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Die Himmelskugel

Berühmte Wissenschaftler sind immer ein gern genommenes Thema für Autoren. Allein über Albert Einstein wurden so viele Bücher geschrieben, dass sie locker ein ganzes Fußballstadion füllen können. Und immer wieder tauchen neue Erkenntnisse über die Protagonisten auf, so dass es sich durchaus lohnt auch immer wieder ein neues Werk zu lesen. Den Fortschritt hält halt niemand auf. Sie ist die Treibfeder des Forscherdrangs.

So muss sich auch Angus fühlen. Der Junge lebt auf St. Helena, eine Insel, die erst über ein Jahrhundert später berühmt werden sollte. Als schlussendliches Exil von Kaiser Napoleon.

Dieser Angus ist ein aufgeweckter Junge. Er beobachtet Vögel: Und weil er zählen kann – keine Selbstverständlichkeit im 17. Jahrhundert – darf/muss er sie auch zählen. Für wissenschaftliche Zwecke. Das ist seine Arbeit bei Tag. Hoch oben in den Bäumen, festgezurrt. Des Nachts hingegen beobachtet er die Sterne. Nicht aus Zeitvertreib. Auch hier wieder: Er kann zählen, und diese Fähigkeit soll er einsetzen.

Von Edmond Halley hat er gehört. Ein großer Wissenschaftler im weit entfernten England. Heute bekannt und immer wieder aus der Mottenkiste gekramt, wenn der von ihm entdeckte und nach ihm benannte Komet in Sichtweite rauscht. Schon allein die Tatsache, dass der Junge Angus von der Insel St. Helena im weit entfernten England (und damals war das eine fast unüberwindbare Entfernung, wenn man kein Seemann war) anlandet, ist ein echtes Abenteuer. Heute würde man ihn als illegal eingereisten Immigranten brandmarken. Kurzum: Als blinder Passagier reist er nach England, zu Halley. Angus ist am Ziel seiner Träume. Er soll Edmond Halley um Hilfe bitten. Denn auf St. Helena stehen die Zeichen auf Sturm.

Nun beginnt für ihn die aufregendste Zeit seines Lebens.

Olli Jalonen schreibt keine umfassende Biographie über einen der berühmtesten Wissenschaftler. Er seziert einen Teil seines Lebens bis ins Kleinste. Europa ist immer noch im Umbruch. Was in der Renaissance begann, wirkt bis heute nach. Die Allmacht der Kirche ist gebrochen. Wissenschaftliche Denkweisen und technische Errungenschaften lassen jahrhunderte alte Denkstrukturen und Dogmen in sich zusammenbrechen. Ein kleiner Junge als Denkanstoß, ein heller Geist und der Drang nach Erkenntnis kollidieren auf engstem Raum. Wer bisher mit Edmond Halley bisher nicht allzu viel in Verbindung brachte, liest man sich schnell in einen Rausch. Ganz behutsam, kein Detail außer Acht lassend, kreiert Olli Jalonen ein Universum, das in sich geschlossen ist, dennoch unendliche Weiten in sich aufnehmen kann.

Sempre italia

Ach, würde der Urlaub doch ewig dauern! Würde für immer die Sonne scheinen. Würde für immer der Wein wie beim ersten Mal schmecken. Das ließe sich beliebig fortsetzen, denkt man an Italien. Einmal von hoch oben auf einen Lago schauen, leckere Pasta mit richtig viel parmigiano dort genießen, wo er produziert wird oder unter sengender Sonne sich Pizza in den Mund stopfen – dazu ein vino … und das Paradies kann einem gestohlen bleiben.

Jede Liebeserklärung an den Stiefel ist eine emotionale Reise, reich gespickt mit Erinnerungen und Ideen fürs nächste Mal. Denn ein nächstes Mal gibt es immer! Frances Mayes und Ondine Cohane sind verliebt. Verliebt in Italien – das allein reicht aber noch nicht. Sie halten ihre Liebe zu Land und Leuten in diesem Buch fest. Vierhundert Seiten amore – das kann „im normalen Leben“ die Eine/den Einen schon mal überfordern. Den Leser, den Liebeshungrigen, den Italienliebhaber überfordert es nicht. Denn vieles kennt man vielleicht schon. Manches wollte man schon immer mal besuchen. Und einiges gehört beim nächsten Mal in italia auf alle Fälle zum Reiseprogramm.

Kreuz und quer durch das Land, das immer noch und immer wieder überraschen kann. Immer mit der Kamera im Anschlag und mit dem gezückten Stift in der Hand tauchen die beiden ab in eine Kultur, die mit Sehnsucht nur annähernd beschrieben werden kann.

Jede Region wird so lange bereist bis die Autorinnen das Besondere gefunden haben, das ihre Liebe am besten beschreibt. Die seitenfüllenden Abbildungen locken den Leser in die Geschichten hinein, die so wortgewandt jeder Kritik widerstehen. Für ganz Eilige gibt’s am Kapitelende eine kleine Zusammenfassung und Tipps, was man nicht verpassen darf. Für eifrige Leser sind diese Zeilen Erinnerungslückenfüller. Denn jede Region steckt voller Abenteuer, die man erleben muss.

Und für jeden ist etwas dabei: Radfahren, Weindegustationen, Wandern, Erkundungstouren, Schlemmen …

Im Meer der Italienbücher geht man schnell unter, wenn man nur nach dem Einband seine Wahl trifft. Zu groß die Menge an Reisebüchern, Bildbänden, Ratgebern. „Sempre italia“ ist ein leidenschaftliches Kraftpaket, das man immer wieder hervorholt und sich inspirieren, Träume fliegen lässt und in eine Welt eintaucht, die gar nicht soweit entfernt von der eigenen Haustür das dolce vita mit einem einzigen Umblättern real werden lässt.

Vorwiegend heiter bis boshaft: Spitznamen in der Literatur

Einen neuen Kollegen kann man nur eine begrenzte Zeit „den Neuen“ nennen. Irgendwann gehört auch der zum Inventar. Da muss man schnell eine Bezeichnung finden, die ihn ein für allemal und für jeden eindeutig erkennbar macht. Das kann ein Vergleich zu einem Film sein. Oder zu einem Tier. Eine körperlich herausstechende Eigenschaft. Oder man bedient sich in der Literatur.

Denn auch die ist gespickt – sozusagen ein wahres Füllhorn an Ideen – mit Spitznamen. Dass es bis heute kein vollständiges Register dafür im Internet gibt, verwundert nach der Lektüre dieses Buches. Autor Guido Fuchs gibt unumwunden zu, dass sein Buch niemals den Anspruch auf Vollständigkeit erheben möchte. Aber es ist mehr als nur eine kleine Exkursion in die Literatur und ihrer einfallsreichsten Namensgebungen. Denn wenn ein Autor sich an die Arbeit macht, muss er seinen Akteuren Namen geben. Am besten welche, die sie sofort charakterisieren. Überspitzt gesagt – und da sind wir schon beim Wesen des Spitznamens – wird ein Held wohl niemals einen Namen tragen können, der in der Allgemeinvorstellung der Gesellschaft nichts mit Heldentum zu tun hat.

Eine Mammutaufgabe. Anders ist das Vorhaben nicht zu beschreiben. Schon allein die Vorstellung diese Spitznamen – also Namen, die einen Charakter unverwechselbar machen, die überspitzen, um eine einzelne Eigenschaft herauszuarbeiten – in Kategorien einzuteilen, ist, wenn man meint sich in der Materie auszukennen, schnell zu Scheitern verurteilt. Doch Guido Fuchs gelingt es scheinbar mühelos. Man fühlt sich wie in einer geselligen Runde, in der man – vielleicht um eine Feuerzangenbowle – sitzt und sich launige Geschichten erzählt. Und Guido Fuchs haut eine Anekdote nach der anderen raus. Liest man das Buch in einem Ritt, klingelt es noch Tage danach im Schädel. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das Buch liest sich wirklich flüssig. Es in Dosen zu genießen, verstärkt die Wirkung aber um einiges.

Spitznamen entstammen immer der Phantasie. In Kriegszeiten verteilte man diese vielleicht auch, um dem Grauen eine Brise Humor entgegenzusetzen. Joachim Ringelnatz sei hier genannt. Dieses Kapitel über einen der humorvollsten Autoren der deutschen Literatur bringt in der Kürze das gesamte Thema auf den Punkt. Im Weiteren liest man sich durch die Werke von Erwin Strittmatter, Heinrich Mann, Günter Wallraff, Theodor Fontane und einer undefinierbaren Menge weiterer Autoren. Ihre Akteure sind heute noch vielen ein Begriff, weil … sie Spitznamen hatten.

Noch ein Wort zum Autor. Der Name Guido war in den Fünfzigern, als Guido Fuchs geboren wurde, kein gebräuchlicher Name. Oft musste er ihn buchstabieren. Das änderte sich als im Fernsehen ein weiterer Guido auftauchte. Guido Baumann war der erfolgreichste „Berufeerrater“ bei „Was bin ich?“ – ein echter Fuchs eben. Klar, wie Spitznamen entstehen?!

Paris und das Kino

Wer will schon schwer röchelnd mit der Kippe im Mundwinkel auf den Straßen der Stadt der Liebe dahinsiechen? Oder beim Aufstieg auf dem Eiffelturm von einer exotischen Schönheit mit einer exotischen Waffe „geangelt“ werden? Oder mit Handschellen um die Fußfesseln (anatomisch würde es ja passen) humpelnd über Kopfsteinpflaster laufen? Niemand. Aber mal zu schauen, ob Belmondos ikonischer Abgang immer noch vor gleicher Kulisse ablaufen könnte … ist schon einen Abstecher vom Trubel der Großstadt wert. Es muss ja nicht immer gleich das romantischste Wiedersehen an der Seine im Schneefall sein.

Das Bild von Paris ist – wie sollte es anders sein – stark durch das Kino geprägt. Auch wer noch nie da war, weiß, dass es in Montmartre Auf und Ab geht, dass der Eiffelturm so wunderschön erstrahlen kann, dass man direkt neben der Seine rasant Autofahren kann – was auf der Leinwand meist im Desater, im echten Leben im Wasser oder auf der Wache endet – und dass es an jeder Ecke Baguette zu kaufen gibt. Das Paris-Klischee gehört zu den angenehmsten überhaupt.

Einmal mit einem Boot auf dem Canal Saint-Martin am berühmten Hôtel du Nord vorbeischippern und die Atmosphäre der hart arbeitenden Menschen und deren Schicksale noch einmal spüren. Alles Illusion – is ja schließlich Film! Denn die Gegend um das Hôtel du Nord ist heute Flaniermeile, ein Ort zum Niedersitzen und die Seele baumeln lassen. Und die Kulisse – ja Kulisse – ist im Film nur nachgebaut. Denn Regisseur Marcel Carné ließ den Straßenzug komplett nachbauen und dreht in den Studios in Billancourt vor den Toren Paris’. Ein Spaziergang lohnt sich heute im besonderen Maß.

Christine Siebert stellt in ihrem außergewöhnlichen Reiseband Paris immer wieder neu vor. Man kennt alle Orte bereits, aus zahlreichen Filmen. Zählt man alle Film zusammen, kann durchaus die Milchmädchenrechnung aufstellen, dass jeder Erdenbewohner Paris mindestens einmal schon gesehen hat. Und die Orte klingen wie eine süße Verführung: Moulin Rouge, Pigalle, Sacrè-Cœur, Jardin du Luxembourg, Arc de Triomphe … ach man kann sich einfach nicht sattsehen an den Drehorten.

Noch einmal zurück zu Jean-Paul Belmondo. Die Rue Campagne Première ist nicht abgesperrt. Ein Kollege grüßt den Star der Nouvelle Vague. Belmondo schickt ihn weg mit den Worten „ich sterbe gerade“. Nur eine ganz normale Straße. Einer der außergewöhnlichsten Abschlüsse eines Films. Eine Szene, die kultisch verehrt wird. Und dennoch ist hier nur eine Straße. Die man aber gesehen haben muss, wenn man der Anziehungskraft des Mediums Film erlegen ist.

Einmal durch Paris wandeln, und die (Film-)Welt noch einmal bereisen. Gespickt mit Anekdoten und detailreich führen einundzwanzig Spaziergänge durch die Stadt der Liebe, des Lichts und des Films. Vieles kennt und erkennt man auf Anhieb, wie Pont Neuf. Manch anderes muss man suchen. Und findet es auf Anhieb dank dieses einzigartigen Kulturreisebandes.

Azzurro

Azzurro oder Azurro oder Azzuro? Schon beim Schreiben qualmt die Rübe ordentlich. Und erst bei der Italienhymne. Zuerst einmal: Doppel-Z UND Doppel-R. Der Rest … da man sich das Lied immer wieder anhören kann, und mit ein bisschen Sprachgefühl (gelato hilft da immer) – kommt man vielleicht nicht auf den genauen Wortlaut, trifft aber gefühlt den Ausdruck. Hat man dieses Gefühl erst einmal intus, kann man sich an die Bedeutung wagen. Die zahlreichen Übersetzungen im Netz sind da nur bedingt eine Hilfe. Wie so oft im Leben, hilft da nur ein Buch! Dieses Buch.

Denn das Wichtigste an diesem Lied ist und bleibt: Adriano Celentano! Es ist sein Lied. Es ist das Lied Italiens. Ein Traum vom Sommer und der Sehnsucht diesen nicht allein zu verbringen. Und das alles mit dem einzig passenden Charakter, um der Stimmung ein einzigartiges Gefühl zu verpassen.

Das ist aber nur eines der einhundert vorgestellten Lieder und der Geschichte(n) drumherum und dahinter. Auch ohne große Anstrengung können mindestens drei Generationen hierzulande mindestens ein Dutzend Sänger aufzählen, inkl. mindestens eines Hits. Eighties-Kids durchzuckt es bei Gianna Nanninis „Bello e impossibile“, ein Jahrzehnt später schwört man auf Jovanotti (warum man von ihm hierzulande spürbar weniger wahrnimmt, ergibt sich ziemlich schnell, liest man schnell aus dem Text über den Italo-Rapper heraus).

Patty Pravo ist seit Jahrzehnten von der Bildfläche verschwunden. Dennoch klettern ihre Alben in den Charts nach Oben wie ein Gibbon in die Bäume. Ihr provokanter Kleidungsstil erleichterte und erschwerte ihren Aufstieg vor einem halben Jahrhundert. Eine Frau in Hosen, und das im ach so eleganten Italien?! No, no, no. Dennoch hält sie sich. An ihr kommt man in Italiens Musikhistorie nicht vorbei.

Ob sanftes Pop-Geplänkel a la Al Bano & Romina Power, deren Rosenkrieg länger dauerte als ihr Tanz auf dem Pop-Olymp, oder echte Ohrwürmer wie „lasciate mi cantare“ von Toto Contugno – auch hier wieder: Wer es mitsingen will, sollte die Worte kennen, ansonsten wird’s hochgradig peinlich – oder doch die große Bühne einer Milva: Italiens Sehnsuchtsmelodien treffen seit Generationen ins Herz. Bunte Vögel wie Vasco Rossi, Statthalter wie Celentano und Mina und Eintagsfliegen wie Baltimora und Scotch stehen gemeinsam auf dieser Bühne mit Sängerinnen, Bands und Sängern, die man nicht sofort auf dem Schirm, wohl aber im Ohr hat.

Nun, wie liest man dieses Buch? Brav, leicht neugierig von Seite Eins bis zum Schluss. Nervös durchblätternd, bis man einen Interpreten, ein Lied entdeckt über das man schon immer was erfahren wollte. Akademisch, Video suchen, Kapitel lesen, aha rufen. Es ist vollkommen egal. Nur lesen sollte man es – das Mitsingen (und schlussendlich ist es doch einerlei, ob man die richtigen Töne und Worte trifft: Die Stimmung muss stimmen!) garantiert dolce vita allerorten. Dieses Buch Fälle muss man für die nächsten Jahre ins Reisegepäck legen. Wann immer ein canzone erklingt, kommt man Italien ein Stückchen näher.

Toulouse, Albi, Carcassonne

Allein schon wegen der ungewöhnlichen Auswahl des Reiseziels sticht dieser Reiseband sofort ins Auge. Mitten im Südwesten Frankreichs, vor den Höhen der Pyrenäen, in Sichtweite des Mittelmeeres liegt das magische Dreieck Toulouse, Albi und Carcassonne. Toulouse, viertgrößte Stadt Frankreichs, Industriestandort wuchert mit seiner beeindruckenden Architektur. Rot und Weiß dominieren die Aussicht. Gigantische Bauten laden zum Staunen und Verweilen ein, ebenso wie ihr Ruf als Stadt der Künste.

Carcassonne fristete bis vor wenigen Jahren noch einen Dornröschenschlaf. Scheinbar. Die von Weitem schon sichtbare Festungsanlage prägt die Silhouette der Stadt. Besucher waren immer willkommen, doch seit einiger Zeit strömen die Touristen in Scharen durch die alten Gassen. Die meisten Läden sind nur auf Touristen ausgerichtet. Wenn man sich Zeit nimmt, und hier und da abbiegt, wo der Strom strikt geradeaus läuft, wird man überhäuft mit Eindrücken. Nicht umsonst ist die Altstadt seit einem Vierteljahrhundert UNESCO-Weltkulturerbe. Die Autorin Heike Bentheimer weiß ganz genau, wo man weiterläuft und wo man innehalten sollte.

Albi ist das Kleinod der Region. Regelmäßig gewinnt man höchste Auszeichnungen für die florale Pracht der kleinen Stadt. Auch hier haben die okzitanischen Herrscher ihre Spuren hinterlassen. Nicht so wuchtig wie in Carcassonne. Liebevoller und schmeichelnder möchte man meinen, wenn man schon beim Lesen wie ein gewiefter Besucher auf die Tarn schaut, sich in den Gassen behände fortbewegt und mit traumwandlerischer Sicherheit einen Platz zum Niederlassen aussucht.

Angereichert wird der Reiseband mit Tipp zu Ausflügen auf dem Canal du Midi, in die Schwarzen Berge – Montaigne Noire – und ins Katharerland. Geschichte allenthalben, die heute so eindrucksvoll immer wieder in den Fokus des Reisenden tritt.

Hier kann man gut zu Fuß sich eine Region erobern. Allerdings muss man gut gerüstet sein. Schon vor Ewigkeiten bissen sich hier Eroberer die Zähne aus. Als moderner Forscher/Tourist kann man sich getrost auf jede einzelne Seite dieses Buches verlassen. Selten zuvor wurde eine fast vergessen scheinende Region so sanft und detailreich in den Fokus gerückt, ohne dabei lautmalerisch nur das Offensichtliche anzukündigen.

Ostseestädte

Mal wieder na die Ostsee fahren. Die Seeluft schnuppern. Die Gezeiten nur ganz sanft wahrnehmen. Klingt nach einem leicht greifbaren Urlaubstraum. Und schon beginnt das Dilemma. Wohin an die Ostsee? In eines der vornehmen Kaiserbäder mit der einzigartigen Architektur. Oder doch lieber in die historischen Ecken, die Geschichtsfans zwischen Betroffenheit und waghalsiger Heimatliebe schwanken lassen? Oder auf eine der zahllosen Inselchen vor der skandinavischen Küste? Ziemlich schnell wird klar, dass die Ostsee eben nicht nur All-inclusive-Sonne-Strand-Destination ist, sondern ein Füllhorn an Attraktionen zu bieten hat. Allein schon die Vielfalt an Städten lässt den mäßig gelaunten Urlaubsplaner schier verzweifeln. Man kann sich nun durch einen beträchtlichen Bücherberg durcharbeiten, um das Passende für sich auszusuchen oder … man greift zu einem Reisebuch, das sogar ein Rundreise durchaus nachvollziehbar erscheinen lässt.

Von Kiel ausgehend einmal gegen den Uhrzeigersinn bis nach Oslo. Auch wenn Oslo nicht direkt an der Ostsee liegt, was sie als einzige Stadt dieses Buches von den anderen unterscheidet, reist man immer am Meer entlang. Man muss aber nicht, man darf dieses Buch nicht als Reiseanleitung für eine Ostseeumrundung ansehen. Es ist ein gewaltiger Appetitmacher für die baltischen Städte. Lübeck, Rostock, Gdansk, Kaliningrad, Klaipéda, Riga, Tallinn, Sankt Petersburg, Helsinki, Stockholm, Visby auf Gotland, Rønne auf Bornholm, Kopenhagen – na, wenn das mal kein Reiseangebot ist?!

Fast jeder hat zu mindestens einer dieser Städte eine Verbindung. Und mitten im Lesen – diesen Reiseband kann man wirklich von der ersten bis zur letzten Seite durchlesen, und nicht nur stichprobenartig – wird der Erfahrungsschatz immer größer. Ohne jemals vor Ort gewesen zu sein. Und ehe man sich versieht ist die Sehnsucht zu einem handfesten Plan verwandelt worden.

Die Autoren nehmen sich Zeit, um die Städte nicht einfach nur vorzustellen, so dass man nach der dritten Stadt das Gefühl hat „kennt man eine, kennt man alle Städte“. Sie zeigen unaufdringlich, was man unbedingt sehen muss, um die Einzigartigkeit der Städte am (Binnen-) Meer erlebbar zu machen. Geschichte, Einkaufstipps, Aussichtspunkte, Orte zum Verweilen in Hülle und Fülle, ohne dabei Wichtiges aus Platzgründen wegzulassen, fordern den Leser heraus es ihnen gleich zu tun. Da ergibt man sich gern, und lässt sich (an-)treiben, um ja nicht etwas zu verpassen, das die Autoren so sorgsam zusammengesammelt haben. Eine Inspirationsquelle, die lange anhält und viele Reisen im Handumdrehen planbar macht.

Überall Verwüstung. Abends Kino

Eine Heimkehr ist ein anderes Abenteuer als eine Flucht. Das Unbekannte holt Erinnerungen hervor, fühlt sich wohlig an. Als Ré Soupault mit Ihrem Mann Philippe, der 1942 von der Vichy-Regierung verhaftet wird, ist ihr Kampf gegen den Faschismus nur aufgehalten. Denn sechs Monate später werden er und seine Frau in die so genannte provisorische Freiheit entlassen. Nur knapp (einen Tag später und alles wäre mit großer Sicherheit vorbei gewesen) entkommen sie der einrückenden Wehrmacht.

Doch die USA sind nicht das Land der erhofften Glücks. Ré und Philippe trennen sich. Ein Jahr nach Kriegsende ist Ré zurück in Paris. Für den Lebensunterhalt muss Ré Soupault hart arbeiten. Erst in Basel wird das Leben erträglicher. Im September 1951 begibt sie sich auf eine Reise durch Deutschland. Mit einem Vélosolex fährt sie durch ein Land, das sich verändert hat. Ihr Gefährt ist ein Fahrrad mit einem Hilfsmotor, der mit einem Verbrennungsmotor das Vorderrad antreibt bzw. den Antrieb unterstützt. Dass der ab und zu mal den Geist aufgibt … eine Randnotiz im Vergleich zu dem, was Ré Soupault sonst noch zu sehen und zu hören bekommt.

Ihr Reisetagebuch – die Reise dauerte knapp sechs Wochen – ist ein Zeugnis der Nachkriegszeit mit den Sinnen einer Frau, die die Repressalien selbst erlebte, die aber mehr Glück hatte als viele ihrer Landsleute und die aus der Ferne die Befreiung der Heimat verfolgen durfte. Wieder zurück muss sie feststellen, dass die Mauern in den Köpfen noch nicht abgebaut sind. Noch immer beäugen sich beispielsweise im Saarland Deutsche und Franzosen mit Argusaugen. Sie hat mehr Verständnis für die Ursachen als man meinen möchte. Das ist sicherlich der jahrelangen räumlichen Distanz geschuldet. Und vor allem der Unvoreingenommenheit, die sich im Laufe der Jahre entwickelt hat.

So nimmt sie wie selbstverständlich wahr, dass der Schmuggel mit der gleichen Selbstverständlichkeit ein Teil des Lebens ist wie die Tatsache, dass sie in Bayern nur schwer ein Hotelzimmer ergattern kann. Denn in den Gästezimmern übernachten die angehörigen der Gefängnisinsassen, allesamt ehemalige Machthaber der dunkelsten Zeit.

Ré Soupault war nur wenige Wochen in Deutschland unterwegs. Zwischen der Sorge um folgende Arbeitsaufträge, aktuellen Recherchen, Hindernissen mit dem Gefährt und der Wegstrecke schafft sie es ganz beiläufig ein aktuelles Bild Deutschland zu zeichnen, das sie schonungslos dem Leser offeriert. Und es zeigt vor allem wie schnell man sich mit jedweder Situation abfindet bzw. ihr das Beste für einen selbst abgewinnt.

Oroonoko

Der Erste wird der Nachwelt immer in Erinnerung bleiben. Weil er der Erste war, den Trend gesetzt hat, Türen aufgestoßen und Barrieren nieder gerissen hat. Demzufolge ist Aphra Behn eine der berühmtesten Autorinnen der Welt. Und weil sie ein Buch wie dieses geschrieben hat, dass Mädchen und Frauen wie Jungens und Männer gleichermaßen anspricht, wird sie auch nie in Vergessenheit geraten.

So viel zur Theorie. Die Realität sieht anders aus. Noch! Denn endlich wird sie wieder entdeckt. Die erste Frau, die vom Schreiben leben konnte. Die erste professionelle Autorin. Geboren wurde sie 1640. So lange ist das schon her. Und ihre Geschichte, die des Prinzen Oroonoko (kein Schreibfehler, es geht nicht um den Fluss Orinoco, obwohl der zweite Teil des Buches gar nicht so weit davon entfernt ist, na ja, zumindest auf dem gleichen Kontinent) ist wahr, nach Bekunden der Autorin.

Coramantien ist die Heimat des starken, gut aussehenden, heldenhaften Oroonoko. Heute ist es ein Teil Ghanas. Er ist der Enkel des Herrschers und wird mangels männlicher Nachfahren einmal den Thron erben. Fast wäre er bei einem Angriff ums Leben gekommen. Doch ein getreuer General warf sich in die Flugbahn des vermeintlich tödlichen Pfeils und verlor dabei Augen- und Lebenslicht. Nun will Oroonoko sich bei den Hinterbliebenen des Generals für die generöse Geste entschuldigen und die erbeuteten Sklaven als mildernde Gabe darreichen. Doch soweit kommt es gar nicht. Denn die Tochter des Generals, Imoinda, lässt in ihm den Ehrenmann erwachen. Oder anders gesagt: Er verknallt sich von einem Moment auf den anderen in die ihm durchaus nicht abgeneigte Schönheit. Jetzt nimmt das Drama seinen Lauf. Denn auch der alte König hat ein Auge auf Imoinda geworfen. Durch einen Hinterhalt gerät Oroonoko auf ein Sklavenschiff, das ihn nach Surinam bringt. Damals englische Kolonie. Die Einheimischen wurden zu dieser Zeit nicht versklavt. Man trieb mit ihnen Handel und respektierte ihr Wesen. Durch einen weiteren Zufall kommen die beiden „Königskinder“ wieder zusammen. In Surinam. Oroonoko ist ein geachteter Mann, zwar Sklave, aber mit einigen Privilegien. Seine erhabene Art, sein Auftreten, seine Kraft und auch sein auffallendes Äußeres lassen ihn so manche Schande umschiffen. Er und Imoinda sind wieder ein Paar. Sie ist sogar schwanger. Doch wiederum stehen die Zeichen auf Sturm. Es soll einfach nicht sein…

Aphra Behn lebte zeitweise in Surinam. Sie kannte Oroonoko und schrieb seine Geschichte auf. Alles echt? Irgendwas zwischen ganz sicher und einem stabilen Vielleicht. Sie kannte den Prinzen. Auch seine Geschichte. Dass sie sie niederschrieb war ein Skandal. Noch wagte es jemand gegen die Sklaverei so unverhohlen zu schreiben. Und dann auch noch eine Frau! No, no, no! Erst Jahrhunderte später wurde ihr Werk neuentdeckt. Für Virginia Woolf und die Weltreisende Vita Sackville-West – ihr aufschlussreiches Essay über ihr Idol rundet diese Ausgabe ab – war Aphra Behn Anregung genug selbst zur Feder zu greifen bzw. sie behände zu schwingen. Noch einmal wird die Pionierin unter den Schriftstellerinnen nicht in Vergessenheit geraten.

Sizilien

Wenn etwas groß, richtig groß, ist, dann sollte man sich etwas mehr Zeit nehmen, um genau hinschauen zu können. Und das immer wieder. Dann wird man auch immer wieder was Neues entdecken.

So verhält es sich auch mit Sizilien. Es ist die größte Insel des Mittelmeeres. Hinschauen lohnt sich. Nicht nur, wenn der Ätna des Nachts ein Rot in den tiefschwarzen Himmel speit – was ohnehin wohl zu den größten Naturschauspielen weltweit gehört – sondern auch wenn die sengende Sonne das Land zu lähmen scheint. Auf einer Terrasse in Noto die rosa Stadt auf sich wirken lassen oder zwischen Überresten und Hinterlassenschaften von dutzenden Jahrhunderten spazieren im Valle die Templi bei Agrigent. Literaturaffine Besucher werden hier auch die Handlungsorte der Bücher von Andrea Camilleri suchen und zahlreich finden. Oder man schlendert über den Markt von Palermo, den Mercato Ballaro. Wenn man sich damit abgefunden, dass das, was da so verführerisch die Nase umweht, in unseren Breiten ohne nachzudenken in der Tonne landet, weil man es verlernt hat es zu genießen, wird dieser kulinarische Trip zu einem Ereignis, das man wirklich niemals vergessen wird.

Thomas Schröder zieht schon zum elften Mal den Leser in den Bann der abwechslungsreichen Insel in der Mitte des Mittelmeeres, vom Mittelmaß so weit entfernt wie es nur vorstellbar sein kann. Hier liegt ein Reiseband vor, den man wie einen Roman liest. Das vielbeschworene Gesetz des Schweigens ist außer Kraft gesetzt. Denn der Faszination Siziliens kann man sich einfach nicht entziehen. Auch in Corleone nicht. Dem Ort, mit dem Film- und Buchfreunde das typischste aller Sizilien-Klischees in Verbindung bringt. Hier wurde der Pate geboren, die Hauptfigur aus dem Mafiaroman von Mario Puzo. Der Ort selbst hadert nicht mehr mit seiner Vergangenheit. Das Thema wurde nicht zum Alleinstellungsmerkmal erkoren, es ist ein Teil der Stadt. Mehr aber auch nicht. Denn als der letzte Pate des Corleone-Clans, Bernardo Provenzano verhaftet wurde, ging ein weltweit spürbares Aufatmen durch die Bevölkerung. Das Vorurteil der ehrenwerten Herren geriet zum Mythos, den die, die ihn erlebten mussten, schon viel früher ins Reich der Mythen gewünscht hätten.

Sizilien ist keine Insel, die man bei einem Besuch komplett erfassen kann. Man muss schon öfter vorbeischauen und tiefere Einblicke zu erhalten. Die einzige Konstante dieser Reisen wird dieses Reisebuch sein. Kleine Anekdoten in farbigen Kästen, zahlreiche Abbildungen, detaillierte Kartenausschnitte, unzählige Tipps für alle, alle!, Sinne, und die anschaulichen, leicht nachvollziehbaren Routenvorschläge lassen die Vorfreude ins Unermessliche steigen, vor Ort ein Dauergrinsen im Gesicht der Besucher manifestieren und im Nachgang eine unvergessliche Zeit wiederauferstehen. Und nicht zu vergessen: Ohne dieses Buch wird die Planung für den garantierten nächsten Besuch fast schon unmöglich.