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Auf die Dame kommt es an

Schachspielen – ach wie öde. Zweiunddreißig Figuren laufen wir irre durcheinander bis irgendwann der Chef zu Fall gebracht wird. Ach wie öde. Für Unkundige mag das zutreffen. Für Fans, Spieler, Taktikfans eine Offenbarung. Schach ist die älteste Sportart, in der heute noch Weltmeisterschaften ausgetragen werden. Wenn auch fernab jeglichen Publikumsinteresses. Schach faszinierte seit jeher – Alexander der Große soll es schon gespielt haben, mit Bravour.

Für ein breiteres Publikum sind wohl eher die Geschichten rund um das Spiel der Könige interessant. Und so mancher ließ sich von Friedrich Dürrenmatt, Vladimir Nabokov oder Agatha Christie zum Spielen verleiten. Wenn nicht, dann wird es Zeit. Denn dieses Büchlein bietet Schachuninteressierten die Möglichkeit in die verzwickten Strukturen dieses traditionsreichen Spieles hineinzuschauen.

Die Herausgeber Ulla Steffan und Richard Forster sind nicht die Autoren, sie sind Sammler. Sammler von guten Geschichten. Richard Forster ist außerdem Schachmeister und Schach-Kolumnist (ja, so was gibt es wirklich) der Neuen Züricher Zeitung.

Gleich in der ersten Geschichte geht es richtig zur Sache. Mord und Machtspiel sind die Zutaten, die Friedrich Dürrenmatt mit Schach gleichsetzt. Ein Richter und ein Staatsanwalt kommen beim Schach ins Plaudern. Der Richter gesteht dabei einen Mord. Denn er, der Richter, und der Vorgänger des Staatsanwaltes spielten eine perfide Art des Schachs. Krimifans werden diese Seiten lieben.

Schach muss für viele Analogien in den Geschichten herhalten. Und auch für Anekdoten. Wie diese als Richard Nixon Bobby Fischer nach seinem fulminanten Sieg über Boris Spasski – damals mehr als „nur eine Schach-Weltmeisterschaft“ – ins Weiße Haus einladen wollte. Der amerikanische Held, der sich nie als solcher fühlte, stellte derart viele und teils unverschämte Forderungen, dass Nixon (scherzhaft) die Losung ausgab den Flieger, der Fischer nach Washington bringen sollte, nach Kuba entführen zu lassen.

Beim Schach gibt es nur Schwarz und Weiß, kein Grau. Es gibt nur Gewinnen oder Verlieren. Selbst ein Unentschieden ist eine Niederlage, weil es keinen Sieger gibt. Dieses Buch hat mehrere Sieger: Den Leser. Und das Schach. Noch nie wurde Schach in seinem ganzen Facettenreichtum dargestellt. Den beiden Herausgebern gebührt der Verdienst Schach auf eine neue Ebene gehoben zu haben. Schach der Langeweile, Schach der Öde.

Porto

Es gibt keine zweite Stadt in Europa, die in den vergangenen Jahren einen derartigen Aufschwung erlebt hat wie Porto. War es vor rund zwanzig Jahren noch eine Stadt, die man dank ihres Namens recht gut verorten konnte (Porto – Portugal, wo sonst sollte die Stadt liegen, wenn nicht dort), so zaubert sie heute ein Leuchten in die Augen einer ganzen reise- und leider vor allem auch partyfreudigen Generation. Mittlerweile rollte die zweite Welle von Besuchern auf die Stadt zu, so dass die Mietpreise im idyllischen Stadtkern den meisten nun die Tränen in die Augen schießen lassen.

Der Attraktivität der Stadt hat das allerdings kaum einen Abbruch getan. Autor und Verleger Michael Müller hat sich hier niedergelassen, um der Stadt näherzukommen und (endlich, wie auch er zugeben muss) einen echten Michael-Müller-Stadtreiseband zu schenken.

Porto kann süchtig machen. Die bunten Häuschen, der unvergleichliche Blick über den Douro, den Fluss, der die Stadt teilt und sie durch kolossale Brücken wiedervereint, sind hier offensichtlichen Höhepunkte, die jedem in den Sinn kommen, wenn die Rede auf Porto kommt. Dass es dabei nicht bleibt, wird jedem schon vor der Abreise klar, wenn er auch nur ein bisschen in diesem handlichen Reiseband blättert.

Das historische Zentrum lädt nicht ab und zu, sondern Auf und Ab zum Bummeln, Staunen und Verweilen ein. Am besten die Stadt erkunden mit einer der historischen eléctricos, die nicht umsonst ein bisschen San-Francisco-Flair verbreiten, die Linien 1, 18 und 22 sind jede für sich es wert benutzt zu werden. Den Sonntagvormittag sollte man sich für den Vogelmarkt Feira dos Passarinhos freihalten. Lecker Fisch und Stranderholung gibt’s in Matosinhos im Norden der Stadt.

Porto ist eine kompakte Stadt, in der man sich gern treiben lässt. Um nichts zu verpassen, sollte man jedoch ein wenig vorplanen. Nicht, dass man dann doch die besten Fischgerichte der Stadt oder einzigartige Aussichtspunkte oder Shoppingverstecke verpasst oder oder oder … Abhilfe schafft hier nur einer: Der Autor dieses Buches.

Die mehr als bedienerfreundliche Aufmachung erlaubt es mit einem Fingerschnippen bzw. Umblättern sich sofort zurechtzufinden. Was, wann, wo? Nur kurze Fragen, die in ausreichender Länge prägnant beantwortet werden. Auch mit der dazugehörigen App ist man in Porto nicht mehr so leicht als verlorener Touri zu erkennen. Man könnte fast schon als Guide die eine oder andere Frage umfassend beantworten. Porto, eine Stadt im Aufschwung brauchte bisher nicht viel, um sich zu präsentieren. Jetzt ist sie mit diesem Buch um eine Attraktion reicher.

Lüneburg & Lüneburger Heide

Auf den ersten Blick wohl eher ein Landstrich, der eigens für das Familienidyll in der schönsten Zeit des Jahres ersonnen wurde. Autor Sven Bremer ging es eine Zeitlang genau so. Lüneburger Heide hat nicht viel für individuelles Erforschen zu bieten. Doch er wurde eines Besseren belehrt. Von Kunst rund um die Uhr bis zu hochintelligenter Technik, von Radwandern bis Architektur von Ikonen ihr Zunft erschaffen, von Geschichten aus der Vergangenheit und ihren namhaften Protagonisten findet man alles hier, in der Lüneburger Heide.

Da ist zum Beispiel Celle. Der Knast erlangte Ende der Siebziger Jahre Berühmtheit als ein Loch in die Außenwand gesprengt wurde. Vermeintlich um einen RAF-Insassen die Freiheit zu schenken. Doch der verpennte (vermeintlich) seinen „Freigang“. Jahre später kam heraus, dass alles inszeniert wurde. Die beteiligten Politiker kamen mit einem blauen Auge davon.

Lüneburg glänzt nicht nur im Sonnenlicht durch das Hauptgebäude der Uni, das von Daniel Libeskind entworfen wurde und seit der Eröffnung 2017 als Vorzeigeobjekt für Nachhaltigkeit und Futurismus bekannt ist, sondern auch durch die Zähigkeit der Macher, denen anfangs ein scharfer Wind entgegen blies. Wie immer wurde der Bau teurer als anfangs berechnet, doch in diesem Fall, hat sich der Mehraufwand gelohnt. Für Studenten, die fleißig mitplanten und für Besucher, die aus dem Staunen nicht mehr rauskommen. Denn so was gibt es sonst nur in Metropolen.

Wendland, Dannenberg sind Namen, die vielen aus den Nachrichten bekannt sein dürften. Atommüllendlager und Auffanglager für DDR-Flüchtige – hier wurde Geschichte geschrieben und wird sie noch bis heute.

Der Lüneburger Heide also eine gewisse Trägheit und Abenteuerferne zu bescheinigen, ist mit diesen wenigen Beispielen schon der Zahn gezogen. Klar, die Landschaft ist hier eindeutig der Star! Mit dem Rad cowboygleich endlose Weiten zu erkunden gehört eindeutig zu den Erholungsmöglichkeiten, die man allenfalls einmal lächelnd hinnimmt. Die ausgesuchten Touren jedoch lassen dem Belächeln ein breites Grinsen folgen.

Sven Bremer lässt es sich nicht nehmen der Lüneburger Heide die wie er es nennt „Draußen-Nur-Kännchen“-Mentalität wegzunehmen. Zwischen Buchholz in der Nordheide und Wolfsburg, zwischen Lüneburg und Walsrode muss man nur genau wissen wo man suchen muss. Sven Bremer erleichtert diese Suche mit seinem fast dreihundert Seiten starken Reiseband, so dass die Suche von Vorfreude geprägt ist.

Lyonel Feininger – Porträt eines Lebens

Er war Amerikaner, der zu Beginn und am Ende seines Lebens in den USA lebte. Er war Deutscher, der sein Werk in Deutschland vollbrachte. Er war Bauhäusler von Anfang an, bis zum bitteren Ende. Lyonel Feininger. Sein Werk ist vielleicht bekannter als sein Name. Die düsteren, durch geometrische Formen bestimmten Bilder treffen den Betrachter auf Anhieb ins Mark.

Feiningers Leben war wie seine Bilder kantig, geradlinig. Feininger musste nicht darben wie Chaim Soutine. Feininger „erfand“ keine neue Kunstrichtung wie Pablo Picasso. Und doch war er immer präsent. Als Teenager holten ihn seine Eltern nach Deutschland. Er machte eine Banklehre, während Mama und Papa als Musiker durch Europa tourten. Ein Brief seines Chefs – als Loblied auf den Ehrgeiz des Azubis gedacht – versteht der Vater als Fanal für eine allzu zielstrebig ausgelegte Banklaufbahn mit wenig menschlichem Einschlag und holt den Filius zu sich. Musiker solle er werden, in Leipzig. Doch der Lehrer ist noch nicht bereit den jungen Lyonel, damals noch Leonell, zu unterrichten. Der Sprössling wird bei Tante in Hamburg geparkt. Dort entwickelt er eine Leidenschaft fürs Zeichnen. Und er ist erfolgreich, möchte schon bald seine Fähigkeiten im Studium ausbauen. Sein Wille geschehe, wenn er sich reinkniet und erfolgreich ist. Die väterliche Bange und Strenge führen schlussendlich dazu, dass Lyonel Feininger schon bald dies- und jenseits des Atlantiks mit seinen Karikaturen auf finanziell erfolgreich sein wird.

Ein Aufenthalt in Paris zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts formt aus dem Auftragzeichner einen Maler, der einige Zeit selbst Henri Matisse dazu bringt ein eigenes Werk noch einmal zu überdenken, damit er neben dem jungen Deutschen bestehen kann.

Lyonel Feininger gehört – sollte man eine Liste mit Malern der Moderne erstellen – sicher nicht zur ersten Garde, die einem in den Sinn kommen. Zu Unrecht! Aber schon im zweiten Schwung gehört er sicherlich zu den Meistgenannten. Private Rückschläge durchziehen sein Leben wie das eines jeden, der sich der Kunst verschrieben hat. Er sorgte reichlich für Nachwuchs, und seine erste von ihm geschiedene Frau Clara. Mit seiner zweiten Frau Julia Berg war er bis zu seinem Tod zusammen.

Andreas Platthaus erzählt aus dem Leben eines Künstlers, der sich in Deutschland nach Amerika sehnte, der vier Jahre unter der Herrschaft der Nazis litt, weil seine Frau Jüdin war und ihm die Arbeit mehr als erschwert wurde. Aber erzählt auch von einem Mann, der dank seiner Fähigkeiten immer einen Weg fand Nackenschläge als Chance für neue Pfade beschreiten zu können. Ein sich selbst treuer Mann. Das Werk Feiningers ist heute in einem ihm gewidmeten Museum in Quedlinburg zu bestaunen sowie im Schloss Moritzburg in Halle / Saale.

Waldtagebuch

Wie heißt es doch in einem Lied? „Im Wald, da sind die Räuber“. Und  Eichhörnchen und Eichen und Spechte und Pilze und und und. Hier ist es ruhig, und soll es auch bleiben. Hier ist es sauber, und soll es auch bleiben. Hier ist die Luft frisch, und soll es auch bleiben.

Dieses Waldtagebuch ist nicht allein – wie man es auf den ersten Blick vermutet – nur für Kinder gemacht. Auch für alle, die zum ersten Mal in den Wald gehen, oder selbigen vor lauter Bäumen nicht sehen können. In Deutschland ist eine Fläche von mehr als elf Millionen Hektar mit dem saftigen Grün bedeckt. Doch was ist eigentlich Wald? Laut den Vereinten Nationen und der hauseigenen Organisation FAO, die für den Wald zuständig ist, ist ein Flecken Natur, der mindestens einen halbe Hektar groß und zu zehn Prozent von Baumkronen überschirmt ist. Deutschlands Herren über Regeln und Zahlen da noch ein paar Schritte weiter. Holzlagerplätze, Wildwiesen und Lichtungen und einiges andere mehr gehören ebenfalls dazu. Knapp die Hälfte des deutschen Waldes ist in Privatbesitz. So viel zu den Zahlen.

Das Erlebnis Wald gehört sicher zu den ersten Erfahrungen, die man manchen kann, wenn man echte Abenteuer erleben will. Pilze sammeln – einige ausgewählte Arten werden in diesem Waldtagebuch vorgestellt – gehört da sicher zu den aufregendsten Dingen. Die Suche in Verbindung mit dem Auffinden und der Bestimmung lassen die Zeit wie im Flug vergehen.

Spuren lesen und zuordnen – auch hier wieder: Die wichtigsten werden vorgestellt – kann süchtig machen. Bäume bestimmen, Blätter erkennen, Vögel in den Baumkronen entdecken … die Liste ließe sich beliebig fortführen.

Das Waldtagebuch bietet viel Platz, um das Entdeckte aufzuschreiben und je nach Phantasie aufs Papier zu kritzeln. Und wenn man nach einiger Zeit (Tage, Wochen Monate, Jahre) noch einmal die Exkursionen ins Grüne nachliest, werden Erinnerungen wach, die so lebendig sind als wäre man erst gestern durch dichtes Gestrüpp gestromert, hätte man auf der Lauer gelegen oder hätte mit Feuereifer den ersten Wanderstock mit eigenem Design veredelt. Jede Erinnerung ist es wert festgehalten zu werden. Das Format und die Dicke des Waldtagebuches fordern dazu auf nicht nur den ersten, sondern viele darauf folgende Waldwanderungen für sich niederzuschreiben. Die liebevolle Gestaltung mit den zahlreichen Zeichnungen aus Flora und Fauna machen Lust selbst den Entdecker in sich herauszulassen.

Monster Berlin

Es ist nicht einfach die NS-Zeit mit Kultur in Verbindung zu bringen. Staat und Partei sind verschmolzen – ein sicheres Zeichen für Diktaturen. Die Kulturszene muss sich dem Diktat der Partei, und somit des Staates beugen. In Deutschland der Jahre 1933 bis 1945 kein leichtes Unterfangen. Entartete Kunst, Bücherverbrennung, Hetze, Vertreibung, Folter – Künstler hatten es schwer ihrer Kunst Ausdruck zu verleihen. Die Verlustmasse der Geflohenen ist bis heute nicht aufgearbeitet. Während Filmschaffende Hollywood zu heutigen Ruhm verhalfen – ohne sie wäre der Flecken Erde in den Hügeln bei Los Angeles nicht weiter als ein Gewerbegebiet mittleren Ausmaßes für Filmschaffende – arrangierten sich manche mit dem Regime, manche biederten sich an, manche lavierten sich geschickt durch die Zeit.

Die Zeiten, in denen aufm Ku’damm in den Cafés heiter diskutiert wurde, Weltliteratur geschrieben wurde, die Kunstszene zu explodieren drohte, waren endgültig vorbei als der Fackelzug der SA durchs Brandenburger Tor zog. Und Max Liebermann bei diesem Anblick die packende Zusammenfassung zum Besten gab: „Ick kann jar nich soville fressen wie ick kotzen möchte.“

Im Süden Frankreichs, in Sanary sur Mer bildete sich zwischenzeitlich eine deutsche Literatenkolonie, die jedem Bücherliebhaber ein Schauern über den Rück laufen lässt. Und in Berlin? Monströse Pläne für eine Welthauptstadt. Die Welt zu Gast bei Mördern. Gleichschritt nicht nur als Tagesparole, sondern bildhafter Alltag. Die Filmbranche blühte auf unter der Fuchtel von Joseph Goebbels, der nebenbei auch oberster Herr der Stadt Berlin war.

Berlins Künstler waren zu dieser Zeit nicht minder kreativ als in den Jahren zu vor. Sie waren vor allem politischer, einige politiksicher. Wer Geld verdienen wollte, weil er es musste (der schnöde Mammon nimmt keine Rücksicht auf Diktaturen), passte sich an, wenn er keine Möglichkeit hatte zu fließen. Oder er versank für alle Zeiten in der Bedeutungslosigkeit.

Als der „Vulkan Berlin“ ausbrach, stieg aus ihm das „Monster Berlin“ – so beschreibt es Autor Kai-Uwe Merz. Was nichts anderes besagt als dass der erste Satz dieses Buches geschrieben wurde als der Vorgängerband („Vulkan Berlin“) erschien. Beide Bücher rücken die Metropole Berlin ins Rampenlicht und leuchten sie detailreich aus, so dass selbst in den dunkelsten Ecken sich keiner mehr verstecken kann. Zweieinhalb Jahrzehnte, die Zwanziger, die Dreißiger und die erste Hälfte der Vierziger reichten aus, um den Olymp zu erklimmen und in die Tiefen der Hölle zu stürzen. So wie George Grosz es zeichnete. Hitler vor dem Leichnam seines Bruders auf dem Knochenhaufen der Opfer. Ein Sinnbild, das bei seiner Entstehung eine dunkle Zukunft darstellte und nur wenige Jahre später bittere Realität war. Um die Pauken und Trompeten dieser Zeit richtig zu verstehen, braucht man Bücher wie diese!

Lieblingsstädte

Mal schnell raus. Mal schnell weg. Mal schnell die Welt entdecken. Waren Städte einmal die höchste Entwicklungsstufe, die man sich vorstellen konnte, sind sie als eigenständiges Segment auf dem Reisemarkt nicht mehr wegzudenken. City Trips, Städtereisen – wie auch immer man es nennt: Städte entdecken ist spannend, erholsam und abenteuerlich in Einem. Achtundzwanzig Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen sich in diesem Reiseband von ihren schönsten Seiten.

Das beschauliche Bern hat man bei dem Gedanken an die Schweiz nicht unbedingt auf der ersten Seite der zu besuchenden Orte. Schneevergnügen steht da sicher weiter oben auf der Liste. Doch die Stadt hat mitunter mehr zu bieten als man sich oberflächlich vorstellen kann. Wie zum Beispiel die wohl ungewöhnlichste Stadtrund-„Fahrt“, die man sich vorstellen kann. Vom Wasser aus kann man viele Städte besichtigen. Auch von einem Fluss aus. Aber als eigener Kapitän? Einfach in die Aare springen – das geht an vielen Orten in Bern problemlos. Und sich dann von der Strömung mitreißen lassen. Aber Vorsicht! An einigen Stellen versperren Wehre das Weiterschwimmen. Kurz aus dem kühlen Nasse hüfen und ein paar Meter weiter wieder in die Aare hüpfen, kein Problem. Zur Belohnung gibt’s dann Rösti und ein Eis an einem der zahlreichen wunderschön gestalteten Brunnen.

Goethe, Napoleon, Bach – wo kann man das schon erleben? In Leipzig. Und noch mehr, wenn man die Augen offen hält … oder in diesem Buch blättert. Ganz aktuell mit dem Tipp zum letzten architektonischen Coup von Oscar Niemeyer, einer futuristischen Kugel. Sie ist im alten Industriegebiet der Stadt, das heute zum größten Teil als Ort für Künstler dient, als Kantine einer der wenigen verbliebenen Fabriken. Und sie ist besuchbar. Street art mit ältesten noch erhaltenen Kunstwerk dieser Stilrichtung, Speisen wie im bekanntesten Buch deutscher Sprache („Faust“) oder das größte Gothic-Festival der Welt – Leipzig ist eben nicht nur Messestadt und einer der am schnellsten wachsenden Städte in Deutschland (was ja irgendwie auch mit dem Angebot an Zerstreuung zu tun haben muss, oder?!).

Linz steht in Österreich in keinerlei Wettstreit mit anderen Städten wie Wien oder Salzburg. Die haben ihre Fans. Linz kommt langsam, aber stetig an die Oberfläche und wartet Höhenrausch und Unterwelten gleichermaßen auf. Und als Wegzehrung immer eine Linzer Torte.

Jedes Kapitel beginnt mit dem „perfekten Tag“, gefolgt von zahlreichen Tipps, was man noch sehen muss. Das Buch ist alphabetisch geordnet, was dazu führt, dass man es automatisch bei jedem Trip durch eines der drei Länder in die Hand nimmt. Denn so kompakt und informativ für den kleinen Abstecher zwischendurch wurde man selten verführt. Das Offensichtliche und das Verborgene gehen in diesem Buch eine zufriedenstellende Symbiose sein.

Venexia

Venedig und Klischees – gehört irgendwie zusammen. Hoffnungslos überlaufene cale und Brücken, Überschwemmungen und der Karneval. Aber auch Romantik, zauberhafte Aussichten und ein Füllhorn an einzigartigen Eindrücken. Doch all das ist ein Stück harte Arbeit. Mit dieser Einsicht kommt man diesem Prachtband schon ein gewaltiges Stück näher. Denn Venedig ist eben nicht nur Romantik in bella italia und ein Espresso zu exorbitanten Preisen. Hier leben Menschen, echte Venezianer, die die Stadt zu dem machen, was sie ist.

Stefan Hilden hat immer die Kamera im Anschlag. Was so martialisch klingt, war es anfangs auch. Er war auf Bilderjagd. Doch er merkt schon bald, dass er so nicht sehr weit kommt. Denn als Venezianer will man nicht auf Schritt und Tritt für die Ewigkeit eingefangen werden. So kam er ins Gespräch mit den Einwohnern der Serenissima. Und bald schon kamen diese einzigartigen Bilder zustande. Hochglanz, ja. Prospektmaterial, bedingt. Denn Venedig öffnet sich nur dem Aufgeschlossenen.

So darf Stefan Hilden den Palazzo Mora besuchen. Nicht einfach nur mal reinschauen, so wie viele andere auch. Nein, er durfte Türen öffnen, die sonst verschlossen bleiben. Immer schön am Rand bleiben, wurde ihm gesagt. Da weiß man schon, dass das Knarzen im Boden nicht einfach nur Nostalgie ist, sondern eine echte Warnung. Und ab jetzt verschlägt es dem Leser den Atem! Man riecht förmlich den Verfall, atmet Geschichte, sieht, was die Zeit mit dem Gebäude gemacht hat. Aber vor allem, was immer noch zu sehen ist! Lichtpunkte, die durch die brüchigen Fensterläden ihren Weg finden. Patina an kunstvoll geschmiedeten Geländern und Beschlägen. Aussichten, die so selten sind, dass man vor Neid erblassen könnte.

Manche Gebäude werden heutzutage als Ateliers genutzt. Mal expressionistisch wie im Cabinett des Dr. Caligari, mal verwunschen wie in einem Märchenschloss. Immer voller Leben, das sich auf den Straßen abspielt.

Aber auch Orte der Ruhe findet Stefan Hilden bei seinen Fotostreifzügen, die keine Jagd mehr sind. Keine auf Hochglanz polierte Gondeln findet den Weg vor die Linse, sondern genutzte Wasserfahrzeuge, die ihre Pflicht vor langer Zeit getan haben. Pures Mauerwerk kündet von dem, was mal war. Und immer mit im Bild: Die Sehnsucht, die Grandezza der Stadt, die einmal die Meere beherrschte. Deren Ruhm seit Jahrhunderten an- und die Besucher in Atem hält.

„Venexia – Hinter den Kulissen von Venedig“ spiegelt dem Betrachter nichts vor, wie es so manch Unerfahrenen in der Lagunenstadt ergeht. Die Stadt ziert sich etwas ihre nicht ganz so prächtigen Seiten zu offenbaren. Stefan Hilden leistet exzellente Überzeugungsarbeit und lässt sie bei aller fehlender oberflächlicher Eleganz erstrahlen. Venedig mal anders – dieser zu oft missbrauchte Satz trifft bei diesem Buch auf jeder der 180 Seiten zu.

Eine kurze Geschichte des Romans

Ein mutiges Anliegen ein Buch zu schreiben über die wichtigsten Romane. Denn natürlich unterliegen Romane dem persönlichen Geschmack. Manch einer sucht sein Glück im Wühltisch beim Discounter und liest sich in die heile Welt vor wunderschöner Kulisse. Andere suchen die Herausforderung in Allegorien, historischen Romanen und finden in  Schlüsselromanen den Schlüssel zum eigenen Glück. Und jeder hat seine eigene Liste von Büchern, die er für Immer und Ewig im Regal stehen haben wird.

Die Auswahl, die Henry Russell für dieses Buch getroffen hat, kann sich aber durchaus sehen lassen und den Geschmack der meisten treffen. Wobei es der Autor vermeidet sich anzubiedern. Denn unstrittig gehören „Moby Dick“, „Der Zauberberg“ oder „Hundert Jahre Einsamkeit“ ebenso in den gut sortierten Bücherschrank wie „“Wer die Nachtigall stört“, „Der Prozess“ und „Im Westen nicht Neues“.

Um es nicht nur bei der bloßen Aufzählung der Werke zu belassen, erhält man eine kurze Einleitung über die verschiedenen Genres – die Welt der schönen Worte besteht nicht nur aus Liebe und Verbrechen. Wer schon einmal einen Briefroman gelesen hat, weiß um die Informationen aus erster Schreiberhand und wird die Fiktion als echter wahrnehmen. Erst dadurch wirkt „Dracula“ von Bram Stoker so richtig düster.

Es handelt sich bei diesem Buch um einen Schmöker, den man auf den ersten Blick gar nicht als solches wahrnimmt. Doch je mehr man sich in die Welt der Bücher vertieft – und nur dafür gibt es diese Welt – desto mehr findet man Lücken im eigenen Regal. Die Empfindungen reichen von „Ach ja, das Buch gibt es auch noch!“ bis hin zu „Was? Davon habe ich noch nie gehört. Muss ich lesen!“. Denn Henry Russell gibt kleine Seitenhiebe ins „Habenwollen-Zentrum“ von Bücherwürmern.

Subterranea

Warum in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so … tief! Da soll es doch tatsächlich Leute geben, die manchem Ort auf der Erde das Klischee andichten, dass es unter der Erde Interessanteres gibt als darüber. Was als Scherz gemeint sein mag, trifft jedoch für viele Orte der Erde wirklich zu. Schon allein das Titelbild dieses Bildbandes ist ein glänzendes Beispiel dafür.

Zu sehen ist eine so genannte Cenote. Sie findet man durchaus zahlreich auf der Halbinsel Yucatan in Mexiko. Hier hat sich die Erde aufgetan und die darunter liegenden Seen zwar nicht an die Oberfläche geholt, sie jedoch freigelegt. Sie waren die Wasserreservoire der Maya, die wohl ohne das Wissen um ihre Existenz nicht überlebensfähig gewesen wären. Mitten in der Kargheit der Wüste Wasser zu finden, ist wie ein Sechser im Lotto.

Schon Jules Verne war von der Möglichkeit fasziniert unter der Erde überlebensfähig zu sein. Dass er dabei seiner Phantasie freien Lauf ließ, beflügelte die Leselust bei der Lektüre von „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ vortrefflich. Als Graf Sandorf aus seinem Gefängnis flieht und seinen Verfolgern als von der Erde verschluckt durch die Lappen geht, ist alles weitaus realistischer. Denn in Slowenien, in Postojna, gibt es Flüsse, die einfach mal so von der Erdoberfläche verschwinden. Und an anderer Stelle wieder auftauchen. Wer hingegen abtaucht, trifft auf eine Welt, die die Erinnerungen an Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde wachruft. Hier lebt zwar kein Monster, das sein Territorium mit brachialer Macht verteidigt. Aber ein Wesen, das in Ausnahmefällen über hundert Jahre alt wird. Der Grottenolm. Es dauert ein paar Jahre bis alle Eier befruchtet sind. Bis zu zwölf Jahre kann er ohne Nahrung auskommen. Und seine Augen sind eigentlich mehr Staffage als nutzbare Organe. Viertausend ihrer Art sollen hier noch vorkommen.

Wer noch mehr Superlative braucht, um sich ein Leben unter der Erde vorzustellen, muss nach Georgien reisen. Die Werjowkina-Höhle ist mit über zwei Kilometern Tiefe die Höhle, deren Grund man erst nach sehr langer Zeit erreicht. All diese Höhlen wurden von Mutter Natur erschaffen. Der Mensch erstarrte lange Zeit vor Ehrfurcht vor ihnen, bevor er sich traute sie zu erkunden.

Nicht minder gefährlich sind die unterirdischen Gänge beispielsweise in Berlin. Von Menschenhand erschaffen. Und mit Schicksalen auf ewig verbunden. Die rede ist vom berühmten Tunnel 57. Durch ihn gelangten viele des Sozialismus überdrüssige Freiheitssuchende in den verheißungsvollen Westen. Nur knapp hundertfünfzig Meter lang, und nicht mal einen Meter hoch und tief. Am Ende wartete das Licht der Freiheit. Doch der Weg war entbehrungsreich. Die stickige Luft, das zurückgelassene Leben.

Dieser Bildband besticht durch seine exzellenten Abbildungen und die detailgenauen Karten, die heute vom Leben untertage zeugen und eine Welt zeigen, die vielen verborgen bleibt. Nur wer sich an und über der Oberfläche auskennt, kann die Schönheit unter ihr verstehen. Ein Reiseappetitmacher für Fortgeschrittene.