Archiv der Kategorie: Urlaubslektüre

Mörderzeichen

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Sara Helbling war ein Engel. Sie war es. Denn nun ist sie tot. Erschossen. Eine Hand wurde ihr abgetrennt. Hat wohl der Mörder an sich genommen. Souvenir? Oder steckt mehr dahinter.

Max Noll, den alle nur Sokrates nennen, viele außergewöhnliche Fälle als Gerichtsmediziner zu untersuchen. Auf seinen Assistenten Nik hält er große Stücke. Sokrates ist ein Mann strenger Prinzipien. Jeden Morgen lässt er sich von Eva in ihrem Salon die Haare waschen und den Kopf massieren. Für ihn seine Geschichten schließt sie extra eine Stunde früher auf. Bei ihr kann er sich komplett fallen lassen, vertraut ihr sogar Dienstgeheimnisse. Denn Eva kann er vertrauen, sie hält dicht. Danach steigt er in die Tram und steigt generell eine Station später aus, um durch den Park zu laufen. Das bringt seinen Körper in Schwung.

Der Fall Sara Helbling wird ihn noch ein ganzes Weilchen beschäftigen. Sie saß an ihrem Sekretär und schrieb etwas. Sie muss ihren Mörder gekannt haben. Und so liebevoll wie er sein Opfer drapiert hatte, hatte auch er eine ganz besondere Beziehung zu ihr. Ein fast schon kryptischer Vers, den anscheinend der Mörder hinterlassen hat, gibt Kommissar Theo Glauser einige Rätsel auf.

Ein Rätsel kann sehr schnell gelöst werden: Wie das Schweizer Fernsehen an die Information kam, dass dem Opfer die rechte Hand abgeschnitten wurde. Ein mediengeiler Bestatter hat Maria Noll(!) den Tipp gegeben. Sie weiß aber auch, dass sie von ihrem Vater keinerlei inoffizielle Hilfe erwarten kann…

Dann geschieht ein weiterer Mord. Ein Architekt. Auch er wurde erschossen. Auch ihm wurde fachmännisch die rechte Hand entfernt. Auch bei ihm wurde eine kryptische Nachricht hinterlassen. Jedoch in einer anderen Handschrift. Haben die Opfer diese Nachricht selbst schreiben müssen?

Auch Maria recherchiert über die Morde. Auf der Suche nach dem Sinn der Texte stößt sie auf eine Studentenverbindung, in der das zweite Opfer Mitglied war. Das ist eine Ewigkeit her. Die beiden Opfer haben etwas gemeinsam, was aber bis hier nur der Leser weiß. Der Ex-Freund von Sara arbeitet im Unispital, dort war auch das zweite Opfer einmal „zu Gast“. Zugegeben ein schwaches Indiz, doch das erste Bindeglied. Leider wissen Behörden und Medien kaum etwas von den Ermittlungsergebnissen des anderen.

Wolfgang Wettstein hat zu diesem Zeitpunkt – wir befinden uns erst in der Mitte des Buches – eigentlich schon alles zusammen, um einen spannenden Krimi zur Vollendung zu bringen. Doch er will mehr. Mehr Verwirrung, mehr falsche Spuren, mehr geschickt versteckte Hinweise an den Leser. Und mehr Morde!

Es fällt schwer dieses Buch beiseite zu legen. Auch weil immer mehr Charaktere die Szene betreten und den Leser immer tiefer in den Strudel der Geschichte hineinziehen. Zürich als Heimat eines gerissenen Mörders, einer herzerfrischend neugierigen Journalistin und eines analytischen Ermittlers mit sympathischen Spleens wirkt durch die detailreichen Beschreibungen so nah und vertraut, dass man sich hier sofort zuhause fühlt. „Mörderzeichen“ ist eine mehr als lesenswerte Einladung in die Stadt an der Limmat.

Buchhandlung zum Goldenen Buchstaben

Buchhandlung zum goldenen Buchstaben

Eine Buchhandlung war, ist und – hoffentlich – bleibt ein Ort der Erinnerung und der Fantasie. Es ist der einzige Ort der Welt, an dem man ungestraft Träume kaufen kann. An den meisten dieser Traumverkäufer scheiden sich heutzutage eher die Geister als dass sie sich dort treffen. François Loebs Buchhandlungen in diesem Buch sind zweifelsohne der Sammelpunkt für Feingeister, witzige Geister und geistreiche Individuen.

Schon in der ersten Kurzgeschichte wird man in der Zeit zurückversetzt. Es gibt einen Informationstresen. Dort stehen die Neugierigen, nicht Kunden, Schlange. Sie wollen sich informieren lassen. Jemand hat eine Frage, sucht nach einem Buch, dessen Titel er noch gar nicht kennt, aber das Thema kann er benennen. Er erhält Auskunft und schaut dann selber, ob das Buch ihm gefällt oder nicht. Klingt nostalgisch, aus ferner Zeit, spielt aber in der Gegenwart. Der Buchhändler als belesenes Orakel für die intimsten Wünsche der Leserschaft. Ganz ohne Bits und Bytes…

Doch auch die Buchstaben selbst, die die Seiten füllen und Leser weltweit in ferne Galaxien entführen, haben so ihre liebe Not. Sie haben ihre eigene Hackordnung, weiß François Loeb zu berichten. Ein edles E gibt sich beispielsweise nicht mit einem ordinären kleinen C ab. Ein O wird sich niemals mit der Rolle als 0 zufrieden geben. Das Ergebnis dieses Buchstabensalats: Kein Leser kann mehr die sinnstiftende Ordnung des Buches erkennen. Da ist auch der Buchhändler am Ende seines Lateins…

Die kurzen Geschichten lassen den Leser schmunzeln. Bücher als Hauptakteure eines Buches. Sie sind eine der wenigen Konstanten im kulturellen Leben der Menschen. Wer Bücher liebt, wird dieses Buch in Ehren halten. Als Zugabe, als Appetitanreger kann der Leser anderen Bücherfreunden mit der einen oder anderen Geschichte eine Freude machen. Denn einige Geschichten kann man per QR-Code scannen und als pdf-Datei runterladen, verschicken, Freude machen oder einfach immer dabei haben. Die Bücher werden flügge. Kleine Appetitanreger, die den erfreuten Empfänger (und er wird erfreut sein, garantiert) animieren mehr zu fordern.

Egal, ob sich streitende Buchstaben, Garantie einfordernde Kundinnen oder blutbefleckte Seiten: Françios Loeb war selbst Buchhändler. Ob er all das selbst erlebt hat…?

Riff

Riff

Triton scheint das große Los gezogen zu haben, als er als Elfjähriger zu Ranjan Salgado kommt. Als Boy hat er zunächst die üblichen Aufgaben zu erleidigen: Die Treppe fegen und allgemein für Ordnung zu sorgen. Joseph, dem angestammten Diener des Hauses in einem kleinen Ort Sri Lankas, ist er allerdings ein Dorn im Auge. Das lässt er den Kleinen auch spüren…

Lucy ist die gute Seele in der neuen Welt des Jungen. Sie kannte schon den Vater von Mister Salgado und ist eine Meisterin in der Küche. Ranjan Salgado selbst ist eher unauffällig. Er ist Meeresbiologe und ein anerkannter Wissenschaftler, der auch vor den Gefahren des Fortschritts warnt.

Sri Lanka ist zu der Zeit gerade auf dem Weg sich von einer Kolonie zum eigenständigen Land zu entwickeln. Triton kann lesen und schreiben und ist ein aufgeweckter Junge. Als Joseph nach langer Abwesenheit betrunken zurückkehr, wirft ihn Mister Salgado aus dem Haus. Nun ist Triton der „Herr über das Anwesen“. Und sein Herr vertraut ihm, übergibt ihm die verantwortungsvolle Aufgabe Haus und Hof in Ordnung zu halten. Für Triton beginnt nun eine aufregende Zeit.

Für Triton ist Mister Salgado ein echter Glücksfall. Durch ihn lernt er die Welt, die geographisch durch das Grundstück begrenzt ist, kennen. Kommen Gäste lauscht Triton den Gesprächen. Als Nili ins Leben von Ranjan Salgado tritt, hat Triton eine Vertraute. Sie ist nicht die Herrin, vielmehr Freundin.

Romesh Gunesekera lässt seinen Helden Triton auf ein ereignisreiches Leben zurückblicken. Die Umwälzungen Sri Lankas, der Fortschritt, der das Meer, das Land und somit auch die Menschen bedroht, bedeuten für nichts, was man einfach so hinnimmt. Triton ist kein Intellektueller, dennoch ist er dank Mister Salgado ein Weiser. Als Junge kam er voller Neugier in eine neue Welt. Er lernte alles, was nötig war, um ein Haus wohnlich zu gestalten. Nun ist er fernab dieser Welt in England und erzählt seine Geschichte. Sein Leben im Riff galt dem selbigen. Ein Riff ist der Lebensraum vieler Lebewesen, bietet Schutz. Doch dieser Schutz ist fragil, muss erhalten werden. Für den Meeresbiologen Salgado ist das Riff emblematisch für das Leben auf der Erde. Nur eine kleine Verletzung kann schwerwiegende Folgen haben.

Romesh Gunesekera schreibt poetisch und faktenreich zugleich. „Riff“ ist eine Ode an vergangene Zeiten, die nie wieder kommen. Das müssen sie ja auch nicht. Triton wird größer und erwachsen. Das Wissen um seine Vergangenheit lässt ihn die Gegenwart ertragen und die Zukunft mit Hoffnung erwarten.

Ein Bauch spaziert durch Paris

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Sternekoch, Musiker, Autor … und nun auch noch Reiseleiter in Sachen Kulinarik. Vincent Klink nur als Fernsehkoch zu sehen, wäre schändlich. Denn viele seiner Kollegen haben nicht mal ein Restaurant (was zumeist auf der ersten Silbe betont wird, klingt wahrscheinlich fachmännischer). Schändlich wäre es auch in Paris sich nicht den lukullischen Genüssen hinzugeben. Und so trägt Vincent Klink seinen Bauch vor sich her – der Titel verrät es bereits – und die magenlärmende Sehnsucht im Herzen. Alle Sinne sind geschärft.

Ihm geht es nicht anders wie den meisten von uns. Vor Aufregung kann er die Nacht vor der Abfahrt kaum schlafen, ist überpünktlich am Bahnhof. Mit dem TGV dauert die Fahrt nur rund dreieinhalb Stunden. Dreieinhalb Stunden bis man an der Gare de l’Est endlich Pariser Luft schnuppern kann. Und dann raus in die Stadt der Liebe, in die Stadt des Genusses, auf nach Paris. Würde er in der Gare de Lyon ankommen, würde die Flucht in die Stadt etwas länger dauern. Denn hier gibt’s das eindrucksvollste Restaurant der Pariser Bahnhöfe, das Le Train bleu.

Vincent Klink ist angekommen in Paris. Ein kühles Bier wäre ihm jetzt am liebsten, doch der heißeste Tag des Jahres verbietet dieser Leidenschaft nach zugehen. Ein kühles Blondes und die geballte Wucht der Sonnenstrahlen hätten nur eines zur Folge: Er würde noch mehr schwitzen. So macht er sich auf seinen ersten Erkundungsgang bevor es ins Hotel geht. Und das Rezept für die Jüdische Hühnersuppe liefert der Küchenmeister gleich mit.

„Ein Bauch spaziert durch Paris“ ist mehr als nur eine Reiseschilderung eines neugierigen und hungrigen Chefkochs. Es ist ein Kulturführer der besonderen Art für alle, die die Attraktionen der Stadt an der Seine bereits kennen. Es ist kein reiner Restaurantführer. Wie zufällig nimmt Vincent Klink Platz, studiert die Karte und beobachtet die anderen Gäste. Er formt sich ein Bild von Paris, das jeder nachvollziehen kann, der sich wie der Autor die Zeit nimmt Paris einzuatmen, es zu riechen, zu fühlen und zu schmecken. Immer wieder streut er Rezepte ein, man kann es zu Hause nachkochen oder man fährt selbst nach Paris. Denn auch Restauranttipps gibt der Koch aus Leidenschaft zuhauf.

So hat man Paris noch nie erlesen! Als belesener kulturinteressierter Mensch – seine Geschichten reichen von den Templern und Napoleon III. über Heine und Wagner bis zu den Impressionisten und den französischen Präsidenten – ist Vincent Klink der ideale Reiseleiter. Auch hat er sich seine neugierige Ader bewahrt. Nichts liegt ihm fern als den Leser zu bevormunden. Er gibt Hinweise und Tipps, wo man einkehren kann, und liefert dazu das passende Rahmenprogramm. Zahlreiche Anekdoten sind die Würze während der gastronomischen Ausflüge. Wenn Vincent Klink nicht schon einen Stern hätte, müsste man ihm einen für dieses exzellente Werk einen verleihen.

Dieses Buch genießt man wie ein Sterne-Menü. Jeder Gang, jedes Kapitel ein Genuss für sich. Wer die Zutaten, die Seiten hinunterschlingt, ist zwar satt, aber der Schmerz der Fülle fällt dem Vergessen anheim. Was ein Frevel!

Es ist erstaunlich, dass es immer wieder neue Bücher über Paris gibt. Die Seine-Metropole ist noch nicht satt an guter und bildgewaltiger Literatur. Die einschlägigen Hotspot-Aufzähler weit hinter sich lassend, sind es Bücher wie dieses oder die City impressions Paris, die es dem Leser schwer machen sich von Paris fernzuhalten. Ob nun mit dem geschulten Auge eines Fotografen oder der lukullischen Schnitzeljagd (nur im übertragenen Sinn) eines Sternekochs: Paris erobern ohne diese Bücher vorher gelesen zu haben, wäre wie Paris ohne die Seine. Möglich, aber nur die Hälfte wert.

Das Wettangeln

Das Wettangeln

Thorshafen an der Ostsee ist ein ruhiger Fischerort. Einmal im Jahr wird die Bescheidenheit des Ortes beiseite geräumt und das Wettangeln steht an. Hier zeigen Männer was sie dazu macht, Kinder eifern ihnen nach, die Frauen feuern ihre Männer an – so schließt sich der Kreis. Nur Henry Weiß kann dieses Jahr nicht teilnehmen: Er ist kurz vor Beginn mit seinem Rollstuhl gestürzt. Aber als Schiedsrichter will er funkgieren. Sein sonores Horn verkündet Anfang und Ende des Wettstreits. Statt seiner sollen seine Nichte Anja und der Erzähler sich die Meriten verdienen.

Und sie scheinen auch Glück zu haben. Nach anfänglichem Anglerpech – der falsche Köder – zeihen sie einen Prachtburschen an Land. Siegessicher beschließen die beiden ihr Glück nicht weiter zu strapazieren und geben sich dem Müßiggang hin. Auf einem Floß treiben sie vor den aufgebrachten Anglern dahin. Sie verschrecken die Fische. Leise ziehen sie sich an einen ruhigeren Ort zurück und finden zueinander.

Bei der Preisverleihung sind sie doch die Gewinner. Egal, denn sie haben etwas an Land gezogen, dass die anderen schon haben oder nicht erreichen werden…

„Das Wettangeln“ ist die letzte vollendete Geschichte von Siegfried Lenz, der 2014 gestorben ist. Im Nachwort erfährt man, dass Henry und der Erzähler mehr als nur aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. Sie gehören originär zusammen. Durch Krankheit erheblich in seinem Tun eingeschränkt, hat Siegfried Lenz seinem Tagespensum oberste Priorität eingeräumt. Die Geschichten, die er in den letzten Jahren schrieb, bestechen durch ihre schlichte und kompakte Poesie, die den Leser sofort in ihren Bann zieht. Das Ostseeörtchen Thorshafen, wo der Gott des Donners zwischen den beiden ankert, nimmt dieses Gewitter wie eine sanfte Brise hin. Die Außergewöhnlichkeit des Anlasses ist Grund zur Freude genug. Grund zur Freude hat auch der Leser, der nun zum ersten Mal diese Geschichte lesen darf.

Melodie der Geister

Die Melodie der Geister

Rue Notre Dame des Grâce, Marseille. Hausnummer 38. Im Sessel sitzt ein Toter. Doktor. Eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Epilepsie. Auf seinem Schoss ein Buch. Totem und Tabu. Von Sigmund Freud.

Kommissar Michel de Palma, der Baron, nimmt den Fall zur Kenntnis. Und schon meint man, die Gedankengänge erraten zu können, die Rädchen im Hirn des Ermittlers klackern zu hören. Das Buch kann doch kein Zufall sein. Und schon gar nicht die aufgeschlagene Passage über Kannibalismus. Das steckt mehr dahinter.

Da hat man noch nicht einmal ein Zehntel des Buches geschafft und wähnt in einer großartigen Story. Um es vorwegzunehmen: Man wird auch in den restlichen über neun Zehnteln nicht enttäuscht werden!

Die Enkelin des Toten bringt ein wenig Licht ins Dunkel der Ermittlungen – de Palma fragt sich warum nur eine Maske aus der reichhaltigen Sammlung des Opfers gestohlen wurde. Berenice Delorme hat ihren Großvater vergöttert. Er erzählte ihr von seinen Reisen und aus Papua-Neuguinea. Von fremden Völkern und ihren fremdartigen Ritualen. Und er sammelte Masken. Sie waren nicht nur Dekoration, sie hatten einen tieferen Wert. De Palma ist beeindruckt von so viel Wissen. Doch warum fehl nur eine Maske? Die Sammlung scheint ja immens wertvoll gewesen zu sein.

Die Gedankengänge de Palmas werden durch Spaziergänge und Eindrücke aus Marseille verziert. Als Leser schreitet man Seite an Seite mit dem Baron durch die Mittelmeermetropole und atmet den Duft der Stadt ein. Fast schon spielerisch erobert man diese Jahrtausende alte Stadt. Und darf dabei rege an den Ermittlungen teilhaben.

Dem Baron lässt das Buch auf dem Schoß des Toten keine Ruhe – warum gerade dieses Buch? Warum diese Seite? In die Grübeleien platzt die Nachricht vom Tod Paulos, einem Gauner und einem Spitzel. Er wurde  erschossen. Mit nur einer Kugel. Das hat sich jemand gründlich Gedanken gemacht und diese dann auch umgesetzt. So traurig der Tod des Spitzels ist, so sehr verbeißt sich der Ermittler in die Lektüre des Freud’schen Werkes. Bei einem Experten findet er Rat.

Der Mix aus geheimnisvoller Welt der Ureinwohner Papuas und der Mittelmeerstadt ergeben eine spannende Melange, die den Leser ab der ersten Seite fesselt. De Palma ist nicht der Mann großer Worte. Er liebt die Oper genauso sehr wie seine Zigaretten. Und die kleinen grauen Zellen benutzt er genauso geschickt wie er das Flirten mit seiner Unterstufenliebe versteht. Michel de Palma, der Baron, ist der neue Star im literarischen Krimidickicht Marseilles.

Nekropolis

Nekropolis

Es gibt schönere Arten berühmt zu werden. Kommissar Sajan Dayal von der Polizei in Delhi hat es sich nicht ausgesucht diesen Sommer die merkwürdigsten Fälle zu lösen. Nach langer Hatz wird ein junger Mann gefunden, um dessen Hals eine Kette mit den Fingern seiner Opfer prangt. Zur gleichen Zeit verschwindet „Frau Oberst“, eine Frau, die durch ihren eigenwilligen, militärischen Kleidungsstil auffiel und viele Anhänger hatte. Zu allem Überfluss bekriegen sich auch noch Gangs in der Unterwelt. Sie wähnen sich nicht von dieser Welt. Es war, ist und wird eine heiße Zeit …

Von Frau Oberst, die von ihrer Gefolgschaft Razia genannt wird, erfahren Dayal und sein Team von den barbarischen Schlachten, denen des Nachts immer wieder junge „Kämpfer“ zum Opfer fallen. Ein Kämpfer tut sich dabei immer besonders hervor. Er hält sich für einen Vampir. Keiner, der das nur aus Mode tut, einer, der wirklich glaubt das Blut der Anderen verleiht ihm besondere Kräfte. Sind die Schlachten geschlagen, beugt er sich über sein Opfer und haut seine Zähne in dessen Nacken. Das Besondere: Die Schlachten und das blutige Ritual am Ende werden gefilmt und anschließend online gestellt. Doch auch Dayals Abteilung ist mit moderner Technik ausgerüstet.

Die Sonderkommission kommt nicht zur Ruhe. Ein junges Mädchen wurde brutal vergewaltigt. Und noch immer sind die Spuren zu den anderen Verbrechen nicht zufriedenstellend. Slumlords, Vergewaltigung, Mord, Drogen, Korruption – das Tätigkeitsfeld der Sonderkommission scheint unendlich dehnbar. Da heißt es kühlen Kopf bewahren.

Sajan Dayal ist der lebende Beweis, dass man die Gegenwart nur beherrscht, die Zukunft meistert, wenn man die Vergangenheit kennt. All der elektronische Schnickschnack, den moderne Ermittler heute benutzen, nützt nur, wenn man die Wurzeln kennt. Er zitiert alte Dichter, kennt die Traditionen des Landes, er versteht die Menschen, die sich der modernen Vehikel benutzen. So, und nur so, kommt er dem Geheimnis der heißen Zeit in der Nekropole Delhi auf die Spur.

Avtar Singhs Kommissar ist ein ruhiger besonnener Ermittler. Er schart eine ebenso konzentriert arbeitende Crew um sich. Kastendenken ist allen wohl bekannt, doch haben sie mit dieser Tradition im Riesenreich Indien wenig zu schaffen. Wer Geld hat, muss sich genauso an Spielregeln halten wie „die da unten“. Vor dem Gesetz sind alle gleich. Wenn das den Kommissaren gelingen könnte, wäre schon viel erreicht.

Der Leser wird in ein Indien geführt, dass er so nicht kennt. Neben all den Negativschlagzeilen bietet dieser Roman dem Leser die Möglichkeit Delhi von einer anderen Seite kennenzulernen. Beim Lesen fungiert Sajan Dayal so ganz nebenbei als Fremdenführer durch die Millionenmetropole. Der Leser kommt an Orte vor denen in Reisebüchern gewarnt wird. Wenn‘s zu brenzlig wird, kann man das Buch zuklappen. Doch dann verpasst man das Beste.

1965 – Rue de Grenelle

1965 - Rue de Grenelle

Rue de Grenelle, Paris. Beste Wohnlage. Hier wird sich Steffen im Oktober 1965 auf seine Aufnahmeprüfung an einer Eliteschule vorbereiten und ein paar schöne Tage bei seinem Freund André verbringen. Lang haben sie sich nicht gesehen und sicherlich viel zu erzählen.

Doch es kommt ganz anders. Die unbekümmerte Vertrautheit der Vergangenheit ist geschäftigem Treiben gewichen. André ist schwer beschäftigt. Zusammen mit Anderen arbeitet er an einer Karte des Pariser Untergrundes. Vor zwanzig Jahren waren die Katakomben unter der Stadt Zufluchtsort für alle, die dem Naziterror entkommen konnten. André ist zeitweise richtig abweisend zu Steffen. Und über die überaus spannende Arbeit will er auch nicht reden.

Bei einem Konzert von Chet Baker lernt Steffen Sarah kennen. Auch sie scheint in Eile zu sein. Als Steffen eine unbedachte Äußerung macht, ist sie weg, bevor er sich für seine Torheit entschuldigen kann. Die Gelegenheit zur Entschuldigung kommt für ihn früher als er denkt. Sie ist Jüdin und fand seinen lockeren Spruch über Chet Bakers Aussehen, das er mit dem von KZ-Überlebenden verglich mehr als unpassend. Trotz seiner Naivität fühlt sich Sarah zu ihm hingezogen. Sie arbeite an einem Dokumentarfilm, erzählt sie ihm freimütig. Steffen beginnt sich für die Schönheit, die ihm doch nicht so viel von sich erzählt wie er anfangs meint, zu interessieren.

Andrés Art verstört Steffen zusehends. André, der weltoffene Freigeist, der dem deutschen Nachkriegskind die Vorzüge der französischen Kultur näherbrachte, wirkt ruppig, ja fast schon ablehnend. Steffen scheint André irgendwie zu stören bei dem, womit André sein Geld verdient.

Die Aufnahmeprüfung ist durch, die Heimreise steht bevor. Doch Sarah geht Steffen nicht aus dem Kopf. Viele raten ihm von der Beziehung ab. Aaron, der Steffen als Sarahs Vater vorgestellt wurde, mag Steffen nicht. Als Auschwitz-Überlebender hat er mit der Vergangenheit noch nicht abgeschlossen. Die zwielichtigen Genossen, mit denen Aaron und Sarah öfter zusammenhängen erregen Steffens Aufmerksamkeit. Und er ihre! Grob und bestimmt bitten sie ihn seine Spionagetätigkeit einzustellen. Spionage? Was soll das jetzt? Als er André darauf anspricht, reagiert er wortkarg.

Sarah und Steffen finden zueinander, verbringen eine wunderbare Zeit. So hatte sich Steffen seinen Aufenthalt hier vorgestellt. Laissez-faire, une affaire, tres bien.

Sarah ist irgendwie in irgendwas verstrickt. Als Jurastudent, der sich mit der Schuldfrage seiner Generation nicht nur aus Studienzwecken beschäftigt, reimt sich Steffen einiges zusammen. Nicht immer zu seinem Vorteil. Die Einschläge der Gewissheit werden immer heftiger und kommen öfter…

JR Bechtle verwebt eine rührende Liebegeschichte im Dickicht der Ober- und Unterwelt der Stadt der Liebe mit einem waschechten Politthriller. Mehdi Ben Barka war einst Präsident Marokkos bevor er das Land verlassen musste. Ende Oktober 1965 wird er in Paris entführt und ermordet. Die Mörder wurden gefasst und verurteilt, die Hintermänner halten sich bis heute bedeckt.

Die Jüdin Sarah reist im Roman öfter zu Ben Barka nach Genf. Ihre Rolle in dem Drama ist schwer zu durchschauen, sowohl für Steffen als auch für den Leser. Selten zuvor wurden recherchierte Fakten derart gelungen in einem Roman miteinander verbunden. Dieses Buch ist eine Neuentdeckung, selbst für Paris-Kenner. Die Unterwelt als erlebbares Highlight heute nur nach Voranmeldung erlebbar, wird durch dunkle Gestalten und geheimnisvolle Bewohner der Stadt nachvollziehbar.

Paris als Tummelplatz für Künstler und Agenten – „1965 – Rue de Grenelle“ zieht unaufhörlich den Leser in seinen Bann. Steffen ist kein Agent, kein neugieriger Junge, der auf Tom Sawyers Pfaden wandelt. Dennoch lässt er sich unmerklich in den Strudel aus politischer Intrige und gefühlvoller Romanze hineinziehen. Den Leser im Schlepptau. Immer tiefer, immer weiter in den Untergrund von Paris. So hat man Paris noch nie gesehen.

Für die Oberfläche empfiehlt sich der Band „Impressions of Paris“ aus der City Impressions Reihe von Vagabond books. Beide Bücher beeindrucken durch ihren Detailreichtum über die Stadt an der Seine. Beide sind auf ihre Art Schwergewichte für jeden, der Paris ober- und unterhalb von Tour Eiffel und Arc de Triomphe kennenlernen möchte. Das Licht des Alltags erstrahlt derart intensiv, dass das Ungewöhnliche als normal erscheint.

Das private Leben der Impressionisten

Das private Leben der Impressionisten

Unvorstellbar! Paris ein stinkendes Loch, keine Boulevards, keine Prachtbauten. Und zwischendrin Maler, die für ein paar Francs Monatsgebühr malten und malten und malten, nur um des Malens willen. Das Erscheinungsbild hat sich gewandelt: Paris ist eine der meist besuchten Städte der Welt. Und die Bilder von Claude Monet, Camille Pissaro und Paul Cezanne erzielen regelmäßig schwindelerregende Preise. Dieses Bild ist gerade mal reichlich anderthalb Jahrhunderte her. Monet malte Karikaturen und konnte schon gut davon leben. Cezannes Aktbilder erregten damals schon Aufsehen, öffentlich, weil die Damen nackt waren, bei Kollegen wegen des groben Stils. Hier im Atelier von Pere Suisse begann das, was alsbald als Impressionismus die Welt veränderte.

Sue Roe unternimmt mit dem Leser einen umfassenden bild- und wortgewaltigen Rundgang durch das Leben der Impressionisten. Sie führt an Orte, die vielfach auf Gemälden festgehalten wurden. Sie malt buchstäblich Bilder vom Schicksal einer Gruppe Künstler, die erst zweieinhalb Jahrzehnte später mit einer Ausstellung in Amerika den Ruhm zugesprochen bekam, der ihr zustand.

Cezannes Ankunft in Paris blieb Monet verborgen, er musste seinen Militärdienst in Algerien leisten. Nach seiner Rückkehr an die Seine besuchte er die Schule von Charles Gleyre. Dort studierten zu der Zeit auch Pierre-Auguste Renoir und Alfred Sisley. Das halbfertige Paris und die halbfertigen Impressionisten – eine brodelnde Zeit. Alle Künstler hatten sich bei ihren Studien kennengelernt. Edouard Manet hingegen stieß durch den von Napoleon III. angeregten Salon des Refusés der illustren Truppe. Hier wurden alle von der Akademie abgelehnten Bilder ausgestellt. Galeristen und Agenten gab es damals kaum bis gar nicht. Edouard Manet brachte Edgar Degas in die Gruppe ein. Die war nun fast komplett…

Paris als Lehrstätte war gerade gut genug. Ihrer Kunst gingen die Künstler vor den Toren der Stadt nach. Hier tummelten sie sich unter den Vergnügungssüchtigen der Stadt. Nach und nach bekommen ihre Bilder Struktur, werden durch Zolas Artikel einem breiteren Publikum zugängig. Anerkennung von der Akademie? Fehlanzeige! Werden zu Beginn des Buches die Grundlagen für den Leser gelegt, damit er Impressionismus, die Zeit, die Moralvorstellung erkennt, nimmt das Buch ab dem zweiten Viertel richtig Fahrt auf. Kleinere Streitereien – Degas liebt es Manet zu foppen, der wiederum ist genervt, das Monet von dessen Ruf zu profitieren scheint – bringen Schwung in die immer noch starre Gruppe.

Eine Biographie über einen Künstler zu schreiben, ist eine Aufgabe, die man nicht eben so erledigt. Archive müssen gewälzt, Experten befragt werden. Bei einer Biographie einer ganzen Künstlergruppe gibt es zwei Möglichkeiten: Man schreibt zu jedem der Mitglieder eine Biographie und versucht dann Parallelen und Schnittpunkte zu finden oder man macht es wie Sue Roe. Sie lässt das Leben der Mitglieder Revue passieren. Oft sind sie gemeinsame Wege gegangen, haben in den gleichen Cafés das Leben beobachtet und gemalt, diskutiert, später ihre Kunst hinterfragt und ihren eigenen Weg beschritten.

„Das private Leben der Impressionisten“ ist keine Aufzählung markanter Ereignisse im Leben einer Gruppe von Künstlern, die unverstanden erst spät in den Fokus der Öffentlichkeit traten. Sie waren zu Lebzeiten bekannte Künstler, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Anerkannt bzw. bekannt waren sie allemal. Was dieses Buch von allen anderen derart hervorstechen lässt, ist die genüssliche und faktenreiche Erzählweise. Wie in einem fortschreitenden Roman treten reale Personen auf, die wie Du und Ich ihrer Leidenschaft frönten. Alle Anekdoten sind belegt, ihre Intensionen nachvollziehbar. Wer, wann, warum welchen Weg einschlug, bebildert Sue Roe mit Worten, die sich nicht hinter den Werken der Protagonisten verstecken müssen.

Germany 2064

Germany 2064

Der Titel verrät es: Wir sind im Deutschland des Jahres 2064. Viele heutige Leser werden diese Zeit nicht mehr erleben. Die, die dann noch leben, werden dieses Buch als Andenken á la „weißt Du noch“ von Wohnort zu Wohnort mitschleppen. Oder als Warnung oder als ein Ding aus einer anderen Welt.

Ein Konvoi wird lautlos überfallen. Fahrerlos steuern die Trucks ihrem Ziel entgegen. Immer im gleichen Abstand, von Drohnen überwacht. An Ultraleichtfliegern seilen sich nicht minder lautlos und präzise Männer herab und öffnen die Container. Das Objekt ihrer Begierde sind ungeheuer teure und ungeheuer effiziente Neobiotika. Sie stoppen die polyresistenten Bakterien. Der Verlust einer Drohne wird bemerkt. Doch da ist das geklaute Gut schon längst über alle Berge. Überwachung ist gut, doch wenn die Informationsübermittlung und deren Auswertung immer noch eine gewisse Zeit dauert, dient Überwachung nur bedingt der Prävention.

Bernd Aguilar, jahrgangsbester Polizist wird heute seinen neuen alten Partner wieder sehen. Roberto heißt er und ist ein AP, ein automatisierter Partner. Oder einfacher: Ein Roboter. Drei Jahre waren sie getrennt, einst waren sie das Traumpaar der Polizei. Roberto war zuverlässig, warf sich in die Schusslinie für seinen humanen Partner und war sogar ein bisschen eifersüchtig als Bernd „ein Eigenleben nach der Arbeit zu entwickeln begann“. Großer Bahnhof bei der Vorstellung des verbesserten Robertos. Randnotiz: Auch 2064 wird in einem Mercedes vorgefahren und die Presse veranstaltet ein Blitzlichtgewitter – manches ändert sich nie.

Den Gegenentwurf zur durchtechnisierten Stadtwelt bilden die freien Gebiete. Hier wird Gemüse angebaut, man folgt dem Sonnenstand, Live-Musik und einer Lebensweise fast ohne technische Hilfsmittel. Und es ist auch der Ort, an dem sich die High-Tech-Städter treffen, um zu essen. Das tut auch Friedrich Wendt, der Erfinder und Erbauer von Roberto. Zusammen mit Christina, einer Autorin, die er gern für sein Unternehmen gewinnen möchte, genießt der über Hundertjährige sein Mahl. Anschließend wollen sie auf dem Hof seines ehemaligen Angestellten Klaus Miller noch das Konzert von Hati Boran besuchen. Doch dazu soll es nicht kommen. Hati Boran wurde entführt. Angeblich von einem Roboter aus dem Hause Wendt.

Manchmal ist es doch besser nicht zu wissen, was die Zukunft bringt. Martin Walker zeigt in seiner Vision, was im Jahr 2064 alles möglich sein kann. Und so einiges ist gar nicht mehr so fern wie man meint. Erst vor Kurzem gab es wieder Meldungen, dass umfangreiche Tests mit selbstfahrenden LKWs erlaubt werden. Kurz vor Erscheinen des Buches lief im Fernsehen ein Beitrag über die Gefahr von Drohnen, die von Amateuren gesteuert werden. Immer wieder machen Horrormeldungen über resistente Bakterien die Runde. Wie weit sind wir von Germany 2064 noch entfernt? Neunundvierzig Jahre sind keine Ewigkeit…

Martin Walker verwebt die grundverschiedenen Lebenswelten zu einem utopischen Klangteppich ohne den Bezug zur Gegenwart zu verlieren. Als Mitglied des Think Tanks „Global Business Policy Council“ von A.T. Kearney, einer Beratungsgesellschaft, die auch deutsche Politiker zu ihren Klienten zählt, ist er sozusagen direkt den Geschehnissen der Gegenwart und Zukunft beteiligt. Normalerweise arbeiten diese Denkfabriken im Verborgenen. Martin Walker gewährt einen kleinen Einblick. Und an so mancher Stelle blitzt sogar Bruno auf. Beispielsweise dann, wenn Traditionen einfach nicht gebrochen werden dürfen, sondern das Bewährte sich bahnbricht. Spätestens beim Essgenuss hört der Fortschritt auf!