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Die Sommerhäuser der Dichter

Was braucht ein Dichter, um sich frei entfalten zu können? Die Ruhe der Abgeschiedenheit oder den Trubel der weiten Welt? So unterschiedlich die Dichter, so unterschiedlich sind auch ihre Sommerhäuser. Bertolt Brecht zog sich mit Helene Weigel nach Buckow bei Berlin zurück. Idyllisch am See gelegen, bürgerliches Ambiente. Soviel Kapitalismus muss ein Kommunist aushalten … in Brechts Fall war es sogar gewünscht. Um sich in der DDR niederzulassen, erfüllte die Staatsführung ihm fast jeden Wunsch. Dem des abgelegenen Sommerhauses auf alle Fälle.

Weitaus feudaler residierte da schon Jean Cocteau vor den Toren von Paris. Bis heute ist der Garten unverändert, in seinen Mauern sind Gemälde von Weltrang zu besichtigen. Cocteau lebte in Milly-la-Forêt siebzehn Jahre. Den Trubel der Metropole holte er sich gelegentlich ins Haus.

Trubel konnte Heinrich Böll in seinem Versteck in der Eifel nicht gebrauchen. Schon gar nicht als 1974 Alexander Solschenizyn hier Asyl fand. Bis heute ist dieses Haus eine Zufluchtsstätte für verfolgte Dichter.

Versteckt, bis heute nicht ohne eine Portion Forscherdrang zu entdecken, liegen die Rückzugsorte von Virginia Woolf und ihrem Mann Leonard sowie von George Bernard Shaw. Ausflüge ins Ländliche waren für Woolf Alltag. Shaw hingegen ließ sich einen drehbaren Arbeitsplatz einrichten, um stets der Sonne folgen zu können. Noch einsamer mochte es Hermann Hesse, der gleich am Eingang mit einem Schild auf seine unbedingte Bitte Abstand zu halten hinwies.

Die meisten Häuser, die einmal das Zuhause eines berühmten Kopfes waren, sind heute als Museen zu besichtigen. Dank der unermüdlichen Arbeit von Stiftungen und/oder Nachfahren sind ihre Refugien zu einem Hotspot der Wissbegierigen geworden. Im Fall von Arthur Rimbaud liegt der Fall etwas anders. Auch hier wieder Idylle soweit das Auge reicht. Doch der streitbare Dichter fühlte sich hier in keiner Weise wohl. Das Licht, die Piefigkeit trieben ihn wieder gen Paris. Über hundert Jahre später wurde es verkauft, der Preis dafür: So um die 50.000 Euro. Munkelt man. Die neue Besitzerin verehrt Rimbaud. Parallelen zwischen ihrem und seinem Leben sind vage vorhanden. Er war und ist für sie purer Rock ’n Roll. Ihr Name: Patti Smith.

Von Tanger über Weimar bis Nidda, von Thomas und Klaus Mann über Günter Grass und Anton Tschechov bis William Burroughs – dieses Buch befeuert die Neugier des Lesers. Die Texte laden ein dem Forscherdrang nachzugeben und dem Einen oder Anderen über die Schulter zu schauen und das zu sehen, was die Dichter einst aufsaugten. Die Resultate dieses Aufsaugens sind weltbekannt. Ein Besuch bei Dichters hilft deren Schriften zu verstehen. Hier hält man einen der originellsten Reiseappetitmacher überhaupt in den Händen!

Überall Verwüstung. Abends Kino

Eine Heimkehr ist ein anderes Abenteuer als eine Flucht. Das Unbekannte holt Erinnerungen hervor, fühlt sich wohlig an. Als Ré Soupault mit Ihrem Mann Philippe, der 1942 von der Vichy-Regierung verhaftet wird, ist ihr Kampf gegen den Faschismus nur aufgehalten. Denn sechs Monate später werden er und seine Frau in die so genannte provisorische Freiheit entlassen. Nur knapp (einen Tag später und alles wäre mit großer Sicherheit vorbei gewesen) entkommen sie der einrückenden Wehrmacht.

Doch die USA sind nicht das Land der erhofften Glücks. Ré und Philippe trennen sich. Ein Jahr nach Kriegsende ist Ré zurück in Paris. Für den Lebensunterhalt muss Ré Soupault hart arbeiten. Erst in Basel wird das Leben erträglicher. Im September 1951 begibt sie sich auf eine Reise durch Deutschland. Mit einem Vélosolex fährt sie durch ein Land, das sich verändert hat. Ihr Gefährt ist ein Fahrrad mit einem Hilfsmotor, der mit einem Verbrennungsmotor das Vorderrad antreibt bzw. den Antrieb unterstützt. Dass der ab und zu mal den Geist aufgibt … eine Randnotiz im Vergleich zu dem, was Ré Soupault sonst noch zu sehen und zu hören bekommt.

Ihr Reisetagebuch – die Reise dauerte knapp sechs Wochen – ist ein Zeugnis der Nachkriegszeit mit den Sinnen einer Frau, die die Repressalien selbst erlebte, die aber mehr Glück hatte als viele ihrer Landsleute und die aus der Ferne die Befreiung der Heimat verfolgen durfte. Wieder zurück muss sie feststellen, dass die Mauern in den Köpfen noch nicht abgebaut sind. Noch immer beäugen sich beispielsweise im Saarland Deutsche und Franzosen mit Argusaugen. Sie hat mehr Verständnis für die Ursachen als man meinen möchte. Das ist sicherlich der jahrelangen räumlichen Distanz geschuldet. Und vor allem der Unvoreingenommenheit, die sich im Laufe der Jahre entwickelt hat.

So nimmt sie wie selbstverständlich wahr, dass der Schmuggel mit der gleichen Selbstverständlichkeit ein Teil des Lebens ist wie die Tatsache, dass sie in Bayern nur schwer ein Hotelzimmer ergattern kann. Denn in den Gästezimmern übernachten die angehörigen der Gefängnisinsassen, allesamt ehemalige Machthaber der dunkelsten Zeit.

Ré Soupault war nur wenige Wochen in Deutschland unterwegs. Zwischen der Sorge um folgende Arbeitsaufträge, aktuellen Recherchen, Hindernissen mit dem Gefährt und der Wegstrecke schafft sie es ganz beiläufig ein aktuelles Bild Deutschland zu zeichnen, das sie schonungslos dem Leser offeriert. Und es zeigt vor allem wie schnell man sich mit jedweder Situation abfindet bzw. ihr das Beste für einen selbst abgewinnt.

Verfallene Orte in Wien

Wien ein einzigartiges Attribut zu verleihen, ist eine schier unlösbare Aufgabe. Die Schöne, die Elegante, die Historische. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Doch die Verfallene, darauf kommt keiner, der jemals zwischen Hietzing und Donaustadt unterwegs war. Und dennoch gibt es sie, die verlassenen Orte, die scheinbar dem Verfall preisgegeben werden. Lost places, verfallene Orte, Abenteuerspielplätze für eine neue Art von Geschichtsjägern.

Und manchmal sind diese Orte einfach nur leerstehende Gebäude, die nur darauf warten wieder entdeckt zu werden. Wie das Theater am Mittersteig im Vierten. Es fällt spärliches Licht auf den Saal, wo einst das gespannte Publikum den Filmaufführungen entgegenfieberte. Eine Staubschicht bedeckt den Boden. Restmüll hat der Wind hineingeweht. Vor etwas mehr als einhundert Jahren erbaut, strahlt die Größe immer noch einen gewissen Glanz aus. Nach dem Kriege vergnügten sich hier nur kurz fesche Madeln mit den GIs. Der Kinoboom der Folgejahre hielt nur reichlich zwei Jahrzehnte. Die Logen wurden entfernt. Die Stuckarbeiten mit grässlich-hässlichen Platten verkleidet. Eine Boxhalle wurde aus dem Theater der Träume – so groß ist der Wandel dann auch nicht gewesen…

Heute haben einige der Figuren, die einst die Wände und Decken zierten zerschlagene Nasen. Ironie der Geschichte? Das Theater wieder so herzurichten, dass ein lohnenswerter Kulturbetrieb (der nüchterne Sachton ist in diesem Fall mehr als angebracht) vonstatten gehen könnte, ist fast illusorisch. ABER: Für Stadtabenteurer, die dem Charme des Verlassenen, des Verfallenden anheimgefallen sind, gehören solche Orte zum Standardrepertoire. Denn hier gibt es auf engstem Raum mehr zu sehen als in so manchem Museum.

Ein abgebranntes Restaurant, aus Sicherheitsgründen bald nach der Katastrophe abgerissen, Tiefbunker, und selbst so (thematisch) naheliegende Orte wie der St. Marxer Friedhof sind wahre Fundgruben, um jüngere Geschichte erlebbar zu machen.

Die beiden Autoren / Fotografen machen sich gern die Finger schmutzig, um in aussagekräftigen Bildern die Vergangenheit zu konservieren. Den nur, weil etwas nicht mehr da ist, muss es ja nicht verschwunden sein. Ohne Geschichte kein Jetzt, und erst recht kein Morgen. Nicht viele Orte sind – nicht ganz ohne Aufwand – besuchbar. Die meisten jedoch verstecken sich hinter Riegeln und Schlössern, dicken Mauern, Absperrungen. Zum Glück gibt es Bücher wie dieses, um die versteckten Juwele der Zeit doch noch ans Licht zu bringen.

Schlaflos

Es fängt alles so harmlos an: Auf einer schottischen Insel, so verlassen, dass man gerade noch so etwas wie Zivilisation darauf „betreiben“ kann, aber fernab von dem, was die Zivilisation so angespannt wirken lässt, hat sich eine junge Familie eingenistet. Sie, Anna, schreibt an einer wissenschaftlichen Arbeit. Die Kinder fordern ihre volle Konzentration. Und er? Naja, er ist einfach nur da. Bei Weitem nicht so präsent wie er sollte, dennoch da.

Zwischen Stromausfällen zur Unzeit (wann kommen die schon mal wie gerufen?), endlosem Kinderliedersingen und dem sehnlichen Wunsch nach Schlaf und die Arbeit endlich beenden zu können, ist Anna öfter der Verzweiflung nah als sie es sich selbst eingestehen will. Jede Abwechslung für die Kids und sie ist eine willkommene Abwechslung. Doch dass dabei ein Schädel im Garten der jungen Familie gefunden wird, war so nicht geplant. Der Große wittert sofort ein großes Abenteuer. Die Polizei, inzwischen herbeigerufen, nimmt erstmal die Mutter unter die Lupe. Das ist es, was Anna noch braucht…!

Jetzt beginnt das wahre Abenteuer für die studierte Historikerin. Die Auszeit auf der abgelegenen Insel in der Abgeschiedenheit Schottlands entwickelt sich zu wahren Thriller. Denn in ihrem Garten hat sich ein Verbrechen zugetragen. Lange her. Doch das weiß bis hierhin nur der Leser. Der wird zwischen den bitterböse anmutenden Dialogen zwischen Anna und Giles, ihrem Gatten, zwischen Anna und ihren Kindern, mit Briefen konfrontiert, die vor mehr als hundert Jahren vom Kampf der Frauen um gesellschaftliche Anerkennung geprägt sind. Eine junge Frau will unbedingt Ärztin werden. Zur damaligen Zeit mehr als nur der Kampf mit unendlich dicken Büchern und der begrenzten Aufnahmefähigkeit des Gehirns. An allen Seiten stößt die junge Frau auf unüberwindbare Mauern.

Sarah Moss lässt sich nicht beirren in ihrem Ansinnen dem Leser auf fast fünfhundert Seiten keine Sekunde Ruhe zu gönnen und ihn immer tiefer in die Geschichte hineinzuziehen. So schlaflos Anna die Stunden, Tage, Wochen, Monate mit all dem verbringt, was Alltag für eine berufstätige Mutter scheinbar zu sein hat, so rastlos peitscht sie den Leser von Seite zu Seite, treibt ihn an erst dann Ruhe zu geben, wenn das letzte Puzzleteil sich erhaben ins Bild fügt. Das Kapitelende als Ruhepol kann man in „Schlaflos“ getrost vergessen. Immer weiter zeiht einen die Neugier in die Story hinein. Und an Schlaf ist erst recht nicht zu denken, wenn die letzte Seite gelesen, die letzte Zeile aufgesogen wurde.

Oroonoko

Der Erste wird der Nachwelt immer in Erinnerung bleiben. Weil er der Erste war, den Trend gesetzt hat, Türen aufgestoßen und Barrieren nieder gerissen hat. Demzufolge ist Aphra Behn eine der berühmtesten Autorinnen der Welt. Und weil sie ein Buch wie dieses geschrieben hat, dass Mädchen und Frauen wie Jungens und Männer gleichermaßen anspricht, wird sie auch nie in Vergessenheit geraten.

So viel zur Theorie. Die Realität sieht anders aus. Noch! Denn endlich wird sie wieder entdeckt. Die erste Frau, die vom Schreiben leben konnte. Die erste professionelle Autorin. Geboren wurde sie 1640. So lange ist das schon her. Und ihre Geschichte, die des Prinzen Oroonoko (kein Schreibfehler, es geht nicht um den Fluss Orinoco, obwohl der zweite Teil des Buches gar nicht so weit davon entfernt ist, na ja, zumindest auf dem gleichen Kontinent) ist wahr, nach Bekunden der Autorin.

Coramantien ist die Heimat des starken, gut aussehenden, heldenhaften Oroonoko. Heute ist es ein Teil Ghanas. Er ist der Enkel des Herrschers und wird mangels männlicher Nachfahren einmal den Thron erben. Fast wäre er bei einem Angriff ums Leben gekommen. Doch ein getreuer General warf sich in die Flugbahn des vermeintlich tödlichen Pfeils und verlor dabei Augen- und Lebenslicht. Nun will Oroonoko sich bei den Hinterbliebenen des Generals für die generöse Geste entschuldigen und die erbeuteten Sklaven als mildernde Gabe darreichen. Doch soweit kommt es gar nicht. Denn die Tochter des Generals, Imoinda, lässt in ihm den Ehrenmann erwachen. Oder anders gesagt: Er verknallt sich von einem Moment auf den anderen in die ihm durchaus nicht abgeneigte Schönheit. Jetzt nimmt das Drama seinen Lauf. Denn auch der alte König hat ein Auge auf Imoinda geworfen. Durch einen Hinterhalt gerät Oroonoko auf ein Sklavenschiff, das ihn nach Surinam bringt. Damals englische Kolonie. Die Einheimischen wurden zu dieser Zeit nicht versklavt. Man trieb mit ihnen Handel und respektierte ihr Wesen. Durch einen weiteren Zufall kommen die beiden „Königskinder“ wieder zusammen. In Surinam. Oroonoko ist ein geachteter Mann, zwar Sklave, aber mit einigen Privilegien. Seine erhabene Art, sein Auftreten, seine Kraft und auch sein auffallendes Äußeres lassen ihn so manche Schande umschiffen. Er und Imoinda sind wieder ein Paar. Sie ist sogar schwanger. Doch wiederum stehen die Zeichen auf Sturm. Es soll einfach nicht sein…

Aphra Behn lebte zeitweise in Surinam. Sie kannte Oroonoko und schrieb seine Geschichte auf. Alles echt? Irgendwas zwischen ganz sicher und einem stabilen Vielleicht. Sie kannte den Prinzen. Auch seine Geschichte. Dass sie sie niederschrieb war ein Skandal. Noch wagte es jemand gegen die Sklaverei so unverhohlen zu schreiben. Und dann auch noch eine Frau! No, no, no! Erst Jahrhunderte später wurde ihr Werk neuentdeckt. Für Virginia Woolf und die Weltreisende Vita Sackville-West – ihr aufschlussreiches Essay über ihr Idol rundet diese Ausgabe ab – war Aphra Behn Anregung genug selbst zur Feder zu greifen bzw. sie behände zu schwingen. Noch einmal wird die Pionierin unter den Schriftstellerinnen nicht in Vergessenheit geraten.

Sizilien

Wenn etwas groß, richtig groß, ist, dann sollte man sich etwas mehr Zeit nehmen, um genau hinschauen zu können. Und das immer wieder. Dann wird man auch immer wieder was Neues entdecken.

So verhält es sich auch mit Sizilien. Es ist die größte Insel des Mittelmeeres. Hinschauen lohnt sich. Nicht nur, wenn der Ätna des Nachts ein Rot in den tiefschwarzen Himmel speit – was ohnehin wohl zu den größten Naturschauspielen weltweit gehört – sondern auch wenn die sengende Sonne das Land zu lähmen scheint. Auf einer Terrasse in Noto die rosa Stadt auf sich wirken lassen oder zwischen Überresten und Hinterlassenschaften von dutzenden Jahrhunderten spazieren im Valle die Templi bei Agrigent. Literaturaffine Besucher werden hier auch die Handlungsorte der Bücher von Andrea Camilleri suchen und zahlreich finden. Oder man schlendert über den Markt von Palermo, den Mercato Ballaro. Wenn man sich damit abgefunden, dass das, was da so verführerisch die Nase umweht, in unseren Breiten ohne nachzudenken in der Tonne landet, weil man es verlernt hat es zu genießen, wird dieser kulinarische Trip zu einem Ereignis, das man wirklich niemals vergessen wird.

Thomas Schröder zieht schon zum elften Mal den Leser in den Bann der abwechslungsreichen Insel in der Mitte des Mittelmeeres, vom Mittelmaß so weit entfernt wie es nur vorstellbar sein kann. Hier liegt ein Reiseband vor, den man wie einen Roman liest. Das vielbeschworene Gesetz des Schweigens ist außer Kraft gesetzt. Denn der Faszination Siziliens kann man sich einfach nicht entziehen. Auch in Corleone nicht. Dem Ort, mit dem Film- und Buchfreunde das typischste aller Sizilien-Klischees in Verbindung bringt. Hier wurde der Pate geboren, die Hauptfigur aus dem Mafiaroman von Mario Puzo. Der Ort selbst hadert nicht mehr mit seiner Vergangenheit. Das Thema wurde nicht zum Alleinstellungsmerkmal erkoren, es ist ein Teil der Stadt. Mehr aber auch nicht. Denn als der letzte Pate des Corleone-Clans, Bernardo Provenzano verhaftet wurde, ging ein weltweit spürbares Aufatmen durch die Bevölkerung. Das Vorurteil der ehrenwerten Herren geriet zum Mythos, den die, die ihn erlebten mussten, schon viel früher ins Reich der Mythen gewünscht hätten.

Sizilien ist keine Insel, die man bei einem Besuch komplett erfassen kann. Man muss schon öfter vorbeischauen und tiefere Einblicke zu erhalten. Die einzige Konstante dieser Reisen wird dieses Reisebuch sein. Kleine Anekdoten in farbigen Kästen, zahlreiche Abbildungen, detaillierte Kartenausschnitte, unzählige Tipps für alle, alle!, Sinne, und die anschaulichen, leicht nachvollziehbaren Routenvorschläge lassen die Vorfreude ins Unermessliche steigen, vor Ort ein Dauergrinsen im Gesicht der Besucher manifestieren und im Nachgang eine unvergessliche Zeit wiederauferstehen. Und nicht zu vergessen: Ohne dieses Buch wird die Planung für den garantierten nächsten Besuch fast schon unmöglich.

Ihr Tänzer war der Tod

Dass es kein gutes Ende nehmen wird, wissen wir aus der Geschichte. Dass das Ende unrühmlich, für manche unehrenhaft, auf alle Fälle aber feige und widerwärtig sein wird … damit beginnt Sophia Mott ihren biographischen Roman über Walter Rathenau. Den deutschen Außenminister, der im Juni 1922 hinterhältig von nationalistischen Freikorpssoldaten ermordet wurde. Der Weg dahin war beschwerlich.

Der Roman setzt mitten im Krieg ein, den wir heute als Ersten Weltkrieg bezeichnen. Damals war es „nur der große Krieg“. Rathenau nimmt kein Blatt vor den Mund. Für ihn sind zu erwartende Verluste nur kalkulierbare Posten in einem Spiel, das nur für Wenige als gewonnen erachtet werden kann. Die Mehrheit steht auf der Verliererseite. Das wusste man schon damals – und hält sich bis heute nicht an diese Weisheit!

Walter Rathenau musste sich nie um finanzielle Nöte sorgen. Seine Familie gründete AEG und gehörte schon deswegen zu der Minderheit, die an einem Krieg verdienen und sich selten zur Verliererseite zählen lassen mussten. Freunde hat er nur wenige. Bekannte, Gönner, Wohlgesonnene – oh, davon hatte er massig. Und Feinde! So viele, dass es seine knappe Freizeit ihm nie gestattet hätte sie zu zählen.

In seinem wachen Kopf schwirrten unendlich viele Ideen herum. Zollunion in Europa, Schlachtenkonstellationen, politische Manöver – allesamt abgewiesen. Er fand einfach keine Gönner, keine Unterstützer. Hindenburg und Ludendorf steckten lieber die Köpfe zusammen als den entscheidenden Schritt zu wagen, als dass sie Walter Rathenau Gehör geschenkt hätten. Wegen der finanziellen Absicherung hätte er die Hände in den Schoß legen können und wie der sächsische König Friedrich August III. sich einfach umdrehen und sagen können: „Macht doch Euren Dreck alleene!“. Hat er aber nicht. Machtbewusstsein, Sturheit und der unbedingte Wille etwas zu bewirken ließen ihn nicht ruhen. Auch seine Feinde beobachteten das rege Treiben. Und so kam es wie es kommen musste…

Sophia Mott nutzt das Stilmittel des Romans, um Geschichte nachvollziehbar zu machen. Ob wirklich alles genau so geschah, weiß man nicht. Doch die Folgen, die nachvollziehbar sind, lassen nur wenig Interpretationsspielraum. Unnachgiebig beschreibt sie eine Zeit, die wenig Gloria und noch viel mehr Ungemach hervorgebracht hat. Ohne abzuschweifen, lässt sie eine Zeit wieder auferstehen, die die Grundlage für die Goldenen Zwanziger war. Doch bevor sie ausschweifen konnte, war Walter Rathenau schon Geschichte. Jude, Industrieller, Politiker – die Reihenfolge ist beliebig, da er selbst gegen Juden, Industrielle, Politiker schoss, wenn es ihm passte – Rathenau zu fassen ist schwierig. Ein Wendehals war er bestimmt nicht, vielmehr ein Mann bei klarem Verstand, der ein Ziel verfolgte. Dass ihm nur Wenige dabei folgen konnten, sah er nicht als sein Problem an. Vielleicht war das sein größter Fehler…

Die im Schatten, die im Licht

Die einen jubeln als der Tross von schwarzen Limousinen durch den Ort fährt. Andere prügeln sich bis aufs Blut. Einem Kind wird die ersehnte Torte aus dem Gesicht geschlagen, nicht sprich-, sonder wortwörtlich. Man darf das eigene Schloss nicht mehr betreten, weil man sich mit den falschen Leuten traf. Das Radio wird immer öfter ausgeschaltet, weil die knarzige Stimme der immergleichen Sängerin einem die Laune vermiest. Man muss sich regelmäßig bei den Behörden melden. Das Leben wie sie es kannten ist vorbei!

Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich verändert sich für die meisten das Leben. Die Einen steigen auf, sind rege dabei sind zu profilieren ohne dabei auch nur einen Funken Verstand und Menschlichkeit zu versprühen. Die Anderen gehen in Deckung, weil das der einzige Weg ist zu überleben.

Sabine Scholl lässt neun Frauen in den Vordergrund treten, die ihr Leben von nun an im Licht oder im Schatten fristen müssen. Ob auf der Bühne oder im Keller – sie leben in einer Zeit, in der die Angst rund um die Uhr ihr Begleiter sein wird. Die Schicksale orientieren sich an echten Schicksalen der Zeit. Literatur darf, nein muss, sich an der Realität beweisen und sie sich Untertan machen. Seite für Seite taucht man in eine Zeit ein, die längst vorbei zu sein schien. Die Aktualität holt die Träumer und Phantasten auf den Boden der Tatsachen zurück.

Aktueller denn je kommt dieses Buch zur rechten Zeit in die Regale. Dort greift man zu und liest, was perfide Machtphantasien anrichten können. „Die im Schatten, die im Licht“ als reines Lehrbuch zu sehen, würde am ziel vorbeigehen. Dennoch sind die beschriebenen Frauenschicksale exemplarisch nicht nur für die Zeit der Nazidiktatur in Österreich, sie sind mahnendes Beispiel für diejenigen, die bei autoritären Umwälzungen sich ein „So schlimm kann es nicht werden“ oder „Ich find das gut, was der da macht“ nicht verkneifen können. Wer sich selbst ins Licht stellt, in dem er andere in den Schatten schiebt, lässt keinen Zweifel daran, dass er zu mehr fähig ist.

Jedes der Frauenschicksale in diesem Buch rüttelt auf und zeigt wie tiefgründig (und vor allem wie schnell) die neuen Herren ihre Arbeit vorantrieben. Eben noch die jubelnde Menge auf Photos festgehalten, im nächsten Moment die Säuberung des Ortes angeordnet. Eben noch ein Star auf den Brettern, die die Welt bedeuten, sich dem savoir-vivre hingegeben. Und schon gehen die Lichter aus. Es ist erschreckend zu lesen wie schnell aus der Freiheit Beengtheit, Diskriminierung und Hass werden kann. Das war so, und noch immer haben nicht alle daraus gelernt.

Der Ursprung der Gewalt

Ein Sprichwort besagt, dass Neugier der Katze Tod sei. Das trifft im günstigsten Fall darauf zu, wenn man einen elektrischen Viehzaun berührt und einen schwachen elektrischen Impuls zu spüren bekommt. Das überrascht, tut aber nicht weh.

Nathan Fabre, Lehrer für Literatur in Paris, hingegen hat sich schon öfter dem Fall des Engels Satan beschäftigt. Als geistige Ehrausforderung im Spiel mit seinen eigenen grauen Zellen. Das soll ihm bald schon zugute kommen. Als Lehrer ist er mit einer Klasse in Weimar zu Gast. Der Stadt Goethes, und Schillers. Die entsprechenden Sehenswürdigkeiten sind schnell abgearbeitet, die Horde Fünfzehnjähriger ist noch halbwegs gebändigt. Als der Ausflug zum KZ Buchenwald auf dem nahe gelegenen Etterberg sein Ziel erreicht, wird auch die Klasse mucksmäuschenstill. So ergeht es jedem, der diesen unheilvollen Ort besichtigt. Selbst der stets vorhandene Wind wird im Angesicht solcher Hinterlassenschaften und dem damit nicht wegzudiskutierenden Leid zur Nebensache.

Nathan entdeckt in einem Schaukasten ein Foto, das seine Aufmerksamkeit erregt. Der Lagerarzt Wagner, schneidig, fast schon mit einem Lächeln wird von einem Mann angeschaut, angestarrt, der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Unmöglich. Papa ist erst 1942 geboren worden. Und niemand aus der Familie wurde jemals deportiert. Sein Großvater konnte unter dem Regime von General Pétain sogar weiter seiner Arbeit nachgehen. Was ein kleiner schwarzer Fleck in der Familienchronik ist.

Dieses Foto lässt Natahn nicht los. Er ruft in Buchenwald noch einmal an. Über Wagner könne man ihm viel erzählen. Auch über das Datum, wann das unscharfe Foto entstanden ist. Sogar der genaue Ort. Aber der Mann, der den Lagerarzt ins Visier nimmt, weiß keiner. Nur ein Mann, ein ehemaliger Mitgefangener, den Natahn recherchiert hat, den er um Hilfe bittet, kann ihm weiterhelfen. Wagner heißt der Mann, der dem Lagerarzt tief ins Gesicht zu sehen scheint. Wagner? So wie der Lagerarzt? Ist halt ein Allerweltsname in Deutschland. Wagner sei aber tot. Der Lagerarzt Wagner, der sich Jahre später selbst das Leben nahm, als er unter falschem Namen in Bayern lebend Angst haben musste enttarnt zu werden, hasste diesen Wagner regelrecht. Für Natahn Fabre beginnt eine Reise, an die er nie zu denken wagte. Denn Wagner ist ihm näher als die Familie zugeben möchte…

Autor Fabrice Humbert nutzt seine eigene Familiengeschichte, um mit dem Mittel der Fiktion die Realität abzubilden. „Der Ursprung der Gewalt“ ist stark biographisch, einigen Personen wurden andere Namen gegeben, doch die Geschichte ist im Großen und Ganzen die Geschichte seiner Familie. Das muss man erstmal sacken lassen. Ohne falsche Scham richtet er nicht über die Handelnden, er versucht auch nicht deren taten zu rechtfertigen. Vielmehr nutzt er die ihm zur Verfügung stehenden Mittel – Sprache, die Fähigkeit sie pointiert einzusetzen – echte Geschichte nahbar zu machen. Ein wichtiges Buch, das immer noch zum Kopfschütteln anregt, die Gemüter erhitzt und immer wieder daran erinnert, dass die Vergangenheit stets ein Teil der Gegenwart sein wird.

Die sterbenden Europäer

Immer wieder staunt man doch wie wenig man als weit gereister, weltoffener Europäer über den eigenen Kontinent weiß. Das standardisierte Europa kennt man. Allenthalben werden einem die konformistischen Begriffe um die Ohren gehauen. Doch abseits von EU, Europa, Außengrenze gibt es mehr als nur Statistiken, die brav von Beamten gefüttert werden, um dem Tun eine Zahl anzuheften. Mit dieser Zahl, mit diesen Zahlen lässt sich leichter arbeiten.

Aber in Europa lebt man, nicht um zu arbeiten, sondern um zu leben, es zu gestalten. Und so kommt auch, dass auf dem Balkan, in Bosnien, es für Spanier teilweise sehr leicht ist sich zu verständigen. Die Sepharden wurden Ende des 15. Jahrhunderts, zu der Zeit als Kolumbus die Neue Welt entdeckte, aus ihrer Heimat vertrieben. Dem Ruf Bajezet II. folgend trieb es sie gen Osten. Ins Osmanische Reich. Religionsfreiheit, Sicherheit im Recht und in wirtschaftlicher Hinsicht waren gute Argumente der iberischen Halbinsel den Rücken zu kehren. Einige blieben auf dem Balkan hängen. Hier stand man dem Judentum ebenfalls aufgeschlossen gegenüber. Karl-Markus Gauß lässt sich in Sarajevo, einer Stadt, die noch immer vom Krieg gezeichnet ist, von Jakob Finci die Geschichte seines Volkes erzählen. Finci ist der Vorsteher der jüdischen Gemeinde. Von Clinton bis zum Papst und dem UN-Generalsekretär ließen sich bei ihm nieder, um seinen Worten zu lauschen.

Das Volk der Sorben ist in unseren Breiten sicher das bekannteste unter den im Buch vorgestellten europäischen Völkern. Von Bautzen bis zum Spreewald sind die auffälligsten Hinweise auf ihre Existenz die zweisprachigen Ortsschilder.

In Süditalien trifft man – bei Weitem nicht so offensichtlich – auf die Arbëresche. Sie kamen einst aus dem Süden Albaniens. Einige wenige Dörfer Kalabriens sind durch ihre Kultur geprägt. Gauß wird bei seiner reise gebeten einen Streit zu schlichten. Ihm als überzeugten Europäer traut man das wohl zu. So entspinnt sich eine Geschichte über einen bedeutenden Teil europäischer Geschichte.

Um die Jahrtausendwende war Karl-Markus Gauß in Europa unterwegs, um nach Menschen zu suchen, deren Identität nicht durch Landesgrenzen bestimmt wird. Ihre Geschichte verläuft oft im Treibsand der Vergangenheit. Nur wenige Reste ihrer Kultur sind noch vorhanden. Gesetze und Regeln, Traditionen und Gebräuche zu bewahren liegen in den Händen einzelner sich noch bewusster Sepharden, Gottschee (in Slowenien) Arbëresche, Sorben und Aromunen (in Mazedonien). Ihre Länder existieren nicht mehr, wenn es sie denn je gab. Sie leben in einem Europa, das sich durch Vielfalt auszeichnet. Und sie sind sich ihre Verantwortung das in Jahrtausenden Geschaffene an die nächsten Generationen weiterzugeben, bewusst. „Die sterbenden Europäer“ ist ein provokativer Titel. Der Autor Karl-Markus Gauß richtet ein starkes Licht auf ihre Kulturen, auf dass sie niemals verblassen. Preisgekrönter Autor mit dem Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung 2022.