Archiv der Kategorie: aus-erlesen kompakt

Puntarelle & Pomodori

Puntarelle und Pomodori

Puntarelle e Pomodori – klingt nach Lausbubengeschichten aus Italien. Der kleine Puntarelle und sein Freund Pomodori machen es den Händlern in der Straße um die Piazza del Popolo nicht leicht sie zu mögen. Laut lärmend machen sie ihr Viertel unsicher, immer irgendeinen Schabernack ausheckend fallen sie über Gemüsestände, prall gefüllte Obstauslagen und die Süßigkeiten her.

So weit gefehlt, ist es dann doch nicht. Puntarelle ist auch als Vulkanspargel bekannt und Pomodori sind Tomaten. Und um die geht es bei Luciano Valabrega. Vor allem um deren Zubereitung. Ein Kochbuch also?! – Auch! Vor allem aber ein Buch zum Schwelgen, lesen, Lippen lecken und nachkochen. Luciano Valabrega beschreibt sein Leben, vor allem aus kulinarischer Sicht. Als Kind jüdischer Eltern gab es auch für ihn eine Zeit, in der Schweigen mehrzählte als ein gefüllter Magen. Die Händler des Viertels in Rom, in dem die Familie lebte versorgten ihn und seine Familie mit allerlei Lebensmitteln. Nachdem die Faschisten mit eingekniffenem Schwanz die Regierungsbank und die Straßen räumten, begann für sie alle ein neues Leben. Doch die Verbindungen von einst hielten und halten bis heute.

Die Obstlerin Trieste hatte immer die besten Früchte, Arnaldo das feinste Fleisch und Feinkosthändler Ruggero sorgt für den Rest des gedeckten Tisches.

Zu dieser Zeit begann Luciano Valabrega die Ereignisse zu Tisch niederzuschreiben. Nun lässt er den Leser an der gedeckten Tafel platznehmen. Das Aufgetischte ist so typisch italienisch, dass es einem schon beim bloßen Lesen der Gerichte das acqua im bocca zusammenlaufen lässt.

Er belässt es aber nicht bei einer schnöden Essenseinladung. Schwungvoll – wir sind schließlich in Italien! – gibt er noch die eine oder andere Anekdote zum Besten. Und gibt Ratschläge, wo in Rom man am besten welche Zutat einkauft. Rogen zum Beispiel für die Bottarga: In den Feinkostläden im Zentrum, beim Sarden, in der Nähe der Synagoge. Beim nächsten Rom-Besuch sollte man mal schauen, ob das stimmt.

Was wäre Italien, Rom ohne Pasta? Wie Hamburg ohne Fischbrötchen, London ohne Fish ‘n Chips, Wien ohne Schnitzel – nur die Hälfte, wenn überhaupt. Die Hingabe, mit der Luciano Valabrega Puttanesca, Amatriciana, Carbonara und Arrabiata bzw. deren Zubereitung beschreibt, macht die Menüwahl für die kommenden Tage zu einer leichten Aufgabe. „Puntarelle & Pomodori“ ist ein Appetitmacher. Ein Appetitmacher auf leckeres Essen, auf Italienurlaub, auf einen Rom-Trip, den man so wahrscheinlich nie machen würde.

Hawaii

Hawaii

Es gibt unzählige Arten des Reisens. Individuell, pauschal, per pedes, mit dem Auto oder Rad, Abenteuer, sportlich, gediegen, Badeurlaub, Bergwandern und so weiter. Da muss man schon wissen zu welcher Kategorie man selbst zählt, um am Ende nicht enttäuscht zu sein. Oder man wählt ein Ziel, dass all diese Arten des Reisens in sich vereint. Wenn man nicht permanent auf Achse sein möchte, um ein paar Stunden das Eine, und einige Zeit später das Andere tun zu können, empfiehlt es sich eine Destination zu suchen, die nicht sonderlich groß ist. In Kanada beispielsweise kann man all das erleben. Aber die Entfernungen lassen das Zeitbudget doch ziemlich schnell zusammenschrumpfen. Der südliche Nachbar hat da schon einiges mehr zu bieten. Aber auch nicht auf dem Festland, sondern weit weg. Im Pazifik. Hawaii!

Oh ja, da werden Träume wieder wach. Wie einst Thomas Magnum über die Straßen düsen. Oder – ebenfalls wie der sympathische Privatermittler – auf den Wellen das Träumen wieder lernen. Sich körperlich verausgaben. Eine grandiose, teils einzigartige Natur genießen. Mit exotischen Früchten dem Hunger begegnen. Dem Auge eine echte Aufgabe geben. Doch so richtig weiß man kaum etwas über diese Inselgruppe, die in jedem Fernweh verursacht.

Dafür gibt es ja die Reisebände vom Iwanowski-Verlag. Wer Hawaii auf eigene Faust erleben will, braucht neben einem Ticket nur noch dieses Buch. Wer nach stundenlangem Flug endlich auf Hawaii, Maui, Molokai, Lanai, Oahu, Niihau oder Kauai angekommen ist, findet sich im Paradies wieder. So viel zum Klischee. Jetzt heißt die verbleibende Zeit so zu nutzen, dass man im besten Fall den Rest seines Lebens davon zehren kann.

Die achte komplett neu überarbeitete Auflage hat viel Neues zu bieten. Allem voran Armin Möller, der neue Co-Autor. Der versierte Journalist hat mit Ulrich Quack dieses Buch um das Kapitel „Hawaii per Schiff“ ergänzt. Vom Meer aus wird der gewünschte Eindruck der Inseln nicht nur bestätigt, er brennt sich wie ein Mal ins Hirn.

Wer Hawaii von Europa aus besucht, muss planen. Denn mal eben schnell in den Pazifik ist bei einer Flugdauer von fast einem Tag nicht drin. Und dann noch der Jetlag. Der Reiseband gibt auf den ersten Seiten einen kompakten Überblick über die Entwicklung der Inseln, gefolgt von nützlichen Tipps wie man sich verhält, was man tun und lassen sollte, wo es Hilfe gibt … alles (und das ist wörtlich zu nehmen), was man braucht, um sorgenfrei entspannen zu können. Besonders hilfreich ist der grün unterlegte Abschnitt „Was kostet Hawaii?“, in dem Preise auf Hawaii bekannt gegeben und verglichen werden. Praxisnah! Wer noch Inspiration braucht, wird ab den folgenden Seiten mit Ausflugstipps, komplett ausgearbeiteten Touren und Hintergrundinformationen regelrecht ins Reisefieber getrieben.

Zum Buch gehören ganz klassisch ein kleine Landkarte sowie ein kostenloser Download aller abgedruckten Karten als pdf-Dateien.

Gebrauchsanweisung für Rom

Gebrauchsanweisung Rom

Gleich zu Beginn fühlt die Autorin Birgit Schönau den Leser auf dem Zahn. Das Buch ist gar keine Gebrauchsanweisung! Wie soll man denn eine Stadt gebrauchen? Schon kurze Zeit später wird klar, dass sie den Römer Humor schon ganz und gar verinnerlicht hat. Ja, den gibt es wirklich, den Römer Humor. Erzählen wird sie ihn das gesamte Buch hindurch und darüber hinaus. Wer meint Rom zu kennen scheint, es immer wieder mit seiner Anwesenheit beehrt hat, die unzähligen, kleinen, versteckten Geheimtipps kennt, wird hier eines Besseren belehrt. Denn Birgit Schönau ist Römerin, zugereist, aber dennoch Römerin. Sie kennt Rom so, wie nur die paar Millionen, die darin wohnen. Doch selbst unter ihnen sticht die Autorin noch heraus. Eine Wanderung durch die Stadt mit den vielen Beinamen führt mit ihr zu einem echten Wissensrausch.

Sie beginnt ihre Rundgänge an Orten, die man erstmal auf sich wirken lassen muss. Auf den Piazze wie der Piazza Navona, Piazza San Pietro oder Piazza Venezia. Vor dem geistigen Auge lässt man sie Revue passieren, verharrt in Erinnerungen. Dann beginnt das, was sich viele nicht trauen: Hinter die Kulissen zu schauen. Hinein in die guten Stuben, die Hinterhöfe betreten, die Geschichte(n) aus der Versenkung holen.

Birgit Schönau ist keine Reiseleiterin, die zum Zeichen des Erkennens einen Schirm hochhält, damit die tumbe Traube von Menschen ihr folgen kann und sie ihren Lehrstoff stumpf herunterbetet. Birgit Schönau ist die Geschichtenerzählerin, die zufällig auch Wissen vermittelt. Nur Wenige hatten das Glück so einen Lehrer zu haben. Mit grandezza und passione weht die Autorin durch die Gassen und Jahrtausende und lässt keinen Besucher / Leser zurück. Jedes Kapitel ist ein Füllhorn an Kurzweil und brisanten Histörchen. Päpste und arbeitsunwillige Nachbarn erhalten die gleiche Aufmerksamkeit wie die Trattoria um die Ecke oder der Messerschleifer.

Und – liebe Männer, aufgepasst! – sie spricht über Fußball. Nicht weil, sieSchulball von Fußball unterscheiden kann und deswegen meint Sportjournalistin zu sein, sondern weil sie sich wirklich auskennt. Mehr als so mancher, der bei AS Roma wie in Trance die Spieler anfeuert. Sie kennt das ganze Drumherum wie nur Wenige. Zum Beispiel weiß sie, wann das pane e porchetta am besten schmeckt…

Wer Rom besucht, braucht Hilfe. Die Fülle an Sehenswürdigkeiten erschlägt einen sonst. Kurze Momente der Ruhe werden mit diesem Buch mit Lokalkolorit aus erster Hand bereichert. Erst wer die Menschen der Stadt versteht, ihre Macken kennt, den Rhythmus verinnerlicht hat, wird Rom wirklich kennen. Birgit Schönau ist die Art von Reiseleiterin, der man am liebsten nicht von der Seite weichen möchte. Voller Elan führt sie den Leser durch die Ewige Stadt ohne hektisch zu werden.

Gebrauchsanweisung für das Burgenland

Gebrauchsanweisung Burgenland

Das Burgenland ist das zweitkleinste Bundesland Österreichs. Und das Jüngste. Es grenzt ans die Slowakei, Ungarn und Slowenien. Das sind die wichtigsten Fakten, die Touristen aber eher als Nebeneffekt weitgehend unerheblich erachten. Darin sind sich auch die beiden Autoren Martin und Andreas Weinek einig. Denn nur durch die geographische Lage lässt sich der Reiz des Burgenlandes nicht näherbringen. Sie kommen diesem Reiz über die Menschenauf die Spur. Denn der Burgenländer hat fünf Seelen – glaubt man dem Autorenpaar.

Die erste Seele ist die kulinarische. Zuerst räumen die beiden mit dem Vorurteil auf, dass hier immer noch die einstige XXL-all-inclusive-Küche ihr El Dorado hat. Das war einmal. Unter dem zu viel propagierten Schlagwörtern saisonal und regional wird hier gekocht, gebrutzelt und geschlemmt. Und vor allem verwöhnt. Wem beim Lesen schon das Wasser im Munde zusammenläuft, der kann eines der abgedruckten Rezepte gern selber ausprobieren. Sozusagen als Einstimmung auf zwei Wochen Burgenland. Oder im Anschluss als lukullische Aufarbeitung oder genüssliches Gedächtnistraining. Eine Besonderheit sollte jede Region aufweisen können. Hier im Burgenland ist es der Uhudler. Man kann die Zunge noch so sehr verdrehen, es findet sich kein hochdeutsches Pendant dazu. Der Uhudler ist eine Weinsorte, die es nur hier gibt. Erst seit den frühen Neunzigern darf er wieder angebaut und hergestellt werden. Doch auch die EU-Bürokraten arbeiten schon wieder an einer Modifizierung, verbieten werden sie ihn wohl nicht können.

Die zweite Seele ist die künstlerische: Joseph Haydn wirkte hier am Hofe der Eszterhazys, Franz Liszt wurde hier geboren. Das allein reicht schon, um sich eine künstlerische Seele ans Revers zu heften. Doch die zahlreichen Festivals, Museen und Veranstaltungen machen das Burgenland zu einer Kulturregion.

Unternehmungslustig sans auch, die Burgenländer. Das ist die dritte Seele. Bei solchen Ausflugszielen kein Wunder. Neusiedler See, mittlerweile Teil des UNESCO-Weltkulturerbes, unberührte Wiesen, auf denen man noch ganz old school Schmetterlingen hinterherjagen kann oder … ach was, die Zahl an Möglichkeiten geht schier ins Unendliche.

Fehlen noch zwei Seelen. Die Dunkle und die Versöhnliche. Nach so viel Sonnenschein auch Schatten? Nicht unbedingt. Das Autorenduo Weinek lässt – wie im gesamten Buch – hier der künstlerischen Seele (!) freien Lauf. Nicht alles, was in diesem Buch geschrieben steht, sollte man auf die Goldwaage legen. Ironisch und informativ sind nur zwei Attribute, die man diesem Buch auf keinem Fall absprechen wollte. Übrigens, Burgen gibt es hier auch!

Wenn man die fünf Seelen der Burgenländer sich erlesen hat, ist es nur noch ein Katzensprung ins Burgenland. Man ist bestens präpariert, um das einstige Bollwerk am Eisernen Vorhang zu erleben. Die „Gebrauchsanweisung für das Burgenland“ versteht sich nicht als Reiseführer im herkömmlichen Sinne, es ist das Buch, das man braucht, um die Bilder im Kopf ins rechte Licht zu rücken. Viele Zeilen geben erst vor Ort ihre wahre Bedeutung preis. Die ideale Zusatzlektüre zum Reisebuch!

22 schönste Radeltage an Main und Tauber

RaMT-Umschlag 256

Über achthundert Kilometer mit dem Rad? Da braucht man schon mehr als stramme Waden. Zum Beispiel damit aus den 861 Kilometern nicht schnell doppelt so viele Kilometer werden, braucht man mindestens einen Reiseband, der einem kenntnisreich an die schönsten Orte führt. Zugegeben an Main und Tauber ein leichtes Unterfangen.

Doch dieses Buch ist kein Reiseband im eigentlichen Sinne. Er ist speziell für Pedalisten konzipiert. Das heißt, dass hier vorrangig die Radwanderwege vorgestellt werden. Wer will schon immer einen nervösen Bleifuß hinter sich spüren? Neunzehn Touren werden vorgestellt – im Titel stehen doch zweiundzwanzig, fehlen da nicht drei? Nein, denn so manche Tour ist nur für geübte Pedalritter an einem Tag zu schaffen. Aber dieses Buch ist kein Reiseband für sportive Kilometerschinder, sondern für alle, die rollend sich an Flora und Fauna erfreuen wollen. Ab und zu mal etwas kräftiger in die Pedale treten kann nicht schaden, doch hier stehen die Erlebnisse links und rechts der Touren im Vordergrund.

Die beiden Autoren kennen die Gegend zwischen Würzburg, Tauberbischofsheim, Rothenburg ob der Tauber und Aschaffenburg in- und auswendig. Besonders die exzellent erschlossenen Radwege. Und sie wissen, was man beachten muss und wo man einkehren kann.

Jede Tour wird zu Beginn kurz vorgestellt: Länge und Profil der Strecke werden kurz skizziert, so dass jeder einschätzen kann, ob diese Tour machbar ist oder in Etappen in Angriff genommen werden muss. Eine Tour ausfallen lassen, erübrigt sich, da jeder Ausflug, jeder Abschnitt sehens- und erradelnswert ist.

Wer die einzelnen Streckenpunkte genauer erkunden will, für den sind die farbig abgesetzten Kästen im Buch eine willkommene Abwechslung. Hier werden dem Leser, der von nun an nur noch radeln will, einige Hintergrundinfos geliefert. So erfährt man auch, wo Schneewittchen wirklich zu Hause war oder was es mit Grünkern auf sich hat.

Ob allein, zu zweit oder in Familie – Radeln ist eine Wohltat für Körper und Geist. Ganz abgesehen vom ökologischen Aspekt. Wer sich klimatisiert auf vier Rädern fortbewegt sieht viel, wer die müden Knochen in Bewegung hält, hält auch Augen und Ohren offen. Und sieht noch mehr. Kann beim Entschleunigen die Zeit vergessen und sich an Main und Tauber vom Reiz der Landschaft gefangen nehmen lassen.

In Liebe, Muschelkalk

In Liebe, Muschelkalk

Muschelkalk, ein ungewöhnlicher Kosename für eine Frau, um die man sich so bemüht hat und die man bedingungslos liebt. Ja, Hans Bötticher ist um einiges älter als sie, Leonharda Pieper. Doch was ist so besonders an ihr und den beiden, dass ihnen eine Biographie gewidmet wird? Nun, Hans Bötticher war Humorist im besten Wortsinne und als Joachim Ringelnatz schon zu Lebzeiten bekannt und geschätzt. Und hätte sich ohne seinen Muschelkalk bei Weitem nicht so frei entfalten können wie er es tun konnte.

Muschelkalk war die Tochter eines Bürgermeisters aus Rastenburg in Ostpreußen, aus gutem Hause wie man so sagt. Als junges Mädchen ging sie nach Eisenach, um Französisch und Englisch zu lernen. Ihre Mentorin war mit eben diesem Hans Bötticher bekannt. Der war erst gar nicht so sehr angetan von der jungen Maid am dem Osten. Der nicht gerade als Kostverächter bekannte Hans hatte hier und da seine Liebeleien, eine Eigenschaft, die er ein Leben lang nicht ablegen konnte. Doch fanden Muschelkalk und Bötticher dennoch zusammen.

Der verlorene Krieg verbot es Kriegsteilnehmern sich an dem Ort niederzulassen, an dem sie zuvor tätig waren. Ringelnatz – wie er sich schon bald nennen wird – muss eine gut bezahlte Stelle aufgeben. Muschelkalk arbeitet im hunderte Kilometer entfernten Godesberg im Rheinland. Ihre neue Heimat wird München. Hier tritt Ringelnatz auf, schreibt und ist so was wie eine lokale Berühmtheit. Das erlaubt ihm Muschelkalk zu sich zu holen. Bald wird geheiratet.

Ihr Leben ist von fast vollkommener Harmonie geprägt. Er bringt das Geld nach Hause (oft reicht es dennoch nicht), sie wird zur Hüterin der guten Stube. Eine Aufgabe, die sie erst lernen muss. Er schreibt ihr herzige Briefe von unterwegs, sie lernt kochen, waschen und den Haushalt führen. Seine Liebschaften verzeiht sie ihm, denn er ist es, der ihr das Leben zeigt. Aus heutiger Sicht ein eher unzumutbarer Zustand, doch befinden wir uns in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Nach mehreren Schicksalsschlägen binnen weniger Jahre – die eine Schwester ertrinkt, eine andere begeht Selbstmord, der Vater stirbt – muss Muschelkalk auch ihren geliebten Joachim Ringelnatz ziehen lassen. Die Nazis hatten ihm Auftrittsverbot erteilt, die Einnahmen schwinden rapide. Ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers verstirbt Ringelnatz.

Muschelkalk hat zu diesem Zeitpunkt Kaiserreich, Krieg, Republik, Inflation und aufkommenden Nationalismus erlebt – immer starke Männer an ihrer Seite – da ist sie gerade mal Mitte dreißig. Kurz vor der Hälfte ihres Lebens.

Sie arbeitet in Berlin als Lektorin für Rowohlt, übersetzt Thomas Wolfe, zu dessen Ruf in Deutschland sie entscheidend beigetragen hat. Kurze Zeit später heiratet sie erneut. Julius Gescher, Arzt und Freund, der Ringel und Muschelkalk schon vor Jahren kennenlernte. Doch er überlebt den Krieg nur wenige Tage.

Den Nachlass von Joachim Ringelnatz verwalten, den Dichter nicht in Vergessenheit geraten lassen, wird ihre große Aufgabe. Immer wieder gibt es Ringelnatz-Abende und Neuauflagen mit seinen Werken. 1977 stirbt auch Leonharda Ringelnatz, geborene Pieper, Muschelkalk genannt. Sie wird im Grab ihres zweiten Mannes begraben. Ringelnatz‘ Grab ziert seit jeher eine Platte aus … Muschelkalk.

Barbara Hartlage-Laufenberg gibt der besseren Hälfte Ringelnatz‘ ein Gesicht und eine Stimme. Bis war sie unbekannt, selbst Wikipedia erwähnt sie nur im Zusammenhang mit anderen Artikeln. Sie war mehr als nur die Frau hinter dem großen Dichter. Ihr ist es zu großen Teilen zu verdanken, dass bis heute Ringelnatz-Abende veranstaltet werden und der Dichter hüben wie drüben nicht in Vergessenheit geraten ist.

Die geheimnisvolle Welt der Pilze

Die geheimnisvolleWelt der Pilze

Auch wenn dieses Buch für Kinder geschrieben ist, so ist es nicht allein nur für Kinder gemacht. Auch die Erwachsenen können – ja, sie sollten – dieses Buch in die Hand nehmen bevor es in die Pilze geht. „Das Natur-Mitmachbuch…“ heißt es im Untertitel. Eigene Aufzeichnungen und Bilder sind in diesem nicht nur willkommen, sie sind wichtig, um dieses Buch zu komplettieren. Ein unfertiges Buch? Nein, aber die eigenen Aufzeichnungen machen es erst zu einem wertvollen Nachschlagewerk, das jede Pilzsaison immer wieder zu Rate gezogen werden kann.

Pilze wachsen nicht in Konservendosen, sondern in der freien Natur – für viele die erste Erkenntnis. Gleich auf Seite Sechs ist der Leser zum ersten Mal gefragt. Wo wurden die ersten Pilze gefunden? Da viele Angst vor den schwer zuzuordnenden Pilzen haben, war es für die Autoren Frank Lüder wichtig diese Angst zu nehmen. Pilze kann man anfassen, essen nicht. Schon gar nicht roh!

Wer durch den Wald stromert, wird früher oder später auf den einen oder anderen Pilz stoßen. Was nun? Anschauen erwünscht. Anfassen – dass weiß der Leser ja schon – erlaubt. Abbrechen – muss nicht sein. In den Mund nehmen – bloß nicht, wenn man nicht weiß, welcher Art der Pilz angehört! Aufschreiben, wann und wo man den Pilz gefunden hat: Erwünscht!

Die detektivische Pilzreise trägt die ersten Früchte, wenn man liest, dass manche Pilze nur an bestimmten Bäumen leben können. Kleine Rätsel machen die Jagd zu einer echten Wissensreise. Die Lösungen gibt es am Ende des Buches.

Ein kleines Einmaleins der Speisepilze, den richtigen Umgang, Arten, Merkmale, Regeln beim Sammeln und viele andere Kriterien rund ums Pilzesammeln führen den Leser in die geheimnisvolle Welt der Pilze ein. Ob nun Groß oder Klein jeder wird mit jeder gelesenen Seit zum Experten. Immer wieder kann (und sollte) man eigene Entdeckungen niederschreiben. Wenn das Buch in der ersten Saison nicht vollständig wird, hat man in der Folgezeit immer wieder die Möglichkeit die Seiten zu vervollständigen.

Dieses Buch ist ein Buch für Generationen. Jede Aufzeichnung trägt dazu bei das angeeignete Wissen zu konservieren und auszubauen. Die zahllosen Abbildungen erlauben eine genaue Bestimmung und Einordnung der Funde. Und selbst, wenn man nicht die nötige Sorge walten ließ, gibt es in diesem Buch Hilfe unter anderem in Form von Links zum richtigen Verhalten bei Vergiftungen.

Man möchte immer lachen und weinen in einem

Man möchte immer weinen und lachen in einem

Ein Tagebuch zu schreiben ist der erste Schritt den Alltag und die Träume in Worte zu fassen. Ein Deutscher nutzt ca. sechs- bis zwölftausend Worte, um sich zu artikulieren. Bei über fünf Millionen verfügbarer Begriffe keine überzeugende Leistung (bis hierhin wurden etwas über dreißig verwendet…). Wenn ein (aus-)gebildeter Philologe Tagebuch schreibt, kann man davon ausgehen, dass er eher an der Obergrenze agiert. Victor Klemperer – auch wenn man es nicht nachzählt – hatte sicherlich einen Wortschatz, der locker die Zwölftausend-Worte-Grenze überwindet.

Sechs- bis zwölftausend Worte sind genug, um die eigenen Gefühle festzuhalten. Bei historischen Ereignissen wie das der letzten gewalttätigen Revolution des vergangenen Jahrhunderts in Deutschland 1918/19 erfordert das Ereignis allein Grenzen zu überschreiten. Victor Klemperer, der sprachgewaltige Sprachwissenschaftler und Humanist hatte die Möglichkeit seine Gedanken zur Zeitgeschichte zu veröffentlichen. Doch nicht alle Texte sind einem breiten Publikum zugängig gemacht worden. Oft konnten sie nicht veröffentlicht werden, da sie nicht rechtzeitig bis Redaktionsschluss vorlagen. So versauerten sie in Schubladen und der Zahn der Zeit ließ sie allmählich in Vergessenheit geraten. Bis jetzt!

Ab Dezember 1918 schrieb er einige Monate lang für Zeitungen über die Ereignisse in München, Stichwort Räterepublik. Die Ermordung Kurt Eisners, die Stammtischtiraden der Arbeiter und der „ganz normale Alltag“ werden erst durch die Sprachgewalt Klemperers für all die greifbar, die nicht direkt dabei waren.

Victor Klemperers Sympathie ist klar, das zeigt er deutlich. Dennoch vermeidet er es sich von einer der Seiten einnehmen zu lassen. Zwischen-den-Zeilen-lesen muss der Leser schon können. Schon nach wenigen Seiten ist man derart im Stoff, dass einem die teils zum ersten Mal veröffentlichten Texte wie ein Roman vorkommen. Nur mit dem Unterschied, dass hier ein Tagebuch gelesen wird. Alles ist so passiert. Victor Klemperer war zu dieser Zeit noch nicht der angesehene Philologe, sondern als Journalist vor Ort. Viele der in diesem Buch zusammengetragenen Texte schafften es – aus Zeitgründen – nicht in die Gazetten der Zeit, manche wurden im Nachgang erst Jahrzehnte später erstellt. Sie alle vermitteln dem Leser ein exaktes Abbild der Situation, in der sich das geschlagene Deutschland zu dieser Zeit befand: Zerstörung, Verstörung, Irreleitung, teil Anarchie, blinder Aktionismus, rohe Gewalt. Doch auch Hoffnungsschimmer, Lichtstahlen und Aufbruchstimmung. Chirurgisch seziert er die Ereignisse, die er selbst erlebt hat, gibt nichts auf Hörensagen.

Nach dem das vergangene Jahr vermeintlich im Zeichen des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges stand, Zeitzeugen wie Sand am Meer ausgebuddelt wurden, ist das Revolutionstagebuch ein intellektueller Vorgeschmack auf das Jahr 1919. Aber einer, der Appetit macht auf Deutschstunde und Geschichtsunterricht. Am Ende des Buches wird der Titel klar: Wein oder lachen? Lachen, weil man nun ein klareres Bild hat. Weinen, weil das Buch schon ausgelesen ist.

Matterhorn – Berg der Berge

Matterhorn - Berg der Berge

Samstagabend. Irgendwann in den 80ern. Hans-Joachim Kulenkampff führt elegant und charmant durch seine Sendung „Einer wird gewinnen“. Zwei Kandidaten – einer aus Finnland, mit gewaltigen Sprachschwierigkeiten – sollen anhand von Umrissen den Berg benennen. Den Fujiyama erkennen beide. Mount Everest, Mont Blanc .. da wird’s schon schwierig. Den Berg, den beide sofort erkennen, ist das Matterhorn. So einen Berg gibt es nur einmal. Vom schweizerischen Zermatt gesehen, sieht er aus wie eine unfertige Sphinx. Bergsteiger haben einen riesigen Respekt und nennen ihn nicht umsonst den Berg der Berge.

Mitte Juli 1865 wurde er nach achtzehn glücklosen Versuchen endlich erklommen, bezwungen. Nur ein paar Tage später sogar zum zweiten Mal. Sieben Bergsteiger nahmen – einige nicht zum ersten Mal – das bis dato unmögliche Unterfangen in Angriff. Drei kamen zurück, drei konnten nur noch tot geborgen werden. Einer ist bis heute verschwunden.

Wie ein riesiges Toblerone-Stück thront der Berg inmitten der Alpen in der schweizerisch-italienischen Grenzregion. Cervino nennen ihn die Italiener, die Walliser Hore. Einhundertfünfzig Jahre ist es nun her, dass die 4478 Meter von Menschenhand erobert wurden. In einer Zeit, in der es chic war Abenteuer zu planen, zu vermarkten und natürlich zu bestehen. Viele sind an diesem Berg zerbrochen, sprichwörtlich und buchstäblich.

Daniel Anker setzt diesen Menschen und ihrer Nemesis mit diesem Buch ein Denkmal. Als Bergsteiger kennt man so manche Geschichte über die die verschiedenen Herangehensweisen: Hörnligrat, Liongrat, Zmuttgart, Furggengrat. Man kennt auch die vier Wände, Ost-, West-, Nord- und Südwand. Die eine oder andere Anekdote sollte eingefleischten Alpinisten auch bekannt sein. Doch so konzentriert und umfangreich wurde das Matterhorn noch nie dargestellt. Die ewigen Kontrahenten, Werkzeuge, vergebliche Versuche, all die namenlosen Gescheiterten bekommen hier den Ruhm, der ihnen gehört. Und wer, wenn nicht der AS-Verlag aus Zürich sollte dem Walliser Naturdenkmal ein Denkmal setzen können. Schließlich ist hier das Heim der Bergmonographien. Höchste Zeit auch dem Matterhorn die nötige Ehre zu erweisen.

In einer Zeit, in der immer wieder gern auf Althergebrachtes als Neues verkauft wird, hat dieses Buch auch einen pädagogischen Charakter: Wenn also in naher Zukunft in einer Quizshow anhand von Umrissen ein Berg erkannt werden muss, oder noch etwas mehr Wissen dazu abgefragt wird, hält man mit diesem Buch den Hauptgewinn in den Händen. Auch wenn der Quizshow-Fall niemals eintreten sollte, so ist dieses Buch eine Augenweide: Die oft doppelseitigen Abbildungen lassen die Augen aufspringen und Fans wie Profis das Herz aufgehen.

Verkannte Pioniere

Verkannte Pioniere

Schnell noch Licht machen, einen Anruf tätigen und die Hände waschen. Alltägliche Vorgänge, die so natürlich sind, dass es schwer fällt sie zu beschreiben. Auf wen die Handlungen, und somit auch die Erfindungen – Hände waschen dient auch der Desinfektion – zurückgehen, mag kaum jemand zu erklären. Viele Erfinder sind eng mit ihren Entdeckungen verbunden. Das Auto mit Carl Benz, das Telefon mit Alexander Graham Bell oder die Dampflok mit Robert Stephenson. Ja, das sollte man meinen. Doch die Geschichte hat uns gelehrt, das selbige immer von den Gewinnern geschrieben werden.

Dieses Buch erzählt die Geschichte derer, die meist im Schatten standen bzw. nie in den Genuss des Sonnenglanzes kamen. Maximal posthum. So wie Nikola Tesla. Heute ist eine Elektroautofirma nach ihm benannt. Zu Lebzeiten (1856 – 1943) galt er als größenwahnsinnig. Nach ihm ist die Maßeinheit für die magnetische Flussdichte benannt. Er war der Gegenspieler Thomas Alva Edisons. Der wiederum war berüchtigt nicht gerade zimperlich mit seinen Feinden umzugehen. Tesla galt als Entdecker des Zweiphasen-Wechselstroms. Wer also heute ein elektrisches Gerät einschaltet, hat dies auch Nikola Tesla zu verdanken. Edison war ein Verfechter des Gleichstroms. Das wäre ein Flackern, wenn sich Edison durchgesetzt hätte.

Wer kennt schon Siegfried Marcus? Auch wenn sich die Gelehrten nicht ganz einig sind, kann man auch ihn als einen der Väter des Automobils bezeichnen. Leider sind nicht alle seine Aufzeichnungen erhalten, so dass es bis heute immer wieder heftige Diskussionen gibt, ob nun er oder doch Carl Benz zum ersten Mal ein Auto erbaut haben. Fakt ist, dass, wer heute den Zündschlüssle herumdreht auch Siegfried Marcus danken sollte, dass er nicht mehr kilometerweit zur Arbeit laufen muss.

Man eine Stadt hat ein Semmelweis-Straße. Straßennamen nimmt man ebenso hin wie die Tatsache, dass es im Krankenhaus sauber ist. Das war nicht immer so. Ignaz Philipp Semmelweis hatte die hohe Sterblichkeit von Säuglingen in Krankenhäusern untersucht. Und kam zu dem Ergebnis, dass dort die Ärzte teilweise dafür verantwortlich gemacht werden können. Teufelszeug! Unfug! Die Halbgötter in Weiß tobten. Doch Semmelweis hatte recht, deswegen wird seit rund eineinhalb Jahrhunderten in den Gesundheitstempeln desinfiziert wo es nur geht. Semmelweis erntete mit seinen Forschungsergebnissen nur Hohn, Spott und Ablehnung.

„Verkannte Pioniere“ setzt den Verlierern der Wissenschaft ein Denkmal. Viele erlangten kurzzeitig Ruhm, wurden über den Tisch gezogen, verstoßen und verhöhnt. Armin Strohmeyr rückt ihre Leistungen wieder in den Sonnenschein des öffentlichen Bewusstseins.