Archiv der Kategorie: Meeresrauschen

Soro

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Wenn es nicht einen so tragischen, düsteren Hintergrund gäbe, könnte man über den Anfang der Geschichte schmunzeln. Im Soro-Rausch (Zuckerrohrschnaps mit einem Schuss Bittermelone, auch als Medizin zu verwenden) vergnügt sich Dieuswalwe Azémar mit einer Frau in einem Hotelbett. Sie vergessen Raum und Zeit, die Erde bebt. Der Kommissar ist schon fast geneigt zu meinen, dass es an ihm liegt. Doch Mutter Erde hat ihren eigenen Plan…

Der Roman beginnt im düstersten Kapitel der jüngeren Geschichte Haïtis. Das verheerende Erdbeben von 2010. Tausende Menschen, die eh schon nichts hatten, verloren auch noch den kümmerlichen Rest. Eine Tragödie, von der sich das Land bis heute nicht erholt hat und leider auch nicht so schnell erholen wird. Für den Ermittler hat das Erdbeben eine weitere menschliche tragische Komponente. Denn die Frau, mit der er anfangs so süße Stunden verlebte, ist nicht die Seine. Er ist Junggeselle mit Stieftochter. Die Frau stirbt beim Akt als ihr die Decke auf den Kopf knallt. Tragisch, wahrhaft. Aber es geht noch schlimmer. Die war – das muss man nun leider eingestehen – die Frau seines Kumpels, seines Freundes. Es geht nicht schlimmer? Doch! Denn dieser Freund ist Solon, Azémars Chef. Und derjenige, der ihm schon mehr als einmal den Rücken freigehalten hat.

Es ist ein Elend. Auf den Straßen regiert die rohe Gewalt. Menschen wissen nicht mehr wohin mit sich und ihrer Verzweiflung. Und dann auch noch das – so viel zum Thema „Schlimmer geht’s immer“: Azémar bekommt den Auftrag herauszufinden, mit wem sich Solons Frau in der besagten Nacht im Hotel vergnügte.

Gerade hat er eine langanhaltende Beziehung zu seiner Stieftochter Mireya aufgebaut. Er befreite sie aus den Fängen einer perfiden, nein perversen Sekte. Und nun kann er ihr kaum noch in die Augen schauen. Da hilft auch kein Rum oder Schnaps, wie er es so oft schon tat. Und schon gar nicht bei der Faktenlage: Die Frau – tot. Der Chef überzeugt, dass es sich um Ehebruch handelt und gewillt den Missetäter „zur Rechenschaft zu ziehen“. Und ein Zeuge, ein Hotelangestellter, der – Azémar schämt sich fast für den Gedanken – im Koma liegt.

Die Sprachgewalt von Gary Victor, wenn er über die beiden Beben spricht (Hotelzimmer und den vibrierenden Erdplatten) wandeln sich komplett, wenn er über das unsagbare Leid der Haïtianer nach der Katastrophe schreibt. Dem Leser stockt der Atem bei solch detaillierter und exakter Beobachtungsgabe. „Schweinezeiten“ war der Auftakt zu einer besonderen Krimireihe aus einem besonderen Land. „Soro“ als Nachfolger ist mehr als eine würdige Fortsetzung, in „Soro“ bekommt Dieuswalwe Azémar ein tragisches Gesicht, dass sicherlich in den weiteren Romanen reifen wird.

Schweinezeiten

Schweinzeiten

Inspector Dieuswalwe Azémar hat wahrlich keinen leichten Job in Port-au-Prince, Haïti. Er scheint im Moment der einzige Bulle zu sein, der gegen Bestechung immun ist. Wenn andere die Hand aufhalten, hält in selbiger eine Flasche mit Tranpe, den fruchtigen, süßen Zuckerrohrschnaps. Und die anderen halten oft und lange die Hand auf! Seine Leidenschaft für das betörende Getränk hat ihn schon seine Tochter gekostet. Die kleine vorwitzige Mireya lebt jetzt in einem Pensionat der Kirche des Blutes der Apostel. Dieses Kloster wird streng geführt. Und wenn Papi Dieuswalwe seine Mireya besucht, was er alle zwei Wochen darf, wird er nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Sister Marie-Josée ist kein Fan von ihm. Seine Tochter umso mehr.

Aufgeregt erzählt sie ihm brühwarm alles Neue aus dem Kloster. Auch, dass sie Wachtmeister Colin gesehen hat. Mit Schweinohren. Die Kleine findet das lustig. Den Inspector macht es schwermütig. Denn Colin ist seit einiger Zeit verschwunden. Einfach so. und er sucht ihn. Dass die bevorstehende Adoption von Mireya, die ihr zweifelsohne eine bessere Zukunft bescheren wird – davon geht er im Moment noch aus – mit dem Verschwinden des Wachtmeisters in Zusammenhang steht, ahnt er noch nicht.

Der Alkohol lässt den alltäglichen Trott vergessen. Doch die Adoption macht ihm zu schaffen. Immer öfter hält er sich nicht an die Regeln und besucht Mireya außerhalb der vereinbarten Zeiten. Auch im Fall Colin tut sich was. Als ein Unbekannter ihm das Armband seiner Tochter gibt, das sie kurz zuvor verloren hat, blüht Dieuswalwe Azémar auf. Knarre geladen, nüchtern und voller Tatendrang bricht das Ermittlertier in ihm aus. Mireya wurde entführt. Die Machenschaften des Ordens, der Sekte, der so genannten Kirch des Blutes der Apostel ist eine perfide, in ihrem schrägen Wahn, gefährliche Organisation. Und er, aber vor allem seine Tochter, fallen exakt in deren Beuteschema…

Gary Victor verbindet in „Schweinezeiten“ die tiefe Religiosität des Karibikstaates mit einer ungewöhnlichen Kriminalgeschichte. Voodoo, Gottesfürchtigkeit und die dauernde Korruption in allen Gesellschaftsschichten sind das Terrain, auf dem sich sein wütender Inspector Dieuswalwe Azémar bewegt. Sein Name in kreolischer Schreibweise bedeutet „Gott sei gelobt“ (ein Hohn, wenn man liest, was in dessen Namen geschieht). Der geborene Verlierer, der sich in einem letzten Kraftakt erhebt, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu helfen. Dass er persönlich involviert ist, hilft ungemein bei der bevorstehenden Kraftanstrengung. Der Roman gibt es einen ungefähren Einblick in die Seele eines so durchgeschüttelten Volkes. Die Hinterlassenschaften des verheerenden Erdbebens sind in unseren Medien maximal an Gedenktagen eine Meldung wert. Haïti findet ansonsten nicht statt. Dieser wortstarke Krimi ist eine wortstarkes Argument, den Karibikstaat nicht aus den Augen zu verlieren.

Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte

Ein Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte

Auch 2016 werden wieder zahlreiche Jubiläen begangen. In Frankreich gedenkt man der Toten der Schlacht um Verdun. William Shakespeares Todestag jährt sich zum 400. Mal. Doch es gibt Jubiläen, die kaum Beachtung finden. Zum Beispiel kann man mit Fug und Recht behaupten, dass der Sommer vor neunzig Jahren am Cap d’Antibes der Letzte ohne touristisches Tohuwabohu war. Ein Jubiläum, das die Tourismusmanager vor Ort gern vergessen, und lieber in elf Jahren den Startschuss des Gegenteils feiern wollen und werden.

Und genau in diesem letzten ruhigen Sommer lassen sich einige illustre Gäste nieder, genauer in Juan-les-Pins. Das Ehepaar Gerald und Sara Murphy, die mit ihrem Geld in Frankreich sehr gut leben können, laden Ernest Hemingway, Pablo Picasso sowie F. Scott und Zelda Fitzgerald ein, um einen unbeschwerten Sommer zu verbringen. Alle kommen mit Sack und Pack und Kind und Kegel. Die Fitzgeralds lebten in New York in Saus und Braus. Mal wie The Who zerstörten sie Hotelzimmer, dann badeten sie wie Anita Ekberg in Brunnen. Berüchtigt waren sie. Und Scott war auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Sein Gatsby verkaufte sich, das Broadway-Stück war bei Wind und Wetter ausverkauft und die Filmrechte wechselten schon bald den Besitzer. Hier sollte nun der Nachfolger, der nächste groß Wurf gelingen. „Zärtlich ist die Nacht“ soll hier entstehen. Doch die Rivalität zu Hemingway und das allzu ausschweifende Leben lassen einfach keine Zeilen auf der Schreibmaschine entstehen.

Die großen Gönner, die Murphys, fühlen sich auch mehr zu Hemingway hingezogen. Auch der bärtige Prachtkerl wirft mehr als ein Auge auf Sara statt auf seine Frau Hadley. Und sein Nachwuchs leidet jämmerlich an Keuchhusten. Urlaubs-, Sommerstimmung sieht anders aus.

Alle Villen am Cap sind belegt. Hier wird getrunken, fürstlich gespeist, intrigiert, geschmollt, gebadet. Nur künstlerisch tätig sind die Wenigsten.

Erst acht Jahre später soll F. Scott Fitzgerald seinen Roman fertig haben. Seine Ehe ist kaputt, Zelda verfällt immer mehr den Depressionen, Scott dem Alkohol. Die Auszeit an der Côte d’Azur sollte einen Wendepunkt darstellen. Was sie in gewisser Weise auch war. Doch nicht wie es sich die Protagonisten vorstellten. Was den Ruhm und Lebensstandard steigern sollte, Fitzgerald machte nie einen Hehl aus seiner Intention zu schreiben, um gut leben zu können, wird zum Desaster. Zelda ist eifersüchtig auf Scotts Erfolg. Scott ist eifersüchtig auf Ernest, weil er die Murphys in seinen Bann zieht. Ernests Beziehung zu Hadley geht den Bach runter. Und auch die Murphys haben einen harten Schicksalsschlag zu verarbeiten.

Emily Waltons Buch ist eine echte Urlaubslektüre. Nur wenige können und wollen sich eine ausgiebige Auszeit an einer der schönsten (und teuersten) Meeresgegenden gönnen. Heute regieren hier Zehensandalen und Partygeschrei. Damals herrschte künstlerisches Chaos. Dieser Sommer ist die Ouvertüre auf den Abgesang der Goldenen Zwanziger. Trotz aller gegebenen Umstände, um Großes zu schaffen, wurde der Sommer 1926 für die Gruppe zur Zerreißprobe und zur Zäsur in ihrer aller Leben. Ein nostalgisches Stück, das zum Träumen einlädt.

Norderney

Norderney

Es klingt fast schon wie eine Verneinung des Urlaubsziels: Der Norden, nee! Alles, nur das nicht! Norder-Jaa muss es eigentlich heißen! Und Dieter Katz liefert auf einhundertsechzig Seiten immer wieder Argumente die Insel zu besuchen. Ob nun als Pauschalbesucher für zwei Wochen und Immer-Wieder-Gast für ein paar Tage, der auf eigene Faust das Inselleben hautnah spüren will. Alle vereint der Gedanke sich hier zu erholen, Einzigartiges zu erleben und die Leserecherche mit diesem Buch.

Nicht einmal sechstausend Einwohner auf knapp 26 Quadratkilometer. Klingt nicht groß, ist es auch nicht. Klingt nicht so, als ob man hier wochenlang immer wieder etwas Spannendes erleben kann. Falsch! Es geht ja schon auf der Umschlagseite los. „Wussten Sie schon…“ nennt sich die Rubrik, die jedes Buch des Michael-Müller-Verlages stimmungsvoll einläutet. Von Seehunden und Kegelrobben ist da die Rede, Bienenbelegstellen und vom Tee-Pro-Kopf-Verbrauch der Ostfriesen.

Noch nicht abwechslungsreich genug? Wellness (unter anderem gibt es auf Norderney Thalasso-Kurwege), Strandsauna und eine Trinkkurhalle laden zum Verweilen und Erholen ein genauso wie Minigolf, Angeln oder über vierzehn Kilometer feinster Sandstrand. Als Mitbringsel eignen sich zahlreiche Artikel aus dem orangen Gold der Insel, dem Sanddorn. Ob nun als Marmelade oder Likör, als Tee oder Fruchtsaft – wer mit Sanddorn zuhause seine Lieben beglückt, wird Beifall ernten.

Apropos Beifall. Ab und zu muss man das Buch doch beiseitelegen. Immer dann, wenn man innerlich in die Hände klatscht und sich freut, dass man dieses Buch gefunden hat. Es ist erstaunlich, dass so eine klein Insel nicht in Füllhorn der Abwechslung umbenannt wird. Und Dieter Katz kann sich feiern lassen, jedes einzelne Element, jeden Diamanten der Erholung und Entspannung gefunden, detailliert niedergeschrieben und handhabbar veröffentlicht zu haben.

Wer Norderney bisher noch nicht kannte, bekommt in diesem Buch mehr als nur einen groben Überblick über die Insel. Es ist schon fast so informativ und erkenntnisreich wie vor Ort zu sein. Wer Norderney schon einmal besucht, wird sich wundern, was alles verpasst hat. Denn wenn das geflügelte Wort vom Geheimtipp auf einen Inselreiseband zutrifft, dann hier.

Als Zugabe zum Buch bzw. als hervorhebenswertes Extra gibt es zwölf Seiten „Norderney mit Kindern“. Und dann wird aus dem stillen Norder-Nee ein fröhlich schallendes Norder-Jaaaaaa…..

Bornholm

Bornholm

Einer gegen Alle: Bornholm ist geradezu verschrien als Insel der Biederen. Kleine, süße, genormte Ferienhäuschen in der rauschenden Gischt der Ostsee. Aber bitte alles ordentlich! Andreas Haller stemmt sich mit all seinen Erfahrungen und seiner Leidenschaft für die dänische Urlaubsinsel im Baltischen Meer gegen die Phrasendrescherei der Vorverurteiler.

Man braucht nicht gleich das ganze Buch auf einmal zu lesen, um die Insel in sein Herz zu schließen. Schon das Titelbild macht Lust auf weite Strände und undaufgeregte Inselarchitektur unter blauem Himmel. Im besten Wortsinne ist Bornholm eine echte Familienurlaubsinsel.

Mehr als nur Schafe gucken und planschen ist allemal drin. Kleines Experiment gefällig? Einfach mal das Buch aufschlagen, Seite 138, Kapitel: Der Osten, „Rund um den Gudhjem“. Gleich zu Beginn eine schlechte Nachricht: Baden ist hier nicht das Erste, was Einem in den Sinn kommt. Versprochen, das ist und bleibt die letzte schlechte Nachricht. Von jetzt an geht es nur noch bergauf. Weiter im Süden kann man baden. Erster Pluspunkt. Wer zu Fuß nach Melsted läuft (dort, wo man endlich baden kann), passiert eine spektakuläre Klippenszenerie. Zweiter Pluspunkt. Kirche, Museum, Mittelalterzentrum sind weitere Sehenswürdigkeiten auf dem Weg. Dritter, vierter und fünfter Pluspunkt. Klingt doch erstmal ganz unterhaltsam und tagesfüllend, dafür, dass man das Buch eher zufällig aufgeschlagen hat, oder?! Das Spiel ließe sich unendlich bzw. 240 Seiten lang fortsetzen. Und natürlich beschleicht einen das Gefühl, das Andreas Haller die Insel verdammt gut kennt. Tut er! Die farbigen Infokästen bilden den kontrastreichen Wissenswiderpart zu den wissensreichen Texten im Buch. Wellness, Wandern, Klettern (spätestens hier geht es nur bergauf), Shopping, Golf, Baden, Inselgeheimnisse, Übernachtungs- und Einkehrmöglichkeiten, ach die Liste der unerlässlichen Tipps ist schier endlos.

Wer pauschal die Insel besucht, wird mit diesem Buch zum Über-Den-Tellerrand-Gucker. Wer auf eigene Faust die fast 600 Quadratkilometer erkunden will, kommt an diesem Buch einfach nicht vorbei. Nur für eifrige Strandburgenbauer, die hier ihren Traum vom eigenen Reich verwirklichen wollen, ist dieses Buch einfach 240 Seiten zu dick. Für alle anderen ist es eine wahre Schatztruhe voller Reichtümer, die die schönste Zeit des Jahres noch lange nachklingen lassen. Weit über einhundert Fotos vermitteln den Bornholm-Neulingen einen getreuen Einblick und machen Appetit auf mehr. Jetzt muss nur noch die Reisezeit heranreifen. Und die Zeit nutzt man am besten mit diesem Buch!

Hamburg

MM-City Hamburg

Ring frei zur zweiten Runde! Im Boxsport kommt jetzt die Zeit, in der man sich den Gegner zurechtlegt, schaut, ob die eigene Taktik funktioniert, und in der man ganz ruhig dem Erfolg entgegenstampft. Bei dieser Zweitauflage des MM-City-Reisebandes Hamburg wurde der Weg zum Erfolg schon mit der ersten Auflage vorgegeben. Somit ist die Zweitauflage keine Ergänzung im herkömmlichen Sinne, sondern eine Titelverteidigung. Und es gibt keine Manipulationen. Doch, gibt es! Zielgruppe: Potentielle Hamburch-Besucher. Und die wollen unterhalten und informiert werden.

Zweihundertsechsundsiebzig Seiten lang verfolgt der Leser das bunte Treiben in der Stadt. Kleine Aufenthalte in Bars und Restaurants, an erholsamen Punkten für Körper und Geist, auf belebten Straßen, in Vierteln, die in diesem Buch ihre Geheimnisse preisgeben, darf der Leser innehalten. Doch was ist schon eine Verschnaufpause, wenn das Reisefieber in einem hochkocht?

Matthias Kröner schafft den Spagat zwischen Information und Unterhaltung spielend. In jedem Satz schwingt das leise Wegweisen mit ohne dass der Leser ins Stöhnen kommt. „Nicht noch ein Tipp – das Leben ist zu kurz!“, diese Plattitüde kommt gegen die Wucht dieses Buches nicht an. Hamburg mal eben so mitnehmen, auf der Durchreise eine Stippvisite machen: Kein Problem! Dann halt nur eine Tour, statt der beschriebenen sieben Touren. Wie wäre es mit einem Spaziergang am Elbufer? Oder durch Alt- oder Neustadt? Den Hafen? St. Georg und Außenalster? Doch lieber Altona-Altstadt und Ottensen? Sankt Pauli soll`s sein? Bitte sehr gern. Einmal vorblättern zur Seite 112. Auf den folgenden Seiten, sechsundzwanzig an der Zahl, wird dem Mythos gehuldigt (ja, auch den Weltpokalsiegerbesiegern – Bayernfans ist die Schmach vom 6. Februar 2002 inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen). Keine Scheu vor großen Namen, heißt es auf dem einst so heißen Pflaster. Wie zum Beispiel in der „Ritze“, einer Kneipe, die schon von außen mit derber Offenheit lockt. Im Keller der „Ritze“ haben übrigens schon Weltmeister trainiert. Boxweltmeister.

Und so schließt sich der Kreis. Der Gong zur letzten Runde ertönt. Erschöpft und froh darüber, dass das Buch noch lange nicht das Ende der Träume von Hamburg ist, gelangt man auf die letzen Seiten. Nicht schlapp machen, konzentriert bleiben. Die Belohnung wartet ja schließlich noch. Im Ring gibt es ein Kampfurteil, im Buch einen herausnehmbaren Stadtplan. Wohlwollend hat der Leser die kleinen gelben Kästen durchgelesen. Hier wird Stadtgeschichte erlebbar. Kurze Anekdoten, die haftenbleiben und vor Ort die Stadt noch interessanter erstrahlen lassen. Ein Boxer hat einen großen Stab an Helfern, die ihm zu dem machen, was er ist. Hamburg-Besucher haben‘s da einfacher: Sie benötigen nur einen Helfer: Diesen!

CityTrip Danzig

Danzig

Wer Richtung Osten reist, wird jedes Jahr aufs Neue überrascht wie schnell sich Städte und Umland verändern. Danzig war nach der Wende eine der ersten Städte, die man wegen ihrer geografischen Nähe unter die Lupe genommen hat. Hier wurde schon immer Geschichte geschrieben, die über die Grenzen hinaus ihre Wirkung zeigte. Danziger Werft, Westerplatte und der Dom gehören zum festen Programm einer jeden Stadterkundung. Doch darüber hinaus hat die Stadt an der Ostsee noch eine ganze Menge mehr zu bieten. Mehr und Meer!

Der Reiseband beginnt gleich mit den wichtigsten Informationen für alle, die nur mal eben schnell die Stadt besuchen. Drei Tage sind nicht viel für Danzig. Deshalb ist es umso wichtiger nichts auszulassen. Ein farbig unterlegter Kasten zeigt an, was es nur hier und nirgendwo anders gibt. Bernstein ist eines der unerlässlichen Mitbringsel, die ins Reisegepäck gehören. Wer zuvor das Bernsteinobjektiv und den Bernsteinaltar bewundert hat, ist sofort in den Bann gezogen. Wer sich ihm doch entziehen kann, hat dieses Buch auch einige Tipps parat, um echtes Danziger Flair für die Daheimgebliebenen sich einpacken zu lassen. Am bekanntesten dürfte wohl das Danziger Goldwasser sein.

Die Autoren Anna Blixa und Martin Brand machen es dem Neugierigen nicht einfach die Stadt zu erkunden. Soll man als Genießer, als Kauflustiger oder Kunstsinniger Danzig entdecken? Auf jeden Fall ist man gut beraten dieses Buch immer dabei zu haben. Von Tipps für die typisch polnische Einkehr über erholsame grüne Oasen bis hin zur geruhsamen Nacht haben die beiden alles recherchiert, was man benötigt, um in Danzig die schönste Zeit des Jahres zu verbringen, egal wie lange sie nun dauert.

Die Ostseelage bietet es geradezu an, dass man auch auf dem Seeweg die Stadt in den Fokus rückt. Oder sich umgekehrt den Seeblick am frühen Morgen gönnt. Extratipps befinden sich in den einzelnen Kapiteln und sind gelb unterlegt.

Beim ausgiebigen Frühstück (mit Seeblick natürlich, am besten im Restauracja Cała Naprzód, gefunden auf Seite 43) kann man dann im Buch blättern und mit dem beiliegenden herausnehmbaren Stadtplan die Route für den Tag festlegen. Das handliche Buch gehört einfach ins Ausflugsgepäck. Er passt locker in die Gesäßtasche und ist so immer zur Hand. Praktische Tipps und Hinweise auf die Besonderheiten der Stadt lassen es allerdings kaum zu ihn zu verstauen. Es gibt so viel, was es zu entdecken gibt. Die kurzen Texte geben die Richtung vor, schauen muss man schon selber. Und staunen!

Wer doch nicht auf die elektronische Handfessel verzichten will, kann über den abgedruckten QR-Code den Mini-Audiotrainer verwenden, Danzig von oben betrachten, die Routenführung planen und Infos erhalten, die bei Redaktionsschluss noch nicht vorhanden waren.

Das Wettangeln

Das Wettangeln

Thorshafen an der Ostsee ist ein ruhiger Fischerort. Einmal im Jahr wird die Bescheidenheit des Ortes beiseite geräumt und das Wettangeln steht an. Hier zeigen Männer was sie dazu macht, Kinder eifern ihnen nach, die Frauen feuern ihre Männer an – so schließt sich der Kreis. Nur Henry Weiß kann dieses Jahr nicht teilnehmen: Er ist kurz vor Beginn mit seinem Rollstuhl gestürzt. Aber als Schiedsrichter will er funkgieren. Sein sonores Horn verkündet Anfang und Ende des Wettstreits. Statt seiner sollen seine Nichte Anja und der Erzähler sich die Meriten verdienen.

Und sie scheinen auch Glück zu haben. Nach anfänglichem Anglerpech – der falsche Köder – zeihen sie einen Prachtburschen an Land. Siegessicher beschließen die beiden ihr Glück nicht weiter zu strapazieren und geben sich dem Müßiggang hin. Auf einem Floß treiben sie vor den aufgebrachten Anglern dahin. Sie verschrecken die Fische. Leise ziehen sie sich an einen ruhigeren Ort zurück und finden zueinander.

Bei der Preisverleihung sind sie doch die Gewinner. Egal, denn sie haben etwas an Land gezogen, dass die anderen schon haben oder nicht erreichen werden…

„Das Wettangeln“ ist die letzte vollendete Geschichte von Siegfried Lenz, der 2014 gestorben ist. Im Nachwort erfährt man, dass Henry und der Erzähler mehr als nur aus dem gleichen Holz geschnitzt sind. Sie gehören originär zusammen. Durch Krankheit erheblich in seinem Tun eingeschränkt, hat Siegfried Lenz seinem Tagespensum oberste Priorität eingeräumt. Die Geschichten, die er in den letzten Jahren schrieb, bestechen durch ihre schlichte und kompakte Poesie, die den Leser sofort in ihren Bann zieht. Das Ostseeörtchen Thorshafen, wo der Gott des Donners zwischen den beiden ankert, nimmt dieses Gewitter wie eine sanfte Brise hin. Die Außergewöhnlichkeit des Anlasses ist Grund zur Freude genug. Grund zur Freude hat auch der Leser, der nun zum ersten Mal diese Geschichte lesen darf.

Advent, Advent, Die Alster brennt

Advent, Advent, die Alster brennt

Weihnachtszeit – Krimizeit. Die früh einsetzende Dunkelheit, die angenehme Ruhe vor dem großen Weihnachtsansturm lassen so manchen Lesemuffel den eigenen Schweinehund überwinden und zum Buch greifen. Mit Weihnachten kann jeder was anfangen. Und Hamburg bekommt jetzt seine eigene Weihnachtskrimireihe.

„Advent, Advent – die Alster brennt“ vereint die Gewinnergeschichten des diesjährigen KaroKrimiPreises, der dieses Mal den Leser in den Norden führt.

Hanseatische Kaufmannsehre trifft auf verlorene Engel, studentische Weihnachtsgehilfen, die in der Tradition englischer Pfeil-und-Bogen-Helden den Reichen nehmen und den Armen geben, Drogentote – das ist Hamburg zur Weihnachtszeit.

Die Geschichten sind nicht immer ernst gemeint. Mit einem zwinkernden Auge sind die Autoren immer auf der Hut und verleihen ihrer Stadt einen eigenen Charme, der den Leser ruckzuck in ihren Bann zieht.

Der Preisträger des KaroKrimiPreises Kai Riedemann eröffnet den bunten Reigen der kriminellen Machenschaften zwischen Alster und Elbe. Sein Held wird verfolgt. Warum? Der Leser wird im Unklaren gelassen, weiß nicht, ob der Verfolgte Opfer oder Täter ist. Der Verfolger kommt näher, spricht den Gehetzten an. Der fühlt sich sofort in die Enge getrieben, dennoch warnt er den, der ihm auf Schritt und Tritt folgt. Es wäre gesünder die Jagd abzubrechen, meint er. Wie recht er doch haben soll…

Nicht nur die Handlungsorte sind unterschiedlich. Auch die Themen und die Machart der einzelnen Kurzkrimis sind so abwechslungsreich wie das Leben vor den Toren der Nordsee.

Wer Weihnachten liebt, die besondere Stimmung, die in der Luft liegt, wird diese Sammlung fantasievoller Weihnachtskrimis nicht missen wollen. Fernab von Mandelduft und anderem Süßkram zeigen die Autoren, dass Weihnachten nicht immer nur von Harmonie geprägt sein muss. Es ist auch die Hochzeit der verlorenen Träume, an die man sich in der besinnlichen Zeit gern und immer wieder erinnert. Bis es irgendwann zum Ausbruch kommt: Doch die Täter hinterlassen  Spuren…

Vier Bücher mit den besten Geschichten des KaroKrimiPreises sind bereits erschienen. Bisher wurde in Berlin gemordet, gestohlen und die Weihnachtsstimmung vermiest. Jetzt geht es an die Waterkant. Sankt Paulis schmierigste Kaschemme, die vornehmsten Appartements in den Vororten, Schanzenviertel, Harvestehude und andere Lokalkolorit verströmende Viertel sind die Tatorte der echten Hamburger Originale.

Polnische Ostseeküste

Polnische Ostseeküste

Warum in die Ferne schweifen …? Die Ostsee war und ist schon immer ein Renner für alle, die die Heimat der großen weiten Welt vorziehen. Wer schon einmal Usedom besucht hat (am besten mit dem Reisebuch vom Michael-Müller-Verlag) weiß, dass die Ostsee nicht automatisch an der Grenze endet. Und warum soll die Ostsee weiter östlich nicht auch eines Besuchs wert sein? Spätestens mit der fünften Auflage dieses Buches gibt es keine Ausreden mehr.

Isabella Schinzel unterteilt ihr Buch in fünf Abschnitte: Szczecin und die Insel Wollin, die Küste Pommerns, die kaschubische Küste und die kaschubische Schweiz, Trójmiasto – die Dreistadt und das Weichseldelta, Frische Nehrung und Frisches Haff. Und gleich auf den ersten Seiten beweist sie mit Bildern und allein schon durch die Überschriften, dass hier Segler ein El Dorado finden, spektakuläre Dünenlandschaften auf sonnenhungrige Abenteurer warten und smaragdgrüne Seen aus der Eiszeit auf neugierige Entdecker warten. Es soll sogar noch Ecken geben, an denen man fast ganzjährig ungestört entspannen kann. Weiter westlich ein Ding der Unmöglichkeit. Wo diese Ecken liegen? Lesen, merken, Koffer packen.

Am bekanntesten ist sicherlich Gdánsk / Danzig mit dem Seebad Sopot und der Hafenstadt Gdynia. Zusammen bilden sie die Dreistadt Trójmiasto. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ist hier am meisten gebaut undverändert worden. Man hat sich auf Touristen eingestellt. Und die spüren das auch. Sehr gute Verkehrsverbindungen und allerlei Cafés und Geschäfte vertreiben auch noch den letzten Hauch von „Und was machen wir jetzt?“.

Unbekannter ist vielleicht noch die Küste Pommerns. Wohltuend nimmt der Leser die vorrangig polnische Bezeichnung der Ortsnamen zur Kenntnis. Etwas kleiner geschrieben die deutschen Namen. Auch nach so langer Zeit hat es sich in Deutschland immer noch nicht durchgesetzt die mittlerweile seit Generationen benutzten Namen zu verwenden. Der Tourismus boomt auch ohne die germanischen Krücken. Ob die spätgotische Kathedrale nun in Kamien Pomorski oder in Cammin steht, ist sicherlich auch unerheblich. Einen Besuch sollte man auf alle Fälle einplanen.

Viele Anekdoten, nicht minder Wissenswertes und vor allem einen Berg an Informationen bietet dieser 288 Seiten starke Reiseband. Sieben Wanderungen und Touren sind bis ins kleinste Detail ausgekundschaftet worden und machen es dem Gast leicht sich zurechtzufinden, wenn er sich die Rosinen aus dem reichhaltigen Füllhorn der Angebote bedient hat.

Farbig abgesetzte Kästen erzählen vom Astronomen Nikolaus Kopernikus über den deutschen Orden bis hin zum ultimativen Biertest alles, was sonst so in keinem Buch steht. Die Polnische Ostseeküste ist sicherlich kein Geheimtipp im eigentlichen Sinne mehr, dennoch, und das stellt Isabella Schinzel ganz klar unter Beweis, gibt es hier noch vieles zu entdecken, was lange verschollen schien, vergessen war oder bisher nie in Erscheinung getreten ist. Und man kann endlich wieder Geld tauschen…