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Sisi – Das geheime Leben der Kaiserin

Nicht noch ein Buch über die Sisi! Oh doch, und dieses Mal fernab von haltlosen Gerüchten und beißendem Spott. Jedoch mit dem bitteren Beigeschmack, dass jeder, der mit Sisi in Verbindung kommt, nicht nur Gutes davonträgt. Romy Schneider als Sissi (mit Doppel-S) erholte sich nur langsam vom Image als ewige Prinzessin. Der echte Gatte, Franz Joseph I. soll sich bei ihr angesteckt haben. Und sie selbst war eigentlich eine Dauerkranke – die Krankenkassen von heute hätten sich geweigert sie überhaupt noch zu versichern (aber sie wäre wohl eh privatversichert…).

Kurz nach der Geburt ihrer Kinder, ein paar Jahre nach Eheschließung im Jahr 1854, begann Sisis Kampf gegen Etikette, gegen das gesellschaftliche Korsett und jedwede Einschränkung. Schwindsucht, Tuberkulose diagnostizierte der Hofarzt. Er verschrieb ihr Reisen. Vor allem ans Meer. Sie selbst folgte den Ratschlägen nur allzu gern. Und am besten wollte sie so weit weg wie möglich von Wien, dem Hof und Franz Joseph und ihren Pflichten. Die kannte sie bereits schon vor dem Ja-Wort.

Sisi war über ihr Krankheitsbild – ihre Krankheitsbilder – nicht unglücklich. Bot man ihr doch nun die Möglichkeit die Welt auf Staatskosten zu beschauen.

Madeira schien ihr weit genug entfernt. Ihr Schwager Maximilian, der in Wien unter anderem das Palmenhaus in Schönbrunn mitverantwortete und ein so scheußliches Ende in „seinem Königreich Mexiko“ fand, empfahl ihr die Insel – die Blumenpracht wurde ihr sicherlich taugen. Tat sie! Ebenso Korfu. Auch wenn die Sonne da gnadenlos brennt. Auf hoher See befand sich ihre Entourage fast vollständig in körperlichem Ausnahmezustand. Nur die Sisi war so lebendig und sah so erfrischend aus wie eh und je.

Man zerriss sich natürlich das Maul über die Abstinenz der Kaiserin. Doch sie hatte ja einen Krankenschein! Und da sind einem – wie heute auch noch – einfach die Hände gebunden. Die Kaiserin ist unabkömmlich, basta.

Autorin Katrin Unterreiner, ehemalige Leiterin der Schloss Schönbrunn Ges.m.b.H. und Sisi-Expertin ersten Ranges, hat hartnäckig recherchiert und so manche Ungereimtheit in der Patientenakte Sisi entdeckt. Und vor allem hat sie das Parallelleben, das geheime Leben der Kaiserin unter die Lupe genommen. Heutzutage wäre es Sisi unmöglich derart lange und unerkannt unterzutauchen. Und das nicht nur, weil beispielsweise heuet Madeira und Korfu von Touristen überrannt werden. Eine Influencerin wie Sisi würde überall auf der Welt heute erkannt werden. Mal schnell mit dem Kurschatten eine Pizza essen? Unmöglich! Sisi wäre die potentielle Kandidatin für einen Selbstmord mit Anklage-Abschiedsbrief. Auch über 125 Jahre nach ihrem unfreiwilligen (!) Tod ist der Mythos Sisi nicht verschwunden. Stilikone, Vorkämpferin, Freiheitsapostel – so vieles wurde ihr angedichtet. Schlussendlich bleiben ihre Schönheit – das hilft immer und bei jedem Kampf (Emanzipation hin oder her) – und ihr unbändiger Wille als Privatperson mit allerlei Privilegien das zu tun, was ihr in den Sinn kam. Die Bewertung dessen muss jeder für sich selbst vornehmen. Dieses Buch ist dabei ein Ratgeber und Faktenlieferant, den man unbedingt zu Rate ziehen sollte.

Prager Zeitung – 350 Jahre Medien- und Kulturgeschichte

Es gibt eine lange reihe von Zeitungen und Wochenblättern, die man sofort einem Ort zuordnen kann. New Times aus New York, Paris Match aus Paris, auf Englisch und auf Französisch erschienen. Die Liste ließe sich sicherlich noch weiter fortführen. Prager Zeitung … aus Prag – richtig, auf Deutsch … Moment! Prag, Deutsch – da passt doch was nicht! Oh doch, und wie das passt! Und das nun schon seit – mit Unterbrechungen – über 350 Jahre! Ende des 17 Jahrhunderts wurde auch Deutsch in Prag gesprochen.

Die Zeitung (das Prager Tageblatt – mit Autoren wie Egon Erwin Kisch – war der Vorläufer) erlebte Aufs und Abs wie kaum ein anderes Medium. Anfang der Neunziger des vergangenen Jahrhunderts kam der Neustart. Viel beachtet, viel zitiert – der Blick auf das eigene Land von Außen immer ein anderer. Und in den aufregenden Zeiten nach der Wende waren die Experten jenseits des Eisernen Vorhangs gern gesehene und viel be- und gefragte Partner. Doch auch hier gab der Rotstift irgendwann die Linie vor. Die Prager Zeitung drohte fast in der Versenkung zu verschwinden bis … ja bis das Internet eine neuerliche Renaissance einläutete. Heute ist die Prager Zeitung eine feste Größe unter den Onlinepublikationen. Eine deutschsprachige Stimme inmitten der tschechischen Hauptstadt. So viel in kurzen Worten zur Geschichte der Prager Zeitung.

Klaus Hanisch war von Anfang an dabei – also seit dem Neustart 1991. In der ersten Ausgabe, die die Nummer Null trug prangten zwei Staatsoberhäupter, deren eigene bzw. familiäre Geschichte ihr politisches Auftreten und Handeln stark prägten: Vaclav Havel und Richard von Weizsäcker. Widerständler aus Überzeugung. Klaus Hanisch erzählt in diesem Buch von den schwierigen Anfängen in aufregenden Zeiten als im Osten alles bisher dagewesene der neuen Zeit weichen musste. Als der neugierige Westen merkte, dass er schlussendlich ohne Wissen des Ostens nicht umfassend berichten kann. Die Kollegen der Prager Zeitung waren mehr als nur Stichwortgeber. Sie erklärten die alte Welt, formulierten erforderliche Ziele und wiesen revanchistische Tendenzen in die Schranken. Denn ein deutsches Blatt inmitten tschechischer Heimat hat immer mit sensiblen Themen zu kämpfen. Das ist Fakt und nicht wegzudiskutieren.

Selbst wer nicht aus der Branche kommt, wird in diesem ausführlichen Rückblick auf dreißig Jahre Exklusivjournalismus eine bodenlose Fundgrube vorfinden, die die harten Fakten geschickt mit den so genannten soft news verbindet. Wer Tschechien verstehen und dabei auf die teils kruden Übersetzungen aus dem Netz verzichten will, hat in der Prager Zeitung das gefunden, worum sich andere Städte in der Welt reißen. Oftmals findet man zwar noch Rubriken im Netz, die wie schon vor Jahrzehnten mit Artikeln (Helen Hessels „Ich schreibe aus Paris“ ist da besonders herauszuheben) die Fremde in die heimischen Stuben brachten. Doch eine ganze Zeitung – wenn auch online – die regelmäßig in heimischer Sprache über ein Nachbarland neutral, hingebungsvoll und umfassend berichtet, findet man nicht überall. Der Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre ist mehr als nur eine Selbstbestätigung das Richtige gemacht zu haben, es ist ein spannender Abriss europäischer Geschichte mit Informationen aus allererster Hand.

Sonst wäre Wien nicht Wien

Der Titel fällt einem sofort ins Auge: „Sonst wäre Wien nicht Wien“. Wie viele Großstädte hat Wien seinen unvergleichbaren Glanz Mäzenen, Visionären und Machthabern zu verdanken. Deren Vorstellungen sind bis heute sichtbar. Was wäre Wien ohne Kunst- und Naturhistorisches Museum? Oder ohne die Hofburg? Das sind die offensichtlichen Hinterlassenschaften der Habsburger. Doch es sind die scheinbar kleinen Dinge, die Wien letztendlich immer wieder zu einer der lebenswertesten Städte der Welt machen.

Scheinbar klein ist im Falle Wiens immer mit überall sichtbar gleichzusetzen. Es sind beispielsweise die Parkanlagen, die den Besucher – aber auch und vor allem die Wiener selbst – zum Durchatmen, zum Verweilen, zum sich Entfalten, einladen. Gerade Sichtachsen, klare Linien – hier hat Kaiser Joseph II. seine Finger im Spiel gehabt. Dem lag das gesundheitliche Wohl der Bevölkerung am Herzen. Auch wenn die Spitäler der Stadt heute andere Namen tragen, so waren sie einmal ihm gewidmet, weil er sich in Auftrag gab. Architektonische Perlen, die von Außen innehalten lassen. Und von Innen … na ja, den Heilungsprozess beschleunigen werden sie nicht.

Autor Norbert Philipp schlendert nicht durch Wien, er durchforstet die österreichische Metropole mit der Lupe und seziert ihre Wurzeln bis in die kleinste Faser. Dort, wo der Name bis heute Programm ist, ist nicht immer das drin, was draußen drauf steht. Die Aussichtswarte im Türkenschanzpark trägt den Namen Metternich, was nun eindeutig auf den Fürsten hinweist … ha, denkste! Die Dame (!) hinter Gebäude und Namen war zwar eine Metternich, doch sie – die „Gschaftlhuberin“ – selbst wollte lieber im Hintergrund wirken und Lobbyarbeit betreiben, sprich Geld sammeln für geplante Bauvorhaben.

Es ist ein Fest mit diesem Buch durch Wien zu flanieren. Einem selbst bekannte Orte bekommen eine neue Bedeutung, wenn man die Geschichte dahinter versteht. Wasserläufe, ist doch wohl klar, dass die Wien niemals so durch die Stadt geflossen ist – das sieht man ja schon an der Uferbefestigung. Auch hier steht man nun auf der Brücke, sitzt auf einer Bank und schaut dem Flüsschen zu wie es sich zahm durch die Stadt windet. Beim Bummeln durch die Bezirke wird man immer wieder auf Namen und Gebäude treffen, die die Stadt prägten – die Geschichte(n) dahinter wird man mit diesem Buch wie selbstverständlich begreifen. Der lockere Schreibstil ist die einzig wahre Methode diese Geschichte einem wissensdurstigen Publikum nahezubringen. Ob nun der erste Besuch in Wien oder der zwanzigste – mit diesem Buch im Reisegepäck wird jeder Schritt zu einem besonderen Erlebnis.

Flughafen Tempelhof

Es war schon ein besonderes Schauspiel, wenn dicht über den Dächern der Weltstadt Berlin gigantische Flugzeuge in die Luftbremse traten, um lautstark auf dem Platz landeten, den der alte Fritz schon für Militärrevuen auserkoren hatte. Schon Jahrhunderte zuvor hatten sich hier die Tempelritter niedergelassen. Ballett im großen Stil gab es hier also schon immer.

1923 war hier der Flughafen, der aber bei Weitem noch nicht das erahnen ließ, was seine heutige Größe noch vermuten lässt. Der Kleiderbügel – ein architektonischer Coup erster Kajüte – trotzt bis heute jeder optischen Veränderung. Flugzeuge landen hier seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr. Flieger und unzählige Neugierige zieht es aber immer noch an den Ort, der dazu verdammt war Geschichte zu schreiben. Wo heute Kite-Surfer, Radler und Festival-Besucher sich vor dieser Kulisse tummeln, war fast einhundert Jahre immer was los.

Erste Experimente mit riesigen Luftschiffen, die einmal Zeppeline genannt werden endeten in Katastrophen – das erste Opfer war ein Leipziger Verleger, dessen Luftschiff erst das Ruder verlor, immer höher stieg, und dessen kurze Lebenszeit auf leuchtender Feuerball knallhart auf den Boden der Realität zurückgebracht wurde.

Wer heute die nostalgischen Aufnahmen sich im Fernsehen anschaut, sieht nur wie Leinwandgrößen freudig strahlend und in die Menge winkend hier ihr Ziel erreichten. Oder die Rosinenbomber, die auf ihrem Überflug ihre süße Ladung abwarfen. Das alles gehört zu Tempelhof wie die zahlreichen fotographischen Erinnerungen von Alexander Stöcker, der über Jahre die Entwicklung des Flughafens in Bildern festhielt.

Die Nazis in ihrem Größenwahn prägten das bis heute weithin sichtbare Bild des Flughafens. Wie auf einem gigantischen Modell wird jedem klar, wie der Ablauf vonstatten ging. Keine versteckten Arbeitsabläufe. Alles unter freiem Himmel. Maschine landet, rollt zum „Kleiderbügel“, Treppe ran, und schon ist man mitten in Berlin. Keine lästige Fahrt mit dem Bus übers Land. Nein, mittendrin und immer dabei.

Dieses Buch liest sich wie ein Krimi – es gibt Tote, es gibt Täter, Schaulustige, und immer gibt es was zu erzählen. Wer bisher nur die Legende kannte, nimmt sich das Buch und das Herz in die Hand und schaut einmal persönlich an dieser (noch!) größten unbebauten Fläche Berlins vorbei. Aber unbedingt vorher dieses Buch lesen! Denn die Anekdoten, die der Autor ausgegraben hat, machen einen Besuch hier erst zu einem echten Erlebnis.

Regensburg

Regensburg ist eine dieser vielen kleine Perlen, die man sofort wieder erkennt, wenn man ihren Namen hört. Und doch sind sie nicht die erste Wahl bei Suche nach dem nächsten Urlaubsort. Als Ausflugsziel für ein langes Wochenende sind sie im Allgemeinen und Regensburg im Speziellen fast schon ein Ideal an Erlebniskultur erster Klasse.

Das meint auch Reisebuchautor Christoph Schmidt. Die knapp zweihundert Seiten seines Reisebuches über Regensburg ist vollgepackt mit Erlebnissen, die schon vor der Abreise Appetit auf mehr – auf viel mehr – machen. Und schon die Anreise sorgt für die erste Überraschung. So nah an der Autobahn – und dennoch nicht zu nah – ist kaum eine Stadt. Runter vom modernen Fernweh-Highway und schon ein paar Minuten später findet man sich in einer Kulisse wieder, die mehr Substanz hat als man vermutet. Klar, Donau und Dom sind die weithin sicht- und spürbaren Eckpunkte, die die Orientierung in der einhundertfünfzigtausend Einwohner zählenden Stadt erleichtern. Doch sind sie nicht mehr und nicht weniger als der Beginn einer Reise, die man schnellstmöglich fortsetzen möchte.

Mit Bedacht schreitet man durch die Rokoko-Pracht bei St. Kassian. Der Platz davor ist eine Einladung, um das Auge in alle Richtungen schweifen zu lassen. Christoph Schmidt nimmt sich viel Zeit, um mit dem Leser gemeinsam Details zu suchen und zu erforschen. Dafür ist Regensburg wie gemacht! Und es geht weiter. Im Buch. Ein farbiger Kasten nimmt die Straßenbezeichnungen genauer unter die Lupe. Fröhliche Türken, weiße Lilien, Viereimergasse – man muss vielleicht nicht immer alles suchen. Aber wenn man etwas findet, sollte man nicht die Stirn in Falten legen, sondern ad hoc wissen, wo man nachfragen kann. Die Antwort lautet: Hier, in diesem Buch!

Regensburg ist reich an Histörchen – klar bei dem Alter. Und alles so hübsch und ansehnlich präsentiert. Doch erst bei genauerer Betrachtung kommen die wahren Schätze ans Tageslicht. Immer wieder ist man geneigt die Nase gar nicht mehr aus dem Buch zu nehmen, was fatal wäre. Denn so detailreich das Buch auch ist, die Stadt ist es wert.

Auch kulinarisch. Ob nun die berühmten Bratwüste – ein Muss – oder der ausgiebige Mittagsbraten, auch hier weiß der Autor genau, wo man sich niederlässt, um sich typisch regensburgerisch verwöhnen zu lassen. Egal, ob der Trip nun ein Wochenende oder eine ganze Woche dauert, für jede Dauer des Besuches hält dieses Buch etwas bereit. Ohne diesen Reiseband ist man vielleicht nicht verloren in Regensburg. Aber man verpasst garantiert so manches Highlight, das sich gern im Verborgenen hält, um den wahrhaft Neugierigen vorbehalten ist.

Warum die Giraffe nicht in Ohnmacht fällt

Was ist das ideale Haustier, wenn man auf die Nebenkosten achten muss? Der Grönlandhai. Er isst nicht mehr als zwei Kekse pro Tag und das leidige Problem leidender Kinder, wenn das geliebte Haustier stirbt, ist von vornherein vom Tisch – der Hai kann hunderte Jahre alt werden. Und er entwischt auch nicht so schnell. Er ist ein Langsamschwimmer. Blöd nur, dass er ein riesiges Gehege, sprich Aquarium braucht. Und dass er unfassbar stinkt. Also doch nicht das ideale Haustier.

Wie wäre es mit einem Wombat? Schon Adorno wünschte sich für den Frankfurter Zoo einen. Doch der so unschuldig aussehende Meister Petz ist ein Meister der Täuschung. Trotz seines behäbigen Aussehens ist er verdammt schnell. Und mit seinem Hinterteil kann er sogar Knochen spalten. Auch nichts fürs Kinderzimmer.

Mit diesen zwei Gesellen eröffnet Katherine Rundell ihr fabelhaftes Buch über die faszinierende Welt der außergewöhnlichen Tiere. Die gaben schon Forschern und Märchenonkeln schon immer Rätsel auf. Dem Strauß wurde nachgesagt durch Anstarren des Geleges dieses auszubrüten. Und Giraffen waren in der Antike eine Mischung aus Kamel und Leopard…

Die Autorin wühlt sich durch die Missverständnisse der Geschichte und kramt so allerlei Kurioses wieder hervor. Ein Fest für alle Anekdotensammler, die sich bei gepflegter Konversation nicht zu schade sind endlose Bonmots zum Besten zu geben. So herrlich altmodisch, dass es schon wieder modern ist. Die Kapitel sind ausreichend lang, und dabei in ihrer Kürze so angenehm zu lesen, dass es sich lohnt immer mal wieder die Seiten durchzublättern. Wenn man früher auf dem Schulhof die Witze der Sketchsendung vom Vortag zu Besten gab, ist man nach dieser Lektüre in der Lage minutenlang im Kollegenkreis mit wahrhaftem Wissen die Anwesenden in seinen Bann zu ziehen.

Warum denn nun die Giraffe nicht in Ohnmacht fällt, die Antwort auf diese Frage muss man sich selbst erlesen. Köstlicher Lesespaß ohne dabei an den Rand des Profanen zu kommen. Dieses Buch muss man lesen, und sollte man großzügig weiter verschenken.

Das kleine Buch der großen Parfums

Wenn man es nicht ganz so ernst nimmt, dann ist es doch so: Immer vor den Feiertagen werden wir überschüttet mit Werbung für den Duft, der uns in eine andere Welt katapultiert. Wir werden agiler, verführerischer, erfolgreicher, fühlen uns frei. Und so ein paar Tage vor dem Fest fällt uns ein, dass wir für den Einen oder Anderen noch ein Geschenk brauchen. Nur gut, dass es die Werbung gibt. Nix wie hin in die Parfümerie. Das erstbeste Angebot wird genommen, in eine hübsche Verpackung gepresst und schon sind die leuchtenden Augen garantiert. So funktioniert Parfümkauf!

Wer jedoch etwas auf sich hält und das auch gern anderen angedeihen lassen möchte, macht sich wirklich Gedanken. Wie ist der zu Beschenkende einzuschätzen? Ein Schätzchen, das für seichte Düfte zu haben ist oder doch der markante Typ, der nicht scheut mit fremden Düften Spuren zu hinterlassen? Wann soll das Parfum getragen werden, im Sommer oder im Winter und zu welchen Anlässen? Was ist eine Kopfnote? Welche Inhaltsstoffe hat der Duft? Und ganz wichtig: Kann er Allergien hervorrufen? Ist gar nicht so einfach.

Die AutorInnen dieses kleinen Büchleins … ach was! dieser Bibel … haben so vorurteilsfrei wie nur irgendmöglich sich die Mühe gemacht und fast zweitausend Düfte probiert – untersucht könnte man auch sagen, aber mal ehrlich: Es ist doch wahrlich mehr Vergnügen als Arbeit! Ihre Top 100 ist ein wahres olfaktorisches El Dorado in gedruckter Form, was die entscheidende Sinneswahrnehmung zum Selbstversuch werden lässt. Sie haben strenge Richtlinien für sich gesetzt. Und eingehalten. Denn so mancher Duft wurde im Laufe der Jahre verändert und ist mit dem Original kaum noch zu vergleichen. Trägt aber immer noch denselben Namen. Das hat unterschiedliche Gründe. Was letztendlich dazu führte, dass einzelne Düfte in ihrer Top 100 nicht mehr auftauchen. Auch ist es zwecklos das eigene Lieblingsparfüm im Buch zu suchen. Denn Geschmack ist die einzig wahre Diversität in unserer modernen Welt.

Hier bekommen Düfte von Popsternchen, die ihren Namen zur Marke aufplustern wollen ihr fett weg, genauso wie unangefochtene Klassiker sich einer ausgiebigen Analyse erfreuen dürfen.

Wenn also das nächste Fest ansteht, wird der Gang in die Parfümerie nicht zur lästigen Pflicht, sondern zu einer Exkursion zur wahren Freude!

Balkon mit Aussicht

Muss man noch von Paris schwärmen? JA!!! Immer wieder und wieder. Es gibt unzählige Bücher, in denen die Liebe zur Stadt der Liebe eindrucksvoll zu Papier gebracht wurde. Und jetzt kommt noch eines hinzu. Jedoch keine gewöhnliche Lobhudelei mit den „besten Tipps“ für dies und das. Sondern eine Liebeserklärung an eine Stadt, in der die Autorin nicht nur viele Jahre lebte, sondern eine Stadt, die sie aufgesogen hat und die sie aufgezogen hat.

Für Brigitte Schubert-Oustry war Paris ein halbes Jahrhundert nicht nur Obdach, es war ihr Leben. Sie ist deswegen und wegen ihrer unnachahmlich berührenden Sprache die ideale Reisebegleiterin durch die Stadt an der Seine. Als Neuling sollte man dieses Buch als Zweit-, Parallel- oder Zusatzlektüre im Gepäck haben. Denn Brigitte Schubert-Oustry ist keine typische Zeigetante, die nach Links und Rechts verweist, um der hinterher trabenden Masse so viel wie möglich zu zeigen, sie steigt mit dem Leser ins Herz der Stadt.

So nachdrücklich die meisten Urlaubserinnerungen sind, so austauschbar sind sie in den meisten Fällen. Da die Autorin hier in Paris jedoch nicht ihren Urlaub verbrachte, sondern hier wirklich lebte, hinkt der Vergleich mit den meisten Reiseimpressionen. Eine echte Madame Concierge erlebt man nicht als Touri, der mit der Kamera um den Hals baumelnd dem nächsten einzigartigen Motiv hinterherjagt, und dabei die wahre Schönheit der Stadt übersieht. Das sind die wahren Originale. Und sie sind eine aussterbende Spezies. Concierge sein bedeutet alles (!) zu wissen, jeden zu kennen… und zwar bis ins kleinste Detail. Ohne dabei natürlich mit dem Wissen hausieren zu gehen oder die entsprechende Person damit zu behelligen. An ihr, an ihm kommt niemand vorbei. Sie sind die gute Seele, aber auch der schärfste Wachhund der Stadt. Und Brigitte Schubert-Oustry erzählt ausgiebig von ihren Begegnungen mit diesem Menschenschlag.

Genau wie vom immer seltener werdenden Hausfest. Das ist eigentlich keine Pariser Erfindung oder gar ein wiederkehrendes Fest. Findet es allerdings einmal statt, und man ist eingeladen (als Touri fast unmöglich) dann erlebt man Paris wie es wirklich ist. Man kann natürlich auch dieses Buch lesen… Das ist fast so echt wie das Hausfest selbst.

Mit und in diesem Buch schaut man nicht verstohlen durchs Schlüsselloch – die Autorin öffnet bereitwillig jede noch so verschlossen scheinende Tür mit einem Handstreich. Man fächert sich den Duft der Stadt zu, atmet tief ein und ist im Handumdrehen mitten in einer der aufregendsten Städte der Welt. Es gibt sie noch, die Geheimnisse von Paris. Man muss sie ab sofort nicht einmal mehr suchen. Sie liegen ordentlich sortiert vor einem.

Istrien, Kvarner Bucht

Istrien verströmt nicht erst seit dem Ende des Eisernen Vorhangs einen Hauch von Süden, Abenteuer und ehrlicher Erholung. Schon vor Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten wusste man, dass hier Urlaub urig, nachhallend und eindrucksvoll sein kann. Eingerahmt vom Golf von Triest und dem Golf von Venedig – das allein sind schon wohlklingende Namen – und östlich der Kvarner Bucht liegt ein Fleckchen Frieden, der immer noch Geheimnis in sich birgt. Und sie sich gern individuell entreißen lässt. Istrien ist nichts – das interlinguale Wortspiel muss sein – ist eine Fehlinterpretation des Namens. Istout würde es eher treffen… Aber lassen wir die sprachlichen Übergriffigkeiten.

Liegt der Fokus für die nächste Reise erst einmal in der nördlichen Adria, kann die Antwort auf die Frage nach dem Wohin nur mit Istrien beantwortet werden. Wenn man die geballte Ladung Urlaub haben möchte. Baden? Ein dickeres Ja kann es kaum geben. Wandern, Klettern, per pedes die Welt erkunden? Der dicke Zwilling vom Bade-Ja macht sich mit einem fetten Grinsen vor dem fragenden Gesicht des Fragenstellers breit. Leckeres Essen? Die Mutter der beiden genannten Jas baut sich drohend vor einem auf und fragt, ob das wirklich ernst gemeint sei. Zuhause beim Kroaten sich den Bauch voll schlagen und dann nicht wissen, dass es hier das reichhaltigste Essen links und rechts der Adria gibt?! Was braucht man noch im Urlaub? Ruhe. Auch wenn man manchmal ein bisschen laufen/fahren muss, auch die findet man ohne Umschweife in Istrien.

Nur vier Fragen, die allesamt mit Ja beantwortet werden. Jetzt muss man nur noch wissen, wo genau, was genau, wann genau zu erkunden ist. Und hier kommt der Reisebuchautor Matthias Jacob ins Spiel.

Sein Reiseband ist das Faustpfand der Erinnerungen. Der Detailreichtum seiner Ausführungen ist immens. Wie der Abschnitt über Grožnjan. Ein kleines Städtchen, das komplett befreit ist vom Autolärm und –gestank. Seit fast einem Jahrtausend kennt man den Ort. Demzufolge urig ist das Ambiente. Und modern zugleich, wenn man durch die zahlreichen Galerien schlendert. Fast schon verschwenderisch mutet es an, wenn man liest, dass es hier 42 Galerien gibt … bei ca. 200 Einwohnern! Da bekommt der Begriff familienfreundlich eine ganz andere Bedeutung. Doch auch für Badenixen und Klippenspringer hat Matthais Jacob ein Füllhorn der Austobemöglichkeiten im petto. Alle geheimen Badestellen hier aufzuzählen wäre eine Metusalemaufgabe.

Was vor allem auffällt an diesem Buch, ist die durchdachet Struktur des Reisebandes. Kurze, knackige Absätze, alles, was wichtig ist, wird farbig hervorgehoben. Vor- und Zurückblättern wird hier zum dauerhaften Aha-Erlebnis. Die zahlreichen Abbildungen und Kartenausschnitte machen die Entscheidung für den einen oder anderen Ausflug nehmen einem sicher nicht die Entscheidung ab, aber sie vereinfachen die Durchführung. Istrien wird mit diesem Band zu einem astreinen Urlaubserlebnis!

Amazonia

Was haben Alexander von Humboldt, Jules Verne und Klaus Kinski gemeinsam? Ihr Ruhm ist eng mit dem Amazonas verbunden. Der Eine durchstreifte den Dschungel, mit diesen Erkenntnissen konnte der Zweite einen faszinierenden Roman schreiben und der Dritte fühlt e sich hier wie der König der Welt, vor und neben der Kamera. Der Amazonas zieht alle in seinen Bann. Und so war es nur eine Frage der Zeit bis (endlich!) Patrick Deville auch dem Amazonas-Fieber verfiel.

Einmal mehr nimmt er den Leser mit ins Dickicht der Unwissenheit, um mit der Machete der Neugier und dem Drang nach Abenteuern das Licht der Erkenntnis zu finden. Es wird eine Entdeckungsreise der persönlichen Art. Denn viele der Pflanzen und Tiere, die – meist nur hier – vorkommen, wurden schon einmal entdeckt. Aber eben noch nicht von Patrick Deville.

Vielmehr liegen ihm aber die Begegnungen am Wegesrand am Herzen. So versinkt er in der Geschichte der Stadt Manaus mitten im Herzen Brasiliens, dort, wo der Amazonas in schier unendlicher Breite Siedler dazu brachte sich niederzulassen. Heute eine schwitzige Metropole, die in Sachen Quirligkeit den Hafenstädten am Atlantik und am Pazifik in Nichts nachsteht. Und das obwohl sie tausende Kilometer von jedwedem Meer entfernt ist. Hier steht das dschungeligste Theater der Welt, hier herrscht eine Lebendigkeit, die weder durch extreme Luftfeuchtigkeit noch exorbitante Kriminalität beeinflusst wird.

Immer wieder kommt Patrick Deville mit Menschen zusammen, die das Schicksal hier her verschlagen hat. Botschafter, Glücksritter, Einheimische, die ihre Nachbarschaft noch nie verlassen haben. Sie alle zeichnen dem Autor und somit auch dem Leser ein Bild einer Landschaft, das so farbenfroh ist, dass man geblendet ist von der Pracht der Eindrücke. Von Hernán Cortés über die ersten Siedler bis zu Werner Herzog, der wie kein anderer (Verrückter) dem Dschungel und dem Fluss ein Denkmal setzte, stapft Patrick Deville durch die Geschichte dieser Region, um Behutsam ihre Geschichten aufzudecken. Schon nach wenigen Seiten ist man ein Fan. Fan von dieser einzigartigen Landschaft, die dem Verfall preisgegeben wird. Fan von Patrick Deville – sofern man es nicht schon lange ist, schließlich führen seine Bücher Leser seit Jahren durch das Kambodscha der Roten Khmer, das Mexiko Leo Trotzkis, das Afrika bedeutsamer Forscher und und und – weil er es versteht Verständnis zu zeigen und zu vermitteln. So eine Forschungsreise macht man am Liebsten mit Patrick Deville!