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Der letzte Tag des Präsidenten

Der letzte Tag des Präsidenten

Acht Jahre sind Alwan und Randa nun schon verlobt, ein Paar sind sie schon länger. Sandkastenliebe. Doch den letzten Schritt haben sie noch nicht getan. Nicht aus Scham oder Angst. Es fehlen ihnen einfach die Mittel ihrer Liebe den entscheidenden Schups in Richtung Unendlichkeit zu geben.

Die Zeiten sind hart in Ägypten. Anwar as-Sadat hält das Land im Griff, seine Günstlinge es am Tropf. Das Volk kommt kaum über die Runden. An Feste kaum zu denken. Für die beiden kommt eine Hochzeit mit Abstrichen nicht in Frage. Ihre Liebe steht über allem. Doch übersteht sie nicht die Zeit.

Sie beschließen sich zu trennen. Randa soll einen Mann finden, der ihr das bieten kann, was Alwan nicht im Stande ist zu leisten. Und Alwan ebenso. Schweren Herzens, doch mit dem Gefühl etwas Gutes für den Anderen zu tun, setzen sie ihren Plan in die Tat um.

In den Cafés plaudern die Menschen, hetzen gegen die Zeit, resignieren. Hoffnung, sagt man, ist das Letzte, was stirbt. Hoffnung hat hier schon keiner mehr. Ägypten ist ein totes Land. Die Menschen sind es ebenso. Abwechslung bringt nur die Parade zum Jahrestag. Die Armee stolziert geziert und steif an der hübsch aufgereihten Tribüne mit der Regierungsmannschaft vorbei. Staatsgäste machen teils gute Miene zum bösen Spiel. Der Präsident hat sich in Schale geschmissen. Das Volk schaut am Fernseher zu. Die, die sich keinen leisten können, hängen gebannt am Radio. Manche hören die Signale und verheißen rosige Zeiten. Ewig kann sich der Präsident seine Politik nicht mehr leisten. Vorahnung oder hoffnungsvolle Orakeln?

Dann, der große Knall. Erst akustisch, dann in den Köpfen der Menschen. Der Präsident ist tot, hatte seinen letzten Tag. Wenigstens in schicker Uniform. Hoffnung keimt sofort auf. Auch bei Alwan und Randa…

Literaturpreisträger Nagib Machfus setzt die Hoffnungen vieler seiner Landsleute an diesem Tag, in dieser Zeit ein literarisches Denkmal. Ägyptens starker Mann, der die Macht gnadenlos ausnutzte, sich mit Gleichgesinnten umgab und dem Volk oft mehr als sprichwörtlich die Klinge an den Hals setzte, starb bei einem Attentat. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Fernsehstationen aus aller Welt setzten an diesem 6. Oktober 1981 ihr Fernsehprogramm aus und strahlten die spärlichen Bilder nach dem Attentat aus.

Nagib Machfus war 1988 der erste arabische Schriftsteller, der den Literatur-Nobelpreis erhalten hat. Seine Erzählungen und Romane spielen allesamt in Ägypten, in Kairo, teils in den Straßen seiner Nachbarschaft. Auch er wurde bei einem Attentat religiöser Fanatiker schwer verletzt. 2006 starb er im hohen Alter von 94 Jahren in seinem geliebten Kairo.

Alessandro und Assunta

Alessandro und Assunta

Eine echte Eisenbahnerdynastie, die Familie Asor Rosa. Nur Alberto schlägt ein wenig aus der Art, er ist Autor. Und nun schreibt er die Familiengeschichte nieder. Und so ganz nebenbei auch die Geschichte Italiens, zumindest einen Teil davon.

Alessandros Verwandte wandern teilweise aus. Nach Amerika. Aus Enrico wird Henry, und bleibt es. Er selbst gehört in die Reihe seiner Familie, die sich bei aller Verbunden- und Zerrissenheit, die durch einen einzigen Punkt für Immer und Ewig miteinander verwoben sind: Das A am Anfang des Namens. Alessandro. Es scheint fast logisch, dass er sich Assunta zur Frau nimmt. Sie stammt aus der Gegend um Ancona (!). Dort war Alessandro einst stationiert. Damals, als er im Krieg kämpfen musste. Beziehungsweise kommandieren. Beides behagte ihm nur theoretisch, praktisch widersprach es seiner Natur.

Nachdem die Kanonen ruhen, trifft er endlich Assunta. Die Frau, die sein Leben bereichern wird. Er findet rasch eine Anstellung bei der Staatlichen Bahngesellschaft und engagiert sich bei den Sozialisten und der Gewerkschaft. Als die Faschisten die Macht übernehmen, ahnen er und seine Frau die drohende Gefahr. Doch auch dieses düstere Kapitel übersteht die Familie.

Wer denkt, die weibliche Hauptfigur bewegt sich zwischen Carbonara und „Dio mio“ irrt. Vielmehr jongliert Alberto Asor-Rosa zwischen Palindrom und liebevoll erzählter Familiengeschichte. Alessandro und Assunta sind seine Eltern. Einfache Menschen mit Träumen, erfülltem Leben und den ganz normalen Sorgen. Der Autor kleidet seine Familiengeschichte in ein außergewöhnliches Gewand: Das des Jahres. Jeder Monat ein Abschnitt des Lebens und der Familie und der Zufälle. Nach dem Dezember kommt nichts mehr. Außer Bilanz zu ziehen.

Weniger emotional als rational folgt Alberto Asor Rosa den Spuren seiner Familie. Das Buch kann man auf verschiedene Arten lesen. Zum Einen eine Familiengeschichte, die fast ein ganzes Jahrhundert umspannt. Zum Anderen die Geschichte Italiens anhand der Asor Rosas. Beide Sichtweisen sind auf ihre Weise spannend und interessant zu lesen. Keine Gefühlsduselei, keine überflüssigen und abgedroschenen Floskeln, vielmehr eine Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit.

Tanz auf dem Vulkan

Tanz auf dem Vulkan

Beide waren sicherlich keine Männer, mit denen „gut Kirschen essen“ war. Der Eine – Gustaf Gründgens – ein begnadeter Schauspieler. Der Andere ein nicht minder begabter Schriftsteller. Beide strebten nach mehr. Aus unterschiedlichen Gründen heraus. Eines verband sie jedoch: Der Drang nach Zuneigung. Der Zuneigung der Gegenüber, seien es nun Theaterbesucher und Förderer oder Leser und Familie.

Gründgens wurde stark durch die Mutter geprägt, die dem Jungen schon früh musische Eigenschaften unbewusst einpflanzte. Klaus Mann hingegen fühlte sich stets im Schatten seines Übervaters stehend. Wenn man die Biographie von Klaus Mann liest, kommt einem schnell der Gedanke, dass er das Ersatzleben seines Vaters zu leben begann. Thomas Mann, der sich selbst einen Weg auferlegte, der er ungern, aber pflichtbewusst beschritt, ließ seine Kinder die Freiheiten, die er sich nie eingestehen durfte. Und die nutzten die lange Leine gnadenlos aus.

Es war keine leichte Zeit für Freigeister: Klaus Mann, Jahrgang 1906, und Gustaf Gründgens, Jahrgang 1899, wuchsen in stürmischen Zeiten auf. Kriege und Revolutionen gehörten zum Alltag wie Umbrüche in Kunst und Kultur.

Renate Berger führt zwei Männer zusammen, die durch eine Frau miteinander verbunden wurden: Erika Mann, die ein Jahr ältere Schwester von Klaus. Sie und Klaus waren der Nachbarschaftsschrecke in München. Ihre Beutezüge waren da noch das kleinere Übel. Arroganz und Ablehnung der Konventionen waren da schon andere Kaliber. Klaus‘ Erziehung in Schulen und Internaten (Salem, Odenwaldschule) war für die Erzieher mehr Kampf als Prägung. Gründgens hingegen war gelehrig.

Beide waren auf ihre Art Rebellen. Doch die Zeiten änderten sich. Gründgens wurde hofiert, Schmeicheleien und Opportunismus ebneten seinen Weg unter den Nazis. Klaus Mann blieb, was er war: Ein unbequemer Intelektueller, der der Zeit nichts Gutes abringen konnte. Er flüchtete, nicht freiwillig. Kämpfte wortstark gegen die Verhältnisse in seiner Heimat und somit auch gegen den Schwager, mit dem ihn mehr verband als er sich eingestehen wollte und konnte.

Nach der Schreckenszeit gingen beide Künstlerwege weiter auseinander. Hoffnung wurde für beide ein Wort mit unterschiedlicher Bedeutung. Gründgens wurde mehr gefeiert denn je, Klaus Manns Ende war selbstgewählt.

Die Autorin holt oft und weit aus, um die Charaktere der beiden Männer tiefgreifend zu erkunden. Und das ist auch nötig, um diese Kulturbiester verstehen zu können. Jedes Jahr füllen sich die Regale mit neuen Biographien über die Familie Mann. Dieses Buch gehört an eine exponierte Stelle, denn es öffnet den Mann’schen Kosmos lässt Raum für weitere bedeutende Mitstreiter des kulturellen Lebens der deutschen Vergangenheit.

Mondo Veneziano

Mondo veneziano

Jeder, der außerhalb(!) einer Touristengruppe Venedig für sich entdeckt, hat unweigerlich das Gefühl ein Buch z schreiben. Und so verwundert es nicht, dass es über die Lagunenstadt – neben Paris und Rom – die meisten gedruckten Reiseimpressionen gibt. Von grandiosen Bildbänden wie „City impressions Venedig“ über Reisebände wie „MM City Venedig“ bis hin zu historischen Aufarbeitungen wie „Venedig erobert die Welt“.

Heidrun Reinhard hat die Herausforderung angenommen und ein weiteres Buch dieser prachtvollen Reihe hinzugefügt. Und das mit Erfolg! Denn „Mondo Veneziano“ gehört wie die eingangs erwähnten Bücher ebenso zur Pflichtlektüre eines Jeden, der Venedig auf eigene Faust und mit fundiertem Wissen erkunden will. Sie nimmt den Leser mit auf eine Reise vorbei an den Palästen der Stadt. Übrigens erkennt man Touristen und Gäste daran, dass sie die Häuser der Stadt, von den Einheimischen meist nur „Ca‘“ genannt, auch wirklich als Paläste bezeichnen.

„Menschen und Paläste am Canale Grande“ lautet der Untertitel des Buches. Die Paläste, oder „Ca‘“, sind hinlänglich bekannt bzw. für jedermann leicht zu erreichen. Man kennt sie aus Reportagen, aus Büchern und vom Vorbeigondeln. Dass sie Geschichte in sich bergen, ist auch jedem klar, der sich nur ein wenig mit der Geschichte der Serenissima beschäftigt hat. Doch welche Geschichten sich darin zutrugen, wer sie erbaute, wer wem an die Wäsche wollte, das sind die Geheimnisse, die in diesem Buch so eindrucksvoll und lebendig beschrieben werden.

Die alte Dogenmacht Venedig war im Mittelalter ein ernst zu nehmender Handelsriese. Ein global player, der überall auf der Welt seine Finger im Spiel hatte. Von Konstantinopel über die Adria gehörte mehr als nur der Mittelmeerraum zum Einzugsgebiet der venezianischen Handelshäuser. Auch die Deutschen hatten hier eine Niederlassung, ein deutsches Haus, in dem täglich so viel umgesetzt wurde wie ein durchschnittlicher venezianischer Mittelständler sonst in einem Jahr verdiente. Hier wurde kaum produziert, dafür aber umso mehr ge- und verkauft. Die Dogen und auch der zehnköpfige Rat der Stadt, die Regierung, ließen sich ihre erbaulichen Ideen etwas kosten. Als Tourist kann man heute nur noch die Pracht der Stadt vor fünf-, sechs-, siebenhundert Jahren erahnen. Aber das reicht schon, um sich verzaubern zu lassen.

Dass Venedig nicht nur glorreiche Zeiten erlebte, zeigt Heidrun Reinhard, die die Stadt als ihre zweite Heimat bezeichnen darf, in der zweiten Hälfte des Buches. Denn an die Spitze gelangen, ist bei Weitem einfacher als diese zu behaupten. Als Konstantinopel in die Hände der Araber fiel, schwanden auch der Ruhm und der Einfluss Venedigs. Bis die Intelektuellen und Künstler Venedig wiederentdeckten. Verdi, Wagner, Thomas Mann – sie alle setzten der Lagunenstadt ein weiteres Denkmal. Die Venezianer sind ja in Sachen Denkmäler setzen nicht so spendabel.

„Mondo Veneziano“ ein Buch für alle, die Venedig nicht nur als Tages- oder gar nur Stundenausflug erleben wollen. Schon vor dem Besuch weiß man – gefühlt – mehr als so mancher Einheimischer. Vor Ort ist man der kundige Betrachter, der sich von keinem Reiseleiter etwas vormachen lässt. In Erinnerungen schwelgend nimmt man dieses Buch immer wieder gern zur Hand und stimmt Seite für Seite kopfnickend zu: Venedig ist mehr als nur eine Reise wert!

Als Hemingway mich liebte

Als Hemingway mich liebte

Er gehört zu mir – in der deutschen Schlagerszene ein Stück für eine Person. Im Leben von Ernest Hemingway ein Mehrstimmiges. Mitte der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts klingt es in den Ohren von Hadley wie ein Hohn. Denn ihr Gatte, der mittlerweile einigermaßen anerkannte Ernest Hemingway, hat schon seit längerem ein Auge auf Fife geworfen. Fife heißt eigentlich Pauline und arbeitet für die Vogue in Paris. In Antibes haben die Hemingways ihr neues Quartier bezogen. Das Haus gehört dem Skandalpaar F. Scott und Zelda Fitzgerald. Bumby zuliebe haben der bullige Schriftsteller und die resolute Hadley eine neue Bleibe gefunden. Bumby leidet unter seinem Keuchhusten und die warme Luft soll ihm Linderung bringen.

Hadelys Sorge kann hier nicht gelindert werden. Immer wieder finden sich Hinweise auf eine Liaison Ernests und Fifes. Ihre Schwester Jinny bestätigt endgültig die Beziehung. Als klar wird, dass es nicht nur eine flüchtige Affäre ist, stellt Hadley ein Ultimatum: Ernest und Fife sollen sich einhundert Tage nicht sehen, nicht schreiben, nicht in Verbindung stehen. Sollten seine Gefühle für Fife unverändert stark sein, würde Hadley sich zurückziehen. Nach ungefähr der Hälfte der Zeit gibt sie sich geschlagen.

Zeitsprung. Die letzte Hälfte der 30er Jahre wird vom spanischen Bürgerkrieg bestimmt. Auch Hemingway ist vor Ort. Als Korrespondent. Pauline, Fife, ist die Hüterin des Hemingway’schen Hauses auf den Keys vor Florida. Ihr Heim ist eine Zierde, das eleganteste Haus auf dem Eiland. Doch immer öfter ist sie allein. Physisch wie seelisch. Oft ist Ernest Hemingway in Spanien. Ist er in der Heimat, muss Fife dafür sorgen, dass er schreibt. Nicht des Geldes wegen. Nein, nur wenn ihr Mann schreibt, schweifen seine Gedanken nicht ab zu Anderen. Eine Andere ist Martha Gellhorn. Eine neue Eroberung? Oder doch mehr? Ihre alte Freundin und niemals als Rivalin erachtete Hadley kennt das. Sie hatte Hemingway auch geliebt und verloren. An Fife. Jetzt ist sie Ratgeberin. Doch Fife hat nicht die charakterliche Stärke von Hadley. Ihr Temperament ist überbordender.

Martha ist Frau Nummer Drei im Reigen der ménage à cinq. Während Hadley und Fife sich den Umständen entsprechend ganz gut verstehen, hat Marty, wie Hemingway sie nennt, kein Verständnis für derartige Verbrüderungen. Hadley ist ihr zu weich, zu nachgiebig, und Fife könnte ihr noch gefährlich werden. Die beiden leben Mitte der 30er Jahre in Havanna, in den 40ern ist Paris der Schauplatz der Ehe und deren Ende. Als großer Befreier des Ritz ist Hemingway in aller Munde und bald auch schon im Schoß einer Anderen. Paris ist frei, Marty auch bald.

Mary ist der Schoß, in den sich Ernest Hemingway nun legen wird. Kriegsreporterin wie Hemingway und Marty es waren und sind. Der Kampf ist Hemingways Geschäft. Ist irgendwo Krieg auf der Welt, ist er nicht weit. Er kennt die Welt, und die Welt kennt ihn. Martha warnt Mary noch. Doch Mary ist unwissentlich dem Macho schon verfallen. Während Europa in Trümmern liegt, baut Mary eine neue Beziehung zu Ernest Hemingway auf.

Sie wird die einzige Ehefrau sein, die ihn nicht an eine Andere abgeben muss. Verlassen wird er sie dennoch. Ob freiwillig oder nicht, ist bis heute nicht ganz geklärt.

Die vier Frauen, die Ernest Hemingway ehelichte, rauben in diesem Buch nicht den Ruhm des großen Schriftstellers. Dafür ist er zu übermächtig. Die Wucht seiner Präsenz lässt sie erschauern und zu Kämpferinnen reifen. Doch nicht bis zum bitteren Ende. Sie wissen, wenn sie weichen müssen. Echte Gewinner gibt es in keinem Krieg – auch nicht in den Ehen Hemingways.

Schicksalsorte der Deutschen

Schicksalsorte der Deutschen

Beim Lesen des Titels hat jeder seine eigene Meinung und eigenen Vorstellungen. Auf Anhieb kann man sicher ein oder zwei Hände voll Orte nennen, die in der Geschichte Deutschlands, der Deutschen eine entscheidende Rolle spielten. Aber fünfundfünfzig? Da braucht man schon ein paar Stunden zum Nachdenken. Und genau so lange dauert es auch das Buch zu lesen. Vorteil Buch: Hier wird auch gleich noch das entsprechende Basis- und Hintergrundwissen vermittelt.

Bei oberflächlicher Betrachtung des Umschlages kann manches erahnt werden: Ein kräftiger Kerl mit Flügeln an der Kopfbedeckung auf ‘nem Pferd, in schwarz-weiß, ist wohl schon etwas älter. Schlachtengetümmel, in Farbe. Eine Kirche, in die die Massen geordnet einziehen, sehr feierlich. Ein Haus mit beleuchteten Balkons. Und – das erkennt jeder sofort – das Brandenburger Tor. Von oben, links hinten fotografiert, sieht man auch nicht allzu oft. Jetzt geht das Rätselraten los. Es bleibt einem nichts anderes übrig: Man muss das Buch aufschlagen. Und schon ist es passiert! Man blättert, liest ein paar Zeilen und kommt nicht mehr los.

Zuerst sucht man natürlich nach der Auflösung der Titelrätsel. Brandenburger Tor ist klar: Mauerfall. Die Balkons gehören zum Bauhaus in Dessau. Die Kirche ist die Paulskirche in Frankfurt, wo 1848 erstmals ein deutsches Parlament tagte. Das Schlachtengetümmel gehört zur Tannenberg-Schlacht, in dem im Sommer 1410 der Deutsche Orden eine vernichtende Niederlage hinnehmen musste. Und der wohlgenährte Herr mit den Flügeln am Helm ist Arminius, wie man sich ihn im 19. Jahrhundert vorgestellt hat. Rätsel gelöst, aber noch immer warten fünfzig Schicksale auf ihre Entdeckung.

Schon allein die kleine Auswahl des Bilderrätsels vom Cover zeigt, dass es in diesem Buch nicht nur um Schlachten und Kriege geht. Friedliche Revolutionen auf politischer Seite stehen kulturellen Neuerungen wie dem Bauhaus gegenüber. Die Völkerschlacht bei Leipzig der ersten deutschen Eisenbahnfahrt zwischen Nürnberg und Fürth. Oder die Schlacht von Verdun dem Wunder von Bern.

Jedem Ort, an dem deutsche Geschichte geschrieben wurde oder Deutsche Geschichte schrieben, und diese bis heute nachhallt, geben die Macher des Buches den passenden Rahmen und füllen die vorhandenen Wissenslücken. „Schicksalsorte der Deutschen“ ist ein Lese- und Bilderbuch, das man gern immer wieder zur Hand nimmt. Stück für Stück nähert man sich der Geschichte und sieht die Gegenwart mit anderen, wissenden, Augen. Ansprechend gestaltet und informativ – das beste Argument, um dem staubtrockenen Geschichtsunterricht Lernfreude entgegenzusetzen.

Himalaya

Himalaya

Wer hoch hinaus will, muss unten anfangen, könnte ein asiatisches Sprichwort lauten. Ist aber eher eine Adaption. Oder auch der Leitspruch eines jeden Alpinisten, der das höchste Gebirge der Welt erklimmen möchte. Hier oben ist das Leben rau, echt, selten einladend. Viele, die die Spitze der Welt erobern wollten, konnten von ihren Taten nicht mehr berichten. Und die, die es konnten, vergaßen nie wieder, was sie erlebt hatten. Auch davon berichtet dieses Buch.

Es ist trotz der enorm fortgeschrittenen touristischen Erschließung immer noch eines der letzten Abenteuer unserer Zeit. Die Berge des Himalaya zu bezwingen (schon anhand der Wortwahl – bezwingen – lässt sich die Schwierigkeit des Unterfangens erkennen), ist ein so genannter Menschheitstraum. Dazu gehört zum Einen die Vision, zum Anderen die Umsetzung dieses Traumes. Philip Parker und sein Autorenteam haben sich auf Spurensuche begeben.

Die Eroberung des Himalaya begann nicht erst mit der Bezwingung des Mount Everest Ende Mai 1953. Sie begann viel früher, nur eben unbemerkt. Obwohl in den Höhenzügen des Himalaya nicht gerade das Leben tobt, so lebt man hier schon seit Ewigkeiten, nur eben unbemerkt. Seit ein paar Jahrzehnten ist es allerdings vorbei mit buddhistisch erhabener Ruhe. Biwaks und der damit verbundene Müllberg (der ist allerdings wirklich neu) bestimmen die Szenerie.

Wer davon liest, hat schon den größten Teil des Buches bezwungen. Bis zu diesem Zeitpunkt hat der Leser von den Königreichen auf dem Dach der Welt erfahren, ist mit Pilgern und Missionaren auf Gipfel geklettert und hat mit dem Autor Stewart Weaver den Himalaya vermessen. Und natürlich auch mit Tenzing Norgay und seinem berühmten Schrittgefährten Sir Edmund Hillary auf alle herabgesehen.

„Himalaya – Die höchsten Berge der Welt und ihre Eroberung“ ist aktuell der einzige Abenteuerroman, der auf echten Fakten beruht. Natürlich ist es ein Sachbuch, aber geschrieben ist es wie ein echter Thriller. Und wer meint, dass mit der Erstbesteigung alle Messen gelesen sind, wird im letzten Kapitel von Doug Scott eines Besseren belehrt. Denn im Himalaya ist das Abenteuer noch lange nicht zu Ende. Begonnen hat das Abenteuer mit einem Traum, fortgesetzt wird es in diesem Buch, abgeschlossen wohl niemals.

Deutsche Geschichte in Bildern und Zeugnissen

Deutsche Geschichte

Wieder so ein Buch, das man sofort im Regal entdeckt. Und das auch – trotz seines Umfanges – kompakt über die vergangenen anderthalb Jahrtausende berichtet. Nachweislich berichtet! Ein Museum in Buchformat, denn das Deutsche Historische Museum Berlin steht hinter dieser Ausgabe, welche nun in der dritten Auflage vorliegt. Die Deutsche Geschichte hat keinen guten Ruf. Zu frisch sind immer noch die Wunden der Nazizeit. Doch Geschichte begann nicht 1933! Sie begann viel früher. Klingt simpel, ist aber wichtig zu begreifen. Die Macher beginnen sogleich auch mit dem Wort Deutsch. Woher kommt es, was bedeutet es? Es stammt vom germanischen Wort für Volk „thioda“. Und im Laufe der Zeit wurden die zum Volk zugehörigen Deutsche.

Da hat man gerade mal fünf Prozent des Buches geschafft und schon was Essentielles gelernt. Und das geht Seit für Seite so weiter…

Adlerpult, Schwerter, Portrait von Karl des Großen, Designobjekte, auf denen sich große Denker niederließen, modische Entwicklungen, Propagandaschriften etc. Geschichte in Bildern und Objekten im Museum und nun in Buchform. Leid und Freud zwischen zwei Buchrücken. Als Einordnung einprägsame Texte, die keine zweite Meinung zulassen.

Ein Volk ohne Geschichte hat keine Wurzeln. Wer seine Ursprünge nicht kennt, wird sich und sein Land, seine Menschen nicht verstehen und sich nicht einfügen können. Oder vieles falsch verstehen!

„Deutsche Geschichte in Bilder und Zeugnissen“ ist mehr als nur ein Versuch eintausendfünfhundert Jahre irgendwie abzubilden. Es ist das generationsübergreifende Nachschlagewerk für Jedermann. Ernste Schriften stehen im Wechselspiel mit prunkvollen Schmuckstücken, technische Errungenschaften neben ihren Erfindern. Wie, wann und warum die Geschichte verlief wie sie es tat, ist oftmals noch ein riesiges Rätsel. Dieses Buch knabbert ein wenig an den Mythen und Legenden und legt die wahren Gegebenheiten frei. Während in der Schule Jahreszahlen auswendig lernen das Bild von Geschichte prägten, sind es in diesem Band einzigartig erhaltene Fundstücke, die die Geschichte lebendig werden lassen. Es ist außerdem ein Appetitanreger auf einen Museumsbesuch, der lange nachwirken wird.

Insofern ist es nicht einfach nur „wieder so ein Buch“. Es ist DAS Buch deutschen Geschichte!

Die Welt des Buddhismus

Die Welt des Buddhismus

Jede Art des Reisens hat ihre Vor- und Nachteile. Ob nun All inclusive oder individuell, ob Wandern oder Pool-Lounging, ob aktiv oder entspannt: Jeder kann sich aus dem schier unendlichen Angebot an Reisemöglichkeiten etwas aussuchen. Und dann gibt es Reisen, die gibt es gar nicht, zumindest gar nicht zu buchen.

Hermann-Josef Frisch hat so eine Reise gemacht bzw. hat mehrere Reisen unternommen, um dieses Buch möglichen weiteren Interessenten in die Hand legen zu können. „Die Welt des Buddhismus“ – klingt erstmal gar nicht nach Reisen im eigentlichen Sinn. Hört sich erstmal nach innerer Einkehr an. Und das Buddhismus seit ein paar Jahren so richtig in geworden ist, gibt es auch dementsprechend viel Literatur zu diesem Thema.

Doch „Die Welt des Buddhismus“ ist ein echtes Reisebuch. Denn der Buddhismus hat einen echten Ursprungsort. Der liegt in Indien und heißt Kapilavastu. Hier wuchs Siddharta Gautama, Buddha, auf. Geboren wurde er in Lumbini. Und diese Orte kann man heute noch besuchen. Wobei die Betonung auch suchen liegt. Ein bisschen Vorbildung ist da schon von Nöten. Oder man macht es sich einfach und nimmt dieses Buch als echten Reiseband zur Hand.

Wenn man den Ausführungen und Wanderungen des Autors folgt, wird einem schnell klar, dass die alte asiatische Weisheit „Der Weg ist das Ziel“ nicht von ungefähr kommt. Buddhismus ist nicht gleich Buddhismus. Auch in dieser Religion gibt es verschiedene Strömungen oder Arten der Religionsauslegung. Vajrayana, Theravada und Mahayana sind unter dem Begriff Buddhismus zusammengefasste Religionen. Ihr Einzugsgebiet reicht von China über Indien, Thailand, Myanmar, Laos und Nepal bis Korea und Japan. Als Tourist lädt man sich gern mal eine Buddhaskulptur als Mitbringsel in Handgepäck. Mal ist es ein dicker lachender Buddha, mal ein liegender, nachdenklicher Buddha. Die Bedeutung dahinter geht oft im dekorativen Chaos daheim unter. Es sieht halt nett aus.

Wer dieses Buch in die Hand nimmt und vielleicht auch den einen oder anderen Ort besucht, wird überrascht sein, wie viel Realität in dieser Religion liegt. Und wie viel es darüber zu berichten gibt. Hermann-Josef Frisch versteht es Religionswissenschaft, Reisefieber und Geschichte in Einklang zu bringen. Dem Leser soll‘s recht sein: Er wird auf eine unendliche Reise geschickt. Bis er erleuchtet ist. Nein, darum geht s nicht in diesem Buch. Religion erlebbar machen, sie anfassen, den Spuren folgen – das alles vermag der, der dieses Buch nicht nur als Anschauungsobjekt betrachtet.

Für immer und jetzt

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Nichts auf der Welt wird so sehr herbeigesehnt wie die Liebe. Wie man sie bekommt, ist so facettenreich wie die Menschheit. Es zu sagen, ist die einfachste Sache. Die Liebe zu zeigen schon schwieriger. Und so unterschiedlich.

Liebe geht durch den Magen. Und durch die Nase. Durch die Nase? Kaum eine kommt heute noch auf die Idee, ihrem Angebeteten mit einem muffelnden Stück Obst ihre Zuneigung zu gestehen. Wobei die olfaktorische Wirkung schon nachgewiesen wurde. In Österreich gibt es den Apfelschnitztanz. Man vergnügt sich, tanzt, lacht. Die Mädchen stecken sich einen Apfelschnitz unter die Achsel. Und am Ende des schweißtreibenden Abends überreichen sie diesen ihrem Schatzi. Schöne Tradition, hilft vielleicht. Aber mal ganz ehrlich! Sie kommen abgetanzt, leicht angeheitert aus einem Klub. Und ihre Angetraute, ihr Objekt der Begierde überreicht ein matschiges, riechendes (wonach auch immer) Stück Obst. Wer denkt da an Liebe? Das muss es doch irgendwo auf der Welt ein geschmackvolleres Ritual geben.

Bleiben wir noch bei der amourösen Nahrungsaufnahme. In Wales, aber auch in anderen keltischen geprägten Gegenden gibt es die schöne Sitte des Liebeslöffels. Unvermählte Männer schnitzen an kalten Wintertagen Löffel mit reichen Verzierungen, die sie nach vollendeter Arbeit ihrer Auserwählten zum Geschenk machen. Die Kunstfertigkeit ist dann ein Symbol für Geschicklichkeit. In jeder Hinsicht…

Überall auf der Welt gibt es Rituale, Traditionen, die es Liebenden leicht oder schwer machen sich zu einander zu bekennen. In Kirgisien ist der Brautraub immer noch bzw. wieder ein gern genommenes Mittel, um die Angebetete an sich zu binden. Das passt leider nicht immer, wird trotzdem durchgezogen. Vorteil hierbei ist, dass auch zwei Menschen, die sich nicht lieben dürfen, analog zu den Capeluts und den Montagues, sich einfach kidnappen lassen und dann – ganz wie es die Regel verlangt – Mann und Frau sein dürfen.

In Kenia gibt es mancherorts ein erniedrigendes Ritual. Mann und Frau werden tagelang beschimpft und mit stinkenden Sachen beworfen. Wer das aushält, überlebt auch die Ehe.

Michaela Vieser macht es und dem Leser bringt es Spaß die alten Traditionen aufleben zu lassen. Denn viele Zuneigungsbekundungen sind zwar noch vorhanden, wie beispielsweise der Hongi-Kuss der Maori oder der Mailehen in einigen Gegenden des Rheinlandes. Doch die Herkunft und die wahre Bedeutung – okay, in der Regel geht es sowieso immer nur um das Eine – sind eigentlich nicht mehr existent. Und damit das nicht so bleibt, fügt die Autorin an jedes Kapitel kleine Rezepte oder Bastelanleitungen, die zum Nachahmen gedacht sind und letztendlich diese hehren (oft Herren-) Traditionen nicht gänzlich im digitalen Sumpf zu versinken lassen.

Sie zeigt aber auch, dass Traditionen keine Erfindung unserer Ahnen sind. Auch der homo sapiens der Moderne trägt (oft unbewusst) zum Fortbestand der Liebeszeugnisse bei. Der Beziehungsstatus – das lehren uns vor allem amerikanische Serien und Filme – spielt immer öfter eine große Rolle. So umgeht man das stammelnde „Ich liebe Dich“ per Knopfdruck.

Das Buch nimmt es einem nicht ab, dem Schatz seine Gefühle auszudrücken. Aber das Spektrum an neuen bzw. neu entdeckten Ritualen vereinfacht vielleicht die ganze Sache. Eine Möglichkeit ist zum Beispiel der Kauf dieses Buches. Welche Bedeutung außer der Liebe gibt es sonst noch, wenn man dieses Buch verschenkt? Auch als Wink mit dem Zaunpfahl…