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Allerorten

Manchmal ist genug eben nicht mehr und nicht weniger als das, was es ist, nämlich genug. Da muss man raus, raus aus den eigenen vier Wände, raus aus der Stadt, … raus aus dem bisherigen Leben. So geht es Sacha. Die Großstadt wird ihm zu viel. Landleben heißt das Zauberwort. Durchatmen. Kraft tanken. Dorthin gehen, wo ihn niemand kennt. V. – Autor Sylvain Prudhomme verzichtet darauf den Ort näher zu bezeichnen – irgendwo in der Provence ist für ihn nun der place to be. Hier kennt ich niemand, hier kann er zur Ruhe kommen, zu sich selbst finden.

Doch das Leben hält für Sacha eine Überraschung parat. Der Anhalter wohnt ausgerechnet hier am Ende der Welt. Der Anhalter ist ein Freund, der ihn schon sein ganzes Leben begleitet. Ein namenloses Faktotum, das sein Leben ein ums andere Mal schon bereichert hat, und mindestens genauso so oft auch wieder verlassen hat. Auch einer, der auf der ewigen Suche nach dem Sinn des Lebens ist. Die Realität sieht jedoch anders aus. Dieser Anhalter muss einfach raus. Er hängt sich ein Schild um den Hals, stellt sich an den Straßenrand, hält den Daumen raus und reist. Egal wohin. Hauptsache reisen. Hauptsache mit Menschen in Kontakt kommen.

Währenddessen bleiben Marie und Agustín, Frau und Sohn, zurück. Zurück in einem Leben ohne Mann und ohne Vater. Der Anhalter schickt Postkarten. Die Weiten Frankreichs klingen durch ihre Namen wie Abenteuerberichte aus vergangenen Zeiten. Für den Sohn sind es sehnlichst herbeigesehnte Leuchtfeuer. Für Marie sind es fast schon alltägliche Rituale des Lebens. Und Sacha?

Da stehen sie nun. Zwei Männer, die so eng verbunden und sich dennoch immer wieder voneinander entfernen. Zwei Männer auf der Reise. Der Eine immer wieder, immer öfter durch Frankreich, der Andere auf der Reise, die man Leben nennt. Wer denn nun wirklich schon angekommen ist, kann man schwer sagen.

Sacha fühlt sich auserkoren Marei und Agustín eine Art Ersatz zu geben und eine Rolle zu schlüpfen, die sonst der Anhalter ausfüllt. Marie und er sind Menschen, die in der Literatur mehr als nur eine Zuflucht finden. Sie erfüllt ihr Leben mit selbigem. Und so zieht Sacha Parallelen, die ihn in eine andere Welt zu katapultieren scheinen.

Sylvain Prudhomme gelingt mit „Allerorten“ der ganz große Wurf. Fast meint man sich in einer Art Fortsetzung von „Legenden“ zu wiederzufinden. Zwei Männer, die auf Reisen sind und niemals ankommen werden. In Legenden sind sie vom Erdboden verschwunden. Nun stehen sie wieder auf der Matte des Lebens und lassen all diejenigen am Leben teilhaben, die sich unterwegs aufgelesen haben. Die Frage, ob man allein nicht besser dran sei, ergibt sich niemals. Weder Sacha noch der Anhalter können und wollen jemals allein sein. Jeder ist an seinem Platz der Richtige. Dieser Platz ist jedoch Allerorten.

Das Haus am Waldsängerpfad

Es klingelt ordentlich in den Ohren, wenn man von historischen Orten und Häusern spricht. Aktuelle könnte das Reichstagsgebäude in Berlin so manche markerschütternde Geschichte erzählen. Aber auch so manches idyllisch gelegene Häuschen ist durchaus in der Lage frisch-fromm-fröhlich drauf loszuplappern, wenn man sich in seine Geschichte vertieft. Berliner Südwesten. Heute, im mit dem wenig aussagekräftigen Namen Waldsängerpfad ausgezeichneten Stück Berlin, nicht einmal einen halben Kilometer lang, steht dort ein Haus, dass immer noch den Namen seines einstigen Besitzers stolz zeigt. Einst war hier die Dianastraße, Betazeile. Die Göttin der Jagd und der Name eines der schlimmsten Antisemiten, den es jemals gab. Hier wohnte einmal Fritz Wisten. Nur eingefleischte Theaterleute erinnern sich noch an den Schauspieler und Kulturschaffenden, der 1962 starb.

Der Name ist ein Künstlername, der alsbald schon im Pass eingetragen war. Moritz Weinstein, mit diesem Namen kam er im März 1890 in Wien zur Welt. Ein paar Jahrzehnte später verschlug es ihn in die deutsche Hauptstadt. Kind und Kegel sowie sein Vater brauchten nun eine Unterkunft. Das Haus mit der modernen Architektur – Bauhaus ohne Kompromisse innen und außen – wurde gerade entwohnt, wie es im damaligen LTI-Jargon hieß. Die Besitzer und Auftraggeber für dieses Anwesen mussten Deutschland verlassen. Ihr Name, ihre Religion und vor allem die vorherrschenden Verhältnisse ließen ihnen keine Wahl. Etwas mehr als 50.000 Reichsmark blätterten die Wistens hin. Besitzerin war Gertrud Wisten. Was aber nichts moderner Gleichberechtigung zu tun hatte, sondern mit der Tatsache, dass Wisten, Fritz, geborener Weinstein, Jude war. Und die durften nichts besitzen, geschwiege denn Eigentum in diesem Maße erwerben. Das Haus war kein Ort der Freude im eigentlichen Sinne. Anfangs konnte man zwar noch Feste feiern. Doch schon bald war es für viele ein Ort der Zuflucht, der brüchigen Sicherheit. Wie für Alfred Balthoff. Auch einer von Wistens Kollegen, die heute in Vergessenheit geraten sind. Die Tatsache, dass seine Stimme vielen ausländischen Schauspielern als Charakteristikum dem deutschen Publikum vertraut ist, weist darauf hin, dass das Haus am Waldsängerpfad sicherer war als so manch anderes Versteck in dieser Zeit. Der agile Freddy Balthoff überstand die braune Zeit. Auch die Wistens. Und das obwohl es in der Nähe von Nazi- und Armeegrößen nur so wimmelte. Zum Beispiel Canaris, der sich im Laufe der Zeit gegen Hitler wandte, wohnte unweit. Das Haus selbst wurde von Peter Behrens errichtet. Bauhausikone und Erschaffer der Inschrift am Reichstagsgebäude. Fritz Wisten wurde ebenso drangsaliert wie Millionen anderer, die dem Regime nicht in den Kram passten. Auftrittsverbot, Gehaltskürzung – doch Wisten blieb. Deutsch war seine Sprache. Er konnte und wollte nicht in eine andere Welt eintauchen, die ihm das wichtigste Instrument, die Sprache, nimmt.

Nach dem Ende der dunklen Zeit konnte Fritz Wisten schnell wieder Fuß fassen. Schon Wochen nach Kriegsende inszenierte er wieder. Wurde Kulturfunktionär – im Osten. Doch auch diese Zeit ging vorüber.

Thomas Blubacher reiht in seinem Stolperstein-Buch historische Daten aneinander, dass einem schwindlig wird. Die Fülle an Fakten, Namen, Daten berührt und macht deutlich, dass Geschichte immer und überall sichtbar ist und es auch weiterhin sein muss. Der Kampf darf nicht vergessen werden. Eigentlich unvorstellbar, dass es solche Schicksale gab, und dass sie trotz der Besessenheit der Täter zu einem fast schon guten Ende führen konnten.

Das Badezimmer

Verrückte Zeiten, verrückte Typen – es gab sie immer, es gibt sie immer noch, und es wird sie immer geben. Die Einen sind unfassbar kreativ und produktiv, Andere trotzen dem Älterwerden mit klischeehaftem Jugendwahn. Und dann gibt es die wirklich abgedrehten Typen: Sie steigen in eine Badewanne … und kommen einfach nicht mehr heraus – eindeutig die angenehmsten schrägen Vögel, die unsere Welt und die Literatur zu bieten haben.

So unvermittelt der namenlose Erzähler – eines der Erkennungszeichen von Autor Jean-Philippe Toussaint – in angenehm warmes Nass steigt, so unvermittelt nimmt er postwendend auch wieder am trockenen Alltag teil. Anfangs scheinen die fehlenden Gedankenbrücken zu fehlen. Doch schon bald hat man sich mit dem Badeannenkapitän angefreundet. Sprunghaft ist anders. Vielmehr ist man Teil eines Lebens, das man selbst so nicht leben könnte. Es zu beobachten ist viel interessanter. Wie, wann, was zustande kommt, darf und muss man außeracht lassen (können).

Die titelgebende Badewannensession geht dem Leser ans Zwerchfell. Freunde kommen vorbei und berichten vom Regen. Wasser ist nun wirklich das Einzige, das den Badenden überhaupt nicht interessiert. Es umgibt ihn und seinen Körper vollends. Auch die Mama kommt vorbei. So wie es Mütter nun mal tun, wenn ihre Zöglinge Unfug treiben. Doch statt endloser Tiraden, ist die Welt im und um das Badezimmer herum in Ordnung.

Edmondsson – ein außergewöhnlicher Name für eine Frau – sieht dem Treiben ihres Gatten teilnahmslos, ratlos, aber auch verständnisvoll, oft auch abwesend zu. Dennoch reduziert sie ihre Arbeitszeit, um bei ihm zu sein. Eine echt verrückte Beziehung!

Als der Badewannenhorizont schlussendlich doch ausreichend erforscht ist, das eigene Leben analysiert, die Welt um ihn herum in von ihm gelenkten Bahnen die selbigen zieht, beschließt er ein wenig Unordnung wieder in sein Leben zu lassen. Er verlässt das, was er sich in den gekachelten vier Wänden gerade aufgebaut hat.

Jean-Philippe Toussaint brillierte in seinem Erstling mit der Essenz der ihm zur Verfügung stehenden Sprache. Detektivisch sucht man nach Überflüssigen. Keine Chance! Als Leser wird man zum Weberknecht der Gedanken eines Mannes, der Verrücktes tut, den man jedoch niemals auch nur annähernd als verrückt bezeichnen könnte, wolle man ernst genommen werden. Er ist verrückt, im reinsten Sinne des Wortes: Ver-Rückt.

Rätsel

Oft spricht man bei einer Biographie über ein außergewöhnliches Leben. Feldherren, die mit List und Tücke Tausende in die Schlacht – und den sicheren Tod – schickten. Gewiefte Wissenschaftler, die mit Beharrlichkeit ihrer Idee folgten. Oder Schauspieler, die mit ihrem Wirken die Massen begeisterten. Und dann gibt es Biographien, die wirklich außergewöhnlich sind. Wie die von James Humphrey Morris. Er begleitete Sir Edmond Hilary auf den Mount Everest, zumindest einen großen Teil seines Weges. Doch das ist nicht das Außergewöhnliche. Nein, es ist die Wandlung, die dieser Mann durchmachte, der heute als Jan Morris mit ihrer Frau Elizabeth in Wales lebt. Ja, mit IHRER Frau. Denn aus James Humphrey wurde Jan. Aus dem Mann James Humphrey wurde die Frau Jan.

Es ist ihr bis heute ein Rätsel woher die Neigung kam. Ein Rätsel, das sie gern lösen möchte. Aber dessen Nichtlösung ihr um nichts in der Welt den Weg, den sie einschlug, verhageln könnte. Schon in frühester Kindheit, unter dem Klavier sitzend, wurde James klar, dass es ihm besser tun würde als Mädchen durch die Welt streifen zu können. Im Militärdienst strengte er sich wohl deshalb mehr an als andere, um seinem Geschlecht gerechter zu werden als man es verlangte. Kein übertriebender Ehrgeiz, aber immer eine Portion mehr Engagement in der Hand.

Als Journalist bei Guardian und später bei der Times konnte er sich frei entfalten, beruflich. Er sah die Welt, traf Menschen, nahm an ihren Schicksalen teil. Und er fand die Liebe seines Lebens: Elizabeth. Sie wusste von Anfang an, was in James vor ging. Ein Problem? Kaum, und wenn, nur anfangs.

Im seinen Vierzigern reifte der endgültige Entschluss, dass der Zwiespalt zwischen administrativen und gefühltem Geschlecht nicht mehr hinnehmbar sei. Die Geschlechtsangleichung musste vorgenommen werden, nicht als physischer Akt, sondern als Glücksbringer im weitesten Sinne. Doch dazu musste die Ehe geschieden werden. Schließlich war es in den 70ern in Großbritannien – wie überall auf der Welt – nicht möglich als Frau eine Frau oder als Mann einen Mann zu heiraten. Casablanca war der Ort, der alles verändern sollte. Hier wurde der chirurgische Eingriff vorgenommen. Auch beim Leser stellt sich nach vielen Seiten emotionaler, doch oft auch pragmatischer Gedankengänge, eine emotionale Erlösung ein. Der Schreibstil wird frischer, lebendiger – das Glück der Autorin ist greifbar wie zuvor der ständige Zweifel.

Jan Morris gebührt ein Riesendank dem Publikum eine ehrliche und wirkliche Biographie vorzusetzen. Man taucht ein in eine Welt, die man immer nur von außen betrachten kann, wenn man sich denn überhaupt darauf einlassen will. Einfühlsam, einprägsam, einzigartig.

Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer

Im Laufe eines Lebens sammelt sich in einer Wohnung so allerlei an, dass man einst zusammengetragen hat, um sich einmal deren Herkunft zu noch einmal herbeiführen zu können. Urlaubserinnerungen nennen das die meisten. Das reicht vom Kühlschrankmagneten über kitschige Figuren bis hin zu kleinen Malereien, die nun zeitlebens die Wände schmücken. Achtlos geht man an ihnen vorbei. Doch wären sie nicht da, würde man sie schmerzlich vermissen.

Xavier de Maistre musste Ende des 18. Jahrhunderts nach einem illegalen Duell einmal 42 Tage in Hausarrest verbringen. Für ihn keine Strafe, vielmehr endlich die Möglichkeit sein Habitat zu sichten und im Kopf zu ordnen. Karl-Markus Gauß tut es ihm mehr als zweihundert Jahre später gleich. Er muss nicht das Haus hüten, weder aus gesundheitlichen Gründen noch aus der aus der Mode gekommenen Duell-Bagatelle. Sein Salzburger Domizil ist das, was ihn ausmacht. Oder ist das Domizil ein Spiegelbild seiner selbst? Wie auch immer: Die Reise über die Quadratmeter, durch die Bücherregale, an den Wänden vorbei ist eine Reise durch sein Leben, durch Europa und seine Geschichte.

Karl-Markus Gauß ist Schriftsteller und seine Bibliothek ist enorm. Tausende Bände zieren die Wände und sein Können. Er hat sie nicht alle gelesen, musste sogar aussortieren, weil er sich eingestehen musste, dass es ihm unmöglich sein werde jedes Werk lesen zu können. Verzweiflung? Nicht im Geringsten! Denn die Erinnerungen wie er in ihren Besitz gelangte, reichen vollkommen aus, um selbst Seiten in einem Buch zu füllen.

Dieses Buch ist der Rückblick auf ein Leben, das sich immer noch in einer Aufwärtsbewegung befindet. Den Höhepunkt zwar vor Augen, doch die Entspannung in weiter Ferne. Er berichtet vom familiären Hotel in Meran, von Freunden, die ihm zur Seite standen, von Dingen, die ihm um nichts in  der Welt abzukaufen seien. Und der Leser? Er muss nicht mal anklopfen oder die Klingel betätigen, um im Gauß’schen Wissensschatz kramen zu dürfen. Wie in einem lebendigen Museum schreitet er durch die heiligen Hallen des Wissens und der Vergangenheit, steckt hier und da seine Nase, die ihn eigentlich nichts angehen (der Zimmerherr passt schon auf, dass nichts nach außen dringt, was besser indoor bleibt), blättert in Erinnerungen, die nie so ganz verblassen werden.

So eine Biographie sucht man vergebens auf dem Büchermarkt. Ein einzigartiges Lesevergnügen, dass die Neugier weckt und im Seitentakt befriedigt.

Der Teufel in der Schublade

Dichtersruh – ein Name wie Donnerhall. Hier zwischen den Giganten der Alpen liegt dieser kleine Ort. Sogar Goethe kehrte hier einst ein als er auf dem Weg gen Italien war. Noch immer ist der Streit, wo er denn nun abgestiegen war, nicht entschieden. Die Möglichkeit, dass er in keinem der heute ansässigen Unterkünften Rast machte, wird mit Konsequenz hinfort gewischt. Außerdem hat der deutsche Dichterfürst ein weiteres Erbe hinterlassen: So ziemlich jeder im Ort, der des Schreibens mächtig ist – was auf jeden zutrifft – fühlt sich berufen zum Schreiben. Klar, wenn Goethe hier war, muss das ja irgendwie abgefärbt haben…

Und so schreibt man das nieder, was sonst nur der Pfarrer zu hören bekommt. Eines Tages – bitte niemals den Goethe und schon gar nicht sein (Haupt)Werk außeracht lassen! – verschlägt es den Verleger Bernhard Fuchs, Dr. Fuchs, in das mehr oder weniger verschlafene Örtchen. Bei solch geballter literarischer Vielfalt muss man hier zumindest absteigen. So wie Goethe. Die Idee von einem Literaturpreis reift schneller als die Fallwinde das Tal erreichen können. Kantonsweit soll der Wettbewerb ausgeschrieben werden. Doch lieber wäre es allen, wenn er innerorts vergeben werden könnte. Auch wenn das den Zwist unter den Schreiberlingen vergrößern würde.

Ein Preisgeld gibt es auch schon. Nicht kleckernde zehntausend Franken winken dem Gewinner. Das Geld ist auch schon auf dem Weg. Versichert der Verleger. Die Bank ist eher eine kleine Bank, unbekannt. Aber das Geld ist unterwegs. Genau wie die Autoren des Ortes. Sie bedrängen den Verleger ihre Texte zu lesen, zu verlegen, preiszukrönen.

Naja es kommt alles anders als erwartet. Der Bürgermeister hat einen Unfall, ein Fuchs ist ihm vors Auto gelaufen. Ein echter Fuchs, nicht Doktor Fuchs. Der Pfarrer stirbt, sein Nachfolger, der sich oft mit Fuchs, also dem Verleger traf, muss nun alles regeln. Als dann auch noch ein Knall das Tal erhellt, bricht für so manchen die heile Welt entzwei.

Ich möcht‘ wissen was die Welt im Innersten zusammenhält. Mephisto hilf! Da hat Goethe was angerichtet! Das setzt er vor zweihundert Jahren das Gericht in die Welt, dass der Teufel immer noch sein Unwesen treibt. Und dass man den Gehörnten nicht auf den ersten Blick erkennt. Und nun steht der Leibhaftige in Dichtersruh seinen Schäfchen gegenüber? Ein köstlicher Spaß mit Schnitzeljagdcharakter. Denn die Geschichte wird aus allerlei Blickwinkeln erzählt. Mit jedem neuen Kapitel muss man sich einnorden auf den jeweiligen Erzähler. Ein teuflischer Plan des Autors!

Im Fallen lernt die Feder fliegen

Von einer Reise vom Regen in die Traufe zu sprechen, würde dem Schicksal Aidas nicht gerecht werden. Ihre Eltern flohen vor dem Kriege zwischen Iran und Irak in den feindlichen Iran (wo sie in einem Flüchtlingslager geboren wurde) bis sie ihre Reise schlussendlich in der Schweiz in ruhigere Bahnen gelenkt wurde. Sie wuchs hier mit ihrer älteren Schwester auf. Fast schon war die Schweiz so etwas wie Heimat. Fast, denn das ewige Nachhängen des alten Lebens im Irak, was ihre Eltern, besonders ihren Vater, umtreibt, belastet den Alltag.

Der Vater kann und will sich nicht eingliedern. Zu fremd das gastfreundliche Land, das sie aufnahm, aber nach und nach auch Integrationserfolge sehen will. Die Eltern wollen zurück. Denn der Krieg ist vorüber. Die Diktatur Geschichte. Dass dem nicht so ist, davor verschließen sie gedankentreu die Augen. Was soll Aida machen? Sie ist zu klein, um allein in einem letztendlich doch fremden Land zu bleiben. Und außerdem gehört ein Kind zu seinen Eltern!

Vater bestimmt, Mutter folgt, die Kinder haben keine Wahl. Der Irak soll ihnen eine neue Heimat werden. Doch die neue Heimat ist alles andere. Als ihre Schwester unter die Haube soll, ob sie will oder nicht, kreisen die Gedanken nur noch um Eines: Flucht. Wieder einmal. Wieder einmal in die Schweiz.

Doch auch hier wird Aida nicht so glücklich wie sie es in einer richtigen Heimat wäre. Niemand da, dem sie sich anvertrauen kann. Es sind nicht die materiellen Dinge, die sie eine Heimat vermissen lassen. Gespräche, freie Gedanken sprühen in ihrem Kopf herum- Sie beginnt sie aufzuschreiben.

Usama Al Shahmani zündet ein Feuerwerk der leisen Gefühle. Die Aida, die er schuf, reift zu einer Persönlichkeit heran, die so unnahbar ist wie eine Feder im Wind. Sie selbst ist immerwährend auf der Suche. Nach sich, nach Heimat, nach Verbindungen. Sie findet sie nur, wenn sie ihr Leben niederschreibt. Auch ihr Freund dringt nicht vollends zu ihr durch. Aber er ist die Stütze, die sie braucht. Ein erster Pfeiler in einem heimatlichen Boden. In selbigen gerammt vom Schicksal. Unerschütterlich.

Aidas Leben beginnt sich wieder zu drehen. Doch es geht dieses Mal nicht darum, eine Bewegung anzuhalten oder umzukehren, sondern den Weg beizubehalten und mit Würde und Freude beschreiten zu können. Ein endgültiger Zieleinlauf ist nicht absehbar, doch nach den zahlreichen Kurvenläufen, ist die Zielgrade sichtbar.

Ein wunderbar poetischer Roman, der jegliche Klischees einer Flucht außen vor lässt. Was Flucht mit Menschen macht, wird mit sensiblen Worten und nie gekannter Sprachgewalt dargestellt.

Spaghetti al pomodoro

Sie sind die Universalwaffe, wenn der Nachwuchs bei Tische wieder einmal den Aufstand probt: Spaghetti. Mit Tomatensauce hat man die Schlacht automatisch schon gewonnen. Rund um den Erdball sind die dünnen Fäden – ob nun aus Eiern oder Hartweizen hergestellt – der Renner auf den Tellern. Sie waren immer da, sind es bis heute und werden es auch immer bleiben. Den Ruf als globales Mahl wird ihnen keiner streitig machen können. Auch wenn so genannte Fernsehköche (ist das überhaupt ein Ausbildungsberuf? Und wenn ja wie hat er sich im „Spiegel der Zeit“ mit der Erfindung der Flachbildschirme entwickelt?) in so genannten „Kochsendungen für Männer“ den Burger als Synonym für Fleisch als Allheilmittel des lukullischen Aha-Erlebnisses propagieren.

Massimo Montanari taucht hinab in die Tiefen der Geschichte dieses Gerichtes. Woher kommen denn nun eigentlich die Nudeln, die die Welt beherrschen? China? Weil Marco Polo, ein Italiener, eigentlich Venezianer, was zu seiner Zeit noch einen bedeutenden Unterschied ausmachte, im Osten herumschipperte und sie angeblich einschleppte? No. Nudeln wurden schon immer irgendwo auf der Welt hergestellt, wo Weizen angebaut wurde. Die Methode des Trocknens, um sie haltbar zu machen, war ebenso verbreitet, die das Wissen darum, dass, wenn sie in Wasser gekocht werden, sie nicht nur schmackhaft, sondern vor allem auch nahrhaft sind. Auch dem Mythos al dente rückt Montanari auf den Pelz. Stundenlang sollen sie vor Jahrhunderten gekocht worden sein. Nix mit cinque minuti und ab an die Wand klatschen.

Doch zu Pasta gehört – der Titel des Buches verrät es ja bereits – auch eine Sauce. Aus Tomaten. Bringt Farbe ins Spiel. Und Geschmack. Zucker und Zimt waren eine Zeitlang die bevorzugten Zugaben – wenn man das heute Kindern erzählt, ist das Thema gesunde Ernährung auch durch.

Die Tomate kam mit den rückkehrenden Eroberern Amerikas über Spanien auf den Apennin. Selbst die Medici ließen sich mit den roten Früchten, immer noch als Zierde eines jeden Gartens oder generell als Schmuckstück gehandelt, beschenken. Nach und nach wurden dem weißen Teig und der roten Sauce Zutat um Zutat beigefügt. Pfeffer und Käse haben sich bis heute gehalten.

Nun ist es nicht so, dass mit dem Genuss des Buches der Genuss der Pasta im Allgemeinen und der Spaghetti al pomodoro im Speziellen beeinträchtigt wird. So viel Einfluss hat auch der belesene Autor nicht. Doch wenn es bei Tisch darum geht ein bisschen über das Essen zu philosophieren, hat man ein Pfund in der Hand, im Mund, aber garantiert im Kopf, mit dem man wuchern kann. Einfach mal die Worte „lakhsha“ und „risnatu“ in die Runde werfen. Wenn man Glück hat, kann sich unter dem Eindruck des Erstaunens die eine oder andere Nudel mehr vom Teller des Gegenübers klauen. Na, das ist es doch wert, oder?!

Großes Kino

Bis vor Kurzem war Carsten Wuppke noch engagierter Sozialarbeiter. Schon vorher, und jetzt noch mehr bekämpft er das System von innen. Als Sozialarbeiter kennt er die Schlupflöcher verteilt großzügig diese gekennzeichneten Landkarten. Doch eine Vorstrafe macht ihm nun den Garaus. Im Supermarkt kommt es dann zur Eskalation als ein Polizist in barschem Ton eine Kassiererin anpöbelt. Wuppke kann Ungerechtigkeit und Amtsmissbrauch nicht ausstehen und pöbelt gegen den Amtsträger zurück. Böser Fehler! Denn der will nun postwendend Wuppkes Legitimationspapiere sehen. Nisch mit Wuppke! Ab durch die Mitte. Raus uff de Straße. ‘Nen Mopedfahrer umgenietet, Ruff uffs Moped und wech. So weit so gut.

Der „ausgeliehene“ Roller gehört aber dem Chinesen, Ali al-Safa. Der hat in Berlin-Neukölln mehr zu sagen als so mancher Politiker. Sein Wort hat wirklich Gewicht. Und mit Wuppke versteht er sich ganz gut. Eine Hand wäscht die Andere – alles klar?

Der Chinese ist nun aber ganz und gar nicht angetan, dass Wuppke Salid den Roller unterm Arsch weggeklaut hat. Moment, von Klauen kann hier nicht die Rede sein, kontert Wuppke. Ali sieht das anders. Eine Wiedergutmachung würden die Wogen erheblich glätten. Wie soll das aussehen, fragen sich Leser und Wuppke. Ali will auf Solt, wie er sagt, gemeint ist Sylt, mal nach dem Rechten schauen. Ali wollte Land kaufen. Hat sich mit den örtlichen Verantwortlichen eingelassen. Doch nun herrscht Funkstelle zwischen Spree und Nordseestrand. Wuppke wird’s schon richten. Er kann reden. Kennt Schleichwege wie kein anderer. Doch so schnodderig Wuppke ist, so verflixt kompliziert ist die Sache mit dem Landkauf auf Sylt. Wuppke muss wohl zum ersten Mal in seinem Leben wirklich arbeiten. Und dann auch noch mit Nachdruck! Für Druck sorgt Ali al-Safa schon.

Wuppke hat sich inzwischen die politischen Gegebenheiten auf der Insel zu Gemüte geführt. Da ist eine Aktivistengruppe. Ein Beamter, der weiß wie man Aufträge so vergibt, dass das eigenes Mütchen stets kühl und die Brieftasche immer kurz vorm Zerbersten bleibt. Der kleene Sozialarbeiter aus Neukölln, der sich nie bei seinem Bewährungshelfer meldet, der die schiefe Schnauze zur Kunstform erhoben hat, pingpongt inzwischen im Spiel der großen und kleinen Ganoven vom feinsten Sandstrand bis zum Spreeufer. Ob det was wird? Zum Helden scheint Carsten Wuppke jedoch erst einmal nicht geboren…

Sascha Reh mit Wuppke eine echte Type. Mit der Mafia nimmt er es genauso auf wie mit dem Clan aus seinem Kiez. Listige Bauunternehmer und zukünftige Amtsträger können ihm zwar drohen, doch ernsthaft in Gefahr bringen, kann er sich nur selbst. Mit allerlei Anleihen beim Großen Kino (von E.T. bis Jackie Brown) und einer unschlagbaren Eloquenz schafft es Wuppke immer wieder zu beschwichtigen. Origineller kann ein Krimi nicht sein!

Nächtliche Erklärungen

Manchmal passiert es, dass man sich bedanken möchte ein bestimmtes Buch lesen zu dürfen. Im Falle von „Nächtliche Erklärungen“ ist es so und Edem Awumey lässt den dankbaren Leser sogar am Entstehungsprozess teilnehmen.

Ito Baraka ist Autor. Er lebt in Kanada, in der Nähe von Ottawa. Er will schnellstmöglich sein neues Buch abschließen. Denn er wird sterben. Das müssen wir alle irgendwann einmal. Doch sein Irgendwann steht fast schon vor der Tür. Leukämie. Für sich und für seine drogensüchtige Freundin Kimi Blue will er den Roman abschließen, der sein Leben nicht mehr verändern wird.

Ito Baraka stammt aus Westafrika, aus einem Land, in dem ein Diktator mit unnachgiebiger Brutalität seiner Angst vor Machtverlust versucht der Lage Herr zu werden. Ito ist Student. Zusammen mit anderen übt er Theaterstücke ein, ist politisch aktiv. Die Prügelschergen des Regimes kommen ihnen bald auf die Schliche. Ito wird verhaftet, eingekerkert, verhört, gefoltert. Sein Zellengenosse Koli Lem gehört zu einer zweiten Sorte Gegner, die mit Vorliebe von den Diktatorensöldnern verfolgt wird. Intellektuelle und Menschen, denen man aufgrund ihres Charismas und ihrer angeblichen magischen Kräfte von Natur aus nicht trauen kann. Zumindest wenn man als Alleinherrscher ein ruhiges Leben führen möchte. Koli und Ito werden Freunde. Ito liest Koli immer wieder aus Büchern vor, denn Koli hat man das Augenlicht genommen. Wochenlang zwang man ihn ungeschützt in die Sonne zu starren.

Schon in den ersten Absätzen zieht der Autor den Leser in eine Zeit und in ein Land – es könnte Togo in den 80er Jahren sein, wo Edem Awumey geboren wurde – in dem jeder Funken von Freigeist mit äußerster Härte erstickt wird. Ito konnte fliehen. Er hat sich in Kanada ein neues Leben aufgebaut. Kein Luxusleben. Aber ein freies Leben. Er ist sogar so frei, dass er seine eigene Vergangenheit nun mit Abstand betrachtet anderen zugängig machen will und es vor allem auch kann.

Die Wucht der Worte fegen jeden eventuellen Zweifel hinweg, dass es wieder ein Buch über Folter und Flucht sein könnte, wie es schon so viele (zu viele?) gibt. Es als eindringlich zu beschreiben, würde der Wahrheit nicht annähernd gerecht werden. Ganz tief wühlt Awumey lässt Ito Baraka in seinem Leben wühlen. Das Blut gerät in Wallung, aber statt zu hassen, sieht Ito in seiner Vergangenheit mehr die Chance für einen Neubeginn. Auch wenn seine Zeit endlich ist.

Im riesigen Bücherstapel afrikanischer Literatur und Literatur über Afrika sticht „Nächtliche Erklärungen“ durch seine Schonungslosigkeit und die einzigartige Wortwahl heraus.