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Metropolen des Ostens

Zuerst die schlechte Nachricht: Das ist kein Reiseband! Und jetzt nur noch gute Nachrichten. Denn dieser Biographienband über Städte, die man zwar vom Namen her kennt, die man jedoch sonst als weiße Flecken auf der Landkarte wahrnimmt, ist ein farbenfrohes Spektakel, das seinesgleichen sucht.

Vilnius gehört sicher zu den weißen Flecken auf der Landkarte der meisten, die sich die meisten Farbspritzer erarbeitet hat. Zusammen mit Riga und Tallinn bildet es das Triumvirat des Ostseestädtetourismus. Da tut ein weitreichenderer Blick auf die Geschichte gut und Not.

Minsk kennen die meisten nur als Zentrum der Hölle eines absolutistisch regierten Landes, dessen Oberhaupt nur allzu gern mit der Davidskeule dem Goliath den Schädel einschlagen möchte.

Kasan, Lemberg, Tblissi, Astana sind Städte, teils Hauptstädte!, die Fußballfans aus den Ansetzungslisten der ersten Runde in der European Conference League zumindest namentlich ein Begriff sind. Mehr aber auch nicht. Wobei Astana mittlerweile in Nur-Sultan (nach dem Machthaber Kasachstans) umbenannt wurde.

Odessa – da werden die Ästheten hellwach. Das Paris am Schwarzen Meer, wo die Kulturen aufeinandertreffen, wo ikonische Filmszenen entstanden, wo die Sonne angenehmer schient als an so mancher Mittlerperle.

Und Warschau ist einfach nur der Punkt auf der Landkarte in den Nachrichten, der die Mitte Polens markiert.

Baku … war da nicht mal der ESC? Fast so unbekannt wie Czernowitz. Dazu fällt den wenigsten noch etwas ein.

Es wird also Zeit diesen Städten, diesen Perlen des Ostens, diesen Metropolen, wo die Sonne schon schient, wenn hier der Bäcker seine Stube aufschließt, eine Stimme zu geben.

Und ein Gesicht. Schon beim ersten, losen durch die Daumen gleitend, findet man die offensichtlichen Höhepunkte, die das Reiseherz höher schlagen lassen. Der Bajterek-Turm in Nur-Sultan / Astana oder der Tempel der Arbeiterklasse in Minsk (würde die Bildunterschrift fehlen, könnte man auch meinen ein wirklich sehr gut erhaltener römischer Tempel wäre hier zu sehen) oder die Mariä-Verkündigung-Kathedrale in Kasan stechen einem sofort ins Auge. Also doch ein Reiseband? Nein, immer noch nicht. Es sind die zehn Essays von Autoren der jeweiligen Städte, die dieses Buch zu einem unverzichtbaren Reiseutensil machen, wenn man sich auf die Suche nach Farbe in diesen weißen Flecken macht. Die Autoren haben die gesamte Farbpalette bereits entdeckt. Sie gehen weit zurück in die Vergangenheit, zeichnen Entwicklungen nach und scheuen sich nicht ihre Werke nun der breiten Öffentlichkeit zu zeigen. Und so mancher Betrachter dreht sich beschämt beiseite und ärgert sich nicht schon früher den Blick gen Osten gerichtet zu haben.

Ein Haus, ein Stuhl, ein Auto

Erst der Bauch, dann die Moral. So hat es Brecht formuliert. Ihm selbst waren ein behagliches Dach überm Kopf, ein bequemer Stuhl und ein rasanter fahrbarer Untersatz nicht unwichtig. Er wusste sein Geld gut anzulegen, in Immobilien. Da kam wohl der Schwabe in ihm durch…

Ursula Muscheler geht seinem Drang nach Gemütlichkeit, Behaglichkeit und Bequemlichkeit (im physischen Sinne) auf den Grund. Schon in Kindertagen konnte er sich in der elterlichen Wohnung austoben. Die Wohnung war groß genug. Als erfolgreicher Autor im Berlin der 20er Jahre schuf Helene Weigel in der Babelsberger Straße ein Heim zum Wohlfühlen, sein Atelier in der Spichernstraße war ein gemütlicher Ort der Kreativität.

„Ein Haus, ein Stuhl, ein Auto“ lässt Stationen Brechts noch einmal aufblitzen, dieses Mal aber mit dem Sucher der Architektur. Bertolt Brecht ließ sich gern von Designern beraten und sie ihm seine Behausung einrichten. Mogens Voltelen, dänischer Designer, schuf den einen Typ Stuhl, der Brecht lange Zeit begleitete. Heute ist er in der Berliner Chausseestraße 125, dem Brecht-Haus zu bestaunen.

Stil hatte er, der große Dichter, der dem Arbeiter ein Theater gab, und deren Nähe er nun wirklich nicht gerade suchte. Er war Künstler und als solcher wollte er auch alle Annehmlichkeiten genießen. Im Buch reist man mit Brecht noch einmal um die Welt. Während Brecht reisen bzw. fliehen musste, hat der Leser die Chance ganz freiwillig um den Erdball zu kreisen.

Es ist erstaunlich wie oft schon über den Einrichtungsstil Brechts berichtet wurde. Und warum so wenig bisher darüber geschrieben wurde.

Ursula Muscheler macht einen Rundgang durch die Wohnungen, Ateliers und Häuser Bertolt Brechts. Von Augsburg über Berlin, von Südfrankreich ins sonnige Kalifornien und wieder zurück nach Berlin und Skandinavien. Fast so rasant wie der Dichter selbst.

Ein Autonarr war er nicht. Aber wenn er Auto fuhr, dann sportlich. Manchmal übers Ziel hinausschießend. Und er wusste wie er sich ein Auto verdiente. Nur ein paar Zeilen, den Auto-Song, blanke Werbung und schon stand ein Steyr-Cabriolet XII, sein Traumwagen vor der Tür. Nichts Übertriebenes, aber ausreichend, um damit einen Unfall zu bauen, die Knautschzone ein weiteres mal herauszuheben und im Gegenzug ein XX-Modell zu bekommen. Der machte schon mehr her.

Es geht in diesem Buch nun aber nicht darum wie Bertolt Brecht sich seinen Lebensstil ergatterte. Man erhält einen derart umfassenden Einblick in die Lebenswelt eines der erfolgreichsten deutschen Dichter überhaupt. Und mal ehrlich: Der Blick durchs Schlüsselloch ist immer noch der Beste.

Die Schlacht um den Hügel

Es hätte auch anders kommen können! Florenz in Schutt und Asche gelegt werden können. Fiesole ebenso. Doch es kam anders. Florenz war offene Stadt, d.h. sie durfte weder angegriffen noch verteidigt werden. Dass das Kriegsrecht im Krieg nicht immer paragraphengerecht angewendet wird, ist die Kehrseite der Medaille. Unvorstellbar der Blick von den Hügeln in Fiesole auf die Renaissance-Perle Florenz wäre es anders gekommen.

Hanna Kiel war als Kunsthistorikerin, aber vor allem als Übersetzerin in Fiesole tätig. Ein zweischneidiges Schwert. Eines mit ganz scharfen Klingen! Ihre Chronik der Ereignisse zwischen Anfang August und September 1944 schrieb sie in einem literarischen Stil. Auch ohne exakte Zeitangaben gibt sie ein exaktes Bild von dem wider, was damals geschah.

Die Wehrmacht, die Partisanen und die Alliierten standen in ständigem Feuergefecht. Die Bevölkerung Fiesoles musste sich verkriechen, verstecken, in Deckung gehen, unter unmenschlichen Bedingungen das Pfeifen der Garanten ertragen. Inmitten dieser Situation kehrte tatsächlich so etwas wie Normalität ein. Eine Normalität, die man sich nicht wünscht, bis dato nicht vorstellen konnte und die man niemandem wünscht, aus heutiger Sicht. Auch wenn die Realität wieder einmal anders aussieht.

Die Distanz der Autorin und gleichzeitige Nähe, die ihre Worte verströmt, sind der Spannungsbogen, der dieses Buch am Leben erhält. Täter und Opfer haben Namen, ihre Herkunft ist nahbar. Ihr Tun unverständlich, dennoch nachvollziehbar. Nicht ganz so einfach ist die Einordnung wer denn nun Täter aus Überzeugung ist, wer Mitläufer und wer eindeutig ausschließlich in Verteidigungsstellung ist. Jeder muss sich mit der Situation abfinden. Doch nicht jeder tut es!

„Die Schlacht um den Hügel“ ist in Italien, das Laben, in dem Hanna Kiel lebte (und begraben ist) ein bekannteres Thema als in Deutschland, dem Land, aus dem Hanna Kiel kam. Sie war mit Klaus und Erika Mann befreundet, bot ihren Eltern Unterschlupf. Sie kämpfte ihren eigenen Kampf mit ihren eigenen Waffen.

Es sind nicht viele Seiten, die man braucht, um die schwierige Lage der Bewohner zu begreifen. Jedes Wort, jeder Satz, jede Seite sind ein Schlag ins Gesicht jeden Aggressors. Sei er nun damals in Fiesole dabei gewesen oder hat heute vor an anderer Stelle Unheil zu verbreiten. Die Schlussfolgerung, dass Kriege niemals eine für alle Seiten befriedigende Lösung bieten können, wird im Moment des Kampfes ausgeblendet. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Mit dem Abstand von achtzig Jahren ist dieses Buch ein nicht zu unterschätzender Beitrag im Kampf gegen den Wahnsinn.

Rom erleben

Für eine Stadt wie Rom braucht man einen kundigen Guide. Die Überzahl an Attraktionen erschlägt jeden, der nicht vorbereitet ist. Und die Enttäuschung danach etwas übersehen zu haben oder einfach mal den Weg – wegen Nichtwissens – nach rechts oder Links nicht eingeschlagen zu haben, überwiegt dann vielleicht doch das Erlebte.

„Rom erleben“ ist für ein jüngeres Publikum gedacht. Die Interessen der „Zielgruppe“ sind eben anders gelagert. Nichts desto trotz gibt es Orte in Rom, die man einfach gesehen haben muss. Und wenn man dann von einer Warteschlange überrascht (also von deren Dimension) oder wegen nicht vorhandener Vorreservierung abgewiesen wird, kann der Tag schon mal so richtig verdorben werden. Hier kommt dieser Reiseband ins Spiel.

Allein schon die Handhabung ist durchdacht. Einmal im Uhrzeigersinn gedreht, macht sich die Ringbindung schon bezahlt. Wie ein überdimensionales Notebook erschließt sich dem Leser/Besucher Roms eine neue Welt. Skizzen, Karten, Wegstrecken sind anschaulich dargestellt, dass digitale Hilfsmittel überflüssig werden. Die Erläuterungen beispielsweise zum Pantheon oder zum Forum romanum sind zeitlos. Wer sich vom empfohlenen Alter des Reisebuches ob des ausgewiesenen Alters nicht abschrecken lässt, wird hier auch als „Altersgruppenüberschreiter“ einen kundigen Ratgeber finden. Zahlreiche Abbildungen sowie unzählige Ausflugstipps, denn auch außerhalb der alten Stadtgrenzen gibt es mehr als nur ein must see. Erwähnenswert sind auch die Tipps zu Orten, die man zwar besuchen kann, die man aber nicht vermisst, wenn man sie nicht besucht. Das kann bei der begrenzten Zeit in Rom viel wert sein.

Kurz und knapp, umfassend, sehr gut handhabbar. Das sind die Hashtags, die dieses Reisebuch treffend beschreiben. Egal, ob man sich erholen oder den Körper an die Grenzen führen will, hier wird alles geboten. Bis hin zur typisch römischen Küche. Selbst wer Rom schon kennt, wird hier Orte entdecken, die er so noch nie gesehen hat. Andiamo a roma! Enttäuschungen wird es garantiert nicht geben!

Böhmisches Bäderdreieck

Františkovy Lázně, Mariánské Lázně und Karlovy Vary bilden das Böhmische Bäderdreieck. Das muss man niemandem mehr erklären. Und statistisch war jeder schon mal hier. Die Region ist – wie in diesem Reiseband beschrieben – zusammen mit Plzeň das touristische Zentrum im westlichen Tschechien. Prag ist nur ein Katzensprung entfernt, Franken gar noch näher und das Erzgebirge bildet im Norden eine natürliche Grenze, die man nur allzu gern überquert – egal in welche Richtung.

Diese drei Orte – Franzensbad, Marienbad und Karlsbad, die Namen sind geläufiger – sind der Innbegriff des Kurens in Mitteleuropa. Die Quellen der Region versprechen für allerlei Wehwehchen rasche Linderung. Doch was diese drei Orte auszeichnet ist ihr anhaltender Ruf. Von Goethe über Chopin bis hin zu diversen adeligen Staatsoberhäuptern genoss und genießt man hier die entspannte Atmosphäre. Auch wenn man teils im Dreieck springen muss, um voranzukommen. Denn es gibt Zeiten im Jahr, in denen die drei Städte und die Orte dazwischen wirklich überlaufen sind.

Was tun also, wenn man mitten in der Saison zwischen Menschenmassen umherspringen muss, um sich schlussendlich doch erholen zu können? Ein Patentrezept gibt es dafür nicht. Aber es ist ein guter Anfang sich mit diesem Reiseband auf das Triangolat (gibt es das Wort überhaupt?) der mineralischen Genesung vorzubereiten.

André Micklitza schafft es in der Kürze des Buches ein Füllhorn an Aktivitäten, Besichtigungen und Wanderungen zusammenzustellen, das es einem tatsächlich erlaubt mehrere Wochen den Massen aus dem Weg gehen zu können und dennoch die Pracht der Region ausgiebig kennenzulernen. Und dabei auch wirklich nichts auszulassen!

Es ist klar wie das Quellwasser, dass man in den Kurzentren – allein schon der Wandelgang in Franzensbad ist ein Augenschmaus – niemals allein sein wird. Doch die großzügigen Anlagen bieten viel Platz für ruhige Erholungsminuten.

Es sind vor allem die kleinen Tipps – meist farbig unterlegt – die dem Besucher einen Vorsprung vor der Tourimeute bieten. Kleine Gassen, entlegene Pfade, erhabene Aussichtspunkte oder einfach nur Orte, an denen man sich leicht überzeugen lässt, warum so manches Schwergewicht aus Kultur, Politik und Adel hier dem Müßiggang frönten.

Hat man sich genug erholt, sofern das möglich ist, oder einfach mal zwischendrin, steht einem Besuch von Plzeň nichts mehr im Weg. Die Stadt setzte sich mit ihrer Braukunst selbst ein Denkmal – eines der Denkmäler, das man gern besichtigt… Doch auch hier gilt: Nur eine Attraktion ist zu wenig. Plzeň bietet mehr als literweise Hopfenkaltgetränke.

Je nach Entfernung ist das Böhmische Bäderdreieck zu jeder Jahreszeit eine unbedingte Reiseempfehlung. Ein Muss hingegen ist dieser Reiseband.

Die Welt als Zahl

Na, heute schon addiert, subtrahiert, multipliziert oder gar dividiert? Nein? Aber zumindest doch mit Mathe irgendwas zu tun gehabt. Nein? Wirklich? Fahalsch! Jeder hat heute schon auf sein Smartphone geschaut – das läuft nicht ohne Mathe. Aus dem EINEN Bett gestiegen, sich mit EINER Zahnbürste die – im besten Fall ZWEIUNDDREIßIG Zähne geputzt. Oder sich beim Einkaufen über die ZEHNprozentige Preissteigerung geärgert. Alles Mathe. Es geht nicht ohne. Und der Spruch aus der ACHTEN, das man das alles niemals mehr brauchen wird, ist somit hinfällig. Es geht nicht ohne Mathe, und schon gar nicht ohne Zahlen!

Ian Stewart sieht das genauso. Aber ist Mathematiker – der muss das sagen. Seine Verständnis von der Welt der zahlen, der Zahlen in der Welt geht aber viel weiter als der Benzinpreisvergleich per App. Zum Beispiel beim immer wieder heiß diskutierten Thema Organspende. Was hat das denn mit Zahlen zu tun? Nun, zum Ersten müssen die Werte stimmen. Also, passen das zu spendende Organ und der Empfänger überhaupt zusammen. Zugegeben, kein einfaches Thema. Ian Stewart schafft es aber fast spielerisch die komplexe Rechenaufgabe sehr gut darzustellen und vor allem zu vermitteln. Denn es spielen vielmehr Faktoren eine Rolle als man gemeinhin annimmt. Selbst Mathemuffel werden staunen wie einfach derartige Rechen“Spiele“ sein können…

Schon mal was von secp256k1 gehört? Nicht? Aber die Schlussfolgerung daraus ist in aller Munde. Es geht um Kryptowährung bzw. seine Verschlüsselung. Die Datenkrake, die in unser Portemonnaie greift, um es in zu verschlingen. Reich wird man mit dem Wissen darum allein noch nicht. Aber das Verständnis um die Sensibilität wird geschärft. Und vielleicht die Angst ein wenig … geschürt, gemindert … das muss jeder für sich selbst herausfinden.

Ganz egal wie scharf oder lasch man die Zahlen der Welt sieht – und das hat nun wirklich nichts mit der Unschärfetheorie von Heisenberg (nicht der aus „Breaking Bad“, sondern dem Wissenschaftler, der schon mit 25 Jahren in Leipzig als Professor für theoretische Physik lehrte) – mit jeder Seite, die man umblättert, die man mit wachsender Begeisterung liest, werden Zahlen zu einem sichtbaren Teil unseres Lebens. Zumindest für die, die es sich nie vorstellen konnten. Die, die schon immer von Zahlen begeistert waren, sich der Realität nie verschlossen haben, spenden symbolisch anhaltenden Applaus.

Ian Stewart hat die Zahlen nicht neu erfunden. Sein Verdienst ist es ihnen einen Raum zu geben, in dem man sich wie selbstverständlich bewegen kann.

Das kann immer noch in Wien passieren

Als Wien-Tourist kann man es nur schwer vorstellen, dass hier so etwas wie Alltag einkehrt. Alle paar Meter gibt es etwas zu entdecken, dass es so eben nur hier gibt. Mit großen Augen marschiert man an beeindruckender Architektur vorbei, schaut hier und da mal rein, überblickt von so manchem Hügel die Metropole, berauscht sich in einem der zahlreichen Museen und lässt es sich im Café gutgehen.

Der alltägliche Schmäh ist da nur ein Beiwerk, das man erst bei genauerem Hinhören zu verstehen weiß. Es sind jedoch die Alltagsgeschichten wie in diesem Buch, die den Wien-Touristen vom Wienexperten unterscheidet. Wer also dem Schlangestehen am Café Central oder (noch schlimmer, weil länger) am Sacher nichts mehr abgewinnen kann, wem das Belvedere schon näher ist als die heimische Umgebung, der wird den Wienern mit Genuss aufs Maul schauen. Und wenn’s nicht allzu wianerisch wird, versteht man es … zumindest akustisch. Inhaltlich wird’s da schon ein wenig verzwickter. Doch es gibt Abhilfe.

„Das kann immer noch in Wien passieren“ ist die Allzweckwaffe im Wunderschönfinden des Alltagssingsangs in der Donaumetropole! Denn nicht alles, was so melodisch ans Ohr geflogen kommt, ist mit Liebreiz und Wohlwollen behaftet. Es sind schon deftige Abreibungen, die man allerorten vernehmen kann. Das beginnt bei der familiären Aufarbeitung der eigenen Geschichte derjenigen, die nicht fliehen mussten. Was den Autor dieser Anekdote dazu veranlasst zu bemerken, dass sein Gegenüber zumindest dafür verantwortlich ist, dass seine Familie fliehen musste, wenn sie denn konnte. Starker Tobak, wenn so ein Dialog „zwischen Tür und Angel“ stattfindet.

Diese Alltagsgeschichten sind gespickt mit Perfidität, laissez-faire und einer ordentlichen Portion Schärfe und Wortwitz. Oberflächlich eine schonungslose Abrechnung mit der hauptstädterischen Arroganz gegenüber allen von außerhalb. Doch in der Tiefe liegt der wahre Schatz dieses Buches vergraben.

Nicht alles, was scharfkantig ist, verletzt. Als Trostpflaster kann man dieses Buch ebenso verstehen. Denn wird vorbereitet ist, entgeht so manchen Verbalscharmützel. Zartbesaitete können in Wien schnell unter die Räder kommen, wenn sie sich nicht bewusst sind, dass nicht alles so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Und in Wien kocht man sehr heiß – also verbal. Als Zusatzlektüre für den einen oder anderen Reiseband ist dieses kleine Büchlein, das sich mit Macht gegen übertriebene Korrektheit wehrt, unverzichtbar. Und mit diesem Buch in der Hand, am richtigen Ort kommt man garantiert mit echten Wianern ganz schnell ins Gespräch.

Wie man die lebenswerteste Stadt der Welt überlebt

Eigentlich kann man es kaum noch hören: Wien ist die lebenswerteste Stadt der Welt! Und dann ist man da und sagt: „Ja, stimmt!“. In fast jeder Hinsicht. Ein geballtes Inferno an Museen, prächtige Straßen, eine funktionierende Infrastruktur. Ein lebenswerter Ort, ein Ort, an dem man nur die Ohren offenhalten muss, um dem Schmäh die Schärfe zu nehmen. So wie Andreas Rainer, ein Alltagspoet – der Alltagspoet. Er schnappt an der Tramhaltestelle, an der Ampel, im Café (wo sonst?!) was auf und verarbeitet es ruck zuck zu einem poetischen Pamphlet, das Kopfnicken und „Echt jetzt?“ zugleich hervorruft.

Diese kleinen Sticheleien gegen das lupenreine Image der Stadt sind mehr als nur eine kleine Brise Würze. Sie erzählen von dem, was dem Touristen verborgen bleibt. Es sei denn man kommt tatsächlich mit einem Herrn Ober ins „Gespräch“… Ihn heranwinken bringt nichts.

Andreas Rainer findet seine Geschichten auf der Straße. Da streiten sich Bauarbeiter und Polizei wer hier Vorrecht genießt. Oder es hagelt Beschwerden über die Arbeit – woanders ist auch nicht schlechter.

Dieses kleine Büchlein nimmt ein wenig die Schwere vom Titel „Liebenswerteste Stadt der Welt“. Hier leben auch nur Menschen, die allerdings mit einer ordentlichen Portion Schmäh dem Alltag die Stirn bieten. Derber Humor und Eleganz schließen sich also doch nicht komplett aus.

Und es gibt echte (Über-) Lebenshilfe für Wien. Wenn man einem Lehrer glauben darf, dann sollte man es tunlichst vermeiden psychisch Labile in der U-Bahn anzustarren. Das ist nicht nur Schulklassen zu empfehlen. Denn der Wiener steht über allen anderen Österreichern – was sicher nicht zu verallgemeinern ist, aber warum soll man sich als Gscherter zu erkennen geben (und den Unmut der Wianer sich zuziehen) – und das lässt er ganz gern auch mal sein Gegenüber spüren (schön mal verdutzt aus der Wäsche geschaut, wenn einem „a Sackerl“ angeboten wurde?).

Es gibt auch andere Städte, die für ihren Humor bekannt sind. Berlin zum Beispiel. Doch während man an der Spree mit der Dampframme zurechtgestutzt wird, wird man an der Donau sanft mit dem Hammer gestreichelt. Wien-Liebe to go steht wie ein Label auf dem Cover. Und so sollte man dieses Büchlein auch annehmen. Nicht zwingend am Graben sich auf einer Bank das Buch laut vorlesen. Auch nicht auf den Stufen der Albertina sich lauthals über (letztendlich sich selbst) lachen. Jedoch auf einer Bank leise vor sich hinschmunzeln während man darin blättert, sollte erlaubt sein. Und vielleicht trifft man auf diesem Weg genau den einen Wiener, der mit einem über diese „G’schichten“ bei einer Tschick lachen kann. Einen Versuch ist es allemal wert!

Phantome der Nacht – 100 Jahre Nosferatu

Immer wieder findet Listen mit „den besten Filmen aller Zeiten“. Die sind fast immer gleich – weil alle von einander abschreiben oder die Auftraggeber dieselben sind. Je nachdem wer die Listen erstellt, wer in der Jury sitzt, woher die Jurymitglieder stammen. Doch, ganz ehrlich, Listen in denen die Filmkunst nicht gewürdigt wird, sondern der Erfolg an der Kasse sind nichts weiter als Marketinginstrumente. Wenn tatsächlich einer der zahllosen Batman-Filme bedeutender – also „besser“ – als beispielsweise „Metropolis“ von Fritz Lang sein soll, sollte man mit seinen Zweifeln nicht hinterm Berg halten.

Vor wenigen Jahren wurde „Nosferatu – Symphonie des Grauens“ eine Ausstellung anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der Uraufführung gewidmet. Eine Ausstellung für einen Film! Nicht etwa eine Devotionalienecke in einem Kaufhaus mit allerlei Krimskrams, um genervten Eltern ein paar Stunden Ruhe vor den quengelndem Nachwuchs zu gönnen. Einem Film also, der bis heute die Herzen des Publikums höher schlagen lässt. Nicht nur die ikonischen Bilder. Nicht allein die Effekte, die einzig allein mit handwerklichen Mitteln für Erstaunen sorgen. Nicht allein der Hauptdarsteller, der garantiert nicht wegen seines Namens ausgesucht wurde: Max Schreck. Nein, es ist das Gesamtwerk, angefangen beim opernhaften Vorspann über die expressionistischen Bilder bis hin zum dramatischen Ende. Die Handlung und die Musik (ein besonderes Ereignis, wenn man dies mit Orchesterbegleitung wie dem Babylon-Orchester im Kino erleben kann), die Farbgebung und die dramaturgische Aufbereitung sind ein Fest für die Sinne.

In diesem Buch, dem Begleitband zur Ausstellung im Jahr 2022, erlebt das Kunstwerk „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ seine Auferstehung in Dauerschleife. Immer wenn man darin blättert, erscheinen wie auf der großen Leinwand die Szene nicht nur vor dem geistigen Auge.

Der Film hatte Auswirkung auf fast jedes Kunstgenre. Graphic Novels beziehen sich bis heute auf die optische Umsetzung der Vampirlegende, die Parallelen zum Film von Friedrich Wilhelm Murnau sind derart offensichtlich, dass es keinen Sinn hat sie zu leugnen. Wohl nur noch das Konterfei von Marilyn Monroe von Andy Warhol oder von Che Guevara nach dem Schnappschuss von Alberto Korda haben ähnlichen Weltruhm.

Soll eine mystische Stimmung in einem Bild erzeugt werden, hier ist die Inspirationsquelle aller Düsternis.

Wer dem Mythos „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens “ verfallen ist, dem rauscht bei diesem Buch das Blut in doppelter Geschwindigkeit durch die Adern…

Im Dienst des Irdischen

China, die Volksrepublik und Religion – jaajjjeeiinn. Irgendwie durchaus eine logische Verbindung, andererseits auch wieder nicht. Es ist kompliziert. Und so sollt man sich diesem Buch auch nähern. Klar, China, Asien, Buddhismus – die Verbindung ist eindeutig da. Und dann die monströsen Parteitagsbilder der Kommunistischen Partei, wenn im Takt dem Vorsitzenden gehuldigt wird – das ist so gar nicht buddhistisch.

Religion ist in China überall vorhanden, so wie hierzulande der christliche Glaube und seine Sichtbarkeit nicht zu übersehen sind. In China hingegen gibt es stellenweise Tempel, die nicht historisch gewachsen sind, sondern moderne Bauten sind (ja, die gibt es auch in unseren Breiten), sondern von Firmen erbaut wurden. Und deren Größe die historischen Tempel um ein Vielfaches übertreffen. Also, China und Religion ist doch nicht so verwunderlich wie so mancher Dauerskeptiker es glauben mag.

Hans-Wilm Schütte reist durch ein China, das ohne rasanten Fortschritt nicht überlebensfähig ist. Das Land lebt vom selbst auferlegten Image des enormen Aufschwungs.

Als Erstes fällt im Buch die üppige Farbenpracht der Abbildungen auf. Gold soweit das Auge reicht. Festgehalten aus unterschiedlichen Perspektiven. Und erst die Erläuterungen! China ist gemessen an der Zahl der Gläubigen die Nummer Eins im buddhistischen Lager. Neben der Pracht der Bilder stellt Autor Hans-Wilm Schütte die Geschichte und Tradition in den Fokus. Strömungen innerhalb des Buddhismus sind oft stellenweise ein Dorn im Auge der Religionshüter sowie der Machthaber im Reich der Mitte.

„Im Dienst des Irdischen“ ist ein tiefer Einblick in den Alltag der Buddhisten in China. Tempel mit gigantischen Ausmaßen, daneben bescheidene Rituale, die das Licht der Öffentlichkeit scheuen. Besinnliche Bilder und ausufernde Goldbeschau. Propaganda und reine Lehre. Wer sich auf diese Reise einlässt, erlebt Seite für Seite ein Abenteuer nach dem Nächsten. Unter den Reisebildbänden nimmt dieses Buch einen ganz besonderen Platz ein, und zwar auf den vorderen Plätzen!