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In 80 Bäumen um die Welt

Was haben Jules Verne, die Flagge des Libanon und ein ohrenbetäubender Lärm gemeinsam? Beginnen wir am Ende. Die Welt ist nach Meinung der meisten Forscher mit einem Urknall auf selbige gekommen. Ob der nun wirklich so laut war, ist eher eine philosophische Frage. Die Flagge des Libanon ziert eine Zeder und Jules Verne ließ seine Phileas Fogg in achtzig Tagen um die Welt reisen. Voilá, „In 80 Bäumen um die Welt“ ist geboren. So einfach ist das!

So einfach ist es dann doch nicht! Jonathan Drori ist Kurator für den Woodland Trust, verantwortlich für Wissenschaftssendungen bei der BBC Botaniker durch und durch. Das merkt man schon allein an der begeisterungsfähigen Wortwahl, die seine Texte schmückt.

Er reist einmal quer um den Globus und sieht da genauer hin, wo andere hinwegsehen. Wer schaut schon genau hin, was da am Wegesrand so grün grünt?! Und das eben nicht nur in den verhältnismäßig wenigen Ländern, die Phileas Fogg bereiste, sondern rund um den Globus: Tonga, Malaysia, Botswana, Kanada, Chile, Belgien, Somalia, Seychellen, um nur einige zu nennen.

Es muss schon ein erhebendes Gefühl sein, wenn das lavendelfarbene Schauspiel des Palisanders im Norden Argentiniens betrachten kann. So filigran die einzelnen Äste, so kompakt die ganze Krone. Es duftet unvergleichlich, die Blüten laden zum Staunen ein. In der Natur eine Wucht, im Buch eine Sehnsucht.

Eine Avocado gehört schon seit Längerem auch bei uns auf einen reich gedeckten Tisch. Doch ihr Geheimnis liegt nicht im Geschmack, sondern in ihrer Fortpflanzung. Erst zeigen sich die weiblichen Blüten. Jetzt sind sie bereit. Dann machen sie schüchtern erstmal wieder dicht. Dann balzen die männlichen Blüten, um zu zeigen, dass es losgehen kann. Echte Emanzipation: Denn nun zeigen sich die weiblichen Blüten wieder und die kleinen Helferlein wie Bienen und andere Insekten legen fleißig Hand an.

Die detailreichen Zeichnungen von Lucille Clerc geben wie bei einem wohlschmeckenden Mahl den unterhaltsamen Texten von Jonathan Drori erst die richtige Würze. Wer ganz genau hinsieht, entdeckt feinste Pinselstriche. Es ist wie im richtigen Leben: Da ein Baum – zur Kenntnis genommen. Doch wer die Augen richtig aufmacht, erkennt die Vielfalt und Einzigartigkeit einer jeden Pflanze.

„In 80 Bäumen um die Welt“ ist ein Reiseband für unterversorgte Globetrotter. Eine Stadt, eine Region und ihre von Menschenhand erschaffenen Reichtümer zu besichtigen, ist eines. Aber der Natur ihre Geheimnisse, die so offensichtlich dargeboten werden, immer wieder neu zu entdecken, kommt einem echten Abenteuer gleich. Mit Kapitän Jonathan Drori und Lucille Clerc im Ausguck ist immer Land in Sicht.

Modigliani, mon amour

Es gab keinen besseren Zeitpunkt sich über den Weg zu laufen. Dicke, graue Wolken hingen unbeweglich über Paris. Europa erstickte im Pulverdampf, der aus den Schützengräben quoll. Jeanne Hébuterne ist Kunststudentin an der Academie Colarossi. Und da begegnet ihr Amadeo Modigliani. Das Grau ist auf einmal, und nur für kurze Zeit wie weggeblasen.

Obwohl vierzehn Jahre Altersunterscheid, sie gerade mal 18, er 32, sind sie im Geiste vereint. Ihre Welt ist zu klein. Sie stammt aus einer Familie, deren Sittenstrenge mehr bedeutet als alles andere. Er stammt aus gutbürgerlichem jüdischem Hause. Beide haben keine Beziehung zu Geld, sie haben keines. Eine Skizze für einen Wermut, so machen Wirt des „La Rotonde“ und der Maler jeweils ihren Schnitt. Und Jeanne? Ihr über alles geliebter Bruder André ist im Krieg. Er brachte sie zur Malerei, unterstützte sie in dieser Flucht vor der Langeweile.

Amadeos und Jeannes Beziehung steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Er ist zornig, meist betrunken. Sie ist vorsichtig, doch kann sich dem Charme des Künstlers nicht entziehen. Nur André zieht Jeanne wie an einem unsichtbaren Gummiband immer wieder zurück zur Vernunft. Denn tief im Inneren weiß sie, dass sie Modigliani nicht gerecht werden kann. Er behandelt sie nicht so wie man eine Lady behandeln soll. Seine Liebesschwüre erschauern wie Befehle. Selbst eine Einladung zu einem Ball kann sie nicht ablehnen, weil sie seiner Vehemenz nichts entgegen zu setzen hat. Zwischen Picasso, Soutine, Cendrars, Jacob und Cocteau wirkt sie verloren. Nur Modigliani kann sie in seiner unverkennbaren Art befreien. Sie werden ein Paar.

Seine Anfälle, seine Affären, die Ablehnung Modiglianis von ihrer Familie gehen nicht spurlos an ihr vorüber, doch sie steht zu dem Mann, dessen Erscheinung sie damals in der Academie wie der Blitz traf. Das Leben ist hart. Modigliani wird einmal berühmt sein, und reich. Das behaupten alle in seiner Umgebung. Seine Zeit ist aber noch nicht gekommen.

Olivia Elkaim gibt der letzten Muse Amadeo Modiglianis ihr Leben zurück. Als er zu Beginn des Jahres 1920 auf dem Prominentenfriedhof Pere Lachaise begraben wird, steht die Künstlerelite Spalier. Kurz darauf wird sie begraben. Sie sie Mutter seines Kindes. Nicht verheiratet. Angefeindet. Kein Pomp, kein Prunk, nicht einmal derselbe Friedhof. Allein gelassen wie eh und je.

„Modigliani, mon amour“ ist der Inbegriff der traurigen Liebe. Eine Frau, die alle Unwägbarkeiten beiseite wischt, um ihn zur Seite stehen zu dürfen. Er verachtet sich und die Welt, ist unfähig wahre Zuneigung zu zeigen. Das Leben der Bohème war nicht romantisch, es war hart. Aber vor allem eine emotionale Qual.

Dux

Bei dem Namen Casanova hört man bis heute auf. Dieser Lustmolch, der die Frauen scharenweise umlegte, als Spion von Hof zu Hof wanderte, und in Venedig zur persona non grata erklärt wurde. Mythos und Wahrheit liegen bei ihm so nah beieinander wie bei kaum einen anderen. Er freute sich in der Gesellschaft der wirklich (oder scheinbar) Großen sonnen zu dürfen. Ein Phänomen, das man bis heute noch (bzw. immer häufiger) beobachten kann.

Doch – und das ist die Warnung an all die sich heranwanzenden Sport-„Reporter“, Influencer und Castingshow-Zweitrundenteilnehmer – er starb einsam, krank und ungeliebt im Exil. In Duchcov, dem ehemaligen Dux, auf dem gleichnamigen Schloss. Sein Sterbesessel wird im Juni 2018 (am vierten des Monats jährt sich sein 220. Todestag) sicherlich Scharen auf das idyllisch gelegene Schloss locken. Sofern man ihn nicht wieder mit Nichtachtung strafen wird.

Casanova ist mittlerweile im Rentenalter. Graf Joseph Karl Emanuel von Waldstein hat vor einiger Zeit den Glücksritter an seinen Hof geholt. Es ist das Jahre 1785. Hier soll Casanova als Bibliothekar tätig sein. Er liest viel, schreibt noch viel mehr. Veröffentlichungen – kaum. Der Graf selbst ist damit beschäftigt Politik zu betreiben, weshalb er einige Jahre später für einen langen Zeitraum verreisen wird. Von Frankreich ausgehend droht Europa eine neue Gestalt anzunehmen. Ach, was wäre Casanova glücklich gewesen hier mitwirken zu dürfen, Seilschaften zu knüpfen, Verbrüderungen zu entzweien. Doch er fristet ein karges Leben in Nordböhmen.

Zu seinem Verdruss sehen der Verwalter und ein Leutnant, der als eine Art Aufpasser sich hier einen kleinen Zuverdienst sichert, in dem Italiener eine Laus, die zerquetscht werden muss. Casanova einen einzuschenken, ist ihr liebster Zeitvertreib. Sie sind geschickt, so dass selbst der Bürgermeister und Richter der Stadt nichts unternehmen können. Casanova ist hoffnungslos festgesetzt. Er, der einst Europas Adelshäuser im Gespräch und Atem hielt, ist nun der gebeugte Prügelknabe zweier Günstlinge. Späte Rache des Schicksals? Ein Happy end kann er nicht erwarten. Und er ist sich dessen sicher auch bewusst.

Die Historiker streiten bis heute über die Bedeutung des Monsieur de Seintgalt. Wohl auch, weil er sich winden konnte wie ein Aal. Schlecht festzunageln, dieser Windhund! Sebastiano Vassalli gelingt das Kunststück, Casanova für die Dauer dieses Büchleins einzufangen. Ein kränkelnder, nie komplett resignierender Greis, dessen Perücke schlecht sitz und dessen Strümpfe am laufenden Band verrutschen. Eine kurze Episode im Leben des Hans Dampf in allen Gassen, seine letzte. Doch sie beweist nur eines: Den Atem konnte man ihm nur einer auslöschen, Gott. Der Kampfgeist jedoch entwich ihm erst nach dem letzten Atemzug. Chapeau!

Die Sünde der Frau

Norma Jean Baker, Marguerite Donnadieu, Jane Auer und Mary Patricia Plangman – alle in einem Buch über die Sünde der Frau. Die eine Hälfte der Menschheit, die laut Bibel wissen wollte, naschte und ihn, die andere Hälfte, dazu verführte auch mal einen Bissen zu nehmen. Der Rest ist bekannt: Krieg, Hass, Zerstörung. Keine besonders schöne Sicht auf die Dinge des Lebens.

Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith hatten auch so manches Mal keine schöne Sicht auf die Dinge des Lebens. Sie hatten Pseudonyme. Sie hatten Talent. Sie hatten Ruhm. Sie zerfleischten sich selbst. Sündig? Sie selbst hätten das über sich nur unter bestimmten Bedingungen gesagt. Zum Beispiel, wenn es darum ging in der Öffentlichkeit sich selbst – warum auch immer – hervorzuheben.

Doch im Inneren gab es bei ihnen nie den Drang sich selbst um der Zerstörung Willen sich zu zerstören. Rebellion – ja. Und wie! Das reduzierte Spiel der Monroe, sie war ab einem Punkt nicht mehr die Baker, sondern die Monroe ist nicht minder das Ergebnis einer Flucht wie die revoltierenden Zeilen einer Marguerite Duras, die wie Patricia Highsmith echte, voll umfängliche liebe nie zulassen konnte. Jane Bowles und Pat. H, alias Ripley, wie sie seit dem ersten ihrer Ripley-Romane gern ihre Briefe unterschrieb, waren dem Alkohol dermaßen verfallen, dass sie Realität und Nebelschwaden in Letzem aufgingen. Doch ihrer Kunst, und somit ihrem Ruhm tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil – das Delirium war ihr Elixier.

Auch die Monroe suchte den Schlüssel für die Tür, die sie in der Welt außerhalb der Monroe führte. Sie glaubte ihn in Arthur Miller zu finden. Doch auch er sah in ihr nur die unordentliche Schlampe, in der Art wie ein Eisbecher mit Früchten unordentlich ist, wie es einmal Truman Capote beschrieb.

Sind diese vier Damen nun wirklich Sünderinnen? Oder frönten sie „nur“ der Sünde an sich? Connie Palmen wagt es diese vier auf ihrem Gebiet einzigartigen Künstlerinnen ihren Wegen zu folgen. Es liegt am Leser selbst, welche Maßstäbe er ansetzt, um Sünde als solche zu empfinden und schlussendlich ein Urteil zu fällen. Sie verstanden alle herzlich den Finger auszustrecken, um ihre Betrachter, Kritiker, Leser, Freunde, Geschäftspartner um selbigen zu wickeln.

Die Autorin lässt ihre Blicke schweifen und urteilt an keiner Stelle dieses bemerkenswerten Büchleins, das man nur allzu gern verschenken, im gleichen Atemzug aber wie einen Schatz für sich behalten möchte.

Paris, Exil

Es gab eine Zeit, in der Paris die Stadt des Lichts war, nicht, weil sie so wundervoll des Nachts erstrahlte, sondern weil hier der Funke Hoffnung noch ein wenig Erhellung im wahrsten Wortsinne versprühte. Es war die Zeit, in der in Deutschland die Lichter ausgingen. Wer fliehen konnte, tat es. Nicht wenige strandeten in der Seine-Metropole. Doch wie sollte es nun weitergehen?

Joseph Roth, Walter Benjamin, Hans Sahl oder Anna Seghers waren keine Auswanderer wie man sie heute im Fernsehen beim Scheitern und Sich-Wundern bestaunen / belächeln kann. Ihre Gedanken, ihre Schriften waren Gift für die neuen Herren und ihre neue Zeit. Doch auch in der Fremde war es nur allzu natürlich nach Essen, nach einem Dach über dem Kopf zu lechzen.

Judith N. Klein macht sich auf Spurensuche. Doch nicht der vor ihr liegende Weg ist das Ziel. Vielmehr hält sie eine literarische Rückschau auf dem Stadtplan von Paris. Während sie zielstrebig vom Leseplatz der Bibliothek aufbricht, stößt sie auf Hinterlassenschaften, erinnert sich an Textpassagen und ihr eigene Familie. Auch ihre Vorfahren flohen vor dem Terror der „Heimattreuen“. Es entsteht ein seltsam beklemmendes Gefühl. Paris als Sehnsuchtsort, als urlaubskassenplündernder Großstadtdschungel, der im Mix der Kulturen seine ganze Kraft entwickelt, wird zum Exilantenteppich, der einfach nicht abheben will. Dernier arrêt Paris.

Ihrer Verzweiflung machten die Autoren, die zwischen 1933 und 1940 Paris als Rettungsanker wahrnahmen, in ihren Schriften Luft. Kaum was zu essen, der eigenen Wurzeln beraubt, haltlos im Sturm, der über Europa toste. Immer wieder brennt Judith N. Klein dem Leser die Landmarken der Verdammnis ins Gedächtnis.

Ein Wanderführer ist dieses Buch keineswegs, sollte es auch nie werden. „Paris, Exil – Mehr Wandern als Wohnen“ der Untertitel nimmt es vorweg handelt vom Fortschritt, auch wenn der nicht immer gleich ins Auge sticht. Doch jeder Tag Leben, hieß zu dieser Zeit ein Tag mehr, Fortschritt. Das Buch rüttelt an den Nerven. Denn auch heute noch ist Paris Zufluchtsstätte für Gestrandete und Auswanderer wider Willen aus dem In- und Ausland.

Tatort Algerien

Das Rad zurückdrehen, um das Heute verstehen zu können. So geht es einem, wenn man dieses Buch liest. „Tatort: Algerien“ – ein martialischer Titel. Doch es ist nicht der Titel, der martialisch ist, sondern die Fakten in ihm.

1998 war vom so genannten arabischen Frühling noch keine Rede. Algerien stöhnte unter der Knute des Terrors. Ein unsicheres Land. Für Touristen fast unbereisbar. Ein starres System, das seine Macht mit allen Mitteln verteidigte. Freie Wahlen gab es maximal auf dem Papier. Abgebrochene Wahlen waren die Realität. Fundamentalistische Gruppen marodierten durchs Land und verbreiteten Angst und Schrecken. Die Intelligenz des Landes floh, wie so viele.

Wer es sich dennoch erlaubte Zeilen niederzuschreiben und gar zu veröffentlichen – egal, ob er im Ausland war oder die Heimat nicht verlassen konnte – dem drohte im Mindesten Ungemach, im Normalfall Repressionen, zu oft der Tod.

Jeder der Autoren, die Texte zu diesem Buch beisteuerten, konnte sich sicher sein seinen Namen in einer Art Hitliste des Grauens wiederzufinden. Todeslisten. Doch sie ließen sich nicht unterkriegen. Sie berichten von grausamer Folter. Ein Arzt, ein Intellektueller wurde direkt vom Krankenbett eines Kindes verschleppt. Zuerst nahm man ihm die Finger, dann weitere Gliedmaßen bis hin zur Verstümmelung. Sein Todeskampf dauerte einen Tag.

Es sind nicht die im Buch beschriebenen brutalen Methoden, die das Buch zu einem besonderen Buch machen. Es sind die Ohnmacht und der nicht enden wollende Wille zum Kampf und zu Veränderung des Landes und der Kämpfer, die mutig ihren Kopf und ihre Stimme erheben.

Wer Parallelen zur Gegenwart (nicht zwingend verortet im maghrebinischen Raum) erkennt, ist nicht verwirrt, sondern ein aufmerksamer Beobachter der Aktualität. Zwanzig Jahre existiert dieses Buch. Lehren wurden kaum geschlossen. Die alten Köpfe sind weg – neue Köpfe haben das sagen. Die Perfidität der Machterhaltung hat lediglich eine andere Form angenommen.

Gladiatoren

Das muss ja eine ganz schöne Schweinerei gewesen sein! Da stampfen mehrere Dutzend Gladiatoren durch den blutverschmierten Sand und prügeln, hauen und stechen aufeinander ein als ob es kein Morgen gibt. In den meisten Fällen war es wahrscheinlich so. Reichlich zweitausend Jahre ist es her, dass die ersten ultimate fighter die Arena betraten. Unter Kaiser Trajan wurde ein Sieg über ein Land einmal einhundertsiebzehn Tage lang mit Gladiatorenwettkämpfen „gefeiert“.

Leoni Hellmayr fasst das gesamte Wissen über die Recken der Antike in diesem kleinen Büchlein zusammen und räumt dabei auch gleich noch ein paar Vorurteile aus dem Weg. Von wegen Daumen hoch oder Daumen runter. Diese Geste passt gut in Filme, aber nicht in die Zeit der Gladiatorenkämpfe. Genauso das „Ave Caesar, morituri est salutant“ – dass die Todgeweihten den Kaiser extra noch grüßten, gehört ins Reich der Legenden.

Fakt jedoch ist, dass Kaiser Augustus erste Normierungen einführte – es ist also keine Erfindung der Gegenwart alles in Tabellen und Kolonnen pressen zu müssen. Es gab drei Arten von Kämpfern, die unterschiedliche Waffen benutzen mussten. Dabei durfte aber die Chancengleichheit nicht untergraben werden. Welch ein perfides Unternehmen!

Einhundert Seiten – jede einzelne ein Füllhorn an Informationen, die so mancher Filmemacher schon mal lesen sollte, bevor er blitzblank geputzte Panzerträger in eine kaum Staub aufwirbelnde Kulisse schickt.

Für die Wettkämpfe – wenn man es so nennen kann – gab es einen eigenen Sprachschatz. Die Kämpfe wurden sogar auf Graffitis verewigt. Und es gab damals schon echte Superstars unter den – nicht immer versklavten – Kämpfern. Die Liste des Wissens ließe sich um einiges erweitern – Leoni Hellmayr schafft es tatsächlich auf den ihr zur Verfügung stehenden einhundert Seiten ein umfassendes Bild der schaurigen Kämpfe abzubilden.

Wer also in Zukunft „Spartacus“ von Stanley Kubrick schaut, wird kopfnickend und staunend applaudieren. Wer den Vormittag lieber vor der Glotze mit den dritten Programmen und unsagbar schlechten Sandalenfilmen Made in Italy verbringt, wird kopfschüttelnd ans Bücherregal rennen und vehement mit dem Finger auf die entsprechenden Passagen zeigen und stöhnen „Das war doch alles ganz anders!“

Der steile Anstieg zum Olymp

Auf Du und Du mit den Rittern der Neuzeit – Giacomo Pellizzari ist leidenschaftlicher Radfahrer und somit auch Fans der großen Rundfahrten und ihrer Helden. Das Wort Helden verliert jedoch schon im Laufe ihrer Karrieren bzw. im Nachgang immer wieder und immer mehr an Bedeutung. Zu viele Skandale, zu viele Tricksereien, zu viele Exzesse, zu viel Betrug haben einmal dazu beigetragen, dass sie Helden waren und nun im Sumpf der Enttäuschungen verrotten.

Pellizzari hat im Laufe der Jahre viele Pedalritter kommen und gehen sehen. Doch diese vierzehn im Buch vorgestellten Helden der Landstraße haben es in seinen Augen verdient besonders hervorgehoben zu werden. Aus unterschiedlichen Gründen. Eines ist ihnen gemein: Ihre Strahlkraft.

Sein Buch beschließt Pellizzari mit dem unsympathischsten und bis heute unsportlichsten Radfahrer aller Zeiten: Lance Armstrong. Ein begabter Radfahrer war er. Und ehrgeizig. Angetrieben vom Stiefvater. Ein Krebsleiden riss ihn jäh aus seinen Sportlerträumen. Doch die Therapie schlug an und er kämpfte sich zurück. Sieben Mal sprang Armstrong aufs Siegertreppchen am Ende der Grand Boucle, der Tour de France. Allen Unkenrufen zum Trotz. Doch dann der tiefe Fall. Pellizzari sitzt ihm geistig gegenüber als Armstrong Oprah Winfrey das Interview seines Lebens geben wird. Tief in ihm drin will er sich rächen, der erste sein, der Doping anprangert. Das Ende ist bekannt – Armstrong wird verbannt, mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Mitleid kann Pellizzari nicht aufbringen. Warum auch? Armstrong hat keine Entschuldigungen parat. Er war ein Betrüger, und ganz im olympischen Sinne bleibt er es auch.

Den in Stein gemeißelten Heroen wie Bernard Hinault, Eddie Merckx, Marco Pantani oder Francesco Moser kann er hingegen schon mehr Bewunderung abringen. Er gibt ihnen Attribute, die in der Überschrift huldvoll klingen, aber im Text mal lauter oder leiser durch eingestreute Zweifel neu nivelliert werden. Er spricht vom Beau Fabian Cancellara, vom Rockstar Bradley Wiggins, vom bescheidenen Miguel Indurain oder vom Pechvogel Felice Gimondi.

Wenn jedes Jahr im Sommer die Tour de France aufmarschiert, läuft immer der Zweifel mit. Die Schar derer, die die Rundfahrt nicht mehr verfolgen wollen, wächst. Die Berichterstatter werden zerknirschter. Die Hoffnung auf sauberen Sport blubbert mäßig vor sich hin. Warum also ein Buch über „Helden“, die mit großer Wahrscheinlichkeit – bis nichts bewiesen ist, sind sie aber schuldlos – unlautere Mittel genommen haben, um am Ende die (Pinocchio-)Nase vorn z haben? Ganz einfach: Es sind eben doch Helden. Seit frühester Kindheit rasten Kinder über die Straßen ihrer Viertel und schrien lauthals die Namen ihrer Vorbilder. Sie waren in diesen Momenten Fignon, Bugno, Chiapucci, Saronni oder Sagan. Das kann ihnen und den Radsportlern keiner nehmen.

Im fiktiven Zwiegespräch verneigt sich Pellizzari vor dem Einen oder Anderen, nimmt sie aber keineswegs in Schutz. Und vielleicht ist es ja doch so, dass einer oder mehrere Helden sich diesen Titel redlich verdient haben. Zu wünschen wäre es – dem Autor, den Lesern, den zahllosen Kids und nicht zum Schluss auch ihnen selbst.

Sri Lanka fürs Handgepäck

Sri Lanka ist der Torwächter zum Paradies. Beim Lesen der ersten Seiten dieses Buches kann man gar nicht anderes denken. Jeder Autor dieser Anthologie bestätigt en ersten Eindruck mit der vollen Wucht seiner Worte.

Die Indigo Street ist das Füllhorn des Lebens. Spielende Kinder, der Krämerladen um die Ecke, die tosende See. Wer als Besucher diese Straße entdeckt, kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass er zwar auch ohne dieses Buch die Straße entdeckt, sie jedoch anders wahrgenommen hätte. Jede Zeile ein Volltreffer, der mitten ins Herz zielt … und vor allem auch trifft.

Und dann, gleich an zweiter Stelle, Hermann Hesse. Auf der Rückreise von Indien machte er Halt in Kandy. Ein Örtchen, das seinen Charme zu verstecken weiß. Doch nicht vor einem wie Hesse. Die nuancenreiche Sprache gibt jedem Grau den Regenbogen zurück. Ist man als Reisender in Sri Lanka, Kandy unterwegs, verleihen seine Worte dem Besucher Flügel.

Wen man wahrscheinlich weniger zu Gesicht bekommt, sind die Wedda. Helmut Uhlig ist dem Geheimnis dieser Ureinwohner auf der Spur. Nur wenige leben noch traditionell und schon ihre Nachfahren wurden von der Gesellschaft geschluckt und leben ein eher modernes Leben. Somit sind seine Zeilen ein echtes Zeitdokument, das jedem Reisenden einen staunenden Blick über den Tellerrand gewährt.

„Sri Lanka fürs Handgepäck“ – wie die gesamte Reihe – erlaubt tiefe Einblicke in ein Land, das so weit weg erscheint. Jedes Kapitel verjagt mit Wohlklang das Grau des Fremden und taucht es in ein farbenprächtiges Spektrum der Neugier. Mehr als nur kleine Tupfen von Wissen, die dem Leser das Gefühl geben Sri Lanka schon länger zu kennen, obwohl dieser maximal mit dem Finger auf dem Globus das Land gestreift hat.

Einem Reiseband kann man vertrauen, wenn es darum geht die Reise nach Höhepunkten zu sortieren. Schließlich will man ja nichts verpassen. Doch Zahlen, Wegweiser und nützliche Tipps sind nur die eine Seite der Reisemedaille. Sinngemäß in ein Land eintauchen kann man aber nur mit Büchern wie diesem. Als Leser profitiert man von den Eindrücken der Autoren. Und sie waren meist nicht nur als Vierzehn-Tage-All-Inclusive-Pauschalisten am Büffet, sondern sind ihrer Neugier gefolgt. Sie verfolgen einen anderen Ansatz als der einmalige Besucher der Insel. Wenn dann noch landestypische Erzählungen, de jahrhundertelang nur mündlich übertragen wurden in einem Buch erscheinen, ist man dem Eintauchen in eine fremde Kultur schon näher als man denkt. Reiseband – unbedingt zu empfehlen. Aber nur in Verbindung mit diesem Buch im Handgepäck!

Paris, Mai ’68

Anne Wiazemsky ist Cineasten ein Begriff. Als Schauspielerin, die mit Robert Bresson, Pier Paolo Pasolini und Jean-Luc Godard arbeitete, mit dem sie auch verheiratet war. Auch als Schriftstellerin machte sie sich einen Namen.

Das Jahr 1968 beginnt wie jedes andere auch für die junge Schauspielerin, die – gerade mal zwanzig – in Jean-Luc Godard die Liebe gefunden hat. Ihr Leinwandstern beginnt gerade richtig zu funkeln als in Paris erste Unruhen das öffentliche Leben zu stören beginnen. Im Frühjahr eskaliert die Gewalt auf den Straßen. Das Pflaster wird aufgerissen, um den Strand ans Licht zu holen. Knüppel und Schutzschilde auf der einen, Tücher vor dem Mund und eindeutige Parolen auf der anderen Seite. Und mittendrin ihr Gatte. politisiert, angestachelt von Kameraden und dem Drang mitzugestalten.

Jean-Luc Godard ist nun nicht mehr nur die Ikone der nouvelle vague, sondern will in die erste Reihe der Kämpfer hervorstoßen. Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne großes Grübeln über die Wahl der Worte, sehr wohl aber der Waffen, stürzt er sich ins Getümmel. Wer Widerworte gibt, bekommt die volle Breitseite seines Wortschatzes zu spüren. Unversöhnlich ist er. Nur gegenüber Anne ist er ab und an ein wenig zahmer.

Für sie ist der Mai 1968 ein Wendepunkt. Mit aller Macht wird sie in die Unruhen, die Kämpfe, die politischen Agitationen hineingezogen, obwohl ihr Filmemachen näher ist als der gesellschaftliche Umsturz. Bernardo Bertolucci macht ihr Offerten für einen Film. Die Beatles, wollen mit Godard drehen. Die Stones drehen mit Godard.

Filme werden radikaler, die Kunst einmal mehr als Waffe installiert. Wirtschaftlich weitgehend abgesichert, lässt es sich besser kämpfen als mit knurrendem Magen. In der Wohnung von Jean-Luc Godard und Anne Wiazemsky tummeln sich die Agitatoren. Sie ekelt sich vor ihrer rüden Sprache, ihrem ungepflegten Aussehen, kann ihrer Logik nicht folgen. Jean-Luc ist Feuer und Flamme, stößt alte Weggefährten vor den Kopf. Die Ehe wackelt und wird bald schon vor dem Aus stehen. Doch darüber wird sie niemals schreiben. Da bleibt sie sich treu.

„Paris, Mai ‘68“ ist kein aufwieglerisches Manifest, das zum Kampf aufruft. Es sind Memoiren einer Frau, die in einen Kampf hineingezogen wurde, der nicht der ihre war. Sie gibt einen Einblick in Kreise, die ihr eigenes Leben führen. Elitär – ja, aber stets darum bemüht dem wahren Leben auf der Straße nicht mit Gleichgültigkeit zu begegnen. Daniel Cohn-Bendit, François Truffaut und Bruno Cremer treten in Episoden auf wie der Nachbar von nebenan, den man an der Supermarktkasse trifft. Gespickt mit Anekdoten, die das Lesen dieses ernsten Textes immer wieder auflockern, zeigt Anne Wiazemsky ihre Sicht auf die Dinge im Mai ’68 und die darauf folgende Zeit.