Archiv der Kategorie: aus-erlesen ungewöhnlich

Ein Sack Kopfnüsse

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Autsch, das tat weh! 9. Juli 2006, eine lauschige Sommernacht. Für Zinedine Zidane eine hitzige Nacht. Mit der wohl berühmtesten Kopfnuss setzte sich die Fußball-Legende auch in den Köpfen derer fest, die sonst nicht allzu viel mit Fußball zu tun haben (wollen). Zehn Jahre hat es gedauert bis Kopfnüsse wieder salonfähig wurden, allerdings ohne Schmerzen zu verursachen.

Rätsel zu lösen war schon immer ein besonderer Genuss. Egal welcher Herkunft, welchen Standes man war, des Rätsels Lösung zu finden, gab manch öder Runde den gewissen Kick. Bis heute sind Rätselclubs oder Krimidinner gut besuchte Veranstaltungen. Dieses kleine – nun aber wirklich nicht unauffällige – Büchlein sorgt für so manche Nuss, die es gilt im Kopf zu knacken. Das Knifflige: Die Rätsel haben unterschiedliche Schwierigkeitsgrade, so dass man also nicht vorhersagen kann, ob denn nun ein einfaches oder ein schwieriges Rätsel kommt. Oft ist die Lösung so nah, oft scheint sie nur zum Greifen nah. Die Rätsel reichen von Rechenaufgaben wie die von den neun Goldklumpen, von denen einer unecht und schwerer ist als die Anderen (und man nur zweimal wiegen darf) über die Altersbestimmung eines Leguans bis hin zu logischem Denksport, wenn es darum geht Verhältnisse zu errechnen.

Das Besondere an diesem Buch ist neben den einhundert „diabolischen Knobeleyen“ die besonders liebevolle Gestaltung. Wie ein Schatz aus der Truhe vom Dachboden, die Opi damals von seinen Reisen mitgebracht hat. Ein bisschen angeknabbert, mit vergilbten Klebestreifen und Bildern, die „heute so gar nicht mehr hergestellt werden“. So manche Abbildung erinnert an die Zigarettenbilderalben, die bis heute einzigartig nostalgische Stimmung verbreiten.

Schon das Durchblättern macht einen Riesenspaß. Doch schon bald muss man die ersten Rätsel lösen. Kurz und knackig sind die Kopfnüsse, die die teils exotischen Tiere in diesem Buch dem Mastermind bereiten. Tränen werden fließen, wenn man die Rätsel wieder und wieder durchliest und einfach nicht den roten Faden aufnehmen kann, der das Wollknäuel entwirrt. Keine Angst: Hilfe naht am Ende des Buches. Die Lösungen stehen in einem separaten Heftchen, das in die letzte Umschlagseite eingeschoben ist.

Der Weg zum Schafott

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Du sollst nicht töten! Für dieses hehre Gebot bedarf es keiner Religion, sondern „nur“ gesunden Menschenverstand. Und doch betrachten sich eine Minderheit als Richter über den Tod. Allein 2015 wurden eintausendsechshundertvierunddreißig Todesurteile vollstreckt. Aus China liegen keine genauen Angaben vor. Amnesty International geht von einer Zahl über eintausend aus. Was die 1634 sich fast schon verdoppeln lässt.

Der Staat dient dem Wohle den Volkes und der Gemeinschaft. Er erlässt Richtlinien des Zusammenlebens. Rund zwei Dutzend Staaten bzw. deren Vertreter nehmen sich die Freiheit darüber hinaus auch Richtlinien zur Beendigung des Lebens auszuformulieren und umzusetzen. In einer Zeit, in der das Wort Aufklärung fast schon antiquiert klingt, sollten derart kurzsichtige Entscheidungen wie die Todesstrafe (und vor allem deren Umsetzung) eigentlich in der Mottenkiste ruhen. Doch selbst – nach allgemeinem Sprachgebrauch – hoch entwickelte Länder wie die USA vollstrecken in einzelnen Bundesstaaten noch die Todesstrafe. Getreu dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ werden statistisch täglich mindestens vier Menschen mit dem Segen des Staates ermordet. Mord, weil ein Vorsatz vorliegt. Es sind Mörder, die zum Schafott, zur Giftspritze, zum Galgen geführt werden. Bis ins vorletzte Jahrhundert waren Hinrichtungen noch Opium fürs Volk. Eine Art Rummelplatz mit einer Niete und mehreren Gewinnlosen.

Doch schon immer gab es mahnende Stimmen, die sich gegen die Barbarei des staatlich sanktionierten Mordes wanden. Dass Angehörige von Opfern (vorschnell) dazu neigen das ihnen widerfahrene Unheil gleichermaßen auszugleichen, ist emotional verständlich, rechtfertigt es aber in keinster Weise.

In diesem Buch kommt Koryphäen der Weltliteratur wie Victor Hugo, Charles Dickens oder Fjodor Dostojewski zu Wort. Hugo gibt einem zum Tode Verurteilten eine Stimme, in dem er dem Leser sein (fiktionales?) Leid klagen lässt. Er weiß um seinen Todeszeitpunkt. Elitär und doch irgendwie auserwählt fühlt er sich dabei gar nicht.

Der italienische Aufklärer Cesare Beccaria – damals war das Wort keine Floskel, eher revolutionär – hatte sich schon Mitte des 18. Jahrhunderts als einer der ersten gegen die Todesstrafe gestellt. Wie aktuell seine Worte heut noch klingen…

„Der Weg zum Schafott“ ist keine Anklage, es ist Argumentationsgrundlage und –hilfe für alle, denen Tötungsdelikte, besonders von staatlicher Seite, gegen das Gewissen gehen. Charles Dickens Briefe an den Herausgeber der Daily News und die Erzählung von William Thackeray (beide aus den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts) wurden für dieses Buch erstmals ins Deutsche übersetzt. Es keimt kein Hass beim Leser auf. Es ist ein zustimmendes Kopfnicken, gefolgt von einem verständnislosen Kopfschütteln. Zustimmung für die Argumente der Gegner und Kopfschütteln darüber, dass es immer noch Kleingeister gibt, die meinen, dass mit dem „Kopf ab“ alle Schuld gesühnt ist. Ein nützliches Buch, ein hilfreiches Buch, ein wichtiges Buch!

Die Fahrt der Beagle

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Man stelle sich eine Weltreise vor: Karneval in Rio, Steaks essen in Buenos Aires, Badeurlaub im Pazifik, Whale watching in Kapstadt. Ja, das wär’s! Zumindest in heutiger Zeit. Doch vor knapp zweihundert Jahren waren Reisen auf dem Meer ein echtes Abenteuer. Ob man heil wieder zurückkam, war ungewiss. Die Unbilden des Meeres stellten ein unvorhersehbares Risiko dar und Reiseapotheken waren auch noch nicht so verbreitet. Reiseberichte würden heute in digitaler Form erscheinen. Jeder ist jederzeit live dabei, wenn Berge bezwungen werden, am Strand eine Kokosnuss geöffnet wird oder man vor aufdringlichen Straßenhändlern fliehen muss.

Damals, 1831 bis 1836, war das noch anders. Charles Darwin war gerade zweiundzwanzig und auf dem Weg zu einer Reise, die bis heute für Aufsehen sorgt. Zwei Jahre wollte er um die Welt segeln. Forschen. Es wurden fünf Jahre und er legte den Grundstein für Theorien und wissenschaftliches Arbeiten, auf dem heute noch gebaut werden kann.

Diese reichbebilderte, exzellent illustrierte Neuausgabe des Tagebuchs des großen Forschers fasziniert ab der ersten Seite. Wuchtig liegt es in der Hand. Schwer auszubalancieren, doch die Mühe lohnt sich. Auf seiner zweiten Expedition mit der HMS Beagle führte Charles Darwin pedantisch Tagebuch. Und das erlaubt uns heute schmunzelnd und staunend zugleich einen Blick in die Vergangenheit zu werfen.

Für damalige Verhältnisse kam das Buch einer Revolution gleich. Die von ihm beschriebenen Tiere waren nur wenigen bekannt. Ganz zu schweigen von den Eigenheiten der Tiere. Wo genau leben sie? Wie werden sie gefangen? Welchen Nutzen haben sie für den Menschen? Selbst heute sind noch viele Fragen offen – oder schon wieder?!

Auch der Kapitän der Beagle hat seine Eindrücke damals in einem Tagebuch festgehalten. Auszüge daraus bereichern die Ausführungen des Evolutionstheoretikers Darwin. Zahlreiche Aufnahmen der besuchten Orte, von Flora und Fauna, Skizzen und authentische Fotografien sind Zeitzeugen, die die Faszination Darwins für seine Arbeit hervorheben.

„Die Fahrt der Beagle“ ist der Beweis, dass Reisereportagen anno dazumal nicht weniger spannend waren als heute. Im Gegenteil. Als Vorbereitung gab’s, wenn man Glück hatte, nur Augenzeugenberichte. Keine Reisebände, keine Reisereportagen. Fast wähnt man sich in Kindertage zurückversetzt, als man bei Oma und Opa auf dem Schoß saß und gebannt den Märchen lauschte. Diese Märchen sind echt. Mit jeder Faser seines Körpers stürzte Darwin sich in die wissenschaftliche Arbeit und nicht minder in die Aufzeichnungen. Die Illustrationen sind nicht als Erläuterung der schwer verständlichen Texte zu verstehen. Darwin besaß außer seinem Forscherdrang auch die Gabe andere mit Worten in seinen Bann zu ziehen. Nein, die Abbildungen sind die Gewürzmischung, die diesem Buch erst den richtigen Geschmack verleihen.

Metropolis – Die Stadt in Karten

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Städtereisen haben als eigenständiges Segment des Tourismus durchgesetzt. Mal eben schnell nach Amsterdam – kein Problem. Ein (verlängertes) Wochenende in Paris gehört schon fast zum Standard. Doch so neu wie immer behauptet wird, sind diese Reisen gar nicht. Schon vor tausenden von Jahren reiste man nach Tenochtitlan, Aden oder Damaskus. Ganz ohne technische Hilfsmittel. Die waren, wenn überhaupt vorhanden, nicht mobil. Die Rede ist von Karten, Stadtplänen.

Jeremy Black reist auch, und zwar durch die Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende. Seine ersten Ziele stehen heute kaum noch in den Programmen der Reiseveranstalter. Denn die Städte, die er kartographisch bereist, sind versunken. Manche wortwörtlich, manche wurden ausradiert, manche sind nur noch rudimentär wahrnehmbar. Einzig allein Karten zeugen von einstiger Größe – und der Fertigkeit ihrer Erschaffer.

War das Zentrum der Welt vor vier- bis zweitausend Jahren noch viel weiter im Osten, so verschob sich dieses mit dem römischen Reich nach links (auf den Karten zumindest, jeder Geographielehrer schlägt jetzt die Hände über dem Kopf zusammen: „Das heißt nach Westen!“). Erstaunlich an dieser Aussage ist jedoch, dass es schon so lange Karten gibt. Kunstvoll sind sie, ein wenig unpräzise, aber durchaus brauchbar. Und vor allem hübsch anzusehen. Sizilien als Oval mit Palermo als Kreis in der oberen (nördlichen) Hälfte. Mit so einer Karte könnte man heute nicht mehr viel anfangen. Aber warum auch? GPS im Smartphone, Reisebände in gedruckter oder digitaler Form ersetzen die detaillierten Karten.

Wer sich die Mühe macht und die alten Karten einmal genauer betrachtet, wird überrascht sein, wie viel von damals heute noch zu bestaunen ist. Beziehungsweise wie lange die vorhandenen Strukturen den Veränderungen der Stadtplaner getrotzt haben.

Städte waren seit jeher Sammelpunkte des Fortschritts. Hier wurde Politik gemacht, der Lauf der Welt beeinflusst. Schon lange bevor in Europa der Begriff Zivilisation von Bedeutung war, gab es in China schon Städte mit über eine Million Einwohner. Seite für Seite wird der Leser durch die Jahrhunderte geführt. Eine Karte prachtvoller als die andere! Die dazugehörigen Texte verwandeln den Betrachter in einen echten Experten für Geschichte und Kartographie. Phantasien und Vision (Fritz Langs „Metropolis“ gehört genauso zum Stoff wie eine ungewöhnliche Karte der siebzehn Provinzen der Niederlande in Form eines Löwen) finden hier ebenso Gehör wie fast schon nostalgisch anmutende Stadtansichten von Florenz.

Die beeindruckenden Abbildungen, gepaart mit den kenntnisreichen Absätzen zu deren Bedeutung machen „Metropolis – Die Stadt in Karten“ zu einem besonderen Band, den man sich gern immer mal wieder aus dem Regal holt. Wer als Kind gern in Opas Schrank herumschnüffelt und auf Karten mögliche Routen mit den Fingern nachzog, wird an diesem Buch seine bislang ungestillte Freude haben.

Rettet das Spiel!

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Dieses Buch ist nicht der gedrucktee Beitrag zur Spaßgesellschaft! So viel schon mal vornweg. „Weil Leben mehr als funktionieren ist“, lautet der Untertitel. Das lässt einen erstmal nachdenklich werden. Oft, viel zu oft, hört man, dass der Job Spaß machen muss. Oder man wird gefragt, ob einem dieses oder jenes Spaß macht oder Spaß gemacht / gebracht hat. Erzählen Sie mal Ihrem Chef, dass alles Spaß macht. Der denkt doch gleich Sie wären nicht ausgelastet.

Das Gegenstück sind die Aussagen meist viel zu junger Menschen, für die es eine Ehre war dieses oder jenes tun zu dürfen. Sie sind stolz auf das Erbrachte. Und man sitzt kopfschüttelnd vor der Glotze und denkt sich: „was hat der nur? Dafür wird er bezahlt! Das ist sein Job!“, nicht mehr und nicht weniger. Ehre und Stolz – weil es in der Vergangenheit nicht so viele Missverständnisse und Missdeutungen dieser Begriffe gegeben hätte – sind kaum Begriffe, die in den Alltag gehören.

Der Neurobiologe Gerald Hüther und der Philosoph Christoph Quarch fordern nun, nach Schillers Credo mehr Spiel im Leben. Allerdings nicht in einer Art, die den Verdacht aufkommen lassen, dass das Buch irgendwann auf dem Krabbeltisch der Supermärkte verramscht werden könnte.

Schon Friedrich Schiller erkannte die weitreichenden Dimensionen des Spiels. Dann, und nur dann, wenn also der Mensch spielt, entfaltet er sein Potenzial. Schon seit Längerem IT-Firmen speziell nach ausgebufften Spielern, die in ihrer Freizeit in Onlinespielen vertrackte Situationen zu meistern wissen. Was nun aber nicht heißt, dass jeder Onlinegamer das Zeug zum Superarbeiter oder Supermanager hat. Wer sich voll und ganz entwickeln kann, selbst Strategien entwirft, kommt irgendwann zu der Erkenntnis, diese Denkweisen auch im Alltag oder Arbeitsleben anzuwenden. Eine völlig neue Generation von Mitarbeitern entsteht. Doch auch deren Aufgabenfeld ist begrenzt. Wer den Anschluss verpasst, bleibt zurück.

Inseln der Lebendigkeit nennen die beiden Autoren den Weg zum Spiel und somit zur Zufriedenheit. Doch Vorsicht, auch hier lauern Gefahren. Wer nicht aufpasst, gerät auf die schiefe Bahn. Soll heißen, wird schrittweise in einen Bann gezogen, dem er schwer wieder entkommen kann. Abhängigkeiten, Beeinflussungen, Missbrauch lauern überall. Das Duo Hüther / Quarch gibt auch hier Ratschläge wie man den Fallen der Verlockungen aus dem Weg gehen, sie sogar beseitigen kann.

„Rettet das Spiel!“ ist ein nachdenkliches, aber auch aufrüttelndes Buch, das dem Leser neue Perspektiven des Erlebens zeigt. Nicht immer kann alles von jedem angenommen werden. Gut so! Denn Gleichschaltung ist der Tod des Einzelnen. Und somit auch des Glücks. Geschickt vermeiden die beiden Autoren es ihr Buch als Glücksratgeber anzupreisen. Den gibt es nicht, und wer anderes behauptet, hat den Sinn des Spiels nicht begriffen…

Keine Angst, „Rettet das Spiel!“ ist kein weiterer Spaßratgeber, der den einfachsten Weg zum Erfolg propagiert, und Umwege verteufelt. Wer den Nachwuchs betrachtet, stellt schnell fest, dass der nicht gleich nach dem Klaps auf den Allerwertesten die Schulbank drückt und Lebensstrategien paukt. Durch Ausprobieren, ja Spielen bewältigen Kinder ihre Wissensdefizite. Und von Stress sind sie meilenweit entfernt.

Beide Autoren beschäftigen sich nicht seit den Recherchen zum Buch mit den Themen Philosophie und Lebenskunst im Alltag.

Aufs Korn genommen

Aufs Korn genommen

Viele waren schon mal in einer Situation, in der sie richtig geladen waren, fast schon die Flinte ins Korn geworfen hätten, weil sie jemand auf Korn genommen hatte, sie ins Kreuzfeuer geraten waren und deswegen schwere Geschütze auffahren mussten. Immer dieses „Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln“. Da muss man was auf Lager haben und sich immer wieder auf Vordermann bringen, um nicht aus dem Tritt zu geraten. Ansonsten fahren die anderen mit einem Schlitten, mag gerät aus dem Tritt.  Denn andere springen wohl kaum für einen in die Bresche.

Selbst als überzeugter Pazifist und Waffenablehner kommt man nicht umhin sich der Militärsprache zu bedienen. Manche Redewendungen sind uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir sie schon gar nicht mehr als Stechschritt-Phrasen wahrnehmen. Es besteht nun bei Weitem nicht Gefahr in Verzug, wenn man sich hier und da dieser exakten Sprache bedient. Man kann ja trotzdem noch dem Frieden trauen. Und alle alten Zöpfe abschneiden, würde einem Bildersturm gleichkommen, womit mit der Pazifismus mit wehenden Fahnen dem Untergang geweiht wäre.

Autor H. Dieter Neumann war selbst beim Militär, berufsmäßig. Ob er so manchem den Marsch geblasen hat? Kohldampf hat er auf alle Fälle, denn nun hat er sich dem Schreiben verpflichtet. Der Leser geht mit dem Autor auf Tuchfühlung mit alten Schweden, und zwar ab durch die Mitte. Voll wie eien Strandhaubitze ist man allerdings nur, wenn man dieses Buch hintereinander durchliest. Über einhundert Redewendungen aus dem Kampfgetümmel der Sprache nimmt er unter die Lupe. Kein 08/15-Gerede, sondern fundiertes Wissen aus der ersten Linie. Wer dann noch dumm aus der Wäsche schaut, muss nicht gleich die weiße Flagge schwenken. Er schreibt sich einfach auf die Fahne es noch einmal Kapitel für Kapitel durchzulesen.

Sprache als vorrangiges Kulturgut sollte sorgsam benutzt werden. Worte können verletzen, das weiß nicht nur Lisa Simpson, wenn sie wieder einmal von ihrem rabiaten Bruder Bart eine Breitseite bekommt. Wer sich darauf versteht, Sprache gezielt und gekonnt einzusetzen, ist auf der Gewinnerstraße. Die Buchreihe aus dem Konrad-Theiss-Verlag mit Redewendungen aus allen Gesellschaftsschichten und Zeiten ist ein Paradebeispiel für den korrekten Umgang mit Sprache. Oft werden Phrasen benutzt, um der eigenen Meinung Nachhall zu verleihen. Doch meist falsch! So entstehen Missverständnisse. Und die Wirkung verpufft wie Schwarzpulver, das nicht richtig gezündet wurde.

Satirisches Handgepäck – Nürnberg

1126Nürnberg Satirisches Reisegepäck

Wer mit leichtem Gepäck reist, ist zuversichtlich, manchmal vielleicht sogar blauäugig. Wer mit satirischem Handgepäck reist, findet schnell Freunde. Denn man hat ein Lächeln auf den Lippen, oft, wenn nicht meist, zeigt man Zähne.

Autor Bernd Regenauer ist der Kuppler in der fremden Stadt Nürnberg. Der ist auch der Reiseleiter. Und er trägt sein Herz auf der Zunge. Wer Nürnberg nicht kennt, weiß nach der Lektüre genau, wo was wie zu sehen und einzuordnen ist. Der Franke als Pessimist, die Stadt als offene Geliebte. Leicht im Sinne von austauschbar, bedeutungslos ist dieses Buch nicht. Leichtfüßig sehr wohl. Leicht eingängig auch. Leicht verschmitzt: Auf alle Fälle.

Wer die Michael-Müller-Reisebücher kennt, schätzt die farbig unterlegten Kästen mit den Informationen, die es einem als Reisenden erlauben hinter die Fassaden zu blicken. In der nun endlich ins Rollen geratenen Reihe des „Satirischen Handgepäcks“ wird diese Tradition fortgesetzt, nur hier als Dialekt-Hilfestellung. Fränkisch ist nicht Jedermanns Sache. Da muss man sich reinfuggsen. Wenn es aber einmal läuft, ist man bereit für die Stadt mit der Burg, dem Christkindlmarkt und der Glubberer (den Saisonstart 2016/17 sollte man aber geflissentlich unter den Tisch fallen lassen – ansonsten ist es um die Gastfreundschaft nicht mehr so gut bestellt).

Mit locker formulierten Ratschlägen folgt man dem Autor durch seine Schdadd. Vorbei am alltäglichen Verkehrswahnsinn, hin zum besten Döner der Stadt, ins kuschligste Kino, durch die Gassen bis ins Herz des Nationalgetränkes: Bier. Wo man steht und geht – Brauereien. Würste und Lebkuchen sind genauso klischeehaft mit Nürnberg verbunden wie dieses Vorurteil wahr ist. Lokalpatriotismus auf höchstem Niveau, aber ohne den revanchistischen Beigeschmack. Bernd Regenauer ist halt Kabarettist und schon deswegen von Haus aus tolerant und freigeistig. So sieht er unter anderem den Wegfall von zahlreichen Bäckereien, und verteufelt die Globalisierung des zuckersüßen Geschmacks. Wer also das Prädikat Nürnberger Lebkuchen sucht, muss lange forschen, oft vergebens oder er schaut in dieses Buch. Reschbeggdlos schaut er seinen Landsleuten aufs Maul, ist in seinen Betrachtungen zutiefst subbjeggdief, und als Leser erlebt man diese Stadt einfach andersch.

Ein Reisebuch ist der Diener des Gastes. Er hilft wo er nur kann, gibt Tipps zur Einkehr und Übernachtung, verrät, wo es sich lohnt zu verweilen. Das satirische Handgepäck ist der Entertainer unter den Reisebüchern. Mit einem blinzelnden Auge wird dem Gast – auch wenn er nur für ein paar Stunden über den Weihnachtsmarkt schlendern will – die volle Breitseite fränkisches Nürnberg dargeboten. Und für die Modernisten unter den Reisebuchlesern lohnt es sich doppelt. Denn per QR-Code kann man sich einzelne Kapitel noch einmal vom Autor vorlesen lassen. Dann kommt auch das Fränkische viel besser zu Geltung!

Morgen kommt die Weihnachtsfrau

1130Morgen kommt die Weihnachtsfrau

Weihnachten – eine Zeit, die im Laufe der Jahre sich immer mehr verändert hat. Die ganze Welt ist in rosarote und klebrige Zuckerwatte gehüllt, die Innenstädte duften nach verheißungsvollem verbranntem Zucker und die Menschen sind fröhlich gestresst. Politiker salben in bedächtigem Ton die Untertanen, Hinterbänkler drängen mit wirren Ideen nach vorn. Stimmungsschwankungsfest möchte manche es nennen. Doch es ist und bleiben die höchsten Feiertage des Jahres!

Auch in den Buchmarkt kommt dann regelmäßig – und zum Glück – noch einmal kräftig Bewegung. Neuauflagen von Klassikern und mehr oder weniger witzige Erlebnis-Sammlungen-Zum-Fest fluten die Regale.

Da tut ein Buch mit einem so herausfordernden Titel wie „Morgen kommt die Weihnachtsfrau“ gut. Schon das Titelbild mit der nostalgisch angehauchten Fifties-Lady, die frohlockend ihr Geschenk präsentiert (oder anbietet) verrät es: Hier erwartet den Leser kein Buchstabensalat, hier werden Worte stilvoll und dosiert präsentiert. Und der Bauch wird hinterher auch nicht drücken!

„Morgen kommt die Weihnachtsfrau“ ist ein leckerer Weihnachtskuchen mit ausgewählten Zutaten. Und es stehen die im Vordergrund, die eh immer die Arbeit haben und es allen rechtmachen müssen, können, wollen und auch tun: Die Damen des Hauses! Sie haben ihre eigene Sichtweise auf das Fest der Liebe. Schließlich sind sie von Beginn an involviert, sind Legislative, Exekutive und in manchen Fällen auch Judikative. Sie sind der Weihnachtsstaat mit dem man Staat machen kann. Wird Zeit ihnen ein literarisches Denkmal zu setzen!

Gayle Tufts verteilt Ratschläge, was zum Fest getragen und gehört werden muss. Und sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Während allerorten und jederzeit Klassiker in Top Ten gepresst werden, die dem Mainstream immer mehr die Bedeutung nehmen, t sie tief in ihrer Plattenkiste und ihrem Kleiderschrank. Von Punk bis Klassik ist alles dabei. Wie immer hintersinnig aufgetischt und makellos präsentiert.

Carson McCullers führt den Leser in ihre Welt zurück. Kindheitserinnerungen ohne Schnörkel. Südstaatenidylle – sie wurde 1917 in Georgia geboren – von wegen. Vielmehr die Geschichte eines aufgeweckten Wunderkindes, das langsam beginnt eigene zu gehen.

Zum Abschluss Barbara Krohn endlich die Weihnachtsfrau erscheinen, auferstehen für den Helden Heinrich. Dem ist so gar nicht nach Weihnachten zu Mute. Doch seine Kinder stimmen ihn um. Glücklicherweise sind sie nicht vom Mainstream-Fieber erfasst und werfen die Frage in den Raum, warum es eigentlich immer der Weihnachtsmann sein muss. Warum nicht mal eine Weihnachtsfrau?

Ganz einfach! Weil es dank solcher Geschichten Bücher wie dieses gibt. Ideal zum Verschenken, denn hier stimmen sich Aufmachung und Inhalt perfekt aufeinander ab. Dieses Buch unterliegt nicht dem alljährlichen Nachweihnachtsritual des Umtauschens! Und wer ganz der Tradition folgend, es nicht erwarten kann, darf auch an den verbleibenden 360 Tagen des Jahres immer wieder drin schmökern.

Der Mensch

Der Mensch

Dieses Buch ist das persönlichste Buch, das man haben kann. Denn es geht um jeden einzelnen von uns. Für Kinder geschrieben, aber bei Weitem nicht nur für Kinder gemacht. Den ersten Kinofilm, den man je gesehen hat, schaut man sich ja auch immer wieder gern an. Und außerdem: Was wissen wir schon über uns? Ganz ehrlich? Nach der Lektüre dieses Buches müssen die meisten von uns bekennen: Nicht viel. Wer weiß schon aus wie vielen Bausteinen wir bestehen. Mal raten? Eine Million, hundert Millionen. Falsch, ganz weit weg – siebenunddreißig Billionen Zellen ist jeder von uns schwer, leicht, wert … was auch immer. Das sind zwölf Nullen hinter der Siebenunddreißig. Allein unser Gehirn besteht aus sechsundachtzig Milliarden Nervenzellen. Und die sind manchmal alles bis zum Zerbersten angestrengt. Beim Lesen dieses Buch aus Verwunderung! Noch eine Zahl gefällig? Bevor wir wir sind, müssen wir uns zum ersten Mal einem Kampf stellen. Aber keine Angst, so viele Gegner werden wir nie wieder haben (es sei denn wir werden Diktatoren). Im Kampf um die eine Eizelle, die aus uns was macht, müssen wir uns gegen dreihundert Millionen Mitbewerber, Samenzellen, durchsetzen. Das ist eine Drei mit acht Nullen.

Es ist eine Wohltat dieses Buch zu lesen und nicht im Krabbeltisch der Pseudowissenschaften nachlesen zu müssen, dass der Mensch Mensch heißt, weil er ein Mensch ist. Sondern sich selbst anatomisch (schon allein die leicht verständliche Worterläuterung im Buch zeigt, was auf den Leser zukommt) durchzublättern.

Der menschliche Körper ist ein wahres Kraftwerk – Wunder verbringt er nicht, versteht es aber immer wieder zu verblüffen. Zahnweh muss nicht zwangsläufig auf zu viel Süßes hinweisen. Die Ursache liegt manchmal viel tiefer, bzw. weiter unten, zum Beispiel in den Füßen. Klingt komisch, … naja Sie wissen schon … ist aber so! Der Körper kann sich selbst heilen. Wenn wir Fieber haben, fühlen wir uns schlapp. Aber Fieber ist eine Abwehrtechnik des Körpers. Durch den Temperaturanstieg werden die Eindringlinge in die Flucht geschlagen.

Dieses Buch kann man nicht beschreiben. Man kann es schreiben, das hat Jan Paul Schutten bewiesen und mit Floor Rieder die wohl beste Wahl bei der Illustratorin gefunden. Ihre Bilder zeigen anschaulich für Groß und Klein wie wir ticken. Die Fülle an Informationen hebt dieses Buch auf einen besonders hohen Thron. Immer wieder wird man das eine oder andere Kapitel durchlesen. Und Staunen. Und Lernen. Und Freude daran haben. Es in einem Ritt durchzulesen, ist schwierig, weil so viele Informationen, so viel Neues erst einmal verarbeitet werden muss. Aber es schadet niemandem immer wieder ein Kapitel als Stimmungsaufheller zu lesen und das Blut zum Kochen zu bringen. Was man übrigens nicht machen sollte. Denn Blut ist einer der wichtigsten Indikatoren für unseren Gesundheitszustand. Für den Wissensdurst gibt es dieses Buch.

Alles Mythos! 24 populäre Irrtümer über Weihnachten

1212Alles Mythos - 24 populäre Irrtümer über Weihnachten

Na, auch schon mal zum Fest der Liebe selbiges ad absurdum geführt? Oder Jesus’ Geburt gefeiert? Einer Frau Parfüm oder / und einem Mann Technik geschenkt, weil man das halt so macht? Oder ungesundes Weihnachtsgebäck geschlemmt? Ja, Weihnachten ist ein tolles fest: Es gibt Geschenke, die Familie sitzt friedlich und komplett beieinander und alle haben sich lieb.

Oder auch nicht. Denn die Trennungsraten sind an Weihnachten höher als sonst. Allerdings werden zu dieser Zeit bedeutend mehr Kinder gezeugt. Das zeigen die Geburtenraten im September. Der Weihnachtsspeck hält sich auch eine Weile. Weihnachten darf man mal kulinarisch über die Stränge hauen. Auch wenn’s ungesund ist,… es schmeckt halt einfach. Dabei übersieht man dabei – Achtung, jetzt kommt eine Ausrede, die man guten Gewissens benutzen kann! – dass doch viele Weihnachtspezialitäten sehr gesunde Zutaten enthalten. Man denke nur an Früchtebrot. Oder die außergewöhnliche Vielfalt, die überall kredenzt wird. Ach ja, Frauen und Parfüm und Männer und Technik – das muss nicht immer stimmen. Meistens stimmt’s nicht! Aber dafür gibt es auch in diesem Buch keine allgemeingültige Regel.

Aber ansonsten ist dieses Buch eine wahre Fundgrube für unser „profundes Wissen“ über die geistreichste, liebenswerteste, besinnlichste Zeit des Jahres.

Es ist erstaunlich wie viel wir über Weihnachten NICHT wissen. Beziehungsweise wie viel Falsches wir über Weihnachten wissen. Es beginnt schon bei der Ortsbestimmung. Lag Jesus in Bethlehem oder doch in Nazareth? Tourismusmanager aus Bethlehem schwitzen jedes Jahr, wenn die vermeintlichen Wissenschaftsmagazine im TV wieder ihre Praktikanten ausschwärmen lassen, um den „Großen Mythen Weihnachtens“ auf den Grund zu gehen. Aber ist es nicht eigentlich egal? Nein! Wenn man schon feiert, dann sollte man schon wissen warum.

Das Titelbild macht es schon deutlich: Weihnachten ist zum Konsumfest verkommen. Es deswegen verteufeln oder gar abschaffen – es gibt ja immer wieder mal ein paar Querköpfe, parlamentarische Hinterbänkler oder Landesfürsten, die sich mit kruden Aufforderungen in die erste Reihe katapultieren wollen – wäre der falsche Weg. Es ist eine ganz natürliche Entwicklung. Und mal ehrlich: An Weihnachten zu Hause sitzen, keine Geschenke auspacken, keine lukullischen Sünden begehen, wäre auch nicht das Wahre. Einziger Vorteil (vielleicht) wäre vielleicht ein annehmbareres Fernsehprogramm.

Claudia Weingartner hat – das wird einem sofort klar, wenn man nur ein paar Seiten gelesen hat – Dutzende von Büchern gewälzt, Statistiken ausgewertet und Vorurteile gesammelt. So überrascht manch einer unterm Weihnachtsbaum schaut, so verblüffend ist die Vielfalt an Mythen ums Fest. Mit erstaunlicher Akribie seziert sie jeden einzelnen Mythos, entkräftet ihn oder stellt fest, dass an jeder Legende etwas Wahres hängen kann. Es liegt am Leser wie viel Mythos er (v)erträgt. Fakt ist, dass dieses Buch Weihnachten in diesem Jahr in einem gänzlich anderen Licht erstrahlen lässt. Naja, so lange das Licht strahlt und nicht glimmt…