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Kolumbus, der entsorgte Entdecker

Allein an einem einsamen Strand auf Jamaika sitzen – für viele die Idealvorstellung vom perfekten Urlaub. Die Wellen rauschen, in der ferne erklingen sanfte Reggae-Rhythmen. Kommt der Vorstellung vom Paradies ziemlich nahe.

Vor fünfhundert Jahren war das für eine Person das komplette Gegenteil. Wolfgang Wissler lässt in seinem historischen Roman seinen Helden Christoph Kolumbus, dem Entdecker Amerikas – was er nachweislich nicht war. Und außerdem wollte er was ganz Anderes entdecken – die ganze Wucht der Ablehnung entgegenschlagen. Noch vor Kurzem wurde Kolumbus gefeiert. Er hatte Neuland entdeckt. Die Eingeborenen wurden mit Tinnef abgespeist. Händler sahen Absatzmärkte und astronomischen Gewinnen. Und nun? Sein Schiff gleicht einem Schweizer Käse, Freunde und Weggefährten haben sich von ihm abgewandt. Es ist zum Heulen!

Selbst seine engsten Mitstreiter haben sich auf umliegende Inseln verkrümelt. Der Admiral und Vizekönig ist ein einsamer Mann geworden. Die einzige Gesellschaft sind seine unzufriedenen Seemänner, die den Mumm hatten nicht stiften zu gehen. Doch auch sie murren. Sie wollen heim. Heim zu Frau und Kindern. Sie wollen den Ruhm ernten, den ihnen Kolumbus versprach. Er weiß wie das ist, wenn selbst das Königspaar auf einen wartet und sich bei der Ankunft huldvoll erhebt. Das waren noch Zeiten. Zehn Jahre und ein bisschen mehr ist das her.

Doch Kolumbus war nicht nur der wissbegierige Entdecker neuer Welten. Er forderte viel von seinen Mannen. Manchmal zu viel. Aber so lange die Abrechnung am Ende des Monats, sprich am Ende der jahrelangen Reise, stimmt, hält man lieber den bald schon vollgestopften Mund.

Der Wind hat sich gedreht. Auf der Überfahrt mit der Capitana war die Crew gezwungen einen Monat lang ohne Unterlass Wasser zu schöpfen. Vier Wochen lang nur Sturm und die peitschende See. Die Capitana ist nun mehr nur ein Pfennigabsatz am Strand von Chaymaka. So hieß Jamaika damals noch.

Wolfgang Wissler lässt Kolumbus fast schon hinwerfen. Der König ohne Krone, der Admiral ohne Epauletten, der Entdecker mit dem großen Irrtum hat seinen Biss nicht zu hundert Prozent verloren. Ob alles, was im Buch steht wirlich so stattgefunden hat, kann niemand mehr nachvollziehen. Aber – und das ist ein großes ABER – Es könnte so gewesen sein. Autor Wissler fängt eine Stimmung ein, die Wort für Wort nachvollziehbar ist. Sicher, mit dem Wissen von heute lässt sich gut reden. Dennoch muss man ihm Tribut zollen das Wagnis einzugehen über einen zu schreiben, über den alles schon gesagt worden ist. Es ist zweifelsfrei eine gelungene – neuerliche – Annäherung an einer Legende. Ohne diese wirklich zu Fall zu bringen.

Der vertauschte Sohn

Wie ein vertauschter Sohn hat sich Luigi Pirandello gefühlt. Er passte nicht recht ins Gefüge der Familie. Der Vater war Schwefelminenpächter, die Mutter die gute Seele des Hauses. Geistige Abwechslung war hier kaum bis gar nicht vorhanden. Schon früh steckte der junge Luigi seine Nase in Bücher. Seine ältere Schwester Lina war ihm Inspiration in jeder Hinsicht.

So kurz und knapp hält sich Andrea Camilleri bei seiner ganz persönlichen Biographie des entfernten Verwandten nicht. Im Geiste waren sich Pirandello und Camilleri näher als Brüder. Beide stammen aus Porto Empedocle, Pirandello bezeichnenderweise aus dem Vorort Caos. Schon allein wie der Ort zu seinem Namen kam, lässt die Schreibfertigkeit Camilleris in einem ungeheuer strahlenden Licht erscheinen. Und zeigt wie Sizilien tickt.

Rom und Bonn waren Pirandellos Fluchtpunkte, um von der sizilianischen Enge davonzukommen. Zurückgekehrt ist er trotzdem, auch und vor allem in seinen Büchern und Theaterstücken. Auch hier weist das Leben Andrea Camilleris verblüffende Parallelen auf.

Die über jeden Zweifel erhabenen Ausführungen des über ein halbes Jahrhundert nach Pirnadello geborenen Camilleri sind keine bloße Aneinanderreihungen von Lebensdaten. Camilleris zeigt genau auf, warum Pirandello seinen Figuren welche Aussagen in den Mund legte. Er lüftet so das eine oder andere Geheimnis im Werk seines Idols und macht es zugänglicher. Dass er selbst erst auf der Suche nach Pirandello die Verästelungen der Familien Camilleri und Pirandello aufdeckte, war für ihn nicht weniger erstaunlich als für den Leser.

Schelmig, allwissend, tiefschürfend sind die Attribute, die Camilleris Werk so zeitlos machen. Mit der ihm eigenen Verve stürzt er sich in das Abenteuer seinem Vorbild ein Denkmal zu setzen. Die zahlreichen Anekdoten sind derart liebevoll zu Papier gebracht, dass wohl wirklich jedes einzelne Wort für bare Münze genommen werden kann.

Werk und Leben eines Schriftstellers sind miteinander eng verwoben. Für den Außenstehenden sind die Fäden, die beides zusammenhalten nicht immer erkennbar. Hat man sich aber einmal darin verstrickt, ist es ein Vergnügen sich weiter darin zu verheddern, ohne jemals echt in Gefahr zu sein. Der dramatisch klingende Titel führt anfangs ein wenig in die Irre. Bis die in vielen Kulturen vorzufindende Legende vom vertauschten Sohn, der später einmal sich diese Legende selbst zu Nutze machen möchte – sofern sie denn auch wirklich der Wahrheit entspricht – löst die beklemmende Spannung auf. Natürlich wurde Luigi Pirandello nicht als Säugling vertauscht. Aber wenn man seine Lebensumstände betrachtet, kommt einem dieses Gleichnis – das auch er in einem Werk verewigte – unweigerlich in den Sinn.

Sie spielte wie im Rausch

Kai Pflaume soll am Beginn seiner Fernsehkarriere einmal gesagt haben, dass man mit so einem Namen nur ins Fernsehen kann. Naja, wenn das das Argument für Erfolg ist, dann wohl lieber nicht. Rahel Blindermann wurde 1893 in der Nähe von Odessa geboren. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war sie die gefeierte Schauspielerin auf Deutschlands Bühnen. Da hieß sie aber schon Maria Orska. Klingt auch knackiger. Obwohl man mit dem Namen Blindermann sicher viel besser in den Schlagzeilen spielen könnte. Aber damals waren Theaterkritiken noch echte Hingucker in den Gazetten. Die Konkurrenz durch Streamingdienste und soziale Medien war völlig unbekannt.

Frank Wedekind legte mit seiner Lulu einen fruchtbaren Boden für den Aufstieg der Schauspielerin Orska. Lulu verführt die Männer. Lulu benutzt die Männer. Lulu ruiniert die Männer. Mit einem rollenden Rrrrr! Und einer unvergleichlichen Ausstrahlung. Lulu und Orska sind nicht voneinander zu trennen. Ebenso die Salome von Oscar Wilde. Beide Rollen sind wie für sie gemacht. Eine andere Schauspielerin in einer dieser Rollen? Undenkbar.

Doch der Ruhm hat auch seine Schattenseiten. Was wie ein schlechtes Klischee klingt, wird bei Maria Orska zum Markenzeichen. Hinter vorgehaltener Hand, dennoch weithin vernehmbar, ist ihre Drogensucht Stadtgespräch. Neben den himmelhochjauchzenden Schlagzeilen, fällt ein ebenso schrilles Schlaglicht auf ihr Privatleben. Ja, die Orska war eine Marke! Nicht nur wegen des geänderten Namens.

Ursula Overhage zieht ab der ersten Seite den Leser in eine Zeit, die längst vergangen, dessen Akteure zum größten Teil vergessen sind. Wie im Rausch, wie Maria Orskas Leben liest man sich durch Skandale, wird aber im gleichen Atemzug vom Talent der Mimin in den Bann gezogen.

Skandale verkaufen sich besser als die Arbeit gut zu verrichten. Daran hat sich in den vergangenen hundert Jahren nichts geändert. Dass sie es schafft das Gleichgewicht beizubehalten, ist das große Verdienst der Autorin. Den Wenigen, die Maria Orska noch kennen, klingen ihre Skandale immer noch nach. Nur einer kleinen Zahl von Lesern ist die schauspielerische Leistung noch ein Begriff. Mit diesem Buch betritt eine Große der Schauspielkunst ein weiteres Mal auf die Bühne. Ein nicht enden wollender Applaus ist Autorin und Heldin garantiert. Anders als Frank Wedekind. Der war bei den unzähligen Vorhängen nur selten mit auf der Bühne…

Maria Orska lebte sich in einen Rausch, spielte wie im Rausch, und starb früh in Wien. Ihre Wiederauferstehung in Buchform kommt keinen Moment zu spät!

Palermo ist eine Zwiebel

Eine Frage sollte man sich während und nach der Lektüre dieses Buches auf gar keinen Fall stellen: Ist Palermo noch ein Reiseziel für mich? Verzichten, weil man hier lieber die erhaltene Hälfte abreißt, statt die zerstörte Hälfte wieder aufzubauen? Verzichten, weil erstmal ewig diskutiert wird, wer, was, wie in Ordnung bringt (klingt wie deutsche Politiker bei der Lösungsfindung der Coronakrise!)? Nein, denn das Chaos hat System. Ein System, das funktioniert. Und weil die Stadt allen Klischees und Vorurteilen zum Trotz mehr Herz hat, als so mancher Werbeslogan anderswo.

Roberto Alajmo ist Palermitano, wurde hier geboren, lebt hier. Er kennt seine Stadt, er liebt sie. Und er sieht wie sie wirklich ist und wie sie sich verändert hat. Und wenn man ganz ehrlich ist, soll Palermo wirklich aussehen wie eine gentrifizierte, durchgestylte Metropole, die aussieht wie jedes stinknormale Kaufhaus auf dem Planeten? No, alles nur das nicht!

Zwölf Kapitel widmet er Palermo, zwölf Rundgänge zwischen den einzigartigen Fassaden bis hinein in die Köpfe und den Bauch der Palermitani.

Alajmo beginnt mit der Charakterisierung der Einwohner Palermos, den Palermitani. So vielfältig die Arten des Caffes, den man hier nicht trinkt, sondern zelebriert, so vielschichtig sind die Palermitani selbst. Eine gewisse Faulheit könne man ihnen, wie allen Sizilianern, unterstellen. Doch nicht nach dem Motto „das können die Anderen machen“. Sie treibt vielmehr der Drang an sich mitzuteilen, das eigen Wissen in die Problemlösung einfließen zu lassen. Dass dabei auch mal ein paar Jahre ins Land ziehen können, nimmt man gelassen hin.

Nur beim Essen gibt es keine zwei Meinungen. Es gibt sogar mehrere. Jeder Stadtteil, jede Straße, jedes Haus, jede Familie kennt ihr eigenes Rezept für ein und dieselbe Sache. Abwechslung auf dem Teller ist also garantiert. Und immer schön auf sich selbst stolz sein. So sind sie die Palermitani!

Was zunächst als Abrechnung zu beginnen scheint, wandelt sich mit jedem Umblättern zu einer offensichtlichen Liebeserklärung. Die direkte Ansprache an den Leser, der sich Palermo ansehen möchte, oder vielleicht sogar schon im Hotel auf dem Bett in dem Buch blättert, lässt keinen Widerspruch zu. Palermo muss man gesehen – wozu sonst soll man auf dieser Welt sein?! Schicht für Schicht schält sich eine einzigartige Welt aus sich selbst heraus. Tränen fließen keine. Denn Roberto Alajmos Worte sind das schärfste Messer, das durch die Zwiebel Palermo gleitet.

Ferdinandea. Die Insel der verlorenen Träume

Bei historischen Romanen muss man sich immer in Acht nehmen, dass man die Fiktion nicht der Realität gleichsetzt. Daten und Fakten sind heutzutage so leicht recherchierbar, dass der kleinste Fehler schon den Ruf des gesamten Werkes ruinieren kann. Armin Strohmeyr wird sich diesem Vorwurf nicht aussetzen müssen. Das liegt zum Einen an den exakt aufgearbeiteten Fakten, zum Anderen an der Geschichte selbst. Schon mal auf Ferdinandea gewesen? Wer jetzt ja sagt, braucht ganz schnell eine Ausrede. Wie zum Beispiel, „Ja, mit dem Finger auf der Landkarte.“. Zu mehr wird es nicht reichen. Denn Ferdinandea gibt es nicht! Nicht mehr.

Es ist Juli im Jahr 1831. Ein paar Meilen südlich von Sizilien. Da erhebt sich – tosend, grollend, leise, fast unmerklich … wie auch immer – eine Insel aus dem Meer. Ferdinandea wird sie genannt werden. Und damit beginnt auch schon das Unheil!

Ein neues Stück Land weckt Begehrlichkeiten. Das war so, das ist immer noch so, und so wird es wahrscheinlich auch bleiben. In Sichtweite liegt die Stadt Sciacca. Dort ist das Leben kein Zuckerschlecken. Weder für Fischer, für alleinerziehende Frauen, auch nicht für Vermieter von Ferienunterkünften. Was man da alles machen könnte?!

Doch den Einheimischen, was sie ja eigentlich noch nicht sind, denn die Insel ist ja gerade erst entstanden, stehen ganz andere Mächte entgegen. Das British Empire bringt auch schon seine Flotte in Stellung. Ein Stück Land mitten im Mittelmeer, mitten auf den Handelsrouten für Maschinen, Weihrauch, Oliven, Wein und Gewürze – da lecken sich die Strippenzieher der Geldvermehrung die Finger.

Überall auf der Welt staunt man nicht schlecht über dieses Naturereignis. Mitten im schönsten Sommer taucht da plötzlich ein neues Eiland auf. Träume könnten wahr werden. Hoffnung keimt auf. Die Gelehrten von Weimar bis Neapel, von London bis sonst wohin sind baff ob dieser Sensation. Auch sie spekulieren, was alles hier erstehen kann.

Doch der Spuk ist bald vorbei. An Weihnachten sieht man am Horizont wieder das, was bis Juni 1831 zu sehen war: Horizont und Wasser. Nicht mehr und nicht weniger. In den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts schafft es Ferdinandea noch einmal in die Schlagzeilen. Allerdings zensiert. Als ein amerikanischer Bomberpilot sich gen Tripolis auf den Weg macht, um befehlsgetreu Gaddafi für den feigen Anschlag auf die Berliner Discothek „La Belle“ den Hintern zu versohlen, macht er ein U-Boot ausfindig. Er bombardiert es. Und erntet schallendes Gelächter für den Angriff auf einen Felsen, der rund einhundertfünfzig Jahr zuvor keck seine Nase aus dem Meer erhob. Heute liegt Ferdinandea rund acht Meter unter der Wasseroberfläche. Anfang des Jahrhunderts wurde eine Marmortafel angebracht, um an die Ereignisse im Juli 1831 zu erinnern – und um darauf hinzuweisen, wem die Insel gehört, Sizilien und den Sizilianern – doch auch die wurde mittlerweile zerstört. Was vor 190 Jahren begann, ist also immer noch nicht zu Ende…

Giganten der Gelehrsamkeit

Da ist man schnell dabei, wenn es darum geht Leonardo da Vinci als Universalgenie zu bezeichnen. Er war Maler, Bildhauer, Brückenbauer im herkömmlichen Sinn (ein beliebtes Spielchen bei Assessment-Centern) und und und. Dass er Zeit seines Lebens Schwierigkeiten hatte Latein zu schreiben, übersieht man dabei gern einmal. Doch es geht hier und in diesem Buch nicht darum die Götter des Wissenschaftsolymps vom Sockel zu stürzen, sondern darum einmal genau aufzuzeigen, dass eben nicht nur der Gelehrte aus dem toskanischen Vinci ein solcher Universalgelehrter war.

Peter Burke geht mit dem ganz feinen Kamm durch die Archive der Welt und durchkämmt sie mit Akribie und Hingabe. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass er seine Kapitel nicht nach Namen, sondern nach der Zeit aufbaut. So umgeht er den Stallgeruch des neuerlichen Versuches einmal „alle Universalgenies noch einmal aufzuzählen“, so dass jeder mit Zahlen und Daten um sich schmeißen kann, der eigentlich gar nichts von der Materie versteht. Wer also meint nach dieser Lektüre ALLE Genies aufzählen zu können, muss sich schon die Mühe machen auch zwischen den Zeilen zu lesen. Vielmehr bedarf es einer gewissen Vorbildung. Denn Burke verkneift es sich noch einmal kurze Abrisse der Biographien zum Besten zu geben. Er ordnet die Arbeit der Giganten der Gelehrsamkeit ein. Auch wenn man im Physikunterricht zum Beispiel mehr mit der Stirn auf dem Pult lag als den Blick gen Tafel zu richten, liest man sich schnell in einen Rausch. Denn wer sein Handwerk versteht, kann als Experte bezeichnet werden. Wer darüber hinaus sein Wissen auch noch einem breiten Publikum zugängig machen kann, rückt zweifelsfrei in die Nähe eines Genies. Somit haben wir es hier mit einem Genie zu tun, das über Genies schreibt!

Peter Burke versteht es scheinbar mühelos seine in jahrzehntelangen Forschungen erbrachten Kenntnisse dem Leser näherzubringen. Seine Ausführungen gehen dabei über die pure Aufzählung und Einordnung der Genies und ihres Werkes hinaus. Peter Burke zieht Bilanz und wagt im Nachgang einen Ausblick auf das, was wir noch zu erwarten haben. Denn mit dem Ende der Renaissance, der Hochzeit der Universalgelehrten – das kann man unumwunden schon so behaupten – ist diese außergewöhnliche Spezies nicht ausgestorben.

Es ist sicherlich nicht einfach heutzutage Universalgelehrte von Blendern zu unterscheiden. Die immense Flut von Informationen kann gar nicht so schnell verarbeitet werden. Wer in vergangenen Zeiten lesen konnte, hatte schon mal die unumstrittene Grundlage sich viel Wissen aneignen zu können. Dass wir heute noch von Pythagoras und da Vinci reden, ist kein Zufall. Sie waren oft die Ersten, die ihre Erfindungen anpriesen. Man kann an ihrem Ruf kratzen, aber der Lack wird deswegen noch lange nicht abfallen. Peter Burke legt der Schickt Glanz noch eine mehr als dicke Unterschicht Wissen bei. So scheint alles in einem noch helleren Licht.

 

Dresden MM-City

Es ist unbestritten, wenn es eine Stadt in Deutschland gibt, die seit Jahren stetig wachsende Besucherzahlen zu vermelden hat, dann ist es Dresden. Die Neueröffnung der Frauenkirche war ein Fanal, das in die Welt hinaus hallte. Das bedeutet für Besucher aber auch, gutes Wartefleisch zu besitzen. Denn einfach mal so die Frauenkirche zu besuchen, ist in der Hauptsaison das Ziel der meisten Gäste. Dann vertreibt man sich die Zeit mit dem überaus üppigen „Nebenprogramm“, dass die Stadt an der Elbe noch zu bieten hat. Zwinger, Brühlsche Terrassen sind so fester Bestandteil eines Dresdenbesuches wie der Eiffelturm und Paris oder Ramblas und Barcelona – es geht nicht ohne.

Autorin Angela Nitsche empfiehlt danach noch ein wenig zu verweilen und Dresden noch intensiver kennenzulernen. Oder man macht es umgekehrt: Als Appetitanreger erst die vermeintlich versteckten Höhepunkte besichtigen und dann die Touri-Tour. So hat man schon ein wenig Dresdenluft geschnuppert und ist bestens gewappnet für die Postkartenerlebnisse des Barock. Doch wo anfangen?

Beispielsweise mit Tour 7. Wilsdruffer Vorstadt und Friedrichstadt. Wer Pech hat, erfährt schon bei der Anreise von Wilsdruff. Eine sehr unbeliebte Strecke bei allen, die auf der Autobahn die Zeit im Stau verbringen müssen. Die Autobahnabfahrt Wilsdruff gehört sicher zu den am meisten genannten Staupunkten des Freistaates. Ist man am Ziel angekommen, eröffnet sich eine Welt, die man vielleicht erwartet hat. Schließlich ist Dresden trotz seines Spitznamens „Tal der Ahnungslosen“ – was mit der geographischen Lage und der damit bis in die 1990er Jahre verbundenen schlechten Fernseh- und Radioprogrammversorgungslage zusammenhing – ein Juwel städtebaulicher Kunst. Diese Tour macht den Besucher zum Kenner der Stadt. Vom Sächsischen Landtag, einer Mischung aus Alt und Neu (mit grandiosem Elbblick), über historische Hinterlassenschaften eines gewissen Herrn Semper (der mit der Oper, ein weiteres Must-See Dresdens) am Eingang zu ehemaligen Orangerie bis hin zu einem Bauwerk, das schon immer im Inneren etwas ganz anderes verbirgt als es von außen vorzugeben scheint: Die Moschee. Was drin ist? Erst Tabakfabrik, dann Bürogebäude.

Dresden hat sich gemausert. Einst barocke Perle, dann zerstörtes Mahnmal gegen Krieg und Willkür, nun wieder blühende Metropole und Ausgangspunkt für einzigartige Ausflüge in die Umgebung.

Auch die lässt die Autorin nicht außen vor: Meißen, die Porzellanstadt sowie  Radebeul, das durch seine Architektur und Karl May die Besucher anzieht. Nicht zu vergessen – ganz im Gegenteil – die Sächsische Schweiz. Mit dem Dampfer der Weißen Flotte stilecht wie ein König die schrillen Felsformationen entdecken und per pedes zu erklimmen bis hinauf zur Festung Königstein. Auch eine Zugfahrt entlang der Elbe sorgt für Ahs und Ohs.

Die sorgfältig ausgewählten Hinweise, wo man sich getrost niederlassen kann, um den Gaumen weitere Erlebnisse zu gönnen, sind mehr als nur nachahmenswert, sie bilden den krönenden Abschluss eines jeden Tages. Ob nun Partygetümmel in der Neustadt oder Museumsbesuch im Hyienemuseum (den gläsernen Menschen muss man gesehen haben!) oder ausgedehnte Bummel entlang alter und neugestalteter Alleen und Bauwerke – neben Neugier, Entdeckerlust und Kamera sollte man unbedingt diesen Reiseband dabei haben.

Die feine New Yorker Farngesellschaft

Um sich abzulenken, „auf andere Gedanken zu kommen“ oder sich selbst zu vervollkommnen, spielen die Einen Darts, Andere hegen ihre Garten, bauen ihn zur Festung um, damit ja kein anderer ihre mühevolle Arbeit beneiden kann. Und dann gibt es Menschen die schreiben Tagebuch, schließen sich (positiv) verschrobenen Hobbyforschern an, werden Pteridologen (ja, die gibt es wirklich, es sind Farnfroscher) und reisen mit ihnen nach Oaxaca (ja, auch das gibt es wirklich und liegt im Süden Mexikos).

So einer ist Oliver Sacks. Berühmt unter anderem durch „Zeit des Erwachens“, brillant durch Robert De Niro auf die Leinwand gebracht. Er war mit den Mitgliedern der New Yorker Farngesellschaft in Mexiko, und er schrieb Tagebuch über diese Reise. Und nun ist dieses Tagebuch essentieller Bestandteil der Reihe „Büchergilde unterwegs“.

Oliver Sacks ist einer von ihnen. Er ist Mitglied dieser feinen New Yorker Farngesellschaft. Auch er kann sich an Blattformen, an der in Oaxaca so reichlich vorkommenden Vielfalt an Farnen ergötzen. Seine Aufzeichnungen sind einerseits natürlich leidenschaftliche Erinnerungen an die Entdeckungen seiner Mitreisenden. Andererseits sind sie auch eindringliche Beschreibungen einer einzigartigen Landschaft.

Fast wäre das Buch nicht zustande gekommen. Als Sacks mit Dick Rauh und dessen Frau unterwegs war, wären sie fast von einem Laster überfahren worden. Dann wären die Tagebücher unvollendet. Und die sie vervollkommnenden Zeichnungen von Dick Rauh wären nie ans Tageslicht gekommen. Es ging ja nochmal gut!

Ob man nun selbst Botaniker ist oder Pflanzen nicht die unbedingte Liebe entgegenbringt, dieses Reisetagebuch ist mehr wert als alle Goldschätze der Mayas zusammen, bevor sie von Cortez‘ Schergen geraubt wurden. Die Leidenschaft für Farne, zu Zuneigung zum Land und die unverbrüchliche Gabe dieses in Worte zu fassen, überwältigt den Leser ab der ersten Seite. Und es wird nicht weniger bis zum Ende der knapp zweihundert Seiten!

Die kranken Habsburger

Welch wohlklingender Name: Habsburg. Europas Geschichte ohne einen Habsburger zu erzählen, wäre wie über das Jahr 2020 zu berichten, ohne dabei das Wort Corona in den Mund zu nehmen. Einfach unmöglich. Mit einem Trick, genauer gesagt mit einer Fälschung haben sich die Habsburger in den europäischen Hochadel gemogelt. Sie stellten quer über den Kontinent (und sogar darüber hinaus) Fürsten, Prinzen, Könige, Königinnen(!) und Kaiser. Durch geschickte Heiratspolitik hatte man in fast jedem Königshaus Europas seine Nachkommen untergebracht. Das erhielt den Frieden, meistens. So viel zur Geschichte, die jeder nachvollziehen kann.

Hans Bankl reichte das nicht. Der promovierte Pathologe hat – ganz im Sinne seines Fachgebietes – die Habsburger unter die Lupe genommen. Von der offensichtlichen herabhängenden Unterlippe, die berühmte Habsburger-Lippe, nach der oft in Quizshows gefragt wird, bis hin zu Krankheiten, die der Familienlinie nicht immer zu Gute kam, widmet er sich den kleinen Familiengeheimnissen dieser Dynastie.

Siebenhundert Jahre gab es kein Entrinnen vor den Habsburgern. Die waren einfach überall. Am spanischen Königshof, in Frankreich, Ungarn, Österreich (natürlich), Bayern, Lothringen, sogar in Mexiko. Das war aber eher ein Zwischenspiel, denn Kaiser Maximilian wurde nach wenigen Jahren der Regentschaft, die auch nur auf den „Wunsch“ Frankreichs zustande kam, erschossen.

Der unbändige Drang die Geschicke Europas zu steuern hatte aber auch einen gravierenden Nachteil. Irgendwann stirbt jede Linie einmal aus. Denn als Prinz wurde man automatisch Erbfolger. Als Mädchen war man Handelsgut, um an die Höfe Europas verschachert zu werden. Und genauso irgendwann hat man den Überblick verloren, wer wann wen heiratete. Ein heilloses Durcheinander war die Folge, so dass es nicht selten vorkam, dass gleiches Blut mit gleichem Blut die Ehe einging. Inzucht war die logische Folge, und mit ihr die bekannten Folgen.

Hat man sich erst einmal mit den oftmals gleichen Namen und den Jahreszahlen bekanntgemacht – als Nichtösterreicher und Nichthistoriker kann man bei den vielen Doppelungen der Namen schon mal durcheinander kommen – liest sich diese außergewöhnliche Familienchronik wie ein süffisanter Abriss der europäischen Adelsgeschichte. Man merkt Autor Hans Bankl des Öfteren das Schmunzeln an, das er beim Schreiben gehabt haben muss. Die Habsburger jedoch nur als inzestgeplagte Brut mit dem Hang zur Machtgier und oft ungeschickter Handlungsweise zu sehen, wäre fatal. Die Habsburger haben sicher mehr für die Einigung Europas getan, als man ihnen zugestehen möchte. Die Wahl der Mittel ist ohne Zweifel fraglich. Ihre Hinterlassenschaften sind es nicht. Man stelle sich beispielsweise Wien ohne Naturhistorisches und Kunsthistorisches Museum vor. Ganz zu schweigen von der Sissi-Industrie, die seit über einem Jahrhundert vom Glanz der schillerndsten Habsburgerin unzählige Familien ernährt und noch viel mehr Familien in Verzückung versetzt.

Der amüsante Schreibstil, das Detailwissen und das rasante Tempo des Buches begeistern bei jedem Lesen.

Potsdam MM-City

Das hatte man sich anders vorgestellt. Im Oktober sollten die Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit in Potsdam stattfinden. Straßenzüge wurden schon umgestaltet, alles war präpariert und dann dieses Virus. Potsdam zog das kurze Streichholz und durfte sich nicht als sicherer exzellenter Gastgeber zeigen. Das Virus wird – hoffentlich bald – Vergangenheit sein. Die Vorbereitungen sind für die Katz gewesen. Doch Potsdam deswegen nun abzuschreiben, wäre ein unverzeihlicher Fehler. Die hatte, hat und wird immer etwas zu bieten haben, das es lohnt besichtigt zu werden. Und das ist eben nicht nur Sanssouci, auf dessen Gelände der momentan geforderte Mindestabstand niemals eingehalten werden könnte.

Nähert man sich Potsdam auf der B1 von Berlin kommend, wird einem schon um den Ortseingang die Geschichtswürdigkeit der Stadt bewusst. Die Glienicker Brücke ist auf den ersten Blick hübsch anzusehen. Doch ihre Geschichte ist mehr als nur eine Geschichte. Einst war er es der Ort, an dem Ost und West – wie es im Nachhinein so lapidar immer heißt – ihre Schnüffler, sprich Spione austauschten. Dass man von hier eine Aussicht über mittlerweile wieder viel befahrene Seen hat, entgeht denen, die ihr Fahrzeug nicht am Straßenrand parken und einen Bummel über diese historische Brücke wagen. Besonders zu empfehlen in den sommerlichen Abendstunden, wenn die Sonne ihr Antlitz in warme Rottöne taucht.

Und schon ein paar Fahrminuten weiter gen Potsdam City, links abbiegen, erreicht man einen Ort, der noch vor einem Vierteljahrhundert ganz woanders stand. Das Hans-Otto-Theater. Ein futuristisch anmutender Musentempel, der in einem kulturellen Schmelztiegel ein neues Zuhause gefunden hat. Die Uferpromenade am Nachmittag lädt zum Spazierengehen und Erholen ein, am Abend ein Hochgenuss der Extraklasse.

Potsdam versteckt sich nicht hinter der großen Schwester gleich nebenan, Berlin. In ihrem Schatten, besser in ihrem Fahrwasser entwickelte sich die Hauptstadt Brandenburgs zu einem Juwel, das es schon einmal war. Mittendrin der Alte Markt. Die Autoren Michael Bussmann und Gabriele Tröger weiten ihren Spaziergang in diesem Viertel auf knapp zwei Stunden aus. Zwei Stunden, in denen man von Minute zu Minute tiefer in die Geschichte eintaucht, ohne jemals in Versuchung innezuhalten, weil es nicht spannend genug sein könnte. Die Straße am Kanal lässt es schon vermuten, dass hier irgendwo ein Kanal ist. Naja, es war mal einer da. Bis Ende des 19. Jahrhundert war hier tatsächlich mal ein Kanal. Doch der trocknete nach und nach aus und so schüttete man ihn nach anderthalb Jahrhunderten wieder zu. Zu Beginn dieses Jahrtausends wurde ein Teil wieder ans Licht gehoben, und zu besonderen Anlässen sprudelt es hier das kühle Nasse. Wie eingangs erwähnt, 2020 war es nicht der Fall, obwohl der Anlass es mehr als wert gewesen wäre.

Zwischen Bassin- und Luisenplatz führt die zweite von sechs vorgestellten Touren. Auch hier wieder der Bezug zu Berlin, das Brandenburger Tor. Kleiner, dafür älter als das um die Ecke. Die prunkvolle französische Kirche und die Stasi-Gedenkstätte Lindenhotel, wie es einmal genannt wurde, zeugen bis heute von der Bedeutung Potsdams.

Potsdam gehört nicht zu den größten Städten in Deutschland. Die Geschichte der Stadt und ihre Hinterlassenschaften laden immer noch zum Bummeln ein, und ein Wiederkommen ist für die meisten schon fest eingeplant.

Den Autoren gelingt es 200 Seiten die Stadt mit all ihren Facetten stilvoll einzufangen. Ob nur Stadtbummel oder mit anschließendem Ausflug beispielsweise auf die imposante Pfaueninsel (Achtung: Farbiger Kasten. Hier lebten auch mal Löwen!), ob Kulturgenuss oder einfach nur mal die Seele und Füße im Wasser baumeln zu lassen – wer Potsdam bisher nicht wahrnahm, bekommt hier die dickste Quittung für seine Ignoranz.