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Stadtabenteuer Wien

Würde es Wien nicht schon geben, man müsste es glattweg noch einmal erfinden! Judith Weibrecht hat zwar Wien nicht neu erfunden. Aber ihre Stadtabenteuer Wien geben – wie alle Bücher der neuen Reisebuchreihe aus dem Michael-Müller-Verlag – der reichlich angestaubten Reisebuchbranche eine neue Note. Wer nun erwartet, dass Treppensteigen im Stephansdom als extraordinär einzuschätzen ist, liegt nicht ganz falsch, dennoch kann die Autorin immer noch einen draufsetzen.

Man fühlt sich in einer Metropole schnell allein gelassen. Auch wenn sie quasi vor er eigenen Haustür liegt. Das kann an der Andersartigkeit der Stadt liegen, an ihrem undurchsichtigen Verkehrssystem oder auch an der Sprache. Ja, Wien ist anders, der öffentliche Personennahverkehr ist exzellent organisiert. Doch ein Wiener mal richtig loslegt, ist man schnell mit seinen Deutschkenntnissen am Oarsch! Herr hilf mir, möchte man ausrufen. Besser sollte es heißen: Maria hilf! Denn im Stadtteil Mariahilf, wird einem wirklich geholfen. Eineinhalb Stunden Weanerisch im Dialektworkshop. Danach ist man nicht deppert, weiß, dass es sich gehört ein Servas in die Runde zu werfen, wenn man andere begrüßt und ist nicht länger irritiert, wenn man ein Sackerl angeboten bekommt.

So gewappnet kann der Streifzug durch die Donaumetropole losgehen. Nur ein Katzensprung entfernt liegt der Bauch von Wien, der Naschmarkt. Ein Paradies für alle Leckermäuler. Allerdings auch eine No-Go-Area für alle, die es gern mal etwas ruhiger angehen lassen. In den engen Gassen zwischen den Ständen fällt es zunehmend schwer die lukullischen Extravaganzen in den Auslagen auch wirklich genießen zu können. Doch es gibt einen Trick, den Naschmarkt auch wirklich und gänzlich zu einem Erlebnis zu machen. Während die Sonne sich langsam aus ihrem Nachtquartier schält, stiehlt man sich leise aus seiner Unterkunft. Das ist echte Weanerische Marktkultur! Und im Freihausviertel gleich nebenan kann man sich stärken und in so manchem Designerlokal ein neues Leiberl erstehen. Was das ist, weiß man ja noch aus dem Sprachkurs. Ob da allerdings schon am frühen Morgen die Türen mit einem Lächeln geöffnet sind?

Wer noch mehr Wien und noch mehr Mariahilf verträgt, der trinkt sich genussvoll durch die Kaffeekarte des Cafe Jelinek, kraxelt an einem ehemaligen Flakturm die Wände hoch und taucht im selben Gebäude in die Tiefen der Ozeane hinab. So ist Wien, so sind die Stadtabenteuer, so muss es sein!

Stadtabenteuer Berlin

Ich hab noch einen Koffer in Berlin – na hoffentlich ist da nicht dieses Buch drin! Dann fehlt nämlich was! Oder vielleicht es auch besser, wenn dieses Buch in diesem Koffer wäre. Dann hätte man wieder einen Grund nach Berlin zu reisen. Das Buch aus dem Koffer zu holen und für Stunden, Tage, Wochen unzählige Erlebnisse zu sammeln. Es muss jeder für sich selber entscheiden, was besser wär. Fest steht jedoch, dass man Berlin ohne dieses Buch kaum als Abenteuertrip bezeichnen könnte.

Ein echtes Abenteuer, das für viele einmal überlebensnotwendig war, ist eine Tour durch die Unterwelt Berlins. Das hat nichts mit Luden Dealern und Ganoven zu tun, sondern mit Fluchttunneln. Eng und stickig war es hier, jetzt ist es ein Erlebnis für Besucher, die Berlin mal aus einer anderen Perspektive sehen wollen.

Eine ganz andere Sicht auf die Stadt (und das ist wortwörtlich zu nehmen) hat man am Alex. Und zwar nicht nur vom Fernsehturm, sondern auch vom Park Inn nur ein paar Minuten vom Vorzeigeturm der Hauptstadt entfernt. Wer hier oben steht, kommt aber nicht nur wegen der Aussicht, sondern wegen des Nervenkitzels. Rasantes Abseilen an der Mauer aus ca. 125 Meter Höhe. Ein kurzer Kick, das ist es, was man, wenn man noch unten steht, sucht. Eine Überlegung, was man hier eigentlich tut, wenn man oben auf der zierlichen Plattform langsam emporgehoben wird, um anschließend gen Boden zu sausen. Und wieder am Boden? Schlotternde Knie und das befreiende Gefühl etwas getan zu haben, an das man sich noch lange erinnern wird.

In diesem Tempo geht es weiter im Buch. Auf David Bowies Spuren, Kunst im Nazibunker – Obstlager – Technotempel, Streetart oder Verkehrsregeln missachtender Bikermob – hier ist der Titele des Buches Programm: Stadtabenteuer. Zeit und ein bisschen Kleingeld sollte man auf alle Fälle mitbringen. Wir sind in Berlin! Die Zeiten, in denen es was geschenkt gab, sind vorbei. Doch jedes Stadtabenteuer ist erschwinglich und nachahmenswert. So soll ein Urlaub sein!

Die kurzen Kapitel sind schnell gelesen und langanhaltend im Kopf. Besonders zu empfehlen sind die Sidekicks „Wenn man schon mal hier ist“. Wie in jedem Buch der neuen Stadtabenteuer-Reihe, vervollständigen sie die Eindrücke und Erlebnisse der Autoren. Sie sind wichtig, um das vorgestellte Abenteuer – und es sind auch wirklich welche, nicht nur leere Worthülsen – voll umfänglich genießen zu können. Wer will schon Kreuzberg sehen, ohne den Kreuzberg zu sehen und den Viktoriapark? Zur Belohnung gibt’s Bockwurst mit Ausblick.

Mädchen brennen heller

Es beginnt so zärtlich. Purnima wurde nach dem Mond benannt. Ein zärtlicher Name für ein zartes Geschöpf. Doch schon die Antwort des Vaters, warum die Erstgeborene denn diesen Namen bekam, lässt das Unheil in weiter Ferne erahnen: Einer Prophezeiung nach würde dann ein Sohn geboren. Und der ist in der indischen Gesellschaft mehr wert! Da muss man erstmal schlucken. Nicht zum letzten Mal in diesem Buch von Shobha Rao.

Purnima ist die Älteste, muss im Haushalt und bei der Arbeit helfen – Purnimas Familie gehört zur Weberkaste. Und irgendwann, bald, wird sie heiraten. Sie wird verheiratet werden. Denn Heirat bedeutet einen Esser weniger in der Familie. Besonders, wenn der Esser eine Frau, ein Mädchen ist.

Purnimas Mutter ist krank. Krebs. Sie wird bald sterben. Die Hochzeit wird aus allen Gründen, außer menschlichen, notwendiger denn je. Ebenso wird eine Haushaltshilfe benötigt. Diese steht eines Tages in der Gestalt von Savita auf der Schwelle. Nur ein oder zwei Jahre älter als Purnima. Ihr Name bedeutet Sonne. Sonne und Mond- so unzertrennlich miteinander verwoben wie die beiden Mädchen, jungen Frauen. Savita ist die Rettung für Purnima. Sie zeigt ihr wie man sich aufdringlichen jungen Männern – die ja mehr wert sind – erwehren kann. Savita ist der Rettungsanker, den sich Purnima nicht einmal im Schlaf hätte vorstellen, hätte wünschen können.

Doch das Schicksal schlägt einmal mehr erbarmungslos zu. Savita von einem Tag auf den anderen nicht mehr da. Purnimas Leben scheint nun vorgezeichnet zu sein. Nach und nach findet Purnima heraus, was passiert ist. Eine abscheuliche Tat ist Savita widerfahren. So unwirklich, dass es kaum fassbar ist, was Shabha Rao da beschreibt.

Wer immer noch in der romantischen Vorstellung der indischen Gesellschaft lebt, dass hier alles in Harmonie verharrt, wird einen Denkzettel fürs Leben bekommen. Das Kastensystem erlaubt kaum Ausbrüche, geschweige denn Aufstiege. Mädchen stehen im Ehrenranking so weit hinten an, dass sie kaum existent erscheinen. Männer sind, egal welcher Kaste sie angehören, in jedem Belang überlegen. Dass Shabha Rao ihre Heldin Purnima den Ausbruch wagen lässt – Purnima sucht besessen nach Savita, reist durch Indien bis ans andere Ende der Welt – ist eine Revolution in der indischen Literatur. Armut und Missbrauch gehören in Purnimas Kreisen zum Alltag. Die allgegenwärtige Gewalt, das bedrückende Leben in unmenschlichen Verhältnissen sind das Salz in der Suppe dieses erstklassigen Romans. Der Kampf Purnimas gegen diese Regeln machen daraus ein schmerz- und schmackhaftes Mahl.

Amsterdam Stadtabenteuer

Entgegen des Vorurteils vieler gibt es mehr als nur einen Grund Amsterdam zu besuchen. Auch wenn Coffeeshops immer noch an erster Stelle der zu besuchenden Orte in der Grachtenstadt sind. Aber wie wäre es denn mit einem echten Vermeer, auf dem man selbst die Hauptattraktion ist? Unbezahlbar und vor allem unmöglich, weil der Künstler selbst seit über 350 Jahren tot ist! Nicht in Amsterdam. Hier ist alles möglich! Hält man sich an diese Prämisse, wird Amsterdam zu einem Erlebnis, das man wirklich niemals vergessen wird.

Apropos vergessen. So mancher Amsterdam-Besucher bereut es im Nachhinein so einiges am Wegesrand übersehen zu haben. Tja, so ist das eben, wenn man nur eines im Sinn hat und die Reisehandbücher außer Acht lässt! Die Stadtabenteuer-Reihe macht es unmöglich sich herauszureden. Ein „Woher sollte ich das denn wissen?“ ist kein Argument mehr etwas vergessen zu haben. Diana Stănescu ist die Spielverderberin für alle, die bisher nur schnurstracks durch eine der meistbesuchten Städte der Welt geschlendert sind und schlussendlich doch nichts gesehen haben. Das beginnt beim eben schon erwähnten Porträt, das man von sich in historischer Kulisse anfertigen lassen kann. Und endet noch lange nicht beim kostenlosen Ticket für ein Konzert im Koninklijk Concertgebouw. Ja, kostenlos. Da es nur ein Ticket pro Person gibt, muss man sich allerdings die Mühe machen und selber anstehen. Wann und wo? Steht alles im Buch!

Da darf ein Restauranttipp á la Futtern wie bei Muttern nicht fehlen. Doch obacht – Amsterdam ist einzigartig. Im Moeders stehen die Mütter nicht zuhauf am Herd, sondern schauen von den Wänden den Gästen zu, ob sie sich denn auch benehmen, gerade sitzen und nicht mit dem Essen spielen. Derart viele Blicke auf sich gerichtet, wird man zum Musterkind.

In Amsterdam passt vieles zusammen, was anderswo auf der Welt nicht nebeneinander existieren kann. Die Moderne, die Wandelbarkeit der Stadt und die ältesten Lebewesen der Stadt in einem Viertel, das sich vom Lustgarten zur eher gehobenen Wohngegend entwickelt hat. Weesperbuurt heißt der Stadtteil und der Mikrobenzoo ist das Highlight unter den zahlreichen Museen der Stadt.

Wer bisher meinte, dass Amsterdam wo viel zu bieten hat, dass er auf einen Reiseband verzichten könne, kommt schon nach einigen Seiten zu der Erkenntnis, dass er bisher rundum falsch lag. Viele Reisebücher rühmen sich unentdeckte Hotspots aufgetan zu haben, die keiner kennt. Die man unbedingt gesehen haben muss. Ein Einfaches in einer Stadt, die seit geraumer Zeit darauf verzichtet Geld für Werbung nach außen auszugeben, da eh schon zu viele Touristen die Stadt (über-)bevölkern. Hier wird nicht marktschreierisch das Unbekannte herausgegrölt, hier wird es sanft und nachhaltig angeboten. Die Angebote sollte man aber annehmen!

Neapel oder Das Schweigen der Sirene

Der Titel des Buches nimmt die Reaktion des Lesers vorweg: Man hält inne und suhlt sich im Gelesenen. Nicht weil Autor Marc Buhl die geheimsten Geheimtipps offenlegt oder lauschigsten Hotspots ans Tageslicht befördert. Sondern weil er es schafft auf knapp zweihundert Seiten die Seele einer Stadt greifbar zu machen.

Ein hundert Jahre alter Baedeker ist der Startschuss für eine Reise, die er niemals vergessen wird und die dem Leser eine Stadt zeigt, die immer noch mit einem unheimlichen Image behaftet ist: Neapel. Nirgends auf der Welt ist man so sehr darauf bedacht seine Habseligkeiten immer im Auge oder in der Hand zu halten. Denn Langfinger gehören zu Neapel wie die Pizza Margherita. Was sicherlich zum Teil stimmen mag. Auch hier ist es auch nicht gefährlicher als in den dunkelsten Ecken von Moskau bis Rio.

Neapel ist für Marc Buhl wie ein Magnet. So wie Odysseus der Sirene Parthenope widerstehen musste, um mit seinen Gefährten den heimischen Hafen erreichen zu könne, so sehr erliegt Marc Buhl dieser Stadt. Die Sirene mag schweigen, doch der Ruf der Stadt ist stärker.

Die Außenansicht der Dinge verwandelt sich rasch in eine tiefgehende Innenansicht. Und das nicht nur in den Abschnitten über die Unterwelt der Stadt am Golf. Der malträtierte Begriff von den Streifzügen bekommt in Marc Buhls eine neue Bedeutung. Er läuft durch die Straßen und Gassen, streift hier und da umher und ist stets mittendrin. Einmal so sehr, dass er sich wünscht nicht so tief eingetaucht zu sein. Am Ende dieses Erlebnisses blutet die Nase, ist da Portemonnaie leer, aber dafür sitzt er anschließend an einem reich gedeckten Tisch.

Realität und Fiktion laufen in diesem Buch nicht nebeneinander her, sie bedingen sich und verschmelzen im Reigen der Worte zu einem Gesamtwerk, das man als potentieller Neapelbesucher unbedingt gelesen haben muss. Die Bilder, die Christian Seeling zu diesem Buch beigesteuert hat, sind mehr als Beigabe zu den einzigartigen Texten. Sie unterstreichen das Geschriebene und bereiten ein fruchtbares Beet für Neugierige. Faszinierende Nahaufnahmen und doppelseitige, an Suchbilder erinnernde, Aufnahmen rotzen den Klischees der dahinsiechenden Stadt und vermitteln ein wahres Bild einer großartigen Stadt.

Lissabon – Begegnungen in der Stadt des Lichts

An der Uni gibt es zu Beginn eines jeden Semesters eine Bücherliste mit Titeln, die man für die jeweiligen Kurse unbedingt gelesen haben sollte. Gewissenhafte Reisebuchautoren fügen ihren Büchern ebenso eine Liste an. Holger Ehling kann sich sicher sein, dass sein „Lissabon – Begegnungen in der Stadt des Lichts“ demnächst (und in alle Ewigkeit) fester Bestandteil solcher Listen sein wird. Denn sein Buch ist zum Einen Appetitanreger für alle, die noch nie in Lissabon waren. Zum Anderen ein Festmenü für alle, die die Stadt schon kennen. Beziehungsweise meinen die Stadt zu kennen.

Ein Reiseband mit dem man über die zahlreichen Hügel rennt, ist dieser Band der Corso-Reihe nun wirklich nicht. Dafür gibt es Bücher im handlichen Format, die Wege aufzeigen, Tipps zur Einkehr geben und einem Aussichtspunkte ans Herz legen. Dieses Buch geht tiefer. Angefangen bei der langen Geschichte der Stadt, immerhin siedelten vor dreitausend Jahren die ersten Menschen bis hin zur allgegenwärtigen Straßenkunst breitet er den Fächer der Stadt vor dem Leser und dem Besucher Lissabons aus.

Eine Fahrt mit der berühmten Straßenbahnlinie 28E, wobei das E nicht für Einrückefahrt, sondern für elektrisch steht, gehört für jedermann, der am Tejo urlaubt, auf dem Programm. Es quietscht in einem fort, dass einem die Ohren bluten, doch so mancher Streckenabschnitt lässt halt nur diese eine Variante der Straßenbahn zu. Zu eng die Gassen für die modernen geräuschlosen Wagen. Ein Gefühl von Nostalgie macht sich breit, der jederlei Fortschritt in den Schatten stellt.

Als Souvenirs für sich selbst oder die, die zuhause bleiben mussten, haben sich die Azuzlejos seit Jahren bewährt. Doch die Zahl der Hersteller wird immer kleiner, und somit nimmt auch die Weiterentwicklung dieses traditionellen Handwerks immer weniger Fahrt auf. Holger Ehling hat einen Handwerker besucht, dessen Familienbetrieb fast dem schnellen Fortschritt zum Opfer gefallen wäre. Aufopferungsvoll bewahrte man das, was in der Kürze der Zeit noch zu retten war.

Es sind nicht nur die zahlreichen – oft auch doppelseitigen – Abbildungen, die einem sofort ins Auge springen. Es sind die einfühlsamen Texte, die die Sehnsucht nach dem Süden, der Freiheit, dem Licht schüren. Viele Begegnungen sind einzigartig und nicht für jedermann nacherlebbar. Deswegen dieses Buch! In eine Stadt wie Lissabon einzutauchen, bedeutet vor allem eine neue Welt zu erkunden. Und das nur ein paar Flugstunden von zuhause entfernt! Wer dem Touristenstrom – immer hin sechs Millionen Besucher jährlich, Tendenz stark steigernd – eine Nase drehen will, muss dieses Buch lesen und sich selber auf die Socken machen das Lissabon der Lisboetas zu finden. Holger Ehling als Ratgeber ist dabei mehr als nur die beste Wahl.

Prag Stadtabenteuer

Es gibt nicht viele generationenübergreifende Städte, also Städte, die man als Kind mit den Eltern besucht, als Erwachsener noch einmal neu entdecken will und man als Gereifter noch einmal auf den Spuren der Vergangenheit wandeln möchte. Prag gehört da sicher zu den Erstgenannten. Mittlerweile verpuppt sich die Jugendstilikone von einst allmählich zur Partyhochburg im Herzen Europas.

Da tut es Not – sofern man nicht zwingend auf Slalomlauf zwischen Selfiesticks steht – einen Reiseband im Gepäck zu haben, der die leicht zu übersehenden Orte in den Fokus rückt. So wie den Schwarzen Ochsen. Eine Kneipe, die diesen Titel auch wirklich noch verdient und sich nicht als touristisches Gegenstück-Hotspot-Abzock-Dingelchen entpuppt. Während überall in der Moldau-Metropole das Bier mittlerweile 50 Kronen kostet, beharrt man hier stur auf den 32 Kronen für den reichlich gefüllten Humpen leckersten tschechischen Bieres. Klein, urig, tschechisch. Dieses Erlebnis wird man sein Leben lang nicht vergessen.

Renate Zöller kennt noch Unmengen dieser Erlebnisse. Sie weiß den Leser und Besucher Prags an die Hand zu nehmen und die Stadt so zu zeigen wie sie mal war und wie sie in den Erinnerungen von Millionen immer noch existiert. Auch wenn Mittwochabend vor dem Hus-Denkmal inzwischen tschechisch als Fremdsprache wahrgenommen wird und allerlei hipper Alkohol in weniger hippen Plastikbechern konsumiert wird. So viel zur weltweiten angesagten Umweltproblematik…

Prag war, ist und bleibt immer eine Reise wert. Wenn nichts mehr geht, Prag geht immer. Doch die Highlights sind dünn gesät. Was nach Widerspruch klingt – Prag kann mit prächtiger Architektur, einer reichhaltigen Gastronomie und abwechslungsreicher Landschaft wuchern wie kaum eine andere Stadt – ist aber nicht ganz von der Hand zu weisen.

Man muss schon suchen, um im Winter Abkühlung zu finden. Man muss schon suchen, um die Karlsbrücke einmal für sich ganz allein zu haben. Man muss schon suchen, um Kafka auch wirklich verstehen zu können. Und wo sucht man da am besten? Im Stadtabenteuer Prag, der neuen Reihe aus dem Michael Müller Verlag. Preiswerte Tipps zu allen Belangen eines gelungenen Urlaubs. Detaillierte Anfahrtswege und Hinweise wie man dem Nepp aus dem Weg geht und Prag für sich ganz individuell erlebbar macht. Prag schläft nicht. Renate Zöller ist ausgeschlafen und bietet erlebnishungrigen Besuchern der Stadt eine gesunde Mischung aus Exotik, Mainstream und Originalität, die man auf Anhieb und schon gar nicht in der angebotenen Fülle so niemals finden würde.

Ein Dilemma

Ein gutes Essen, Likör, Tabak – der Abend ist gut verlaufen. Der Notar Monsieur Le Ponsart und sein Mandant Monsieur Lambois sind zufrieden. Nicht wegen des guten Essens, sondern weil sie eine Lösung für ein kniffliges Problem gefunden haben. So scheint es.

Jules, der Sohn von Lambois ist verstorben. Aufopferungsvoll hat sich Sophie, die dem Vater als Hausmädchen vorgestellt wurde, um den Dahinsiechenden gekümmert. Doch ihre Opferbereitschaft war nicht von Pflichtbewusstsein gegenüber dem Herr des Hauses geschuldet, sondern geschah einzigallein aus Liebe. Denn unter ihrem Herzen trug sie die Frucht ihrer Liebe.

Jules sollte es einmal zu etwas bringen. Inder Politik. Das haben Le Ponsart und Lambois schon vor langer Zeit beschlossen. Die Jahre vergingen und Jules entwickelt sich in die richtige Richtung, zumindest in den Augen der Männer, die nun Probleme sehen, die gar keine sind. Das allerdings wissen sie nicht und preschen voreilig aus ihrer sicheren Deckung hervor.

Sophie hat unvorsichtigerweise um etwas Geld gebeten. Schließlich ist sie schwanger, allein und ohne die Aussicht, dass sich jemand ihrer annehmen wird. Eine junge Frau im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ein Hausmädchen – das bindet sich niemand freiwillig ans Bein.

Le Ponsart und Lambois vermuten hinter der naiven Anfrage ein Komplott, den Anfang einer langanhaltenden Erpressung. Die Beziehung von Jules und Sophie war nicht standesgemäß, und die Karriere, die Lambois und Le Ponsart für Jules vorschwebte, könnte sich nur allzu schnell in Rauch auflösen. Le Ponsart macht Sophie ein Angebot, dass sie nicht ausschlagen kann. Tut sie aber! Also doch ein Problem?!

Auftritt Madame Champagne. Klatschbase, Zeitungshändlerin, Ladenbesitzerin eines Papiergeschäftes, das mehr schlecht als recht zum Überleben taugt. Aber auch eine Frau, die das Herz am rechten Fleck trägt. Ein Engel für gefallene Engel. Engagiert, gewieft und abgezockt. Dass auch sie ein Problem darstellen kann, übersehen Le Ponsart und Lambois in ihrer Engstirnigkeit und Überheblichkeit geflissentlich. Als aber auch Sophie das zeitliche segnet, wird das Spiel der beiden Männer auf eine harte Probe gestellt…

Joris-Karl Huysmans lässt in der vielsagenden Geschichte „Ein Dilemma“ zwei Welten aufeinanderprallen. Zwei eitle Faun, die in ihrem elitären Gehabe so sehr verankert sind, dass ihnen nicht in den Sinn kommt, dass außerhalb ihrer eigenen Welt andere Regeln herrschen. Spät merken sie, dass ihr Spiel von beiden Parteien, manchmal sogar von der dritten, gespielt werden kann.

Hieroglyphische Märchen

Da muss man sich erst mal einlesen! Die Märchen scheinen einem alle irgendwie seltsam bekannt bis man – ziemlich schnell – das Gefühl bekommt, dass einem die Erinnerungen einen Streich spielen. Oder doch nicht? Wie war denn das mit der Sheherezade? Ein Regent lässt sich abends in den Schlaf wiegen, indem er sich Geschichten, Märchen erzählen lässt. Doch die Märchen sind so kryptisch, dass er jedes Mal kurz dem Wegdämmern hochgerissen wird und nachfragen muss, wer, was, wie denn nun getan hat. Die Erzählerin erklärt ihm stoisch alle Zusammenhänge. Der König, schlummert nach Langem Lamentieren endlich ein. Und … dann wird es eng für ihn. Ein Kissen im Gesicht, die Luft bleibt ihm weg und aus ist es mit der royalen Herrlichkeit! Ein Horror, wenn man an den Liebreiz der eigentlichen 1001 Nacht denkt.

Horace Walpole hat dieses und noch eine Handvoll weitere Märchen zu verantworten. Er lebte fast das ganz 18. Jahrhundert hindurch auf der Sonnenseite des Lebens. Ein ausuferndes Anwesen, das an Märchenhaftigkeit kaum zu übertreffen schien. Und als Sohn des englischen Premiers auf solider finanzieller Basis war es ihm in die Wiege gelegt worden, seinen Leidenschaften – unter anderem Geschichten erzählen – folgen zu können.

Es ist sein Verdienst, dass er nicht nur bereits bekannte Märchen als Vorlage nahm und diese dann verfremdete oder gar verulkte, sondern ihnen ein neues Gewand verpasste.

Mal muss man schmunzeln, mal ist man geschockt wegen der abrupten Wendungen, mal ist man beruhigt, wenn die Protagonisten der Geschichte zwar nicht die erwartete, doch vielleicht erhoffte Wendung geben. Entführte Thornfolger, verrückte Namen (Wer nennt sein Kind schon Groß A, Big A?) oder auch ein chinesisches Feenmärchen, das in Wahrheit gar keines ist. Die „Hieroglyphischen Märchen“ regen die Phantasie an, und werden dem spätabendlichen Leser so manch reichhaltigen Traum bescheren.

Die Seidenstraße – Landschaften und Geschichte

Mit dem Wissen, dass die eine Seidenstraße nicht gab, nicht gibt und sicherlich auch niemals geben wird (maximal als Restaurantname) liest es sich viel entspannter durch diesen Prachtband.

Die Seidenstraße bezeichnet Handelsrouten, die schon vor über zweitausend Jahren die Völker, vor allem aber die Händler, aus dem Osten mit denen aus dem Westen verbanden. So gelangten Porzellan und Gewürze, Zahlen und Musik, aber auch Brauche und Tiere von einem Ende der Welt ans andere.

Auf knapp fünfhundert Seiten wird die Pracht der Wege – mal eng wie die Gassen einer Kleinstadt, mal unendlich breit, nur von Bergketten begrenzt – in ihrer ganzen Vielfalt dargestellt. Die Bilder springen als Erstes dem Betrachter ins Auge. Farbenprächtige Mosaiken, traditionelles Handwerk, prunkvolle Teppiche, erhabene Reliefs, einsame Oasen, verlassene Ruinen, umgeben von spannenden Texten, die von Forschern geschrieben wurden, die sich ganz und gar ihrer Arbeit verschrieben haben. Allesamt Experten auf ihrem Gebiet.

So umfangreich und eindrucksvoll wurde die Seidenstraße noch nicht dargestellt. Die Vielzahl von alten Karten und Plänen, die Interpretation von Handwerkskunst, Funde von alten Schriften erstaunen ab der ersten Seite.

Es ist nicht leicht so ein Schwergewicht wieder beiseite zu legen. Ein bisschen Fernweh kommt auf, wenn man von exotischen Orten wie Simurgh, Pir-e Sabz oder Samarkand liest. Viele Orte sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich, so dass einem nur der Griff zu diesem Buch bleibt, um sie erleben zu können.

Nicht nur Geschichtsfans kommen hier auf ihre Kosten. Jeder, dem Abenteuer nicht fremd sind, wird mit wachsender Begeisterung in diesem Buch blättern, lesen und sich an Texten und Abbildungen erfreuen. Gepaart mit Wissensvermittlung, die einem Telefonjoker bei „Wer wird Millionär?“ vor Neid erblassen lassen.

„Die Seidenstraße – Landschaften und Geschichte“ eröffnet eine alte neue Welt. Die gekonnt in Szene gesetzten Schätze – von Grabsteinen über tanzende Pferde bis hin zu Edelsteinen – vermitteln nachhaltig einen detaillierten Einblick in über zweitausend Jahre Kulturaustausch, der heutzutage viel zu oft und viel zu offen angeprangert, manchmal sogar verteufelt wird. Erst dieser Kulturaustausch erlaubt die eigene Kultur im richtigen Licht zu sehen. Dieses Buch muss man zumindest einmal im Jahr in die Hand nehmen, um nicht zu vergessen, dass Kultur immer auf Gegenseitigkeit beruht.