu folgen. Nach und nach gelingt der Umschwung zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der nigerianischen Gesellschaft. Das kulturelle Erbe des Landes ist ein wild zusammen gewürfeltes Geflecht aus unzähligen Traditionen und Ritualen, das es unmöglich macht eine nationale Identität zu kreieren. Man ist Igbo oder Edo, Fulani oder Haussa, aber nur außerhalb der Gesellschaft ist man Nigerianer. Innerhalb ist es eigentlich nur die Hautfarbe, die zusammenschweißt. Wenn die sich ins Gegenteil verklärt, steht die ganze Welt Kopf. Und das, was einen einst getragen hat, wirkt blutleer.

Kulinarisches Brandenburg

Früher an später denken, denn eines ist sicher: Der Hunger kommt garantiert. Und wenn man dann nicht vorgesorgt hat… muss man zwar nicht hungern, aber sicher zieht der eine oder andere Geheimtipp an einem vorbei, weil man ihn nicht (er-)kannte.

Julia Schoon ist die gute Fee für den kleinen, mittleren, großen Hunger, die Appetitmacherin für alle Sinne und Kochtopfgucker mit dem hang andere teilhaben zu lassen. Wie wäre es mit Eseln? Nicht auf dem Teller! Neben einem. Schritt für Schritt sind sie duldsame Wanderkollegen, die den Urlaub im Planwagen (und das ist kein Sprachbild) mehr als nur abrunden. In der Uckermark sind diese Langohren nicht leicht zu finden, aber wer wirklich was Besonderes erleben will, inkl. lukullischer Leckereien, der kommt voll auf seine Kosten. Und wird noch lange danach davon schwärmen.

Dieses kleine Büchlein hat es faustdick hinter den Umschlagseiten. Komplette Touren, Restauranttipps, Wegweiser zu abgelegenen Hofläden … Brandenburg putzt sich immer mehr heraus. Vorbei die Zeiten, in denen Rainald Grebe Lied „Brandenburg“ hämische Zustimmung fand. Und es biete mehr als nur die Spreewaldgurke. Auf dem Forellenhof Nassenheide nördlich von Oranienburg bekommt der Spruch „Frisch auf den Tisch“ eine ganz andere Dimension. Angel in Wasser halten, etwas Geduld und schon landet der Fang auf dem Teller.

Wer den Fläming nur von der Autobahnraststätte kennt, der sollte das Bilderbuchdorf Blankensee besuchen. Schloss, Café, zwei Seen, nur ein paar Straßen und nur 600 Einwohner. Oder kurz gesagt: Ruhe! So viel Ruhe, dass man das Knurren im Magen hören kann. Und es gibt auch die passende Medizin gegen dieses lärmende Bauchkonzert.

Immer tiefer taucht man in das Bundesland Brandenburg ein ohne dabei das Links und Rechts der Strecke außeracht zu lassen. Ein Reiseband, der in Herz, ins Hirn und durch den Magen geht.

Ellis

Wie soll man in der Fremde Halt finden, wenn der Boden aus einem Gemisch auf Ablehnung gebaut ist? Ellis kennt die Antwort auf diese Frage nicht. Sie ist mit ihrer Mutter aus Italien nach Deutschland gekommen. Alles um sie herum ist fremd. Die Menschen, die Sprache, die Kultur. Vor allem aber diejenigen, die jede Minute um sie herum sind.

Das ändert sich als Grace in ihr Leben tritt. Auf Anhieb sind sich beide so nah wie es sonst nur Schwestern sein können. Von nun an gibt es sie nur noch im Doppelpack. Selbst Ellis’ Mutter bekommt die Tochter nur noch selten zu sehen. Niemals würden sie getrennt sein. Ellis weiß das und klammert sich daran fest wie ein Koala an einem Eukalyptusbaum.

Doch Grace verändert sich. Und wechselt – wie Ellis es sieht – die Seiten.

Jahre später kommen sich beide – nun schon – Frauen wieder näher. Sie verbringen eine Zeit in Italien. Bei Ellis’ Familie. Bei der Nonna. Vorsichtig rücken Ellis und Grace näher aneinander. Gehen gemeinsam die Umgebung erkunden, die für beide fremd ist. Ellis hat ihre Heimat nun in Deutschland. Und Grace kennt in dieser Gegend nichts und niemanden. Außer Ellis. Dennoch schaffen es beide nicht das, was damals geschah aufzuarbeiten. Warum wechselte Grace die Seiten? Die Frage wird in den Raum gestellt. Dort bleibt sie allerdings auch. Oder sind es gar die Worte, die nicht ausgesprochen werden, die die Verständigung so einfach machen?

Selene Mariani ist in Verona und Dresden aufgewachsen. Ihr Romandebüt weißt Spuren dieses Weges auf. Wohlwollend gibt sie beiden Frauen den Raum, den sie benötigen, um sich frei entfalten zu können. Dass das nicht immer schmerzfrei über die Bühne gehen kann, wird ihnen erst im Laufe der Zeit klar.

Mit behutsamen Worten, im rasanten Wechsel der Zeitebenen und unverwüstlichem Glauben daran, dass die beiden wieder zueinander finden werden, berauscht man sich am Festival der Gedanken zweier Frauen, die sich nur eines wünschen: Endlich wieder beisammen zu sein und die Geister der Vergangenheit in den azurblauen Himmel aufsteigen zu sehen.

My darkest prayer

Reverend Esau Watkins ist tot. Der Pfarrer der New Hope Baptist Church in Mathew County, Virginia wurde vor einigen Tagen tot aufgefunden. Nun muss Nathan Waymaker die Beerdigung vorbereiten. Es soll ein würdiges Begräbnis werden. Für einen ehrwürdigen Mann. Ein Mann mit Vergangenheit. Dieb, Dealer, Hehler, Friseurladenbesitzer. Bis er zu Gott fand. Dass er noch nicht unter der Erde liegt, ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Umstände seines Todes … nun sagen wir mal … nicht ganz so natürlich zu sein scheinen wie sie es sollten.

Dass er nun doch schneller als der Situation angemessen unter die Erde kommen soll, ist den ziemlich eigenartigen Ermittlungsmethoden der örtlichen Polizisten zu verdanken. Hier stimmt was nicht! In der Gemeinde rumort es. Es muss doch einen ehrlichen, aufrichtigen Menschen geben, der den Mut aufbringt im Dreck zu wühlen, ohne sonderlich viel des selbigen aufzuwirbeln.

Nathan Waymaker scheint dieser Mann zu sein. Schon bei den Marines bekam er den Ruf eines hilfsbereiten und vor allem loyalen Menschen. Wenn Not am Manne ist, war Nathan Waymaker zur Stelle. Und dass er anpacken kann, beweist er tagein tagaus bei seiner Arbeit. Und schon stehen die Gemeindemitglieder bei ihm auf der Matte. Er muss helfen, den Tod des Reverend aufzuklären, flehen sie ihn an. Nathan willigt ein. Ohne zu wissen, worauf er in der nächsten Zeit gefasst sein muss.

Denn auch er hat eine Vergangenheit. Ein Vorleben, das nicht immer frei von Schuld war. Auf ihn gehen mehr als nur eine Kerbe im Sargdeckelholz zurück. Damals … als … er und … na ja, so gern will er nicht darüber sprechen. Und er wird es auch nicht. Das hatte er sich geschworen. Doch nun? Nun steht er selbst im Fokus von Leuten, die ihm in die Suppe spucken wollen. Und es auch können. Sie sind so wie er es fast geworden wäre. So wie es vielleicht der Reverend einmal war. Doch das ist egal. Denn Nathan ermittelt sich fast um Kopf und Kragen.

Kleinstadtidylle, das klingt nach sauberer Luft, zufriedener Nachbarschaft, glücklichem Leben. Nach außen stimmt das auch alles. Doch im Inneren ist es finster wie in den Weiten des Alls. S. A. Cosby mischt die Zufriedenheit dieser Idylle mit dem tiefsten Schwarz der sie füllenden Seelen. Da sitzt jedes Wort. Wie Peitschenhiebe durchschneidet er das Schweigen. Ohne Klischees bedienen zu müssen, zeichnet er Landschaften ins Hirn der Leser, die nur eines sein können: Absolut echt.

Beim Lesen von „My darkest prayer“ fühlt man sich wie ein Kind, das auf dem Boden sitzt, die Ellenbogen in die verschränkten Knie und den Kopf in die Handteller gestützt. Sie lauschen den Worten des Mannes im großen Lehnstuhl. Dieser Mann ist S. A. Cosby. Und er hört einfach nicht auf zu erzählen … Großartig!

Nur einmal mit den Vögeln ziehn

Siv, Aki, Anna Maria, Jens und Ivo – eine verschworene Gemeinschaft. Eine Bande, die zusammenhält und davon träumt, was nie passieren wird. Sie haben sich nicht gesucht, aber gefunden. Ihre Herkunft ist so verschieden wie es nur im richtigen Leben sein kann. Mutter Alki, Onkel Pastor, beide Eltern Zahnärzte, Rebellin, Zweifler, Künstler, Träumer und alle zusammen: Kämpfer.

Das Autorenpaar Sylvia Vandermeer und Frank Meierewert, kurz Sylvia Frank, beschreiben lebensecht eine Jugend in der DDR. Ohne „früher war alles besser“, was es definitiv nicht war, dafür aber mit grandiosem Feingefühl. Das alles umgebende Grau ist der Spielplatz der Jugendlichen, die für das Klettergerüst zu groß und für die Samstagabend-Disco zu jung sind.

Dreizehn Jahre umreißt der Roman, von 1977 bis zum Schicksalsjahr 1990. In diesem Jahr brechen die alten Träume, die bisher nie oder selten ernsthaft ausgesprochen wurden aus der Gruppe heraus und brechen die Gruppe entzwei. Neue Träume entstehen, das War wird barsch in die Ecke gestellt und das Wird übernimmt die Führung. Noch immer nicht ganz erwachsen stellen sich fünf junge Menschen der Herausforderung nun doch „mit den Vögeln ziehn“ zu können.

Wer in der DDR ebenso wie die Fünf groß geworden ist, wird immer wieder auf Eigenerlebtes gestoßen. Wer es nicht kennt, ist baff erstaunt, dass hier nicht schon früher alles umgekehrt wurde. Verständnis für die Fünf wird Hüben wie Drüben aufkeimen, wenn gesponnen, unbeschwert in den Tag hinein gelebt und den Widrigkeiten eine Nase gedreht wird. Beispielsweise wenn auch bei der Asche (so wurde die Nationale Volksarmee genannt, die jeder junge Mann achtzehn Monate aktiv unterstützen musste) Hanf angebaut wird. Oder mit dem Saxophon in eine Welt eingetaucht wird, die universell funktioniert.

Der titelgebende Soundtrack stammt von Tamara Danz, charismatische Frontfrau der Band Silly. Sie schriebe dieses Zeilen als der Krebs von ihr Besitz ergriffen und ihr jede weitere Chance schon genommen hatte. Der Tod als endgültiges Momentum, dem man nur mit einem Lied auf den Lippen begegnen kann.

Das Sizilien des Giuseppe Tomasi di Lampedusa

Es ist die Schlussszene des Films „Der Leopard“, der die Faszination dieses Epos ein ums andere Mal zu übertreffen scheint. Die versammelte Gesellschaft gibt sich im Reigen dem eigenen Verfall, des Wegschauens und Wegduckens hin. Man ist höflich-höfig distanziert. Man kennt sich, weiß wen man mag und braucht. Bloß nicht verändern. Opulente Ausstattung, begnadete Schauspieler, eindringliche Bilder.

Doch ist das das Sizilien, das den Besucher mit überbordender Wärme empfängt? Ja. Nur anders. Im Film, und vor allem im Buch ist es ein Sizilien, das von einem Mann beschrieben wird, der genau in diesen Kreisen erwachsen geworden ist. Giuseppe Tomasi di Lampedusa gehörte zum Hochadel der Insel. Als er geboren wurde, war Italien schon eins. Zumindest auf dem Papier. Die Vielstaaterei war „nur noch in den Köpfen“. Aber da saß sie noch fest im Sattel.

Autor Jochen Trebesch begibt sich auf Spurensuche. Bis ins kleinste Detail seziert er den Werdegang des großen sizilianischen Schriftstellers, der immer noch mit nur einem Roman ein Ganzes abbildet, das bis heute ein Rätsel bleibt. Sizilianer als stur und veränderungsunwillig abzutun, träfe niemals komplett den Kern. Sofern dem Unterfangen Sizilien umfassend zu verstehen überhaupt Erfolg beschieden werden kann.

Immer tiefer taucht mit dem Text in ein Leben ein, das so weit entfernt liegt wie Schneesturm in Palermo. Und immer verfestigt sich der Gedanke, dass das Leben des Schriftstellers mehr Symbolgehalt hat als man anfangs dachte. So vollzieht sich im Laufe des Lesens ein Sinneswandel. Der goldene Löffel, der dem kleinen Giuseppe schon in der Wiege im Mund steckte, versperrte ihm nicht die Sicht auf die Umwälzungen, die seinem Land bevorstanden. „Il Gattopardo“, wie „Der Leopard“ im Original heißt und auf das Wappen der di Lampedusa zurückgeht, ist die perfekte Symbiose von erstarkender Vorstellungskraft und Biographie der eigenen Familie.

Die Fotografien in diesem Buch stammen von Angelika Fischer. Die Wahl für Schwarz-Weiß hätte nicht besser sein können. Denn nur so kommen die Kontraste erst zur Geltung. Kein quitschbunter Farbenrausch, der die Stimmung ins gewöhnliche rauschen lässt. Sondern konzentrierter Fokus auf das Objekt. Das Buch mag auf den ersten Blick dünn erscheinen. Doch sein Inhalt ist lehrreicher als so mancher Pageturner, der nach 500 Seiten nur noch als dekorativer Schnickschnack im Bücherregal herhalten kann.

Mama Day

Liest man „Mama day“ wie einen Reisebericht, ist man im Nu bereit alles stehen und liegen zu lassen, um den Süden der USA zu bereisen. Und sei es nur, um zu erkunden, ob es hier denn wirklich so aussieht wie es beschrieben ist. Denn hier muss das Paradies sein.

Liest man „Mama Day“ mit dem gebührenden Respekt für Schicksale, rührt einen die Geschichte zu Tränen. Eine Insel, zu Louisiana gehörend, die wahrhaft zu einem Paradies geworden ist für diejenigen, die unter der Knute ihre Herren, Jahrzehnte, Jahrhunderte litten.

Liest man „Mama Day“ ganz unvoreingenommen, hat man alles richtig gemacht. Die Erzählkunst ist überwältigend und findet kein Ende. Der Anfang prasselt wie ein erfrischender Regen überfallartig über einen herein. Und zwischendrin ist Cocoa. Wie jedes Jahr verbringt sie den Sommer nicht im stickigen New York, sondern auf der Insel Willow Springs. Hier herrscht mit Strenge und Sanftmut Mama Day – womit klar sein dürfte, dass es sich bei diesem Buch nicht um das erbarmungswürdige Winseln nach einem passenden Muttertagsgeschenk handelt, womit aber nicht gesagt ist, dass dieses Buch kein ideales Muttertagsgeschenk ist.

Sommer in Willow Springs – das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Doch dieses Jahr ist alles anders. George ist mit von der Party. Cocoas Freund. Und mit ihm schwindet die sorgenfreie Zeit auf der Insel auf sonderbare Weise.

Irgendwo zwischen Mystik und knallhartem Überlebenskampf findet das buch seine Mitte. Beharrliche Legenden der Vergangenheit reißen alte Wunden auf und bilden neue Narben. Mama Days Großmutter scheint der Schlüssel zu allerlei aufgeworfenen Fragen zu sein. Denn das Problem ist, es gibt nicht nur eine Legende. Im Dutzend billiger – vereint im Mythos, dass vor ewigen Zeiten hier ein Mord geschah. Hinterhältig, kalkuliert, bedacht. Aber warum soll man in alten Wunden wühlen, wenn das Ergebnis für die meisten ertragbar ist?

Gloria Naylor ist die Neuentdeckung der vergangenen Jahre. Mit einem Fingerschnipp reißt sie den Leser in eine Welt über die wenig bekannt ist. Black community kann man es nennen. Zur Vereinfachung der Sachlage sicher nicht der schlechteste Ansatz. Dennoch ist dies weniger von Belang als man annimmt. Denn Neid und Missgunst sind community-übergreifend. Nach „Die Frauen vom Brewster place“ und „Linden hills“ beweist die Autorin eindrucksvoll, dass einfühlsame Literatur immer wieder kehrt und niemals eine bloße Modeerscheinung ist.

Europa erlesen – Leipzig

„Mein Leipzig lob’ ich mir, es ist mein klein Paris“ – ach, immer nur Paris, Paris, Paris, wenn es um Europa geht. Schon olle Goethe wusste die Metropole im Herzen Deutschlands zu schätzen. Wobei viele der Meinung sind, dass er dabei vor allem die lukullischen Spezialitäten im Allgemeinen, und die alkoholischen im Speziellen meinte. Dennoch ist es so, dass wer Leipzig nur einmal besucht, schon vor der Abreise den nächsten Aufenthalt im Kopf hat.

Das ist keine Erfindung der Moderne. Vielmehr ist es so, dass schon vor Jahrhunderten die Stadt von den modernsten Köpfen in den allerhöchsten Tönen gepriesen wurde. Nachzulesen in diesem Büchlein. Das hellblaue Exemplar der „Europa-erlesen-Reihe“ prahlt mit der bekannten Namensliste der Autoren, die sich im Laufe ihres Lebens mit Leipzig auseinandergesetzt haben. Und das beginnt nicht nur bei Goethe, und hört ebenso noch lange nicht bei ihm auf.

Wer die Inschrift des Leipziger Gewandhauses liest, die übersetzt „Reine Freude ist eine ernste Sache“ (Seneca, 5 v. Chr – 65 n. Chr.) kommt dem Kulturverständnis der Stadt schneller auf die Spur als er einatmen kann. Ja, das Masurleum, wie der Kabarettist Bernd-Lutz Lange, gebürtiger Ostsachse und leidenschaftlicher Leebz’scher, das berühmteste Wahrzeichen der Stadt nennt, ist der Stolz der meisten der über sechshunderttausend Einwohner. Auch nach vierzig Jahren nach dem Neubau – viele Beiträge im Buch erzählen von den Hindernissen des fast unmöglichen Vorhabens – ist es immer noch ein Synonym für Moderne. Und so geben sich hier in diesem Buch namhafte Größen die Klinke in die Hand. Brecht forderte in einem Brief an Therese Giehse einen Generalintendanten für die Stadt – die Giehse könne das doch machen?!. Lotte Lenya berichtet von Tumulten während und nach einer Aufführung („Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“). Uwe Johnson staunt über den gewaltigen Bahnhof, der ja eigentlich aus zwei miteinander verbundenen Bahnhöfen besteht. Erich Kästner bezeichnet Leipzig als Märchenhauptstadt, und das als gebürtiger Dresdner (die Rivalität zwischen den Städten ist nicht so ausgeprägt wie beim Fußballduell zwischen Dortmund und Schalke, dennoch vorhanden).

Man blättert und blättert und kommt nicht umhin zu sagen, dass, wenn es so viele Leute so gut mit der Stadt meinen, dass da irgendwas dran sein muss an dieser Stadt. Also nichts wie hin … aber Vorsicht: Nicht vergessen dieses kleine Büchlein ins Handgepäck zu nehmen.

Bayerischer Wald

Europas größtes zusammenhängendes Waldgebiet – das ist der Bayerische Wald. Und was fängt man als geneigter Besucher nun mit dieser Information an? Während man noch überlegt, drängt sich einem dieser Reiseband förmlich auf. Gelb wie die Sonne zeigt er, das satte grün der Wälder, eingerahmt vom milden Blau der Flüsse Ilz, Regen und natürlich der Donau. Dann tauchen auf der Karte namhafte Städte wie Regensburg und Passau auf. Auch die Stadt Cham, bei der sich immer noch viel den Kopf zerbrechen, ob das Ch doch wie ein K gesprochen wird. Und unmerklich ist man vom Reisefieber infiziert. Diese Infektion ist ansteckend. Ob dieser Band als Impfschutz angesehen werden kann, ist zu bezweifeln, denn er schürt die Lust den Bayerischen Wald zu besuchen.

Sabine Herre hat die Wanderschuhe geschnürt, die Sinne geschärft und nimmt mit ihrem Reiseband den Leser mit auf eine Reise, die ereignisreich zu werden verspricht.

Wer sich vorgenommen hat, demnächst, schon bald oder in der Zukunft in den Bayerischen Wald zu reisen, bekommt hier mehr Informationen geboten als so mancher Einheimischer in der Lage ist zu geben. Umfassend, klar gegliedert, kompakt und dabei nichts auslassend – so muss ein Reiseband sein. Und so ist er auch!

Das schon erwähnte Cham erinnert wegen seiner Lage fast an ferne Welten. Viel Wasser, viel Wald, viel Geschichte. Da muss man aufpassen, dass man nichts verpasst. Ein Blick ins Buch, noch ein Blick, und man ist gewappnet für eines von vielen Erlebnissen während des Aufenthalts im Bayerischen Wald.

Beim Vorher-Herumstromern verleiten Karten, Fotos und farbig abgesetzte Infokästen zum innehalten. Das sind die eigentlichen Stars des Buches. Denn sie geben dem Leser das Gefühl sich schon vor der Reise genug angeeignet zu haben, so dass man vor Ort „nur noch gucken muss“.

Die Grenzen des Bayerischen Waldes sind strenger gesetzt als die im Buch. Ein wenig über den Tellerrand (Waldesrand) wagt sich die Autorin mit ihren Reisetipps für Passau, Straubing und Regensburg. Näher ist da schon der Böhmerwald. Das ist dann schon Tschechien. Aber auch hier ist man eigentlich noch im Bayerischen Wald. Wobei das hinter der Grenze sicher genau umgekehrt gesehen wird. Aber solche Fragen stellt man sich nicht, wenn man die volle Packung Bayerischer Wald genießen kann. Doch das geht nur mit dieser Pflichtlektüre.