Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Rote Erde

Die Geister, die ich rief … die wurde Elihu Willsson nicht mehr los. Ihm gehört Personville, was man auch gern Poisonville nennt. Warum, das wird der Privatdetektiv ohne Namen schon noch erfahren. Er erfährt es kurz nachdem der Termin mit Donald Willsson, der Sohn von Elihu Willsson, den kurz zuvor noch einmal bestätigten Termin platzen ließ. Zur Ehrenrettung des potentiellen Auftraggebers – Donald Willsson – muss man aber sagen, dass er eine verdammt gute Entschuldigung hat. Er ist tot! Erschossen!

Nun schlendert der Ich-Erzähler und Privatdetektiv zusammen mit Bill Quint, Gewerkschafter der alten Schule, durch den Ort – Personville – der den Willssons gehört. Ihnen gehört die Mine, die Zeitungen, einige Politiker … einfach alles. Der Traum eines skrupellosen Geschäftsmannes. Vor Jahren kam es – und hier kommt man dem Ursprung nach der schleichenden Umbenennung des Ortes in Poisonville auf die Spur – zu Aufruhr unter den Arbeitern. Sie wollten sich nicht mehr alles gefallen lassen. Ein harter Arbeitskampf war die Folge, aus dem die Arbeiter als Sieger hervorgingen.

Jahre später wendete sich das Blatt. Willsson senior ließ seine Muskeln spielen. Die Fabrik wurde geschlossen, die Zugeständnisse wurden zurückgenommen. Es drohte ein Streik. Es kam zum Streik. Monatelang. Dann wurde es dem harten Hund zu viel. Er schickte Streikbrecher, sogar die Armee rückte an. Was letztendlich half, waren bezahlte Schläger. Die brachten wieder „Ordnung und Ruhe“ in das trostlose Personville. Doch die Banden blieben. Sie hatten für Ordnung gesorgt, also gehört ihnen jetzt die Stadt – so ihre verquere Logik. Und seitdem ist Personville nicht nur äußerlich keine Schönheit, sondern auch im Inneren ein Paradebeispiel für Verkommenheit erster Kajüte. Wohl deswegen wollte Donald Willsson wohl mit dem Schnüffler aus dem fernen San Francisco reden. Ist nur eine Vermutung.

Allein das Setting dieses Klassikers, die schnörkellose Sprache, das bedrohliche Fortführen dieses Ansatzes lassen dem Leser keine andere Wahl als sich in den Seiten des Buches einzuigeln. Ja, es ist kein Blümchenpflücken, und ein happy end ohne Blessuren scheint es wohl auch nicht zu geben. Dieser namenlose Ermittler jedoch ist mit allen Wassern gewaschen, die wiederum werden die Schuld, die er noch auf sich laden wird nicht hinfortschwemmen können. Es wird hart, fies, selbstgerecht, blutig … bis die Erde rotgetränkt ist.

Hier und anderswo

Man spürt es ab der ersten Seite, ach was, aber der ersten Zeile: Thomas Michael Glaw reist gern. Und oft. Und er kann viel erzählen. Nicht über das, was man sehen muss, was jedem früher oder später vor die Augen kommt, sondern über das, was man suchen muss und finden kann. Und vor allem über das, was zu beachten ist. Reiseimpressionen mit Lerneffekt. Doch so statisch sollte man dieses kleine Büchlein nicht angehen. Es ist eine Art Hilfestellung für Reisenovizen wie alte Hasen, die über diejenigen lachen, die Catania in Spanien oder Griechenland verorten (die gibt es wirklich! Und das nicht zu knapp!).

Hier sind sie also die gesammelten Impressionen (Auszüge davon) eines Reiselebens. Von München nach Wien im Flieger? Niemals. Im Zug reist man entspannter, und auch nicht viel länger, wenn man die Eincheckzeiten und die Fahrten zum und vom Flughafen einberechnet. Und mit der ÖBB sogar pünktlich, freundlicher … einfach entspannter. Reisen als Sinnesrausch im positiven Sinn. Denn auch eine Zugverspätung kann eine Reise in einen Rausch verwandeln – Stichwort Blutrausch.

Wiens erster Bezirk hat für ihn den Rausch der Vergangenheit gegen die Tristesse des Übers eingetauscht. Übervolle Straßen, übermäßig viele Verkäufer, die überteuerte Tickets verkaufen, überall nur Touristen, die überhaupt kein echtes Wien mehr ans Tageslicht kommen lassen. Dennoch sind Wien und seine Cafés immer noch berauschend. Es sind halt nur andere Cafés, wo man sich zur morgendlichen Stunde Gazetten und Braunen einverleiben mögen möchte.

Südspanien im Winter ist ein feuchtes Vergnügen. Manchmal auch ein feuchtfröhliches, wenn man der Sprache nicht mächtig ist und aus Versehen etwas bestellt, was einen übermäßig beansprucht.

Roma als Amor zu verstehen, fällt leicht, wenn man die Ewige Stadt einmal besucht hat. Oder mehrmals. Die Stadt für sich allein hat man niemals. Es sei denn, man besucht einen Friedhof. Doch auch da ist Achtsamkeit angeraten. Furbo und Pignolo können einem manchmal ordentlich auf die Nerven gehen oder gar die letzten Reste davon rauben. Der Eine mogelt sich durch (und kommt damit auch immer durch), der Andere ist ein Pedant, den man so in Italien gar nicht vermutet. Eine köstliche Charakterstudie des Autors.

„Hier und anderswo“ ist ein kurzweiliges Lesevergnügen für alle, die Bestätigung suchen und/oder vor der Entscheidung stehen in alle Himmelsrichtungen zu flüchten. Knigge-Fallen lauern überall (da ist es wieder, dieses „über“), nicht hineinzutappen, ist die Kunst. In diesem Büchlein die Fallen zu erkennen, sie umschiffen zu können, ist keine Kunst, es ist fast schon eine Pflicht.

Die leuchtende Pyramide

Wie erzeugt man wahren Schauer? Für Arthur Machen ist die Frage scheinbar mit einem Handstreich zu beantworten: Zwei Männer treffen sich im düsteren London. Sie sind alte Freunde, die sich gern der Literatur widmen. Ihr Gespräch kommt auf den Aberglauben der englischen Landbevölkerung, dem Glauben der Waliser an Elfen und ein verschwundenes Mädchen. Machen gibt noch ein Prise Diebesserie hinzu und lässt die beiden Männer sind in den endlosen, dunklen Wäldern außerhalb Londons herumtreiben. Sie sind wahrhaft phantasiereiche Männer, lassen sich gern in ihren Gedanken treiben. Die Großstadt ist ihnen im Innersten zuwider. Zu viel von allem. Vor allem aber zu viele Reize – in jeder Hinsicht und in einer ganz besonders. Einen Ausweg .. einen Ausweg kennen sie nicht.

Die titelgebende Geschichte „Die leuchtende Pyramide“ entstand Ende des 19. Jahrhunderts. Arthur Machen war auf seinem schöpferischen Höhepunkt. Vaughan, einer der beiden Männer begegnet Augenpaaren, die sich sprunghaft in einer Mauer vermehren. Das kann einem schon den Tag versauern, wenn man zart besaitet ist. Und um sein Hab und Gut fürchtet. Und dann ist da noch diese Geschichte mit dem verschwundenen Mädchen – ach, es ist zum Haareraufen. So herrlich schaurig!

Fünf weitere Geschichten folgen, darunter auch „Die Kinder des Teichs“, zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlicht. Hier sind Andeutungen und Vermutungen, Stimmen die Triebfeder den Erzählungen von Meyrick – da ist er wieder, der Name ist Machen-Lesern wohl bekannt – weiter zu folgen. Raus aus der Stadt, rein in die weite Natur. Bis alte Freunde auftauchen und von ihren für alle unverständlichem Erscheinungen berichten.

Arthur Machen versteht es vorzüglich dem Leser das Blut in den Adern gefrieren zu lassen, bloß mit der Macht der Phantasie. Hier sind keine blutrünstigen Racheengel unterwegs, die ihre Hauer ins gepeinigte Fleisch des Schuldigen rammen. Hier wird sehr subtil ein perfides Spiel mit den Sinnen getrieben. Alles ist greifbar und dennoch bekommt man die Teufel nicht zu fassen. Es sind die Teufel, die im eigenen Körper, vor allem aber im Kopf ihr Unwesen treiben. Das schlechte Gewissen? Ha, da freut man sich doch, wenn man selbst davon verschont bleibt und sich am Leid der Anderen laben kann. Literarisch gesehen, natürlich!

Regensburg

Regensburg ist eine dieser vielen kleine Perlen, die man sofort wieder erkennt, wenn man ihren Namen hört. Und doch sind sie nicht die erste Wahl bei Suche nach dem nächsten Urlaubsort. Als Ausflugsziel für ein langes Wochenende sind sie im Allgemeinen und Regensburg im Speziellen fast schon ein Ideal an Erlebniskultur erster Klasse.

Das meint auch Reisebuchautor Christoph Schmidt. Die knapp zweihundert Seiten seines Reisebuches über Regensburg ist vollgepackt mit Erlebnissen, die schon vor der Abreise Appetit auf mehr – auf viel mehr – machen. Und schon die Anreise sorgt für die erste Überraschung. So nah an der Autobahn – und dennoch nicht zu nah – ist kaum eine Stadt. Runter vom modernen Fernweh-Highway und schon ein paar Minuten später findet man sich in einer Kulisse wieder, die mehr Substanz hat als man vermutet. Klar, Donau und Dom sind die weithin sicht- und spürbaren Eckpunkte, die die Orientierung in der einhundertfünfzigtausend Einwohner zählenden Stadt erleichtern. Doch sind sie nicht mehr und nicht weniger als der Beginn einer Reise, die man schnellstmöglich fortsetzen möchte.

Mit Bedacht schreitet man durch die Rokoko-Pracht bei St. Kassian. Der Platz davor ist eine Einladung, um das Auge in alle Richtungen schweifen zu lassen. Christoph Schmidt nimmt sich viel Zeit, um mit dem Leser gemeinsam Details zu suchen und zu erforschen. Dafür ist Regensburg wie gemacht! Und es geht weiter. Im Buch. Ein farbiger Kasten nimmt die Straßenbezeichnungen genauer unter die Lupe. Fröhliche Türken, weiße Lilien, Viereimergasse – man muss vielleicht nicht immer alles suchen. Aber wenn man etwas findet, sollte man nicht die Stirn in Falten legen, sondern ad hoc wissen, wo man nachfragen kann. Die Antwort lautet: Hier, in diesem Buch!

Regensburg ist reich an Histörchen – klar bei dem Alter. Und alles so hübsch und ansehnlich präsentiert. Doch erst bei genauerer Betrachtung kommen die wahren Schätze ans Tageslicht. Immer wieder ist man geneigt die Nase gar nicht mehr aus dem Buch zu nehmen, was fatal wäre. Denn so detailreich das Buch auch ist, die Stadt ist es wert.

Auch kulinarisch. Ob nun die berühmten Bratwüste – ein Muss – oder der ausgiebige Mittagsbraten, auch hier weiß der Autor genau, wo man sich niederlässt, um sich typisch regensburgerisch verwöhnen zu lassen. Egal, ob der Trip nun ein Wochenende oder eine ganze Woche dauert, für jede Dauer des Besuches hält dieses Buch etwas bereit. Ohne diesen Reiseband ist man vielleicht nicht verloren in Regensburg. Aber man verpasst garantiert so manches Highlight, das sich gern im Verborgenen hält, um den wahrhaft Neugierigen vorbehalten ist.

Warum die Giraffe nicht in Ohnmacht fällt

Was ist das ideale Haustier, wenn man auf die Nebenkosten achten muss? Der Grönlandhai. Er isst nicht mehr als zwei Kekse pro Tag und das leidige Problem leidender Kinder, wenn das geliebte Haustier stirbt, ist von vornherein vom Tisch – der Hai kann hunderte Jahre alt werden. Und er entwischt auch nicht so schnell. Er ist ein Langsamschwimmer. Blöd nur, dass er ein riesiges Gehege, sprich Aquarium braucht. Und dass er unfassbar stinkt. Also doch nicht das ideale Haustier.

Wie wäre es mit einem Wombat? Schon Adorno wünschte sich für den Frankfurter Zoo einen. Doch der so unschuldig aussehende Meister Petz ist ein Meister der Täuschung. Trotz seines behäbigen Aussehens ist er verdammt schnell. Und mit seinem Hinterteil kann er sogar Knochen spalten. Auch nichts fürs Kinderzimmer.

Mit diesen zwei Gesellen eröffnet Katherine Rundell ihr fabelhaftes Buch über die faszinierende Welt der außergewöhnlichen Tiere. Die gaben schon Forschern und Märchenonkeln schon immer Rätsel auf. Dem Strauß wurde nachgesagt durch Anstarren des Geleges dieses auszubrüten. Und Giraffen waren in der Antike eine Mischung aus Kamel und Leopard…

Die Autorin wühlt sich durch die Missverständnisse der Geschichte und kramt so allerlei Kurioses wieder hervor. Ein Fest für alle Anekdotensammler, die sich bei gepflegter Konversation nicht zu schade sind endlose Bonmots zum Besten zu geben. So herrlich altmodisch, dass es schon wieder modern ist. Die Kapitel sind ausreichend lang, und dabei in ihrer Kürze so angenehm zu lesen, dass es sich lohnt immer mal wieder die Seiten durchzublättern. Wenn man früher auf dem Schulhof die Witze der Sketchsendung vom Vortag zu Besten gab, ist man nach dieser Lektüre in der Lage minutenlang im Kollegenkreis mit wahrhaftem Wissen die Anwesenden in seinen Bann zu ziehen.

Warum denn nun die Giraffe nicht in Ohnmacht fällt, die Antwort auf diese Frage muss man sich selbst erlesen. Köstlicher Lesespaß ohne dabei an den Rand des Profanen zu kommen. Dieses Buch muss man lesen, und sollte man großzügig weiter verschenken.

Der geheime Glanz

Die Schule ist für Ambrose Meyrick kein Zuckerschlecken. Die Gebühren für die Privatschule werden ihm nur dann zur Last gelegt – sprich man erinnert ihn daran, dass er doch ein solch gute Ausbildung genießen darf und deswegen sich jedweder Regel zu beugen hat – wenn er mal wieder aus der Reihe tanzt. Und Meyrick tanzt gern und vor allem oft aus der Spur. Geschichte, Mythologie, Architektur – das interessiert ihn. Sport hingegen weniger. Doch der wird als Teambuilding-Maßnahme angesehen. Die Suche nach dem heiligen Gral, Wissen, ist für ihn eine Tortur sondersgleichen.

Arthur Machen verarbeitet in seinem Roman von 1908, der erst 1922 veröffentlicht wurde, seine Erfahrungen mit dem englischen Schulsystem. Auch ihm lagen Abschweifungen näher als der Fokus auf den geradlinigen Wissensstrang. Das Ergebnis: Arthur Machen gilt als Begründer des mystischen Romans, der Schauergeschichten. Leider ist er – und bestimmt nicht wegen seiner Abschweifungen – ein wenig in Vergessenheit geraten.

Die Werkausgabe aus dem Elfenbein-Verlag verhilft ihm wieder in den Rang aufzusteigen, der ihm zusteht. Allein schon die Aufmachung der sechsbändigen Reihe lässt das Herz eines jeden höher schlagen, der Gänsehaut nicht nur bei Temperaturschwankungen empfindet, sondern beim Lesen sich in eine Welt versetzen lassen kann, die nur der Phantasie entspringt.

Man taucht mit jeder Seite in eine Welt ein, die längst vorüber gezogen scheint. Nur in Ansätzen sind der Wissensdurst und die Bruderschafterei noch heute erkennbar. Doch Machen gibt in „Der geheime Glanz“ denjenigen Mut mit auf den Weg, die sich in der Figur des Ambrose Meyrick selbst erkennen mögen. Ein Träumer ist dieser Meyrick nicht. Ein Phantast vielleicht. Ein Schwärmer auf alle Fälle.

Arthur Machen lässt keine Peitschen knallen oder Pistolen die Nachtstille zerreißen. Detailliert lässt er den Leser am Unheil seiner Protagonisten teilhaben. Jede noch so winzige Kleinigkeit, die der Held erlebt, in sich trägt oder erfahren muss, wächst sich zu einem gigantischen Berg des Unmuts heraus, so dass – wie im Fall des Ambrose Meyrick – diesen nur ein Ausweg als möglich erscheint. In „Der geheime Glanz“ durchaus sehr drastisch, dennoch nachvollziehbar. Wer Empfindungen nicht nur als Signal wahrnimmt und sich in Menschenseelen hineinlesen kann, der kommt an Arthur Machen, und schon gar nicht an „Der geheime Glanz“ vorbei.

Nachtdiebe

Es ist schon seltsam wie manche Bücher entstehen. Bodo Kirchhoff bedient sich dieses Mal bei sich selbst, beim Roman „Der Sandmann“. Und schöpft den Rahm seiner Handlung noch einmal ab, um daraus die Novelle „Nachtdiebe“ zu kreieren.

Quint und sein Sohn Julian sind zum ersten Mal gemeinsam auf Reisen. Nach Tunis – sicher nicht das erste Ziel, wenn man den einen aufregenden Roman schreiben will. Doch Bodo Kirchhoff schafft es mit Leichtigkeit dieser alten Stadt die Ehre zu erweisen und webt eine Geschichte aus mehr als nur tausendundeiner Nacht.

Quint stiehlt sich hinaus in die Dunkelheit seines eigenen Lebens. Als Lichtkegel an seiner Seite sein Sohn, der ihm ein ums andere Mal auf den Boden der Tatsachen zurückholen kann. Und Quint hat wahrlich Hilfe nötig. Christine, seine Frau ist beruflich in Paris. Und Quint kann nach Helen suchen. Sie war das Kindermädchen von Julian. Und von einem auf den anderen Tag verschwunden. Eine Postkarte ließ Quint aufbrechen. Die Karte von Helen war kurz und sachlich. Es gehe ihr gut. Sie ist am Leben. Und sie ist auch persönlich. Sie wünscht allen nur das Beste.

Und Quint? Was wünscht er sich? Helen? Christine? Julian! Klar. Aber mit wem zusammen? Helen wollte nie das, was nur Christine zustand – ein wunderbarer Satz, der die Tragweite des Themas mit wenigen Worten einfängt.

Quint ist in Tunis. Er findet das Hotel, in dem Helen arbeitet. Aber sie ist schon wieder weiter gezogen. Quint bleibt trotzdem. Die Wirtin des Hotels, Melrose, eine Reminiszenz an vermeintlich bessere Zeiten, sieht in ihm mehr als nur den einen Gast. Und Quint hat auch so manche schwache Minute. Und dann ist da noch Dr. Branzger. Der weiß mehr als er zugibt. Er kennt Helen auch. War hinter ihr her, wenn man das einmal so schnöde sagen darf. Und in einem schwer erreichbaren Versteck sind Helens Aufzeichnungen. Die will, die muss Quint lesen…

Allein schon die Wahl der Namen ist richtungsweisend. Quint – ein außergewöhnlicher Name. Ruhig, besonnen, nachdenklich, kalkulierend, zurückhaltend. Helen – Verheißung anmutend, fremd und nah zugleich. Dr. Branzger – so heißt niemand, der sich mit Wohlgefallen Freunde macht. Und Melrose – Phantasie, träumerisch. Daraus formt Bodo Kirchhoff mit dem ihm eigenen Stil eine Phantasiewelt, die sich in ihren Grundfesten nicht erschüttern lässt. Hier und wackelt es zwar ordentlich im Gebälk, doch aus den Angeln wird sich diese Welt nicht so schnell heben lassen.

Der dünne Mann

Als Leser hätte man es eigentlich wissen müssen: Kaum fünf Kapitel gelesen und schon steckt man im tiefsten Leseschlamassel. Nichts mit sich langsam in die Geschichte einführen lassen, die Figuren kennenlernen. Wie Pistolenschüsse wird man niedergestreckt und ist unversehens ein Teil der Geschichte.

Nick Charles war mal Privatdetektiv, in New York. Bis 1927. Dann heiratete er Nora, die dank einer Erbschaft die wahre Bedeutung von Arbeit nicht kennen muss. Und Nick genießt das Leben mit ihr, neckt sie, dass er sie nur geheiratet habe, um mit ihr das Erbe durchzubringen. An ihrer beiden Seite ist Asta, das Schoßhündchen, das nur allzu gern sein Herrchen in den Bauch boxt.

Zwischen Drinks und … eigentlich nichts, also zwischen mehreren Drinks holt Nick Charles die Vergangenheit ein. Zuerst macht er die Bekanntschaft von Dorothy, die ihm sagt, dass er sie kenne. Ihr Vater Clyde war mal Klient von Nick, damals er noch Detektiv war. Sie wolle ihren Vater wieder sehen. Seit ihre Mutter wieder geheiratet hat, darf sie Clyde Miller Wynant nicht mehr sehen. Ist wohl auch besser so. Denn Clyde ist ein verschrobener Kerl. Kurze Zeit später meldet sich auch Herbert Macaulay bei Nick. Er ist der Anwalt von Clyde Wynant. Auch er suche nach Clyde, der zu einem wichtigen Termin nicht auftauchte. Und am Tag darauf ist Julia Wolf tot. Sie war die Sekretärin von Clyde Wynant, und sicher noch ein bisschen mehr. Wie gesagt, fünf Kapitel, nicht einmal dreißig Seiten und schon steckt man in einem Fall, von dem man jetzt schon weiß, das niemals alles so sein wird, wie es scheint. Schon gar nicht als Dorothy tränenüberströmt auftaucht und Nick eine Pistole übergibt. Die habe sie in einer Bar gegen ihr Diamantarmband getauscht. Das, was sie am Handgelenk trägt, fragt Nick Charles lakonisch…

Es beginnt die Suche nach Clyde Wynant. Ja, er ist ein Typ, mit dem man ungern Probleme teilt. Und seine Ex erst. Mimi. Die führt immer was im Schilde, glaubt man Herbert Macaulay. Aber der muss das ja sagen, ist schließlich der Anwalt von Clyde Wynant. Und dann ist da noch die Sache von damals, als der Erfinder Clyde Wynant des Diebstahls bezichtigt wurde. Und die Sache mit Mimis Neuem. Der macht sich wohl an Dorothy ran. Deswegen die Knarre.

Nick Charles wollte eigentlich nur Weihnacht in New York verbringen, zusammen mit Frau und Hund, ein bisschen Christmas shopping. Ein paar Drinks (zu viel), entspannt im Hotel herumliegen, essen, trinken, shopping. Dashiell Hammett lässt ihn gewähren, doch gibt ihm gleichzeitig noch jede Menge Denksport mit auf den verkaterten Weg. Ein Klassiker, ein Wegbereiter des noir. Der Wortwitz und die Rasanz lassen die Zeit wie im Flug vergehen.

Amerigone

Zimmer 1503 des Hilton in New York. Hier wartet der Manager Parker Saturn auf Iwan Rubleski vom Westküstenbüro seiner Firma. Er kennt ihn nicht, hat nie von ihm gehört. Was auch nicht verwunderlich ist. Namen kommen und gehen. Sie sind alle austauschbar. Die Maschinerie läuft auch ohne Namen. Dessen ist sich Parker Saturn – was eine Name! – bewusst. Erspielt das Spiel mit. Hat ein riesiges Haus, zwei entzückende Kinder – one of a kind – und eine umwerfende Ehefrau. Die perfekte Managervita. Und nun sitzt er in Zimmer 1503, das er für zwei Tage mieten musste, und wartet auf einen Mann, der in etwa dasselbe macht wie er. Nur halt am anderen Ende der Staaten. Parker Saturn ist bestens vorbereitet. Hoffentlich ist das Iwan Rubleski auch.

Es klopft. Rubleski ist endlich da. Groß wie Parker, aber bedeutend wuchtiger in den Ausmaßen zu den Seiten hin. Extrem blond, extrem blauäugig, was die Farbe der Augen betrifft. Und er legt gleich los. Wie toll doch alles sei. Der Markt ist willig, bereit, um abgeerntet zu werden. Wie wäre es, wenn Parker ihm nach dem Meeting die Stadt zeigt? Er kennt New York noch nicht. Erstmal Frühstück. Parker ist ob der Rasanz in Rubleskis Entscheidungen ganz baff. Das Frühstück kommt. Sieht gut und reichhaltig aus. Iwan Rubleski unterhält sich ein bisschen mit dem Jungen, der das Frühstück brachte, fragt ihn nach seinen Zielen, wo er herkommt etc. Smalltalk und ein bisschen oberlehrerhaft. Und Dominic, der Zimmerkellner, antwortet pflichtbewusst – es ist das letzte, was er sagen wird. Denn ohne Vorwarnung stürzt sich Rubleski auf den ahnungslosen Burschen und sticht ihn ab. Sein Puls bleibt dabei offensichtlich im grünen Bereich. Ganz im Gegenteil zum Puls von Parker Saturn! Der ist nun derjenige, dessen Körper komplett in Erregung und Starre zugleich verfällt.

Kurze Zeit später erklärt Iwan Rubleski ihm, warum … nein, nicht warum er den Kellner erstochen hat … sein Idee vom Raubtierkapitalismus. Wobei in seinen Augen das Raubtier den Ton angibt. Rubleski gefällt die Verkommenheit und Bigotterie der amerikanischen Gesellschaft. Und er genießt sie in vollen Zügen…

Dem Gesetz der Dramatik folgend müsste hier eigentlich Schluss sein. Das Drama hat seinen Höhepunkt erreicht. Der Tod als Höhepunkt einer sich langsam anbahnenden Katastrophe, der keiner entkommen kann. Bei Mark SaFranko ist es der Beginn einer Odyssee, die mit dem Mord an dem Zimmerkellner nur einen ersten Anstieg erfährt. Die Klimax ist noch mehrere hundert Seiten entfernt. Da kommt was auf den Leser zu! Die Selbstverständlichkeit mit der der irre Iwan seine Ideen umsetzt – ob nun lange im Voraus geplant oder spontan – erschrickt und fasziniert zu gleichen Teilen. Und nach jedem Umblättern fragt man sich unwillkürlich, was sich der Autor als nächstes einfallen lässt. Nur so viel sei verraten – langweilig wird’s nicht!

Die Erfindung des Lächelns

Das war schon ein Ding, damals 1911, da hing die Mona Lisa einfach nicht mehr da, wo sie nach Meinung aller zu hängen hat. Im Louvre in Paris. Sie war gut versteckt, aber eigentlich greifbar. Vincenzo Peruggia, Glaser, der kurz zuvor die Scheibe, die das wertvollste Gemälde der Welt schützen soll, ausgetauscht hatte. Er kannte sich bestens aus. Drei Jahre später hat man ihn gefasst, das Gemälde zurückgebracht und alle waren zufrieden. Eine Legende war geboren. Doch warum Peruggia da Vincis Werk klaute, ist bis heute ein Rätsel. So ist die Geschichte. Ist hinlänglich bekannt. Kann man in mehr oder weniger langen Versionen nachlesen.

„Die Erfindung des Lächelns“ ist der historische Roman zu dieser Geschichte. Tom Hillenbrand ist der Autor, und er vermeidet es kunstvoll dieser dramatischen Geschichte sinnfreie Fakten oder gedankenlose Spinnereien hinzuzufügen.

Juhel Lenoir ist der Ermittler in diesem Fall. Er bekommt Druck von allen Seiten. Das berühmteste Gemälde der Welt – einfach gestohlen. Da erwartet jeder(!) schnelle Resultate. Doch wie soll das gehen? Einfach mal bei Picasso nachfragen, „na, was gesehen oder gehört?“. Das kann man doch nicht machen! Warum eigentlich nicht?! Auch Guillaume Apollinaire, der Dichterfürst ist mehr als nur verdächtig. Die Verbindungen zu einem ähnlichen Vorfall ein paar Jahre zuvor sind nun einmal da.

Mit wunderbar leichter Feder streift Hillenbrand die Vorhänge des Vergessenen zurück und führt den Leser auf die Weltbühne der Kunst vor reichlich einhundert Jahren. Isadora Duncan, die berühmteste Tänzerin ihrer Zeit und ihres reichlich durchgeknallten Gurus Aleister Crowley, bis heute gleichermaßen vergötterter wie verteufelter Satanist, treten ebenso auf wie die Herren, die die musikalische Untermalung aus dem manschettierten Handgelenk schütteln, Claude Debussy und Igor Strawinsky.

Die Haute Volée der Pariser Kunstszene versammelt sich in diesem Buch und prahlt leuchtend mit ihrer Reputation. Dass es nicht in Kitsch abgleitet und als belanglose „Noch so’n Buch über ein fast vergessenes Ereignis“-Persiflage auf dem Ramschtisch landet, dafür sorgt allein schon das Fachwissen des Autors. Penibel hat er sich in den Fall und vor allem in die Zeit eingearbeitet. Kleinste Details werden hier nicht aufgeplustert, sondern behalten ihren Status bei.

Ein Kriminalroman, der so echt ist wie das Lächeln der Mona Lisa. Hintergründig und fundiert. Immer wieder setzt man das Buch ab und lässt die Gedanken schweifen. Und sei es nur, um sich die Szenerie, die Straßencafés, die Ateliers vor Augen zu führen. Tom Hillenbrand ist ein Verführer, der die Romantik des Verbrechens – dieses Verbrechens – als Druckmittel zum Weiterlesen einsetzt.