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Sturz in die Sonne

Die Erde, die Menschheit musste und muss so einige Katastrophen ertragen: Hunger, Krieg, Vertreibung, Dürre und andere Klimakatastrophen. Dagegen kann man etwas tun. Man kann! Tut es aber nicht! Doch was, wenn tatsächlich etwas passiert, wogegen man als normaler Mensch, als Manager, als Politiker, als General nicht – gar nichts – tun kann? Man ignoriert es. Und lässt den Dingen ihren Lauf. Also wie immer?!

Charles Ferdinand Ramuz lässt in seinem Roman „Sturz in die Sonne“ der Menschheit keine Wahl. Ein Fehler im Gravitationssystem lässt die Erde in die Sonne fallen. Das ist Science fiction in seiner natürlichen Form. Ja, alle haben die Warnungen, zumindest die Information irgendwie zu Gesicht bekommen. Doch was soll man damit anfangen. Dann wird’s halt wärmer. Ja, wird es auch. Aber darüber hinaus wird es auch windiger. Man schlafft ab. Die Arbeit geht nicht mehr so leicht von der Hand. Auch wenn die Arbeit völlig unsinnig ist. Wozu noch Plakate kleben für eine Show, wenn eh bald alles vorbei ist?! Die Winzer freuen sich über das produktfreundliche Klima. Diesen Jahrgangswein wird niemand mehr genießen können, auch wenn die Preise stabil bleiben. Erste, fast unbemerkte Anzeichen einer größeren Veränderung sind die aufziehenden Truppen vor der Nationalbank. Das Wort von der Revolution schleicht herum.

Und schließlich ist es ja auch nicht so, dass die Erde mach zweiundsiebzig Stunden wieder aufersteht, sich dann knapp sechs Wochen herumtreibt, um sich dann als Paradies zu entpuppen. Es gibt einfach auch keine Vergleichsmöglichkeiten. Man kann niemanden fragen, wie habt Ihr das damals geregelt, als die Erde unterging? Und so versinkt man im Alltagstrott, der noch unerträglicher ist als zuvor. Wegen der Temperaturen und so. Und im Netz nach Informationen suchen geht auch nicht. Das gibt es noch nicht. Das Wort Computer existiert nur im Englischen. Und wird äußerst selten benutzt.

Charles Ferdinand Ramuz hat diesen dystopischen Roman vor mehr als hundert Jahren geschrieben. Er ist aktueller denn je. Auch wenn die Erde nicht aus ihrer Umlaufbahn zu brechen droht. Das könnte man vielleicht vorausberechnen… Er schaut dem Volk ziemlich genau aufs Maul und die Finger. Die Idylle am Genfersee bricht auseinander. Und nicht nur dort. Flucht ist keine Option. Denn die Gazetten sind sich einig, dass nicht der Genfersee in die Sonne plumpst, sondern alles andere herum – die gesamte Erde – schon bald verglühen wird. Es kommt wie es kommen muss. Allerdings zum letzten Mal. Alles zum letzten Mal.

Ein Blick zu wilden Tieren

Woran erkennt man einen ungewöhnlichen, und darüber hinaus auch noch erstklassigen Roman? Den Titel? Okay! Es ist faszinierend wie unbeeindruckt diese animalischen Wesen sich vor unserer Kamera bewegen und uns überhaupt nicht beachten. Sie geben sich schamlos ihrem Treiben hin. Es dient wahrscheinlich ihrer Sozialisation in der Gruppe.
Oder sind es die handelnden Personen, die in unterschiedlichen und doch so nahen Regionen der Welt ihr Leben leben? Okay! Der junge FDJler Konrad (wie die meisten hat er einen FDJ-Ausweis – damit ist das Thema aber auch schon abgeschlossen) ist ab dem ersten Anblick den neuen Nachbarsmädchen hin und weg. Die geheimnisvolle Aura der jungen Heranwachsenden zieht ihn in seinen Bann. Er malt sich eine rosige Zukunft in einem sozialistischen Land auf, dass beide von nun an gemeinsam gestalten und weiterentwickeln werden. Unterstützung erfahren sie dabei …
Im „freieren“ Teil der klingt das dann wohl so: Der zwielichtige Paul hat es sich zur Aufgabe gemacht ein erfolgreicher Geschäftsmann zu werden. Dass er dabei die Grenzen des guten Geschmacks und darüber hinaus auch die Grenzen des geltenden Rechts übertritt, macht ihm keineswegs zu schaffen. Und so ist es nicht verwunderlich, ja fast schon schlussfolgerichtig, dass er die pikanten Fotos, die er am Strand von kopulierenden Pärchen macht, gewinnbringend verkaufen kann. Dass hinter dem Stacheldraht, in der so genannten Ostzone, eine ältere Dame über ihn weiß (und auch wieder nicht), ahnt er zu diesem Zeitpunkt, im Sommer 1978 noch nicht. Doch schon bald werden sich die Dinge dramatisch wenden.
Wieder zurück im Osten. Im Auftrag der Partei- und Staatsführung hat der Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit, Genosse Alexander Gross dem Klassenfeind in der Bundesrepublik unter Aufwendung aller zur Verfügung stehenden Mittel einen so genannten Deal im Kunstbereich auf die Beine gestellt. Ihm gelang dank Staatsauftrag einige wertvolle Kunst-Gegenstände im Westen zu verkaufen.
Sie alle machen auf ihre Art Karriere. In der Oper, in speziellen Kinos. Und manchmal ist man sich näher als es die Zeit erlaubt, als man es vermuten könnte. So wird aus mehreren, fast schon skurrilen Geschichten ein wahrhaft großartiger Roman. Mit Fingerspitzengefühl schreibt Christoph Cornel eine deutsch-deutsche Geschichte, die man so einfach nicht erwarten kann. Die wilden Tiere sind immer drüben. Egal, wo man gerade steht. Und selbst das „gerade stehen“ ist so vielschichtig deutungsfähig, dass man gar nicht anders kann als immer weiter zu blättern, den Kopf zu schütteln, sich den Bauch vor Lachen zu halten und – je nach Verwurzelung – sich zu erinnern. Dieser Roman ist eine Wohltat im Wust der Ossi-Wessi-Geschichten, in denen die Geschichte immer wieder neu erklärt wird – und wofür man lautstark und im hauseigenen Dialekt Werbung macht. Denn Christoph Cornels Blick zu den wilden Tieren ist mehr als nur linientreuer Voyeurismus und anti-anti-anti-was-auch-immer-Haltung. Es ist ein Blick auf Menschen, die in ihrer Umgebung das suchen, was naturgemäß jedem zusteht. An dieser Stelle wird versucht der kaugummiartigen Dehnung des Begriffes Freiheit den so gern bereitwillig gegebenen Rahmen zu ermöglichen… Preisverdächtiger Roman!

1000 places to see before You die

Im Leben gibt es unzählige Listen, die man erstellt. An die meisten hält man sich, wie den Einkaufszettel. Andere hingegen dienen – so meint man – der eigenen Beruhigung etwas zumindest in Planung zu haben. Meist gehen diese Listen irgendwann den Weg in den Abfall. Und dann wiederum gibt es Listen, die sind so dick, weil gehaltvoll, die werden niemals ihre Anziehungskraft verlieren. Bucketlist nennt man das.

Und so eine liegt in diesem Fall einmal mehr vor. Tausend Orte, die man besuchen muss bevor man es nicht mehr kann. Unmöglich? Schon möglich. Aber genauso möglich ist es tausend Orte zu bereisen. Doch wo anfangen? Hier kommt dieses Monster an Ideen, Ratgebern, Tipps, Tritten in den Allerwertesten ins Spiel. Von nun an gibt es keine Ausreden mehr! Der Anfang ist gemacht. Und der erste Schritt ist bekanntlich der erste von vielen, die noch folgen werden. Und wenn man schon mal angefangen hat…

… dann auf zum Lac d’Annecy oder nach Riga. Am besten mit einem Abstecher zu den Stränden Goas in Indien oder Sanibel und Captiva vor Florida. Oder der größten Sandinsel der Welt, Fraser Island in Australien. Zu ruhig? Dann hilft eine Shopping- oder Sightseeingtour über die quirligen Märkte von Saigon.

Man muss das Buch nur in die Hand nehmen und ein wenig darin blättern. Und schon hat man Reisefieber. Und eine Reisefibel auf dem Schoß. Klar gegliedert nach Kontinenten und Ländern. Ganz Mutige nehmen diesen Schmöker als festen Reiseplan – viel Spaß beim Urlaubsantrag ausfüllen: „Chef ich bin dann mal weg. Wenn ich das Buch abgearbeitet habe, komme ich wieder. Bis in … Jahren!“. Die Vorstellung ist doch schon sehr verlockend.

Ein Sinnes-Overkill ist garantiert. Berge, Täler, Strände, Stadtzentren, Architektur, Naturwunder, über und unter Wasser, Aussichtspunkte, Absteige wie Kletterpartien – wer hier nicht fündig wird, der hat entweder schon alles gesehen (was fast unmöglich scheint) oder will einfach nicht. Man kann dieses – nein, man sollte – dieses Buch als niemals versiegende Inspirationsquelle sich regelmäßig aus dem Regal nehmen. Reisen bildet. Lesen macht Appetit. Bei 1220 Seiten kann man sich niemals satt sehen und inspirieren lassen. Es gibt immer wieder Neues zu entdecken. Heute hier, morgen da. Der Sehnsucht einfach mal Futter geben. Sich selbst austesten, was alles möglich sein kann. Schon allein dafür lohnt sich ein Blick in diesen Schmöker.

Miss Muriel

Es sind nur sechs Buchstaben, die die ganze Perfidität wiedergeben, die das Leben der jungen Erzählerin umfasst. Sie ist zwölf. Eine gute Schülerin. Sie hat Freunde. Lebt komfortabel, ihr Vater betreibt mit ihrer Tante zusammen eine Apotheke. Sie sind die einzigen Schwarzen im Ort. Und da beginnt die Perfidität. Als Zwölfjährige versteht sie noch nicht alles. Aber sie sieht mehr als diejenigen, die im Laufe der Jahre gelernt haben (lernen mussten) wegzusehen und zu ertragen, was niemand ertragen muss.

Es sind die kleinen, offensichtlichen, täglichen Rassismen, die das Zusammenleben mit Fiebrigkeit erfüllen. Das merkt man sogar schon im Alter von Zwölf! Denn Muriel ist nicht einfach nur ein Markenname. Für viele ist es Anlass die eigenen „guten Manieren“ Anderen aufzuzwingen. Miss Muriel – so muss es heißen – so viel Zeit muss sein.

Allein schon die titelgebende erste Kurzgeschichte in diesem lässt den Leser erschauern. Offener Rassismus ist manchmal leichter zu ertragen als der Unterschwellige, denn er nistet sich tief unter der Haut ein und verweilt dort ein Leben lang. Ann Petry lässt den häuslichen Kokon der Erzählerin in wohligen Farben erstrahlen. Die kleinen Dellen in dessen Außenhaut sind sichtbar, aber nicht lebensbedrohend. Unmerklich und unaufhörlich jedoch beginnt diese Hülle zu zerreißen. Ein angsteinflößender Prozess, besonders für einen Teenager, der die ersten eigenständigen Schritte macht. Sie beobachtet wie die Liebe in Person des Schusters in ihr Haus einzudringen versucht. Er hat sich in Aunt Sophronia verguckt. Die lässt ihn jedoch abblitzen. Weil er weiß ist? Den Barpianisten Chink lässt sie aber ebenso wenig an und schon gar nicht in ihr Herz. Er ist ein Windhund, der nach der Badesaison wieder von dannen ziehen wird.

Die Parallelen zu Ann Petrys Leben sind offensichtlich. Auch sie wuchs in New England auf. Ihr Papa hatte eine Drogerie, später mehrere Läden. Sie selbst studierte anfangs Pharmazie bevor sie sich dem Schreiben endgültig zuwandte. Auch sie erfuhr Beleidigung und Erniedrigung – wegen ihrer Hautfarbe.

Jede einzelne Geschichte ist ein in sich geschlossener Kosmos, den man in seiner ganzen Vielfalt erkunden darf. Ganz unaufgeregt begegnet man ganz normalen Menschen in ganz normalen Situationen, die erst nach und nach aus ihrer Normalität herauskommen und hinauskatapultiert werden. Sie auf ihrer Umlaufbahn zu begleiten ist ein Privileg, das man mit Entsetzen verfolgt und mit einem Lächeln der Dankbarkeit ins herz schließt.

Endstation Hoffnung

Eines steht von vorn herein fest: Das Cover und schon beim ersten Überfliegen des Kapitelverzeichnisses gibt es keinen Zweifel mehr, dass einem beim Lesen ab und an, hier und da der Atem stocken wird. Leb wohl, du trautes Heim – Im Viehwagen – Endstation Auschwitz. Der Untertitel „Der ultimative Roman über den Holocaust“ ist nicht nur der reißerische Aufrüttler, es wird grausam, es wird schonungslos – aber auch hoffnungsvoll.

Isaia Maylaender als blauäugig zu betiteln träfe nicht einmal ansatzweise den Kern. Seine Eltern werden als Juden nach Auschwitz deportiert. Anfangs begegnet der Vater allem noch mit einem gewissen Spott – seine Scherze lassen einem das Blut in den Adern gefrieren. Isaia, Professor für Geschichte in Italien, ist da – in seinen Augen – realistischer. Er weiß, dass die SS Arbeiter braucht. Er als junger Mann eine Arbeitskraft darstellt, die unbedingt erhalten werden muss. Ein Kollege spricht ihn an. Kurz ist der Plausch über die „guten, alten Zeiten als…“, denn die Realität ist unerbitterlich. Professor Bergamo hat einen Weg gefunden hier zu leben, nicht nur zu überleben, wie er sagt. Er hat sich mit den Gegebenheiten ab-und für sich einen Weg gefunden, die Zeit zu überstehen … meint er.

Das ist Isaias Ausgangspunkt für eine hoffnungsvolle Zukunft. Er hat schon fast aufgegeben seine Eltern noch einmal zu sehen. Auch seine Liebe wird er wohl nicht noch einmal sehen. So wie sich Isaia das Lagerleben vorgestellt hat, scheint es auch zu werden. Ein perfider, fast schon perverser Funken Hoffnung. Der sich bald schon in ein loderndes Feuer verwandeln soll. Und zwar in dem Moment als man ihm anträgt die Biographie eines Hauptsturmführers zu schreiben. Natürlich soll es ein heroisches Werk werden. Isaia macht sich an die Arbeit. Ablenkung in positiver wie negativer Hinsicht verschafft ihm die Frau des „Helden seiner Arbeit“. Die hat ein Auge auf den willfährigen Professor geworfen. Doch auch sie verfolgt eigene Ziele.

Isaia sieht wie Menschen gebrochen werden wie sie sich verwandeln ohne dabei Schuld auf sich zu laden. Er sieht Lebewesen, die sich verwandeln und dabei unendlich viel Schuld auf sich laden. Er sieht wie roh Menschen gemacht werden. Er sieht wie roh sich Menschen verhalten, wenn man sie lässt. Er selbst kämpft jeden Tag, jede Stunde sich selbst treu bleiben zu können. Ein Kampf, der täglich schwerer wird…

Andrea Frediani lässt Isaia Maylaender am schlimmsten Ort der Welt eine Bibliothek errichten. Dort, wo Überleben wie eine Seifenblase der einzige Regenbogen im düstersten Grau der Hoffnungslosigkeit schwach schimmert. Wie soll man Hoffnung am hoffnungslosesten Ort der Welt in Worte fassen? Die Antwort liefert eindrucksvoll Andreas Frediani. Schlicht, stringent und nicht verhandelbar schafft er Raum für einen Helden, der diese Rolle niemals für sich in Anspruch nehmen würde. Aber er weiß auch, dass er in seiner prädestinierten Position mehr bewirken kann als die meisten in Auschwitz. Dieses Bewusstsein lässt ihn sich selbst fast verleugnen.

O Du Schreckliche

Weihnachten kann manchmal ganz schön … stressig, hektisch und in bestimmten Fällen sogar … schrecklich werden. Wie zum Beispiel in Grittibach. In der kleinen Gemeinde steht man seit Jahren mit einem ernsthaften Wettstreit mit Müntschisberg: Wer hat den größten? Wer hat den schönsten? Äh, Weihnachtsbaum, natürlich. Und überhaupt versucht man sich in allem und überall zu übertreffen. Sei es nur um besser zu sein oder weil es schon immer so war. In Müntschisberg hat man dieses Jahr – unfreiwillig, überraschend und unverhofft – einen gewaltigen Vorteil. Und es schneit auch noch! Krimifans wissen mit diesen spärlichen Hinweisen sicherlich etwas anzufangen…

Seemann Kuddel Daddeldu – genau der … Joachim Ringelnatz’ grandiose Erfindung – hat’s nicht so mit der weihnachtstypischen Besinnlichkeit. Wenn er davon spricht, dass der Baum brennt, dann brennt der wirklich. Aber das lässt sich im Rausch durchaus ertragen.

Axel Hacke weiß so manch Untypisches (oder doch typisch Weihnachtliches?!) zu berichten. Der Thrill des Weihnachtsbaumkaufes (der Zeitpunkt ist entscheidend und für manches der einzige Berührungspunkt mit Wissenschaft) ruft in ihm Erinnerungen an Thomas Mann und Helmut Qualtinger hervor. Auch die hatten so ihre Problemchen mit deM Bäumchen. Mann sogar mit deN Bäumchen. Und Qualtinger … na ja, a Watschn tut’s auch.

Daniel Glattauer sieht die Weihnachtszeit ebenso pragmatisch. Wenn schon streiten, dann jetzt! Und vollem Umfang und ohne Gnade. Denn die kommt ohnehin und mit unumstößlicher Sicherheit.

Ein köstlicher Knabberspaß mit Spekulatius, Weihnachtsteemischung, stimmungsvollem Licht oder einfach nur am liebsten Leseort. Im Kanon der schauerlichen, untypischen, grausamen, besonderen Weihnachtsgeschichten nimmt „O du schreckliche“ einen Spitzenplatz ein. Von Martin Suter, Ludwig Thoma, T. C. Boyle bis zu Axel Hacke, Hans Fallada und John Updike wird der Weihnachtszeit nicht der unnachahmliche Charme genommen. Vielmehr wird ihr ein Hauch von ungewollter Unplanbarkeit hinzugefügt. Und für all diejenigen, denen so viel Ungemach im eigenen Leben so manchen Herzschmerz zufügen würde, bleibt die Gewissheit, dass das alles nur erfunden ist und zum Glück nur Anderen passiert ist.

Auschwitz Häftling Nr. 2

Im Zuge der mittlerweile über Hand nehmenden True-Crime-Welle passiert es immer wieder, dass man für den einen oder anderen Verbrecher eine gewisse Art Sympathie entwickelt. So wie in den späten Achtzigern/Beginn der Neunziger der Kaufhaus-Erpresser Dagobert zum kleinen Helden aufstieg, der die Polizei ums andere mal foppte. Ein zweifelhafter Ruhm.

Im Falle des Berufsverbrechers (den Titel bekam er in den 30er Jahren, also Achtung! nazideutsch) Otto Küsel ist die Wandlung zum Helden allerdings nachvollziehbar. Drei Jahre saß er bereits im Konzentrationslager Sachsenhausen ein als er im mai 1940 nach Auschwitz deportiert wurde. Mit einem grünen Dreieck gekennzeichnet, das ihn als Berufsverbrecher kennzeichnete. Er war die Nummer Zwei. Was nicht auf seine Stellung hinwies, sondern lediglich die Reihenfolge der Erfassung betitelt. Er war ein so genannter Kapo. Er teilte Gefangene zum „Dienst“ ein. Er entschied, wer welche Arbeiten zu verrichten hatte. Gefangene, die über Gefangene entscheiden, wer zur Arbeit noch taugt und wer … naja, man weiß um die „Alternative“…

Doch Otto Küsel war schon immer ein widerspenstiger Zeitgenosse. Politik interessierte ihn nicht besonders. Der eigene Vorteil war ihm näher. Das und die realistische Einschätzung der allgemeinen Lage war für viele seiner Mithäftlinge ein Segen. Denn Otto Küsel durfte entscheiden, wer arbeitet, und wer davon verschont wurde. Ja, verschont, denn Arbeit in Auschwitz waren mit Qualen, Pein, Prügel und dem sicheren Tod durch ein weithin sichtbares Band verbunden.

Otto Küsel gelang so gar die Flucht aus dem Massenvernichtungslager. Durch Verrat kamen ihm die Häscher jedoch wieder auf die Spur und abermals lautete die Adresse Auschwitz. Block Elf. Der berüchtigte Todesblock. Durch Amnestie des neuen Lagerleiters entging er dem sicheren Tod. Letzte Station seiner körperlichen Leidensgeschichte war Flossenbürg in der Oberpfalz. Auf dem Todesmarsch kamen die Alliierten noch rechtzeitig, um ihn vor dem geplanten Tod zu retten. Er blieb in der Gegend, nach heimatliche Berlin hatte für ihn jeglichen Reiz verloren, heiratete und gründete eine Familie. Mit denjenigen, die ihm ihr Leben verdankten, stand er bis ins hohe Alter in Kontakt. Er wurde von ihnen nicht vergessen. Dennoch ist seine Geschichte in Deutschland kaum bis gar nicht bekannt.

Sebastian Christ folgte jahrelang den Spuren des hierzulande unbekannten Helden von Auschwitz. Diese Biographie ist ein Mahnmal gegen das Vergessen. Immer wieder wurde angeregt sein Leben und das von vielen Anderen nicht auf dem noch zu erledigenden Aktenberg abzulegen. Der ehemalige polnische Außenminister Władysław Bartoszewski erwähnte ihn in seinen Erinnerungen an seine Zeit in Auschwitz. Von deutscher Seite kam nichts. Nur wer intensiv recherchiert, stößt irgendwann unweigerlich auf seinen Namen. Ab sofort ist Otto Küsel nicht mehr nur Auschwitz Häftling Nr. 2!

Der Zauber des Berges

Der Titel ist zweifellos keine weitere Schnulze, die mit zweitklassigen Schauspielerin vor romantischer Kulisse irgendwann einmal verfilmt wird. Wobei die Romantik die Triebfeder dieses Buches, dieser Geschichte ist. Es ist die Geschichte von Willem Jan Holsboer. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war er Kaufmann in London. Erfolgreicher Banker. Mit einem ausgeprägten Sinn für Problemlösungen. Seine Frau Margaret wurde zur Kur in die Schweiz geschickt. Die Reisestrapazen waren derart anstrengend, dass Willem stündlich mit einer Verschlechterung ihrer Situation rechnen musste. Dieser verdammte Berg. Da, in Davos. Mit der Kutsche hier her zu fahren – das ist doch nicht normal! Wie sollen die Patienten so gesunden?! Irgendwann würde er eine Eisenbahnlinie hier bauen lassen – das Geld hatte er ja. Nun … es blieb nicht bei der Eisenbahn. Es kam noch ein Sanatorium hinzu. Und so wie damals, wenige Jahre zuvor, er das Textilgeschäft ankurbeln wollte, indem er Schauspieler eines renommierten Londoner Theaters mit seinen – feinsten – Stoffen ausstaffieren wollte, sollte ein weiteres Stück Kultur seinen Ruhm mehren.

Das klappte nicht ganz. Der Berg, um den es geht, liegt schon wegen des Titels auf der Hand: Der Zauberberg. Es ist sozusagen das Prequel, die Vorgeschichte zu einem der berühmtesten Romane. Thomas Mann kurbelte unbewusst den Kurtourismus in dem kleinen Bergdorf Davos, auf der Schatzalp, in den Bergen an. Und Willem Jan Holsboer bereitete ihm wahrhaft den Weg. Ob Thomas Mann den geschäftstüchtigen Finanzier kannte?

Daniela Holboer – ihr Mann ist der Urenkel eben dieses Visionärs – ist Literaturwissenschaftlerin. Als sie die Geschichte von Willem Jan Holsboer hörte, wusste sie zwei Dinge. Der Mann, der ihr diese Geschichte erzählt, ist ihr Mann. Und Zweitens muss sie die Geschichte von Willem erzählen. „Der Zauber des Berges“ ist das Ergebnis jahrelanger Recherchen.

Im Jahr 2024 feiert man auch mit zahlreichen Büchern das hundertste Jubiläum des „Zauberberges“ von Thomas Mann. Neue Erkenntnisse, Dachbodenfunde, neue Sichtweisen und –achsen sollen neue Schlaglichter auf den Jahrhundertroman werfen. Und meistens gelingt das auch. Daniela Holsboer gelingt es den Startschuss des Zauberberg-Universums um einige Jahre, Jahrzehnte auf der Zeitachse nach vor zu verlegen. Weniger nachdenklich, weniger überbordend, weniger Kommas als bei Thomas Mann. Doch mit akribischer Detailversessenheit schafft sie einen neuen Anfang des echten Zauberbergs.

Sonny Boy

Seit über einem halben Jahrhundert rätselt die Filmwelt wer, wenn nicht dieser eine Al Pacino könnte diese Rolle sonst noch formatfüllend spielen. Und seitdem lautet die Antwort: Niemand!

Kaum vorzustellen, dass dieser Leinwandgigant einmal die Hosen voll hatte und daran zweifelte, dass der eingeschlagene Weg Schauspieler zu werden eine Sackgasse sei. Marlon Brando, James Dean und Montgomery Clift – deren Talent konnte er einordnen. Aber als Dustin Hofmann in „Die Reifeprüfung“ ins Kino kam, war der junge Al Pacino eingeschüchtert. Zu diesem Zeitpunkt ist die Revolution in Hollywood im vollen Gange. Der Umbruch ist state of the art. Und Al Pacino aus der South Bronx, den seine Mutter von im Alter von drei Jahren mit ins Kino nahm, quält sich durch den Schauspielunterricht. Sein Lehrer ist schockiert wegen seiner Darstellungen im Unterricht. Kommilitonen sind begeistert. Wem soll er mehr Beachtung schenken?

Die Geschichte lehrt den Zuschauer, Regisseure und Produzenten, dass das Gelernte nur einen Teil des Schauspielers ausmacht. Als Schauspieler muss man selbst seinen Weg finden. Und sich finden lassen. Wer die Probeaufnahmen zu „Der Pate“ mit Diane Keaton gesehen hat, ist verblüfft. Dieses Milchgesicht soll einmal der rigoroseste Gangster der Filmgeschichte werden? Ja! Und niemand sonst hätte es so darstellen können.

Kurze Zeit später ist dieses Milchgesicht ein desillusionierter Cop mit Rauschebart, der der Korruption in den eigenen Reihen bedingungslos den Kampf ansagt. Dann ist er ein Bankräuber, der seinem Freund mit der erhofften Beute eine Geschlechtsumwandlung bezahlen will. Alles von nur einem Menschen verkörpert. Und wiederum die niederschmetternde Erkenntnis: Das kann nur einer spielen – Al Pacino!

Den Namen Sonny Boy bekam der kleine Al von seiner Mutter. Angelehnt an einen Schlager der Zeit. „Sonny Boy“ ist (s)eine Reminiszenz an (s)ein Leben, dass mit stotterndem Motor begann, doch mit Rasanz eine Fortsetzung fand, die niemand erahnen konnte. Er setzte sich gegen scheinbar unbesiegbare Heroen der Leinwand durch, stieg binnen weniger Jahre zu einem gottgleichen Titanen auf und verschwand immer wieder mal gern in der Versenkung, um seine eigenen Projekte in die Tat umzusetzen.

Ohne großartig Schlaglichter zu setzen blickt in diesem Buch ein Mann auf sein Leben zurück, dass einzigartig ist. Ruhig und besonnen, mit der Milde und der Weisheit des Alters, reist Al Pacino mit dem Leser durch mehr als ein halbes Jahrhundert Lebens- und Filmgeschichte. Anekdotenreich und mit dem Willen alles zu erzählen. Für Fans das lang ersehnte Glück, für Biographieleser eine Offenbarung.

Bitteres Blau – Neapel und seine Gesichter

Neapel sehen und … immer wieder zurückkommen, sich neu verlieben, das Kribbeln spüren. Maike Albath macht noch viel mehr. Sie saugt die Stadt auf, sie läuft sich von ihr aufsaugen. Sie trifft die, die schon lange nicht mehr da sind und die, die niemals von hier weggehen werden. Sie sieht Angst, aber auch die Hoffnung. Hoffnung worauf? Dass das Image der Stadt einmal ein anderes sein wird? Niemals! Der Charme der Stadt – ein von Teufeln bewohntes Paradies, wie Benedetto Croce sagte – baut auf den Anachronismus von Gut und Böse, von rau und sanft, von Verkommenheit und unendlicher Schönheit.

Wer einmal im Dezember-Nieselregen durch dunkle, enge Straßen ging, erlebt eine rohe Schönheit. Funktionalität stellen die Napoletaner selbst her. Und wenn man dann am Abend auf dem Bett liegt und den Tag Revue passieren lässt, wird einem bewusst, dass das Image der gefährlichen Stadt eben zu einem großen Teil ein Image ist. Ein Postkartenmotiv mit shabby chic. Und mit einer Seele, die keine Ruhe kennt.

Im Quartieri spagnoli ist der Fußball zuhause. Alle paar Ecken werden die Reviere mit Graffiti markiert. Jede Fanvereinigung (und es sind mehr als nu Fans vom SSC Napoli) schaut in seinem Abschnitt nach dem Rechten. Neuankömmlinge werden beobacht, gemustert und eingeschätzt. Nach ein paar Sichtungen weiß man hier aber auch Bescheid, wer wo und vielleicht auch wie lange in der Stadt weilen wird. Unangenehm ist es nur für denjenigen, der vor allem Fremden Angst hat. Alle Anderen werden willkommen geheißen.

Maike Albath schreitet über schwülstige Treppenaufgänge aber auch auf dem unebenen Pflaster der Stadt. Stimmengewirr versiegt nur bei Fußballspielen. Während der WM 2022 war es selbst am Markt an der Muro Maradona – einem Freiluftgelände, auf dem nur mit Devotionalien von Diego Armando Maradona gehandelt wird – muxmäuschenstill. Doch sofort nach Abpfiff kehrte das gewohnte Leben wieder zurück. Binnen Sekunden heulten Mopedmotoren, sprachen alle durcheinander, wurde jeder Spielzug noch einmal durchexerziert, war Napoli wieder Napoli. Der scudetto, die italienische Meisterschaft vom SSC wurde tagelang gefeiert. Kleinere und größere Betriebe waren tagelang geschlossen.

Mit Maike Albath eine italienische Stadt zu erkunden (sie war schon Reisebegleiterin in Rom, Turin und Palermo – ist eine Offenbarung. Durch Gassen, über Plätze, in Bars, auf offener Straße spricht sie mit Menschen, die Napoli ein Gesicht geben. Teuflisch gut – himmlisch verführerisch.