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Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt

Überraschung! Es geht in die Karibik. Auf ‘nem Schiff. Und Sie müssen nix dazubezahlen! Der Freude weicht augenblicklich die Skepsis. Da ist doch was faul! Wenn einem so was passiert, ist man verdutzt, erstaunt und überlegt wie man den Fehler (denn nur um so etwas kann es sich handeln) in einen Vorteil für sich ummünzen kann.

Situation Zwei: Ein Kreuzfahrtveranstalter sucht dringend noch einen kulturellen Höhepunkt seiner Rundreise durch die karibische Inselwelt. Vermutlich sind ein Bauchredner und eine Schlagershow schon längst eingetütet. Besonders dialektbehaftete Schlagersänger nehmen so was ja gern mit, um ihre Weltläufigkeit hinterher „kundzutuan“.

Situation Drei: Man selbst ist ein renommierter Schriftsteller, preisbehangen und von der Kritik geliebt. Da flattert per Mail – Briefe sind ja so was von out – zur Mittagszeit eine Einladung zur Kreuzfahrt in den Posteingang. Kurz und knapp, klingt verlockend. Doch mehr als ein Dutzend Seiten Anhang liest man erst einmal nicht. Man freut sich, ist vielleicht ein wenig genbauchpinselt. Doch dann beginnt das Räderwerk, mit dem man so viele Erfolge schon feiern durfte, sich in Bewegung zu setzen. Warum ich? Bin ich nur der Pausenclown, der der ersten, zweiten, dritten … Wahl folgen soll, weil die keine Zeit oder Lust hatten? Warum hatten die denn keine Zeit oder Lust? Zu viele schlechte Erfahrungen?

Da man gut erzogen ist (eine umgehende Antwort freundlich eingefordert wurde, man hätte ja auch einen vom Stapel oder die Einladende auflaufen lassen) antwortet man natürlich. Natürlich auf seine eigene Art und Weise. Sie ist unverwechselbar, und da mit der eigenen Person auch diese Art und Weise angefragt wurde, eingekauft werden sollte, will man den Absender nicht enttäuschen.

Bodo Kirchhoff – Achtung, jetzt kommt noch eine Überraschung, für einige sicherlich sogar eine Enttäuschung – gibt sich nicht dem allgemeinen Trend hin und gibt die viertausendneunhundertneunundneunzig zahlenden Gäste (fünftausend passen aufs Schiff und er zahlt ja nicht) der Lächerlichkeit preis. Vielmehr beginnt das Buch mit dem Empfang der Mail und endet mit dem Ende der Antwort darauf. Es ist immer noch März, es sind immer noch neun Monate Zeit bis zum Abflug, nicht mehr und nicht weniger. Wer genug hat vom „Kuck mal die da drüben schaufelt sich schon wieder den Teller voll als ob wir gleich sinken werden“, wird mit „Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt“ auf keiner der einhundertdreißig Seiten enttäuscht werden. Ellenlange Sätze voller Poesie, hintergründiger Ironie und geschliffener Sprache bilden das wortgewaltige Gegenstück zum durchgestylten und straff durchorganisierten Schifffahrtsvergnügen auf Zeit. Leider viel zu kurz, dafür aber verbunden mit der Hoffnung auf einen Nachfolger. Bitte!

Von Istanbul nach Hakkari

Von Istanbul nach wohin? Hakkari? Wo ist das denn? Und schon zappelt man am Haken! Die Neugier ist geweckt. Man nimmt das Buch, blättert ein wenig darin herum und … ist hin und weg. Eine literarische Rundreise vom Bosporus im Nordwesten in den tiefen Südosten Anatoliens, dorthin, wo Touristen die goldenen Fünf-Sterne-Armaturen gegen das Abenteuer eintauschen.

Das besondere an diesem Buch ist die lange Reise, die nicht nach Autoren oder Themen gegliedert ist, sondern der Reiseroute folgt. Klar, Startpunkt ist im Schmelztiegel Istanbul, der seit Jahrhunderten, ach was Jahrtausenden nämlich genau das ist. Hier treffen sich Menschen aus aller Welt, vermischen ihre mitgebrachte Kultur mit der hier vorherrschenden und kreieren am laufenden Band den Fortschritt, den so viele fürchten.

Es wäre frevelhaft eine einzelne Geschichte hervorzuheben. Wie etwa die von Elvan, der nach dem Puffbesuch im Hamam seinen Schlüssel verliert. Ganz ehrlich, man müsste doch annehmen, dass der Schlüssel an einer anderen Stelle in der Stadt Bursa abhandenkommt, oder?! Und so streift man mit Yasar Kemal durch Istanbul, mit Tarik Dursun K. durch Izmir, erkundet mit Orhan Duru in Bodrum das Geheimnis einer riesigen Flasche und wandert mit Migirdic Margosyan das Heidenviertel von Diyarbakir.

Jede Geschichte ist ein Kleinod, das behutsam gelesen werden will. Alle Geschichten stammen aus einer Türkei, die – nach Atatürks Willen – sich dem Westen öffnet. Der Islam ist noch allgegenwärtig, aber keine Staatsreligion. Frauen sind bereits gleichberechtigt, die Schrift lateinischen Ursprungs. So wollte der große Reformer sein Land auf den nächsten Schritt vorbereiten und einschwören. Das ist ein knappes Jahrhundert her.

In dieser Zeit hat sich viel getan. Davon berichten die Autoren in diesem Buch. Mal launisch, mal euphorisch, mal heimatverbunden, mal melancholisch, doch immer mit der Liebe in der Schreibhand. So facettenreich der Ausgangspunkt der Reise, so bunt sind die Geschichten unterwegs. Ein Kaleidoskop der Vielfalt.

Der Flügelschlag einer Möwe

Der Titel klingt auf den ersten Blick wie eine Liebesschnulze. Eine Möwenfeder fällt herab – auf Sie – in dem Moment als er ihr seine Liebe gestehen will – zärtlich fährt er durch ihr Haar… Nee, Patricia Brooks hat einen knallharten Krimi geschrieben. Das Verbrechen ist klar. Jemand wird ermordet. Jahrzehnte später wird bei Bauarbeiten ein Skelett gefunden. Und eine Clique aus Gymnasiumszeiten gerät ins Visier des Lesers.

Cold case nennt der Fachmann sowas. Ein Fall, der eigentlich schon zu den Akten gelegt wurde. Oft ungelöst. Irgendein Auslöser bringt die Behörden, einen Ermittler wieder dazu die Akten hervorzukramen und noch einmal von vorn zu beginnen.

Die Ermittlerin ist in diesem Fall Patricia Brooks. 1980 machen sich ein paar junge Leute nach der Matura auf den Weg nach Triest. Es soll ein letztes Mal sein, dass sie unbeschwert das Leben genießen. Denn schon bald beginnt der harte Arbeitsalltag oder das Studium. Eines Abends treffen sich alle in einer Disco. Tati geht an diesem Abend nicht gut. Sie beschließt die Partynacht abzubrechen und sich ins Bett zu legen. Auf dem Weg dorthin wird sie unfreiwillig Zeuge eines Mordes an einer Tankstelle. Der Mörder entdeckt sie und ergreift erschrocken die Flucht. Kurze Zeit später treffen Georg und Willi, die ebenfalls nicht mit in die Disco gegangen sind, an einer Tankstelle (!) ein, um zu tanken. Niemand da, nur ein Mann, der am Boden liegt. Regungslos! Und ein Päckchen. Willi schaut rein und entdeckt einen Batzen Geld. Heimlich versteckt er es unter seiner Jacke. Sagt Georg kein Sterbenswörtchen.

Jahre später – jedes Kapitel wird mit Ort und Jahreszahl eingeleitet – liest man von Rosanna. Sie durchlebt ein widerwärtiges Martyrium. Als Junkie ist sie ihrem Dealer gnadenlos verfallen und hilflos ausgeliefert. Er schlägt sie, vergewaltigt sie und quält sie unentwegt. Das hört erst auf, als er eines Tages nicht mehr nach Hause kommt. Denn er hatte noch einen Nebenjob. Als Erpresser, Geldbote und Mörder. Da lief wohl was schief, an diesem Abend an der Tankstelle. Rosannas Weg kennt von nun an nur noch eine Richtung: Vorwärts nach oben. In einem Sozialisierungsprogramm gibt man ihr eine Chance. Als ihr doch einmal der Kragen platzt, scheint alles vorbei zu sein, doch eine der Schwestern, die das kirchliche Projekt unterstützt, vermittelt sie nach Wien. Und hier scheinen wieder alle Fäden der besagten Nacht zusammenzulaufen…

Der so genannte Butterfly-Effekt besagt, dass es theoretisch möglich ist, dass unter bestimmten Umständen, kleine Veränderungen zu Beginn eines Ereignisses enorme Auswirkungen in der Zukunft haben können. Wir alle kennen das von Zeitreisen! Wäre Tati damals nur länger in der Disco geblieben, oder gar nicht erst mitgegangen, könnte sie heute ruhig schlafen. Und Willi wäre wahrscheinlich noch so erfolgreich mit seiner Firma. Er hätte allerdings auch nicht Rosanna kennengelernt. Erstes Newtonsches Gesetz: Aktion=Reaktion. Doch so weitreichend, spannend und nachvollziehbar wird es nur von Patricia Brooks beschrieben.

Barcelona

Und weiter geht die wilde Hatz! Sagrada familia, schnell ein paar Tapas, playa, ramblas – puh das stresst. Aber man hat in wenigen Stunden alles gesehen, was es Sehenswertes in Barcelona gibt. Könnte man meinen. Doch dann fällt einem der Reiseband „Barcelona“ von Baedeker in die Hände. Dreihundert Seiten stark – da muss es also noch mehr geben als die extravagante Architektur von Antoni Gaudí und Fressmeilen. Aber wer reist schon so. Und Barcelona im Speziellen hat durchaus mehr zu bieten. Da tut es Not sich zumindest ein wenig im Vorfeld zu informieren, was es alles zu erobern gibt. Und dieser Baedeker ist ein auskunftsfreudiger Reisebegleiter!

Zuerst zum Standard. Jeder Reiseband ist mit einer Karte, in diesem Fall mit einem aussagekräftigen Stadtplan versehen. Ebenso zum guten Ton gehört eine informative Einführung in die Stadt mit einem kurzen Abriss zur Geschichte – so manches Aha-Erlebnis wird erst so zu Selbigem. Zum Beispiel, wenn man am 15. oder 30. August, 24. September, am ersten Sonntag im Oktober oder den Sonntag nach dem 22. Oktober oder am 1. November oder am dritten Sonntag im November in der Stadt ist. Dann werden die Castells, die berühmten menschlichen Kathedralen allerorten zu sehen sein. Ein Erlebnis, das im Fernsehen schon beeindruckend ist – live fiebert man mit jeder neuen Etage mit den Casteller mit. Schon auf der Umschlagseite wird auf diese Tradition hingewiesen.

Architektonisch ist Barcelona eine Sensation. Nicht nur die Sagrada familia, das unvollendete Bauwerk Gaudís, sondern ganze Straßenzüge, die im katalonischen Jugendstil, der Modernisme genannt wird, erhellen die Herzen der Besucher. Muss man gesehen haben. Das nötige Hintergrundwissen gibt’s im Buch.

Ein Städtetrip nach Barcelona ohne vernünftigen Reiseband wäre wie Strandurlaub im Hotelbett, wie ein McDonalds-Besuch in Lyon oder Wassertreten in der Sahara – unnötig und sinnlos. Ausflüge ins nur wenige Kilometer entfernte Montserrat mit seinem Kloster, oder in die traditionsreiche Fußballgeschichte der Stadt oder eine (Rad-)Tour zum Museu Marítim oder oder oder – die Stadt bietet so viele Möglichkeiten sich für immer an sie zu erinnern, dass es schon an ein Wunder grenzt, dass so viele in diesem Buch vereinigt werden konnten.

Wer den Reiseband verschenken will, dem sei noch empfohlen, dass zum „Rundum-Sorglos-Paket“ ein Prachtband und ein wenig Belletristik gehören. Der ewige Dank des Beschenkten ist einem hundertprozentig sicher. Und ein Souvenir als Dankeschön aus der Hafenstadt am Mittelmeer kann schon mal eingeplant werden…

City impressions Barcelona

Für alle diejenigen, die die City-Impressions-Reihe noch nicht kennen, sei es noch einmal gesagt: Man erkennt sie an der Silhouette der Stadt auf dem Buchcover und der Dicke des Buches. Äußerlich. Die inneren Werte, der Name nimmt es vorweg, lauert im Inneren. Lauern ist auch nicht das richtige Wort: Sie springen einem Seite für Seite mitten ins Gesicht! Schon nach wenigen Seiten präsentiert sich die lebhafte Metropole als Panorama. Es wird nicht das erste Mal sein, dass man beim rhythmischen Durchblättern ins Stocken gerät. Als „Schon-Mal-Da-Gewesener“ sucht man auf dem Panorama die Plätze, wo man schon war. Als „Hoffentlich-Bald-Mal-Dort-Gewesener“ fiebert man der Zeit entgegen diese Plätze endlich mal besuchen zu können.

Autor, Photograph und Herausgeber Bernd Rücker zeigt dem Leser, der sich wie in einem lebendigen Museum vorkommt, erst einmal einen Rundumschlag seiner Stadt. Wer jetzt noch nicht auf den Geschmack gekommen ist, hat noch viele, viel Seiten Zeit, sich Appetit zu holen. Für alle, die eh nicht mehr für Barcelona begeistert werden müssen, kommt nun eine kleine optische Abkühlung. Denn immer wieder wird dem Auge eine Auszeit gegönnt – kurze, romantische, auf alle Fälle barceloneske Geschichten lockern den Bildband auf. So wie unter anderem auch – unbedingt als Pflichtlektüre für kommende Barcelona-Trips zu empfehlen – die Kurzgeschichte „Gute Nachrichten auf Papierfliegern“.

Nun erwacht die künstlerische Ader des Photographen. Alle Fotos sind auf schwarzen Papierseiten gedruckt. Das wirkt nicht nur edel, sondern hat den Effekt, dass Fotos, die mit dem Spiel von Hell und Dunkel ihre Wirkung entfalten, so erst richtig zur Geltung kommen. Denn eine echte Begrenzung der Bilder ist nicht erkennbar. Lichtpunkte funken aus dem scheinbaren Nichts optische Reize an den Empfänger. Details, die man im Vorbeigehen garantiert übersehen würde, rücken in den Fokus des Betrachters. Die Stadt erwacht, menschenleere Plätze (soll’s tatsächlich geben, muss man aber suchen – oder man blättert ein wenig im Buch…), Schnappschüsse, Wolkenformationen, die schon kurz nach der Aufnahme nie mehr so zu sehen sein werden, erstaunen mit jeder neuen Seite.

Jedes einzelne Bild ist eine besondere Komposition mit sorgsam ausgewähltem Motiv, geschickt ausgesuchtem Ausschnitt und exquisit arrangierter Platzierung. Fast könnte man meinen, die Stadt nicht mehr besuchen zu müssen, weil man eh schon alles kennt. Ein weiterer Grund (und es gibt weitaus mehrere Gründe) sich dieses Buch zuzulegen, ist die Tatsache, dass man mit diesem Buch jemandem eine Riesenfreude macht. Als Appetizer für denjenigen oder diejenige, die Barcelona als Traumziel ansieht. Und nicht nur wegen der Maße und des Gewichtes (>2kg), auch und besonders wegen der unglaublichen Fülle an erstklassigen Aufnahmen. Als Zugabe (neben der eingangs erwähnten Kurzgeschichte) legt man einen Reiseband bei und vielleicht noch eine Anthologie. Als perfekter Appetitmacher für einen perfekten Urlaub.

Long John Silver

Long – John – Silver: Ein Name wie Donnerhall auf den Sieben Weltmeeren! Ritsch-ratsch und der Stummel ist ab. Ohne eine Miene zu verziehen. Ohne, dass ihm jemand Händchen hält. Er harter Kerl, der Quartermeister. Und Flint, sein Kapitän, weiß um die Fähigkeiten des treuen Silver. So beginnt eine der außergewöhnlichsten Biographien des Jahres.

Ja, es handelt sich um den berühmten John Silver aus der „Schatzinsel“. Jim Hawkins hat ihn gefürchtet, die Mannschaft an Deck hat ihn gefürchtet. Alle haben ihn gefürchtet. Denn der harte Hund hatte seinen Spitznamen „Barbecue“ nicht zu unrecht. Robert Louis Stevenson hat ihm schon einmal ein Denkmal gesetzt, eines, das ein wenig wackelt. Björn Larsson rückt nun einiges gerade. Und um es vorwegzunehmen, wer nicht mehr alle Details aus der „Schatzinsel“ parat hat, wird in so mancher Passage des Buches staunen, was da alles noch im Hinterstübchen hängengeblieben ist.

Johns Kindheit war nicht besonders glücklich. Im Brighton des ausgehenden 17. Jahrhunderts gab es für die meisten, fast alle, nur einen Weg, den man einschlagen konnte: Zur See fahren. So wie sein Vater, den er nie kannte, von dem er allerdings nur Schlechtes zu hören bekam. Erst später soll er erfahren, dass sein Erzeuger im „maritimen, kreativen Handelsgeschäft“ tätig war.

Der harte Hund, der er einmal werden sollte, ging durch eine harte Schule. Der Rektor seiner Ausbildungsstätte neigte zu ausgiebigen Züchtigungen. Immerhin besuchte John Silver die Schule, was ihm schon bald einen Vorteil einbringen sollte. Gebildetes Personal an Bord war Mangelware. So macht er schnell Karriere.

Er lernt aber auch die Schattenseiten des Geschäftes kennen. Den Rattenfänger der Marine kann er gerade noch entkommen, doch schon sein erster Kapitän will ihm eine Falle stellen. Selbst nicht ganz helle, setzt er sein Schiff auf Grund, bzw. gegen die Klippen. Als Sündenbock muss John Silver herhalten, der sich nun vorsehen muss. Denn auf Meuterei – das wird ihm nämlich vorgeworfen – steht eine harte bis endgültige Strafe.

John Silver tingelt durch die Welt. Das Leben auf See ist hart bis ungerecht, und es ist nichts wert. Wenn man sich nicht zu helfen weiß. John Silver ist oft vor den Kopf gestoßen worden, niemals aber auf selbigen gefallen. Und so reift der junge, vorwitzige Mann zu einem gefürchteten, dem eigenen Gerechtigkeitsempfinden verpflichteten Rauhbein heran, der sogar einem Romanschriftsteller Hintergrundinformationen liefern wird.

John Silver sitzt am Ende eines ereignisreichen Lebens und schreibt seien Memoiren, teils im Dialog mit Daniel Defoe – ja, es ist wahr: Eine Romanfigur  gibt einem Schriftsteller Tipps! – und man nimmt es ihm ab. Björn Larsson gelingt es, dass alles im Buch wie wirklich geschehen wirkt, obwohl er der Fiktion eine weitere Ebene hinzufügt. Ein Erlebnis für alle Abenteurer!

Die Reise

Ein echter Delage soll es sein! Den Spruch will Frank Delage hören. In seiner Heimat Australien hat er einen neuen Flügel entwickelt. Der Sound soll revolutionär sein. So wie die Akustik der Elbphilharmonie in Hamburg. Und in Wien hofft er auf zahlreiche zahlungskräftige Klientel. Hier, wo er auf den Stufen hinauf schreitet, die schon Mozart trugen. Hier, wo Mahler, Brahms, Strauss ihre unvergesslichen Melodien schrieben. Doch die Klientel bleibt aus. Man verschließt sich der Neuerung, hängt den Traditionen nach.

Amalia von Schalla tut ihr Bestes, um dem Unternehmer den roten Teppich auszurollen, doch das kunstinteressierte Wien, zeigt dem Aussie die kalte Schulter. Enttäuscht reist er wieder ab. Mit dem Containerschiff, seiner Erfindung und einem blaublütigen Mitglied derer von Schalla, Elisabeth, begibt er sich dreiunddreißig Tage auf See. Noch immer verstört, nicht fassen, was in Wien passierte bzw. nicht passierte, soll diese Reise Abschied und Aufbruch zugleich sein.

Es gibt nicht viel zu sehen auf See. Auch das Schiff, es ist schließlich ein Arbeitstier und kein Vergnügungspalast, bietet wenig Abwechslung. Aber dafür viel Zeit sich der jüngeren Vergangenheit zu widmen. Den bornierten Kunstfortschrittsbanausen in Wien, die sich im Stillstand suhlen und jedwedes Vorankommen ignorieren. Delage ist immer noch bitter enttäuscht, doch findet in Elisabeth eine willige Stichwortgeberin, die ihn in seiner Meinung bestätigt.

Dekadent und reaktionär finden die beiden das Wiener Publikum. Und hier draußen auf See wird die Seele mal so richtig durchgepustet. Wie die Besatzung werfen die beiden ihren Müll in die weite See. Der, der Crew schwimmt oben auf, verschmutzt die Meere. Delages und Elisabeths Müll ist mehr symbolischer Art.

Murray Bails „Die Reise“ gehört zu den ungewöhnlichsten Titeln des Literatur-Sommers 2017. Die Präzision, mit der jedes Wort den Nerv der Situation trifft, ist einzigartig. Sehnsucht nach Meer, nüchterne Abrechnung nach einer geschäftlichen Enttäuschung, zarte Bande zwischen zwei Menschen – das alles vereint der Autor auf knapp dreihundert Seiten, die man ohne Unterbrechung lesen muss.

Accabadora

Was haben „Der Dritte Mann“, „Accabadora“ und beispielsweise „Tom Sawyer“ gemeinsam? Auf Anhieb ist man in der Geschichte, riecht die Umgebung, taucht ein in eine fremde Welt und spürt, dass etwas Besonderes im Gange ist. Es gibt sicher noch mehr Bücher, die so oder so ähnlich auf den Leser wirken, aber „Accabadora“ sticht aus dieser schier unendlichen Reihe noch einmal ganz besonders hervor.

Michela Murgia setzte sich mit ihrem ersten Roman ein Denkmal, das niemand wagen sollte umzustürzen. Sardinien zu einer Zeit, die nicht näher beschrieben wird, was aber auch unerheblich ist. Denn Traditionen werden auf Sardinien nicht nur für Touristen „aufgeführt“, sie sind elementarer Bestandteil der Inselkultur.

Während im standardisierten Europa über Sterbehilfe mit falschem Pathos und unerträglicher political correctness gestritten wird, übt hier im Mittelmeer die Accabadora diese Dienstleistung aus. Auch das sensible Thema Adoption wird hier eher praktisch gehandhabt. Maria ist das vierte Kind. Ihre drei Schwestern sind schon groß, sie als Nachzüglerin wird zu Tzia Bonaria gegeben. Tzia ist das sardische Wort für Tante. Bonaria Urrai heißt sie mit vollem Namen. Und eben diese Tzia Bonaria ist eine oder die Accabadora. Nachts schleicht sie sich heimlich raus, damit die Kleine nicht wach wird. Außerdem ist es ein „Job“, den man nicht an die große Glocke hängt. Wenn Maria groß genug ist, wird sie es schon einzuordnen wissen.

Die Zeit vergeht. Maria wächst heran. Das Verhältnis zur Mutter – ganz großer Unterschied zum bürokratischen Europa – ist noch vorhanden. Tochter Maria und Mutter Anna Teresa Listru stehen sich nahe, aber nicht so nahe wie Maria es sich wünscht. Es ist durchaus üblich, dass Kinder woanders aufwachsen, aber dennoch einen Teil ihrer Zeit bei den leiblichen Eltern verbringen. Sie ist ein Kind des Herzens für Tzia Bonaria. Eine liebevolle Bezeichnung.

Und nicht minder liebevoll ist jede einzelne Seit der Sardin Michela Murgia. Anfangs ein bisschen mystisch, dann fast märchenhaft, nimmt der Roman immer klarere, reale Formen an. Traditionen und Fortschritt schließen sich nicht aus. Wobei die Traditionen, bei Todesfällen wird nicht nur Aufwartung gemacht, sondern echt Trauerarbeit geleistet – niemand würde es aber so bezeichnen, weil es eine Selbstverständlichkeit darstellt.

Der Leser wird in eine Welt entführt, die geographisch gar nicht so weit entfernt ist, dennoch in unendlichen Weiten verortet wird. Es ist das nicht hoch genug anzurechnende Verdienst der Autorin dem Leser diese Welt leichtfüßig zu erklären. Das Fremde ist, wie so oft im Leben, gar nicht so furchteinflößend. Es ist eben fremd, aber das kann man ja kennenlernen. „Accabadora“ jedenfalls gehört in jede Strandtasche an jedem Strand der Welt.

Bretagne – Eine literarische Einladung

Schroff und nicht immer einladend – die Bretagne. Nicht unbedingt die erste Wahl, wenn man Urlaubsregionen in Frankreich aufzählen soll. Doch im vorderen Mittelfeld auf alle Fälle. Die einstige Künstlerkolonie Pont-Aven, in der Paul Gauguin lebte, und von wo er in die Welt aufbrach, gehört ebenso zum Bild der Landschaft wie Pointe du Raz, der westlichste Punkt Frankreichs, an dem unaufhörlich die Wellen gegen das Bollwerk aus Gestein krachen und in meterhoher Gischt ein Naturschauspiel sondergleichen bieten. Das Festival Interceltique in Lorient, das jährlich im August Tausende in die kleine Stadt lockt, um die Neugier nach der oft falsch verstandenen Kultur der Kelten zu stillen. Das, und noch vieles mehr, ist die Bretagne.

Das findet man auf Landkarten, in Reisebüchern und in Prospekten der office du tourisme der Region. Was man hingegen darin nicht findet, sind die Gedanken der Bretonen, ihre niedergeschriebenen Gefühle, die literarischen Feinheiten der Söhne und Töchter der Region. Woher soll man es auch wissen, wenn man nicht dazu eingeladen wird? Da gibt’s doch was von Wagenbach. Genau, die literarische Einladung in die Bretagne. Niklas Bender spricht diese Einladung aus und umgarnt den Leser mit Werken von Alain Robbe-Gillet, Benoîte Groult bis Mona Ozouf. Die kennen Sie nicht? Na dann wird’s aber Zeit!

Die Sehnsucht nach der rauhen Wirklichkeit er Bretagne eröffnet in wohlklingenden Versen diese Anthologie in Rot. Am besten liest man sie laut. So kommt von der ersten Seite echte Urlaubsstimmung auf. Hart ist das Leben im Westen, am Atlantik. Wie das Wetter, so der Mensch. Schroff, mit rollendem Rrrrrrrrrr!

Der aktuell prominenteste literarische Bretone ist Dupin, der Commissaire, der gleich mal eine Einweisung in Sachen Salz der Bretagne erhält. Und ganz nebenbei einen Crashkurs in Mythologie. Yann Queffélec wird beim ersten Durchlesen den meisten als Erstes in Erinnerung bleiben. Mit viel bretonischem Wortschatz versetzt er den Leser an den Tisch eines Restaurants, an die Bars oder verwickelt ihn in ein Gespräch auf der Straße.

Die literarische Einladung ist zugleich ein Willkommen bei Nachbarn und Freunden. Am Tor zur Welt die eigene Kultur bewahrt – mit dieser Sichtweise kommt man den Bretonen und der Bretagne langsam auf die Spur. Folgt man dieser, kommt man automatisch zu diesem Buch. Immer wieder flackern Eigenarten der Menschen auf, die so nur hier zu erleben sind. Das „hier“ steht sowohl für die Bretagne als auch dieses Buch. Und wer ganz genau hinsieht, entdeckt noch mehr Gemeinsamkeiten zwischen diesem eleganten roten Buch und seinem Inhalt.

Für Christus und Venedig

Nur Wenige können eine echte Berühmtheit in ihrer Ahnenreihe vorweisen. Vielleicht mal ein Maler, der in einer Künstlerkolonie wirkte. Vielleicht ein Backgroundsänger bei einem echten (!) Superstar. Aber einer, der Geschichte schrieb, wird nur selten in Pausenerzählungen genannt. Sibyl von der Schulenburg kann da schon mit etwas mehr aufwarten. Feldmarschall Graf Johann Matthias von der Schulenburg – der Name macht schon was her. Auf der Insel Korfu im Ionischen Meer vor der Küste zwischen Albanien und Griechenland erlebte einen heißen Sommer 1716. Es war August. Wer Korfu schon einmal zu dieser Jahreszeit erlebt hat, kennt die klimatischen Gegebenheiten. Und zu dieser Zeit sollte sich das Schicksal des Eilandes entscheiden. Wird es weiterhin zum Abendland gehören? Oder werden die Horden aus dem Osten Korfu zu einer Insel ihres Reiches machen können?

Venedig ist damals das schützende Schild der Insel. Europa hat sich eingerichtet. Hier und da flackern Konflikte auf, doch hier im beschaulichen Mittelmeer sind die Wogen noch weitesgehend glatt. Das Osmanische Reich jedoch streckt seine Fühler gen Westen aus. Doch die Fühler verwandeln sich in nach allem greifenden Tentakeln. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht, dass das Osmanische Reich dem Sonnenuntergang entgegenreitet und dem Westen östliche Manieren beibringen will.

Schnelles Handeln ist gefordert. Seit einiger Zeit steht Graf Johann Matthias von der Schulenburg in Diensten des Dogen von Venedig. Dem „gehört“ auch Korfu. So kurz vor dem europäischen Festland, dort, wo heute Albanien und Griechenland eine gemeinsame Grenze haben, ist es von nicht unerheblicher strategischer Bedeutung. Fällt Korfu, fallen die Türken von einer weiteren Seite in Europa ein. Europas Streitmächte ziehen von dann, um den Eroberungsplänen Einhalt zu gebieten. Doch so schnell wie man möchte, kommt man einfach nicht voran. Und immer mehr kristallisiert sich Korfu als Dreh- und Angelpunkt einer möglichen Wende im Kampf der Systeme heraus. Korfu darf nicht fallen! Aufopferungsvoll wirft sich der Graf in die Schlacht.

Sibyl von der Schulenburg hat uneingeschränkten Zugang zu den Archiven ihrer Familie und nutzt diesen Vorteil, um Geschichte für Geschichte aus der Geschichte auszugraben, zu analysieren und in diesem historischen Roman ihrem berühmten Vorfahren ein Denkmal zu setzen. Sie setzt ihm keinen Glorienschein auf. Wohl aber inszeniert sie ihren Urururur … großvater als wahren Helden, der diese Auszeichnung nur zu gern in Empfang genommen hätte. Als Leser, als Korfu-Besucher – übrigens hat die zweitgrößte Ionische Insel eine weitere adelige Persönlichkeit von Weltrang hervorgebracht: His Royal Highness Prinz Philip, Duke of Edinburgh, dem Gemahl der Queen – ist man dankbar für den liebevoll geschrieben und tiefgehend recherchierten Roman, den man als Strandlektüre genauso verschlingen wird wie als Wanderroutenbuch für Ausflüge über die Insel. Die Hitze im August ist übrigens immer noch die gleiche…