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Montenegro

„Aus den schwarzen Bergen kommen wir. Unsre Gäste sind genauso begeistert wie wir“, okay, am Versmaß muss noch gefeilt werden. Aber inhaltlich stimmt dieser Reimversuch zu einhundert Prozent. Seit Jahren entwickelt sich das Land zu einem Hotspot für alle, die noch einmal im Leben unberührte Landschaften aufsaugen wollen. Doch die Zeit wird knapp. Immer schneller schreitet der so genannte Fortschritt voran und die bis vor Kurzem noch unentdeckten Schönheiten werden touristisch erschlossen. Einfach mal mutterseelenallein auf einem Berg stehen und in eine tiefe Schlucht – die Tara-Schlucht ist die tiefste Europas! – schauen, ähnelt jetzt schon einem Lotteriegewinn.

Aber keine Angst, Marko Plešnik, der Autor dieses Reisebandes, kennt noch so manches Plätzchen, das man fast für sich allein hat. Wenn man das Buch liest und seinen Ratschlägen folgt.

Immer wieder ist man fasziniert, dass ein so kleines Land (nur ein bisschen kleiner als Schleswig-Holstein) eine derart geballte Fülle an Attraktionen aufbieten kann. Fast schient es so als ob man von jedem Berg aus direkt in die Adria springen kann. Klare Seen, die in ihrer Reinheit verblüffen, wilde Wanderungen durch wilde Landschaften machen den Wanderer ganz wild vor Glück. Doch Vorsicht! Nicht immer sind alle Wege wie daheim ausgeschildert. Da empfiehlt es sich einem Experten anzuvertrauen. Wie dem Autor dieses Buches.

Akribisch beschränkt er sich nicht nur darauf eine Aufzählung alles Sehenswertem aufzulisten. Vielmehr sorgt er sich um das Wohl des Lesers, denn der wird unweigerlich zu Besucher werden. So viel sei an dieser Stelle schon verraten.

Die Bucht von Kotor zum Beispiel gehört zu den geheimen Orten, die schon längst nicht mehr geheim sind. Der Fjord, der durchaus immer noch dazu taugt, um in Quizshows eine größere Summe in Aussicht gestellt zu bekommen, ist ein Vorzeigeprojekt für Tourismusentwicklung. Schon in der Jungsteinzeit besiedelt, wippen heutzutage mancherorts Yachten in der Marina, die den Aufstieg wie selbstverständlich symbolisieren. Zahlreiche Ortschaften säumen die Wege auf die Hügel, von denen aus man die genussvollsten Aussichten genießen kann. Byzantiner und Nemanjiden herrschten hier, heute sind die Wasserballer die Helden der Zeit. Kirchen und Festungen sollten nicht nur als Wanderziele gesehen werden, sondern als Geschichtszeugnisse, die anderorts kaum noch so vorzufinden sind. Geschickt schafft es Autor Marko Plešnik die Balance zu halten zwischen dem, was offensichtlich ist (und somit massentauglich) und dem, was unerschrockenem Entdeckergeist die Freudentränen in die Augen schießen lässt.

Spreewald

Na klar kennt man den Spreewald. Dort, wo die Gurken herkommen und man mit dem Auto nicht weit kommt. Eine Naturlandschaft, die nur mit Booten befahren werden kann. Wo der Mensch an die Möglichkeiten seines Einflusses stößt. Und doch kennt man den Spreewald vielleicht doch nicht so gut.

Zumindest nicht so gut wie André Micklitza. Sein Reiseband ist eine Fundgrube für alle, die die sechs vorangegangenen Ausgaben des Buches verpasst haben. Und selbst, wer eine oder mehrere Ausgaben gelesen und auf Abenteuergehalt überprüft hat, wird hier noch mehr entdecken.

Erste Anlaufstelle ist für die meisten Besucher Lübbenau. Vorsicht, es gibt auch Lübben! Das liegt aber ein paar Kilometer nördlich. Und Neu-Lübbenau liegt noch weiter im Norden des Spreewaldes. Gleich in der nähe von Schlepzig (hier greift die moderne Autokorrektur gern mal ein und macht daraus Leipzig. Vorsicht also bei der Benutzung moderner Hilfsmittel. Dieses Buch ist vollkommen ausreichend, um die ganze Pracht des Spreewaldes zu erkunden.

Bleiben wir doch gleich in Schlepzig. Mehr als tausend Jahre alt erfährt es immer noch und immer wieder Renaissancen. Hier wird Schnaps gebrannt und das Bier erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Hat man die hochprozentigen Prüfungen bestanden, sollte man mit klarem Kopf die Fachwerkkirche und das Bauernmuseum nicht außer Acht lassen.

Aber das Wichtigste im Spreewald bzw. das Highlight in dieser urigen Landschaft sind und bleiben die Kahnfahrten. Kamera gezückt, Ohren aufgesperrt und mit allen Sinnen links und rechts der Fahrt wahrhaft Einzigartiges einfangen.

Kaum zu glauben, dass der Mensch sich hier niederzulassen getraute. Ist ja alles Sumpf! Nur mit dem Boot zu erreichen. Hier lässt es sich gut leben. Und staunen. Wer nur ein wenig im Buch blättert, kommt dem Geheimnis des Spreewaldes schnell auf die Spur.

Die Touren mit samt dem detailreichen Kartenmaterial, die unzähligen Infos (einfach mal drauf loswandern ist hier nicht das Mittel der Wahl), und die eindrucksvollen Bilder lassen den Leser staunen. Es sind eben doch nicht nur Wasser und Boote und Gurken aus dem Fass, die den Spreewald so erlebnisreich machen.

Schorfheide

Wer sich auch nur ein wenig für Geschichte interessiert, dem kommen Szenen von aufgefächerten Jagdtrophäen vors geistige Auge, wenn die Rede von der Schorfheide ist. Nazis wie Kommunisten föhnten hier ihrer Leidenschaft Wild im Berliner Norden ins Visier zu nehmen. Wer hingegen Erholung als Elixier zwischen Dienst und Pflicht sieht, dem wird beim Gedanken an die Schorfheide warm ums Herz. Und wer Reisebände sammelt, weil er Reiseziele sammelt, der wird mit erstauntem Auge dieses Buch in die Hand nehmen. So ein relativ kleines Reiseziel – und ein eigenes Reisebuch?! Ja, warum nicht!

Im Dreieck Templin, Angermünde, Eberswalde liegt das Paradies. Anders kann das Fazit gar nicht lauten. Den Begriff Lärm findet man hier nur im Fremdwörterlexikon. Als absolutes Gegenstück zu Erholung. Langeweile ebenso – Abenteuerlust hingegen ist so angesagt wie einst das Jagen ordenbehangener Staatslenker.

Fast zwei Dutzend Touren haben die Autoren zusammengestellt. Jede einzelne eine Tour, die die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn in den Schatten stellen. Vorbei an entlegenen Seen – je nachdem, um welche Uhr- und Jahreszeit man wandert – durchs Dickicht, auf gut beschilderten Pfaden und natürlich an Gebäuden vorbei, die immer noch Geschichte atmen. Und an manchen Stellen kommt es einem so vor als ob die Zeit hier niemals vorangeschritten sei. Ein echter Urwald, wo der Mensch nur Zaungast ist.

Immer wieder stoppt der Lese-Wander-Drang, wenn beispielsweise die Geschichte von Carinhall erzählt wird, Görings Jagdhaus … und das im doppelten Wortsinn. Hier hielt er Hof, wenn das Hallali erklang. Hier verführte er so manche Dame.

Die zahlreichen Karten machen weitere Utensilien auf Wanderschaft unnötig. Wer es sich doch nicht verkneifen kann, der kann die Wanderungen sich aufs Smartphone laden und Buch und Wanderungen digital erleben. Dabei sollte man aber nicht vergessen den Kopf zu heben. Denn es gibt nur eine Sache, die besser ist als dieser Reiseband: Die Schorfheide in natura!

Gaumenfreuden

Urlaubssouvenirs lukullischer Art sind immer noch die nachhaltigsten. Vino aus italia, fromage aus France oder exotische Gewürze aus aller Herren Länder. Und das ist nicht einmal eine Erfindung der Moderne. Schon Kolumbus reiste gen Westen, um nicht einfach nur einen neuen Weg zu entdecken. Er wollte Routen für Gewürzhändler erschließen. Gaumenfreuden waren schon immer ein guter Antrieb die Welt zu erkunden.

Michi Strausfeld geht es nicht anders. Ihre kulinarischen Erkundungen durch Mexico, Peru und Brasilien sind ein Abenteuer, das beim Zuschlagen des Buches noch lange nicht enden muss. Immer wieder werden die Ausführungen zu den Wurzeln – im wahrsten Sinne des Wortes – von Rezepten unterbrochen, die man leicht nachkochen kann, auch wenn die Suche nach den Zutaten ein wenig mehr Zeit in Anspruch nimmt als der Wocheneinkauf beim Discounter.

Immer wieder wird man daran erinnert, dass die ach so heimischen Produkte, die die eigene Kultur so einzigartig machen schlussendlich auch einen Migrationshintergrund haben. Denn Kartoffeln sind nicht auf deutschem Mist gewachsen! Im Gegenzug hielten unter anderem Olivenöl und Weizen in Lateinamerika Einzug. Es war, ist und wird immer ein Geben und Nehmen sein. Was aber nicht dazu führen sollte, dass Kartoffelpuffer nun als lateinamerikanisch gelten…

Vielmehr bereichern auch immer öfter hierzulande Huevos rancheros die gedeckten Tische. Wie man sie so originalgetreu wie möglich zubereitet … Rezept steht im Buch.

Die Fusion beider Welten tritt im Küchenbereich an mehr als nur einer Stelle zutage. Klosterbewohner aus der alten Welt mussten sich mit den Gegebenheiten ihrer eroberten Gebiete anfreunden. Und so entstanden Mole poblano con pollo, Hühnchen mit Schokoladensauce und Chili. Beim Dombau in Köln gab’s das garantiert nicht.

Die Küchen Mexicos, Perus und Brasiliens sind einzigartig. Mexicos Küche ist sogar Weltkulturerbe. Und Peru gilt mittlerweile als Schmelztiegel für eine neue Küche. So scharf die Gerichte manchmal anmuten, so feurig ist die Leidenschaft, mit der dieses rote Büchlein geschrieben wurde.

Wem schon beim lesen der Magen knurrt – und er wird knurren, versprochen – der hat sich die Erlaubnis erlesen das Buch beiseitezulegen und sich an den Herd zu stellen. Und mit einem Mal ist er in einem Koch-El-Dorado-Teufelskreis: Buch – Kochen – Buch – Kochen.

Renée Sintenis – Berlin, Bohème und Ringelnatz

Wer über die Autobahn in Berlin einfährt, hat bestimmt schon mal die Plastik mit dem Berliner Bären wahrgenommen. Ab hier ist man nun endlich in Berlin! Doch wohl kaum jemand macht sich die Mühe darüber nachzudenken, wer diese Plastik geschaffen hat. Das ändert sich mit diesem Buch!

Denn die Künstlerin, die Mutter dieses Bären ist Renée Sintenis. Nie gehört? Nur für Kunstliebhaber, für Menschen, die sich mit Kunst der 20er Jahre und ihrem –betrieb beschäftigen, hat der Name Sintenis einen wohlklingenden Nachhall. Ein große Künstlerin, nicht, weil sie einen Meter achtzig groß war – nein, weil sie im Berlin der Weimarer Republik einen Namen hatte.

Sie half unter anderem Joachim Ringelnatz durch ihre Verbindungen zu überleben. Durch sie bekam er die Möglichkeit seine Werke – er malte auch – an den Manne oder die Frau zu bringen. Ihre ausdrucksstarken Skulpturen fanden reißenden Absatz. Der Galerist Alfred Flechtheim stellte sie aus.

Doch die Erfolgszeit ist begrenzt. Ihr Mann Emil Rudolf Weiß wurde früh schon als arisch eingestuft. Sintenis Vorfahren hatten jüdische Wurzeln. Weswegen sie aus der Akademie der Künste ausgeschlossen wird. Ihre Antwort auf die Aufforderung zeigt glasklar ihren freien Geist – wenn sie gehen soll, muss man sich ausschließen.

Die Galerie Flechtheim muss ebenfalls schließen. Alex Vömel übernimmt das gesamte Werk, unverdächtig, weil aktives Mitglied im Reigen des neuen Kunstbetriebes. Und seine Galerie ist bis heute die wichtigste Adresse für das Werk Renée Sinetnis’…

Silke Kettelhake rückt eine Künstlerin wieder in den Fokus der Kunstwelt, die bislang nur einem begrenzten Kreis zugängig war. Ihre Biographie über Renée Sintenis ergänzt die blue-note-Reihe um ein wertvolle Künstlerin, die es wieder zu entdecken gilt.

Die Affaire Moro. Ein Roman

„Es hatte keine Bedeutung für mich. Es war nur eine Affaire.“, so klingt es in einem schmalzigen Roman mit happy end. Und wenn man die Geschichte der Entführung von Aldo Moro, des ehemaligen (und zweimaligen) italienischen Ministerpräsidenten im Jahr 1978, unter dieser Phrase betrachtet, schauert es einem.

Im März 1978 entführten die Brigate rosse mit einem gewaltigen Waffenarsenal ausgestattet den Vorsitzenden des Nationalrates der Democrazia Cristiana. Nach 55 Tagen fand man seine Leiche, abgestellt in einem Kleinwagen. Offiziell hatte man alles getan, um Aldo Moro aus den Fängen der Entführer zu befreien – das liest sich gut. Klingt auch glaubwürdig… aber nur auf den ersten Blick. Zu tief waren die Gräben zwischen den Idealen des gläubigen Christen und den Machenschaften seiner Gegenspieler. Italien war in einer der heftigsten Wirtschaftskrisen des Landes. Moro wollte eine Allianz aller Parteien, um dieser Krise Herr zu werden. Er scheute auch nicht mit der Kommunistischen Partei zusammenzuarbeiten. Soweit die nüchternen Fakten. Was aber hinter verschlossenen Türen in den Parteizentralen, den Gremien, im Vatikan, in Ministerien besprochen wurde, ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt.

Schon im Jahr der Entführung schrieb Leonardo Sciascia „Die Affaire Moro. Ein Roman“. Sciascia, eines der Sprachrohre der Intellektuellen Italiens. Der Mahner. Der Wachrüttler. Der Unbeirrbare. Man kann bis heute nicht über die Entführung Moros sprechen ohne dieses Buch gelesen zu haben. Je weiter man sich in dieses Buch vertieft umso abstoßender  wirkt das handeln (bzw. das Nicht-Handeln) derer, die etwas hätten tun können. Eine Verbindung zur Affaire Dreyfus und Zolas „J’accuse“ („Ich klage an“) sind nicht von der Hand zu weisen.

Man stelle sich nur einmal vor, Derartiges würde heutzutage passieren. Mit den Möglichkeiten der sozialen Medien wäre das Wirrwarr der Wahrheiten um ein Vielfaches größer als noch vor fünfundvierzig Jahren. Straßensperren, gestammelte Statements aus der ersten Reihe bis hin zu den Hinterbänklern und denen, die nach vorne drängen. Politische Gegner, die im politischen Kalkül jedweden Respekt verlieren. Das Leid der Betroffenen würde durch den medialen Druck noch verstärkt werden. Die Täter – ebenso unter einem gesteigerten Druck – würden mehr Kraft aufwenden müssen, um einen klaren Kopf zu behalten. Und das Opfer? Abgeschnitten von der Außenwelt. In ständiger Ungewissheit. So wie damals.

Noch immer gibt es kein Rezept gegen derartige Terrorakte gegen den Staat. Es wird sie niemals geben. Auch wenn man sich noch sehr bemüht oder es zumindest vorgibt. Die Lehren aus diesem Buch, aus der Affaire Moro, sind immer noch nicht gezogen worden. Und das ist die traurige Erkenntnis, die Leonardo Sciascia auch vorhergesehen hat. Auch deswegen ist dieses Buch immer noch wichtig und lesenswert. Der neuen Ausgabe ist ein Essay des (ebenso wie Sciascia) sizilianischen Schriftstellers Fabio Stassi angefügt. Selbst nach Jahrzehnten lässt auch ihn die Affaire Moro keine Ruhe. Das unterscheidet sie von so vielen Affairen aus rührseligen Romanen.

Toskana

Gibt es eigentlich ein Klischee über Italien, das die Toskana nicht erfüllt? Wahrscheinlich nicht. Elegant, wild, grazil – voller Abenteuer, in jeder Hinsicht. Autor und Verleger war sicher mehr als zwanzig Mal in der Toskana. Und bei jeder Reise hat er etwas mitgebracht, um etwas seinen Reisebuchkoffer zu packen. Dieses Mal – zum zwanzigsten Mal – sind es 800 Seiten prall gefüllter Lebenslust, die den Leser, Reisenden, Italienfan weit aufgerissene Augen und ein breites Lächeln ins Gesicht zaubern.

Der Norden ist mit Florenz und Siena ein an Kostbarkeiten und Augenschmaus übervoll gesegnetes Areal, das man eigentlich kaum noch vorstellen muss. Und trotzdem wird so mancher Toskana-Fraktionär sich eines Staunens nicht erwehren können. Beispielsweise, wenn man die zahlreichen farbig unterlegten Kästen liest. Da erfährt man so allerlei, wie über die Wahlen früher in Lucca abgehalten wurden. Vielleicht nicht unbedingt nachahmenswert, aber wenn man schon mal in der Gegend ist, sollte man doch ein wenig Geschichtswissen schon im Handgepäck mit sich führen.

Die Mitte ist ein fest für Auge, Ohren, Magen und all die anderen Sinne, die nach Erfüllung lechzen. Certaldo – kennt doch kein Mensch! Ha, von wegen! Hier wurde Boccaccio geboren, und sein Wohnhaus kann wieder besucht werden. Wenn man sich die idyllischen Bilder im Buch anschaut, rückt dieser Hotspot schon fast in den Hintergrund.

Der Süden wirbt mit klangvollen Orten wie Montepulciano und Grosseto. Wein und Berge, Legenden und Ruinen, Freiluft-Therme und edelste Baumaterialien. Das ist ’ne Mischung?! Da fällt es einem wirklich schwer sich zu entscheiden.

Aber dafür gibt es ja diesen Reiseband. 20. Auflage, 800 Seiten. Wenn man pro Tag sich nur zwei Seiten als Reiseplan vornimmt, kommt man ein reichliches Jahr hin, um im Urlaub komplett abschalten zu können. Das muss man nur noch dem Chef erklären. Sicherlich sind 800 Seiten kein Leichtgewicht, das man gern mit sich herumträgt. Die Mühe ist es aber wert. Immer wieder blättert man ein wenig zurück, um voranzukommen. Auch wenn die Toskana live um ein Vielfaches anregender ist als ein Buch, so braucht man bei Ausschöpfen des Füllhorns der Möglichkeiten einen allwissenden Wegbegleiter. Und den hat man zweifelsohne in diesem Reiseband.

Ob per pedes, per Rad, automobil, auf dem Schienenstrang oder mit dem Schiff (irgendwie muss man ja auch nach Elba kommen, wenn’s der Autor einem so sehr ans Herz legt…) – hier bleibt kein Wunsch offen. Und wem das Gewicht dann doch zu schaffen macht, der kann sich das Buch auch als App (Buch und mmtravel App sind gleichzeitig erhältlich) auf seinen mobilen Reisebegleiter runterladen. Der Toskana-Reiseband ist einer der Klassiker aus dem Michael-Müller-Verlag. Nun auch im modernen gewand der App. Ob als Traditionalist mit dem Buch in der Hand oder als moderner Reisender mit dem Smartphone oder Tablet – wohl genährt in jeder Hinsicht kommt man immer ans Ziel.

Liparische Inseln

Stromboli kennt man aus dem gleichnamigen Film. Vulcanco – da ist klar, was einen erwartet. Lipari… schon mal gehört … da gibt es doch … genau: Die Liparischen Inseln. Aber es gehören nicht nur die drei Genannten zum Archipel. Da sind noch Alicudi, Filicudi, Salina und Panarea. Diese vier Inseln sind weitgehend unbekannt. Und eine Reise wert! Das weiß auch Reisebuchautor Peter Amann und macht mit seinem Wanderreiseband die Entscheidung welche Insel man besuchen sollte einfach und schwer zugleich. Schwer, weil die Vielfalt der Inseln so unfassbar riesig ist. Einfach, weil die Entscheidung alle Inseln zu besuchen mit diesem Buch die Richtige ist.

Ausführlich wird jede einzelne Insel beschrieben. Denn obwohl die sieben Schwestern des großen Ätna auf Sizilien auf den ersten blick gleich erscheinen, hat jede ihre eigenen Reize. Und so findet sich immer ein Grund, warum gerade die und nicht die Andere für einen Ausflug, einen Urlaub, eine Wanderung auserkoren wird.

Alicudi besticht durch ihre Autofreiheit – was nicht bedeutet, dass man hier wie ein wilder Stier herumrasen kann. Ganz im Gegenteil: Autos findet man hier nicht. Dafür aber Esel. Und Treppen, die einem zu den schönsten Ausflugsplätzen führen.

Lipari ist das Partyzentrum der Inselgruppe. Aber nicht falsch verstehen, denn nur im Vergleich mit ihren sechs Schwestern ist Lipari eindeutig die lebendigste Insel. Tauchen, Schlemmen, Wandern, Erholen – hier ist der Urlaub am vielfältigsten.

Salina rühmt sich mit Stille. Und das obwohl sie schon als Filmkulisse diente, so dass während der Dreharbeiten zu „Il postino“ (mit Philippe Noiret als Pablo Neruda) wohl das Wort Ruhe mehr Sehnsucht als Realität war.

Verführerisch, weil hier Mutter Natur sich selbst ein Denkmal setzt, kommt Panarea daher. Üppige Blütenpracht zieht auch die Schickeria an. Wer sich also gern ein Auge an weltlicher Machtfülle holen kann, wird staunen.

Apropos Staunen. Ein Naturspektakel rund um die Uhr – besonders nachts – bietet Stromboli. Wenn der Himmel glutrot erleuchtet, weil der Vulkan Lava spukt, ist die Speicherkarte schnell voll.

Die Nase voll hat man in (nicht von!) Vulcano. Voller Gerüche. Auch wenn man sich an so manchen erstmal gewöhnen muss. Der Schwefelgeruch ist relativ rasch ständiger Begleiter. Auch in den Klamotten. Vielleicht nicht gleich zu Beginn der Inselreise einen Abstecher hierher planen?!

Dieser Reiseband bietet das Rundum-Sorglos-Paket. Wo wohnen, wo wandern, wo innehalten, wo rasten – strukturiert und stets hilfreich in jeder Lage: Laufen, Wandern, Erholen. Seite für Seite ein Erlebnis, schon bevor die Wanderschuhe geschnürt sind.

Tessin

Wer einmal im Tessin war, ist im Handumdrehen infiziert. Und dieses Mal ist es ein gutes Virus. Ganz ohne Ziffern. Und es gibt auch kein Gegenmittel. Warum auch?! Marcus X. Schmid nimmt den Leser – ja, diesen Reiseband liest man, wie ein richtiges Buch, ist ja auch eines – auf eine Reise, die er nie vergessen wird. Denn zwischen erhabenen Gipfeln und glasklaren Seen gibt es so viel zu sehen, dass man staunt, dass tatsächlich alles auf 280 Seiten aufgeschrieben werden kann.

Hier spricht man italienisch. Nicht nur, aber überwiegend. Das hat zur Folge, dass Ortsnamen wie Comologno und Acquarossa oder das Val Lavizzara schon wie Urlaub klingen.

Ganz behutsam führt Marcus X. Schmid den Leser in jedes Kapitel, jede Region, jede Stadt ein. Fast schon plaudernd, ohne das kleinste Detail aus dem Auge zu lassen, nimmt er den Leser an die Hand, um – man kann schon fast sagen – „Sein“ Tessin in die Welt zu tragen. Immer wieder lockern die farbigen Kästen das Informationssammelsurium auf. Kleine Anekdoten abseits der Lesepfade lassen einen die müden Leseknochen auflockern. Um dann sofort weiter zu stapfen durch eine der landschaftlich reizvollsten Gegenden der Welt.

Idyllische Wasserfälle, pittoreske Kirchen, verschlafene Orte, exzellente Kulinarik und immer wieder Geschichte und Geschichten, die man nur hier finden kann. Der Reiseband ist immer einen Schritt voraus. Und fordert es geradezu ein, dass man sich links und rechts der Strecke mindestens genauso neugierig umschaut.

Der Autor hat es auf alle Fälle getan. Denn so viel Wissen häuft man nicht in Telefonaten und beim Prospekte wälzen an. Man merkt auf jeder Seite, dass hier ein echter Fachmann seine Erlebnisse und Erkundungstouren niedergeschrieben hat.

So zum Beispiel der Lago Maggiore. Der nördliche Teil gehört zur Schweiz, zum Tessin. Locarno ist sicher der bekannteste Ort. Selbst dem kann Schmid noch etwas entlocken, das man vielleicht noch gar nicht kannte. Wer verbindet Leonardo da Vinci schon mit Locarno? Die Antwort: Jeder, der den farbigen Kasten auf Seite 69 gelesen hat.

Wer erst einmal wissen möchte, wo man im Tessin erstklassig (was sonst?!) speist (ohne sich dabei auf das gängige „na überall“ zu verlassen), nächtigt oder dem Portemonnaie eine gehörige Blitzdiät verpasst, blättert im Nu zu den farbigen Seiten am Ende des Buches, die auch im selten geschlossenen Zustand des Buches leicht zu finden sind. Hier sind alle (!) Infos dazu übersichtlich aufgelistet. Und wer Bücher für antiquiert hält und lieber mit dem Smartphone sich seine Infos vor Augen hält, der wird erfreut sein, dass alle Infos auch in der gleichzeitig erschienen App zur Verfügung stehen.

Die unsichtbare Guillotine

Kurz und schmerzlos – so würde es wohl in einem Werbeprospekt zu diesem einzigartigen Artikel stehen. Und wie es in der Werbung so ist, gibt es auch immer genauso viele Argumente dagegen. Ja, so ein Fallbeil, eine Guillotine, rauscht verdammt schnell herab, dank der Schwerkraft. Aber schmerzlos? Was ist mit denen, die zuschauen, den Angehörigen? Also das Attribut schmerzlos ist wohl hinfällig.

Autor Ulrich Trebbin widmet sich einem ganz besonderen Objekt aus der Abteilung Tötungsmaschine. Es ist die Guillotine, mit der die Mitglieder der Weißen Rose, der Widerstandsgruppe, der unter anderem die Geschwister Scholl angehörten, hingerichtet wurden. Denn diese Guillotine hat eine aufregende und lange Geschichte. Eine Geschichte, die nach dem Ende des zweiten Weltkrieges ad acta gelegt wurde. Denn das Richtbeil war verschwunden. Einfach weg. Doch es stand Jahrzehnte tief verborgen, tief unten, im Keller, im Depot des Bayerischen Nationalmuseums. Was nicht zu sehen ist, quasi nicht mehr vorhanden ist, kann auch keinen Schaden anrichten…

Und wenn die Klinge schweigt, können auch die Opfer nicht mehr wehklagen. Die Klinge würde dann von 125 Hinrichtungen sprechen, die zwischen 1855 und 1932 unter ihr das Haupt verloren. In den zwölf Jahren der Naziherrschaft, schnellte die Zahl unter dem herabschnellenden Beil auf über eintausend!

Ulrich Trebbin hat sich der Geschichte dieser besonderen Guillotine so nah gebracht wie noch niemand zuvor. Eine derart exakt und tiefgreifende Recherche ist selten. Das Ergebnis ist dieses Buch. Der Aufhänger sind die prominenten Opfer. Der „Lebenslauf“ des Todesobjektes ist spannend und nährt die Argumente, dass Tötungen von niemandem legitimiert werden sollen.

„Die unsichtbare Guillotine“ ist mehr als nur ein Hingucker im Bücherregal. Die Faktenflut im Buch erschlägt hier und da den Leser. Doch Fakten gehören unwiderbringlich zu einem Sachbuch dazu. Immer wieder lässt Ulrich Trebbin Persönlichkeiten der Zeitgeschichte zu Wort kommen. Selbst das Münchner Original Karl Valentin kam nicht umhin der Tötungsmaschine ein Denkmal zu setzen. In Aufführungen zog er die Zuschauer/Zuhörer in seine Gedankenspiele hinein. Und das vor entsprechender Kulisse…

Die Geschichte der geschichtsträchtigen Guillotine erzählt messerscharf von Menschenschicksalen, die nie vergessen werden.