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Staub

Wie wählt man ein Buch aus, dass man als nächste lesen will? Entweder weiß man schon wonach man sucht, weil man etwas darüber gelesen oder gehört hat. Dann ist die Wahl wie Einkaufen im Supermarkt: Zum Regal gehen, das Buch nehmen, bezahlen, lesen. Oder man sucht einfach nur nach einem Buch, das einem interessant erscheint. Dann ist die Optik des Buches von entscheidender Bedeutung. Würde im Falle von „Staub“ das Cover ganz neutral gestaltet und nur der Titel zu sehen sein, könnte man es als „Ratgeber für die moderne Frau“ erachten. Wie entferne ich staubige Flächen nachhaltig und ohne großen Aufwand?

Doch so ist es nicht. Ein vollbeladener Kipptruck hat gerade seine Ladung abgeladen. Eine dichte Staub(!)wolke vernebelt die Sicht. Dazu noch der Name des Verfassers, Kalka, welcher den Namen Kalk in sich trägt (wer schon mal einen Kalksack fallen ließ und danach von dem weißen Zeug eingesudelt wurde, kennt das Gefühl Atemnot zu spüren und den Horizont direkt vor Augen zu haben). Ja, es geht um Staub! Staub im engsten Wortsinne, Sternen- (auch Sonnen-)staub und überhaupt alles, was man mit dem Begriff Staub in Verbindung bringt.

Sofort stellt sich dem Betrachter, der das Buch noch nicht aufgeschlagen hat, die Frage, warum? Warum ein Buch über Staub? Warum nicht, könnte die lapidare Antwort lauten. Joachim Kalka ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Das originäre Kulturgut, die Sprache, ist sein Metier. Fast erscheint es vor dem geistigen Auge des Lesers, inzwischen hat man der Neugier nachgegeben und das Buch geöffnet und ein bisschen darin geblättert, fast schon erscheint es längst fällig, dass ein Buch wie dieses in den Regalen der Buchhändler steht. Denn Staub ist tatsächlich ein Bestandteil der europäischen Literatur. Von Goethe und Lichtenberg bis Verlaine spielt Staub unterschiedlichste Rollen in den Texten der Verfasser. Staub ist Bestandteil wissenschaftlicher Untersuchungen. Und aktuell – überhaupt nicht beabsichtigt wie der Autor versichert – ist Staub eines der Aufregerthemen im Wahlkampf. Feinstaub, Mikroplastik und so weiter.

Das Buch in Worte zu fassen, ist in etwa so einfach wie kleine Plastikkügelchen aus einem Fußball-Hartplatz zu entfernen. Der Weg ist das Ziel – diese asiatische Weisheit kommt dem Lesevergnügen dieses Buches ziemlich nah. Denn es ist ein Erlebnis dieses staubtrockene Thema derart elegant umgesetzt sehen zu dürfen. Keine Arbeiterromantik, keine Epidemie-Hysterie (Staublunge etc.), auch nicht schlussargumentative Diskussionsgrundlagen für die Themen der Zeit. Joachim Kalka zeigt, dass dem Thema Staub schon immer ein Zauber innewohnte. Intellektuell ansprechend und keineswegs unkontrolliert aufwirbelnd.

Trinker, Cowboys, Sonderlinge

Jede Zeit hat ihre Helden, und jede Epoche hat ihren eigenen Titel. Da war das Zeitalter der Industrialisierung, das Zeitalter der Entdecker. Was wird man wohl in Zukunft über die Zehnerjahre des 21. Jahrhunderts sagen? Das Jahrzehnt der Clowns?! Denn das, was so manches Staatsoberhaupt absondert, war vor Jahren noch undenkbar. Wenn Donald Trump die Finger über die Tastatur fliegen lässt und einen Tweet nach dem anderen absetzt, spüren viele einen Würgereiz, andere bekommen es mit der Angst, manche müssen einfach nur lachen. Doch wer denkt, dass Trump ein Erzeugnis der Gegenwart ist, täuscht sich. Politiker der USA, und vor allem die Präsidenten hatten schon immer einen Hang zum Skurrilen. Ronald D. Gerste kennt sie und ihre Eigenarten.

Acht Jahre – zwei Amtszeiten – führte Andrew Jackson die Geschicke der Vereinigten Staaten. Er begründete die Demokratische Partei so wie sie heute noch weitgehend existiert. Auf dem Papier, und nach üblicher europäischer Lesart, also ein durchaus würdiger Präsident, der bestimmt viel Gutes bewirkt hat. Der siebte Präsident der USA war aber darüber hinaus auch ein Mörder. In einem Duell, bei dem er zunächst verwundet wurde, erschoss er seinen Kontrahenten. Der Grund war ein – für heutige Maßstäbe – belangloser Streit. Auch der Weg ins Weiße Haus war nicht durch einen fairen Wahlkampf geprägt. Bereits 1824 wollte Jackson das oberste Amt im Staatenverbund haben. Doch eine bis dato und bis heute beispiellose Schlammschlacht verhinderte seine Bestrebungen. Erst vier Jahre war sein Ego beschwichtigt worden. Auch dieser Wahlkampf kann getrost als schmutzig bezeichnet werden. Kriegsheld und Meuchelmörder – unter seinem Befehl ließen hunderte von Indianern auf den nicht selbst erwählten Schlachtfeldern ihr Leben, anschließende Abscheulichkeiten wurden nicht oder kaum geahndet – auch das war Andrew Jackson.

Die schillerndste Figur in diesem mehr als lesenswerten Buch ist sicherlich John F. Kennedy. Dessen Affären sind hinlänglich bekannt. Doch Ronald D. Gerste findet auch im politischen Leben, insbesondere in seinem Aufstieg, den einen oder anderen Schattenfleck, der je nach Vorbildung des Lesers mehr oder weniger bekannt sein dürfte.

Je mehr man sich in dieses Buch vertieft, was bei der Detailfülle und eingängigen Sprache sehr einfach ist, kommt man aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Angsthasen (Nixon), Bürokraten (Truman) und Waffennarren (Roosevelt) sind bloß die Spitze eines Eisbergs an Präsidenten, die nach heutigen Maßstäben nur noch in populistischen Parteien Gehör finden könnten. Trump als Typus einen neuen Politikers? Da waren andere vor ihm da und haben weitaus mehr auf dem Kerbholz als der aktuelle Präsident, für den sich die meisten Amerikaner, die in Europa urlauben, entschuldigen.

Elf Nächte und ein Tag

Jahrelang waren der Erzähler und Theodor unzertrennlich. Ein Paar wie Pech und Schwefel. Scham, Eitelkeit und Verantwortung nur sich selbst gegenüber. Abgeschottet in ihrer Welt. Die Welt der Anderen war im besten Fall das Geländer, an das man sich lehnt, wenn man droht zu fallen. Und Theodor und er fielen sehr oft. Sprichwörtlich wie sinnbildlich.

Studierte in ihrer eigenen Welt, die sie mit Anarchie zu einer besseren machen wollten. Rückschläge? Oh ja, bitte welcher solle es denn heute sein? Ihre Gedanken kreisten immer nur um sich selbst. So sehr, dass sie ihre Wünsche aus den Augen verloren. Theodor hatte sich durch Dostojewski dazu anstecken lassen, Sankt Petersburg besuchen zu wollen. War das eine Flucht aus dem Mief der eigenen (selbsterschaffenen) Enge?

Gevatter Tod war schneller. Der Gedanke vom Selbstmord übernahm die Regie im Dasein von Theodor. Unmerklich, doch unaufhörlich. Bis er Gestalt annahm. Nun ist der Erzähler allein. Allein im Beruf als Security-Angestellter. Nacht für Nacht dreht er seine Runden nun allein. Und wieder (oder immer noch?) umkreisen ihn seine Gedanken. Theodor ist immer noch präsent. Er ist nicht tot! Nicht so lange nicht Sankt Petersburg wie ein Licht in dunkler Nacht aus dem Nichts emporstrebt und Theodor zum zweiten und endgültigen Mal in den Staub der Geschichte zieht.

Ist man selbst stark genug, um einen anderen zu töten? Der Erzähler ergeht sich in endlosen, nur für ihn verständlichen Gedankenspielen, während er stupide seine Runden dreht. Ein Weltverbesserer war er nie. Umsturzideen hatten er und Theodor genug. So grau die Theorie sein mag, so lähmend ist sie auch im Falle der beiden engsten Freunde. Ihnen reichte es über sich und die Zukunft zu reden.

Jetzt ist alles anders! Theodor ist nicht mehr. Und mit einem Mal ist die Vergangenheit präsenter als die Gegenwart und es die Zukunft jemals war.

Christoph Dolgan drischt mit der verbalkeule auf den Leser ein. Auf seinen reichlich zweihundert Seiten nutzt er einen größeren Wortschatz als so mancher Autor in seinem Sechshundert-Seiten-Schmöker. Es braucht ein paar Seiten bis man sich in das Buch eingelesen hat. Ist man aber einmal im Fluss mit dem Erzähler öffnet dieser dem Leser eine Welt voller Einsichten. Das beginnt schon beim Einband. Eine Mischung aus Bauhaus und der Verneigung vor dem Kabinett des Dr. Caligari. Das lässt tief blicken…

Belgien fürs Handgepäck

Es ist ein regelrechtes Auf und Ab der Gefühle, das dieses Buch hervorruft. Da ist die Rede von einem Land, Belgien, das im wahrsten Sinne des Wortes keine Einwohner, nämlich keine Belgier. In ihm wohnen Flamen und Wallonen, und eine deutsche Minderheit. Flamen und Wallonen sind wie Schalke- und Dortmundfans. Man nimmt zähneknirschend zur Kenntnis, dass es die anderen auch gibt. Aber ansonsten bleibt man lieber unter sich.

Doch dann kommen wieder Momente, die Flamen und Wallonen – unsichtbar – vereinen. Genau dann, wenn es um den Genuss geht. Das fängt bei den Fritten an, zweimal frittiert und so knusprig, dass jede Idee vom Kalorienzählen im Halse stecken bleibt. Und es geht weiter, wenn Bier und Schokolade – getrennt – ins Spiel kommen. Mit jeden Sinn ansprechenden, anspringenden Worten fließen die Zeilen die Kehle hinunter und lassen dem Leser nur noch die Wahl des Abfahrtsdatums Richtung Belgien. Denn dort wartet das Schlaraffenland aus Kakao und Hopfen.

Hat man sich davon erholt, zerrt einen die Geschichte wieder auf den harten Teppich der Realität zurück. Genau dann, wenn Belgiens weniger ruhmreiche Geschichte als Kolonialmacht und deren noch unrühmlicheres Ende zur Sprache kommt. Die letzten Tage von Patrice Lumumba, dem ersten demokratischen Präsidenten des sich von den Fesseln Brüssels befreiten Kongos, lassen das Blut in den Adern gefrieren.

Belgien auf der Liste der Reiseziele zu haben, heißt ein kleines Abenteuer einzugehen. Prachtvolle Städte wie Brüssel, museale Urbanität wie in Brugge, gentrifiziertes Großstadtgehabe wie in Antwerpen oder lauschige Uniatmosphäre wie in Leuven – Belgien ist eines der abwechslungsreichsten Länder in der Mitte Europas. Und dazwischen liegt eine Kultur, die als einzigartig bezeichnet werden darf.

„Belgien fürs Handgepäck“ ist mehr als nur ein Lesezeitvertreib, um die Bahnfahrt von Antwerpen nach Namur (rund zwei Stunden) kenntnisreich zu vertreiben. Die Artikel sind so abwechslungsreich wie das Land selbst. Die Reihe „Handgepäck“ ist für jedermann auf Reisen ein tiefer Brunnen voller Eindrücke über ein Land, das man noch zu erkunden hofft. Dieses Buch führt mal satirisch-ironisch, mal sachlich analysierend, aber auf jeder Seite unterhaltsam den Leser in eine Kultur ein, von der man weniger weiß als man vermutet, die man aber besser versteht, wenn man dieses Buch gelesen hat.

Der Teufel, natürlich

Da will man jemandem was Gutes tun … und der Schuss geht voll nach hinten los. Oder man will jemand aus Angst selbst enttarnt zu werden in die Pfanne hauen, und fällt in die Grube, die man selbst ausgehoben hat. Da müssen doch höhere Mächte am Werk sein! Nicht immer. Manche nennen es Schicksal. Manche erkennen in solchen Taten den Teufel. Nüchtern betrachtet ist es ausgleichende Gerechtigkeit.

Für Andrea Camilleri war – ja, leider muss man es nun so sagen: Es war. Andrea Camilleri schloss am 17. Juli 2019 endgültig die letzten Seiten seines Lebensbuches – war es fast schon ein diabolisches Vergnügen dem Menschen einen Spiegel vorzuhalten, ohne dabei den berüchtigten Zeigefinger warnend zu schwenken.

Diese Geschichtensammlung kann man nicht in Auftrag geben. Sie wird einem angeboten. Und das Angebot sollte man annehmen! Schon allein die erste Geschichte der Philosophen Jean-Paul Dassin und Dieter Maltz zeigt Camilleris Fähigkeit Fiktion und Realität in einen einmaligen Einklang zu bringen. Beide Philosophen kannten sich nicht. Die Medien heizten durch Spekulationen, dass Dassin der Literaturnobelpreis zugesprochen werden solle, jedoch die Feindschaft an. Maltz ließ das kalt. Er als sich die Politik einzumischen versucht, nimmt Maltz die Herausforderung an. Die Akademie, die den Preis verleiht, sieht sich gezwungen, Dassin aus dem Kreis der Anwärter zu streichen. Zu viel öffentliches Interesse, könne die Wahl beeinflussen. Maltz schreibt in einer derart überhöht satirisch über Dassins Werk, dass nun niemand mehr umherkam, Dassin den Preis schlussendlich doch zuzusprechen. Die Satire war derart gut zwischen den Lobeshymnen versteckt, dass niemand die spitze Zunge auffiel.

Der Teufel steckt halt immer im Detail. Doch selbst, wenn man ihn erkennt, nimmt man ihn nicht ernst. Doch das Ende der Geschichten ist nicht immer vorhersehbar. Ein Einbrecher entdeckt verräterische Fotos und zwei Briefe der Erpressten. Ihr Verführer hat sie beim heimlichen Liebesspiel fotografiert. Sie solle zahlen, dann bekäme sie die Negative. Doch der Erpresser dachte gar nicht daran die Kuh, die er molk auf die Weide zurückzulassen. Er wollte mehr. Für die Verführte eine delikate Angelegenheit, denn sie war die Ehefrau eines angesehenen Mannes. Der Erpresser lässt in einem Anflug von Edelmut ihr die Fotos zukommen. Sie hatte die Fotos und die Affäre schon fast vergessen, die Zeit heilt alle Wunden. Doch dann beginnt der Todeskreislauf von vorn …

„Der Teufel, natürlich“ ist nur wenige Tage nach seinem Tod auf Deutsch erschienen. Dreiundreißig Geschichten, die nur von ihm geschrieben werden konnten. Den Finger in die Wunde legen und zu behaupten, dass er es doch gleich gesagt hätte, dass es schief geht, war nicht sein täglich Panino. Aber ohne Schadenfreude zu beobachten wie Pläne sich ins Gegenteil verwandeln, den Prozess des Niedergangs zu beschreiben, gelang mit einer Leichtigkeit und Präzision, die jedem Diamantenschleifer die eigene Unzulänglichkeit vor Augen führt.

Für jede Seite, jeden Absatz, jedes Wort sollte man Andrea Camilleri ein Denkmal setzen. Mit Tränen in den Augen fliegt nicht über die Sätze, man taucht in die Geschichten ein. Luftholen unnötig. Camilleri erstickt den Leser mit einem zufriedenen Gefühl, dass man derartigen Schicksalen bisher aus dem Weg gehen konnte. Man ist aber nun auf der Hut!

Und ewig lockt das Haar

Eine Thema, das die Leserschaft spaltet: Haare. Lang, kurz, blond, dunkel, dicht oder licht. Mythen ranken sich ums Haar, siehe Samson, dem sein Haar unendliche Kraft verlieh. Wallende Mähnen zeugen von Eleganz und Verführung. In jüngster Vergangenheit ist es sogar wieder chic es im Gesicht wuchern zu lassen.

Da kommt dieses Buch gerade recht. Keines der üblichen Geschenkbücher ohne Mehrwert, das als Spaß dem beschenkten ein wenig foppen soll. Gerhard Staguhn – kein Bartträger, mit vollem Haupthaar – macht sich auf die Suche nach dem Haar in der Suppe des Lebens. Und er findet viele Haare, sprich viele (Haar-)Ansätze sich dem Thema zu nähern. Kahle Stellen hinterlässt er nicht.

Zunächst einmal ist Haar nichts anderes als ein körpereigener Stoff, der nicht fest mit dem menschlichen Körper verbunden ist. Wer schon mal ein Büschel Haare nach dem oder während des Duschens in der Hand hielt, weiß davon ein Lied zu singen. Pro Tag wächst das Haar rund einen halben Millimeter. Rund eine halbe Million Haare besitzt der Mensch, ein Viertel davon auf dem Kopf. Soweit die Fakten, so viel zu den Zahlen. Und schon angelockt worden, von der Zahlenpracht der Haare?

Wenn ja, dann ist dieses Buch eine willkommene Leseabwechslung. Denn nun beginnt eine Reise, die man so nicht erwarten kann. Erstaunlich, was man alles zum Thema Haare herausfinden kann. Von der Religion über biologische Gegebenheiten bis hin zur Kunst und der erotischen Seite des Haares.

Immer tiefer wühlt Gerhard Staguhn in der Wolle, die der Mensch abschüttelte als er von der die Bäume verließ und in der Savanne seinen neuen Lebensraum fand. Eine nie endende (Glücks-)Strähne für den Leser voll spannender Anekdoten und wissenschaftlicher Erkenntnisse.

„Und ewig lockt das Haar“ ist vielleicht kein Buch, das man gezielt sucht. Hat man es einmal entdeckt und ein wenig darin herumgeblättert, fällt einem die Entscheidung sehr leicht weiterzublättern. Ein Zufallsfund, den man gern weiter empfiehlt.

Eisbären

Eine Frau liegt in ihrem Bett. Ihr Mann muss noch arbeiten. Dann endlich! Er ist da! Endlich ist ihr Mann wieder zuhause. Doch die Situation ist ein bisschen fremdartig. Sie solle das Licht ausgeschaltet lassen. Sie will reden. Er auch.

Fünf Jahre sind sie nun schon Sie und Walther. Er nennt sieliebevoll Eisbär. Immer wieder läuft ihr ein wohliger Schauer über den Rücken, wenn er sie mit diesem Kosenamen ruft. Seit damals als sie sich im Zoo – bei den Eisbären – kennengelernt haben.

Und seit diesem Tag ist ihre Liebe unverbrüchlich. Sie wächst sogar mit jedem Tag, den sie gemeinsam verbringen. In dem Gespräch im Dunkeln – was man als Synonym ansehen kann – ziehen jedoch kleine dunkle Wolken am Horizont auf. Wie war das damals? Als sich bei den Eisbären trafen. Sie wartete. Nicht auf Walther. Auf einen anderen. Walther war der Charmeur, der einem Fahrradfahrer Benzin verkaufen kann. Und schon war es um sie, um sie beide geschehen.

Fünf Jahre ist das nun her. Sie wartet voller Sehnsucht, dass er endlich nach Hause kommt. Ihr Schlafzimmer ist tief ins Schwarz der Nacht getaucht. Ein Geräusch. Ja, es ist Walther. Und dann dieses Gespräch. Kein Smalltalk unter Eheleuten á la „Wie war Dein Tag?“.  Je tiefer die Nacht die Szenerie aufsaugt, desto düsterer wird den beiden ihr eigenes Schicksal klarer vor Augen geführt…

Über 50 Jahre ist diese Kurzgeschichte von Marie Luise Kaschnitz nun schon alt. Alters- oder gar Gebrauchsspuren sucht man vergebens. Das Ende … das Ende könnte selbst ein Stephen King nicht plötzlicher auf Tapet bringen. Das Außergewöhnliche an dieser Ausgabe der Kunstanstifter ist seine künstlerische Gestaltung. Karen Minden hüllt die anfangs unscheinbare Story in eine anfangs wattegefütterte Auflage. Man möchte sich einkuscheln, um der Frau und ihrem Walther nahe zu sein. Denn so viele Zuneigung verlangt nach Teilen mit Anderen. Mit reduzierter Farbpalette in Blau, Weiß und Schwarz taucht man ein in eine Welt, in der am Ende nicht mehr ist wie es anfänglich war. Marie Luise Kaschnitz als auch Karen Minden brauchen nur wenige Sätze bzw. Pinselstriche, um den Leser in ihren Phantasien zu fesseln.

Viva

Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon – und schon hat man ein schmackhaftes Gericht, das nährt und die Sinne anregt. Jeder passionierte Koch kennt das! Als Schriftsteller tappt man schnell in die Falle des Faselns, der Unkorrektheiten. Patrick Deville hat mehrmals bewiesen, dass Fiktion und historische Fakten durchaus eine Liaison eingehen können, die auf Gleichberechtigung basiert. Er verwob die Geschichte Kampucheas zu einem atemberaubenden Thriller. Er durchstreifte das dunkle Herz Afrikas, den Kongo. Und er ließ eine Arzt und einen Abenteurer ihrem Drang nach Erlösung folgen. Nun also Mexico. Trotzki, Kahlo, Lowry. Leo, Frida, Malcolm.

Lew Dawidowitsch Bronstein ist viel und weit gereist. Von Sibirien über Finnland, Frankreich und den Balkan bis nach Istanbul. Er sah New York, Kanada und ist nun in Mexico gelandet. An seiner Seite, seine Frau. An seinem Herzen sein Pass. Sein gefälschter Pass auf den Namen Trotzki. Der Maler Diego Rivera konnte den Präsidenten, nicht nur die mexikanischen Behörden, überzeugen den Geflüchteten – einen Weltenbummler konnte man Trotzki wegen seiner zahlreichen Flüchte nun wirklich nicht nennen – Asyl zu gewähren. Wohnen wird er bei Frida Kahlo, der Malerin. Wäre alles nicht so tragisch, könnte man dieses Asyl als das Sommerhaus der Stars bezeichnen.

Malcolm Lowry ist ein mittelloser Schriftsteller, der von den Almosen seines Vaters lebt, die er sich pünktlich am Monatsersten persönlich an einem Bankschalter ins Portemonnaie steckt. Er hat große Pläne. Den Liebesroman zu schreiben, auf den die Welt gewartet hat. „Unter dem Vulkan“ wird er heißen, wird erfolgreich sein.

Rund um das Blaue Haus, dem Haus Frida Kahlos, schwirren weitere gestalten der Geschichte. Wie zum Beispiel B. Traven, der sagenumwobene Schriftsteller, der Mexico auf das literarische Aufmerksamkeitstableau hievte. Ob sich alle tatsächlich getroffen haben, ob sie sich mochten, sich anregten, mag bezweifelt werden. Doch der unbestechliche Schreibdrang, den Patrick Deville einmal mehr an den Tag legt, lässt diese Fragen erst gar nicht aufkommen. Alles könnte in den Tagen des Jahres 1937 wirklich so gewesen sein. Ein Jahr, in dem Spanien im Bürgerkrieg ertrank. Der deutschen Kultur die Grundlagen genommen wurden und die Welt in den gefräßigen Schlund des Krieges schaute.

Ein wenig Vorbildung ist  wie bei allen Romanen von Patrick Deville – schon vonnöten, um die Brillanz des Buches erkennen zu können. Wer die Bilder von Frida Kahlo auf Anhieb unter Tausenden erkennt, wem die Bedeutung Diego Riveras nicht ganz abhandenkommt, wer Trotzki nicht nur als sturen alles plattmachenden Revolutionär wahrnimmt, wer Mexico nicht nur als Land mit immensen Problemen ansieht, der wird in diesem Geschichtsspiel der Extraklasse ein Hochgefühl der Leselust erleben.

La cucina veneziana II

Ein gutes Bier dauert sieben Minuten. Pasta benötigt je nach Art ein paar Minuten mehr oder weniger. Die Wartezeit auf den Nachfolger von „La Cucina veneziana“ betrug nicht mal ein Jahr. Dieses Genussbuch in sich aufzusaugen, ist eine Lebensaufgabe. Denn es einfach nur zu lesen wie einen Roman, wäre ein Affront gegen den Koch. Gerd Wolfgang Sievers ist Koch, der der venezianischen Küche verfallen ist. Zusätzlich ist er auch noch Journalist. Und so verbindet er mittlerweile zum zweiten Mal beide Leidenschaften, Koch und Schreiben.

Bei vielen Kochbüchern hat man das Gefühl die Rezepte einfach nicht nachkochen zu können, weil die Rezepte wegen mangelnder Möglichkeiten die Zutaten kaufen zu können, nicht realisierbar sind. Das ist leider auch in diesem Buch der Fall. Aber – und das ist ein riesengroßes ABER – das schwächt in keiner Weise den Wert dieses Buches. Venedig ist nicht weit weg. Und wenn man dann vor Ort ist, kann man frohen Mutes einen großen Bogen um die Schnitzel- und Burgertempel der Stadt machen. Schließlich weiß man dank dieses Buches, was es heißt Venedig ganz venezianisch kulinarisch genießen zu können.

Das beginnt beim Radicchio, den es in Venetien nicht nur in der Form wie hierzulande im Supermarkt gibt, sondern in zahlreichen Formen und Farben. Gerd Wolfgang Sievers nimmt den Leser wieder mit auf Spaziergänge über die Märkte, in Osterias und die Küchen der Restaurants. Deckeln anheben, sich eine Nase Genuss abholen und die Rezepte auf sich wirken lassen. So muss ein Kochbuch sein!

Jedes der einzelnen Kapitel widmet der Autor einer Zutat oder einer Mahlzeit. Detailreich schildert er wie die Rezepte den Weg in die Küchen der Lagune schafften und was die Meister ihrer Zunft daraus zauberten. Zum Abschluss eines Kapitels wird es praktisch, wenn ein Rezept zum Nachkochen anregt. Sofern man die Zutaten bekommt. Granzevola alla veneziana klingt schon nach Gaumenschmaus. Aber woher soll die Seespinne kommen? Hat man sie gefunden, muss man – ganz Fachmann, der man schon während des Lesens wird – den Bauch ein wenig zusammendrücken. Wenn die Seespinne ein wenig quietscht, ist sie noch sehr frisch. So schmeckt’s immer noch am besten!

Von Antipasti über Primi piatti, Fisch, Fleisch und Geflügel bis hin zu den Dolci (inkl. Liquori) verführt dieses Buch zum genießen venezianischer Lebensart in den eigenen vier Wänden. Nachkochen erlaubt und gewünscht, Venedig sehen und genießen ausdrücklich gefordert. Auch geizt der Autor nicht mit Tipps, wo die Küchen der Serenissima noch ursprünglich und die Touristen fern sind. Ein Reiseband mit kalorienreicher Sinnesfrucht obersten Ranges.

Verrückt nach Karten

Alles beginnt mit einem weißen Fleck. Inmitten von Flüssen und Bergen, von Kathedralen und Burgen, von Brücken und Gässchen – Landkarten, Stadtpläne, Liniengittern sind ein Labyrinth, in dem man sich leicht verlieren kann. Joseph Conrads Marlow ist zwar nur ein fiktiver Held, der diese Sehnsucht aber sehr real auf den Punkt bringt. Dort, wo das Weiß des Papiers noch sichtbar ist, will er reisen und der Geschichte seinen Stempel aufdrücken. Und erst eine (selbst gezeichnete) Karte macht das fiktive Raskawien greifbar.

Karten sind – egal, ob analog oder digital, wobei die analogen aus längst vergangenen Zeiten durch ihre Farbenpracht bestechen, wohingegen heutige Karten nur noch nutzvoll erscheinen müssen – nachvollziehbar, abenteuererheischend, fantasieanregend. Da verwundert es nicht, dass Bücher über Karten, keine Atlanten, die Augen erstrahlen lassen. So wie in diesem Fall.

Huw Lewis-Jones ist dem Virus Karten schon längst verfallen. Und dieses Buch ist auch geeignet, wenn man sich von diesem Virus befreien will. Stellt sich die Frage, warum man diesen gutmütigen Virus loswerden solle? Es gibt keinen vernünftigen Grund. Nur die weißen Flecken werden weniger.

Dieses Buch ist ein Schatzatlas. Gespenstig wirkende Karten wie die Suche nach dem sagenumwobenen Moby Dick, knallbunte Karten wie die des Garten Eden aus einer deutschen Bibel des Jahres 1536 oder der Karte der Neun Welten der Runemarks-Serie befeuern die Sehnsucht mach Unentdecktem und Entdeckungswertem. Ob nun real oder in Büchern, das ist ab dem ersten Durchblättern unerheblich.

Schon der Einband von „Verrückt nach Karten“ lässt den Betrachter verharren. Was könnte das sein? Was erkenne ich? Und schon ist man in der größten Schatzsuche seines Lebens. Tolkiens Werk begann mit einer Karte. Jules Verne ohne Karten wäre nur ein paar Spinner auf dem Weg irgendwohin und niemand weiß es. Wer Karten lesen kann, dem eröffnet sich eine Welt voller Geistesblitze. Tiere, in deren Umrisse Ländereien und Reiche gezeichnet werden, lassen beim Betrachter die Synapsen knallen. Man stelle sich vor das Königreich Narnia würde nur als Filmadaption existieren. Ohne Karte. Wie langweilig. Genauso wie ein Bücherschrank ohne Atlanten und dieses Buch!