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Benzin

Rationalität in der Kunst? Das gibt es nur bei Malen-Nach-Zahlen. Heribert scheint da wohl die Ausnahme zu sein. Oder auch wieder nicht! Eines Tages, es ist der 1. Januar, das neue Jahr lächelt noch jungfräulich durch die Gardinen, ist es aus mit dem Leben als Künstler. Das, was ihn täglich ins Atelier trieb, ist mit einem Mal verschwunden. Sinnkrise? Schaffenskrise? Darüber denkt Heribert gar nicht erst nach. Ihm ist aller dermaßen egal, dass es ihm unnötig erscheint auch nur einen Gedanken darüber zu verschwenden. Helena, seine Galeristin und vor allem seine Frau ist ihm gleichgültig. Dass er sie mit Hildegarda schon länger betrügt, ist ihm einerlei. Denn auch sie ist ihm herzlich egal. Herudina – die Liebe zum Buchstaben H ist mehr als auffällig – ist auch nur ein weiterer Zeitvertreib, der ihm aber auch nicht weiteren Antrieb verleihen kann. Stattdessen gibt er sich Zahlenspielereien hin. Er rechnet willkürlich Sekunden, Menschen, Ereignisse zusammen ohne dabei wirklich ein Ziel vor Augen oder gar im Sinn zu haben. Heribert ist ausgebrannt!

Und ist das schlimm? Nö! Heribert lebt in den Tag hinein. Niemals dasselbe Restaurant. Shopping bis die Kreditkarte aufgeweicht ist. So sieht sein Leben jetzt aus. Bis etwas passiert, das niemand vorhersehen kann.

Auch Helena ist die Gleichgültigkeit ihres Gatten aufgefallen. Auch sie hegt eine Schwäche für den Buchstaben H. Humbert ist ihr neues Objekt der Begierde. Ihn kann sie als Künstler aufbauen, protegieren und sich selbst profilieren. Die beste Möglichkeit dafür bietet sich schneller als sie gewagt hat zu hoffen. Denn Heribert stößt etwas zu. Der Zeitpunkt ist allerdings denkbar ungünstig. Ihr Plan: Das eine H gegen das andere H auszutauschen. Und so wird aus Humbert Heribert.

Eine köstliche Sichtweise auf den Kunstbetrieb, die Quim Monzò dem Leser mit auf den Weg in die Phantasiewelt gibt. Man schaut auf dieses reiche Leben und befürchtet, dass es bald zerbrechen könnte. Heribert tut aber auch gar nichts gegen diesen Trend. Von außen nach drinnen zu schauen ist immer schwerer als umgekehrt. Zu viele Fallstricke, die einem die Sicht vernebeln. Und genau das darf man bei diesem Roman nicht tun. Denken während des Lesens. Einfach sich treiben lassen. Die Zeilen aufsaugen, die Silben Auf und Ab hüpfen lassen. Nachdem man das Buch zum ersten Mal geschlossen hat (und man wird es mehrmals schließen, weil man es mehrmals öffnet), ergießt sich eine Welt über den Leser, in der man einfach nicht untergehen kann.

Banana Bottom

Wer oder was ist Banana Bottom? Die Frage muss lauten: Wo ist Banana Bottom? Antwort: Jamaika. Dorthin kehrt – im Jahr 1910 – Bita Plant zurück. Von wo kehrt sie zurück? England. Warum kehrt sie zurück? Ihre Zeiheltern, Malcolm und Priscilla Craig hatten ihr die Chance gegeben Bildung zu erhalten. Etwas, was ihr ansonsten auf der Karibikinsel verwehrt geblieben wäre.

Bitas Kindheit war keine fröhliche Kindheit. In jungen Jahren wurden sie missbraucht. Der soziale Aufstieg ist nur eine hohle Phrase, der in Bitas Leben nicht einmal ansatzweise in Beteracht gekommen wäre. Doch die Craigs lassen sich von ihrer Menschlichkeit leiten, nicht von scheinbaren Gesetzmäßigkeiten. Nur weil jemand keine Chance hat, soll man ihm jedwede Möglichkeit wegnehmen? Nein, so sind sie nicht, so denken sie nicht und – vor allem anderen – so handeln sie nicht!

Bita Plant ist also back to the roots. Irgendwann einmal wird sie die Mission der Craig übernehmen und fortführen (an der Seite ihres Mannes, was zur damaligen Zeit hinter ihm stehend, bedeutet). Doch Bita ist nicht einfach nur zurückgekommen, um zu heiraten und dann Gottes Werk in die Tat umzusetzen. Sie ist Jamaikanerin. Das konnte auch die Ausbildung in der Alten Welt nicht verändern. Das Herz mag Hier wie Da am selben Platz schlagen, doch das Fieber, das man Leben nennt, kann keine Pille – hieße sie nun Religion, Menschlichkeit, Planbarkeit – senken. Bitas Zukunft hat einen Namen: Herald Newton Day. Auch er ein Gewächs aus Craig’schem Hause. Malcolm hatte ihn lange beobachtet und wusste schon lange, dass, wenn Bita zurückkommt nach Banana Bottom sie und Herald die Idealbesetzung für die Fortführung der Mission sind. Zwei so wohl geratene und wohl erzogene Menschen – Liebe entwickelt sich. Man muss sie nur anstupsen. Und Anstupse und Anstupser gibt es seit Bitas Rückkehr mehr als Sand am karibischen Strand.

Bita ist glücklich wieder hier zu sein. Sie ist dankbar für die Chancen, die ihr die Craigs boten. Nun kann sie endlich leben. Dort, wo sie zuhause ist, mit dem Geschenk unzähliger Chancen. Sie kann frei sein. Auch wenn das den Craigs so gar nicht in den Plan passt, den sie für ihren Zögling Bita haben.

Bita wird allmählich klar, dass Dankbarkeit nicht automatisch zu Abhängigkeit führen darf. Herald ist nicht der Mann ihrer Träume, und schon gar nicht ist er der Mann, mit dem sie den Rest ihres neuen Lebens verbringen wird. Doch wie soll sie alles unter einen Hut bringen, ohne dabei Menschen vor den Kopf zu stoßen? Unerwartete Hilfe bekommt sie unfreiwillig ausgerechnet von dem Mann, der sich durchaus ein Leben mit Bita vorstellen kann…

Claude McKay treibt die Handlung ohne Erbarmen voran. Die Gründe für jeden Einzelnen das zu tun, was er tut, lässt er niemals im Dunkeln. Hier liegt die ungeheure Spannung, die dem Buch zu Grunde liegt.

Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt als mittelmäßig zu bezeichnen, weil es die achtgrößte Fläche besitzt (bei 16 Bundesländern also genau in der Mitte liegt) oder weil es geographisch eben in der Mitte Deutschlands liegt, wäre ein nicht zu unterschätzender Fehler. Denn schon bei der bloßen Erwähnung der so genannten Must-Sees, staunt man, was tatsächlich alles in Sachen-Anhalt liegt: Zwei Lutherstädte, Eisleben und Wittenberg, der Harz, die Weinregion rund um Naumburg samt dem bedeutenden Dom mit der berühmten Uta, der Kyffhäuser und die Bauhausstadt Dessau. Von A wie Altmark bis Zeitz (Autokennzeichen ZZ, danach kommt nichts mehr in dieser Liste) ist also alles vertreten.

Das stiefkindliche Image, das das Land lange Zeit mit sich trug, ist endgültig abgeschüttelt. Die Landeshauptstadt Magdeburg wird immer öfter besucht, auch weil das karge Industrieimage einem landschaftlich ansprechenden Gesicht gewichen ist. Der Harz war, ist und wird immer ein Anziehungsort bleiben. Städte wie Wernigerode und Quedlinburg sind fester Bestandteil eines jeden Besuches. Und wer Naumburg besucht ohne den Dom zu besichtigen, dem fällt auch der Eiffelturm in Paris nicht auf.

Und dennoch gibt es im Land mehr zu entdecken als die Wirkungsstätten von Luther oder Willi Sitte (Maler der Leipziger Schule, ein Leben lang in Halle verwurzelt).

Wer weiß schon, dass auch Sachsen-Anhalt ein Burgenland aufzubieten hat? Ellenlange, gewundene Straßen unterm Blätterdach endloser Alleen machen allein schon die Anfahrt zu einem Erlebnis. Und wer im Wörlitzer park spazieren gegangen ist, wird immer wieder kommen. Zahlreiche kleinere Städte wie Weißenfels, Merseburg oder Tangermünde locken nicht mit der einen großen Attraktion, die man unbedingt gesehen haben muss. Ihr Charme liegt in dem Abenteuer sich Straßen und Gassen und Plätze selbst zu erobern.

Und dabei ist dieser Reiseband unerlässlicher Begleiter, hilfreicher Ratgeber und fortwährender Antreiber bei diesen Erkundungstouren. Die ausgewogene Mischung aus offensichtlichen Orten ,die man gesehen haben muss und dem, was man selbst auf dem zweiten Blick nur mit scharfgestellter Neugierbrille erkennt, lassen diesen Reiseband immer wieder in die Hand nehmen. Egal ob für den Tagesausflug, einen Städtetripp oder ausgeweitete Wanderungen – hier geht’s lang. Ohne Zwischenstopp durch Sachsen-Anhalt.

Die Himmelskugel

Berühmte Wissenschaftler sind immer ein gern genommenes Thema für Autoren. Allein über Albert Einstein wurden so viele Bücher geschrieben, dass sie locker ein ganzes Fußballstadion füllen können. Und immer wieder tauchen neue Erkenntnisse über die Protagonisten auf, so dass es sich durchaus lohnt auch immer wieder ein neues Werk zu lesen. Den Fortschritt hält halt niemand auf. Sie ist die Treibfeder des Forscherdrangs.

So muss sich auch Angus fühlen. Der Junge lebt auf St. Helena, eine Insel, die erst über ein Jahrhundert später berühmt werden sollte. Als schlussendliches Exil von Kaiser Napoleon.

Dieser Angus ist ein aufgeweckter Junge. Er beobachtet Vögel: Und weil er zählen kann – keine Selbstverständlichkeit im 17. Jahrhundert – darf/muss er sie auch zählen. Für wissenschaftliche Zwecke. Das ist seine Arbeit bei Tag. Hoch oben in den Bäumen, festgezurrt. Des Nachts hingegen beobachtet er die Sterne. Nicht aus Zeitvertreib. Auch hier wieder: Er kann zählen, und diese Fähigkeit soll er einsetzen.

Von Edmond Halley hat er gehört. Ein großer Wissenschaftler im weit entfernten England. Heute bekannt und immer wieder aus der Mottenkiste gekramt, wenn der von ihm entdeckte und nach ihm benannte Komet in Sichtweite rauscht. Schon allein die Tatsache, dass der Junge Angus von der Insel St. Helena im weit entfernten England (und damals war das eine fast unüberwindbare Entfernung, wenn man kein Seemann war) anlandet, ist ein echtes Abenteuer. Heute würde man ihn als illegal eingereisten Immigranten brandmarken. Kurzum: Als blinder Passagier reist er nach England, zu Halley. Angus ist am Ziel seiner Träume. Er soll Edmond Halley um Hilfe bitten. Denn auf St. Helena stehen die Zeichen auf Sturm.

Nun beginnt für ihn die aufregendste Zeit seines Lebens.

Olli Jalonen schreibt keine umfassende Biographie über einen der berühmtesten Wissenschaftler. Er seziert einen Teil seines Lebens bis ins Kleinste. Europa ist immer noch im Umbruch. Was in der Renaissance begann, wirkt bis heute nach. Die Allmacht der Kirche ist gebrochen. Wissenschaftliche Denkweisen und technische Errungenschaften lassen jahrhunderte alte Denkstrukturen und Dogmen in sich zusammenbrechen. Ein kleiner Junge als Denkanstoß, ein heller Geist und der Drang nach Erkenntnis kollidieren auf engstem Raum. Wer bisher mit Edmond Halley bisher nicht allzu viel in Verbindung brachte, liest man sich schnell in einen Rausch. Ganz behutsam, kein Detail außer Acht lassend, kreiert Olli Jalonen ein Universum, das in sich geschlossen ist, dennoch unendliche Weiten in sich aufnehmen kann.

New York Ghost

Da arbeitet man Tag für Tag. Gibt alles für die Firma. Soziale Kontakte – Fehlanzeige. Und dann sagt einem niemand, dass da draußen die Welt untergeht?! So sehr man darüber schmunzeln möchte, so bitter ist die Wahrheit für Candace Chen. Während sie den Kopf in ihre Arbeit hängt, grassieren in New York lebensgefährliche Pilzsporen. Immer mehr Menschen flüchten aus der Stadt. Die Straßen werden immer leerer. Bis … ja, bis schlussendlich nur noch Eine übrig ist. Eine in der Stadt die losen Fäden ihres Daseins und die der Firma in den arbeitsamen Händen hält. Candace hat die Apokalypse schlichtweg … verarbeitet. Verarbeitet im Sinne von durch Arbeit verschlafen.

Die Renaissance der Yuppies geht einher mit der zweiten Entstehung der Hipster, die mit den eigentlichen Hipstern so gar nichts gemein haben – Stil ist zeitlos, affektiert. Immer mehr Menschen müssen sich spezialisieren, um im Beruf Schritt halten zu können. Das wirft allerdings das Problem auf, dass man nichts mehr links und rechts des Wegs etwas wahrnimmt. Das machen ja schließlich „die Anderen“. Die Anderen sind immer eine Gemeinschaft. Man selbst ist Spezialist und qua Definition Einzelgänger, in der Krise Einzelkämpfer. Candace wird das schon noch merken. Spät, als die Pilzsporen New York übersät haben und ein ungeheures Fieber verursacht haben. Nun muss sie sehen wie sie Anschluss findet, um einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben ziehen zu können.

Wie war das vor einigen Jahren als Corona jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde unseres Lebens bestimmte? Maskenpflicht, Einschränkungen bei jedem Schritt in der Öffentlichkeit, Kontaktverbote. Kaum ein Roman der jüngeren Vergangenheit ist uns so nah wie „New York Ghost“. Die Spötter und Zweifler auf den Barrikaden finden in diesem Roman sicher nicht die ersehnte Befriedigung. Doch die „Kritik am System“ ist durchaus erkennbar. Da ist eine junge Frau, die das Pflichtgefühl über ihre Entwicklungsmöglichkeiten als Mensch stellt. Nur nicht den Chef verärgern, nicht anecken, immer brav arbeiten. Und kostet es die letzte freie Minute. Und wofür? Für Nichtbeachtung in einer Gesellschaft, die sich digital immer mehr vereint, ohne dabei zu merken, dass Vereinigung virtuell nur partiell stattfinden kann.

Ling Ma zeichnet ein düsteres Bild unserer Zeit. Dennoch geht das Leben weiter. Leben vergehen, Leben entsteht. Die Kritik, dass immer erst etwas passieren muss, damit sich grundlegend etwas ändert, ist auf jeder Seite spürbar. Veränderung ist nicht immer planbar. Manchmal ist es sogar kontraproduktiv – um im Sprachgebrauch der „Vor-Pilzsporen-Zeit“ zu bleiben – eine umwälzende Veränderung zu planen. Man kann halt nicht alles voraussehen. Und das ist es doch, was das Leben so spannend macht.

Kukum

Veränderungen sind immer mit Schwierigkeiten verbunden. Nun sind diese Schwierigkeiten nicht immer gleich als solche erkennbar. Oft siegen die Abenteuerlust und der Forscherdrang über die Unebenheiten der Situation. Almanda geht – ganz nüchtern betrachtet – ein Risiko ein als sie Thomas folgt. Nicht einfach so! Vielmehr ist es ein tiefe Liebe, die ihr das Vertrauen schenkt, das sie benötigt, um immer weiter zu gehen.

In einem Kanu zog er einmal an ihr vorbei. Immer öfter kreuzten sich ihre Blicke. Und ganz automatisch – manches kann, darf, man nicht erklären – sind Thomas und Almanda ein Paar. Sie spricht nur wenig die Sprache der Innu, zu denen Thomas gehört. Er spricht kaum französisch. Doch die Sprachbarriere ist nicht das, was sie zu sein scheint. Denn sie ist überwindbar.

Immer weiter taucht Almanda in eine ihr fremde Welt ein. Das Kanada, das sie bisher kannte, ist hier draußen ein anderes Land. Die Innu leben mit der Natur. Die Jahreszeiten sind die einzigen Gradmesser. Wenn man Hunger hat, geht man jagen. Aber nur so viel wie man gerade benötigt. Und wenn der Hunger wiederkommt, geht man wieder auf die Jagd. Mit Thomas’ Schwestern gärbt sie Karibufelle. Redet mit ihnen, saugt das Fremde in sich auf wie ein trockener Schwamm das Wasser der endlosen Seen, an deren Ufern die Innu leben.

Doch die Idylle bekommt Risse als der natürliche Lebensraum der Innu vom technischen Fortschritt, sprich Maschinen, Fabriken und dem dazugehörigen Lärm inklusive eines neuen Rhythmus empfindlich gestört wird. Die Siedlungen der Innu müssen diesem „Fortschritt“ weichen. Es beginnt eine neue Zeit. Wieder einmal. Doch dieses Mal müssen Almanda und Thomas das Neue gemeinsam bewältigen.

Lange bevor der Fortschritt den amerikanischen Kontinent eroberte, lebten hier Menschen. Unter anderem auch die Innu. Hier verwandelte sich die Asche ihrer Ahnen in nährstoffreichen Boden lange bevor auch nur ein einziger Fremdling jemals amerikanischen (kanadischen) Boden betrat. Michel Jean gibt den so genannten Ersten Völkern mit „Kukum“ eine Stimme, die weithin zu vernehmen ist. So bedächtig Thomas durch den Wald schreitet, so gefühlvoll beschreibt Michel Jean die Lebensgewohnheiten seines Volkes. Es ist die Geschichte seiner Urgroßmutter, die diesem Buch zugrunde liegt. Manchmal wie im Märchen, manchmal so echt die Schlange an der Supermarktkasse treibt die Geschichte den Leser an nicht stehen zu bleiben. Immer weiter zieht es ihn, um zu erfahren, ob es nicht ausreichend ist eine Veränderung im Leben zu erfahren.

Das Warten auf Leben

Manchmal hängt ein Leben am seidenen Faden. Diese fast schon als poetisch einzustufende Phrase birgt jedoch mehr in sich als es sich die meisten vorstellen können. Manchmal aber auch hängt das Leben an einem papiernen Faden. Genauer gesagt am Papier, an den Papieren selbst. Wenn einer davon erzählen kann, dann ist es Moussa Mbarek. Und Yvonn Spauschus hat seine Geschichte aufgeschrieben.

Moussa Mbarek gehört zum Volk der Tuareg. Ihr Land, das nicht durch geographische Grenzen erkennbar ist, sondern Land ist, auf dem sie wandern, und das nicht im Sinne von pfeifend, mit dem Wanderstock, um ans Ziel zu gelangen! Sie haben ihre eigene Kultur, Sprache und Schrift. Doch in jedem Land (welches durch eine geographische Linie sich von anderen Ländern abgrenzt) werden sie argwöhnisch beäugt. Sie sind staatenlos. Sie sind nicht aus Mali, Niger, Libyen, Algerien oder Burkina Faso. Das ist nur solange ohne Belang bis sie sich ausweisen müssen, damit sie nicht ausgewiesen werden.

Ihm gelang es nach Deutschland zu kommen. Als Künstler wollte er arbeiten, sich ausdrücken und auch auf die Situation seines Volkes aufmerksam machen. Die erste Hälfte dieses besonderen Buches zieren diese Werke, die mit kurzen Texten die Ursprünge der Bilder erklären. Linolschnitte, Aquarelle und Drucktechniken sind die bevorzugten Techniken von Moussa Mbarek.

Es ist unerlässlich zu erwähnen, dass ein Künstlerleben oft mit Entbehrungen einhergeht. Das Klischee das daraus oft die eindrücklichsten Ergebnisse erzielt werden, mag das schlichte Gemüt entzücken, ist aber in keinster Weise eine zwingende Erforderlichkeit. Schon gar nicht Vertreibung aus dem angestammten Lebensraum, weil man nicht der ausgeschriebenen Norm entspricht. Wenn das so wäre, würde der Kunstmarkt unter der Wucht beispielsweise der afrikanischen Kunstflut zusammenbrechen.

Dieses kleine Büchlein ist einzig allein nur im Format vielleicht als klein zu bezeichnen. Im Inneren entblättert sich seine wahre Größe. Stilechte Kunst aus den Händen eines Tuareg, die bei längerem Verweilen immer wieder neue Sichtweisen aufzeigt. Kraftvolle Farben, die den Betrachter ins ferne Afrika ziehen, das durch eben diese Kunst so nahbar wird.

Die Texte von Yvonn Spauschus im zweiten Teil zeigen keineswegs nur Verzweiflung, sondern sind Mutmacher für all diejenigen, die den steinigen Weg der Flucht ebenso kennen.

Mein hundertjähriger Garten

Biographien zu schreiben, scheint auf den ersten Blick eine einfache Aufgabe zu sein. Nicht so, wenn es um die eigenen Erinnerungen geht. Man schält sich aus dem jahrelang gesponnenen Kokon und spürt den Gegenwind. Brrr! Kalt! Elisabeth Göbel hat sich für das neue Jahr nichts Besonderes vorgenommen. Nur vielleicht ein bisschen schreiben. Aber vor allem faulenzen. Ein guter Vorsatz, den man – und hier kommt wieder der erste Blick! – sehr leicht einhalten kann.

Isses aber dann doch nicht! Ihren Garten ständig vor Augen, den Gedanken ans Faulenzen im Kopf, und dann noch die unbändige Lust zu schreiben. Das passt in kein Überraschungsei! Dann muss es eben in ein Buch passen. Gedacht, gesagt, getan. Und hier ist das Ü-Ei mit dem Triple-Effekt, den sich niemand, der auch nur eine einzelne Zeile las entziehen kann.

Persönliches, Nützliches, Nostalgisches – dieses Triptychon der Neugier treibt Autorin und Leser immer wieder an. Die Eine zum Schreiben, die Anderen zum Lesen. Erinnerungen an die Oma. Hat jeder. Kennt jeder. Was Elisabeth Göbel aber schlussendlich daraus macht – und das ist nur ein Beispiel – lässt keine Fragen offen. Immer wieder kommt der Garten vom Kopf über den Arm und die Hand durch die Tinte aufs Papier. Und immer wieder rufen die sehr persönlichen Erinnerungen beim Leser eigene Gedanken hervor.

Ein Tagebuch zu schrieben, ist die persönlichste Art des Gedankenspiels. Durch die offene Tür schreiten Menschen, die man nicht kennt. Sie fassen Dinge an, die zeitlebens unberührt blieben. Und nun sind sie Teil von vielen Leben. Mit Erstaunen schaut man beim Erblühen zu, nimmt Abschied, wenn die Blätter fallen. Doch auch ohne schmückendes Beiwerk ist die Natur ein Schauspiel ersten Ranges.

Der unscheinbare Titel ruft unterschiedliche Assoziationen hervor. Ist der Garten tatsächlich so alt? Wie alt ist dann die Besitzerin dieser Oase? Bekomme ich Tipps wann ich welche Pflanzen in den Boden setze? Oder ist der Garten einfach nur die Basis allen dessen, was wir säen und ernten? Wer Elisabeth Göbel und ihre Bücher kennt, weiß um ihre Wortspielakrobatik. Sie schlägt keine Salti, sie ist die Conférenciére, die mit einem Lächeln, einem Blinzeln und der Souveränität einer geschulten Meisterin durch das Programm führt, dem man von Anfang an erliegt.

Vorwiegend heiter bis boshaft: Spitznamen in der Literatur

Einen neuen Kollegen kann man nur eine begrenzte Zeit „den Neuen“ nennen. Irgendwann gehört auch der zum Inventar. Da muss man schnell eine Bezeichnung finden, die ihn ein für allemal und für jeden eindeutig erkennbar macht. Das kann ein Vergleich zu einem Film sein. Oder zu einem Tier. Eine körperlich herausstechende Eigenschaft. Oder man bedient sich in der Literatur.

Denn auch die ist gespickt – sozusagen ein wahres Füllhorn an Ideen – mit Spitznamen. Dass es bis heute kein vollständiges Register dafür im Internet gibt, verwundert nach der Lektüre dieses Buches. Autor Guido Fuchs gibt unumwunden zu, dass sein Buch niemals den Anspruch auf Vollständigkeit erheben möchte. Aber es ist mehr als nur eine kleine Exkursion in die Literatur und ihrer einfallsreichsten Namensgebungen. Denn wenn ein Autor sich an die Arbeit macht, muss er seinen Akteuren Namen geben. Am besten welche, die sie sofort charakterisieren. Überspitzt gesagt – und da sind wir schon beim Wesen des Spitznamens – wird ein Held wohl niemals einen Namen tragen können, der in der Allgemeinvorstellung der Gesellschaft nichts mit Heldentum zu tun hat.

Eine Mammutaufgabe. Anders ist das Vorhaben nicht zu beschreiben. Schon allein die Vorstellung diese Spitznamen – also Namen, die einen Charakter unverwechselbar machen, die überspitzen, um eine einzelne Eigenschaft herauszuarbeiten – in Kategorien einzuteilen, ist, wenn man meint sich in der Materie auszukennen, schnell zu Scheitern verurteilt. Doch Guido Fuchs gelingt es scheinbar mühelos. Man fühlt sich wie in einer geselligen Runde, in der man – vielleicht um eine Feuerzangenbowle – sitzt und sich launige Geschichten erzählt. Und Guido Fuchs haut eine Anekdote nach der anderen raus. Liest man das Buch in einem Ritt, klingelt es noch Tage danach im Schädel. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das Buch liest sich wirklich flüssig. Es in Dosen zu genießen, verstärkt die Wirkung aber um einiges.

Spitznamen entstammen immer der Phantasie. In Kriegszeiten verteilte man diese vielleicht auch, um dem Grauen eine Brise Humor entgegenzusetzen. Joachim Ringelnatz sei hier genannt. Dieses Kapitel über einen der humorvollsten Autoren der deutschen Literatur bringt in der Kürze das gesamte Thema auf den Punkt. Im Weiteren liest man sich durch die Werke von Erwin Strittmatter, Heinrich Mann, Günter Wallraff, Theodor Fontane und einer undefinierbaren Menge weiterer Autoren. Ihre Akteure sind heute noch vielen ein Begriff, weil … sie Spitznamen hatten.

Noch ein Wort zum Autor. Der Name Guido war in den Fünfzigern, als Guido Fuchs geboren wurde, kein gebräuchlicher Name. Oft musste er ihn buchstabieren. Das änderte sich als im Fernsehen ein weiterer Guido auftauchte. Guido Baumann war der erfolgreichste „Berufeerrater“ bei „Was bin ich?“ – ein echter Fuchs eben. Klar, wie Spitznamen entstehen?!

Es war einmal in Hollywood

Es gibt nur wenige Orte auf der Welt, die von unumstößlichen Klischees leben können. Hollywood ist zweifellos so ein Ort. Und wenn dann noch der Name Tarantino fällt … nimmt das Plaudern über diese Klischees kein Ende. Als Quentin Tarantino ankündigte, dass sein zehnter Film sein Letzter sein wolle, waren viele geschockt. Aber im gleichen Atemzug hielt man diese Ankündigung für einen geschickten Schachzug. Die Zukunft wird zeigen, welcher Zug der Richtige war.

Dass Quentin Tarantino schreiben kann, dürfte jedem Kinogänger hinlänglich bekannt sein. Einen kompletten Roman hatte er allerdings bis zu eben diesem ominösen zehnten Film nicht veröffentlicht. „Es war einmal …“ – die erste Verbindung eines jeden Menschen mit Geschichten, mit Büchern. Da sollte doch auch ein „… und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ drin sein. Isses aber nich! Is ja ein Tarantino! Gibt’s sogar als Film.

Wir sind im Jahr 1969 in der Stadt, die vor einem reichlichen halben Jahrhundert keine Stadt war, sondern ein Flecken Erde, an dem an jeder Ecke der hauch von Orangen einem um die Ohren wehte. Jetzt, 1969 ist alles anders. Gigantische Studios lenken den Blick von den Hügeln ab. Die Sonne brennt immer noch erbarmungslos. Und Rick Dalton brennt darauf endlich mal wieder eine Filmrolle zu ergattern, die ihm den seiner Meinung nach zustehenden Ruhm einbringt. Sein Agent Marvin Schwarz kann ihm eine Rolle in einem Spaghetti-Western anbieten. Rick ist angeödet von dem Genre. Doch in der Not frisst der Teufel Fliegen.

Apropos Teufel. Cliff Booth ist Ricks Fahrer, er doubelt ihn in gefährlichen Szenen. Ein Stuntman der knallharten Sorte, der schon mal zulangt, wenn es erforderlich ist. Bisher ist ihm das nie zum Nachteil ausgelegt worden. Er kam sogar mit dem einen oder anderen Mord davon. Seine Geschichten waren immer glaubhaft. Selbst die als seine Frau „unglücklich ums Leben kam“. Jeder kennt die Geschichte, aber solange nichts bewiesen ist … ist Hollywood glücklich und zufrieden. Es gibt Wichtigeres als einen Kriegshelden aufgrund von Vermutungen auszuschließen.

Neben Rick wohnt Roman Polanski, nebst Gattin Sharon Tate. Und bei Dennis Wilson wohnt Charlie. Ein Musiker, dem der große Ruhm wohl ewig verwehrt bleiben wird. Da kann er sich noch so anstrengen.

Und daraus inszeniert Quentin Tarantino sein Hollywood-Märchen. Zwischen den Trinkgelagen von Aldo Ray, Lee Marvin in Uniform (was sonst?!) und weiteren Anekdoten aus dem Hollywood nach dem Hollywood der „alten Tage“ blitzt die Kritik an der Branche immer wieder auf. So viele Schicksale, dass man den Sunset Boulevard jedes Jahr bis ans Ende der Zeit monatlich damit pflastern könnte. Glücksritter, die realitätsfremd einem Traum hinterherjagen, der nichts anders ist als eben ein Traum. Und immer wieder die Verneigung vor denen, die es dann doch geschafft haben, weil sie etwas besaßen, das andere niemals haben werden: Talent UND Glück. Das Buch weicht branchenüblich vom Film ab. Wer also meint es sei ein Fehler erst den Film zu sehen und dann das Buch zu lesen, kann sich getrost zurücklehnen. Und das Buch genießen. Es wird den Film in einem anderen – mindestens ebenso strahlenden – Licht erscheinen lassen.