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Das Meer der Aswang

Der Titel verspricht unendliche Weiten. Ja, das Buch hält dieses Versprechen. Unendlich aber als Synonym für Unentdecktes. Wer kennt schon die Bedeutung einer Aswang in der philippinischen Kultur?! Wer weiß über was eine Aswang ist?! Nun, Aswang ist – das verrät schon der Artikel – ein weibliches Wesen.

Luklak ist ein Mädchen, das schon länger gewisse Veränderungen an sich wahrnimmt. Sie kennt die Legenden von Aswang, Wesen, die in jeder Hinsicht frei sind. Sie kennen keine Lebensregeln, ihr Tun und Denken ist von wirklicher Freiheit geprägt. Das allein schon regt zum Nachdenken an. Denn Freiheit ist in heutiger Zeit ein dehnbarer und immer zum eigenen Vorteil verdrehter Begriff. Meist ist es nur das Unvermögen und die Weigerung einzelne, allgemeingültige Normen anzuerkennen, weil man dafür einen Schritt zu viel machen muss. Bequemlichkeit wäre in diesen Fällen wohl angebracht.

Aswang sind freie Wesen. Dennoch in einem Korsett aus eigener Mystik gefangen. Sie können jede Form annehmen, die sie wollen. Je nachdem womit sie in Berührung gekommen sind. Die Wandlung zur Aswang ist also nicht ganz freiwillig, weil – und das ist das Paradoxe – sie schon immer Aswang waren. Das steht gleich zu Beginn des Buches so geschrieben. Auch hier muss man erstmal seine westlich geformten Gedanken sortieren, … sie freilassen.

Und das wird sich bis zum Ende des Buches nicht ändern. Zum Einen liegt das an den doch für unsere Ohren fremden Begriffe. An die gewöhnt man sich jedoch schnell, lässt man sich vom Lesefluss mitreißen. Andererseits ist der Fortgang der Wandlung nun nicht eben die Art von Geschichte, der man oft begegnet. Es ist mystisch, fremd, anders. Aber, und dieses Aber kann man gar nicht groß genug schreiben: Diese mystische, fremde, andere Welt ist so spannend, dass man gern noch einmal ein paar Seiten zurückblättert, um sich noch einmal zu vergewissern, alles richtig verstanden zu haben. Zum Inhalt darf an dieser Stelle eigentlich gar nichts gesagt werden. Jeder muss selbst zum Forscher werden und sich in die Welt der Aswang, der Familie von Luklak, den Philippinen einlesen. Fasziniert taucht man dank der sanften Worte von Allan N. Derain in eine Welt ein, die noch nie so eindrucksvoll beschrieben wurde. Filmfans ist die Figur der Aswang in einschlägigen Filmen vielleicht schon mal vor Augen gekommen. Doch ihre Darstellung als düstere, mordlüsterne Wesen entspricht nicht der kompletten Wahrheit. „Das Meer der Aswang“ hingegen ist ein wahres Füllhorn an neuen Einsichten in eine Kultur, die ab sofort gar nicht mehr so fremd ist.

Reise mit einer Eselin durch die Cevennen

Guck mal, ein Esel. Ach wie niedlich, die Augen, die Ohren. Ach wie süß! Nachdem die unweigerliche Verzückung vorüber ist, richtet sich das Augenmerk des Lesers auf die folgenden beschriebenen Seiten dieses Reiseberichtes von Robert Louis Stevenson. Genau der Robert Louis Stevenson, der mit der Schatzinsel. Im Herbst 1878 macht er sich auf über 200 Kilometer durch und über die Cevennen zu wandern. Zwölf Tage für 200 Kilometer – sportlich. Und jetzt versetzen wir uns in die Gegenwart. Wir wollen wie Stevenson durchs Gebirge wandern und Ruhe und Einsamkeit finden. Und finden was? Endlose Schlangen von Wohnmobilen, deren Fahrer fast schon pastoral von Freiheit murmeln und die sich ebenso endlos statt um das Leeren ihrer Chemikalientanks kümmern lieber mit einem Wagenrad über dem Abgrund erst einmal erleichtern statt die Aussicht zu genießen. Navi mit emotionsloser Stimme weisen den Weg. Und hoffentlich gibt’s auf dem nächsten Campingplatz ein vernünftiges WLAN, dass man bloß nicht das eigene Datenvolumen verbrauchen muss. Und hoffentlich spricht man die eigene Sprache dort. Und bitte, lieber Fahrergott, lass es sauber sein! Das sind Sorgen?!

Stevenson hat sich wie so viele das Reiseziel bzw. die Reiseroute sorgsam ausgewählt. Er lässt sich sogar einen Schlafsacke nähen. Auf ihn zugeschnitten und nicht aus einem Material, dass vor ein oder zwei Leben noch eine Getränkeflasche war. Alles aus natürlichen Materialien. Gab ja nichts anderes!

Stevensons Reisemobil (eigentlich nur der Kofferraum oder die Gepäckablage) ist Modestine. Eine Eselin. Weiblich. Esel. Alles klar?! Störrisch, eigenwillig. Und dennoch ist Stevenson dem Begriff der Freiheit, der Definition von Freisein näher als alles Vierradmobilisten, die meinen ihren ökologischen Fußabdruck allein nur durch das Vermeiden von Flugmeilen im erträglichen Rahmen halten zu können. Denn Stevenson trifft hier kaum Menschen. Er kann unbeachtet wild campen. Dreimal tut er dies. Einmal nächtigt er im Kloster. Schweigegelübde inklusive. Schwer für einen, der als brillanter Geschichtenerzähler gilt. Und immer dabei, wenn auch nicht immer erwähnt: Modestine.

„Reise mit einer Eselin durch die Cevennen“ ist der vergnüglichste Reisebericht des Jahres. Wenn auch schon etwas in die Jahre gekommen, so ist es ein unerbitterliches Vergnügen einem gewieften Fahrten(be)schreiber durch den Süden Frankreichs zu folgen. Amüsant, lehrreich, hilfreich, aber vor allem unterhaltsam. Ganz ohne Powerbank, Social media account, Sattelitenunterstützung, Vorausbuchung und sonstigem Schnickschnack, der der Freiheit das Ureigenste nimmt: Sich selbst. Immer wider, immer noch lesbar und fast schon unverzichtbar in einer Zeit, in der man sich gern jeder Last entledigen möchte, weil man meint es genau so tun zu müssen.

Wien, Wien, nur Du allein …

Über kaum eine andere Stadt werden jedes Jahr derart viele Bücher veröffentlicht wie über Wien. Kaffeehäuser, Künstler, geheime Ecken – alles wird unter die Lupe genommen, weil die Archive überquellen vor Dokumenten. Es scheint ein Einfaches zu sein über Wien zu schreiben und zu berichten. Aus dem Berg an Information und neu Ausgegrabenem ragen jedoch immer wider Bücher hervor, die der Thematik mehr als nur eine Berechtigung bescheinigen. So wie „Wien, Wien, nur du allein…“. Volksbelustigung in einer der schönsten Städte der Welt.

Gabriele Hasmann nimmt das Vergnügen an dem Vergnügen vergnüglich auf den Grund zu gehen. Nicht nur der Tod is a Wiener, der Schelm auch. Und der Vergnügungssüchtige. Und der Voyeur. Und der Pionier. Und und und. Ein Sammelsurium der Kuriositäten und der kuriosen Seltsamkeiten, in einem Buch. Ein Buch, das Wienkenner in Verstaunen versetzt. Und Wien-Neulinge an den Rand der exzessiven Sehnsucht treibt.

Wien und Vergnügungen das sind zwei Dinge, die untrennbar miteinander verbunden sind. Einfach nur flanieren, das ging damals (wann auch immer damals beginnt und wann auch immer es aufhört) genau so gut wie heute. Doch irgendwann ist auch mal Schluss mit dem Müßiggang. Dann braucht man Äcktschn!

Viel ist voll mit Museen, die jeden Wienbesuch zu etwas Besonderem machen. Ob groß oder klein, jeder muss mindestens ein Museum in Wien besuchen. Doch wie war das vor ein-, zweihundert Jahren? Immer nur ins Museum? Nö! Der Prater war die Hauptattraktion der Stadt. Die Fahrgeschäfte sind bis heute Magnet für Tausende.

Freaks nannte man die Hauptattraktionen über den großen Teich. Sensationsschauen in Deutschland. Hier traten Menschen auf, die heute so niemals mehr dargestellt würden. Dass unter dem Siegel der political correctness auch die Berichterstattung darüber ins Abseits geschoben wird, ist zweifelhaft und hat nichts mehr mit Menschenwürde zu tun.

Damenkappellen (das war mal ’ne Sensation!), morbide Peep-Shows, Feuerwerk – die Liste ließe sich unendlich fortsetzen. Wien war the place to be. London und Paris waren zweifelsohne größer. Aber in der Donaumetropole bekam man auf der Straße und um die Ecke das geboten, was andernorts nur in Theatern zu besichtigen war.

Auffällig und vor allem nachvollziehbar sind die exakten Adressangaben der Autorin. Bis heute kann man so manchen „Zirkus“ noch exakt verorten. Auch wenn es dort heute anders aussieht. Wohnraum und Einkaufstempel machten so mancher Attraktion den Platz streitig, ihre Geschichte konnte sie nicht in den Boden der Vergessenheit stampfen. Dieses Buch ist ein Erinnerungsort, der dem Vergnügen der Städter ein weiteres Denkmal setzt. Der nächste Wienbesuch wird so manchen Abstecher in vergnügliche Zeiten parat halten und für so manchen Schmunzler sorgen. Denn nur der Leser dieses Buches weiß, was früher hinter diesen (neuen) Mauern vor sich ging…

Über die Brücken von Paris

Es ist unbestritten, dass Paris zu den Top 10 der Sehnsuchtsorte auf der Welt gilt. Das belegen allein schon die Besucherzahlen. Zum Anderen sind es aber auch die unzähligen Bücher, die über die Stadt geschrieben wurden und der Berg an Büchern, deren Handlung ohne Paris nur halb so interessant wäre.

Gernot Gad geht es sicherlich nicht anders – der gebürtige Berliner lebt in Paris. Nicht weil er muss, sondern weil er es will. Weil die Stadt ihn fasziniert. Es saugt die Stadt auf, atmet ihren Rhythmus ein und stromert mit wachem Auge von Links nach Rechts. Dabei quert er die Seine ein ums andere Mal. Es scheint schon fast logisch, dass er den Brücken, die ihn übers Wasser tragen, ein Denkmal setzen muss. Und was für eins!

Kaum eine romantische Szene kommt ohne die Brücken von Paris (am besten bei Nacht oder zumindest bei Anbruch der Nacht) aus. Das Lichtermeer ist schmeichelnd für das Auge. Mit Eiffelturm im Hintergrund – ebenfalls beleuchtet – und schon hat man das perfekte Erinnerungsbild für die Ewigkeit. Kitschig. Ein bisschen. Aber auch umwerfend beeindruckend. So muss Paris in der Erinnerung sein!

Ist der erste Rausch verklungen, drängen die ernsten Fakten nach vorn. Siebenunddreißig Brücken sind es die Paris die Trennung durch die Seine vergessen lassen. Pont Neuf ist wohl die bekannteste in einer zeit, in der das schnelle eindrucksvolle Foto mehr Wert besitzt als die nie verblassende Erinnerung an eine schöne Zeit. Juliette Binoche setzte im gleichnamigen Film dieser Brücke ein ewiges Denkmal. Filmgeschichte zum Anfassen bzw. zum darauf Herumlaufen. Diese Brücke allein für sich zu habe, ist unmöglich.

Aber da sind ja noch sechsunddreißig weitere Brücken. Und ihre Geschichte teilt Gernot Gad mit dem Leser. Hochzeitspaare an einer Brücke, die an den Krieg in der Wüste erinnert – wenig romantisch. Doch Monsieur Eiffels Vermächtnis im Hintergrund lässt all die Pein vergessen. Das Licht muss nur stimmen.

Pont Grenelle – dort, wo die Freiheitsstatue in kleinerer Ausführung steht – raunt man sich Legenden zu. Hier das Original, da die überlebensgroße Kopie. Von wegen. Umgekehrt ist es richtig. Hier wird Geschichte fasst schon greifbar. Besonders, wenn man sich das Gesicht der Dame auf der Brücke anschaut. Frédéric Auguste Bartholdi hat die Statue geschaffen. Das Gesicht war ihm wohl bekannt. Es ist das Gesicht seiner Mutter. Und eigentlich sollte sie schon Jahrzehnte vorher in der warmen Sonne Ägyptens stehen…

„Über die Brücken von Paris“ ist genau das Buch, das man braucht, kennt man die Stadt schon gut. Sind die Märkte wie der heimische Supermarkt, ist der Eiffelturm nicht mehr Objekt des stundenlangen Wartens auf überragende Aussichten, ist Montmartre nicht länger das verblassende Klischee des Paris von einst, sind die Modeläden in Le Châtelet nur Fassaden, die man gern noch im Augenwinkel wahrnimmt – dann wird es Zeit sich neue Ziele in Paris zu stecken. Von A bis A, von Aval bis Amont, das ist schon eine ordentliche Wegstrecke, die man da zurücklegen muss. Immer am Ufer entlang. Und in der Mitte des Weges ganz schön voll. Und doch nimmt man all das auf sich, um in Paris doch etwas zu erleben, was Andere niemals wahrnehmen werden – so lange sie nicht dieses Buch mindestens in der Hand halten – Paris ist ab sofort eine ganz andere Stadt!

Bilderbuch einer Nacht

Der Titel würde auch gut zu einem der zahlreichen Singer/Songwriter passen, der in seinem eigenen Taumel durch die Stadt irrlichtert und versucht seinem Weltschmerz mit jammernder Stimme Gehör zu verschaffen. Er wird scheitern, schon allein deswegen, weil er denkt, dass ihm der Albumtitel zu allererst eingefallen sei. Nein, Erik-Ernst Schwabach war schneller. Und heller. Und einfallsreicher. Nicht so verweichlicht. Und schon gar nicht wimmernd.

In „Bilderbuch einer Nacht“ streift die Menschheit durch eben selbige. Sie sind einholen – ein wunderbar altmodischer Begriff, der so manchem Singer/Songwriter (da sind sie wieder!) abhanden gekommen ist – sie flitzen nach dem Omnibus, sie hecheln nach Liebe, wollen sich den Wanst voll schlagen, sind Getriebene und hetzende Meute zugleich. Alles ganz normal! Normale Menschen, die dem Leben einen Moment abknüpfen wollen, um ihm ihren Stempel aufzudrücken. Alles so wunderbar altmodisch. Ein Hut ist hier ein Hut, nicht modische Accessoire, um sich einer Clique angehörig zu präsentieren. Sie alle tragen nicht die Klampfe als Wehklang über der Schulter. Die Nacht ist zum leben da. Bedürfnisse und Bedarf verschwimmen im Laternenbrei wie Tag und Nacht.

Ernst-Erik Schwabach wurde mit dem goldenen Löffel im Mund geboren. Alter Bankiersadel. Die jüdischen Wurzeln wurden von seinen Vorfahren aus verständlichen Gründen abgelegt. Auch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt es sich seiner Religion zumindest in Acht zu nehmen. Schwabach war nun protestantisch. Mit dem Geld der Familie kaufte er sich bei Verlagen ein. Unter anderem bei Kurt Wolff in Leipzig. Er gab eine literarische Zeitschrift heraus. Er förderte Autoren und Künstler wie zum Beispiel Else Lasker-Schüler. Im Familienschloss Märzdorf las Heinrich Mann aus seinem „Untertan“ bevor er veröffentlicht wurde. Und Erik-Ernst Schwabach schrieb selbst. In der Kunstszene Deutschlands hatte der Name Schwabach einen wohlklingenden (und für viele überlebenswichtigen) Ruf. Und dennoch kennt man ihn heutzutage kaum noch.

Die Inflationszeit fraß die Reserven auf. Der aufkommende und später regierende Nationalsozialismus gaben ihm den Rest. Schwabach emigrierte nach England. Das Einkommen war im Vergleich zu den Jahren vor der Geldentwertung weniger als ein Tropfen aus dem (verdammt) heißen Stein. Dieses Buch erschiene trotzdem. Auf Polnisch. Im Exil erhielt Erik-Ernst noch eine Ausgabe, die er allerdings nicht verstehen konnte. Polnisch war nicht seine Muttersprache. Wenige Tage/Wochen später verstarb er. Von seinem Werk ist nur wenig erhalten. Von diesem Buch sind es nur eine leicht zählbare Anzahl Exemplare, die kaum noch einzusehen sind. Und so dauerte es tatsächlich fast neunzig Jahre bis „Bilderbuch einer Nacht“ endlich auf Deutsch erscheinen kann. Immer noch lesbar, erlebbar, nachvollziehbar und beeindruckend wie am ersten Tag.

In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied

Zürich – Tel Aviv und zurück: und schon ist das Leben von Gadi nicht mehr dasselbe. Drei Jahrzehnte haben sich Vater und Sohn nicht mehr gesehen, jetzt liegt Gadis Vater im Sterben. Tamar, sein Schwester hat ihn eindringlich darum gebeten doch zu kommen. Es ist wichtig, für Vater. Auch wenn es für eine persönliche Aussöhnung zu spät ist.

Das Testament des Vaters ist für ihn, Gadi, den Sohn eines irakischen Judens, der seine Heimat verlassen musste, eine Erbe, das er anfangs nicht annehmen möchte. Denn Zakai Mieche möchte, dass sein Asche teils in Jerusalem, teils am Tigris vergraben bzw. am Tigris verstreut werden soll. Schwester Tamar kann nicht in den Irak fliegen. Nicht mit dem Pass, nicht als Frau. Unfassbar möchte man schreien – wir sind nicht im finstersten Mittelalter, sondern in der Gegenwart.

Auf dem Heimflug blättert Gadi im Tagebuch seines Vaters. Alsbald ist er in eine Welt hineingezogen, die er nicht zu kennen glaubte. Eine Welt, die nicht die seine sei. Eine Welt, die zu seiner Welt wird. Er liest über den Aufstieg des Vaters als Textilunternehmer, von seiner Hoffnung in einem freien Irak unter der Herrschaft von Faisal I., der jede Ausübung jeglicher Religion als Schatz und nicht als Bedrohung sieht. Bis der braune Terror aus sein Vaterland in den Würgegriff nimmt. Arabische Übersetzungen von Hitlers Machwerk „Mein Kampf“ übersäen das Land. Der Hass auf Juden dringt schrittweise in den Alltag ein. Demagogen übernehmen die ideele Führung, sofort nach Faisals Tod. Die Spekulationen darüber sind bis heute nicht verklungen.

Palästina, Israel war nun die neue Heimat von Zakai Mieche. Hier zog er seien Kinder groß, hier zerstritt er sich mit seinem Sohn. Für Gadi beginnt die größte Umwälzung in seinem Leben…

Usama al-Shahmani lädt ein zum Konzert der großen Gefühle. Ein leises Lied, zarte Melodien, rasante Rhythmenwechsel – jedes Kapitel ein Paukenschlag. Identitätsfindung oder –bestätigung oder –ausbildung sind mit Emotionen verbunden. Mal sind sie unendlich wertvoll und erzeugen ein Gefühlsrauschen – im Falle von Gadi wird ein Großteil seines Lebens ordentlich auf den Kopf gestellt. Die Frage, ob er in den Aufzeichnungen (weiter-) lesen soll, stellt sich ihm nur kurz – ein Freund, ebenfalls mit irakischen Wurzeln, macht ihm unmissverständlich klar, dass es keinen Grund gibt es nicht zu tun. Und Gadis wilde Fahrt kommt nu erst richtig in Schwung…

Die böse Saat

Dieses Kind will niemand um sich haben! Ein Satz, den man erstmal wirken lassen muss. Es ist wohl das Schlimmste, was man über ein Kind sagen kann. Niemand will es um sich haben. Rhoda Penmark ist – das eigentlich lassen wir jetzt mal beiseite – klassisch wohlerzogen und ordnungsliebend. Fragezeichen türmen sich auf. Wieso will sie denn nun niemand um sich haben?! Denn sie manipuliert, nicht offensichtlich oder gar brüllend wie die meisten Kinder. Ob nun für ihr Leben gern oder aus einem anderen Antrieb heraus, ist nicht klar. Sie will etwas – sie bekommt es. Die geborene Anführerin. Sollte man meinen. Doch sie nutzt ihre Macht anders. Ganz anders!

Christine Penmark hat den härtesten Job der Welt. Denn sie ist Rhodas Mama. Auf der einen Seite ist sie die stolze Mama von Rhoda, die trotz ihres Kindesalters schon so einige allein tun kann wozu andere in Jahren noch nicht in der Lage sind. Andererseits… nun, Christine ist ihre Mutter. Sie kennt ihr Kind, in- und auswendig. Doch so manches kann und (später) will sie nicht wahrhaben. Es gibt nur wenige Personen, die Rhoda wirklich in die Seele schauen können. Oder zumindest denken, dass sie es können. Denn Rhoda ist vielschichtig. Und entschlossen…

In der Schule wurde Rhoda die nur ihr allein zustehende Medaille für die größten Fortschritte verwehrt. So sieht es das kleine Mädchen. Claude Daigle hat sie bekommen. Das ist ungerecht. Als der junge bei einem Schulausflug ums Leben kommt und alles (!) auf Rhoda als Täterin hinweist, bricht für Christine eine Welt zusammen. Doch Rhoda ist sich keiner Schuld bewusst. Sie hat schlüssige Erklärungen, warum die momentane Situation so ist wie sie ist. Für sie ist alles ganz logisch. Bei Christine kullern die Tränen wie Sturzbäche. Was ist mit ihrem kleinen Mädchen? Es gab ja schon einmal einen ähnlichen Vorfall. Doch damals glaubte sie Rhoda, dem Menschen, den sie so bedingungslos liebt. Christine zieht das Leid von Claudes Eltern und die Unwissenheit um Rhodas Benehmen in eine Krise für die es keine Rettung zu geben scheint. Denn Rhoda ist natürlich gerissen und noch lange nicht am Ende…

William March wählt als Hauptprotagonistin und Übeltäterin ein Kind, ein Mädchen. Aus gutem Hause. Sie kann sich gewählt ausdrücken. Sie ist schlau, wissbegierig, begabt. Mit einer abgrundtief schwarzen Seele. In ihrer Umgebung wurden schon Menschen zu Siegmund Freud geschickt, denen sonst nicht zu helfen war. Rhoda ist nicht zu helfen. Jedwede Ermahnung an das Gute im Menschen, an soziale Normen dringen bei ihr maximal bis in die oberste Hautschicht ein. Darunter ein Panzer aus Teflon. Als der Roman Mitte der 50er Jahre erschien, war er echtes Pionierwerk. Ein Kind als Mörder – das gab’s noch nicht. Ist die Grausamkeit genetisch bedingt (vererbt?!) oder schuf die Umgebung das Monster aus ihrer Mitte? Forschungen belegen mittlerweile, dass es keine genetische Grausamkeit gibt, die weitergegeben wird. Was bleibt, ist ein packender Thriller, der einen nicht mehr loslässt. Über die Machtlosigkeit, die Raffinesse, die Kaltblütigkeit und die Trauer können wir heute nur noch staunen. Und uns unserer Gänsehaut erfreuen.

Ein kleines Buch über die Kunst zu sterben

Ulf Nilsson ist (Präsens) ist preisgekrönter Schriftsteller als er die Diagnose Krebs erhält. Bauchspeicheldrüse und Bauchraum sind angegriffen. Heilung – unmöglich. Drei Monate – zwölf/dreizehn Wochen hat er noch, um … Das „Es sollten zehn Wochen werden“, die seine Frau im Vorwort schreibt, sind nicht einmal ansatzweise resignierend gemeint. Denn das, was nun folgt, ist real, ungeschönt, herzlich, nüchtern und niemals angriffig, gefühlsduselig, Mitleid einfordernd.

Ulf Nilsson tut das, was er sein ganzes Leben kann: Schreiben. Tagebuch, Meist nur wenige Worte und Sätze, die kaum eine Seite füllen. Jedoch dem Leser eine Art Zuversicht vermitteln – das Ziel niemals verleugnend. Auch fehlen die Tagesangaben, was den Leserfluss am Leben hält.

Das Ende ist definiert. Das Ziel ist klar, auch wenn ein dichter Nebel über den Weg dorthin hängt. Dass das Ende unumkehrbar ist, stellt niemand in Frage. Nur hat sich der Krebs dazwischengestellt und lässt keinen zeitlichen Spielraum mehr zu, um vielleicht das Eine oder Andere zu tun, was man immer (noch) tun wollte.

Es gibt gute Tage, es gibt schlechtere Tage. Besucher sollen nicht leiden. Den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der Anderen muss man leben (Zitat: Mascha Kaleko).

Alltägliche Dinge sind es Ulf Nilsson wert erwähnt zu werden. Gewichtsabnahme, die Lieferung der Flüssignahrung – eigentlich keine Höhepunkte eines Tages. Doch für ihn wichtig, aus vielerlei Gründen. Es kommt der Punkt, an dem das Ende immer konturierter aus dem Nebel tritt. Ein zarter Sarkasmus umgarnt ihn und seine Familie. Kindliche Fragen erhellen das drohende Dunkel. Ernst sein fällt schwer bis …

Ulf Nilsson wurde (Präteritum) dreiundsiebzig Jahre und vier Tage alt.

Das Buch ist nicht lustig, soll es auch nicht sein! Auch geht es nicht darum mit betroffenheitskitschiger Attitüde dem Tabuthema Tod zu begegnen und mit publikumswirksamen Worten auf die eigene Stiftung o.ä. hinzuweisen.

Dieses kleine Büchlein, Ulf Nilsson ist voll in seinem Element, liest man mehrmals. Als Pageturner (dauert nicht lang), um sich seiner Geschichte bewusst zu werden und noch einmal seitenweise (über einen längern Zeitraum). Beide Male wird man Neues entdecken. Und das ist die große Kunst großer Künstler. Beklemmungen zu lösen ohne vorher anzukündigen dies auch tun zu wollen.

Die Ferien

Keru und Nate haben es wie kaum ein anders Pärchen verdient sich endlich mal zu erholen. Sie arbeiten in einem fort. Das Leben in New York will schließlich finanziert sein. Cape Cod soll es sein. Keru hat sich monatelang damit beschäftigt, wo es denn für beide am erholsamsten sein wird. Bei aller Liebe zum Urlaub – aber der Aufwand, den sie betreibt, ist übertrieben. Zumindest so lange bis feststeht, dass beide vorhaben ihre Eltern dazu zu holen. Nacheinander, versteht sich. Denn Keru und Nate und ihre dazugehörigen Eltern zusammen – dagegen ist eine Atombombe ein laues Grillfeuer.

Keru ist Unternehmensberaterin. Nate ist Biologieprofessor und forscht über Fruchtfliegen. Keru ist im Alter von Sechs mit ihren Eltern aus China in die USA gekommen. Nate stammt aus den Bergen, einem kleine Ort – seine Eltern bezeichnen sich heute noch als white trash. Wohl mehr, um behaupten zu können, sie gehören einer Gruppe an.

Zuerst sollen Kerus Eltern kommen. Sie würden niemals in einem Bett schlafen, in dem schon eine andere Person die Nacht verbrachte. Keru putzt das Feriendomizil wie eine Wahnsinnige. Was witzig klingt, ist purer Ernst. Das wird klar, als Kerus Eltern eintreffen. Wie ein Inspektor begutachten sie das Anwesen. Keru ist innerlich dem Zusammenbruch näher als einer echten Erholung.

Nates Eltern, die Nachfolger im Gästezimmer sind da etwas entspannter. Doch auch sie haben ihre Macken. Die Eltern als Gradmesser für den eigenen Erfolg. Nate hat da eindeutig die Nase vorn. Keru lässt sich immer noch von ihren Eltern runterziehen. Nate kann da überhaupt nichts machen. Man kann schon fast meinen, dass er tatenlos zusieht wie Keru in einen Abgrund schlittert. Aber so ist nunmal ihr Leben. Sie leben miteinander nebeneinander her. Emotionale Zuneigung äußert sich nur in auf Frieden bedachter Bestätigung des Anderen. Und immer schön political correct. Was sind das nur für Menschen, die Beziehungen haben – Heinz Rudolf Kunze hätte an diesem Pärchen seine reinste (Schreib-) Freude.

Was gehört für ihre beiden Eltern zur Vollendung des Glücks ihrer Kinder? Kinder! Was sonst. Dann würden vielleicht auch die eigenen Nörgeleien aufhören?! Nate ist inzwischen derart abgestumpft, dass er gar nicht bemerkt wie Keru sich selbst in einen Wahn treibt, der unumkehrbar scheinit…

Weike Wang macht sich nicht lustig über die drei Paare, die durch die frucht ihrer Lenden mehr gemeinsam haben als sie es selbst erkennen können. Mit viel Wortwitz und unaufhaltbarem Voranschreiten schickt sie Keru und Nate in die Hölle. Ihre Eltern sind – in ihren eigenen Augen – nur die Hüter eines Planes, den sie sich für ihren Nachwuchs wünschen. Dass Keru und Nate eigene Pläne haben, interessiert hier niemanden. Grausame Einblicke in ein Familienkonstrukt, das nur dort gedeihen kann, wo die Realität mit viel Sand in den Augen wahrgenommen wird. Make family great again, möchte man ihnen zurufen. Doch die vielen Kopfverdreher lauern schon hinter der nächsten Kreuzung, um die Parole zum eigenen Nutzen umzukehren. Dystopisch? Vielleicht. Auf alle Fälle komisch und der Hit des Lesesommers!

Der Junge im Taxi

Die Beerdigung des Großvaters ist für Simon trauriger Anlass genug. Doch diesen Tag wird er niemals mehr im Leben vergessen. Es ist der Moment als er unvermittelt erfährt, dass Großvater einen Sohn gezeugt hat. Damals in Deutschland. Mit einer Deutschen. Und den er zurückgelassen hat. Damals in Deutschland. Simon lässt diese Geschichte nicht los. Er reist sofort los. Nach Deutschland. Ins Deutschland von heute.

Im ersten Kapitel von Sylvain Prudhommes „Der Junge im Taxi“ fühlt man sich an den Schulsport zurückerinnert. Weitsprung. Ein paar Meter zurückgehen, Anlauf nehmen und mit aller Kraft abspringen. Sylvain Prudhomme stellt sich an der Startlinie zum Fünftausendmeterlauf auf. Er läuft unbeirrt im Steigerungslauf einige Runden, um dann plötzlich abzubiegen, noch einmal Fahrt aufzunehmen und dann treffsicher den Absprungbalken zu nehmen und zu fliegen, zu fliegen, alle zu übertreffen. Und eine Punktlandung hinzulegen. Der Neue in der Familie – ein Deutscher – erzählt ihm vom verschwiegenen Sohn des Großvaters. M. ist sein Name. So mystisch und so weit entfernt wie nur irgendmöglich. Simon ist vor den Kopf gestoßen, und emotional derart berührt, dass er aus der Misere – schließlich hat man ihn systematisch aus diesem Familienkapitel ausgeschlossen, wenn selbst der „Neue“ in der Familie es weiß – eine Kraft schöpft, die ihn vielleicht verwundert, ihm sicher aber Antrieb verleiht, nach M. zu suchen. Er will am Bodensee allem auf den Grund gehen…

Simon ist ein gestandener Mann. Eigentlich dürfte ihn die Nachricht über den unsichtbaren Onkel nicht aus den Schuhen hauen. Und doch ist da etwas in ihm, das unaufhörlich arbeitet. Es pocht in seinem Herzen wie verrückt. Er muss M. nicht unbedingt finden, wobei das sicherlich die Krönung seiner Recherche wäre. Er will nur wissen, wie es M. ergangen ist. Ohne Vater aufzuwachsen. Als Kind eines Mannes, der jahrzehntelang als Erbfeind galt. Ein Gewinner des Krieges, der sich über das unterlegene (Weibs-?) Volk hermachte? Welche Auswirkungen hat dies alles auf sein Leben? Lebt er überhaupt noch?

Sylvain Prudhomme hat einen einzigartigen Stil entwickelt düsterste Kapitel im Leben eines Menschen eine poetische Note zu verleihen, alles in eine sanfte Sinfonie zu verwandeln. Fast vergisst man die traurige Geschichte von M. Man lauscht den Klängen der Worte aus der Feder des Autors – ja, man kann seine Worte hören, fühlen, manchmal sogar schmecken – und wiegt sanft den Kopf dazu im Takt seiner Melodien. Wieder einmal ein Meisterwerk, das man so schnell nicht vergessen kann. Als Urlaubslektüre (in Frankreich wie am Bodensee) ebenso perfekt wie für wissbegierige Historienleser.