Archiv der Kategorie: aus-erlesen historisch

Stadtluft Dresden, Nr. 8

Ein Stadtmagazin ins Leben zu rufen – es am Leben zu halten – „in diesen Zeiten – eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Exklusive Tipps über die ultimativen Hotspots (die keiner kennt) bekommt man im Bruchteil einer Sekunde aufs Smartphone. Wohl deswegen dachten sich die Macher von Stadtluft, dass ein Bookzin wohl die bessere Lösung ist, um Dresdnern und Besuchern die Stadt näherzubringen bzw. schmackhaft zu machen. Es funktioniert!, so viel kann man schon mal verraten. Und das schon zum achten Mal.

Und das nicht nur wegen des Gewichtes: Mit Anderthalb Pfund Lesegewicht in der Hand kann man sich nötigenfalls auch mal den Weg durch pöbelnde Massen erkämpfen. Nein, das Bookzin Stadtluft besticht durch sein gedrucktes Schwergewicht auf 150 Seiten.

Die Artikel sind keine Appetithäppchen, die man zwischen zwei Haltestellen mal schnell liest und dann meist wieder vergisst. Es sind seitenlange Texte, Geschichten, Geschichte, Gedankenspiele, Erinnerungen und Visionen, die im Kopf haften bleiben.

Dresden wird sich niemals seiner Geschichte erwehren können. Der 13. Februar 1945 setzte ein Wundmal, das niemals vergessen wird. Kaum vorstellbar, dass in diesem gigantischen Bombenhagel (heutzutage werden derartige Vergeltungsmaßnahmen ganz anders eingeordnet) Menschen das (dunkle) Licht der Welt erblickten. Kaum zu glauben, dass die ersten Erinnerungen eines Menschen die an Trümmerhaufen und deren Beseitigung sind. Kein leichter Stoff für ein Bookzin, aber dennoch mehr als notwendig und eine Wohltat den Zeilen des Autors zu folgen.

Dann wiederum kommt eine Geschichte im Bookzin über eine Leidenschaft, die wenige mit echter Leidenschaft beseelt, die meisten mit Sammlertrieb gleichsetzen. Eine Bummel über den Flohmarkt. Gerd Püschel gehört seit Jahrzehnten zur ersten Gattung. Er ist leidenschaftlicher Sammler, und Kenner. Der Elbeflohmarkt an der Albertbrücke rühmt sich der älteste in Dresden zu sein. Hier ist Gerd Püschel in seinem Element. Wie ein Spürhund stöbert er, frohlockt, wird skeptisch und saugt die Anmerkungen der Besucher wie ein Staubsauger auf. Und bläst sie wie kleine amuse gueule über seinen Gedankenteppich. Mal zum Schmunzeln, mal echte Wortschätze. Und im Handumdrehen liest man sich in einen Rausch und weiß, dass der nächste Dresdenbesuch früh am Morgen beginnen muss, wenn die Händler ihre Gabentische aufbauen. Das schafft kein Stadtmagazin. Dazu bedarf es eines Bookzins.

Und am Abend geht es ins Konzert – vielleicht sogar zu Sven Helbig. Er arbeitete mit Rammstein und den Pet Shop Boys (die haben ja auch eine innige Verbindung zur sächsischen Landeshauptstadt). Das Interview mit ihm ist ebenso ein Festschmaus für Kulturkenner wie Neuentdeckung für alle, die Helbig noch nicht kannten.

Stadtluft, Nummer Acht ist gerade erschienen und in ausgewählten Buchhandlungen erhältlich, ist ein Magazin, das man lange bei sich behält. Bricht man es auf normales Buchformat runter, so hat man ein echt dickes Stück Lesevorrat bei sich. Der Appetit kommt bekanntlich beim Essen. Hier beginnt er schon beim optisch einmaligen und ausführlichen Inhaltsverzeichnis. Ein Magazin, das auch Leipziger (die sich mit den Dresdnern nicht automatisch gut verstehen – ähnlich der Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf) und andere Auswärtige mit Genuss einverleiben können, da die Stadtwerbung wegen ihrer Unaufdringlichkeit so nachhaltig wirkt.

Görlitz

Görlitz ist vielleicht eine der unterschätztesten Städte, nicht nur im Osten, sondern deutschland-, wenn nicht sogar europaweit. Seit fast eintausend Jahren ist auf den Landkarten verzeichnet, dennoch erinnert man sich in jüngster Zeit eigentlich nur an die Stadt, wenn es um Hollywood-Filme geht. Die Neuverfilmung von „In 80 Tagen um die Welt“ und „Grand Hotel“ sind die prominentesten Beispiele dafür. Doch schon in den 50er Jahren wurden hier in historischen Kulissen Filme gedreht.

Doch hier ist nicht einfach nur Kulisse. Seit fast dreißig Jahren erhält eine Stiftung für die Erhaltung des einmaligen architektonischen Ensembles einen mittleren sechsstelligen Betrag – von anonymer Seite. Viele rühmen sich den Namen zu kennen – aber pssst, niemand verrät ihn. Das Ergebnis ist schlussendlich ja auch das, was zählt.

Dass Görlitz zusammen mit der Bruderstadt Zgorzelec auch Europastadt ist, ist darüber hinaus auch nur wenigen bekannt. Grund genug die Stadt an der Neiße gründlich unter die Lupe zu nehmen. André Micklitza macht das in diesem Fall. Und zwar auf beeindruckende Art und Weise. Der erste Blick auf die blanken Zahlen lässt erst einmal nur Nüchternheit hervorluken. 55500 Einwohner, 30 Quadratkilometer Fläche sprechen nicht gerade für ein Füllhorn an Attraktionen. Wenn man immer nur auf die Highlights schaut, mag man da auch teilweise richtig liegen.

In Görlitz ist die Summe der scheinbaren Kleinigkeiten entscheidend. Ohne den üblichen Kitsch wandelt man durch eine Stadt, die sich ihrem Charme hart zurückerobert hat. Nach und nach sind seit der Wende Häuser, Straßenzüge, ganze Viertel wieder in ein Licht gerückt worden, das so hell strahlt, dass sich so manches Kleinod von Portland bis Kerala, von Helsinki bis Montevideo warm anziehen müssen. Das beginnt beim allseits eingangs erwähnten Görliwood und hört noch lange nicht auf, wenn man die Jahrhunderte alten Gebäude mit steifem Nacken in voller Gänze erblicken will. Wer einmal die Nikolaivorstadt nicht nur als Wiege der Stadt verstanden hat, sondern ihrem Reiz mit dem ersten Schritt erlegen ist, wird nicht mehr aufhören von Görlitz zu schwärmen.

Doch der Streifzug durch Görlitz mit André Micklitza endet nicht vor so manchem romantischen Ort, er geht weiter, wenn man die Oder überquert. Zgorzelec am östlichen Ufer der Neiße steht dem Pendant im Westen (wo früher einmal der Osten für viele endete) in Nichts nach. Erst seit 1945 gehört es zu Polen, war einmal die Neißevorstadt. Wenn nicht die vielen Straßenschilder, die Werbung in den Auslagen in einer anderen Sprache – Polnisch – geschrieben wären, man würde den Grenzübertritt kaum bemerken. Ein einzigartiges Phänomen europäischer Kultur. Und selbst, wenn man sich auch durch dieses Kapitel des Buches voller Vorfreude gelesen hat, ist die Reise noch nicht zu Ende. Bis ins Berzdorfer Seengebiet, bis Ostritz und Niesky sowie die Königshainer Berge (für LKW-Fahrer der A14 durchaus mit häufiger auftretendem Grausen verbunden) bekommen die Anerkennung, die ihnen zusteht. Görlitz wird dank dieses Reisebuches so manchem von der Couch oder aus dem Lesesessel aufspringen lassen. Und sei es nur das bisher Unfassbare zu erleben.

Sisi – Das geheime Leben der Kaiserin

Nicht noch ein Buch über die Sisi! Oh doch, und dieses Mal fernab von haltlosen Gerüchten und beißendem Spott. Jedoch mit dem bitteren Beigeschmack, dass jeder, der mit Sisi in Verbindung kommt, nicht nur Gutes davonträgt. Romy Schneider als Sissi (mit Doppel-S) erholte sich nur langsam vom Image als ewige Prinzessin. Der echte Gatte, Franz Joseph I. soll sich bei ihr angesteckt haben. Und sie selbst war eigentlich eine Dauerkranke – die Krankenkassen von heute hätten sich geweigert sie überhaupt noch zu versichern (aber sie wäre wohl eh privatversichert…).

Kurz nach der Geburt ihrer Kinder, ein paar Jahre nach Eheschließung im Jahr 1854, begann Sisis Kampf gegen Etikette, gegen das gesellschaftliche Korsett und jedwede Einschränkung. Schwindsucht, Tuberkulose diagnostizierte der Hofarzt. Er verschrieb ihr Reisen. Vor allem ans Meer. Sie selbst folgte den Ratschlägen nur allzu gern. Und am besten wollte sie so weit weg wie möglich von Wien, dem Hof und Franz Joseph und ihren Pflichten. Die kannte sie bereits schon vor dem Ja-Wort.

Sisi war über ihr Krankheitsbild – ihre Krankheitsbilder – nicht unglücklich. Bot man ihr doch nun die Möglichkeit die Welt auf Staatskosten zu beschauen.

Madeira schien ihr weit genug entfernt. Ihr Schwager Maximilian, der in Wien unter anderem das Palmenhaus in Schönbrunn mitverantwortete und ein so scheußliches Ende in „seinem Königreich Mexiko“ fand, empfahl ihr die Insel – die Blumenpracht wurde ihr sicherlich taugen. Tat sie! Ebenso Korfu. Auch wenn die Sonne da gnadenlos brennt. Auf hoher See befand sich ihre Entourage fast vollständig in körperlichem Ausnahmezustand. Nur die Sisi war so lebendig und sah so erfrischend aus wie eh und je.

Man zerriss sich natürlich das Maul über die Abstinenz der Kaiserin. Doch sie hatte ja einen Krankenschein! Und da sind einem – wie heute auch noch – einfach die Hände gebunden. Die Kaiserin ist unabkömmlich, basta.

Autorin Katrin Unterreiner, ehemalige Leiterin der Schloss Schönbrunn Ges.m.b.H. und Sisi-Expertin ersten Ranges, hat hartnäckig recherchiert und so manche Ungereimtheit in der Patientenakte Sisi entdeckt. Und vor allem hat sie das Parallelleben, das geheime Leben der Kaiserin unter die Lupe genommen. Heutzutage wäre es Sisi unmöglich derart lange und unerkannt unterzutauchen. Und das nicht nur, weil beispielsweise heuet Madeira und Korfu von Touristen überrannt werden. Eine Influencerin wie Sisi würde überall auf der Welt heute erkannt werden. Mal schnell mit dem Kurschatten eine Pizza essen? Unmöglich! Sisi wäre die potentielle Kandidatin für einen Selbstmord mit Anklage-Abschiedsbrief. Auch über 125 Jahre nach ihrem unfreiwilligen (!) Tod ist der Mythos Sisi nicht verschwunden. Stilikone, Vorkämpferin, Freiheitsapostel – so vieles wurde ihr angedichtet. Schlussendlich bleiben ihre Schönheit – das hilft immer und bei jedem Kampf (Emanzipation hin oder her) – und ihr unbändiger Wille als Privatperson mit allerlei Privilegien das zu tun, was ihr in den Sinn kam. Die Bewertung dessen muss jeder für sich selbst vornehmen. Dieses Buch ist dabei ein Ratgeber und Faktenlieferant, den man unbedingt zu Rate ziehen sollte.

Prager Zeitung – 350 Jahre Medien- und Kulturgeschichte

Es gibt eine lange reihe von Zeitungen und Wochenblättern, die man sofort einem Ort zuordnen kann. New Times aus New York, Paris Match aus Paris, auf Englisch und auf Französisch erschienen. Die Liste ließe sich sicherlich noch weiter fortführen. Prager Zeitung … aus Prag – richtig, auf Deutsch … Moment! Prag, Deutsch – da passt doch was nicht! Oh doch, und wie das passt! Und das nun schon seit – mit Unterbrechungen – über 350 Jahre! Ende des 17 Jahrhunderts wurde auch Deutsch in Prag gesprochen.

Die Zeitung (das Prager Tageblatt – mit Autoren wie Egon Erwin Kisch – war der Vorläufer) erlebte Aufs und Abs wie kaum ein anderes Medium. Anfang der Neunziger des vergangenen Jahrhunderts kam der Neustart. Viel beachtet, viel zitiert – der Blick auf das eigene Land von Außen immer ein anderer. Und in den aufregenden Zeiten nach der Wende waren die Experten jenseits des Eisernen Vorhangs gern gesehene und viel be- und gefragte Partner. Doch auch hier gab der Rotstift irgendwann die Linie vor. Die Prager Zeitung drohte fast in der Versenkung zu verschwinden bis … ja bis das Internet eine neuerliche Renaissance einläutete. Heute ist die Prager Zeitung eine feste Größe unter den Onlinepublikationen. Eine deutschsprachige Stimme inmitten der tschechischen Hauptstadt. So viel in kurzen Worten zur Geschichte der Prager Zeitung.

Klaus Hanisch war von Anfang an dabei – also seit dem Neustart 1991. In der ersten Ausgabe, die die Nummer Null trug prangten zwei Staatsoberhäupter, deren eigene bzw. familiäre Geschichte ihr politisches Auftreten und Handeln stark prägten: Vaclav Havel und Richard von Weizsäcker. Widerständler aus Überzeugung. Klaus Hanisch erzählt in diesem Buch von den schwierigen Anfängen in aufregenden Zeiten als im Osten alles bisher dagewesene der neuen Zeit weichen musste. Als der neugierige Westen merkte, dass er schlussendlich ohne Wissen des Ostens nicht umfassend berichten kann. Die Kollegen der Prager Zeitung waren mehr als nur Stichwortgeber. Sie erklärten die alte Welt, formulierten erforderliche Ziele und wiesen revanchistische Tendenzen in die Schranken. Denn ein deutsches Blatt inmitten tschechischer Heimat hat immer mit sensiblen Themen zu kämpfen. Das ist Fakt und nicht wegzudiskutieren.

Selbst wer nicht aus der Branche kommt, wird in diesem ausführlichen Rückblick auf dreißig Jahre Exklusivjournalismus eine bodenlose Fundgrube vorfinden, die die harten Fakten geschickt mit den so genannten soft news verbindet. Wer Tschechien verstehen und dabei auf die teils kruden Übersetzungen aus dem Netz verzichten will, hat in der Prager Zeitung das gefunden, worum sich andere Städte in der Welt reißen. Oftmals findet man zwar noch Rubriken im Netz, die wie schon vor Jahrzehnten mit Artikeln (Helen Hessels „Ich schreibe aus Paris“ ist da besonders herauszuheben) die Fremde in die heimischen Stuben brachten. Doch eine ganze Zeitung – wenn auch online – die regelmäßig in heimischer Sprache über ein Nachbarland neutral, hingebungsvoll und umfassend berichtet, findet man nicht überall. Der Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre ist mehr als nur eine Selbstbestätigung das Richtige gemacht zu haben, es ist ein spannender Abriss europäischer Geschichte mit Informationen aus allererster Hand.

Sonst wäre Wien nicht Wien

Der Titel fällt einem sofort ins Auge: „Sonst wäre Wien nicht Wien“. Wie viele Großstädte hat Wien seinen unvergleichbaren Glanz Mäzenen, Visionären und Machthabern zu verdanken. Deren Vorstellungen sind bis heute sichtbar. Was wäre Wien ohne Kunst- und Naturhistorisches Museum? Oder ohne die Hofburg? Das sind die offensichtlichen Hinterlassenschaften der Habsburger. Doch es sind die scheinbar kleinen Dinge, die Wien letztendlich immer wieder zu einer der lebenswertesten Städte der Welt machen.

Scheinbar klein ist im Falle Wiens immer mit überall sichtbar gleichzusetzen. Es sind beispielsweise die Parkanlagen, die den Besucher – aber auch und vor allem die Wiener selbst – zum Durchatmen, zum Verweilen, zum sich Entfalten, einladen. Gerade Sichtachsen, klare Linien – hier hat Kaiser Joseph II. seine Finger im Spiel gehabt. Dem lag das gesundheitliche Wohl der Bevölkerung am Herzen. Auch wenn die Spitäler der Stadt heute andere Namen tragen, so waren sie einmal ihm gewidmet, weil er sich in Auftrag gab. Architektonische Perlen, die von Außen innehalten lassen. Und von Innen … na ja, den Heilungsprozess beschleunigen werden sie nicht.

Autor Norbert Philipp schlendert nicht durch Wien, er durchforstet die österreichische Metropole mit der Lupe und seziert ihre Wurzeln bis in die kleinste Faser. Dort, wo der Name bis heute Programm ist, ist nicht immer das drin, was draußen drauf steht. Die Aussichtswarte im Türkenschanzpark trägt den Namen Metternich, was nun eindeutig auf den Fürsten hinweist … ha, denkste! Die Dame (!) hinter Gebäude und Namen war zwar eine Metternich, doch sie – die „Gschaftlhuberin“ – selbst wollte lieber im Hintergrund wirken und Lobbyarbeit betreiben, sprich Geld sammeln für geplante Bauvorhaben.

Es ist ein Fest mit diesem Buch durch Wien zu flanieren. Einem selbst bekannte Orte bekommen eine neue Bedeutung, wenn man die Geschichte dahinter versteht. Wasserläufe, ist doch wohl klar, dass die Wien niemals so durch die Stadt geflossen ist – das sieht man ja schon an der Uferbefestigung. Auch hier steht man nun auf der Brücke, sitzt auf einer Bank und schaut dem Flüsschen zu wie es sich zahm durch die Stadt windet. Beim Bummeln durch die Bezirke wird man immer wieder auf Namen und Gebäude treffen, die die Stadt prägten – die Geschichte(n) dahinter wird man mit diesem Buch wie selbstverständlich begreifen. Der lockere Schreibstil ist die einzig wahre Methode diese Geschichte einem wissensdurstigen Publikum nahezubringen. Ob nun der erste Besuch in Wien oder der zwanzigste – mit diesem Buch im Reisegepäck wird jeder Schritt zu einem besonderen Erlebnis.

Ein Sizilianer von festen Prinzipien

Ein Buch, zwei Geschichten, zwei Ansichten. So schnöde und geheimnisvoll zugleich sich das anhören mag, so sehr ist man nach der Lektüre immer noch damit beschäftigt die Zeilen einzuordnen. Leonardo Sciascia war das Gewissen der Insel. Unbeirrbar – prinzipientreu – lag Sciascia dieses Buch so sehr am Herzen, dass er es am liebsten permanent umgeschrieben hätte. Doch er wusste auch, dass die Gefahr des „Verschlimmbesserns“ (auch wenn er diesen Begriff niemals verwendet hätte, sofern man ihn rückstandslos ins Sizilianische übertragen könnte) wie Damokles Schwert darüber schweben würde.

In „Der Tod des Inquisitors“ wird Fra Diego zum ungewollten Helden. Im 17. Jahrhundert haben die Spanier das Sagen über Sizilien. Und mit ihnen kam auch die Inquisition. Ein perfider Haufen tollwütiger zweifelhafter Idealisten, die mit Raffinesse und ungeheurer Gewalt ihrem eigenen Treiben durch Geständnisse eine Art Legitimation erlangen wollten. Fra Diego – ihn gab es wirklich – war einer, der sich diesem Treiben energisch entgegenstellte. Selbst unter der enormen Folter der Peiniger war sein Blick klar und geradeaus gerichtet. Sich der Gewalt beugen, kam für ihn nicht in Frage. Er ging sogar soweit seinem Peiniger den Schädel einzuschlagen. Wortwörtlich einzuschlagen! Das Ende: Der Scheiterhaufen. Für die meisten die letzte Chance sich reinzuwaschen – ergebnislos, wenn das Feuer einmal lodert, dann gibt es kein Zurück. Für Fra Diego „nur der Abschluss“ seines Lebens.

In der zweiten Geschichte geht es um einen Denunzianten im Chile der Pinochet-Diktatur. Einst lief er durch das gefürchtete Stadion, das zum Gefängnis umfunktioniert wurde, und zeigte mit dem Finger auf einstige Weggefährten. Ein Opportunist übelster Sorte, der nicht dem Mumm besaß sein Gesicht zu zeigen. „Der Mann mit der Sturmmaske“ versucht später Reue zu zeigen und wendet sich ein weiteres Mal. Er will Zeugnis ablegen und Reue zeigen, und zwar vor denen, die die Greueltaten aufzuklären versuchen. Ein schlussendlich sinnloses Unterfangen.

Beide Hauptfiguren sind literarische Helden, die in ihrem Tun die Aufmerksamkeit des Autors Sciascia erregten. Wobei es Sciascia wohlwollend vermeidet ihr Tun in Gut und Böse zu unterteilen. Er ist ein Chronist, der mit ironischen Mitteln das Treiben aller Beteiligten in ein Licht rückt, das viel Schatten wirft und somit Licht ins Dunkel bringt.

Der Essay von Maike Albath und der Text von Santo Piazzese sind – begreift man dieses Buch als typisch sizilianisches Menü mit der Einleitung der Verlegerin Monika Lustig als speichelanregende antipasto – sind das gelungene Dessert, nach dem man sich noch lange die Lippen lecken wird.

Aktion Phoenix

Die erste Augusthälfte des Jahres 1936 gehörte den Olympioniken, die sich in Berlin in sportlichen Wettkämpfen miteinander messen wollten. So das hehre Ziel, so die homogene Sprache der Athleten und Funktionäre. Und jeder wusste, dass in diesem Deutschland die Fairness der Athleten im Austragungsland keinen Pfifferling wert ist. Umso größer das Erstaunen, dass hier tatsächlich eine fast schon wohlige Atmosphäre herrschte – im Vergleich zu der Zeit davor, und gar kein Vergleich zu den folgenden Jahren.

Leni Riefenstahl setzte mit ihrem gigantischen Filmteam Maßstäbe für Dokumentationen, aber auch für Propaganda. Auf dem Feld der Träume purzelten die Rekorde. Ohne die Perfidität des Ausrichterstaates wären es Spiele gewesen, von denen man bis heute schwärmen dürfte. Doch es kam anders. Das ist wohl bekannt.

Christian Herzog setzt diesen Olympischen Spielen mit seinem historischen Roman „Aktion Phoenix“ ein fiktives Denkmal an die Seite, das in vielerlei Hinsicht an Denkwürdigkeit dem großen Ereignis Olympia in Nichts nachsteht. Ein Zeppelin, ein Anruf vom Führer, der Traum vom Job an Bord des Zeppelins, Widerstandskämpfer, die einen phantastischen Plan haben, eine heiße Nacht mit unerwarteter Wendung – aber auch die Gegenseite weiß genau wie sie die auf sich gerichteten Augen der Weltöffentlichkeit trüben will … und kann.

Jedes Kapitel holt den Leser erst einmal aus dem Staunerlebnis des vorangegangenen Kapitels wieder runter. Auf leisen Pfoten jedoch bereite der Autor schon den nächsten Knall vor. Immer wieder verfällt man der trügerischen Ruhe, um dann ein ums andere mal wieder in den Thrill der Geschichte gezogen zu werden. Ein großes, ein dickes Buch zu einem großen Thema. Und so aktuell. Denn jedes Großereignis – und es sollen ja immer mehr werden – sind immer ein profundes Mittel Werbung zu betreiben. Während Jesse Owens und das argentinische Poloteam oder Robert Charpentier ihren Kontrahenten teilweise deklassierten, versucht eine Gruppe Widerständler wahrhaft Großes zu vollbringen. Seilschaften, die so geheim sein müssen, dass schon ein „Psst“ zum Verrat reichen könnte, sind der rote Faden, der sich durch das Buch zieht. Was hat der Zeppelin mit der geplanten Aktion zu tun? Wem darf man noch trauen? Und was ist, wenn die Liebe plötzlich dazwischenfunkt?

Mit enormer Detailversessenheit und unnachgiebiger Zuneigung zu seinen Figuren schafft es Christian Herzog, brutale Realität und spannende Fiktion zu einer Geschichte verschmelzen zu lassen, die den Leser in den Lesesessel presst und ihn erst nach dem letzten Zuklappen wieder loslässt. Doch die Geschichte wirkt nach. Immer wieder fragt man sich, was wäre gewesen, wenn das tatsächlich alles so stattgefunden hätte? Die Olympische Idee im Gleichklang mit Welt verändernden Idealen ist kein leichtes Unterfangen. Der schmale Grat zwischen Kitsch und Ernsthaftigkeit ist gespickt mit scharfen Kanten und großen Fallhöhen. „Aktion Phoenix“ schafft es fast spielerisch allen Unwägbarkeiten aus dem Weg zu gehen.

Händler der Geheimnisse

Geister kann man nicht mit einem einfachen Steinwurf vertreiben. Auch wenn man ohne Schuld ist. Die Künstlerin Eva sitzt mit ihrer Kollegin Sam über den Werken von Shakespeare und grübelt wie sie die Werke, insbesondere die so geschickt verpackten Geheimnisse in den Stücken, in einem neuen Werk zusammenfassen kann. Kein leichtes Unterfangen, das der Autor es exzellent verstand diese Geheimnisse auch als solche zu verstecken.

In die Ruhe der Berge platzt die Nachricht vom Krankenhausaufenthalt ihres Vaters. Der lebt seit Jahren wieder in New York, zusammen mit seiner zweiten Frau. Kontakt unerwünscht, ja sogar verboten. Als der Vater stirbt, sind die Neugier und die Zweifel am natürlichen Tod des Vaters so stark, dass sie sich mit ihrem Bruder Max auf Spurensuche begibt. So nah war sie Shakespeare wohl noch nie!

Ihr Vater war nach dem Krieg in Deutschland stationiert. Die Entnazifizierung Deutschlands wollte er mit aller Macht vorantreiben. Ein schier unmögliches Unterfangen, denn was in den Köpfen vor sich geht, kann man nicht mit Verordnungen und Gesetzen in die richtige Bahn lenken. Ein Problem, das bis heute nachwirkt…

Und siehe da. Die ersten Ungereimtheiten im Leben des amerikanischen Vaters lassen nicht lange auf sich warten. Er hatte eine Deutsche geheiratet, Evas Mutter, die wieder ins Land ihrer Familie – aber auch das Land der Täter – zurückkehrte. Eine alte Photographie lässt alte Zeiten und wie auch immer geartete Erinnerungen aufkommen. Ein Portraitmaler ist darauf zu sehen. Mit der Familie von Eva. Dieser Maler war mehr als nur ein Günstling der Hölle. Hitler persönlich mochte seinen Malstil, ließ sich gern von ihm malen. Das schmeichelte dem Maler. Doch da muss noch mehr sein! Eva und Max sind auf einer Reise, die ihr bisheriges Leben auf den Kopf stellen wird, ihre Wurzeln den Halt verlieren lässt und die letztendlich Geheimnisse ans Tageslicht bringt, die sie frösteln lassen.

Elisabeth Bronfen siedelt ihren Roman auf sehr hohem sprachlichen Niveau an. So schließt sie von vornherein platte Phrasen wie „Das ist doch alles längst vorbei“ oder „Irgendwann ist auch mal gut“ kategorisch aus. Ein Segen bei einem solch sensiblen Thema.

Kennst Du das Haus

Mittlerweile kennen wir Galsan Tschinag schon. Keine Frage! Im ersten Teil seiner Bio-Trilogie „Kennst Du das Land“ stellte er ein Leipzig (wo er Germanistik studierte) vor, das so heute nur noch in Vorstellungen existiert. In „Kennst Du den Berg“ brach er auf die Welt zu erobern und nun verkleinert er sich und fragt, ob man das Haus kennt. Die Untertitel hingegen weiten sich aus wie eine Galaxie. „Weltweite Reisejahre“ – so der Untertitel – sind seine Erinnerungen an erfolgreiche Zeiten.

Ersteigt ohne Vorwarnung ins Buch ein und reist mit dem Leser Ende der Siebzigerjahre in das gebeutelte Kampuchea. Gerade sich erst des gnadenlosen Pol Pot entledigt, der innerhalb einer erschreckend kurzen Zeit eine umso erschreckendere Zahl seiner Landsleute ermorden ließ, soll er sich als Gewerkschafter an die Arbeit machen. Die Begegnungen mit vollends verschreckten Menschen und Funktionären, deren Gewissen sie bis an ihr Lebensende nicht ruhig schlafen lässt, öffnen ihm die Augen für die Greueltaten der Roten Khmer fernab von Zeitungsberichten und faktenlastigen Reportagen.

Die Achtziger bringen dem engagierten Journalisten gesundheitliche Probleme. Das Herz. Manche Experten prophezeien ihm ein schnelles Ende. Doch sein Wille, der Vergleich mit Goethe – der mehr als doppelt so alt wurde wie Galsan Tschinag als man ihm die Diagnose mitteilte – lassen in ihm ein weiteres Mal den Kampfgeist erwachen.

So wie Jahre später als die Perestroika den gesamten sozialistischen Block ins Wanken geraten lassen. Er schreibt für eine mongolische Zeitung in bisher ungeahnter Offenheit. Aus dem geistigen Anführer wird eine Stimme für die Zukunft. Anders als ehemalige Redakteure heutzutage transformiert er seine Erfahrungen in die neue Zeit, um dem Fortschritt eine Bühne zu bieten, nicht um das Gestern gegen das Heute abzuschotten.

„Kennst Du das Haus“ knüpft wahrlich nahtlos an die Vorgänger an. Galsan Tschinag schreibt seine Erinnerungen auf Deutsch. Eine Reminiszenz an den verehrten Goethe und die deutsche Sprache. Und sein Wortumfang ist derart umfangreich, dass es so manchen Germanisten die Tränen in die Augen schießen lässt. Ein mehr als würdiger Abschluss einer Biographie, die sicher längst noch nicht abgeschlossen ist. Er muss ja schließlich noch sein Vorbild Johann Wolfgang noch übertrumpfen…

Flughafen Tempelhof

Es war schon ein besonderes Schauspiel, wenn dicht über den Dächern der Weltstadt Berlin gigantische Flugzeuge in die Luftbremse traten, um lautstark auf dem Platz landeten, den der alte Fritz schon für Militärrevuen auserkoren hatte. Schon Jahrhunderte zuvor hatten sich hier die Tempelritter niedergelassen. Ballett im großen Stil gab es hier also schon immer.

1923 war hier der Flughafen, der aber bei Weitem noch nicht das erahnen ließ, was seine heutige Größe noch vermuten lässt. Der Kleiderbügel – ein architektonischer Coup erster Kajüte – trotzt bis heute jeder optischen Veränderung. Flugzeuge landen hier seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr. Flieger und unzählige Neugierige zieht es aber immer noch an den Ort, der dazu verdammt war Geschichte zu schreiben. Wo heute Kite-Surfer, Radler und Festival-Besucher sich vor dieser Kulisse tummeln, war fast einhundert Jahre immer was los.

Erste Experimente mit riesigen Luftschiffen, die einmal Zeppeline genannt werden endeten in Katastrophen – das erste Opfer war ein Leipziger Verleger, dessen Luftschiff erst das Ruder verlor, immer höher stieg, und dessen kurze Lebenszeit auf leuchtender Feuerball knallhart auf den Boden der Realität zurückgebracht wurde.

Wer heute die nostalgischen Aufnahmen sich im Fernsehen anschaut, sieht nur wie Leinwandgrößen freudig strahlend und in die Menge winkend hier ihr Ziel erreichten. Oder die Rosinenbomber, die auf ihrem Überflug ihre süße Ladung abwarfen. Das alles gehört zu Tempelhof wie die zahlreichen fotographischen Erinnerungen von Alexander Stöcker, der über Jahre die Entwicklung des Flughafens in Bildern festhielt.

Die Nazis in ihrem Größenwahn prägten das bis heute weithin sichtbare Bild des Flughafens. Wie auf einem gigantischen Modell wird jedem klar, wie der Ablauf vonstatten ging. Keine versteckten Arbeitsabläufe. Alles unter freiem Himmel. Maschine landet, rollt zum „Kleiderbügel“, Treppe ran, und schon ist man mitten in Berlin. Keine lästige Fahrt mit dem Bus übers Land. Nein, mittendrin und immer dabei.

Dieses Buch liest sich wie ein Krimi – es gibt Tote, es gibt Täter, Schaulustige, und immer gibt es was zu erzählen. Wer bisher nur die Legende kannte, nimmt sich das Buch und das Herz in die Hand und schaut einmal persönlich an dieser (noch!) größten unbebauten Fläche Berlins vorbei. Aber unbedingt vorher dieses Buch lesen! Denn die Anekdoten, die der Autor ausgegraben hat, machen einen Besuch hier erst zu einem echten Erlebnis.