Archiv der Kategorie: aus-erlesen wissen

Berliner Schicksalsorte

Wer keinen Koffer in Berlin stehen hat, kommt wohl als Tourist in die deutsche Hauptstadt. Und dann will man schließlich auch was erleben. Und fernab der neuen urbanen Kulturausrichtung inklusive der monetären Nebenwirkungen bietet die Stadt einen breiten Teppich aus historischen Orten.

Armin A. Woy unternimmt mit dem Leser einen Rundgang zu zweiundvierzig Schicksalsorten, der einen Bogen von knapp sieben Jahrhunderten schlägt. Und der Rundgang beginnt gleich mit einer deftigen Abreibung. 16. August 1325, Markttag. Berlin wird von den Wittelsbachern regiert und anerkannt. Wegen und vielleicht auch vor allem wegen des Papstbannes, mit dem das Herrschergeschlecht belegt wurde. Die Kirche selbst war damals gespalten, der bannsprechende Papst Johannes XXII. saß im provenzalischen Avignon.  In der Marienkirche sprach Nikolaus Cyriacus von Bernau. Und was er sagte, erzürnte die Berliner. In der Kirche rumorte es, doch es blieb ruhig. Als jedoch der Domprobst aus der Kirche trat, gab es kein Halten mehr. Die Soutane wurde ihm vom Körper gerissen, der Mob macht kurzem Prozess mit ihm. Da die Berliner von jeher ein lockeres Mundwerk haben, hätten sie die Abendstunden wohl sicher mit dem Begriff Barbecue umschrieben, wenn sie ihn schon gekannt hätten. Bis heute steht an dieser Stelle ein Sühnekreuz, das man – wenn die Geschichte darum nicht kennt, sicherlich übersehen bzw. nicht so recht wahrnehmen würde.

Der wilde Ritt durch die Jahrhunderte geht weiter. Wir überspringen die Hinrichtungen von Hans Johlhase1540 am Strausberger Platz und von Lippold Ben Chluchim im Jahr 1573 am Neuen Markt und kommen zum Bülowplatz. „Ich liebe doch alle Menschen“, wer ihm und seinen Worten glaubte, bekommt hier die Quittung für seine Blauäugigkeit. Der doppelte Erich, Erich Ziemer und Erich Mielke, sollten 1931 den Mord an einem ihrer KPD-Genossen rächen. Das Land war in Aufruhr und im Umbruch. Husar und Schweinebacke waren auch da als sich die Massen auf dem Bülowplatz. Husar und Schweinebacke waren allerdings keine Kampfnamen des Parteiselbstschutzes, wie sich der paramilitärische Arm der KPD nannte, sondern Polizisten. Schon lange ein Dorn im Auge jedes rechtschaffenden Bürgers. Ein heilloses Durcheinander folgte den aus nächster Nähe abgegebenen Schüssen. Rund ein halbes Dutzend Tote und über dreißig Verletzte waren das Ergebnis. Was wurde aus den Tätern? Erich Mielke konnte sich über sechzig Jahre in Sicherheit wiegen. Erst 1993 wurde er zu sechs Jahre Gefängnis verurteilt. Knapp zwei Jahre später war wieder frei und starb 2000 unbehelligt in Berlin-Hohenschönhausen.

Nur zwei der schicksalsträchtigen Orte Berlins. Vom Tatort, an dem Benno Ohnesorg erschossen wurde und dem Ausgangsort des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 über die Glienicker Brücke und die Discothek „La Belle“, die durch einen abscheulichen Terrorakt berühmt wurde bis hin zur Mauer und dem Olympiastadion geht die historische Reise vom Armin A. Woy. Unterhaltsam, aber vor allem detailreich gibt dieser Band Auskunft über Orte, die man sicherlich schon mehrmals besucht hat, die man gequert hat, die man aber nicht als solche erkannt hat. Von nun an ist Berlin ein Ort, an dem man aufpasst, wo man hintritt. Dank dieses Buches.

Atlas der Mittelmeerinseln

Inselurlaub im Mittelmeer ist der Traum vieler Erholungssuchender. Mallorca-Besucher in der Masse mal ausgenommen. Den schönsten Sonnenuntergang gibt’s auf Santorin, die meiste Geschichte auf Kreta, den Clash of cultures auf Sizilien. Ibiza, Zypern, Korsika und Sardinien gehören zum festen Bestanteil einer jeden Überlegung, wenn man die schönste Zeit des Jahres plant. Simone Perotti hat auch mal solche Planungen vorangetrieben. Doch die genannten Inseln waren nicht als Anlandepunkte, sondern als Orientierungshilfen gedacht.

Seit Jahren bereist er das Mittelmeer mit einem Segelschiff. Und findet so unbekannte Inseln wie Tavolara. Die Insel ist mittlerweile kartographiert, liegt in Spuckweite von Sardinien entfernt. Kaum bewohnt. Aber es hat einen König. Tatsächlich! Dessen Wappen ließ Königin Victoria im Buckingham Palace ausstellen. Wie es dazu kam, ist nur eine der wunderbaren Geschichten, die Simone Perotti zu erzählen weiß.

Weiter geht’s ins Levantische Meer, sprich das östliche Mittelmeer. Auf die Nelson-Insel. Nur ein paar Meilen vor Alexandria, 0,02 km² groß, ein Felsen und … unbewohnt. Sie wurde nach dem berühmten Admiral Nelson benannt. Der schlug hier eine seiner zahllosen Schlachten. Die Insel birgt in sich einen unfassbaren Schatz. Der Archäologe Paolo Gallo grub hier Reste einer Siedlung aus. Mit allem, was dazu gehört: Leuchtturm, eine Festung, Häuser mit Bad. Die Makedonier waren hier einmal die Herren. Damals, als die Insel sicher noch mit dem ägyptischen Festland verbunden war. Heute kommen allenfalls ein paar Badegäste.

Nur zwei Inseln von über vierzig, die Simone Perotti bereiste und in diesem Buch vorstellt. Es als Reiseband zu bezeichnen, würde alle anderen Reisebände in den Schatten stellen. Es ist ein Sehnsuchtsband, den man in den Händen halten darf. Detailreiche und verheißungsvolle Landkarten skizzieren die Inseln und ihre Lage. Doch die Geschichten dazu sind fabelhaft. Sie sind wahr oder zumindest ernsthafte Legende. Wer als das Glück hat einmal Espardell, Malu Entu, Panarea, Alimia oder Arwad zu besuchen, hat zumindest schon einmal von ihnen gehört. Und wer nun wirklich alles auf der Welt schon gesehen hat, wird hier eines Besseren belehrt.

Diesen Atlas packt man sich gern in den Ranzen für die Weltreise. Gestalterisch wie inhaltlich eine glatte Eins. Wenn es doch nur mehr Urlaubstage gäbe…

Teuflische Orte, die man gesehen haben muss

Herrgott nochmal, schon wieder eine Aufzählung von Orten, die man unbedingt gesehen haben muss, wenn man mal ein paar Tage in einer anderen Stadt verbringen will? Zum Teufel nochmal, nein! Heiko Hesse war nicht nur in einem Ort, um dort mehrere Orte aufzuzählen, die man … Der Belzebub, Luzifer, Mephisto, Deiwel, Diabolus, Pferdefuß, kurz der Teufel ist in sein Buch gefahren. Denkwürdige Orte sind es, die er näher vorstellt. Orte, an denen man ihn, den gefallenen Engel nicht erwartet.

Auerbachs Keller in Leipzig, die Wartburg in Eisenach oder den Betzenberg in Kaiserslautern – da ist er allgegenwärtig, in letztem Ort sogar tausendfach, wenn der 1. FCK aufläuft. In Aachen liegt er einfach so am Wegesrand. Krümmt sich fast vor Schmerzen. Ist ja auch klar, ihm fehlt ein Finger. Der Sage nach hat er sich ihn in der Dompforte eingeklemmt, als eine Schuld eintreiben wollte. Den Aachenern ging beim Dombau der Zaster aus. Hilfsbereit wie der Teufel nun mal ist, bot er seine Hilfe an. Er wollte nur die Seele des ersten, der durch die Pforte schritt. Ganz Christenmenschen, wie die Aachener waren, wollten sie aber keinen der Ihren opfern, und schickten einen Wolf in das Gotteshaus. Der Teufel düste wutschnaubend ab, die Tür schlug zu und der Daumen war einmal. Auf dem Rachefeldzug ging dem Teufel die Puste aus. Ein schlaues Bauernweib, das er fragte wie weit es denn noch bis Aachen sei, erkannte ihn und klagte über den (verdammt?) weiten Weg, der ihre Schuhe bereits ruinierte. Und an dieser Stelle steht heute eine Skulptur, und der Teufel liegt neben einem, mitten im Weg.

Einhundertzwölf Mal ließ sich Heiko Hesse von Satan aufhalten. Einhundertzwölf Mal ließ er ihn gewähren und in sein Buch Einzug halten. Einhundertzwölf Mal – noch 554 Mal, bis das Biest aus der Tiefe erwacht? Nein, es ist ein unterhaltsamer Reiseband, der dem Leser nützliche Tipps gibt, wie man im nächsten Urlaub dem Teufel ein Schnippchen schlagen kann, und ihn zwar erkennt, doch nicht herbeiruft.

Die Reise geht quer durch die Republik. Von wahrhaft höllischen Orten der Geschichte wie dem KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen in Thüringen. Über das Höllental bei Hinterzarten im Schwarzwald und Goslar, wo man in Erinnerung an ein bischöfliches Handgemenge in den Überresten des Doms nur bei genauerem Hinsehen den Fürst der Finsternis erkennen kann. Bis in die Domstadt Regensburg, wo die Donau über die Teufelsbrücke überquert wird.

Heiko Hesse ist ein amüsanter und gleichzeitig informativer Reiseband gelungen. Eine höllisch lange Reise wäre es, alles auf einmal abzuklappern. Aber wenn man in der Nähe ist, freut man sich, wenn man dieses Buch im Gepäck hat. Wer die Augen offenhält, begegnet dem Teufel in so mancher Verkleidung. Heiko Hesse reißt ihm so manches Mal die Maskerade von der Fratze und legt ihn frei.

Welcome to borderland

Über dreitausend Kilometer soll er lang sein, zehn Meter hoch – der Grenzbefestigungswall zwischen den USA und Mexiko. Die Mauer! Das hat der neue Präsident der USA versprochen. Und viele jubelten ihm zu … undwählten ihn. Bis jetzt hat er sein Versprechen nicht eingehalten. Und dennoch gibt es sie, die Mauer. Die Mauer, die das arme Mexiko vom den reichen USA trennt. Nur partiell, dennoch ist sie da.

Jeannette Erazo Heufelder hat 2017 eine lange Reise unternommen. Eine über dreitausend Kilometer lange Reise entlang des Rio Grande, der in Mexiko Rio Bravo heißt – so wie der amerikanische (!) Western. Es ist jedoch nicht nur eine Reise von A nach B gewesen, es ist eine Reise in die Vergangenheit, mitten durch die Gegenwart, die Zukunft ist ungewiss.

Die Autorin schlägt einen weiten Bogen. Von damals als Texas noch zu Mexiko gehörte, Kalifornien Arizona und einige andere Bundesstaaten und Gebiete ebenso. Sie berichtet von Kriegen, von vorsichtshalber angesiedelten Menschen, um sich vor den spanischen Kolonialisten zu schützen, von Alamo, Indianern und dem Freiheitskampf eines Emiliano Zapata und vom Drogenkrieg.

In der Grenzregion zu wohnen ist ein gefährliches Unterfangen. Nur diejenigen, die (oft mehrmalige) tägliche Kontrollen gutheißen, fühlen sich hier sicher. Auf mexikanischer Seite befindet sich die Stadt Mexicali, auf amerikanischer Seite Calexico. Die Nähe zueinander ist nicht zufällig und spiegelt sich nicht nur in der Namensähnlichkeit wider. Vieles, was hier nördlich und südlich der Grenze, die einmal nur durch einen Fußstrich im Sand besiegelt wurde, geschieht, beruht auf historischen Missverständnissen und Kriegen. Der erste Schuss im amerikanisch-mexikanischen Krieg fiel bei den Mexikanern. Dass die Amerikaner bei ihrer Reaktion schon auf mexikanischem Boden standen, wies der Präsident als „fake news“ zurück, wenn er den Begriff zur Hand gehabt hätte.

„Welcome to Borderland“ lässt uns eine Blick hinter über den Zaun und hinter die Mauer werfen. Trostlos und hoffnungsvoll zugleich ist das Leben beiderseits von Borderland. Trostlos, weil es kaum jemals eine Chance geben wird, dass sich an diesem Ort etwas zum Besseren wenden wird. Hoffnungsvoll, weil es trotz all der Repressalien einen nicht enden wollenden Strom von Menschen gibt, die die Grenze tagein, tagaus überqueren. Die Grenzregion auf amerikanischer Seite in und um San Diego erwirtschaftet einen Milliardenumsatz, der sich auch im Staatshaushalt niederschlägt. Würde die Grenze dichtgemacht werden, wäre dieses Loch nur schwer zu stopfen. Und damit wäre wohl auch die Frage geklärt, warum die Mauer immer noch nicht steht…

Labyrinthe – Eine Reise zu den berühmtesten Irrgärten der Welt

Was ist das? Links, rechts, rechts, links, rechts, links, links, rechts. Ein Spaziergang durch Altjeßnitz in Sachsen-Anhalt. Genauer gesagt durch den ältesten original erhaltenen Hecken-Irrgarten Deutschlands. Seit 1854 kann er in dieser Form durchschritten werden. Doch es gibt bekanntlich immer mehrere Wege – in einem Labyrinth ist das der eigentliche Spaß.

Die Reise in diesem Buch zu den verwegensten Irrgärten ist ebenso spannend wie die Reisen durch die beschriebenen Labyrinthe. Und die Reise führt einmal um den Erdball. Von Algier über Glastonbury und Mismaze und Schönbrunn bis nach Wing.

Nicht jedes der beschriebenen Labyrinthe ist fußläufig zu erobern. Manche Linienkunstwerke sind als Fliesenmosaike zu bestaunen. Wie das Theseusmosaik, das im Kunsthistorischen Museum Wien zu bewundern ist. Für Reisende aber besonders interessant sind diejenigen, die man be- und versuchen kann. Schönbrunn, wieder einmal Wien, ist so eines. Jedoch niemals an einem sonnigen Wochenende das Labyrinth besuchen. Dann sind die Besuchermassen zu erdrückend. Fasziniert läuft man durch die Heckengänge, durch die Hecken selbst sieht man nicht viel, was auch gut ist. Es würde nur den Spaß verderben.

Lyveden New Bield in Northamptonshire ist eine Attraktion, die noch gar nicht so lange besichtigt werden kann. Das Anwesen selbst ist seit Jahrhunderten eine Baustelle. Sir Thomas Tresham war überzeugter Katholik. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wollte er hier einen zweiten Landsitz errichten, den man nur durch ein Labyrinth erreichte. Doch daraus wurde nicht, und erst kürzlich wurde das Labyrinth freigelegt.

Es ist ein ganz besonderer Reiseband. Ein Reiseband im Reiseband. Denn dieses Buch kann durchaus als doppelter Ratgeber angesehen werden. Zum Einen als Tippgeber, wenn man noch nicht weiß wohin die nächste Reise gehen soll. Zum Anderen als Wegweiser durch die unterschiedlichsten Irrgärten der Welt. Denn jedes Labyrinth ist in Draufsicht abgebildet. So kann man schon mal die Wege mit dem Finger ablaufen.

Die feinlinigen Illustrationen geben detailgenau die eindrucksvollen Kunstwerke wieder. Was auf den ersten Blick so einfach erscheint, weil sich die Wege doch so offensichtlich gleichen, entpuppt sich schnell als Trugschluss. Und schon sitzt man in der Falle! Links? Rechts? Wo lang? Wie Stan Laurel in „A chump at Oxfrod“ ist man der Verzweiflung nahe, wenn man den richtigen Weg gefunden zu haben scheint, und schließlich feststellen muss, dass die Sackgasse wieder einmal nicht ausgeschildert war. Nicht verzagen: Es gibt immer einen Ausweg. Dieses Buch ist der Ausweg aus der oft verbreiteten All-Inclusive-Reise-Langeweile. Je nach Mut ist man mit Buch und Irrgarten ein paar Minuten, meist jedoch Stunden beschäftigt.

Hietzing

Hietzing bei Hitze genießen – da muss man einen kühlen Kopf bewahren. Denn der Stadtteil der Donaumetropole Wien bietet eine Menge an historischen Schmeckerchen, die man auch auf den zweiten Blick nicht erkennen wird. Eine U-Bahn-Haltestelle nach dem Tourismusmassenphänomen Schönbrunn öffnet sich dem neugierigen Besucher eine fast schon als geheimnisvoll zu bezeichnende Welt. Prächtige Villen reihen sich neben unscheinbare Wohnhäuser, deren einstige Bewohner die Welt eroberten. Für Filmfans ein wahres El Dorado.

Gleich schräg gegenüber der U-Bahnstation trifft man schon auf die erste Leinwandikone. Ein Platz ist nach diesem Filmschauspieler benannt. Im deutschsprachigen Raum eine Legende: Hans Moser. Das Haus, in dem er wohnte, befindet sich fußläufig ein paar Minuten entfernt. Dichte Hecken umgarnen die Stadtvilla. Kameras verraten, dass hier etwas zu beschützen ist. Auf den beliebten Volksschauspieler weist erst einmal nichts hin. Um die Ecke jedoch: Botschaft der Republik Aserbaidschan. Die hat die Villa des nuschelnden Schauspielers als ihre neue Heimat in der Fremde angenommen und eine Erinnerungstafel angebracht.

Leopoldine Konstantin ist sicher den wenigsten Filmfans ein Begriff. Doch ihre Rolle als Mutter eines glühenden Nazis in Hitchcocks „Notorious“ machte sie nach Jahren in der Bedeutungslosigkeit wieder bekannt. Sie lebte einst in der Trauttmansdorffgasse 29. An sie erinnert keine Tafel.

Anders sieht es da in der Maxingstraße 18 aus. Hier komponierte Johann Strauss die „Fledermaus“, im selben Haus starb auch Franz Schubert, dem der Bauchtyphus das Leben kostete.

Bleibt man in der Maxingstraße hat sich das Soll an sehenswerten Promi-Ex-Behausungen noch nicht erschöpft. Maria Lassnig, die Avantgardistin der österreichischen Malerei lebte auf der gleichen Straßenseite nur ein paar Häuser weiter stadteinwärts.

Nun ist sicher nicht jeder darauf erpicht, in seinem Urlaub Plätze zu besuchen, die mehr oder weniger berühmte Menschen mit ihrer Anwesenheit beglückten. Doch das Wissen darum, lässt so manche Fassade in anderem Licht erscheinen. Das Klimt-Haus, das erst nach dem Tod von Gustav Klimt erbaut und an der Stelle seines einstigen Ateliers um seine Wirkungsstätte herum gebaut wurde, ist dagegen ein Anziehungspunkt für alle Wien-Kultur-Reisenden. Hietzing hat gleich zwei Klimt-Orte vorzuweisen. Und einmal Schiele. Alles gut erkennen, wenn man weiß, wo man schauen soll.

Werner Rosenberger setzt dem ehemaligen Wiener-Alltagsfluchtziel Hietzing die Krone auf. Je länger man durch diesen beschaulichen Stadtteil flaniert, und je mehr man in diesem Buch blättert, desto häufiger betritt man historischen Boden. Burgschauspieler, Musiker, Stadtplaner fanden hier den Ort, der sie gewähren ließ.

Als Besucher und Leser findet man hier das Paradies. Die Promis von annodazumal sind nicht mehr. Ihre Häuser, das Dach überm Kopf von damals sind noch da. Man muss sie nur suchen. Nur einen Steinwurf von Sisi und Franz kann man das Wien von Johann, Rudolf, Alban und vielen anderen bedeutend gelassener erkunden als ein, zwei U-Bahn-Haltestellen zuvor. Und mit diesem Buch im Handgepäck entdeckt man Wien immer wieder neu.

Das Gehirn

Ganz düster hier im Oberstübchen! Und so verworren. Da steht man ganz schön im Wald. Und wird immer wieder angesaugt, aber nicht wieder ausgespuckt.

Das Gehirn spielt uns so manches Mal einen Streich. Zumindest hofft man, dass es so ist. Denn das komplexe Geflecht aus Synapsen, Neuronen, Glutamat und all den anderen Bereichen, Substanzen im Strom des Lebens gibt immer noch Rätsel auf. Dieses Buch löst diese Rätsel nicht – gibt aber einen leicht verständlichen, optisch 1A aufbereiteten Überblick, was da bei jedem einzelnen von uns „da oben“ vor sich geht.

Grundvoraussetzung für dieses Buch ist die Bereitschaft sich Neuem hingeben zu wollen. Ist diese erfüllt, wird dieses graphic science book, also ein Sachbuch in Form eines Comics, zu einer Wissensreise, die viel zu schnell zu Ende ist.

Denn so schwarz-weiß wie die Abbildungen ist es natürlich nicht in unserem Gehirn. Die Ionenpumpen halten das elektrische Potenzial der Zellmembran aufrecht. Kommt es daher, dass manchem manchmal ein Licht aufgeht?

Wie das Hirn funktioniert und dass man doch wieder aus ihm herauskommen kann, wird alles im Buch beschrieben. Jede weitere Interpretation erübrigt sich. Über die künstlerische Gestaltung des Buches hingegen, kann mehr als nur ein Wort verlieren. Dr. Matteo Farinella ist selbst Neurowissenschaftler. Er benutzt also etwas, um dieses Etwas zu erforschen. Ein Teufelskreis. Und aus diesem bricht er manchmal aus. Dann zeichnet er. Nicht einfach nur Neuronen oder elektrische Ozeane (die auch, ebenso wie Kalmare und U-Boote – die sind allesamt in unseren Hirnen vertreten), sondern auf eindrückliche Art den Hirn-Komplex. Bei seiner Reise durch die Irrungen und Wirrungen zwischen Frontallappen und Stammhirn trifft der Leser auf Forscher, die ihr Hirn der Hirnforschung überschrieben haben. Dr. Hana Roš ist ebenfalls Neurowissenschaftlerin und hat ihr Wissen schon in Fachzeitschriften einem breiten Publikum zugängig gemacht.

Die Symbiose von Hirn und Hirn, von Fakten und Kreativität erheben dieses Buch in den Adelsstand der populären Wissenschaftsbücher. Kein Wort und kein Pinselstrich zu viel oder zu wenig verderben den Wissendurst. Ein gewagtes Experiment, die scheinbar unwissenschaftliche Art ein Buch zu gestalten (Comic) mit der knappen Form der Wissensvermittlung in Einklang zu bringen. Das Ergebnis: Ein durchgehend angenehmer Ton, der sich im Ohr bleibt und somit auch im Hirn festsetzt.

Joseph – Der schwarze Mozart

Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn, Christoph Willibald Gluck – kennt man. Ihre Musik klingt unvermindert weiter. Und das wird auch noch Jahrhunderte so weitergehen. Doch wer kennt schon die Werke von Joseph Boulogne? Einem Offizier der Königlichen Garde unter Ludwig XV., dem Chevalier de Saint-George. Wohl kaum jemand, der nicht eine auserlesene Klassik-(Pardon, Früh-Klassik!) Sammlung sein eigen nennt. Es sind vielleicht auch nicht so sehr die Werke, die ihn berühmt machen könnten. Es ist vielmehr sein Leben.

Mitte des 18. Jahrhunderts wurde er auf Guadeloupe geboren. Sein Vater war ein angesehener Plantagenbesitzer auf der Karibikinsel. Seine Mutter war eine Sklavin. Joseph war also ein Bastard, das Ergebnis einer Affäre. Der Vater erkennt den Sohn an und nach einigen Jahren findet sich Joseph in Frankreich wieder. Guadeloupe ist weit weg. Die Geschehnisse auf der Insel – sein Vater ist dort kein Ehrenmann mehr – liegen weit hinter ihm.

Als Fechtkünstler sorgt er für Furore in einem Paris, das in einem Jahrhundert die Kommune erwartet und schon bald die Revolution der Welt anführen wird. Öffentliche Schaukämpfe bringen ihm bald einen achtungsvollen Ruf ein. Wer sich mit ihm anlegt, spurt alsbald die kalte Klinge der Rache. Man erkennt ihn auf der Straße. Auch und gerade wegen seiner Hautfarbe. Er ist einer von einhundertsechzig Schwarzen in Paris.

Doch das ist nur eine Seite der Bekanntheit. Schon als Kind bekam er Musikunterricht. Sein Geigenspiel ist nicht minder virtuos wie seine Klingenführung. Als Kapellmeister führt er Haydn auf. Gluck ist sein Idol, ihm will er nacheifern. Joseph reist. Unter anderem nach England, wo er dem Bruder des Königs eine Lektion erteilt. Mit dem Degen. Bewusste Demütigung oder jugendlicher Überschwang? Weder noch. Warum soll er sein Talent verstecken. Der Bruder des Königs fordert ihn geradezu heraus sein ganzes Können zu zeigen.

Doch Joseph nutzt diese Reise auch zu seiner ganz persönlichen Rache. Als seine leibliche Mutter als Sklavin aus dem Senegal in die neue Welt verschleppt wurde, tat man ihr Leid an. Joseph findet den Übeltäter und übt Vergeltung. Als die Revolution in Frankreich wütet, Plünderungen das öffentliche Leben zur permanenten Gefahr werden, Köpfe rollen, die vorher als unverrückbar galten, sinkt der Stern des schwarzen Stars von Paris. Er kämpft wieder. Mordet, wieder. Zeit, die Erinnerungen niederzuschreiben.

Jan Jacob Mulder ist der willige Helfer einer der spannendsten Figuren in der französischen Geschichte. Joseph Boulogne wirkt in diesem historischen Roman manchmal wie ein Draufgänger, dem man postwendend seinen Degen wegnehmen sollte – er könnte sonst noch jemanden verletzen. Zum Anderen ist er Künstler durch und durch. Er komponiert wie eine Besessener und versucht seiner Kunst einen unverwechselbaren Stempel aufzudrücken. Ist er dabei glücklich? Vereinzelt sprießt der jugendliche Frohsinn hervor. Oft jedoch ist Joseph Boulogne ein Getriebener. Als Leser kann man sich mit ihm identifizieren. Er kämpft immer auf der Seite derjenigen, denen es nicht so gut geht wie ihm selbst. Er setzt sich für die Abschaffung der Sklaverei ein, wenn nötig auch mit der Waffe in der Hand. Sein Liebesleben ist prall. Seine Kunst allerdings ist bei all dem Kämpfen und Rächen fast in Vergessenheit geraten.

Australien – Der Osten

Das andere Ende der Welt übte schon vor Jahrhunderten eine besondere Faszination auf Abenteurer aus. Wer den Traum Australien zu erkunden noch in sich lodern fühlt, weiß, dass er / sie eine Welt betritt, die nicht nur weit weg von zuhause, sondern wahrhaft selbige auf den Kopf stellen kann. Blöd, wenn man dann auf dem neuen Kontinent nicht weiß wo man anfangen soll. Achthundertvierzig Seiten sollten mehr als ausreichend sein wochenlang dreieinhalb Millionen Quadratkilometer einer tiefgreifenden Untersuchung mit stetig steigendem Reisefieber erforschen zu können. Queensland, New South Wales und Victoria – nur drei Staaten? Und die sollen reichen Australiens Osten kennenzulernen? Ja, denn es gibt nur diese drei Staaten. Dementsprechend groß müssen sie sein, und sind sie auch. Allein Queensland ist fünfmal so groß wie Deutschland. Die schiere Größe ist jedoch nicht der Grund, um Australien zu besuchen. Allenfalls ein weiterer. Fakt ist: Wer Australien besucht, will viel sehen und muss sich vorher genau informieren. Denn mal schnell von Melbourne nach Brisbane ist nur mit dem Flieger möglich.

Das herausragende Merkmal dieses Reisebandes sind die kleine Orte, die scheinbar unbekannten Hotspots, die niemand sucht, die den Reisenden jedoch finden. Mornington Peninsula in der Nähe von Melbourne, dort wo Inspector Hal Challis aus den Romanen von Garry Disher das Verbrechen vor sich hertreibt, steht für maximal für Leseratten auf den ersten Plätzen der To-Do-List. Wer an den Stränden (endlos, schließlich ist man in Australien!) sich in der Sonne brät oder das mehr oder weniger kühle Nass genießt, kommt unweigerlich bald an den bunt bemalten bathing boxes vorbei. Es sind solche kleinen Dinge, die einen Australienurlaub so besonders machen. Und für jede Menge „likes“ bei Instagram und ähnlichen Plattformen sorgen. Oder Orte wie Ulladulla. Schon allein wegen des Namens muss man da hin. Nicht nur, wenn man Ursula, Ursel oder Ulla heißt. Zusammen mit Milton bilden diese beiden Orte, die nun wirklich nicht weit voneinander entfernt sind, ein breites Spektrum an Urlaubserlebnissen. Milton, die Stadt mit Geschichte und Bummelparadies und Ulladulla, das Fischerstädtchen, das übersetzt sicherer Hafen bedeutet. Wasser, Strand, Dünen und Boote um es in wenige Worte zu kleiden.

Armin Tima weiß so genau wie kaum jemand anders wie abwechslungsreich, farbenfroh und ereignisgeladen der Osten Australiens ist und auf den Reisenden wirkt. Wohl dosiert gibt er Tipps ohne den Leser zu überfordern und ohne dabei etwas Entscheidendes auszulassen. Ihm kann man vertrauen, bevor der Flieger gen Ende der Welt abhebt. Ist man da, sollte man immer eine Hand freihaben, um nachzublättern, damit auch nichts vergessen wird. Wer weiß, wann man wieder hierher kommen kann. Exzellente Detailkarten sowie die gelb eingefärbten Infokästen mit den Infos, die in illustrer Runde für Erstaunen sorgen, lassen wirklich keine Fragen offen. Und er schaut natürlich über den Tellerrand hinaus. Soll heißen, Ayers Rock. Wer in Australien urlaubt, will, ja muss den berühmten Berg sehen. Der liegt weit im Landesinneren und nicht mehr im buchthematischen Osten des Landes. Doch auch der Autor kommt nicht umhin ein wenig abzuschweifen. Genauso wie Armin Tima dem Leser Platz lässt links und rechts der Routen auf eigene Faust dem Abenteuertrieb freien Lauf zu lassen.

Stan

In Santa Monica gibt es nur sonnige Tage. Tage, an denen man sich gern des Lebens erfreut. Und da kann es schon mal vorkommen, dass man in Erinnerungen schwelgt. Und je nachdem wie intensiv man gelebt hat, fallen diese Erinnerungen mal mehr, mal weniger eruptiv aus.

Im Oceana Apartment Hotel, den Pazifik in Seh- und Hörweite, room 203, wohnte einst er. Ein Mann, dessen Leben so erfüllt war, dass es nur in einem mehr als fünfhundert Seiten starkes Buch gepresst werden kann. Er war ein Star. Auch nach seiner aktiven Karriere. Allüren hatte er keine. Es sei denn, dass Treue als Allüre durchgeht. Er, der mit seinem Partner Babe Millionen, Generationen von Menschen glücklich machte. Man nannte ihn doof. Doch er war blitzgescheit. Babe ist nun schon Jahre tot. Doch noch immer zerren die Erinnerungen an mehrere Jahrzehnte vollendeter Schaffenskraft an seinen Nerven. Namen hatte er viele. Sie bedeuteten nicht viel. Und wer ihn erreichen wollte, konnte das tun. Sein Name stand bis zum Schluss im Telefonbuch. Man stelle sich vor, dass heute noch erfolgreiche Stars ihre Nummer öffentlich preisgeben würden…

Die Rede ist von Stan Laurel. Alias Arthur Stanley Jefferson (bis zum 6. August 1931 sein offizieller Name). Alias Doof. Das leicht bescheuert dreinblickende Halbduett von „Dick & Doof“ oder Laurel und Hardy. Oliver Hardy, alias Dick, alias Babe ist vor Jahren gestorben und John Conolly lässt Stan Laurel nun seinen Memoiren schreiben. Er, das ist Stan Laurel, in den Siebzigern. Fünf Ehen klüger. Und wahrscheinlich der liebenswerteste Hollywood-Schauspieler, den es je gab. Es ist wahr, dass jeder ihn anrufen konnte. Und wer bei ihm zuhause eingeladen wurde – und es waren nicht wenige – und dem immer noch lebenslustigen Stan Laurel ein wenig Gesellschaft leisten konnte, hatte vielleicht das Glück ein Souvenir zu erhaschen. Mit Freude verschenkte er billige Melonen, die Kopfbedeckung, die ihn einst so unverwechselbar machte. Und wer weiß, vielleicht setzte er sich selbst eine auf, nahm sie wieder ab und kratzte sich so unvergleichlich am Kopf. Ein Bild für die Götter!

Stan Laurel, er, ist nicht verbittert. Warum auch?! Über einhundert Filme hat er mit seinem Freund Babe, Oliver Hardy gemacht. Zusammengenommen bringen es beide auf weit über dreihundert Filme. Stan Laurel erreicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf der Cairnrona das gelobte Land. An Bord sind einige Schauspieler, die es nach Amerika zieht. Nach New York, was damals das Zentrum der Filmindustrie am anderen Ende der Welt war. Hollywood war damals noch eine überdimensionale Obstfarm. Zwei dieser Passagiere werden schon bald große Erfolge feiern. Und schon in weniger als einem Vierteljahrhundert Weltstars sein, die wirklich überall bekannt sind und bis heute bei der bloßen Erwähnung ihrer Namen Kriege beenden könnten. Der eine ist Stan Laurel, der andere ist Charlie Chaplin.

Schon bald kann sich Chaplin niemand mehr leisten. Stan Laurel begnügt sich mit 33.000 Dollar pro Film. Harald Lloyd bekommt zur gleichen Zeit mehr als das Vierzigfache. Oliver Hardy nur zwei Drittel von dem, was sein Partner und vor allem Freund bekommt.

Laurel und Hardy treffen sich, weil die Studiobosse es so wollen. Ein Dicker ist immer lustig. So die vorherrschende Meinung. Hal Roach wird ihr Produzent und der Garant eines (finanziell) sorgenfreien Lebens. Auch wenn seine Zahlungsmoral meist allzu leger ausfällt. Stan ist das Gehirn des Duos. Selbst nach Olis Tod schreibt er noch Sketche, die jedoch niemals Aufgeführt werden sollen. Ohne Oli will und kann er nicht. Das nennt man Treue bis über den Tod hinaus.

Mit ausgiebigem Faktenwissen reichert John Connolly diese fiktive Biographie eines der größten Filmgenies aller Zeiten an. Der Reichtum an Anekdoten verblüfft von der ersten Seite an. Stan Laurel konnte nicht mehr für dieses Buch befragt werden. Er starb drei Jahre bevor John Connolly geboren wurde. Aber es fällt kaum auf. James Finlayson, der Schnauzbart mit dem Knautschgesicht, eine Ikone der Stan&Ollie-Filme bekommt genauso viel Raum über das System herzuziehen wie die liebevollen Gedanken (und man darf sich sicher sein, dass Stan Laurel wirklich solche Gedanken hatte, es kann einfach gar nicht anders gewesen sein … bitte!) an den verschwundenen Freund.

„Stan“ rührt den Biographien-Markt gehörig auf. Immer wieder tauchen beim Lesen einzelne Szenen aus den Filmen auf, so dass man aus dem Lachen, zumindest Lächeln, nicht mehr rauskommt. Dieses Buch versteckt man nicht hinter „them thar hills“, dann wäre man ein „blockhead“. Man stellt es gut sichtbar und immer greifbar ganz vorn in den Bücherschrank. Denn dort gehört es hin!