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Die souveräne Leserin

Fahrende Bibliotheken sind die einzigen Fahrzeuge, die generell überall parken dürfen. Denn sie bringen Geschichten zu den Menschen. Mr. Hutchings fährt so einen Bücherbus. Immer dieselbe Route. Mittwochs ist er den Royals immer sehr nah. Denn dann parkt er direkt vor deren „Niederlassung“. Norman aus der Küche ist einer der treuesten Leser und macht sich schon im Bus immer über das erste Buch her.

Doch eines Tages, eines Mittwochs wird es ganz still im Bus. Eine ältere Dame besteigt den Bus. Sie ist ganz erstaunt als sie das Innere des Busses sieht. Eine fahrende Bibliothek. Das ist ja fabelhaft! Man kann es sich schon denken: Die ältere Dame ist keine Geringere als die Queen. Ihr fehle leider zu oft die Zeit zum Lesen. Und ob Mr. Hutchings ihr nicht etwas empfehlen könne. Kann er. Und so schnell wie die Queen kam, verschwand sie auch wieder.

Von nun an hat der Bücherbus eine neue Stammkundin. Nicht immer kann sie selbst vorbeischauen. Dann bittet sie Norman, der mittlerweile ihr Amanuensis ist, ihr literarischer Assistent und sie eine Opsimathin, eine Spätlernende, die Bücher zurückzubringen und neuen Lesestoff für die zu besorgen. Sie liest Proust, vertieft sich in „Englische Liebschaften“.

Doch das Hofprotokoll in Person von Sir Kevin macht der Monarchin und ihrem Gehilfen einen Strich durch die Rechnung. Die Bücherbusroute wird verlegt als die Presse Wind von der neuen Leidenschaft der Queen bekommt. Doch als Majestät lässt man sich nicht beirren. Ihr Wissen bereichert so manche Unterredung mit dem Premierminister, und Staatsbesuche bekommen von nun an einen literarischen Anstrich. Nicht jeder „Amtskollege“ ist Ihrer Majestät gewachsen…

Alan Bennett setzt mit dieser ergreifenden Geschichte seiner Queen und den Büchern, die er so gern gelesen hat ein unverrückbares Denkmal. Eine liebenswerte Frau reiferen Alters verspürt noch einmal einen Schub. Ihr Wissensdurst wird durch Termine (Kunstturnen in Nuneaton) immer wieder auf die lange Bank geschoben. Der Bücherbus ist willkommene Abwechslung und das Fanal in eine neue wissensreiche Zeit. Mit viel Zuneigung zur Queen lässt er den Hofstaat mit all seinen Intrigen dabei nicht gut aussehen. Einzig allein die Queen und die Bücher sind die strahlenden Stars in „Die souveräne Leserin“. Die Zeichnungen von Kai Würbs unterstreichen den zärtlichen Charakter der Geschichte. Wem treibt es nicht die Freudentränen in die Augen, wenn er die mächtigste Frau der Welt nach einem Buch greifen sieht. Auf einem Schemel. Auf Zehenspitzen… Zum Totlachen.

Pnin

Na das geht ja gut los! Timofey Pnin ist russischer Collegeprofessor in Waindell. Und das obwohl seine Englischkenntnisse immer noch des Öfteren zum Schmunzeln einladen. Er ist auf dem Weg nach Cremona, nicht das lombardische, berühmt für seine Streichinstrumentenbauer, sondern ein Städtchen in der Nähe seines Wohnortes. Um Zeit zu sparen nimmt er nicht den empfohlenen Zug, sondern den mit dem er sag und schreibe 14 Minuten Fahrweg spart. Wozu hat er sonst jahrelang Fahrpläne gesammelt, wenn er sie nicht gewinnbringend einsetzen kann. Blöd nur, dass die Fahrpläne allesamt veraltet sind. So muss er unterwegs Station machen, und den Bus nutzen, um am Ende des Tages zwei Stunden verloren zu haben. So ist er, unser Pnin. Der Umwelt immer einen Schritt voraus, doch der Zeit gnadenlos hinterherhinkend.

Pnin stolpert mehr durchs Leben als dass er einem wirklichen Plan folgt. Er ist ein gutherziger Mensch, den man einfach mögen muss. Doch er ist auch ein dankbares Opfer für Spott. Und sein Job ist auch nicht so sicher wie Pnin meint. Im Hintergrund ziehen jedoch Leute für ihn Strippen, die er kennt und mag, und die im Gegenzug auch ihn mögen.

Vladimir Nabokov wollt eigentlich seinen Helden sterben lassen. Diese Idee verwarf er und bereute sie niemals. Was ein Glück! Denn Timofey Pnin darf nicht sterben. Leute wie er – ein wenig aus dem Rahmen fallend ohne dabei Schaden anzurichten – braucht jede Gesellschaft. Sei sie auch noch so groß oder so klein!

Die einzigartige Aufmachung dieses Buches, das vor fast siebzig Jahren zum ersten Mal erschien, rücken Nabokov und einen fast schon vergessenen Roman ins Rampenlicht. Wer ihn nicht kennt, meint auf dem Cover „Pinn“ zu lesen. Doch nein, es heißt wirklich Pnin. Ein Russe, der vor der russischen Revolution floh (die Parallelen zu Nabokov sind unübersehbar) und über Paris in die Staaten kam. Der Sprache kaum mächtig, einen riesigen Wissensschatz im Gepäck, bleibt für ihn nur eine Möglichkeit zu überleben: Russisch zu unterrichten. Und das im Amerika der 50er Jahre! McCarthy wütet gerade erfolgreich und verteufelt alles, was auch nur im Ansatz die Farbe Rot in sich trägt. Diesen Aspekt lässt Nabokov außer Acht. Keine Hetzjagd, keine Anfeindungen wegen Pnins Herkunft. Dennoch ist Pnins Leben in den Staaten kein Zuckerschlecken. Das liegt in erster Linie an ihm selbst. Weiß er das? Egal! Pnin ist da, lebt und lässt andere daran teilhaben. Die knallbunten Zeichungen von Thomas M. Müller sind kein Widerspruch zum farblos erscheinenden Pnin – sie sind vielmehr eine Ergänzung seines Charakters.

Herrn Arnes Schatz

Kein lauschiges Wintermärchen im wohligen Mantel eines Kindheitsabenteuers. Vielmehr eine Geschichte, die dem Leser Schauer über den Rücken jagt. Fast schon kindgerecht zubereitet von der Lieblingsautorin unzähliger Generationen von Kindern, Selma Lagerlöf.

Es ist kalt und dunkel im schwedischen Februar. Torarin, der Fischkrämer zuckelt mit seinem Karren übers eisige Land. Das Meer ist bis zum Horizont zugefroren. In der Ferne leuchtet ein, das Haus von Pfarrer Arne. Dem geht‘s gut. Er hat’s warm, seine Familie um sich und immer genug Essen auf dem Tisch. Torarins Arm ist gelähmt, weswegen er nicht richtig arbeiten kann, so wie es sich gehört für einen echten Kerl in dieser unwirklichen Gegend. Sein Hund Grim ist sein einziger Freund.

Doch die Stimmung bei Herrn Arne ist angespannt. Man hört wie die Messer in weiter Ferne gewetzt werden. Herr Arne sieht das gelassen. Alles Humbug. Torarins Heimfahrt ist von Zweifeln geplagt. Was, wenn die geheimnisvolle Alte am Tisch von Herrn Arne recht hat und tatsächlich die Messer geschärft werden? Trachtet da jemand Herrn Arne nach dem Leben? Hat es jemand auf die Silbermünzen in der riesigen Truhe abgesehen?

Das Schicksal schlägt erbarmungslos zu. Das Haus samt Hof in Schutt und Asche. Die Familie niedergemetzelt. Nur Elsalill, die Pflegetochter in Herrn Arnes Haus hat überlebt. Zitternd vor Angst bringt sie kaum ein Wort aus ihrem Mund. Doch das, was sie hervorzubringen im Stande ist, was alle verstehen können, lässt das Blut in den Adern gefrieren. Sie wolle die Übeltäter am Leben sehen. Damit sie ihnen ihren Schmerz ins Gewissen schreien kann. Und sie will Rache! Für Elsalill gäbe es nichts Schlimmeres als wenn die Mörder ohne ihr Zutun den Weg ins Jenseits finden. Die Geister der Verstorbenen sind an ihrer Seite.

Auf der Suche nach den Mördern – Elsalill konnte die Gestalten nur schemenhaft im flackernden Licht des Feuers erkennen – trifft sie aber nicht auf die Mörder, sondern auf die Liebe. Sir Archie ist mit seinen Gefährten Sir Reginald und Sir Philip auf dem Weg in die Heimat. Als Söldner waren sie lang in fremden Diensten. Doch leider sind ihre Taschen leer. Was für alle – alle – weitreichende Folgen haben wird…

Die Geschichte von Selma Lagerlöf ist nichts für zarte Leseraugen. Hier geht es richtig zur Sache, wenn es gilt die Taten der Mörder zu beschreiben. Schwer zu toppen. Roberta Bergmann hat sich der Herausforderung gestellt und die Geschichte mit nicht minder düsteren Bildern illustriert. Von skandinavischer Winterdunkelheit zerfressene Gesichter, weite Kapuzen über den Gesichtern der zwielichtigen Gesellen, scharfe Konturen, die die Nachtkälte realistisch abbilden. Die beste Gute-Nacht-Lektüre für alle, die eine gute Geschichte zu schätzen wissen.

Poet X

Harlem, September. Hier wächst Xiomara auf. Shiomara wird das ausgesprochen, was ihr langsam aber sicher auf die Nerven geht. Noch kann man draußen auf den Stufen sitzen und das Leben einatmen. Nur wenn die Dealer kommen, sollte man sich ins sichere Haus verkriechen. X – so nennt sie sich – tut das nicht. Das gibt wieder Mecker von der Mutter. Was soll’s?!

In der Schule wurde sie früher Wal genannt. Wegen ihres Körpers. Der hat sich verändert. Jetzt wollen alle ein Foto von ihr, im String. Doch X hat sich ein dickes Fell angelebt. Die Anzüglichkeiten lassen sie kalt.

Der Poetry Slam Club ist ihre Welt. Hier kann sie ihre Gedanken in die Welt hinaus schreien. Auch das, was bisher unter dem angelebten Fell im Verborgenen blieb. Dort kann sie auch von ihrer großen Liebe sprechen. Aman.

Diese Liebe darf nicht sein. Wie so vieles im Leben von X. Ihr Zwillingsbruder benimmt sich nicht wie einer. Streber, Brillenträger, hat noch vor ihr die Kommunion empfangen. Weil sie immer wieder zurückgesetzt wurde. Bis sie eines Tages nicht mehr wollte. Das Donnerwetter folgte auf dem Fuße. Doch Aman und X sind unzertrennlich. Da passt kein Blatt Papier, nicht einmal ein auf dieses Blatt Papier geschriebenes Wort.

Poetry Slam war für viele bisher immer nur Comedy von Leuten, die sich keine Texte merken können und deswegen alles ablesen müssen. Eine Laune der Zeit. Hans Dieter Hüsch hat das schon vor Jahrzehnten gemacht, also ist Poetry Slam nichts Neues, nur hat man endlich einen Namen, eine Marke dafür gefunden. Dieser Roman füllt die Lücke, die Poetry Slam gerissen hat. Denn der Roman ist im Stile eines Poetry Slams geschrieben. Wenn es diesen eigenen Schreibstil überhaupt gibt. Kurze Texte, die erst im gesamten ein Bild ergeben und diese zu einem Roman anschwellen lassen. Ungewöhnlich und ungewohnt zu lesen. Doch die Rasanz der Worte bergen ungeahntes Potential in sich: X erwacht aus ihrem lethargischen Träumereien und wird zum gefeierten Star der Szene. Und je mehr man sich in diesen Roman vertieft umso mehr versteht man das Phänomen Poetry Slam.

Es fühlt sich fast so an als ob Elizabeth Acevedo während des Lesens die ganze Zeit neben einem stehen würde. Sie trägt mit stoischer Ruhe bis hin zu furioser Aggressivität ihre Texte vor. Das haut einen echt um!

Australia – Living & Eating

Na, heute schon ans Auswandern gedacht? Nach Spanien, Brasilien oder Australien. Australien – das wär’s! Endloser Horizont. Am Strand liegen. Das Leben genießen. Nun hat sich aber vor das Leben die australische Regierung gestellt. Einfach so einreisen und nur schauen, essen, trinken, leben – is nich! Sonst wäre das Land mittlerweile mehrstöckig bewohnt. Und dann wäre auch die Faszination Australien dahin.

Sich einfach Australien nach Hause holen und zwischen Dienst und Pflicht immer mal wieder kleine Auszeiten gönnen, ist mehr als nur ein Anfang, wenn man dieses Buch zur Hand hat. Harriet Birrell ist Australierin. Und ihre Rezepte sind nicht nur Kult (und das nicht nur in ihrer Heimat), sie sind vor Allem leicht nachzukochen ohne dabei gleich die gesamte Küche in ein Schlachtfeld zu verwandeln.

Was als Erstes auffällt, ist der offensichtliche Zusammenhang zwischen Land und Buch. Großes Land – großes Buch. Kein Buch, das man aus Versehen verlegen könnte. So soll es sein! Der Inhalt besticht auf den ersten Blick durch die ganzseitigen Abbildungen, die spätestens ab Seite Fünf den Appetit ins Unermessliche steigern. Die Rezepte verstärken diesen Eindruck und lassen nur eine Konsequenz zu: Entweder verreisen oder am Herd die Reise „nachspielen“, sprich kochen, kosten, genießen. Lasagne mit Süßkartoffeln und Aubergine. Da kommen selbst eingefleischte Mittelmeerbewohner ins Schwärmen.

Australien ist ein Land, das durch Einwanderer geprägt wurde. Da verwundert es nicht, dass ein Mezze-Teller genauso Einzug ins Buch hält wie Tostaditas, kleine Mais-Tortillas mit allerlei frischen Kräutern und Avocados. Was auf den ersten Blick wie ein politisch korrekter Nachtisch ausschaut, entpuppt sich im Handumdrehen zu einem leckeren Dessert: Probiotischer Eiscreme-Kuchen mit Schoko und Minze. Selbst wer mit vegetarischer Küche nichts am Hut hat, dem läuft bei Regenbogen-Bowl mit knusprigem Tofu und Miso-Sauce das Wasser im Munde zusammen. Oder?!

Es muss nicht immer gleich der ganztägige Flug ans Ende der Welt sein, um fremde Kulturen zu erleben. Manchmal reicht es auch schon sich mit kulinarischen Verführungen wie diesem Buch die Sehnsucht in die heimische Stube bzw. an den heimischen Herd zu holen. „Australia – Living & Eating“ ist nicht einfach nur ein Kochbuch für Sehnsüchte, es lässt Australien mit am Tisch sitzen, wenn man in geselliger Runde von seinen Träumen schwärmt und konkrete Pläne schmiedet.

Perwanas Abend

Was für eine grausame Welt?! Da warten Männer mit Säure vor Schulen, um die, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen, zu verstümmeln. Frauen werden aufgeschlitzt und enthauptet. Religiöse Fanatiker zeihen durch die Stadt und stecken Friseurläden in Brand. Als Frau in dieser Stadt – irgendwo in Kurdistan – hat man es mit den übelsten Typen zu tun. Den Mund halten, sich mit ereifern, ist das Schicksal der älteren Frauen. Keine Welt für einen Freigeist wie Perwana. Sie und ihre Schwester Khandan, der man schon oft nahgesagt hat, dass sie mit dem Teufel im Bunde stehe, Stürme heraufbeschwören könne, leiden wie kaum jemand anderes im Ort. An Liebe, wie auch immer diese aussehen mag, ist nicht zu denken. Und der Teufel ist nicht nur ein Wesen, das man mit Bösem in Verbindung bringt, es ist real in den Köpfen der kuschenden wie übereifrigen Bewohner: Es ist Perwana.

Sie will lieben, leben. Lieben will sie Fareydun Malak. Und das tut sie auch. Und er liebt sie. Doch es darf nicht sein, was nicht sein darf. Und so beschließen sie die bedrückende Enge ihres jungen Lebens hinter sich zu lassen. Nur ein Satz bleibt: „Erinnere Dich an mich!“.

Khandan, die jüngere Schwester Perwanas saugt diese Worte auf wie ein Schwamm klares Bachwasser. Sie versteht noch nicht ganz die Bedeutung der Worte. Die Luft ist blutgeschwängert. Das Opferfest steht an. Jedes Tier wird bestialisch und öffentlich geschlachtet. Perwana und Khandan müssen nun von Haus zu Haus gehen und das Fleisch verteilen. Die stickige Luft, die nach Fleisch und Blut stinkt, schnürt ihnen die Kehle zu und erstickt jeden Gedanken an eine bessere Welt.

Rings um die Stadt wurde eine Straße gebaut. Die Felder wurden vermint. Gründe gibt es in den Augen der Verantwortlichen genug. Unsittliches Benehmen mit einem folgenschweren Exodus im Nachgang. Die, die noch geblieben sind, haben Angst oder müssen Erniedrigungen unmenschlichen Ausmaßes ertragen. Khandan ist noch da. Perwana ist verschwunden. Keiner weiß, wo sie ist. Geschweige denn, ob sie es geschafft hat. Geschafft hat, dem Höllenschlund ihres Martyriums zu entkommen. Aussichten auf Nachricht hat Khandan keine. Doch sie hat ihre Erinnerungen. An die Schwester, die Freundin, die mutige Rebellin, die ihr einen Funken Lebenswillen dalässt.

Bachtyar Ali übertrifft sich mit „Perwanas Abend“ selbst. So blütenreich die Erzählung um den Freiheitsdrang der beiden Schwestern ist, so düster sieht ihr Leben aus. Hin- und hergerissen von der Sprachgewalt liest man sich in einen Rausch, der einem Derwischtanz nahekommt. Man schüttelt den Kopf, fiebert Nachrichten von Perwana mindestens genauso entgegen wie ihre Schwester und ist geschockt vom religiösen Fieberwahn der Bewohner der Stadt. Wenn so der Lesespätsommer aussieht, möge es niemals Herbst werden!

Trost

Na das ist ja mal eine Reise: Lissabon, Berlin, Brüssel. Und aus jeder Stadt kommt eine Geschichte. Nicht irgendeine, sondern jeweils eine großartige. Alle zusammen: Noch großartiger. Und die Frau, der das alles passiert ist, die das alles niedergeschrieben hat, heißt … nein, diese Frau hat keinen Namen. Sie hat nur ihre Erinnerungen, ihr Vergangenheit (in drei Städten) und ihre geistige Mutter – die Autorin dieses Romans – eine riesige Menge neuer Fans.

Sie ist in Lissabon. Auf der Flucht vor etwas Unausgesprochenem. Hier am Atlantik soll ihr neues Leben beginnen. Es beginnt mit einem Blick, einem Blick zurück, gefolgt von weiteren Blicken. Er steht am anderen Ende der Bar. Sie fasst sich ein Herz und gibt im Vorbeigehen, doch mit der Vehemenz ihrer Sehnsucht ihre Telefonnummer. Ein Date? Oh ja! Mehr als das. Eine Affäre, die als heiß zu bezeichnen den Zweck mehr als verfehlen dürfte. Er ist aufmerksam, zurückhaltend, genau das, wonach sie sich sehnte. Aber auch die Zeit schreitet voran. Und mit ihr das unauslöschliche Gefühl des Alltags. Trott und eine gewisse Unsicherheit umfangen sie. Ist es das Ende für sie? In Lissabon?

Ja, denn Berlin wartet. Und mit Berlin kommt Kimmy ins Leben der Fremden. Und wieder ist das dieses Kribbeln, dieses Verlangen … aber auch die Zweifel, ob hier das Ende der Reise beschieden sein wird. Ist es nicht. Denn Brüssel ruft schon aus der Ferne.

Drei Städte, eine Frau, drei Affären, eine einzige Suche nach Vollendung. Sie darf nicht glücklich sein. Nicht dauerhaft. Sie ist für den Moment geschaffen, verpasst jedoch immer wieder den rechtzeitigen Absprung in den nächsten Glücksmoment. Ein Trost sind die Erinnerungen, die flehentlichen Abzweigungen des Schicksals, die sie erst vorantrieben und dann auf der Stelle verharren lassen.

Iga Hegazi Høyer ist nicht zimperlich in ihrer Wortwahl. Direktheit dort, wo sie angebracht ist. Zurückhaltung da, wo der Leser sich selbst ein Bild machen soll. Will man mit ihr tauschen? Nein, ja, oder doch, nein, lieber nicht. So unentschieden sie ist, so sehr knabbert man selbst an den eigenen Fingernägeln, wenn man versucht herauszubekommen, ab man sie beneiden oder bedauern soll.

Summer Queen & Maiden Blush

Der Mensch neigt im Allgemeinen zum Schubladendenken. In diesen Schubladen ist alles aufgelistet und katalogisiert, was im Leben wichtig erscheint. Nachteil: Eine Art Standardisierung setzt ein. Dieses Buch ist der gelungene Beweis, dass Katalogisieren auch von Vorteil sein kann. Ende des 19. Jahrhunderts beauftragte das USDA, der Vorläufer des heutigen Landwirtschaftministeriums, Frauen und Männer heimische Früchte zu malen. Fast die Hälfte der Künstler und Amateur-Künstler waren Frauen. Von 1886 bis 1942 wurden insgesamt 7584 Bilder geschaffen. Und das von 21 Künstlern, neun von ihnen Frauen. Noch mehr Zahlen gefällig? Zwanzig Prozent dieser Bilder, 1525, um genau zu sein, malte allein Deborah Griscom Passmore.

Dieses umfangreiche Werk an präzise gemalten Abbildungen – die Fotografie war anfangs noch nicht exakt genug, um die Wirklichkeit abbilden zu können – ist ein wahrer Schatz, der bislang in den Archiven schlummerte. Nun sind ein Teil der Abbildungen erstmals in einem Buch auf Deutsch erhältlich. Viele Obstsorten sind amerikanisch, hier also noch seltener vorhanden als in ihrer angestammten Heimat. Da aber auch hierzulande ein weiterer Trend – nach regionalem Angebot – aufkommt, passt dieses Buch wie kaum ein anderes in die Zeit. Die Farbtafeln waren oft nicht viel größer als ein Portemonnaie, das Obst konnte somit meist in der Größe gemalt werden wie es in der Natur vorkam bzw. noch vorkommt. Der größte Teil der Zeichnungen wird von Äpfeln beherrscht. Die Unterschiede zwischen hier und da scheinen beim Obst wie unsichtbar.

Stephanie Hauschild gebührt der Dank, dass die vergessenen Künstlerinnen und ihre Werke wieder in ein – vorerst kleines – Rampenlicht gerückt werden. Zum Einen tauchen Künstlernamen auf, die trotz ihres Talentes kaum bis gar nicht gewürdigt wurden. Zum Anderen erscheinen nicht nur vor dem geistigen Auge, sondern ganz real und detailreich Obstsorten, von denen man noch nie gehört hat. Maiden Blush und Summer Queen wie sie im Titel angekündigt werden, könnten auch eine Singer/Songwriterpaar sein,  das auf Festivals auftritt. Und mal ganz ehrlich: Wer weiß schon wie eine Cashewnuss aussieht, bevor sie geschält und gesalzen in einer Dose oder Tüte landet? Und Wampi? Santa Barbara, Kalifornien ist voll davon.

Man hält ein wirklich außergewöhnliches Buch in den Händen. Kraftvolle Bilder, zarte Pinselstriche, exakte Einordnung inklusive, da in diesem Fall für eine Bibliothek gemalt wurde, und dazu ein neugierig machender Eingangstext.

Wir waren eine gute Erfindung

Heute Abend kommt wieder die ganze Familie zusammen, um mit dem Sederabend das Pessachfest zu feiern. Salomon freut sich schon darauf. Dieses Jahr ist jedoch allesanders. Sarah ist nicht mehr da. Seine geliebte Sarah. Die mit so viel Hingabe das Essen zubereitete und mit noch mehr Liebe dieses Fest zu einem ganz besonderen Fest machte.

Was nicht immer einfach war, und es wohl auch niemals sein wird. Salomon wird wie immer seine Witze reißen. Witze, die nur er machen darf. Witze, die viele vor den Kopf stoßen. Witze, die sich um Auschwitz handeln. Er kennt die Hölle von Auschwitz. Er überlebte sie. Deswegen ist es sein Recht sich darüber lustig zu machen. Die Erinnerungen daran sind auch Jahrzehnte danach immer noch präsent.

Wie immer liegt er am Morgen noch in seinem Bett. Seine Seite der Schlafstätte zerwühlt, neben ihm alles wie am Abend zuvor. Heute Abend geht es wieder rund. Wenn seine Jüngste Michelle und ihr Gatte Patrick mit ihren Kindern Tania und Samuel auftauchen. Hoffentlich hat Patrick dieses Mal seine Verdauung im Griff! Wahrscheinlich eher nicht. So wie schon bei seiner Bar Mizwa. Salomon ergreifen die Erinnerungen.

Sarah hat immer die Familie über alles gestellt. Sie schaffte es mit Leichtigkeit Streit zu ertragen und niemandem Vorwürfe zu machen. Der Sederabend mit Sarah war immer ein Ereignis. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten wird dieses Fest nur das Fest der Juden sein, das an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnern soll.

Auch Salomons und Sarah Älteste Denise wird vorbei kommen. Wie immer zu spät. Wie immer mit einer ordentlichen Portion Mut im Gepäck. Mut allem, was ihr nicht passt die Stirn zu bieten. Die Stunden bis die Familie eintrifft, sind für Salomon Stunden der Erinnerung. An Urlaub mit den Kindern, an vergangene Sederabende, an die Fragen der Kinder, die ihren Vater und Opa durchlöcherten mit ihrer unschuldigen Neugier. Und an die Witze, die Salomon riss. An die beiden Goldfische, die er für Michelle und Denise auf dem Jahrmarkt eroberte. Göbbels und Göhring. So nannte er die beiden Fische. Salomons Humor war schon immer ganz speziell.

Joachim Schnerf schildert mit wohltuender Ruhe vom Wechselbad der Gefühle eines Mannes, der seiner Familie mit ganz besonderer Zuneigung entgegentritt. Sarah war es, die Harmonie versprühte, die die Autorität besaß jedwedem Zwist den Garaus zu machen. Leicht wurde es beiden nie gemacht. Streit und Geschrei gehörten zum Sederabend wie Lesen der Texte über die Flucht aus der Sklaverei. Die Bissigkeit des eigenen Schicksals, verbunden mit der Leichtigkeit der Liebe sind die Zutaten für ein gelungenes Fest, das dieses Buch kompromisslos feiert.

Das deutsche Zimmer

Eigentlich hätte alles ganz anders kommen sollen. Eigentlich. Aber es liegt wohl in der Familie, dass sie – die namenlose Erzählerin – sich nun in einer Situation befindet, die sie niemals erwartet hat. Ihre Eltern flüchteten vor Jahren mit ihr vor der argentinischen Junta in die Bilderbuchidylle Heidelbergs. Da war sie noch ganz klein, erinnert sich, wenn überhaupt an Gerüche, den Neckar und die Bäckerei. Der Rest ist wie im Nebel verschwunden. Denn ihr Leben in Heidelberg dauerte nur ein paar Jahre. Argentinien war das Land, in dem sie aufwuchs, in dem sie lebt, sich von ihrem Freund trennte.

Nun ist sie wieder in Heidelberg – auf der Suche nach … ja, wonach eigentlich. Da ist es wieder: Dieses Eigentlich. Sie wohnt in einem Studentenwohnheim. Allein. Auf sich gestellt. Nur Miguel Javier – was ein bescheuerter Name, findet sie – ist für sie eine Art Verbindung in ihre Heimat. Er ist Argentinier und ziemlich aufdringlich. Wohl eher einsam, das wird sie bald herausfinden. Er kümmert sich um sie. Zuerst auch um seiner selbst Willen. Ziemlich schnell wendet sich das Bild, er ist für sie da. Denn sie braucht wirklich jemanden. Sie ist schwanger! Mitten in der Fremde, die einmal eine Zeitlang ihre Heimat war. Eine Heimat, die sie wieder zu entdecken hofft. Doch eigentlich … eigentlich ist sie hier, um … ja, auch das ist ihr nicht ganz klar. Heidelberg – Buenos Aires, größer könnten die Unterschiede nicht sein. Hier das betuliche Städtchen mit dem Zuckergusscharme, dort der pulsierende Moloch, in dem der Fortschritt immer nur eine kurze Zeit für Furore sorgt.

Carla Maliandis Erstling besticht durch seine konzentrierte Schlichtheit der Sprache. Eine Frau verloren im Meer ihrer Vergangenheit schwimmt sich frei von Altlasten ohne sich dessen bewusst zu sein. Will sie nur ihren Ex-Freund vergessen und eine neues Leben starten? Das gelingt nur sporadisch und mit Nichten endgültig. Wie ein Blatt im Herbstwind wird sie aufgewirbelt, und flattert planlos zu Boden. Hat sie ein Ziel? Wird sie es erreichen?

Der Leser muss tapfer sein. Immer wieder malt sich während des Lesens aus wie das Leben der jungen Frau weitergehen könnte, sollte, muss. Es gibt keine definitive Antwort. Und das ist das Spannende an diesem Romandebüt.