Archiv der Kategorie: aus-erlesen ungewöhnlich

Böser die Glocken nie klingen

Böser die Glocken nie klingen

Ach ist das schön muckelig! Draußen schneit’s! Die klirrende Kälte bleibt, wo sie hingehört, draußen. Drinnen spendet die Heizung wohlige Wärme. Alles ist hell erleuchtet. Illuminiert nennen das die neuen Kunsthelden. Jedes Fenster ist festlich geschmückt. Doch hinter so mancher Fassade wedelt der Tod mit seiner Sense. Er ist in Wartestellung. Selbst Hand anlegen muss er nicht. Das machen schon die Anderen. Es ist Weihnachten! Die Zeit des Vergebens, des Schenkens, des Geben und Nehmens. In dieser Kurzkrimisammlung wird erst genommen, dann gegeben…

Es ist schon kurios, warum – gerade zur „heiligen“ Weihnachtszeit – so gern, so ausgiebig, so einfallsreich und vor allem, aus welchen Gründen – gemordet wird. ‘Ne Eisenbahn als Auslöser. Eine Modelleisenbahn. Ein so genanntes Krokodil. Frauchen hat’s ja! Aber sie will die Kohle nicht rausrücken. Lieber das „Krokodil“ im Maßstab Eins zu Eins anschauen. Och nee! Zum Glück ist Wasser (Badewasser) ein exzellenter elektrischer Leiter. Klar, was jetzt kommt, oder?! Wasser – Fön – stöhn! Doch wie groß ist das Entsetzen, als die Geschenke geöffnet werden…

Weihnachten ist aber auch die Zeit, in der man so manchen Streit der Vergangenheit anheim schenkt. Vergeben und vergessen. Zweisamkeit ist Trumpf. Vielleicht entdeckt man sogar wieder Gemeinsamkeiten. Etwas wie Harry und Elfriede. Seit Jahren sind sie verheiratet. Die Pflichterfüllung ist ihnen näher als die gemeinsame Gefühlslage. Kurz: Sie gehen sich tierisch auf den Geist. Er immer nur bei seinen Fröschen und sie die vernachlässigte Gattin. Da muss man was unternehmen. Denken beide, unabhängig voneinander und handeln. Mit mörderischem Resultat!

Berlin zur Weihnachtszeit. Ein gefundenes Fressen für Krimifans und Autoren. Und für den Leser! Der bekommt ein reichhaltiges Menü, versetzt mit Witz und Niedertracht, ebenso mit Genialität und verschrobenen Charakteren. Det is ne Schau! Für die Polizisten ist es die Hölle. Denn sie müssen nun ermitteln. Und sie wissen, dass es jetzt, wenn alle so freundlich sind, viele nur so tun. Die Spreu vom Weizen zu trennen, ist jetzt keine Hexerei – auch wenn es manchmal daran zu grenzen scheint – es ist Puzzlearbeit. Und der Leser darf mit Ecken anfangen. Alles andere ergibt sich von selbst…

Die Spur des kleinen Prinzen

1204Die Spur des kleinen Prinzen

Auf dem Papier hat es Julius Wortschmidt geschafft: Eine exzellente Anstellung bei einem Pharmakonzern in den USA, eigene Abteilung. Er ist im Hamsterrad der Zahlenoptimierung gefangen und dreht an seinem eigenen Rädchen. Er fasst Arbeitsprozesse in zahlen und verkauft sie an Leute, die sie sowieso gleich wieder vergessen. Da kommt der Bewerber Paul Anders wie gerufen. Auch Deutscher, aus dem gleichen Bundesland, an der gleichen Schule gewesen wie Wortschmidt, die gleiche Theater AG besucht. Und die gleiche Leidenschaft für „Der kleine Prinz“. Wortschmidt kann sogar noch ganze Passagen auswendig. Doch Anders bekommt den Job nicht – kein neuer Freund im Firmengewand.

Dennoch: Der kleine Prinz bzw. die Erinnerungen daran, setzen in Julius Wortschmidt etwas frei. Damals, der Besuch im Zoo, und am Abend die erste Geschichte aus dem Buch der Bücher. Was in seinem Fall „Der kleine Prinz“ war. Er erinnert sich an die Bandproben mit den Freunden, der trauten Gemeinschaft, die – je älter er wurde – nach und nach zerbrach.

Nun ist er ein angesehener Mitarbeiter eines global players, fügt Zahlen aneinander, weist ihnen ihre Bedeutung zu, doch seine einstige Unbekümmertheit blieb im mathematisch gesteuerten Weg nach oben stecken.

Die kurze Begegnung mit dem Bewerber lässt in Julius Wortschmidt zarte Hoffnung aufkeimen. Immer öfter flüchtet er sich – unbewusst – in die Geschichten des kleinen Prinzen, erinnert sich an unschuldige Zeiten, in denen der Forschergeist noch selbst initiiert war. Das Fanal, das Antoine de Saint-Exuperys Buch in ihm auslöste, beginnt von Neuem zu keimen. Mal im Traum, mal in der Realität, immer häufiger ergreift der kleine Prinz von ihm Person. Um ihn herum ist alles echt und plastisch zugleich. Steril kommen ihm Arbeit und Kollegen vor. Lebendig sind nur die Versatzstücke der Kindheit. Selbst eine wahre Begegnung mit der Vergangenheit verkommt zu einem flüchtigen Hallo!

Wortschmidt sieht ein, dass er erwachsen geworden ist, ohne es zu bemerken. Er ist nicht mehr der kleine Prinz, der aufwachsen darf, wie es ihm beliebt. Er ist Teil des Systems. Doch auf dem Höhepunkt seines Schaffens, gelobt er Besserung. Dank der Sanddüne, dem Stern und dem blonden Jungen, der ihm seit Jahrzehnten begleitet…

City impressions Lissabon

1218Lissabon

„Lissabon? Lissabon? Muss irgendwie ein Vorort von Bonn sein!“ Was vor dreißig, vierzig Jahren noch als Nonplusultra des deutschen (bzw. deutschsprachigen) Humors galt, ist längst überholt. Lissabon ist modern, lebhaft und dunkel und geheimnisvoll zugleich. Das kann man nun glauben oder nicht. Es stimmt jedenfalls. Da hat man jetzt zwei Möglichkeiten: Zum Einen – man fährt in die portugiesische Hauptstadt und macht sich ein Bild davon oder, zum Zweiten, man lässt jemanden da hin fahren und einhundertdreiundachtzig Farbfotos schießen. Hübsch verpackt in einem mehrere Pfund schweren Prachtband. Schon der Einband lässt es erahnen, dass hier kreatives Köpfe am Werk sind. Denn ein typsicher Schnappschuss lugt vorwitzig durch ein – auf den ersten Blick willkürlich – gestanztes Loch. Bei genauerer Betrachtung ist dieses „Loch“ der Umriss der Stadt, um die es auf den folgenden dreihundert Seiten geht: Lissabon. Weit weg von Bonn und gähnend langweiligen Jahrzehnte alten Fernsehwitzen.

Bernd Rücker ist der Reiseleiter für alle neugierigen Gäste der Stadt, die mit Perspektivwahl, Kameraeinstellung, Motivkomposition und Lichtsetzung sich in Stimmung bringen wollen. Seiner Reisegruppe / Leserschaft rät er „Augen auf“, er selbst schließt die Augen und wartet geduldig auf den Moment die Kamera exakt in der Sekunde in Bereitschaft zu halten, wenn alles stimmt.

Aus dem Dunkel heraus taucht sich das Straßenleben in sattes braungelb, im Hintergrund LEDs gleich die endlosen Lichterketten der Ponte 25 de abril. Sich auftürmende Wolken sind die Leinwand, die er wie bestellt zur Hand hat, wenn der Tag erwacht. Lange Schatten werfen die Abenteuer des Tages an die Häuserfassaden und künden von Stunden voller Erlebnisse.

Marcos ist einer, der an diesem besonderen Tag Besonderes erleben wird. Er ist immer vorn dabei, wenn es darum geht Lissabon zu erobern. Denn Marcos führt eine der zahlreichen Straßenbahnen der Linie 28E vom Bairro Alto über die Baixa und die Alfama bis nach Graça. Er ist der wichtigste Mann für viele Touristen, denn er führt sie durch verwinkelte Gassen, über steile Anstiege, enge Passagen, die jeden Besucher den Mund offen stehen und die Kameras zücken lassen. Nüchtern betrachtet ein langweiliger Job: Jeden Tag die gleiche Route auf exakt den gleichen Wegen. Kein links oder rechts Entkommen. Immer nur stur geradeaus, Richtungswechsel sind nicht willkürlich, sondern erforderlich und vorhersehbar. Er tut seinen Dienst, ruhig und stoisch. Auch Julia ist hier unterwegs. Sie darf links und rechts der Route schauen, sie muss es sogar. Denn sie gehört zur „Kundschaft“ von Marcos, ist Touristin, neugieriger Gast, lebendiger Besucher. Sie sieht das, was Marcos schon längst abhanden gekommen ist: Die Schönheit der Stadt.

Das ist nur eine von fünf Geschichten, die zwischen den Bildabschnitten den Leser innehalten lassen. Prachtvolle Bilder und bildhafte Anekdoten sind die Maulsperren des Betrachters. Erst, wenn die Sonnenstrahlen einmalige Einblicke in die Stadt freigeben, drückt Bernd Rücker ab. So entstehen Eindrücke, die viel Besucher niemals erleben werden.

Wie die gesamte Reihe City impressions (über Rom, Marrakesch, Venedig, Paris, Barcelona und Istanbul) ist auch dieser Bildband in zwei Varianten zu erstehen, deutsch/englisch und französisch/spanisch. Jeder Bildband taugt ohne Zweifel als persönliches Fotoalbum, um Plätze und Straßen, einmalige Erlebnisse und faszinierende Aussichten noch einmal Revue passieren zu lassen. Und als exquisites Geschenk stiehlt man jedem die Show…

Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers

Lula_Carson_02.indd

Ben Jackson ist ein exzellenter Kenner der amerikanischen Literatur der 40er Jahre (des vergangenen Jahrhunderts). Einige Schriftsteller konnte er stolz zu seinen Freunden zählen. Wie zum Beispiel Carson McCullers. Und nun erzählt er wie Carson McCullers wurde, was sie war: Ein Wunderkind!

Der Anlass, der in bewegt seine Gedanken niederzuschreiben, ist traurig. Denn Carson McCullers hat nur wenige Tage zu vor ihre Augen für immer geschlossen. Und Ben Jackson soll nun ein paar Worte auf der Beerdigung sagen. Es fällt ihm schwer. Und so zieht er sich immer mehr in die Vergangenheit der viel zu früh verstorbenen Carson McCullers zurück:
Dass sie einmal ein Wunderkind zur Welt bringen würde, war Marguerite Waters Smith schon immer klar. Deshalb sollte der Stammhalter auch den Namen Caruso bekommen. Caruso Smith – der Hang zur absolut unpassenden (weil unmelodischen, und frei von jedwedem sozialen Zusammenhang) Namenswahl ist also keine Erfindung der Neuzeit. Doch dann kam es anders – aus Caruso wurde Lula Carson, später einfach nur Carson. Als Carson noch Lula Carson war, setzte sie sich ans Klavier der Eltern. Freunde hatte die Kleine keine, zu schäbig, nicht gut für sie, unpassend für ein Wunderkind. Kinderliebe kann schon seltsame Blüten treiben… Und sie klimperte nicht einfach nur so herum, sie spielte Melodien, Lieder. Ein echtes Wunderkind eben! Ihre Mutter sollte recht behalten.

Doch auch Wunderkinder haben ihren eigenen Kopf. Schriftstellerin will sie werden. Auch als an der renommierten Juilliard School of Music in New York angenommen wird, verflüchtigt sich dieser Wunsch nicht. Sie schreibt schon als Teenager Geschichten. Und als sie das Schulgeld verliert, sich aber nicht getraut es zuzugeben, muss sie sich – allein in New York – irgendwie über Wasser halten. Sie schreibt, bekommt sogar Geld dafür und landet mit „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ ihren ersten Erfolg.

Aus Lula Carson Smith, der Wunderkind von Gottes Gnaden, wird Carson McCullers, die bedeutendste Autorin Amerikas, wenn es nach Tennessee Williams geht. Doch um ihre Gesundheit ist es nicht gerade gut bestellt. Die Rückschläge gesundheitlicher Art werden immer häufiger. Die Erfolge auf schriftstellerischer Ebene lassen nicht lange auf sich warten. „Spiegelbild im goldnen Auge“, „Die Ballade vom traurigen Café“ knüpfen nahtlos an „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ an.

Und Reeves, ihr Mann, Namensgeber? Auch er wollte Schriftsteller werden. Mit ihrer ersten Gage kaufte er sich von der Army los. Sie war er ehrgeizig und erfolgreich, er nur ehrgeizig. Reeves und Carson waren füreinander gemacht, doch schafften es nicht im eigenen Glück zu baden…

Das ist alles nur … fiktiv. Kein Ben Jackson! Leider! Doch Barbara Landes nimmt man jedes Wort in ihrer Romanbiographie ab. Jedes Wort, jedes Komma, jedes Adjektiv sitzt und pulsiert. Als ob das einstige Wunderkind Carson McCullers selbst die Feder gehalten hätte. Wenn Romane wie diese Sinnbild für den Spätsommer sind, lassen sie den noch so heißesten Sommer wie eine laue Brise erscheinen.

Sich an eine Biographie zu wagen, die das Objekt der Begierde selbst schon verfasst hat, grenzt an eine Herkulesaufgabe. Von vorneherein zum Scheitern verurteilt, wenn es sich um jemand wie Carson McCullers handelt. Die Leichtigkeit, mit der Barbara Landes der Schriftstellerin gegenübertritt (oder sollte man sagen „neben ihr herschreitet“?) überrascht. 2017 jährt sich Carson McCullers Geburtstag zum hundertsten Mal. Wer jetzt noch vorhat die Schriftstellerin mit einem Buch zu ehren, muss mehr als einen Kniff im petto haben. Ben Jackson, Barbara Landes und Carson McCullers, zwei real, einer erfunden, sind das trio infernale des literarischen Herbstes 2016.

Amsterdam – Eine literarische Einladung

Amsterdam - Eine literarische Einladung

Mal ganz ehrlich: Amsterdam ist in den Köpfen vieler eine Aneinanderreihung von Klischees. Überall Fahrräder mit Personal, Coffeeshops mit entsprechender Klientel und das Rotlichtviertel. Ein Schmelztiegel der Kulturen, also auch sehr tolerant. Und man kann in die Wohnungen hineinschauen, weshalb Gardinenverkäufer in Amsterdam im Speziellen und in Holland im Allgemeinen zum Scheitern verurteilt sind. Tja, mit den Klischees ist das so eine Sache. Irgendwas ist immer dran. Doch die Realität zeigt das ganze Spektrum der Problematik. Ja, Amsterdam kann sich rühmen eine Menge Nationalitäten, und somit auch Kulturen, beherbergen zu können.

Robert Vuijsje bringt es in seiner Geschichte der literarischen Einladung in die holländische Hauptstadt auf den Punkt: Ja, es gibt viele Ausländer, noch mehr, die so aussehen … doch auch untereinander ist man sich nicht immer grün. Oft reicht es sogar aus dem falschen Viertel zu kommen, um kruden Vorurteilen entgegentreten zu müssen.

Auch das lockere Bild der radelnden Amsterdamer wird durch die wilde Fahrweise vieler (der meisten) in die Realität gerückt. Anrempeln ist Volkssport. Vorfahrt gewähren deutet auf etwas hin, das neu und unverständlich wirkt.

Doch blättert man weiter, unternimmt mit Charlotte Mutsaers einen Rundgang durch Jordaan. Oder erlebt mit Annie M. G. Schmidt das Amsterdam der Klischees. Die Giebel, die langjährige Amsterdamer kaum noch wahrnehmen, rücken in den Vordergrund, Grachten werden zu Naturschauspielen, die Touristenträume wahr werden lassen und das lockere, freie Amsterdam bahnt sich den Weg ins Gedächtnis.

Die Stadt scheint wie geschaffen für einen Kurztrip. Alles schnell erreichbar, übersichtlich, durchstrukturiert. Doch erst, wer aus den geplanten zwei, drei Tagen ein, zwei Wochen macht, wird die Stadt kennenlernen können. Die Autoren dieses Buches kennen die Stadt – man kann sich auf ihr Urteil verlassen. Schon längst haben sie die rosarote Brille beiseitegelegt und schauen nun, mal mit Tränen in den Augen, mal mit Zorn, mal mit Wehmut auf „ihr Amsterdam“. Als Leser staunt man, welch Spektrum an Möglichkeiten hier schon immer existierten und sich bis heute darbietet. Wenn der Titel schon eine Einladung verheißt, sollte man sie annehmen. Es erwartet einen ein unterhaltsames Menü mit deftigen Fakten, perfekt gewürzten Appetitanregern und entspanntem Plauschen vor einzigartiger Kulisse.

Wird nun durch dieses Buch das Bild Amsterdams zerstört? Nein, alles nur das nicht! Dieses rote Büchlein trägt seine Farbe nicht umsonst. Es zeigt eine Stadt, die nach und nach ihr altes Kleid der Toleranz abstreift, nicht um es gegen die Uniform der Ablehnung zu tauschen, und sich und dem Leser / Besucher ein neues farbenfrohes Kleid der Aufmerksamkeit und Akzeptanz überzustreifen.

Guter Junge

Guter Junge

Was ein Sommer! Michael Donnelly ist ein aufgewecktes Kerlchen. Anfang der 80er Jahre in Belfast aufzuwachsen, ist kein Zuckerschlecken für einen, der zwischen Phantasie und Pflichtbewusstsein hin- und hergeschubst wird. Auf der einen Seite ist Maggielein, die kleine Schwester, auf die er aufpassen soll. Wenn die was anstellt, bekommt er eine Abreibung. Die Mutter führt ein hartes, und nicht immer faires Regiment, versucht das wenige Geld sinnvoll zu nutzen. Der Vater – naja – er ist da. Paddy ist nicht nur das schwarze Schaf in der Familie, für Mickey ist er einfach nur der dumme Hund. Fartin‘ Martin ist der einzige Freund Mickeys. Doch ihre Wege sollen sich bald trennen. Denn Mickey soll auf eine Eliteschule. Die ist teuer, zu teuer, wie er am Ende des Schuljahres erfahren soll. Glück für ihn, denn so kann er weiterhin mit Fartin‘ Martin zusammen die Schulbank drücken. Auch der ist „was ganz Besonderes“ und darf deswegen auf eine besondere Schule. Wieder ein Traum, der zerplatzt. Noch neun Wochen, um sich auf das neue Leben in der neuen Schule vorzubereiten. Als guter Junge tut man das!

Es ist die Zeit, in der Mickey weiß, dass Belfast aus zwei Teilen besteht: Dem Katholischen und dem Protestantischen. Und als Vertreter der Einen geht man nicht in den Stadtteil der Anderen. Das ist Gesetz! Wer’s trotzdem versucht, wird schmerzhaft erfahren, warum es so sein soll und warum es so ist.

Und so vergehen die Ferienwochen. Das Haus der Donnellys wird von der britischen Armee gestürmt, Paddy, der dumme Hund, abgeführt. Killer, der echte Hund der Familie, den Mami nicht wollte, Papi aber trotzdem besorgte, musste allein zurückbleiben. Nichts passiert, zum Glück! Mickey spielt mit seiner Schwester, aber nicht zu weit weg vom Haus, Mickey weiß warum. Und der Vater fängt wieder einmal an zu saufen. Ferienidylle sieht anders aus.

Zwischen Razzien und Pubertät, explodierenden Bomben und Ferienende flieht Mickey in seinen Tagträumen oft in seine eigene Welt. „Der Zauberer von Oz“ ist sein Lieblingsfilm. Mit seinen neuen Sneakers, nur er benutzt das moderne Wort für Turnschuhe, wie cool, tanzt er die Schritte aus dem Film nach und weiß, dass, wenn er groß ist, er nach Amerika gehen wird. Es ist seine Strategie der brutalen Welt, den von Sicherheit geprägten Regeln zu entkommen. Stumpfe Waffen im Kampf gegen chromblitzende und feuerspuckende Ungetüme. Mickey ist und bleibt der gute Junge!

Autor Paul McVeigh liest am 15. September in Berlin beim Internationalen Literaturfest, am 18. September im Kölner Literaturhaus und ist im November an diesen Tag zu Gast:

15. November – Olpe – Buchhandlung Dreimann

16. November – München – Buchhandlung Lehmkuhl

17. November – Regensburg – Buchhandlung Dombrowsky

Leinwandgöttinnen

Ikonen_Cover Leinwandgöttinen.indd

Sie sind die einzigen Wesen, an die man glaubt, die man anbetet, die wahrhaftig sind – man sieht sie und wirft jeglichen Atheismus über den Haufen: Leinwandgöttinnen. Oscarprämierte zweidimensionale Geschöpfe, die mit ihrer Kunst und Ausstrahlung selbst einem Fahrradfahrer Benzin verkaufen können. Schon das Buchformat gibt den Rahmen vor: Groß(artig), ein Taschenbuch könnte nur Fakten aufreihen. Der vergoldete Leineneinband am Buchrücken lässt einen Hauch von Kinoatmosphäre aufkommen.

Auf dem Titel prangt der Inbegriff der Göttin: Audrey Hepburn. Würden Lexika nur aus Bildern bestehen, so würde man ihr Bild unter Anmut finden. Ihre Verkörperung der Holly Golightly ist das perfekte Gegenstück zum Entwurf der Figur (ursprünglich hatte Truman Capote Marilyn Monroe die Rolle auf den üppigen Leib geschrieben), denn allein sie prägte das Bild des leichtlebigen, und dabei nie bewusst verletzenden Freigeistes für Generationen.

Ihre Namensvetterin Katherine hingegen bekam gleich viermal den Oscar. Sie ist die unangefochtene Göttin unter den Göttinnen. Ebenfalls aus eher wohlhabenden Verhältnissen stammend, waren ihr Ehrgeiz und ihre Sturheit ihr Markenzeichen. Sie verwandelte die Leinwand in ein Zelluloidfeuer, das heute nur noch wenige ihrer Nachfolgerinnen im Stande sind nachzuzeichnen. Resolutes Auftreten, die eigene Meinung vehement zu vertreten und die Abneigung sich als Star bezeichnen zu lassen, gaben ihr das Attribut Göttin.

Nur ein Jahr jünger war Bette Davies. Ein Biest, wenn man nur ihre Rollen betrachtet. Und das ist es, was bis heute nachwirkt. Sie war nie das Glamour-Girl, das es durch massenwirksame Äußerlichkeiten in die Klatschspalten brachte. Sie war böse, gemein, hinterhältig … in ihren Rollen. Für Produzenten und Studiobosse ein Albtraum. Doch ihre Baby Jane und ihre Jezebel sind bis heute der Inbegriff der Teufelin.

Den Autoren gelingt es in kurzen Texten die Anbetungswürdigkeit von fünfzehn herausragenden Schauspielerinnen und Oscar-Preisträgerinnen ins rechte Licht zu rücken. In jedem ihrer Sätze spürt man die Leidenschaft, die die beiden Autoren für Film und ihre Akteure entwickelt haben. Der Leser taucht tief ein ins Leben der Diven (im Englischen wirkt diese Formulierung besser (dive=tauchen, Diva=Göttin) und hat augenblicklich das Verlangen unvermittelt sich Klassiker wie „Rat mal, wer zum Essen kommt“, „Bonnie und Clyde“ oder „Still Alice“ als Abendunterhaltung zu wählen. Meryl Streep, Julianne Moore, Sophia Loren, Liz Taylor, Grace Kelly und andere haben sich schon ihren Platz im Kinoolymp erkämpft. Sie thronen über vielen anderen, die sich noch si abrackern können und nie die Meriten ihrer großen Vorbilder erhalten werden. Die Leinwandgöttinnen stachen durch ihr außergewöhnliches Talent, aber auch ihr Engagement außerhalb der Studios hervor. Manche waren politisch aktiv wie Jane Fonda und Susan Sarandon, sahen ihr eigentliches Lebensziel darin mit ihrer Reputation die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Andere hoben ihre Kunst auf eine neue, höhere Stufe. Bloße Effekthascherei schnell durchschaut und führt nur auf den kurzen Weg des Ruhmes. Lang anhaltenden, immer währenden Ruhm erhält nur wer Außergewöhnliches leistet. So wie diese Leinwandgöttinnen.

Mailand – Eine literarische Einladung

Mailand - Eine literarische Einladung

Eine Stadt in Worte fassen? Wie soll das gehen? Noch dazu eine Metropole, die einzige Metropole Italiens, wie Herausgeber Henning Klüver meint. Schwierig, schwierig. Sollte man meinen! Denn oft beliebt es doch bei einem „wunderbar, schön, beeindruckend“. Beim Wagenbach-Verlag schlägt man da einfach einen Salto (so nennt sich die Buchreihe mit Büchern, die diesem Vorurteil beeindruckend – da ist es wieder! – entgegenstellen) und beweist auf 144 Seiten das Gegenteil. Knallrot, nicht vor Scham, sondern aus Gründen der Aufmerksamkeit, marktschreien die Autoren der Stadt dem Leser ihre Sichtweise auf ihr Milano um die Augen. Ein Fest für die Phantasie, eine Lehrstunde für Besucher, der Beweis, dass man Städte sehr wohl in lose Korsett der Wörter fassen kann.

Wurde in der Geschichte noch blumig von Mailand geredet, so sind es Dichter wie Dario Fo, immerhin Literatur-Nobelpreisträger, die mit Anekdoten ihrer Stadt ein Denkmal setzen. Er war Teil einer Gruppe, die Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Stadt narrten, in dem sie das Gerücht in die Welt setzten Picasso würde nach Mailand kommen. Doch der kam nicht, hatte das auch gar nicht vor. Kurzerhand wurde ein Double engagiert. Helle Aufregung allenthalben. Selbst die Polizei, die die Menschenansammlung auflösen will, gerät in Verzückung als sie vom bevorstehenden Ereignis hört…

Natürlich ist Mailand eine Stadt, die man gesehen haben muss. Auch, weil sie eine Stadt für Flaneure ist. Der, der das behauptet ist Maurizio Cucchi, Mailänder Autor. Er meint, dass sich die Stadt niemandem aufdrängt. Und doch immer präsent ist. Wem sie nicht gefällt, kann das ja gern so halten. Kritik wird hier eh mit einem Schulterzucken hingenommen. Mehr Reaktion sollte man nicht erwarten.

Die in diesem Buch versammelten Autoren vermeiden es wohlwollend die Hotspots der Stadt in den Himmel zu loben. Kommen auch sie nicht ohne Dom und Scala aus, so doch eher im Unterbewusstsein. Das macht wahrscheinlich auch den Charme der Stadt aus: Sie gräbt sich ohne Wunden zu hinterlassen ins Gedächtnis ein. Wie ein Roman, der unauffällig Seite für Seite verschlungen wird, und am Ende wundert man sich, dass man ihn schon ausgelesen hat. Die „Literarische Einladung Mailand“ sollte man nicht ausschlagen. Denn sie ist eine Einladung zum Bummeln, Lernen, Staunen, eine Reisevorbereitung auf höchstem Niveau, Sehnsuchtsauslöser, Träumerei, unterhaltsamer Wegbereiter und –begleiter und ein Erreger persönlichen Jagdtriebes.

Neuseeland live

Neuseeland live

Auf der Liste der beliebtesten Fern- und sogar Auswandererziele landet garantiert immer ein Land: Neuseeland. In der Mitte getrennt durch wildes Wasser, und doch nur im Doppelpack das volle Erlebnis. Schon die Anreise erfüllt alle Merkmale eines Tagesausfluges. Und wenn man endlich am anderen Ende der Welt gelandet ist, will man so viel wie möglich erleben. Wer weiß, wann man mal wieder hierher kommt?! Für die meisten ein einmaliger Urlaub. Und dafür braucht man einen einmaligen Reiseband. Am besten einen, der den Kauf von weiterer Literatur überflüssig macht. Oft durchstöbern Neuseelandreisende schon Monate vorher die Bücherregale und decken sich ein mit entsprechenden Büchern, um ja nichts zu verpassen: Bildbände, Reisebände, Kartenmaterial, Reiseberichte. Nicht nur, dass sich dann im wahrsten Sinne die Balken biegen – die des Bücherregals – sondern auch der Berg an Seiten und Information lassen die Vorfreude etwas verfliegen.

Und dabei ist es doch so einfach. Ein Buch reicht! Dieses Buch. Reichlich vierhundert Seiten, über fünfhundert Bilder, und – das ist der Clou – das Ganze reisegepäckfreundlich auch in digitaler Form. Denn das ComboBook „Neuseeland live“ wird mit eine 8GB MicroSD-Karte angeboten, die den Zugriff auf alles aus dem Buch erlaubt. Als Zusatz gibt es im Buch keine Landkarte zum Herausnehmen, sondern ein Handbuch. Die digitalisierten Infos laufen auf dem PC/Notebook, Android- und iOS-Geräten, existieren als Hörbuch, E-Book und bieten umfangreiches Navigationsmaterial. Und natürlich auch als gedrucktes Buch. Die mitgelieferten SD-und USB-Adapter lassen mögliche Schwierigkeiten ins Reich der Phantasie verschwinden.

Kleiner Tipp: Beginnen Sie mit den Videodateien. Überwältigende Filmaufnahmen in nicht minder exzellenter Auflösung lassen das Herz höherschlagen. Wäre die Landschaft nicht so eindrucksvoll, könnte man fast zu dem Entschluss kommen, dass man gar nicht mehr nach Neuseeland reisen muss…

Neuseeland ist ein Land, das sich sehr gut auf eigene Faust bzw. auf eigenen Füßen erkunden lässt. Ob man nun beispielsweise den Abel Tasman Coast Track sich vorher als pdf-Datei mit Kartenmaterial und zahlreichen Bildern im Vorfeld anschaut, sich mit dem Hörbuch in Urlaubsstimmung versetzen lässt oder das Video wieder und wieder anschaut, die Begeisterung – in erster Linie für die richtige Wahl des Urlaubsgebietes, aber auch für dieses Buch, Hörbuch, E-Book, … – wird nicht nachlassen. Schon seit Jahren versuchen immer wieder Verlage das digitale Segment zu erobern. Nun sind Navigationshilfen, E-Books etc. nichts Neues. Aber die geballte Kraft eines All-in-all-inclusive-Paketes beeindruckt schon lange vor der Abreise. Und die Anreise nach Neuseeland erlaubt das ganze Buch noch einmal zu durchforsten, die Videos noch einmal zu genießen und sich mit dem Hörbuch die volle Dröhnung Neuseeland zu geben. Ein Überraschungsei hat nur drei Dinge auf einmal, „Neuseeland live“ ein unendliche Zahl an Möglichkeiten.

Kronkels

Kronkels

Katzen sind wie Menschen. Sie sind mal nicht gut drauf, mal stromern sie herum ohne festes Ziel. Scheinbar! Als Katzeneltern hat man die gleichen Sorgen wie wenn man eigenen Nachwuchs aufs leben vorzubereiten hätte. Autor Simon Carmiggelt und seine Frau können Katzen nicht widerstehen. Und er, Simon, kann es einfach nicht lassen die schnurrigen Gesellen zu beobachten. Und, was für den Leser noch wichtiger ist: Alles aufzuschreiben! Selbst, wer keine Muschi, Pussy, Mieze oder wie auch immer man die Samtpfoten nun bezeichnen mag, sein eigen nennt, wird dieses Buch immer wieder gern zur Hand nehmen.

Soll man Tiere vermenschlichen? Nein! Doch wenn man sie beobachtet, also sie, die Tiere, kommt man unweigerlich auf den Trichter sie mit Menschen zu vergleichen. Hunger? Ab zum Futtertrog. Beim Menschen heißt der Kühlschrank. Ist man müde, legt man sich hin, streckt alles, was geht von sich und schlummert leise den Träumen entgegen. Was beim Menschen für keinerlei Aufsehen sorgt, ist bei Katzen immer ein Erlebnis. Glaubt man Simon Carmiggelt. Stress vor dem Theaterbesuch? Klar doch, immer wieder gern genommenes Thema. Doch bei Carmiggelt ist es nicht die Frau, die ewig im Bad braucht, noch einmal die Garderobe wechselt. Bei ihm sind es die Katzen. Da kann es schon mal zu Verzögerungen kommen, weil da draußen, vor dem Haus, noch ein Streuner „sein Unwesen treibt“, den man unbedingt aufnehmen muss. Und im Theater? Da sorgt man sich um die lieben Kleinen bzw. ums Haus. Katzen sind halt auch nur Menschen. Wie ihre Besitzer. Nur anders!

Und Hunde? Ebenso. Der Autor war kein Hundebesitzer, aber er mochte sie, beobachtete sie mit der gleichen Leidenschaft wie er seine Katzen mit den wachen Augen eines Neugierigen verfolgte. Und auf seinen Streifzügen durch Amsterdam, wo er bekannt war wie der sprichwörtliche „bunte Hund“, begegneten ihm einige besondere Exemplare: Störrische, Verschreckte, Liebevolle.

Allen Katzen und Hunden seiner Familie und seiner Stadt hat Simon Carmiggelt mit seinen Kolumnen ein Denkmal gesetzt. Und das tagtäglich. Die „Kronkels“ waren mehr als nur ein Spaltenfüller in einer Tageszeitung, manche Leser gingen so weit zu sagen, dass die Tageszeitung das Beiwerk der „Kronkels“ war. Die Geschichten sind nicht lang, doch stecken sie voller Überraschungen und sprudeln vor Wortwitz. Ein bisschen Tucholsky und ein bisschen Kästner. Garniert mit der Spritzigkeit und der Agilität eines wachen Verstandes – das sind die Kronkels von Simon Carmiggelt!