Archiv der Kategorie: Reiseimpressionen

Von Inseln, die keiner je fand

„Lügenatlas! Lügenatlas!“, das hat wohl noch niemand skandiert. Doch es gibt Anhaltspunkte und Fakten … und dieses Buch. Wer immer in ein Reisebüro geht und nach außergewöhnlichen Reisezielen fragt, kann mit ein paar Tricks den Verkäufer um den Verstand bringen.

Unbuchbar ist beispielsweise eine Reise auf die Inseln Los Jardines. Der Name klingt doch real, zumindest vertrauenserweckend. Irgendwo, wo die Sonne niemals aufhört zu scheinen. Die Qualität des Reisebüros erkennt man dann daran, dass der Verkäufer mit einem Spruch kontert, der einen darauf hinweist, dass man ein knappes halbes Jahrhundert zu spät kommt. Denn 1973 wurde dieses Insel/ Inselgruppe endgültig  von den Landkarten gelöscht. Was war passiert? Ein Vulkanausbruch oder eine andere Naturka(r)tastrophe? Mit nichten. Die Inseln haben einfach nie existiert. Eroberer hatten sie erwähnt, aber ihre Existenz konnte nie bewiesen werden.

Ein Art Atlantis. Auch dieser Mythos wird in diesem Buch nicht minder amüsant und faktenreich beschrieben. Als ein Eiland, auf dem die Zivilisation geboren wurde. Ein Eiland, von dem aus Eroberungsfeldzüge gestartet wurden. Ein Eiland, das wohl nicht mehr oder minder niemals mehr als ein Mythos.

Malachy Tallack war wie viele andere schon länger von den verschwundenen, sagenumwobenen Inseln begeistert. Überall in Niederschriften, auf Karten, in Büchern findet man Hinweise auf Inseln, die letztendlich „keiner je fand“. Und immer wieder gab es Forscher, die den Mythen Glauben schenkten – aus unterschiedlichsten Gründen – und teils auf Teufel komm raus Beweise und Fakten für deren Existenz liefern wollten. So vermutete man Thule bei Island. Dort tranken die Menschen literweise Honigbier. Blöd nur, dass zum Zeitpunkt der vermeintlichen Entdeckung niemand dort war, der Honig produzieren konnte…

Dieses Buch ist ein wahrer Krimi durch die Literatur- und Kartengeschichte. Malachy Tallack nimmt so manchem Entdecker gekonnt den Wind aus den Segeln und Katie Scott illustriert die Seiten des Buches so echt, so farbenfroh, dass die Grenzen von Wahrheit und Dichtung erneut zu verschwimmen drohen. Aber keine Angst, die Texte sind nachvollziehbar, die Thesen der Vergangenheit leider nur Thesen, das Buch jedoch ist real.

Lesereise Korsika

Auf und Ab – das ist Korsika. Nicht nur geographisch, denn die viertgrößte Insel des Mittellmeeres ist ein echtes Kraxelparadies. Nein, auch politisch ist die Insel ein Pulverfass, an deren Lunte des Öfteren immer mal wieder gezündelt wird. Susanne Schabers Lesereise Korsika ist ebenso aufgebaut.

Neben bezaubernden Naturbeschreibungen und Portraits der Menschen, die diese Landschaft prägen, schreibt sie auch vom blutigen Kampf der Korsen um Anerkennung und Unabhängigkeit.

Der kleine Korse, der einmal zum großen Franzosen wurde, ist auf der Insel nicht so sehr anerkannt wie landläufig angenommen wird. Denn als er den Thron Europas erklomm, war seine Herkunft kein Thema mehr.

Und dann wieder Traditionspflege, die in einem in Gedanken schon die Koffer packen lässt. Da liest man dann von Kastanienbäumen, die hier auf der Insel so bedeutsam sind. Jede gute Korsin muss beweisen, dass sie dutzendfach die Früchte verarbeiten kann.

Hotels und Tourismus sind wichtige Einnahmequellen Korsikas. Denn wer einmal hier war, kommt oft wieder. Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen gehören zu den elementaren Eigenschaften, die man benötigt, um Erfolg zu haben und dem Gast unvergessliche Tage und Wochen bereiten zu können. Das ist nicht immer einfach, doch lohnenswert. So wie Madame Dalakupeyan. Ihr Hotel ist äußerlich vielleicht nicht das durchgestylteste. Doch eines der am liebevollsten geführte. Susanne Schaber lässt sich vom Charme der Inhaberin und ihres großen Traumes aus Stein verzaubern und zieht dabei den Leser in eine Geschichte, die ihresgleichen sucht.

Was gehört sonst noch in ein Buch, das ein Reiseziel emotional in den Fokus setzen möchte? Ein wenig Geschichte gefällig? Keine Räuberpistolen, sondern stolze Recken, die den Ungerechtigkeiten der Besatzer die Stirn bieten und ihr Herz mit der Faust präsentieren.

Dass auf Korsika fürs leibliche Wohl exzellent gesorgt wird, versteht sich von selbst. Doch Susanne Schaber schreibt das nicht einfach nur auf. Sie macht Appetit auf die Insel und ihre kulinarischen Eigenheiten. Als Insulaner ist man auf das angewiesen, was Mutter Natur zur Verfügung stellt. Zumal man sich ja nicht vom Festland abhängig machen will. Da ist sie wieder, die tiefe Kluft zwischen dem zentralistischen grand frère und dem rebellischen Corse. Als Besucher bekommt man davon nur vereinzelt etwas mit. Vielmehr umarmt einen die Gastfreundschaft mit voller Wärme und Herzlichkeit. So wie dieses Buch unerlässlich ist, bei einem Besuch der Insel, genauso tief und ehrlich empfunden sind die Geschichten in ihm. Einhundertzweiunddreißig Seiten voller Leidenschaft und Bewunderung für eine Insel, die im Zwiespalt sich erhoben hat, um im Europa anzukommen.

Lesereise Latium

Ruhig und bunt, verlassen und überbordend, nah und fern – das Latium ist weit mehr als nur der Speckgürtel der italienischen Hauptstadt. Vielleicht ein wenig in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht wie Veronika Eckl in ihrer Lesereise Latium zu berichten weiß.

Für die Römer war und ist es Volkssport am Wochenende ins Grüne zu fahren. Und mit dem Latium haben sie das Paradies quasi vor den Toren der Stadt. Hier grünt es nicht allein nur zum Vergnügen, für die Sinne, sondern auch für den Magen und somit auch wieder für den einen oder anderen Sinn. Die Märkte quellen über mit Produkten der Region, deren Geschmack noch ursprünglich ist, weil sie keine lange Reise zu den Ständen am Campo dei fiori unternehmen müssen. Staubige Pisten halten – zwar nicht immer, doch immer öfter – den Massentourismus gern von idyllischen Ecken und friedlichen Plätzen.

Nicht immer zum Gefallen der Einwohner. In Castellgandolfo residiert der Papst schon seit Jahrhunderten und lässt sich die Sommerfrische um die Nase wehen. Doch seit Franziskus ist es ruhiger geworden im Ort. Die Händler vermissen ihre eigene Vorfreude, wenn sich der hohe Besuch ankündigt. Sein Vorgänger war da volksnäher.

Filmfans lassen es sich nicht entgehen Castel San Pietro Romano zu besuchen. Hier startete die Karriere von Gina Nationale, Gina Lollobrigida. Der Ort war Kulisse und Statistenlieferant für „Brot, Liebe und Fantasie“, einem Meisterwerk des Neorealismo. Fast alle im Ort spielten im Film mit. Vittorio de Sica verehren sie noch heute. Doch für Lollo haben sie nicht viel übrig. Angeblich war ihr die Pasta im Ort zu schmutzig. Einen Besuch ist das pittoreske Dorf noch heute allemal wert.

Der Tiber als Lebensader für Rom ist hier drauß0en, im Latium Einnahmequelle für einen ganz besonderen Kapitän. Veronika Eckl lässt sich von ihm herumschippern und erfährt so Einiges, das wohl niemals in einem Reiseband stehen wird. Wenn selbst die örtliche Obrigkeit den Anlegeplatz kaum kennt …

Die Lesereise Latium liest sich wie eine Werbebroschüre für alle diejenigen, die Augustus-Mausoleum, Petersplatz, Spanische Treppe, Kolosseum, und Pantheon aus dem eff-eff kennen, aber noch immer nicht genug von Rom bekommen haben. Mehr als nur einen Abstecher ist es schon wert, das Latium. Die Konsulstraßen, versteckte Klosteranlagen, reichhaltig gedeckte Tische warten auf die, die dieses Buch als Appetitanreger verschlungen haben. Verschlucken wird man sich nicht, aber man ärgert sich sollte man das Latium besuchen und dieses Buch nicht als Urlaubslektüre in der Jackentasche dabei haben. Auch ohne konkrete Wegbeschreibung ist es unerlässlich eine im Schatten der Stadt stehende Region zu besuchen.

Slowenien

Klein, kompakt, alles drin! Klingt wie eine Werbung für ein Auto. Ist aber die sehr komprimierte Zusammenfassung dieses Buches und des Landes Slowenien. Es ist doch immer wieder erstaunlich wie wenig man über das Bescheid weiß, was quasi vor der eigenen Haustür liegt. Gerade mal eine Stunde benötigt man günstigstenfalls, um in Slowenien anzukommen. Doch erst richtig in Slowenien angekommen ist man erst, wenn man Lore Marr-Biegers Reiseband über dieses überraschende Land gelesen hat.

Ja, dieser Reiseband ist ein Lesebuch. Eines, das Lust macht Slowenien auf Herz und Nieren zu prüfen. Kann man hier wirklich mit der ganzen Familie komplette Bedürfnispakete stillen?

Ohne Klischees zu bedienen verführt die Autorin den Leser in eine Welt, die gar nicht mal so weit weg ist. Ein bisschen Sport gefällig? Dann bleiben Sie zuhause. Slowenien bietet nicht einfach nur ein bisschen Sport. Alpines Skiwedeln, Kajakfahren, Radwandern und Mountainbiking, Schwimmen, Wandern … über Berg und Tal bewegt man sich von einer grandiosen Aussicht zur nächsten. Ohne dieses Buch wird’s allerdings schwierig die wirklich beeindruckenden Orte zu finden. Lore Marr-Bieger scheint Slowenien mit dem Auge und dem Herzen vermessen zu haben. Jeder Tipp ein Volltreffer.

Oder wie wäre es mit einem kulinarischen Ausflug. Sloweniens Küche ist reichhaltig. Frisch und deftig, gesund und leicht – wer einkehrt, wird übermannt von der Vielfalt des Angebotes. Und auch hier gilt wieder: Gut essen kann man fast überall. Aber wo man wirklich gut essen kann, weiß nur die Autorin.

Wer nur einen flüchtigen Blick auf die Landkarte wirft, vermisst vielleicht den Badeurlaub in Slowenien. Doch das nördlichste Land des ehemaligen Jugoslawiens besitzt tatsächlich einen Meereszugang. Nur ein paar Kilometer Strand, der gerade mal die klassische Marathonstrecke zulässt (die 42,195 km sind erst in der Neuzeit entstanden, klassisch waren es exakt 40 km), gilt es zu entdecken.

Und gleich dahinter wohl eines der interessantesten Gebirge der Welt. Selbst Jules Verne ließ hier schon einen seiner Helden (Mathias Sandorf) ein einzigartiges Abenteuer beginnen. Denn im Karstgebirge verschwindet schon mal ein Fluss, nur um dann Kilometer später wieder aufzutauchen.

Ein Land, eine Autorin, ein Reiseband – und der Urlaub kann beginnen. Siebzehn Wandertouren deuten nicht nur an, dass Slowenien förmlich auf seine Besucher wartet. Ein kleines Land mitten in Europa, das erkundet werden will. Mit enormen Rechercheaufwand und bildhafter Sprache wird dieser Reiseband zum unverzichtbaren Reisebegleiter, der zu jeder Tageszeit parat gehalten werden muss. Die gelb unterlegten Infokästen machen den Leser zum Experten Sloweniens. Geschichtliche Anekdoten, ausgeklügelte Tipps, detaillierte Karten und Wanderungen und Einkehrtipps sind das Salz in der Suppe, damit ein Slowenien-Urlaub noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen

Es ist ein Brauch von alters her, wer schreiben kann, der nutzt es sehr – zum Glück! Und je neuer das Entdeckte, desto größer die Verblüffung bei den Lesenden.

Da kraxelt einer durch die Alpen im heutigen Slowenien. Nichts ahnend macht er eine Entdeckung, die bis heute für Naserümpfen sorgt. Als Oscar Scheibel einen braunen Käfer entdeckt, ist er der Erste, der ihn zu Gesicht bekommt. Nach internationalem Recht darf er ihn benennen. Die Kehrseite: Scheibel ist überzeugter Nazi und so nennt er ihn Anophthalmus hitleri, Hitlerkäfer. Was zur Folge hat, dass verblendete Verehrer ihn jagen, sammeln und für enorme Summen kaufen … und der Käfer als fast ausgestorben anzusehen ist. Von wegen früher war nicht alles schlecht!

Es sind Geschichten wie diese, die die Naturwissenschaften, auch die Biologie in ein anderes Licht rücken. Entdeckungen gehen meist mit Zufällen einher. Umso spannender sind dann die Geschichten, wie es zu den Entdeckungen kam. Geheimnisse wie in einem „Echten-Jungen-Roman“, Erstaunen wie an Weihnachten, Freude wie am schönsten Tage des Lebens – Forsche sind auch nur Menschen, doch ihr Leben ist meist erfüllt von unbändiger Leidenschaft.

Lucia Jay von Seldeneck hat diese Geschichten gesammelt und mit eigenen Worten deren Merkwürdigkeiten entschlüsselt. Das Ergebnis ist ein Buch, das man immer wieder hervorholen wird. Botaniker, Leseratten, Wissbegierige, Ästheten werden ihrer wahren Freude bestimmt keinen Riegel vorschieben, wenn sie über dieses Buch, was an sich selbst schon eine Merkwürdigkeit darstellt, berichten.

Wer weiß schon, dass Maulwürfe exzellente Helfer bei der Schatzsuche sind? Oder dass das gewaltige Projekt Panamakanal fast an nur wenigen Zentimeter kleinen Tierchen gescheitert wäre? Oder oder oder. Tiere im Zoo sind faszinierend, oft. Diese Tiere zu entdecken ist ein Glücksgriff für den Forscher. Darüber zu lesen ist Allgemeingut, das ein Lächeln hervorbringen kann.

Manche Forscher bezahlten ihre Entdeckungen mit dem Leben, so dass erst später von anderen darüber berichtet werden konnte. Andere Entdeckungen verhinderten sogar weltumspannende Katastrophen. Wiederum andere Entdeckungen führten zum Exodus der Tiere oder zu ersten zaghaften Schritten des Naturschutzes.

Halt doch mal die Klappe! Is nich nett! In diesem Fall aber ein wohlgemeinter Tipp, den man beherzigen sollte. Klappe halten und dem Titel Taten folgen lassen. Jedes Kapitel beginnt mit einem authentischen Bericht über eine Entdeckung. Das muss nicht immer die Entdeckung einer Spezies sein. Zum Beispiel baute das kolumbianische Drogenkartell ein U-Boot in der Form eines Buckelwals, um Drogen nach Mexiko zu verschiffen und das so nur schwer aufzustöbern war. Die Erläuterung der Texte, deren tieferer Grund sich erst einmal vielleicht nicht jedem erschließt, folgt auf dem Fuß. Der Höhepunkt eines jeden Kapitels sind sicher die ausklappbaren Zeichnungen von Florian Weiß. Keine fotorealistischen Abbildungen, sondern bewegende und bewegte Zeichnungen, die in ihren Nuancen den Detailreichtum von Mutter Natur widerspiegeln. Jeder Strich ist mit Bedacht gesetzt und lädt zum Verweilen und genaueren Hinsehen ein. Kleinste Stricke und Punkte ergeben erst nach Vollendung ein komplettes Bild, dem man sich nicht entziehen kann.

Wenn also das nächste Mal einer meint, dass man die Klappe halten soll, könnte es sein, dass dies nicht als Aufforderung zur Ruhe ist, sondern eine Einladung dieses Buch gemeinsam (immer wieder) anzuschauen.

Freiheit unterm Schleier

Iran muss ein Land voller Widersprüche sein. Nutzt man die gesamte Bandbreite an Informationsplattformen und –quellen, schwillt einem schnell der Kopf. Doch egal, ob soziale Medien, Zeitungen, Magazinberichte oder Bücher, eines hallt im Gleichklang durch den Buchstabenwald: So schlimm wie es dargestellt wird, ist es oft gar nicht. Sicherlich tragen Irans Frauen ihr Kopftuch. Weil sie es müssen, aber auch weil sie es wollen (nicht weil sie es wollen müssen, feiner Unterschied).

Bita Schafi-Neya ist freie Journalistin unter anderem für den NDR. Sie besitzt beide Staatsbürgerschaften und – so gibt sie zu – somit auch zwei Heimaten, heißt das so? Heimaten?. Egal, sie fühlt sich hier wie da zuhause. Und sie kennt sich hier wie da besser aus als so mancher der das Eine gern gegen das Andere austauschen oder gar ausspielen will. Ja, der Schleier, das Kopftuch und der Islam und unsere von christlichen Werten geprägte Welt, sind ein willkommener Themenspender um Auflage zu machen. Doch hier ist es anders. Der Schleier bildet zwar den Auftakt des Buches, doch nur, um die unruhigen Gemüter zu besänftigen, die nicht Ruhe geben bis das Zauberwort gefallen ist. Aber: Bita Schafi-Neya verteufelt das Kleidungsstück nicht. Sie trifft ebenso viele Frauen, die eine Abschaffung der Pflicht befürworten, wie Frauen, für die es eine echte Befreiung wäre. Unentschieden.

Die Frauenquote – in Deutschland eine Zerreißprobe in den Chefetagen und in der Regierung. 60 Prozent vorgeschriebene Frauenquote in manchen Studiengängen in Iran. An den Universitäten und Hochschulen sind die Frauen in der nicht zu übersehenden Mehrzahl. Und ein Drittel von ihnen, hat einen Doktortitel – in Deutschland ist es ein Viertel.

Iran ist kein stagnierendes Land, das Frauen nicht wahrnimmt. Als Touristin ist man begehrter Gesprächspartner. Als Iranerin hat man mehr Chancen auf hochgradige Bildung als in den USA. Und den Schleier kann man in den großen Städten getrost als modisches Accessoire mit ernstem Hintergrund ansehen.

Nur bei öffentlichen Großveranstaltungen sind Frauen nicht zugelassen. Was nicht heißt, dass sie nicht wissen, wie man trotzdem „reinkommt“. Bei einem Volleyballspiel zwischen Brasilien und Iran schminkten sich iranische weibliche Fans kurzerhand wie die brasilianischen. Und Schon waren sie mittendrin.

Frauen in Iran sind selbstbewusst und werden im Laufe der Zeit selbstbestimmter. Es ist noch nicht alles in trockenen (Kopf-)Tüchern, aber der Weg ist so angelegt, dass er nur in eine Richtung eingeschlagen werden kann. Die Menschen, denen die Autorin begegnet ist, erzählen offen und ehrlich von ihrem Alltag, der von Regeln geprägt ist, aber auch von der Freiheit diese im angemessenen Rahmen auszuleben. Und was hinter verschlossenen Türen vor sich geht, ähnelt dem westlichen Leben nur allzu sehr.

Vor dem Hintergrund, dass nicht jeder so leben muss wie vor der eigenen Haustür, dass kulturelle Unterschiede durchaus wünschenswert sind, ist dieses Buch ein informativer, wunderbar zu lesender Kulturwegweiser in ein Land, dass voller Reichtümer steckt, die es gilt bestaunt zu werden.

Stadtansichten

Es ist doch jedes Jahr das Gleiche: Die Urlaubszeit naht und man weiß einfach nicht wohin man reisen soll. In eine Stadt, ans Meer, in die Berge, aktiv oder faulenzen. Es gibt so viele Arten die schönste Zeit des Jahres sinnvoll zu verbringen, dass die Planung schon fast wieder in Arbeit ausartet. Gut, wenn man weiß, dass es die Reisebücher vom Michael-Müller-Verlag gibt. Auch Kochbücher gibt‘s dort. Und nun auch noch einen Kalender. Die Sehnsucht wird mit allen Mitteln verstärkt. Doch dieses Mal sind die Leser und Fans des Verlages selbst schuld. Denn sie haben ihre Eindrücke, die schönsten Fotos ihrer Reisen, die sie mit den City-Guides so  umfassend planen konnten, selbst eingeschickt. Zwölf ganzseitige Fotos haben es nun in diesen Kalender geschafft.

Von der Goldenen Stadt Prag, über das immer noch hippe Barcelona bis ins verträumte Wien. Vom schnörkellosen Dublin übers lebendige London bis ins liebenswerte Lissabon. Doch Kalender aus dem Haus Michael Müller wäre kein echtes Produkt aus dem Hause Michael Müller, wenn es da nicht noch ein paar Tipps geben würde. Im Mai soll ja Hamburg am schönsten sein, sagt man. Der Kalender zeigt in diesem Fall nicht nur die Tage an, sondern auch einen besonderen Feiertag in der Hafenstadt, den Hafengeburtstag. Fällt 2018 zufällig mit Christi Himmelfahrt zusammen. Und wo soll man dann essen gehen, ausgehen oder shoppen gehen? Steht alles schon im Kalender, auch warum der Hafengeburtstag hier so euphorisch herbeigesehnt wird wie andernorts der Karneval. So wird der Kalender nicht nur zum Ansichtsobjekt, sondern auch gleichzeitig zum Absichtsprojekt.

Dieser Kalender beweist, dass es nicht viel Tamtam braucht, um Eindruck zu machen. Kein Hochglanz ist erforderlich, um die Augen zum Glänzen zu bringen. Und er beweist, dass man sehr wohl Kalender noch einmal neu erfinden kann. Während sich die meisten Kalender auf eine hübsche Ansicht beschränken, baut man hier auf Brauchbarkeit und eindrucksvolle Ausblicke. Und zwar so wie sie jeder erleben kann, ohne vorher in schwindelerregende Höhen aufsteigen zu müssen und ungesunde Verrenkungen machen zu müssen. Alles echt!

Ebenso echt wie der karitative Nutzen des Kalenders. Fünf Euro gehen direkt an den Kinder- und Jugendfond der Lebenshilfe Erlangen e.V. Allen, die Hilfe benötigen, um ein normales Leben zu führen, steht der Verein mit Rat und vor allem Tat zur Seite.

Gscheitgut – vegetarische Küche

Man soll aufhören, wenn‘s am schönsten ist! So ein Quatsch! Da legt man erst richtig los! Das dachten sich wohl auch Corinna Brauer und Michael Müller. Ihre „Gscheitgut“-Kochbücher überzeugten von Anfang an mit leicht nachvollziehbaren Rezepten und einer angenehm unaufgeregten Aufmachung. Teil zwei stand dem Erstling in nichts nach. Ein Teil Drei wäre zwar die logische Fortsetzung gewesen, hätte aber die treuen Fans des Michael-Müller-Verlages ein wenig enttäuscht. Also musste was Neues her, dass aber Teil Eins und Zwei lediglich als Vorgänger dastehen lässt. Eine vegetarische Variante – mehr als nur ein Gedankenspiel, ein echter Hingucker und Leckerschmecker … auch für die, „die den Tieren nicht das Futter wegschnappen“.

Saisonal und regional muss es heutzutage ja immer sein. Das ist nicht verkehrt, wird nur allzu häufig übertrieben und falsch bewertet. Wenn der Bauer von nebenan ein Hobbychemiker ist, nützt dem Verbraucher die beste Saisonalität und die beste Regionalität gar nichts. Bei all der political correctness wird viel zu oft das Eigentliche unterschlagen: Es muss schmecken! Und da kann es (wie oft muss jeder für sich selbst entscheiden) auch mal vegetarisch sein.

Die Scheu vor dem Neuen, dem Fleischlosen muss wohl kaum noch jemandem genommen werden. Dennoch ist die vegetarische Küche für die meisten ein Bermudadreieck, in das man sich nicht verläuft. Das kulinarische Dreieck dieses Buches befindet sich zwischen Memmelsdorf, Marloffstein und Bärnfels. Nie gehört? Na dann auf zum fröhlichen Schmausen durch die Jahreszeiten!

Spätestens wenn die ersten Sonnenstrahlen wieder Gemüt und Natur erwärmen, wird es Zeit Neues auszuprobieren. Auf den ersten Seiten erwartet den Leser zum Beispiel ein Brennnesselflan mit Tomatenragout. Dafür benötigt man 100 Gramm junge Brennnesselblätter (kann man selbst “jagen“), ebenso viel Spinat, eine halbe Zwiebel, eine Knoblauchzehe, 80 Gramm Butter, 400 Gramm Sahne, sechs Eier, Muskatnuss sowie Salz und Pfeffer. Allesamt Zutaten, die man mühelos besorgen kann. Auch für das Ragout sind alle Ingredienzien generell verfügbar: Tomaten, Knoblauch, Zwiebel, Olivenöl und Basilikum. Zum Abschmecken wie immer Salz und Pfeffer. Brennnessel- und Spinatblätter (ohne Stiel) waschen, blanchieren, abschrecken, ausdrücken und hacken. Zwiebel und Knoblauch glasig dünsten und würzen. Sahne rein, pürieren und die Eier untermixen. Wieder abschmecken. Nun vier Förmchen ausbuttern, die Masse bis zum Rand einfügen und im Wasserbad im Backofen eine Viertelstunde bei 170 Grad stocken lassen.

In der Zwischenzeit kann das Ragout zubereitet werden. Naschen erwünscht und erlaubt! Tomaten schälen und vierteln. Öl erhitzen, Zwiebeln und Knoblauch dazu, und wenn alles glasig ist, die Tomaten dazugeben. Abschmecken und das Basilikum untermischen. Nun müssen nur noch die Flans darüber gestülpt werden. Alles keine Hexerei, geht schnell und schmeckt.

Wer es nicht erwarten kann, wirft schon mal einen Blick voraus in den Sommer: Dort wartet ein leichtes Thymian-Zitronen-Mousse mit Minzgelee. Oder im Herbst eine Blumenkohlsuppe mit Birnen. Im Winter wird es wieder traditionell bei einem Pfannkuchen mit Apfel-Zimt-Kompott.

„Gscheitgut“ ist die Kochbuchreihe zum Verreisen. Eine Wanderung durch Franken zwischen Bamberg, Erlangen und Bayreuth, auf der sich jede Einkehr lohnt. Auch für Vegetarier. Und für alle, die mal was Neues probieren wollen. Den beiden Autoren merkt man die Lust am Entdecken, Naschen und die Hingabe zum „leckeren Buch“ auf jeder Seite an. Und wer es partout nicht lassen kann, nicht zu kochen, der benutzt „Gscheitgut – vegetarische Küche“ eben als Wanderführer. Denn alle Rezepte wurden auf den zahlreichen Erkundungstouren gesammelt. Kartoffelrisotto mit Pilzen und Petersilienpesto, Beerenlasagne oder Salat vom Bamberger Hörnchen und Birnen mit Hagebuttenschaum gibt es vielleicht nicht überall, aber es gibt sie. Man muss nur wissen, wo man sucht. Lösungsansätze stehen im Buch!

Die Reise des Horace Pirouelle

Reisepass, genügend Klamotten und Toilettenartikel eingepackt? Na dann kann die Reise ja losgehen! Sobald die Checkliste komplett abgehakt ist, beginnt der Urlaubsstress. Zumindest bei so manchem, der sich seit Wochen und Monaten auf die schönste Zeit des Jahres freut und alles akribisch vorbereitet. Aufbruchsstimmung nennt man das, oft endet es in Abbruchstimmung.

Horace Pirouelle bricht auf um aufzubrechen. Nichts mehr und nichts weniger. Grönland soll es sein. Sein Freund Julien – unter uns: Julien ist Philippe Soupault, der so poetisch diese Reise beschreiben wird, obwohl er gar nicht dabei sein wird – ist überrascht als der Freund ihm berichtet wohin es gehen soll. Denn Horace Pirouelle wurde einst in Liberia geboren. Quasi als Kontrastprogramm will er nun ins ewige Eis. Einfach so. Ja, wirklich, einfach so. Es gibt keinen triftigen Grund warum es ausgerechnet Grönland sein soll.

Die Reise beginnt. Und fast wie im Märchen, findet sich Horace auch bald in der Eiswüste zurecht. Dem Alltag der Eskimos kann er mühelos folgen. Anschluss findet er schnell. Doch irgendwann erdrückt ihn die Nähe, die man in Grönland so nicht erwartet.

Wer nun eine Reisebeschreibung vielleicht á la Joseph Conrad erwartet, kommt aus dem Staunen nicht mehr raus. Denn Monsieur Pirouelle sucht nicht das Besondere, er ist ja schon mittendrin. Er erinnert auch ein wenig an den Autor selbst. Entdecker wollte er werden, wenn er groß ist, meinte er in jungen Jahren. Und nun schickt er den erfundenen Horace Pirouelle in die Ferne nach Grönland. Alles hier ist anders. Keine Cafés, kein Eiffelturm, keine afrikanischen Rhythmen wie daheim in Monrovia, Liberia.

Philippe Soupault gibt dem Affen Zucker. Mit einer jungenhaften Freude schreibt er seinen Freund in ein Abenteuer, das der so schnell nicht vergessen wird. Sage und schreibe einhundert Jahre ist es her, dass dieser Kurzroman geschrieben wurde. In Europa wütete der Krieg. Revolutionen rückten Länder in den Fokus, die bisher nur am Rande oder in seltenen Fällen als eroberungswürdig wahrgenommen wurden. Schon zwei Jahre später wird Philippe Soupault zusammen mit André Breton den ersten surrealistischen Text „Die magnetischen Felder“ verfassen. Losgelöst von herrschenden Strukturen wollten sie die (Kunst-)Welt verändern. „Die Reise des Horace Pirouelle“ war der selbst gelegte Pfad auf diesem Wege.

Bushäuschen in Georgien

Würde es Katie Melua nicht geben, hätte Eduard Schewardnadse nicht so aktiv an der deutschen Wiedervereinigung mitgewirkt, man wüsste nichts von Georgien. Im Kaukasus liegt das Land. Stalin kam von hier. Fußballfans erinnern sich noch an epische Matches von Dynamo Tblissi. Aber das war’s dann auch schon.

Wer interessiert sich schon für Georgien, könnte man ketzerisch fragen. Finns halten es mit Finnland. Franks mit Frankreich und Georgs mit Georgien – könnte man meinen. In diesem Fall stimmt es aber. Georges Hausemer kennt Georgien, hat viel gesehen und viel darüber geschrieben. Viele Reportagen, die man in Tageszeitungen und Büchern noch einmal nachlesen kann. Vergessen all die Anstrengungen von Politikern (aus welchen Gründen auch immer) verpuffen im Nachrichtenwust des Schreckens. Und da springt Georges Hausemer in die Presche.

Bücher über Georgien gibt es sicherlich viele. Ganz sicher mehr als über andere Kaukasusrepubliken. Da ist es schwer eine Nische zu finden. Trara! Hier ist die ultimative Nische! „Bushäuschen in Georgien“ – auf so eine Idee muss man erstmal kommen. Wer denkt bei Georgien schon an Bushäuschen? Naja, einer, ein Luxemburger, der sein Land als das großartigste Großherzogtum der Welt beschreibt. Der Titel erregt Aufsehen. Und blättert man ein wenig darin herum, ist man überrascht. Denn europäische Nahverkehrsnetze funktionieren (meistens), ihre Haltepunkte sind durchgestylt, austauschbar, bieten Schutz vor Regen und geben Auskunft über die Fahrzeiten. Georgische Nahverkehrsnetze funktionieren meistens nicht. Die Haltstellen oder Bushäuschen sind nicht genormt. Schutz vor Wind und Wetter bieten sie auch nur sporadisch. Und Auskünfte sucht man in der Regel vergebens. Aber, und das kann man gar nicht oft genug betonen und hervorheben: Sie haben Charme. Und eine Geschichte. Nicht immer die Gleiche, zum Glück, nicht immer mit Happy End, doch sie haben Geschichten.

Selbst Einheimische wie Dato, der Fahrer und Dolmetscher des Weltreisenden Hausemer sind erstaunt, was da alles in der Gegend rumsteht. Sie sehen aus wie eine Guillotine, sind aus Baggerschaufeln wild zusammengeschustert worden, bieten Eseln einen trostlosen Rastplatz oder wurden im wahrsten Sinne des Wortes in (nicht auf oder vor oder neben) der Natur erbaut. Die süffisanten Texte von Georges Hausemer erlegen den letzten Zweifler am Nutzen dieses Buches, sofern es sie je gab. Nie wurde ein Land – übrigens Partnerland der Frankfurter Buchmesse 2018 – so eindrucksvoll durch die Hintertür einem breiten Publikum zugängig gemacht. Im Jahr 2017 ging der bedeutendste Literaturpreis Luxemburg, der Prix Batty Weber an Georges Hausemer für sein Lebenswerk. Und während in Georgien so mancher beim Warten auf den nächsten Bus – und das kann dauern – darüber nachdenkt, was der neugierige Ausländer, der so eifrig die avantgardistischen Hinterlassenschaften der UdSSR aus Beton, die wellblechbedachten Treffpunkte der Busnutzer, die verlassenen Orte des Stillstands fotogarfiert, so treibt, hat der bestimmt schon wieder den nächsten Coup in Gedanken fast abgeschlossen. Die georgischen Buchmesseteilnehmer 2018 werden aus dem Staunen nicht mehr rauskommen.